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Die Sektoren der Wirtschaft

Die Sektoren der Wirtschaft

EU und USA im Vergleich
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war durch grundsätzliche Veränderungen des sektoralen Aufbaus der Wirtschaft gekennzeichnet. Auf die Ent-agrarisierung wurde eingegangen. Auf sie folgte zunächst, beginnend in den USA, die Entindustria-lisierung. Bei stark wachsender Belkerungszahl nahmen zuerst nur die relativen Anteilswerte der Beschäftigten im sekundären Sektor ab, erst im weiteren Verlauf erfolgte auch eine absolute Abnahme der Beschäftigtenzahlen. Gegenläu hierzu hat der tertiäre Sektor, vertreten durch Groß-und Einzelhandel, zugenommen, im Anschluss daran der quartäre Sektor: Finanzen, Immobilien, wirtschaftsorientierte Dienste. Ebenso ist der Anteil des öffentlichen Sektors, von Bildungs- und Gesundheitswesen, gestiegen.

elle 8.1 vergleicht die Wertschöpfungsanteile der Wirtschaftssektoren in den Jahren 1979 und 2001 für die EU-l5 und die USA. Der Gesamttrend ist ähnlich verlaufen. Allerdings ist in den USA die Entindustrialisierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts weiter fortgeschritten als in Europa. Der Sektor des Handels ist dort bereits größer als der industrielle Sektor. Der Finanz- und Immobiliensektor sowie die wirtschaftsorientierten Dienste erreichten in den USA 2001 zusammen nahezu ein Drittel der gesamten Wertschöpfung, weitere 20% entfielen auf den Sektor Öffentliche Verwaltung, Bildung und Gesundheitswesen.



Der Bedeutungsverlust des industriellen Sektors war in der EU-l5 im Zeitraum von 1979 bis 2001 beachtlich, dieser blieb jedoch der wichtigste Wirtschaftssektor. Der tertiäre Sektor des Handels ist in der EU nur schwach gewachsen und hat die USA nicht eingeholt, wo die relative Bedeutung dieses Sektors ihren Höhepunkt überschritten haben dürfte. Der Hauptgewinn in den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ist in den USA dem von der Metropolitanisierung getragenen quartären Sektor zugute gekommen, der auf ein Drittel der Wertschöpfung der Wirtschaft zusteuert.
Vergleicht man hiermit die EU, so haben die Sektoren des Immobilienmarktes und der Wirtschaftsdienste einen Entwicklungssprung vollzogen. Die EU hat bei den Wirtschaftsdiensten mit den USA gleichgezogen und auch der Immobilienmarkt ist stark in Bewegung geraten. Der Hauptunterschied besteht beim Finanzsektor, der in den USA im genannten Zeitraum seinen Anteil verdoppeln konnte und als Motor des quartären Sektors aufzufassen ist. Hier liegt eine Schwachstelle in der EU, deren Bankenwelt sich bisher nicht aus der Kleinzügigkeit der nationalen und regionalen Wirtschaftsräume zu lösen vermochte.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen den USA und der EU-l5 besteht hinsichtlich der Größe der Unternehmen. elle 8.2 belegt eindrucksvoll, dass Kleinstbetriebe mit bis zu neun Beschäftigten in den USA in allen Sektoren der Wirtschaft, mit Ausnahme des Baugewerbes, llig bedeutungslos sind. Besonders drastische Unterschiede bestehen im Einzelhandel und im Gastgewerbe, wo in der EU 30,1% bzw. 45,7%, und bei den Unternehmen des quartären Sektors 31,9% auf Kleinbetriebe entfallen! Auf dem Immobiliensektor sind sogar mehr als die Hälfte (53,3%) Kleinstbetriebe.

Größenklassen und Wertschöpfung in der EU

Während in der Mitte des 20. Jahrhunderts manche europäische Ökonomen unter dem Eindruck der nordamerikanischen Wirtschaftsentwicklung die Meinung vertraten, dass die Modernisierung der Wirtschaft mit der Unternehmensgröße verbunden sei, hat das damals einsetzende rasche Wachstum des Dienstleistungssektors, das durch kleine und mittlere Betriebe getragen wurde, diese Sicht bald obsolet werden lassen.
Dass man die Zusammenhänge zwischen Unternehmensgröße und Wettbewerbsfähigkeit differenzierter zu beurteilen begann, zeigte sich, als in den 1980er und 90er Jahren eine Reihe von Großunternehmen anfing, sich auf ihre Kernaktivitäten zurückzuziehen: Neue Modelle der ökonomischen Produktionstheorie, welche die Wichtigkeit der schnellen Reaktion auf den Markt betonten, führten in der Praxis zu Auslagerungen von Produktionsphasen im Sinne der neuen "just-in-time-Lieferdevise.
Tabelle 8.9 (im Anhang) zu Wertschöpfung und Beschäftigtenzahl nach Betriebsgrößenklassen belegt, dass die Mehrzahl der Unternehmen in der EU-25 klein ist, d. h. über weniger als 50 Beschäftigte verfügt. Die Vorstellung, dass Großbetriebe mit 250 und mehr Beschäftigten eine höhere Wertschöpfung pro Kopf aufweisen, wird von einer ganzen Reihe von Unternehmen widerlegt: den Unternehmen im Bergbau sowie für Elektrizitäts-, Gas- und Wasserversorgung und den wirtschafts-orientierten Diensten.

So genannte KMU (kleine und mittlere Unternehmen mit 10 bis 249 Mitarbeitern) kennzeichnen folgende Branchen: Steingewinnung und -Verarbeitung, Textil-, Bekleidungs-, Leder- und Holzindustrie, Druckereien, Metallwarenerzeugung, Möbelerzeugung, Baugewerbe, Reparatur und Verkauf von Kraftwagen, Großhandel, Leasing und Vermietung von Maschinen und Geräten sowie Recycling (The EU's business economy, 2004, Tabelle 6). Es ist einsichtig, dass die für die europäische Wirtschaft sehr wichtigen Klein- und Mittelbetriebe von der Wirtschaftspolitik der EU durch eine Reihe von Maßnahmen gefördert werden.

Bergbau und Energiewirtschaft

Der Bergbau weist in Europa eine bedeutende historische Vergangenheit auf. Salzstraßen gehören zur prähistorischen Geschichte des Kontinents ebenso wie der bereits den Kelten bekannte Erzabbau. Auf die Edelmetalle Gold und Silber gehen Bergbaustädte des Mittelalters zurück, deren Bedeutung mit der Entdeckung Amerikas entwertet wurde. Mit der Erfindung der Dampfkraft wurde die Kohle zum Energieträger der ersten industriellen Revolution. Sie verlor ihre Position in der zweiten industriellen Revolution an andere Energieträger, an die Wasserkraft, an Erdöl und Erdgas. Der Preisverfall auf den Rohstoffmärkten der Welt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führte zu einer Schiießungswelle im europäischen Bergbau. Nur die qualitativ hochwertigen Erze in Nordeuropa konnten sich auf dem Weltmarkt behaupten, nicht die geringwertigen Eisenerze in Frankreich, Deutschland und Österreich.
Die in den 1960er Jahren entwickelte Technologie des LD-Verfahrens für die Erzverhüttung verschärfte die Krise des Steinkohlenbergbaus. In der Montanunion ging allein im Zeitraum 1957-65 der Absatz um 20% zurück, und es wurden 65 Schachtanlagen, 12 Brikettfabriken und 25 Kokereien stillgelegt. 1966 betrug die Steinkohlenförderung in Westdeutschland 128 Mio. Tonnen, in ganz Westeuropa noch mehr als 500 Mio. Tonnen! Die Schließung der Zechen ging weiter.
1993 wurde von der EU der schrittweise subventionierte Rückbau der Förderkapazität geregelt und von der Bundesrepublik Deutschland im so genannten Steinkohlebeihilfegesetz bis zum Jahr 2005 festgeschrieben. 2002 betrug die Produktion in der EU nur mehr 73 Mio. Tonnen, während 168 Mio. Tonnen eingeführt wurden, und zwar aus Südafrika, Australien, Kolumbien und den USA.

Abseits vom Welthandel blieb dagegen die Braunkohlenförderung, wobei sich das technisch besser ausgestattete Revier um Aachen auf Kosten des mitteldeutschen Braunkohlenreviers halten konnte, auf dessen Umbau zur mitteldeutschen Seenlandschaft bereits hingewiesen wurde und in dem inzwischen neue Großkraftwerke entstanden sind (Abb. 8.2).
Als neue wichtige und gleichzeitig umstrittene Energielieferanten sind seit der 1974 von der französischen Regierung gefällten positiven Entscheidung Kernkraftwerke gebaut worden. In folgenden Staaten waren 2003 Kernkraftwerke in Betrieb:

Kernkraftwerke in Betrieb
Zahl Nettoleistung (MW/J.)
Frankreich 59 63
Großbritannien 27 12
Deutschland 18 20
Schweden 11 9
Spanien 9 7
Belgien 7 5
Tschech. Rep. 6 3
Slowakei 6 2
Schweiz 5 3


Die EU ist die Region mit der größten Dichte an Atomkraftwerken in der Welt. Es ist daher verständlich, dass der Supergau von Tschernobyl eine entsprechend heftige Gegnerschaft entstehen ließ.
Frankreich ist mit 59 Kernkraftwerken der Hauptverfechter der Kernenergie und vertritt daher in Bezug auf die neuen Mitgliedstaaten die Politik der Erneuerung bzw. des Ausbaus von Kernkraftwerken. Auf der Gegenseite steht die "grüne Umweltpolitik Deutschlands, welches den Ausstieg aus der Kernkraft verkündet hat. Die Niederlande wollen ihr letztes Atomkraftwerk schließen. Einige der EU-15-Staaten, darunter Österreich und Italien, welche nach Volksbefragungen aus der Kernenergie ausgestiegen sind, betreiben zurzeit keine Kernkraftwerke.
Während der Vertrag für Kohle und Stahl (EGKS) im Jahr 2002 ausgelaufen ist, steht die Diskussion um den Fortbestand des 1957 abgeschlossenen Euratom-Vertrages noch bevor. Die Auseinandersetzung um die Atomkraft wird damit erneut in die Medien kommen. Sie wird aller Voraussicht nach in der EU-25 positiv geführt werden, und zwar unter dem Druck eines steigenden Inlandsverbrauchs an elektrischem Strom und des unzureichenden Substituts von erneuerbaren Energien. Finnland plant bereits den Neubau eines Atomkraftwerkes, und in Italien wird die Aufhebung des Bauverbots von Kernkraftwerken schon medial diskutiert.
Die neuen Energieträger Erdöl und Erdgas sind in Europa zu ungleichmäßig verteilt, als dass sie eine Lösung des Problems des Energiedefizits bringen könnten. Nur Norwegen verfügt über genügend Wasserkraft und ist überdies ein bedeutender Erdölexporteur, der in Kürze an dem überaus reichen Erdölrevier der Barentsee partizipieren und damit seine Stellung als wichtigster Erdöllieferant Europas noch entscheidend verbessern wird.
Im 21. Jahrhundert sind die Ränder der alten geologischen Platten, wie der Russischen Tafel und der Nordseeplatte, als ergiebige Erdölreviere am Zug, während die älteren Funde in den Vorländern der mesozoischen und tertiären Faltengebirge für den rasant steigenden Bedarf an Erdöl bereits zu unergiebig geworden sind. Österreich konnte z.B. bis 1958 seinen Erdölbedarf noch selbst decken, während es 2003 90% des Rohölbedarfs einführen musste. Nur Großbritannien und Dänemark können dank des Nordseereviers ihren Erdölbedarf zur Gänze decken, die Niederlande zu 80% (vgl. Tabelle 8.10 im Anhang).
Ansonsten besteht aufseiten aller Staaten eine Abhängigkeit von der Erdöleinfuhr. Insgesamt muss die EU-15 rund die dreifache Menge ihrer Eigenproduktion einführen. Beim Rohölimport ist eine gewisse Umorientierung vom Nahen und Mittleren Osten auf Osteuropa (und Russland) im Gang (27%). Norwegen liefert nahezu ein Fünftel, ebenso Nordafrika.
Im Jahr 2003 betrug der Grad der Energieabhängigkeit der EU-15 63%. Während der Bruttoin-landsverbrauch von Energie im Zeitraum 1993-2002 um 9,3% zugenommen hat, ging die Energieintensität, die benötigt wird, um eine Einheit einer Wirtschaftsleistung zu erzeugen, zurück. Dies entspricht dem Ziel der EU, mittels einer nachhaltigen Entwicklung das Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch abzukoppeln.

Die Energiebilanz im Jahr 2002 für die EU-15 belegt, dass in der Bruttoinlandsproduktion die Kernenergie mit 32,4% an erster Stelle steht, gefolgt von Erdgas mit 27,4% und Rohöl mit 21,9%, während die Braunkohle mit 7% bereits die Steinkohle mit 6% überrundet hat und die sonstigen erneuerbaren Energien zusammen erst 5% erreichen.
Am Energieverbrauch hat Erdöl mit 41,5% den größten Anteil, gefolgt von Erdgas mit 25,1% und der Kernenergie mit 15,8%. Der Energieverbrauch betrug im Durchschnitt 3t Rohöleinheiten/Einw., somit weit weniger als in den USA mit 81 RÖE/Einw.
Hinsichtlich der Struktur der Elektrizitätserzeugung bestehen zwischen der EU-15 und der EU-25 nur minimale Unterschiede. In tetzterer dominieren Wärmekraftwerke mit 55,4%, mit Abstand folgen die Kernenergie mit 31,5% und die Wasserkraft mit 13,1%.
Durch die Liberalisierung hat sich in den letzten Jahren der europäische Energiesektor grundlegend gewandelt. Dennoch ist die Neuordnung der Branche in Europa nicht abgeschlossen, sondern in vollem Gange: Die Unternehmen planen weiterhin Fusionen und Übernahmen. Regulierungsvorschriften, technologische und ökologische Entwicklungen sowie der Druck der Kapitalmärkte verstärken den Trend zur organisatorischen Entkopplung der Kernaktivitäten, wie zum Beispiel Stromerzeugung, Netzbetrieb, Handel und Vertrieb. Die Branche des Energiehandels und branchenfremder Leistungen wird ihre Umsätze weiter steigern, wobei auch spekulativer Handel an Bedeutung gewinnen wird. Unter den Unternehmen des europäischen Energiemarktes hat vor allem der französische Staatskonzern, der größte Atomenergieerzeuger der Welt, Electricite de France (EdF), als führender europäischer Anbieter über den Trittstein Österreich seinen Ein

Auf folgende Industrien wird besonders eingegangen:
■ auf die Lebensmittel- und Getränkeindustrie sowie die Holz- und Papierindustrie, welche beide von den natürlichen Ressourcen abhängig sind,
■ auf die Textilindustrie als älteste Industrie Europas, welche die erste industrielle Revolution in Europa begründet hat und im 20. Jahrhundert weitgehend aus Europa abwanderte,
■ auf die Eisen- und Stahlerzeugung, welche zusammen mit dem Kohlenbergbau als erste in europäischen Dimensionen gesehen wurde (Gründung der so genannten "Montanunion 1951 in Rom), sowie auf
■ die chemische Industrie und die Fahrzeugindustrie, welche als Industriebranchen der zweiten industriellen Revolution noch immer Wachstumsbranchen darstellen.


Die Lebensmittel- und Getränkeindustrie

Auf der Grundlage des hinsichtlich seines Anteils am Bruttonationalprodukt schrumpfenden Agrar-sektors hat sich eine bedeutende Lebensmittel-und Getränkeindustrie entwickelt, auf welche 12% der Wertschöpfung und der Beschäftigten im Industriesektor entfallen. Die EU ist ein Produzent von AgrarUberschüssen, und daher sind auch die Exportüberschüsse der EU bei Milchprodukten, Getränken und Tabakwaren beträchtlich. Nur Fisch muss eingeführt werden. Mehrere europäische Konzerne sind auf dem Weltmarkt mit einer großen Palette von Produkten vertreten.
Die europäische Nahrungsmittelindustrie hält eine Frontstellung im Umwelt- und im Konsumentenschutz (Qualitätssicherung). 2002 wurde in Parma die European Food Safety Authority geschaffen, die naturgemäß in einer Verbindung mit der Landwirtschaftspolitik der EU steht.

Die Holz- und Papierindustrie
Auf Holz basierende Industrien bilden mit 14% des Produktionswertes einen der wichtigsten und überdies einen der wachsenden Industriezweige von Europa. 2,1% entfallen auf Holz und 3,1% auf Papier, während sich der übrige Anteil auf die Erzeugung von Möbeln sowie auf Druckereien und Verlage, von denen die Letztgenannten zum quar-tären Sektor gehören, verteilt. Entsprechend der Verbreitung des Waldes in Europa liegen die Schwerpunkte der Holz- und Papiererzeugung in Finnland, Schweden und Österreich, welche in der Papierindustrie 43,6% der Wertschöpfung der EU-15 erzeugen. Während in der Holzindustrie kleine Betriebe in abgelegenen Gebieten dominieren, herrschen in der Papierindustrie Großbetriebe im Besitz von multinationalen Konzernen vor.
Die Papierindustrie verzeichnet beachtliche Exportüberschüsse. Gleichzeitig sind Importe von tropischen Hölzern, vor allem aus Indonesien, Brasilien und China von wachsender Bedeutung.


Die Textilindustrie

zählt zu den ältesten und traditionsreichsten Industriezweigen Europas. Im 19. Jahrhundert war Großbritannien die Textilgroßmacht der Erde. Als arbeitsintensive Industrie ist sie im 20. Jahrhundert in die Niedriglohnländer nach Asien abgewandert. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts heißt die neue Weltmacht auf dem Textilsektor China.
Die Wertschöpfung der Textilindustrie (Textilien, Bekleidung, Leder, Schuhe) betrug 2003 bei 3,2 Mio. Beschäftigten 5% des gesamten Industriesektors. Im Durchschnitt gingen von 1995 bis 2003 die Beschäftigtenzahlen jährlich um knapp 4% zurück. Gleichzeitig stiegen die Preise. Die Auslagerung von Produktionszweigen nach Rumänien und in einige mediterrane Länder, besonders in die Türkei, nach Marokko und Tunesien, geht weiter.

Die Chance Europas liegt in der Herstellung von Qualitätsprodukten, in Stil und Design, in der Forschung und Entwicklung neuer Materialien. Sie wird vor allem von Italien wahrgenommen, auf welches etwa ein Drittel der Wertschöpfung entfällt, in der Lederindustrie sogar k5%, wobei kleine Betriebe mit bis zu 50 Beschäftigten den Ex-portüberschuss tragen. Mehr als ein Viertel der EU-Exporte entfällt auf Italien.
In der europäischen Bekleidungsindustrie haben sich 10 Großunternehmen profiliert, welche sowohl in der Erzeugung (2) als auch im Einzelhandel (1) tätig sind.


Von der europäischen Textilproduktion geht nur ein sehr geringer Teil, vor allem des höchsten Qualitätssegments, in den außereuropäischen Export. Dem gegenüber stehen massive Billigimporte an Textilien. Als Exporteur in die EU steht China in allen Sparten der Massenproduktion mit einem Viertel bis zu einem Drittel an der Spitze, gefolgt von Vietnam, Indien, der Türkei und Nordafrika.

Die Eisen- und Stahlindustrie
nimmt in der Industriegeschichte Europas eine Sonderstellung ein. Kein anderer Industriezweig hat eine derart tief in die Wirtschaftsgeschichte Europas zurückgehende technische Entwicklung aufzuweisen: von den Stucköfen der frühen Neuzeit, über die Floßöfen des 18. Jahrhunderts bis zu den Holzkohlenhochöfen und schließlich über das Bessemerverfahren zu den Kokshochöfen des späten 19. Jahrhunderts. Historische Industrielandschaften mit allen Details an infrastrukturellen und sozialgeographischen Baulichkeiten haben sich in der österreichischen "Eisenwurzen rings um den Erzberg als europäisches Kulturerbe erhalten. Ähnliche Entwicklungen sind in anderen Ge-birgsräumen, darunter im Rheinischen Schiefergebirge, abgelaufen.
Mit der Einführung des Bessemerverfahrens wanderten dann die Hüttenwerke zur Kohle hin. Auf der Kohlenbasis entstand das Ruhrgebiet, das heute mit sechs Mio. Menschen bevölkerungsreichste Industrierevier Europas. Der nächste Schritt, wie er durch die Gründung von Salzgitter im Dritten Reich dokumentiert ist, führte erneut zum Eisenerz zurück, als durch die Einführung des Thomasverfahrens bisher minderwertige Erze mit einem Eisengehalt von nur 27% verwertet werden konnten.
Die Standortpolitik der Oststaaten folgte bei der Gründung von großen Stahlkombinaten nicht mehr Fragen der Arbeitskraft-, Rohstoff- oder Verkehrsorientierung, wie sie bei Salzgitter mit dem Anschluss an den Mittellandkanal noch eine Rolle spielten. Vielmehr bestimmten strategisch-militärische und national-politische Argumente die Standorte. Dies gilt in gleicher Weise für die Gründung von Stalinstadt, später Eisenhüttenstadt, in der ehemaligen DDR, von Dimitrovgrad in Bulgarien, Dunajvaros in Ungarn und Nova Huta bei Krakau in Polen.
Der Stahlsektor war nicht nur eine Grundlage der sozialistischen Industriepolitik, er war auch ein Eckstein der EU. Der Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl trat 1952 für 50 Jahre in Kraft; er erlosch im Juli 2002. Damit wurden Kohle und Stahl mit den anderen Industrieprodukten gleichgestellt. Dies reflektiert den Verlust an strategischer Bedeutung dieses Sektors. Auf die dramatische Geschichte der Schließung von Hochöfen kann hier nicht eingegangen werden. Inzwischen weist die Eisen- und Stahlerzeugung nur mehr einen Anteil von 3,6% an der Wertschöpfung des Industriesektors auf. Technologisch sind überdies umfangreiche Substitutionsprozesse von Stahl durch andere Werkstoffe erfolgt. Die Roheisenproduktion wurde weitgehend ausgelagert. Geblieben ist der Export von SpezialStählen und hochwertigen Stahlprodukten. In dieser Konzentration auf Qualität besteht eine Ähnlichkeit mit dem Textilsektor.


Die chemische Industrie

begann als Hilfsindustrie der Textilerzeugung mit Bleichmitteln für Wolle und entwickelte im frühen 20. Jahrhundert die synthetischen Farbstoffe. Vor dem Ersten Weltkrieg besaß Deutschland die Führungsposition in der chemischen Industrie und konnte diese auch noch in der Zwischenkriegszeit behaupten. Die I.G. Farben entstand 1925 aus dem Zusammenschluss von acht Unternehmen der chemischen Industrie und war im Jahr 1942 mit 192.000 Beschäftigten das größte Unternehmen der Welt.
Der große Fortschritt ging auf das Fehlen wichtiger Rohstoffe, wie Erdöl und Kautschuk, zurück. Für Deutschland war es notwendig, auf Kohlebasis synthetischen Kautschuk und synthetisches Benzin zu erzeugen. Davon konnte sich die Erzeugung von synthetischem Kautschuk behaupten, aus der im weiteren technischen Fortschritt die ganze Fülle von Plastikprodukten hervorgegangen ist. Vom Ausgangsprodukt, dem Rohgas und Rohteer, ging die Produktion über Desinfektionsstoffe, Wasch-und Putzmittel zu Parfüms, ferner zu Sprengstoffen, Medikamenten und damit der pharmazeutischen Industrie, den Schädlingsbekämpfungsmitteln, Lacken und Farben, in die Filmindustrie sowie in die Erzeugung von Kunststoffen und bis zu synthetischen Möbeln.
1945 haben die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs die 1.6. Farben zerschlagen. Im Jahr 2004 bestand die aus ihr hervorgegangene Firma Bayer aus 350 Gesellschaften mit 113.600 Mitarbeitern auf fünf Kontinenten, von denen nur wenig mehr als die Hälfte in Europa tätig waren.
Dank ihrer Humankapitalpflege konnte die deutsche chemische Industrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihre Führungsposition in der EU zurückgewinnen.
Die chemische Industrie ist die Wachstumsindustrie par excellence mit den weitaus höchsten Zuwachsraten, den höchsten Investitionen und höchsten Löhnen. Sie ist gekennzeichnet durch ein ausgefeiltes, ineinander geschachteltes System der Weiterverarbeitung sowie eine intensive Verbundwirtschaft, d.h., dass die Abfallprodukte eines Werkes durch Rohrleitungen zu anderen gebracht werden, in denen sie als Rohstoffe Verwendung finden.

Aus diesem Grund neigt die chemische Industrie zur Revierbildung. Diese ausgeprägte Revierbildung zeigt sich am deutlichsten entlang der Rheinachse von Basel bis Rotterdam.
Die chemische Industrie steht in Hinblick auf die Wertschöpfung im Industriesektor der EU mit 15,2% an erster Stelle. Als klassisch fordistische Industrie mit hoher Arbeitsproduktivität verfügt sie mit 3,6 Mio. Beschäftigten nur über einen Anteil von 11% in der EU-15. Sie weist mit Ausnahme der Kunstfasern in allen Sparten hohe Exportüberschüsse auf und trägt insgesamt mit 18,6% zu den Industrieexporten bei.

Die Fahrzeugindustrie

ist eine Schlüsselindustrie sowie eine Wachstumsbranche. 2003 betrug ihr Anteil an der Wertschöpfung des Industriesektors der EU-15 11,0% bei einem Beschäftigtenanteil von 8,8%. Davon entfielen drei Viertel auf Pkw und Wohnwagen, 17% auf Flugzeuge, 5,7% auf Schiffe, 2,6% auf Lokomotiven sowie 1,4% auf Motor- und Fahrräder (der Großteil der EU-Nachfrage nach Fahr- und Motorrädern wird durch Importe von außerhalb der EU befriedigt). Deutschland führte mit 40% der Wertschöpfung. Im Jahr 2003 wurden in der EU-25 nahezu 15 Mio. neue Autos erzeugt. Auf die Automobilindustrie entfallen 18% des Exports von Industriegütern der EU. Diese hält damit im Export den zweiten Platz nach dem Maschinenbau.
Die Autoindustrie ist die globalisierte Industrie schlechthin. Ihre Weltfirmen verfolgen eine Mehrmarkenstrategie und betreiben Auslagerungen und Neugründungen in anderen Kontinenten. Der globale Listenführer General Motors setzt deutlich auf eine Mehrmarkenstrategie mit einer klaren Rollendefinition der Marken Cadillac, Saab, Vauxhall, Opel und Chevrolet. Bei Volkswagen gehören ständige Marken aus sechs europäischen Ländern zum Konzern: Audi, Bentley, Bugatti, Lamborghini, Rolls Royce, Seat, Skoda, VW-Nutzfahrzeuge und Volkswagen-Pkw. Die Anpassung an individuelle Kundenwünsche und eine Modelloffensive mit einem neuen Trend zur Nischenproduktion kennzeichnen die Situation.
Bei neuen Standorten in Europa firmiert Volkswagen mit der Marke Skoda in Tschechien und unter Audi in Ungarn und der Slowakei. Fiat erzeugt in Polen, Renault in Rumänien und PSA Peugeot-Citroen hat Pläne für Tschechien und die Slowakei. Aber auch aus Ostasien kommen Autokonzerne: Daewoo nach Polen, und Hyundai will Kia-Wagen in der Slowakei bauen.
Die Volkswagen AG ist nach Daimler-Chrysler der größte Autokonzern in Europa und betreibt k3 Fertigungsstellen weltweit mit rund 320.000 Mitarbeitern. In mehr als 150 Ländern der Erde werden die Produkte angeboten. Sie hat einen Anteil von mehr als 11% am Weltautomobilmarkt. Abb. 8.3 zeigt die Werksanlage am Mittellandkanal, die eine Fläche von rund 8qkm einnimmt. Der 1,5 km lange Klinkersteinbau von Architekt Koller steht unter Denkmalschutz. Im Werk sind etwa 50.000 Mitarbeiter, davon ca. 20.000 in der Produktion, beschäftigt, die bei Vollauslastung pro Tag if.000 Volkswagen
herstellen (www.wolfsburg-citytour.de).

Einzelhandel und Geschäftsleben

Entwicklungsperioden
Im Laufe der Wirtschaftsentwicklung hat sich das Geschäftsleben hinsichtlich der Betriebsformen und der Spezialisierung der Konsumbereiche, Branchen und Sortimente mehrfach grundlegend verändert. Von nachhaltiger Wirkung waren die Kommerzialisierung des Gewerbes und das Auftreten großbetrieblicher Organisationsformen im Verein mit dem Versandhandel und schließlich mit dem E-Commerce.

Die Kommerzialisierung des Gewerbes hat in Europa entscheidend zur Ausbildung des Einzelhandels beigetragen. Sie erfolgte in zwei Etappen. Die erste Etappe vollzog sich in der Manufakturperiode, in der neue Produkte auf dem Bekleidungsund Haushaltssektor erzeugt wurden und gleichzeitig die Gewerbetreibenden die Erlaubnis erhielten, ihre Waren in Läden zur Schau zu stellen. Die Kommerzialschemata aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts belegen, dass in einer Top-down-Bewegung die Nachfrage der oberen und mittleren Bevölkerungsschichten nach Luxusgütern, wie Seidenwaren, Juwelen, Kunstgegenständen, Büchern und dergleichen, das Entstehen zahlreicher neuer Geschäftsformen bestimmt hat.
Die zweite Etappe der Kommerzialisierung beruhte auf der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts. Sie verlief in den einzelnen Branchen sehr unterschiedlich. Einzelne Gewerbe, wie die Erzeuger von Hüten, Handschuhen, Schirmen und Pelzwaren, konnten die Kommerzialisierung mitmachen und wurden erst später von den neuen großbetrieblichen Organisationsformen des Einzelhandels und neuen Modetrends vom Markt verdrängt, während andere, wie die Schreiner und Drechsler, ohne nennenswerte Kommerzialisierung durch das Auftreten der Möbelindustrie nahezu schlagartig ihre Existenz verloren oder, wie die Schuster, zum Reparaturgewerbe absanken. Die frühe Entwicklung der Lebensmittelindustrie in der Gründerzeit ließ auf der anderen Seite spezifische Geschäftstypen entstehen, wie die Gemischtwarenhandlungen und die Milchgeschäfte. Die Gemischtwarenhandlung wurde zum wichtigsten Element der Nahversorgung und behielt diese Funktion bis herauf in die 60er Jahre des 20.Jahrhunderts bei. Dann musste sie den Supermärkten weichen und ist im deutschen Sprachraum weitgehend verschwunden. In Südeuropa, vor allem in Italien, konnte sie sich, vielleicht aufgrund des höheren Sozialprestiges eines Padrone gegenüber dem Lohnempfänger, besser behaupten. Auch sonst beträgt die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte pro 1.000 Einwohner in den südeuropäischen Staaten noch 3 bis k, während sie in Mitteleuropa bereits unter 1 gesunken ist.

In der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts entstanden die großbetrieblichen, vom Finanzkapital getragenen Formen des Einzelhandels, nämlich das Kaufhaus und das Filialsystem. Die Innovation des Kaufhauses bestand in der Zusammenlegung von Branchen und Sortimenten und in der Zusammenführung von Lagerhaltung und Verkauf. Das Kaufhaus hat einen berühmten historischen Vorläufer, nämlich die Markthalle, welche Kaiser Trajan in Rom errichten ließ (Abb.8.^). Ihre Gewölbekonstruktion taucht im Basar wieder auf und steigert sich in den Großkaufhäusern in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu mehrgeschossiger Monumentalität.
Kaufhaus und Filialsystem erreichten in Europa nicht die gleiche Bedeutung wie in Nordamerika. Das Kaufhaus blieb auf die großen Städte beschränkt, dagegen breitete sich das Filialsystem industrieller Unternehmen (in der Donaumonarchie auf dem Lebensmittel- und Schuhhandelssektor) bis zur Stufe der Kleinstadt aus.
Die Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit, die Einführung einer Warenhaussteuer und die staatliche Gewerbepolitik zum Schutz der kleinen Gewerbe- und Handeltreibenden schränkten die Ausbreitung beider Betriebsformen in Europa ein.
Die Entwicklung in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts wird durch drei Vorgänge bestimmt:
1. Die in der Gründerzeit begonnene Fiüalisierung des Einzelhandels setzte sich rasch durch und hat dazu geführt, dass das Vorhandensein der Filialen bestimmter Firmen zum Indikator für die Rangordnung eines Zentralen Ortes bzw. einer innerstädtischen Geschäftsstraße wurde.
2. Die planmäßige Anlage von Einkaufszentren in hierarchischer Abfolge wurde von den USA übernommen. Die dort erfolgte nahezu vollständige Suburbanisierung des Einzelhandels hat in Europa jedoch nicht stattgefunden. Europäische Städte besitzen Fußgängereinkaufsstraßen, die sich in Nordamerika nicht durchsetzen konnten, und weisen ein duales System von öffentlichem Verkehr und Individualverkehr auf. In diesem Zusammenhang verdient in Europa die Umgestaltung von Bahnhöfen Beachtung, welche unter dem Slogan "Einkaufs- und Erlebniswelt mit Gleisanschluss erfolgt. Das großartigste Beispiel bietet Frankreich mit dem Einkaufszentrum Eurolille. Weitere Beispiele in der Schweiz (Zürich, Bern, Basel), in Italien (Rom, Mailand, Neapel) und in Deutschland (Leipzig, Freiburg, weitere in Planung) wären anzuführen. Eine völlig autoorientierte Subur-banisierung des Geschäftslebens in amerikanischem Ausmaß ist in Europa schlecht vorstellbar. Sehr vereinfacht ausgedrückt ist das Muster des Geschäftslebens in den europäischen Städten vielmehr durch einen Dualismus von traditionellen Geschäftsstraßen und -vierteln und neuen Shoppingcentern gekennzeichnet. 3. Als akzessorische Elemente sind auch in Europa Geschäftsviertel und Märkte von ethnischen Subkulturen entstanden. Zwar haben die Chi-natowns amerikanischer Städte in Kontinentaleuropa kein Gegenstück gefunden, doch erfolgte in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine zahlenmäßig auffällige und gleichzeitig disperse Neugründungswelle von Chinarestaurants bis in die unteren Ränge des zentralörtlichen Systems. Damit überzieht gegenwärtig bereits ein Informationsnetz der als Großproduzent von Konsumartikeln aller Art aufsteigenden Wirtschaftsmacht China die europäischen Städte. Als künftiger dritter Global Player neben den USA und Europa hat China inzwischen Japan überrundet. Es ist abzuwarten, ob auch der europäische Markt, verspätet gegenüber den USA, mit chinesischen Waren überflutet werden wird. Die Transformation des Geschäftslebens in den EU-Erweiterungsstaaten umfasst als Top-down-Entwicklung einerseits die Rückkehr historischer Filialsysteme (z.B. Firma Meinl) und die Etablierung neuer ausländischer Kettengeschäfte (z.B. Carrefour) sowie andererseits eine breite Bot-tom-up-Entwicklung durch die Neugründung kleiner Läden und die Errichtung von offenen Ständen bis hin zum Wanderhandel in unmittelbarer Nachbarschaft zu staatlichen Kaufhallen.

Ausländisches Kapital, staatliche Unterstützungsmaßnahmen und private Initiativen auf einem informellen Pseudomarkt konzentrieren sich dort in den großen Städten. Funktionierende Massenverkehrsmittel aus der Zeit der sozialistiichen Planwirtschaft begünstigen in der Gegenwart in den Innenstädten eine Gründungswelle des Einzelhandels. Die rasche Formierung einer plutokratischen Oberschicht fördert die Entwicklung der City als Einzelhandelsstandort. Einkaufsklassen bilden sich und differenzieren sich räumlich in den Preisklassentypen der Geschäfte. Festzuhalten ist: Die Rückkehr nationaler Unterschiede in der Transformation vom Plan zum Markt gilt nicht nur für den Wohnungs- und Arbeitsmarkt, sondern auch für den Einzelhandel.

Effekte der Globalisierung
Das Schlagwort von der Globalisierung lässt als mediale Vision die global einheitliche Konsumlandschaft entstehen, die sich in immer kürzer werdenden Zyklen der Mode erneuert. Diese Vision bedarf einer grundsätzlichen Korrektur.
Es ist richtig, dass sich das Profil der Konsumgüterwirtschaft auch in Deutschland in den vergangenen beiden Jahrzehnten tiefgreifend verändert hat. Der traditionelle, kleinteilige Fachhandel hat seine relative Marktmehrheit von 55% (1980) verloren und ist auf etwas mehr als ein Viertel zurückgegangen (Falk 1998). Neuankömmlinge, wie die Fachmärkte, werden in Kürze gleichziehen. Bei stagnierender Nachfrage und gleichzeitig ungebrochener Flächenexpansion des Geschäftslebens findet bei sinkender Produktivität ein Verdrängungswettbewerb statt. Es drängen größere Shoppingcenter in kleinere Groß- und Mittelstädte vor, und selbst in Kleinstädten entstehen Einkaufszentren und -passagen. Die Discountorientierung nimmt zu. Hyper-, Verbraucher- und Fachmärkte entstehen weiterhin dort, wo sie Grundstücke und Genehmigungen der Behörden erhalten. Umgekehrt werden sich zahlreiche Betriebe sowohl in peripherer als auch in integrierter Lage nicht auf dem Markt halten können. Commercial Blight, nicht in flächenhafter Form wie in den USA rings um die Downtown und in den älteren Suburbs, sondern kleinzügig, ist zu erwarten. Insgesamt ist die räumliche Entwicklung diversifiziert.
Zu beachten sind die Auswirkungen der sozialpolitischen Systeme auf die Einkaufsgesellschaft. In egalitär organisierten Wohlfahrtsstaaten, wie Schweden, fehlt eine Einkaufsklassengesellschaft, die andererseits in den USA vollständig ausgebildet ist, wo eine rigide Preisklassendifferenzierung des Einzelhandels die Norm ist, die auch architektonisch in Erscheinung tritt. Ebenso ist das Faktum zu beachten, dass nationale Großunternehmen im europäischen Einzelhandel mit globaler Tendenz zur Expansion entstanden sind.

Zwar sind alle europäischen Einzelhandelsunternehmen beträchtlich kleiner als das US-amerikanische Unternehmen Wal-Mart, welches mit rund 200 Mrd. Euro Jahresumsatz mit großem Abstand den Spitzenplatz einnimmt, doch betreiben die meisten, zum Unterschied von Wal-Mart, eine globale Vermarktungsstrategie. Das Vorbild bietet Carrefour, das größte europäische Unternehmen. 2003 war das Betriebskapital des Unternehmens folgendermaßen verteilt:

30% in Frankreich,
43% in anderen Ländern der EU,
11% in Amerika
16% in Asien. Ende Juni 2004 betrieb Carrefour weltweit
6.367 Geschäfte, davon
782 Hypermärkte,
1.478 Supermärkte,
3.754 Discountläden,
171 Convenience Stores und
172 Cash-and-Carry-Geschäfte.

Während Carrefour das eigene Logo präferiert, haben Casino und Finatis jeweils lokale Marken gewählt. Auf der Luxusebene der Bekleidung hat sich im Verein mit italienischen Modedesignern Pinault-Printemps bereits global vernetzt, während andererseits die Bekleidungsfirma Benetton zu den globalen Modeschöpfern für junge Mittelschichtangehörige zählt. Hingewiesen sei besonders auf die belgische Firma Delhaize, welche schon in den 1970er Jahren interkontinental tätig war und 2003 1.515 Supermärkte in den USA besaß, ebenso aber auch Supermärkte in Thailand und Rumänien, der Tschechischen und der Slowakischen Republik sowie in Griechenland.


Der Bürosektor

Entwicklung und Struktur
Die Informationsgesellschaft hat das Büro zur wichtigsten Arbeitsstätte gemacht und bisher nicht, wie vielfach angenommen, die Berufsarbeit zurück in die Wohnung gebracht. Bürogebäude haben als Symbole in der Stadtlandschaft die Fabrik ersetzt. Noch ausgeprägter als der Geschäftssektor übergreift der Bürosektor Wirtschaftsklassen. Drei Elemente bilden bis heute den Grundstock des Bürosektors: Industriebüros, Banken und Büros der Angehörigen der freien Berufe.
Der Textilsektor hat von den mittelalterlichen Fernhandelsstädten bis zu den staatlichen Großmanufakturen der Baumwoll- und Seidenproduktion die führende Rolle im Niederlags- und später im Kontorwesen bis weit in das 19. Jahrhundert innegehabt.
Ebenfalls ins Hochmittelalter zurück reichen die Anfänge der Banken in italienischen Städten (Siena, Florenz, Pisa, Amalfi). Am Ende des Mittelalters kamen Giro- und Depositenbanken auf. Hafenstädte (Venedig 1587, Amsterdam 1609, Hamburg 1619) gingen mit der Gründung von Banken voran. Der Merkantilismus brachte unter staatlicher Förderung eine starke Entfaltung des Bankwesens. Insgesamt erfolgte der Aufschwung des Bankwesens vor der Steigerung und Rationalisierung der industriellen Produktion.
Gleichfalls weit zurück reicht die Bedeutung der freien Berufe. Schon zu Beginn der Neuzeit waren Universität und Regierung die beiden Pole ihrer Existenz.
Die Etappen der Industrialisierung im frühen 19. Jahrhundert spiegelten sich im Auftreten von entsprechenden Niederlagen und Kontoren wider. Relativ spät vollzog sich die Trennung von Büro und Lagerhaltung.
Die zweite Industrialisierungsperiode mit Kohle, Stahl und Bahnbau brachte in den Gründerjahren des 19. Jahrhunderts die Verwaltungen der großen Montan- und Hüttenwerke in die Zentren der Großstädte. Jedoch blieben im Verhältnis zu den zahlreichen und überdies differenzierten Niederlagen der Konsumgüterindustrie die Bürozentralen der Produktionsgüterindustrie bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs von geringerer Bedeutung.
Ansonsten haben die Gründerjahre wesentlich zur Differenzierung des Bürosektors beigetragen. Der Finanzsektor fächerte sich durch das Auftreten von Versicherungen, Krankenkassen und Pensionsanstalten auf. In einzelnen Ländern hatte die Pressefreiheit des Jahres 1848 den Anstoß für den Aufstieg des Zeitungs- und Verlagswesens gegeben. Das Eisenbahnzeitalter brachte die An-siedlung der Generaldirektionen der verschiedenen Bahngesellschaften. Die kapitalistischen Organisationsformen der Bautätigkeit lösten eine Gründungswelle von Bau- und Entwicklungsgesellschaften aus. Eine verhältnismäßig späte Entwicklung kennzeichnet den Großhandel. Seine Aufgabe, Sortimente von verschiedenen Fabriken zusammenzustellen und auf den Markt zu bringen, wurde - von der Textilsparte und dem Kolonialwarenhandel abgesehen - im Wesentlichen erst nach dem Ersten Weltkrieg in Angriff genommen.
Seit der Zwischenkriegszeit trat auch verstärkt die Gruppe der "halboffiziellen Institutionen auf den Plan. Sie übernahm eine Vermittlerfunktion zwischen den monolithisch nebeneinander stehenden Organisationssystemen von Privatwirtschaft, staatlicher Bürokratie und Hochschulen. Zu ihren Vorläufern in der Gründerzeit zählen verschiedene Körperschaften, Vereine und Verbände. In der Zwischenkriegszeit gesellten sich diverse Parteizentralen und Gewerkschaften hinzu. Der jüngste Trend wird in hohem Maße von Institutionen bestimmt, die sich im Grenzbereich zwischen Forschung, Politik und Wirtschaft bewegen und die der sehr stark gestiegenen Nachfrage nach Grundlagenforschung und angewandter Forschung entsprechen.
Das Informationszeitalter hat neue Entwicklungen gebracht. Eine sehr rasche Umschichtung und Erweiterung des Bürosektors ist im Gange. Halböffentliche Institutionen, Export- und Importunternehmen, Speditionen, Büros der Angehörigen der freien Berufe und hoch spezialisierte Dienstleistungsbetriebe der Wirtschaft in Management, Marketing, Werbung und IT expandieren. Der Wissens- und informationsbasierte quartäre Sektor weitet sich zunehmend aus und ist dabei, auch in Europa den konsumentenorientierten tertiären Sektor zu überrunden.

Die Standortwahl im Bürosektor
Die Verortung des Bürosektors in den europäischen
Großstädten unterscheidet sich ganz wesentlich
von Nordamerika.
Drei Vorgänge laufen synchron ab:
■ Die räumliche Einbindung des BUrosektors erfolgt noch immer zu einem beachtlichen Teil durch Umwandlung von Wohnungen in Bürosin der Mietshausverbauung mit guter Wohnqualität und in den gründerzeitlichen Villengebieten des Stadtrandes. Es ist kaum bekannt, dass z.B. die Wiener Ringstraße, in deren Planung keine Wirtschaftsfunktionen vorgesehen waren, durch diesen Vorgang zum Standort der Industriebüros geworden ist (mit annähernd 10.000 Beschäftigten in 370 Zentralbüros 1991). In kleineren Städten erhielt sich, wenn auch stark reduziert, die Einheit von Wohnung und Büro bei Angehörigen der freien Berufe (Ärzten, Rechtsanwälten, Notaren, Architekten usw.).
■ Die architektonische Verselbständigung von Wirtschaftsfunktionen begann im Bankwesen in London bereits um die Mitte des 18.Jahrhunderts, auf dem Kontinent in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Mehrzweckbauten von Geschäfts-, Büro- und Wohnhäusern entstanden vor der Jahrhundertwende. Eine Neubautätigkeit von Bürobauten im dicht verbauten Stadtraum ist weiterhin im Gange.
■ In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reglementierte die Stadtplanung in einzelnen Millionenstädten die Errichtung von Sub-Cities wie La Defense in Paris, die City Nord in Hamburg oder die Donau-City in Wien.
Sehr verspätet gegenüber Nordamerika erfolgte seit den 1970er Jahren nach Aufhebung der Bauhöhenrestriktion die Errichtung von Wolkenkratzern in Anlagerung an die Altstädte Mit der spekulativen Errichtung von Bürobauten zu Vermietungszwecken ist London vorangegangen und hat damit auch als erste europäische Metropole in den 1980er Jahren das Problem der hohen Leerste-hungsraten zu verzeichnen gehabt.
Im Hinblick auf die Suburbanisierung des Bürosektors ist derzeit die Auslagerung bis zu den Trade Centers bei internationalen Flughäfen fortgeschritten. Die Entwicklung von Edge Cities amerikanischen Zuschnitts ist derzeit in Europa nirgends in Sicht.
In den Metropolen der Transformationsstaaten ist, getragen von ausländischem Finanzkapital, ein Büroneubau großen Zuschnitts sehr rasch in Gang gekommen.
Hierbei steht Warschau an erster Stelle, aber selbst die kleinen Hauptstädte der baltischen Staaten signalisieren mit Hochhäusern ihre Öffnung zur westlichen Wirtschaft.








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