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LEBENSSTILE IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND



LEBENSSTILE IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND

Wer sich sonst eher in der bei etage des traditionellen Kulturbcgriffs aufhält, wird über Ausdauer und Geduld verwundert sein, mit denen wir in diesem Kapitel deutsche Wohnzimmer und Kochtöpfe inspizieren. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte sich jede landeskundliche Darstellung der sozialen Ungleichheit in einer Gesellschaft r allem den gängigen soziologischen Schichtungsmodellen und ihren mehr oder minder aussagekräftigen Statistiken anvertraut. Wenn dies im ersten Teil dieses Kapitels nur knapp und in Form eines Überblicks geschieht, dann deshalb, weil die sinnliche Erfahrungsqualitäl und Evidenz einer im Alltag beobachteten sozialen Ungleichheit eher in eine fremde Kultur hineinzuführen versprechen, als Statistiken und die Darlegung kompliziert gewordener Forschungsprobleme. Die soziale Differenzierung einer Fremdkultur wahrzunehmen und r allem die kulturspezifischcn Signale sozialer Ungleichheit zu verstehen fällt nicht leicht. Wäre es anders, dann gäbe es nicht die wohlbekannten und zählebigen Homogenisierungen, bei denen der Verhaltensstil einer Schicht zur Kennzeichnung der Gesamtkultur (z.B. als "typisch deutsch oder "typisch amerikanisch) verallgemeinert wird.

Hier setzen wir an: Nicht die soziale Schichtung an sich, sondern unterschiedliche Lebensstile mit ihrer der Distinktion dienenden sozialen und kulturellen Selbstdarstellung sollen möglichst anschaulich und zugleich analytisch disparate Lebenswelten in der deutschen Kultur r Augen führen.




Angesichts der wachsenden Beliebtheit des Begriffs "Lebensstil ist daran zu erinnern, daß eine wissenschaftliche, notwendigerweise auf umfassende empirische Erhebungen angewiesene Forschung in Deutschland erst in den Anfängen steckt. Ohne Pierre Bourdieus Pionierwerk "Critique sociale du jugement (1979). deutsch: "Die feinen Unterschiede (1982) wäre sie nicht denkbar, und auch für unseren Versuch einer Landeskunde, die kulturspezifische Signale sozialer Ungleichheit im Alltag sichtbar machen will, hat es sich als besonders anregend erwiesen. Die kontroverse Bourdieu-Rezeption kann hier nicht nachgezeichnet werden. Zu unserem Gebrauch und Verständnis des Werks nur so viel: Es geht uns nicht um den Nachweis einer strikten Determinierung des sozialen und kulturellen Verhaltens, wenn auch Bourdieus Darstellung der sozialen Distinktion bewußt macht, daß hier niemand so frei ist, wie es ihm die Selbsterfahrung eingeben mag. Nicht die Codifizierung Schicht- und kulturspezifischer Lebensstile ist also das Ziel, sondern Wahrscheinlichkeitsaussagen, die die Eigenbeobachlung weder ersetzen noch verstellen sollen. Unsere Hoffnung ist. daß die exemplarische Darstellung n Wohnen. Essen, Trinken die Aufmerksamkeit für die ..feinen Unterschiede auch in anderen Bereichen der Alltagskultur zu schärfen vermag.
Der unverwüstliche Mythos des zum Millionär gewordenen Tellerwäschers bestimmt noch immer untergründig unser deutsches Bild n der amerikanischen Gesellschaft. Als offene, demokratische, soziale Mobilität ermöglichende ist sie ein Gegenbild zu den deutlich hierarchisch geprägten und n feudalen Erbschaften belasteten Gesellschaften der "Alten Welt. So spricht etwa Stuart Miller in seinen ..Europäische(n) Innenansichten (1988) n den objektiv rhandenen sozialen Unterschieden in der amerikanischen Gesellschaft; er rückt jedoch die subjektiven Bilder n der sozialen Durchlässigkeit in den Vordergrund. Für Europa aber konstatiert er ein "ausgeprägtes Klassenbewußtsein als einen der "auffälligsten Restbestände der alten Ordnung in Europa:
Die unterschiedliche Schärfe des Bewußtseins, der offenen Zurschaustellung, der Klarheit n Trennungslinien und Unwandelbarkeit n Einstellungen, der Macht der Tradition und vieles andere machen das europäische Klassenbewußtsein zu einem ganz anderen Phänomen als das unsere. Zwar hat sich in den letzten Jahrzehnten in der europäischen Gesellschaft eine beachtliche Tendenz zum sozialen Ausgleich bemerkbar gemacht, aber die vertikalen Klassenschranken existieren nicht nur weiter, man ist sich ihrer auch bewußt: und diese Tatsache ist wichtig, wenn man Europa verstehen will (Miller 1988,91).

Miller ist - für autoritäls- und elitefixierte Europäer undenkbar - stolzer Amerikaner, wenn "die Rede auf Reagan. sectiuner oder Truman kommt. "Ein Schauspieler, ein Kurzwarenhändler, ein Erdnußfarmer als Präsidenten einer großen Nation (ebd., 102), das scheint ihm überzeugend die Aufstiegschancen in einer offenen, demokratischen Gesellschaft zu verbürgen.

Im Hinblick auf Deutschland ist die pauschale Europa-Diagnose, daß die politische Führung hier der Oberschicht angehört oder zumindest in ihrem Geiste erzogen wird, falsch. Die unübersehbar kleinbürgerliche Herkunft der meisten Politiker in Deutschland und die überproportionale Repräsentanz der Beamten in den Parlamenten kann mit der Rekrutierung der Machtelite etwa in England. Frankreich oder Italien nicht verglichen werden.

Festzuhalten bleibt: ungeachtet der tatsächlich begrenzten Aufstiegschancen in beiden Gesellschaften sind die n Miller noch einmal bestätigten und ausgemalten Kontrastbilder weiterhin präsent. Wer nicht gerade arm ist - einer der zahlreichen unterprivilegierten ethnischen, religiösen und sozialen Minderheiten angehört -, kann in den USA Millionär oder Präsident werden. Demgegenüber leben die Europäer in der Sicht (nicht nur) Millers in einer "komplizierte^) und starre(n) Matrix (ebd., 128). wobei die deutsche als besonders rigide, obrigkeitsstaatlich und hierarchisch strukturiert gilt.
Anders als in der Außensicht des Amerikaners Miller präsentierte sich auch einem kritischen Beobachter wie Walter Jens die bundesrepublikanische Nachkriegs- als nivellierte Mittelstandsgesellschaft. In seiner Antwort auf die Frage: "Welchen Schwierigkeiten sehen Sie sich gegenüber bei dem Versuch, heute die Wahrheit zu schreiben, heißt es 1964:
Es ist schwer für einen Schriftsteller, heule die Wahrheit zu schreiben: unsere Gesellschaft ist nicht mehr sichtbar in Klassen zerteilt. Angestellte und Vertreter, Industrielle und Kommis, Studenten und Arbeiter sprechen die gleiche Sprache, kleiden sich gleich, haben die gleichen Gewohnheiten. In einer solchen Situation kann der Schriftsteller, im Unterschied zu den Autoren der Fontane-Zeil, weder durch die Fixierung n Spracheigentümlichkeiten noch durch die Bezeichnung n charakteristischen Eigenarten andeuten, welchem Milieu die n ihm geschilderten Personen entstammen. Kein Zweifel, daß gerade der deutsche Poet es unter diesen Aspekten besonders schwer hal. In Süditalien oder im Faulknerschen Amerika können die Autoren noch sichtbare Gegensätze, einprägsame Antithesen beschreiben - die Weißen und die Neger, die reichen Landbesitzer und die ausgebeuteten Armen: auch der englische Schriftsteller wird, wenn er die Augen schließt, vielleicht in der Lage sein, in einer Offiziersmesse den Jargon des beförderten Unteroffiziers n der Sprache des Berufs-Leutnants zu unterscheiden. In Deutschland hingegen sehe ich keine Chance, durch die Beschreibung eines Hutes, einer Handbewegung oder einer Stileigentümlichkeit verbindlich zu sagen: Hier schneuzt sich die Marktfrau, so spricht der Börsianer, dies ist die Manier eines Postsekretärs (zit. n. Fischer 1986, 63).

Ende der 80er Jahre wird das anders gesehen. Längst ist in der Gesellschaft und in der Soziologie soziale Ungleichheit wieder zutage getreten, und die n Jens so eloquent beschworenen Darstellungsnöte scheinen im Lichte der aufwendigen Forschungen des französischen Kultursoziologen Pierre Bourdieu zu schichtspezifischen Lebensstilen gegenstandslos zu sein.

Soziale Ungleichheit

Die Versuche der (deutschen) Soziologie, die komplexe und sich wandelnde soziale Wirklichkeit der Bundesrepublik in adäquaten Modellen einzufangen, können hier nur schlaglichtartig und gleichsam von außen aufgegriffen werden. Gängige Schichtmodelle und ihre zunehmende Problematisierung bzw. Differenzierung sollen im ersten Teil in einem knappen Überblick vorgestellt werden. Die Jenssche Diagnose und die mit ihr verwandte These von der "Mittelstandsgesellschaft von Helmut Schelsky versetzen uns zurück in das Lebensgefühl der 50er und frühen 60er Jahre. Die für alle Schichten spürbare Anhebung des Konsumniveaus und eine entsprechende Wirtschaftswundermentalität machen es verständlicher, wenn auch nicht plausibel, warum und wie der Eindruck eines verhältnismäßig einheitlichen Lebensstils entstehen konnte. Im Sinne Schelskys war dieser "keineswegs mehr von der Substanz einer sozial irgendwie hierarchisch gegliederten oder geschichteten Gesellschaftsverfassung geprägt. Die "mitteisländische Lebensform erfüllt sich vielmehr darin, "einheitlich an den materiellen Gütern des Zivilisationskomforts teilzunehmen (Schelsky 1965.332).
Ebenbild dieser Mittelschichtszentrierung ist die vielzitierte Zwiebel, die dem ständisch-hierarchischen Pyramidenmodell gleichsam die Rundung des Wohlstandsbauches anpaßt. Es handelt sich dabei um ein Schichtungsmodell, das mehrere Parameter vereinigt und ein eher idealtypisches Konstrukt darstellt.

Jeder Parameter verändert das Bild von der sozialen Schichtung. Modelle dieser Art gehen von einer stark vereinfachenden und starren vertikalen Gliederung der Arbeitsgesellschaft aus. Krisenerfahrungen (Energiekrise, anhaltende Massenarbeitslosigkeit) und der geschärfte Blick für "neue Ungleichheiten (geschlechtsspezifische Ungleichheit, regionale Disparitäten, soziale Randgruppen) haben seitdem nicht nur in der Soziologie die sozialkulturellen Gegensätze wieder stärker ins Bewußtsein gerückt. Die Soziologie reagierte in den 70er Jahren, indem sie zunehmend den Schichtbegriff durch den der sozialen Ungleichheit ersetzte (vgl. Geißler 1987, 9f.).


Bereits in den frühen 30er Jahren entwickelte Theodor Geiger ein komplexes und mehrdimensionales Schichtmodell, dessen Anregungen u.a. von Dahren-dorf verarbeitet wurden und das auch bei neueren Versuchen Spuren hinterlassen hat. Das zentrale Verdienst Geigers ist die analytische Verknüpfung von Sozial- oder Slatuslagen, Schichtdeterminanten oder Schichtmentalitäten. Wegweisend war insbesondere die Frage, "ob und inwieweit Personen in gewissen sozial bedingten Daseinsumständen typischerweise geneigt sind, gewisse Haltungen. Meinungen, soziale Willensrichtungen an den Tag zu legen (Geiger 1962, 191). Ein solcher Ansatz erlaubt es, von allzu simplifizierenden vertikalen Schichtungsvorstellungen abzukommen und objektive Gegebenheiten und subjektive Befindlichkeiten in ihrem Über- und Nebeneinander abzubilden.
Jedoch auch differenzierte Modelle der sozialen Schichtung orientieren sich bis in jüngste Zeit an dem, was Kreckel den "gesellschaftlichen Normalfall nennt. "Das heißt, die traditionelle Ungleichheitsforschung konstruierte sich zunächst eine Art .Normal- oder Kernbevölkerung' zurecht, die sich mehr oder weniger mit der sogenannten .aktiven Bevölkerung' eines Staates deckte (Kreckel 1983, 9). Trotz der Einführung immer neuer Trennvariablen (Geschlecht, Eth-nie, Lebensalter, Religion) kann ein vertikales Konstrukt z.B. Bevölkerungsgruppen, die keine bezahlte Erwerbsarbeil leisten (Jugendliche, Rentner, Arbeitslose, Hausfrauen) oder die "neuen (regionalen, nationalen oder transnationalen) Disparitäten nicht angemessen im Gesamtsystem verorten.

Nicht ohne Grund wenden sich neueste soziologische Entwürfe verstärkt Denkmodellen zu, die nur-vertikale Konnotationen vermeiden. So schlägt etwa Kreckel das metaphorische Begriffspaar Zentrum und Peripherie vor, "das nicht nur den Gedanken an ein asymmetrisch strukturiertes Kräftefeld (ebd.. 8) nahelegt, sondern durch seine entschieden räumliche Orientierung realitätsnähere Denkmöglichkeiten eröffnet.
Was bei Kreckel eher postuliert wird, kann auch im vorliegenden Entwurf nur andeutungsweise verwirklicht werden. Die neue räumliche Orientierung findet sich implizit in den empirisch fundierten Untersuchungen Pierre Bourdieus wieder. Die bisherige Diskussion zusammenfassend und kritisch weiterführend, schreibt er:
Eine soziale Klasse ist definiert weder durch ein Merkmal (nicht einmal das am stärksten determinierende wie Umfang und Struktur des Kapitals), noch durch eine Summe von Merkmalen (Geschlecht, Alter, soziale und ethnische Herkunft - z.B. Anteil von Weißen und Schwarzen, von Einheimischen und Immigranten, etc. - Einkommen, Ausbildungsniveau, etc.), noch auch durch eine Kette von Merkmalen, welche von einem Hauptmerkmal (der Stellung innerhalb der Produktionsverhältnisse) kausal abgeleitet sind. Eine soziale Klasse ist vielmehr definiert durch die Struktur der Beziehungen zwischen allen relevanten Merkmalen, die jeder derselben wie den Wirkungen, welche sie auf die Praxisform ausübt, ihren spezifischen Wert verleiht (Bourdieu 1984,182).

Oberschichten

Sich der Elite zu nähern ist auch auf wissenschaftlichem Wege nicht ganz leicht. Das Interesse der Sozialwissenschaft gilt seit den späten 80er Jahren eher den unteren sozialen Schichten und unterschiedlichen Subkulturen sowie der sozialen Ungleichheit als der Oberschicht allein.
Noch immer dürfte zutreffen, was überwiegend ältere Forschungsarbeiten zutage brachten: Was sich im Blick von unten als eine einheitlich herrschende Gruppe darstellt, ist in Wirklichkeit eine heterogene, in Fraktionen unterteilte Schicht mit durchaus unterschiedlichen Lebensstilen. Es sind sicher mehr als die "oberen Zehntausend, von denen der Volksmund spricht, besteht doch die Oberschicht aus so unterschiedlichen Bereichen wie der schmalen Vermögenselite und vor allem der Machtelite in Politik, Verwaltung, Wirtschaft, aber auch in den Gewerkschaften, Massenmedien, in der Wissenschaft, den Kirchen, dem Militär und in den kulturellen Organisationen. Eine Elitestudie aus dem Jahr 1981 ermittelte für die damalige Bundesrepublik, daß der Kern der Machtelite, der an maßgeblichen und gesamtgesellschaftlich bedeutsamen Entscheidungs-prozessen beteiligt ist. etwa 600 Personen umfaßt. Aufschlußreicher als die unter Umständen rasch wechselnden Personen dieses inneren Machtzirkels ist seine scktorale Zusammensetzung:

Fast 40 Prozent der Mitglieder des zentralen Zirkels sind Politiker. Nimmt man die Vertreter der Ministerialbürokratie noch hinzu, so stellen die Repräsentanten des politisch-administrativen Systems sogar über die Hälfte aller Mitglieder des zentralen Elitezirkels (Hoffmann-Lange 1990,54).

Die Untersuchung bestätigt zudem die zentrale Bedeutung wirtschaftlicher und wirtschaftspolitischer Entscheidungen; Vertreter der Wirtschaftsverbände, Wirtschaftsunternehmen sowie der Gewerkschaften stellen über ein Viertel dieses Kerns der Machtelite. Keine bedeutsame Rolle spielen dagegen das Militär und die Repräsentanten kultureller Organisationen wie Rundfunk-anstallen. Feuilleton oder Verlage.

Spektakuläre, von Legenden umwobene Heroen der Industriegesellschaft wie Rockefeller. DuPont. Ford oder Vanderbilt fehlen in der deutschen Geschichte weitgehend. In einer Gesellschaft, die nicht in dem Maße von Aufstiegsmythen lebt wie die amerikanische, treten andere Tugenden in den Vordergrund. Leitbild des deutschen Unternehmers - sieht man einmal von ..Ruhrbaronen wie Krupp und Thyssen oder dem politisch einflußreichen saarländischen Unternehmer Karl Friedrich Freiherr von Stumm-Halberg (Ära Stumm) ab - blieb gemeinhin das des rechtschaffenen, erfindungsreichen Handwerkers und Patriarchen, der Macht und Reichtum eher diskret ausstellt.


Mittelschichten

Schelskys populäre These von der nivellierten Mittelstandsgesellschaft - in der Wissenschaft längst außer Kraft gesetzt - lebt in der persönlichen Einschätzung des größten Teils der Bevölkerung fort. Wer möchte nicht zur Mittelschicht gerechnet werden? Ungeachtet des vielpropagierten Trends zum neuen Luxus und der Yuppies als den Vorboten dieses Zeitgeistes dominiert in der Bundesrepublik ein an der Solidität der "Mitte sich orientierender Lebensstil. Die Vermeidung der Extreme ist konstitutiv: Das Gediegene. Reelle. Verläßliche sowie Beständigkeit und Sicherheit sind typische Leitwerte der Mittelschichten, die sich in bestimmten Berufen und der Wahl bestimmter (Konsum-)Güter konkretisieren. Will man eine entsprechende deutsche (männliche) Sozialfigur konstruieren, so wäre sie Beamter im mittleren Dienst (die Ehefrau mit abgeschlossener Ausbildung und mit statistischen 1 1/2 Kindern im Haushalt). Wunschziel, sofern nicht schon verwirklicht, ist das Eigenheim mit kleinem Garten; in der Garage ein Mittelklassewagen. Die Sozialkontakte konzentrieren sich auf die Familie und zumindest einen Verein.
Wie differenziert in Wirklichkeit das soziologische Konstrukt Mittelschicht ist, läßt sich symbolisch schon am Beispiel des wohl typischsten Mittelklassewagens illustrieren. Der erfolgreiche Volks-Wagen Golf ist eben kein gleichmachendes Fahrzeug, sondern eröffnet in zahlreichen Varianten nahezu alle Möglichkeiten der subtilen Binnendifferenzierung. Einen tüchtigen, soliden Golf Diesel und einen Golf GTI (Kabriolet, weißes Styling, Ledersitze) trennen Welten, aber auch die scheinbar geringfügigen Unterschiede der feingefächerten Produktpalette und individuellen Veränderungen (Lackierung, Spoiler, Aufkleber) signalisieren überraschend präzise den mutmaßlichen Status der jeweiligen Besitzer.
Gleich, welches Modell der sozialen Schichtung zugrundegelegt wird, fest steht, daß den Mittelschichten üblicherweise etwa zwei Drittel der Bevölkerung zugerechnet werden. Hier zeigt sich zweifellos die Unzulänglichkeit einer Schichteinteilung, die allzusehr an einer vertikalen Struktur der "Arbeitsgesellschaft orientiert ist. Auch die hilfsweise eingeführten Unterschiede zwischen unterer, mittlerer und oberer Mittelschicht können nicht darüber hinwegtäuschen, wie groß die Distanz zwischen einzelnen Fraktionen der Mittelschichten tatsächlich ist. Im Hinblick darauf ist Reinhard Kreckels Klage sicher berechtigt, daß es der herkömmlichen Ungleichheitsforschung "nur unzureichend gelang, die unterschiedlichen sozialen Lagen der Bevölkerung, insbesondere die gesellschaftlichen Mittcllagen mit theoretischen Mitteln so differenziert und genau zu bestimmen, daß die alltägliche Erfahrungswelt der Betroffenen davon nicht bis zur Unkenntlichkeit verfremdet wurde (Kreckel 1983, 5). Es reicht nicht aus, soziale Unterschiede allein mittels Einkommen oder der (Nicht-)Verfügung über Produktionsmittel zu analysieren. Wenn bei gleichem Einkommen deutlich abweichende Lebensstile zu konstatieren sind, müssen weitere ungleich-heitsrclevante Kriterien herangezogen werden.

Plastisch und wie üblich amüsant beschreibt Paul Fussell, John Brooks folgend, an amerikanischen Beispielen Unterschiede, die in den herkömmlichen vertikalen Schichtungsmodellen ausgeblendet bleiben. Verglichen werden zwei amerikanische Familien, die in benachbarten Häusern einer Vorstadt leben:
One man is "blue-collar. a garage mechanic. The other is "white-collar, an employee in a Publishing house. They make roughly the same amount of money, but what a difference. "Mr. Blue bought a small, neat "ranch house. "Mr. White bought a beat-up old house and refurbished it himself. Mrs. Blue uses the local shops. especially those in the nearby Shopping cen-ter. and thinks them wondcrful, "so convenient. Mrs. White goes lo the city to buy her clothes. The Blues drink, but rather furtively, and usually on Saturday night with the curtains closed. The Whites drink openly, often right out in the backyard. "The Blues shout to each other. from room to room of their house or from corner to corner of their lot, without self-consciousness: the Whites modulate their voiees to the poinl where they sometimes can't hear each other (Fussell 1983.17f.).


Sucht man nach Spezifika des Selbstverständnisses deutscher Mittelschichten, so stellen sich rasch Bilder ein. die die unverminderte Wirkung des Öffentlichen Dienstes bezeugen. Eine festgefügte Hierarchie, die Dauerhaftigkeit und Sicherheit des Arbeitsplatzes, verbunden mit all den Wohlfahrtsleistungen, die Vater/Mutter Staat seinen/ihren Dienerinnen/Dienern gewährt, konstituieren nicht nur das Selbstbild der deutschen Beamtenschaft, sondern strahlen auch als Leitvorstellung aus auf die Angestellten und teilweise auch in Bereiche der privaten Wirtschaft. Die oft genannten Privilegien der Beamten sind stattlich. Sie bestehen vor allem in folgenden Faktoren:

Unkündbarkeit. Altersversorgung ohne eigenen Beitrag, Befreiung von Arbeitslosenversicherung, Regelbeförderung, Dienstaltersstufen, Stellen-anhebung. Durchstufung, Beamtenläden, günstigen Tarifen für Kraftfahrzeug- und Krankenversicherung, Beihilfen im Krankheitsfall, sozialen Hilfswerken, verbilligten Baudarlehen (M. und S. Greiffenhagen 1981, 74).
In der Abstufung der Beamtenschaft spiegelt sich die innere Differenzierung und Hierarchisierung der Mittelschichten; sie beginnt mit dem einfachen Dienst (z.B. einem Oberamisgehilfen), steigert sich über den mittleren (z.B. Hauptsekretär) und den gehobenen Dienst (Amlmann/-männin) bis zum höheren Dienst z.B. an Universitäten: Akademischer Rat, Akademischer Oberrat. Akademischer Direktor; in Schulen: Studienrat. Oberstudienrat, Studiendirektor. Oberstudiendirektor).

Von einer Laufbahn in die nächsthöhere zu wechseln ist durch viele Hürden erschwert, der Regelaufstieg innerhalb der jeweiligen Laufbahn ist dagegen vorgesehen. Damit immer noch nicht genug: Unterschieden werden muß darüber hinaus zwischen städtischen, Landes- und Bundesbeamten.


Der tertiäre Bereich und mit ihm der öffentliche Dienst, insbesondere Angestellte und Beamte, ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten überproportional gewachsen: der landwirtschaftliche und der klassisch industrielle Produktionssektor schrumpfen. Ganze Berufsgruppen, die über ein Jahrhundert das Bild von der mit besonderer körperlicher Belastung und gesundheitlichen Risiken verbundenen Industriearbeit prägten, sind im Schwinden begriffen. Vollautomatisierte und computerisierte Fertigungsstraßen etwa im Automobilbau oder hochaseptische Laboratorien der Mikrochip-Produktion zeigen den vorherrschenden Trend. Damit verschwimmt die früher relativ deutliche Grenzziehung zwischen Arbeitern und Angestellten und zugleich die zwischen Unter- und Mittelschicht. Längst lassen sich ganze Gruppen von Angestellten (z.B. Bürogehilfen. Verkäuferinnen und Verkäufer) identifizieren, die - was das Gehalt angeht - unter den Status von Facharbeitern geraten sind. Versuche, Arbeiter und Angestellte tarifrechtlich gleichzustellen, sind in der chemischen Industrie am weitesten gediehen, wo es künftig nur noch Angestellte geben soll. Die durch den technologischen Wandel entstandenen neuen Berufe und Berufsbilder konkurrieren immer stärker mit den traditionellen Leitmustern des Öffentlichen Dienstes. Das spiegelt sich auch in veränderten Lebensstilen und wird im Freizeitverhalten besonders sichtbar. Man kann beobachten, daß gerade die neuen Mittelschichten individualisierte und leistungs-bezogene Sportarten (Tennis. Squash, Jogging und Fitneßtraining) bevorzugen. Klassische Mannschaftsspiele wie Fußball bleiben eher die Domäne der Unter-und "alten Mittelschichten, deren Arbeitsbedingungen weit mehr kollektive Verhallensmuster voraussetzen und erzeugen.

Unterschichten

Es scheint nahezu selbstverständlich, Unterschicht und Arbeiterschaft gleichzusetzen. Der skizzierte Strukturwandel zeigt, daß diese einst sinnvolle Gleichung so nicht mehr aufgeht, zumal typisch "proletarische Berufe und Lebenszusammenhänge im Abnehmen sind. Gleichwohl rekrutiert sich die Unterschicht zu großen Teilen aus jenen Gesellschaftsgruppen, die auf schwere körperliche Arbeit unter oft gesundheitsgefährdenden Bedingungen angewiesen sind.
Auf der industriellen Seite der oberen Unterschicht ist der größte Teil der Industriearbeiter zu finden, also etwa die Elektroschweißer. Eisengießer. Dreher. Maschinenschlosser und Stanzer. Traditionell fühlen sie sich bewußt als "nach unten gehörig und setzen sich von "denen da oben ab. Nicht viel anders steht es in der unteren Unterschicht, den Berufen mit harter körperlicher Arbeit im Freien, den Bauarbeitern, Straßenarbeitern, Hafenarbeilern. Das ..die da oben und "wir hier unlen kann als typisch auch für das Gesellschaftsbild dieser Gruppe angesehen werden. Für sie ist die Gesellschaft zweigeteilt. Der obere Teil beginnt bereits kurz über ihnen und schließt alle jene ein. die in irgendeiner, auch noch so geringfügigen Weise an Herrschafts- oder Machtausübung teilhaben (Ciaessens u.a. 1985,302).
In der Einschätzung anderer Schichten, aber auch real tauchen verstärkt Gruppen auf, die den Unterschichten zugerechnet werden müssen: viele der ausländischen Arbeitnehmer (Straßenkehrer, Müllabfuhr, Hilfsarbeiter), Dauerarbeitslose und Sozialhilfecmpfänger, auch Rentner. Am untersten Rand und oft außerhalb des Blickfeldes rangieren die sozial Verachteten und die Asylbewerber, neuerdings auch zum Teil die Aus- und Übersiedler.
Allen Vorstellungen von einem sozialen Ausgleich zwischen den Schichten zum Trotz zeigen praktisch alle empirischen Untersuchungen deutliche Benachteiligungen der Unterschichten. Lebenschancen wahrzunehmen, die für mittlere und höhere Schichten selbstverständlich erscheinen. Zu den materiellen Benachteiligungen kommen die sozialen, politischen und kulturellen hinzu: Ein Blick in die Gemeinde-, Landes- oder Bundesparlamente mag schlaglichtartig verdeutlichen, wie schlecht diese Bevölkerungsgruppe auf allen politischen Ebenen repräsentiert ist und wie gering ihre Chancen sind, ihre Interessen selbst aktiv zu vertreten.

Als Beispiel für blockierte oder nicht wahrgenommene Lebenschancen wählen wir den Bereich "Bildung. Keine Bevölkerungsgruppe hat ähnlich geringe Bildungschancen wie die Unterschichten. Und das, obgleich in den 60er und 70er Jahren enorme Anstrengungen zur Reformierung der Bildungspolitik unternommen wurden. Zwar ist seitdem die Zahl der studierenden Kinder aus Arbeiterfamilien gestiegen, doch zeigt sich heute ein paradoxes Ergebnis. Rainer Geißler kommt in seiner Untersuchung der sozialen Schichtung und Bildungschancen zu dem Ergebnis:
Die Kinder aller vier Berufsgruppen (Beamte, Angestellte. Selbständige, Arbeiter - d.V.) haben ihre Studienchancen vergrößern können, aber die Chancenunterschiede zwischen den Gruppen sind dabei nicht kleiner, sonder größer geworden (Geißler 1987,85).
Die Kinder aus der Unterschicht, insbesondere von un- und angelernten Arbeitern, profitieren demnach in geringerem Maße von der Bildungsexpansion. Sie haben gegenüber den traditionell begünstigten Schichten und Gruppen relativ an Boden verloren, während beispielsweise Kinder aus Beamtenfamilien, die auch schon früher die höchsten Studienquoten aufzuweisen hatten, die verbesserten Zugangsmöglichkeiten zu den höheren Schulen und Universitäten am stärksten nutzen konnten. Nach den Berechnungen des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft sah es 1981 so aus: Fünf Prozent der 19-21jährigen Arbeiterkinder begannen ein Hochschulstudium, während 21 Prozent ihrer Altersgenossen aus den Angestellten- und Sclbständigen-familicn den gleichen Weg einschlugen und gar 36 Prozent der Beamtenkinder in solchen Laufbahnen wiederzufinden sind. Inzwischen hat sich die Schere weiter geöffnet: Anhaltende Massenarbeitslosigkeit, die Anpassung an den Qualifikationsbedarf des Arbeitsmarktes, die Diskussion über die "Abiturienten-Schwemme und Akademiker-Arbeitslosigkeit lassen Arbeiterkinder -und unter ihnen wiederum vor allem junge Frauen - mehr als andere weiterführende Bildungschancen nicht wahrnehmen.












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