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Phasen der prähistorischen Forschung



Phasen der prähistorischen Forschung

Versucht man eine Periodisierung der Forschungen und Leitbilder, so lassen sich ungefähr drei Phasen archäologischer Forschung unterscheiden.
Zunächst entstand unter romantischen Vorzeichen eine "vaterländische Altertumskunde". Ihr war das aufklärerische 18. Jahrhundert vorausgegangen, in dessen Verlauf man die Bodenfunde als Zeugnisse menschlichen Lebens zu akzeptieren lernte (Abb. 1). In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts widmeten sich engagierte Dilettanten den heimischen Denkmälern in der jeweiligen Nachbarschaft. Man sah darin Monumente der Vorfahren und konnte sich mangels Beweisen endlos darum streiten, ob es Kelten, Germanen oder Slawen gewesen waren. Selbstrständlich hatten die alten Germanen bereits das Eisen gekannt, wie Ludwig Giesebrecht (1792-1873) betonte, während andere die vielen "schönen" Bronzefunde selbstrständlich den Germanen zurechneten. Dabei waren die Zuweisungen noch unabhängig von der Nationalität der Forscher: es gab "Keltomanen" und "Germanomanen" in den deutschen Staaten, und es gab polnische Altertumsforscher, die die Bronzefunde Germanen zuschrieben. Erst als, beginnend mit Christian Jürgensen Thomsens (1788-1865) Drei-Perioden-System der Vorgeschichte, zeitliche Unterscheidungen der Funde und Monumente möglich wurden, ließ sich in der historischen Interpretation vorankommen.


Abb. 1. Die sogenannten "Prillwitzer Idole" galten noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mitunter als mittelalterliche slawische Götteruren. Tatsächlich produzierten zwei Neubrandenburger Goldschmiede, die Brüder Jabob und Gideon Sponholz mit ihren Gesellen 1767/68 etwa vier Dutzend bronzene Idole, die sich an unterschiedlichsten "Vorbildern" von der Antike bis zur Neuen Welt orientierten. Runeninschriften (in deutscher und slawischer Sprache!) wiesen die Idole als aus Rethra stammend aus und nannten zugleich den Namen des jeweils dargestellten Gottes. Angeblich waren sie siebzig Jahre zuvor vom Prediger Samuel Friedrich Sponholz im Prillwitzer Pfarrgarten gefunden worden. Hier abgebildet ist "Nemisa", der mit seiner Keule an Herkules erinnert (nach MASCH/WOGEN 1771, Abb. 7).

Im Verlauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam es zur Herausbildung der "nationalen Vorgeschichte", die zuweilen nationalistische Züge annehmen konnte. Auch weiterhin ging es um die Vorfahren, doch nun rengte sich der Blick zunehmend auf die eigenen nationalen Ahnen. Unter dem Einfluss der Linguistik, besonders des indogermanistischen Stammbaummodells, rückte die Herkunft der ältesten, der ersten Bevölkerung in den Mittelpunkt des Interesses (Abb. 2).

Abb. 2. "Urgermanen", "Urkelten", "Urslawen", "Urneter", "Urbalten" und "ugrofinnische Stämme" in Periode II der Bronzezeit. Die auf linguistischen Annahmen beruhende Darstellung rnachlässigt, dass diese Sprachgruppen nicht mit den Kategorien der antiken Ethnographie rmengt werden dürfen. Außerdem gehören Kelten, Germanen und Slawen in unterschiedliche zeitliche Zusammenhänge; sie können
deshalb nicht gleichzeitig kartiert werden (nach HENSEL 1974, 103 Abb. 67).
Der liberale Rudolf Virchow (1821-1902) konstatierte: "Niemand wird sich in seinen Vorstellungen über den Zusammenhang unserer Prähistorie mit andern Kulturbewegungen frei machen können von der Betrachtung: waren unsere Vorfahren schon in der letzten Steinzeit in diesem Lande? sassen hier schon damals Germanen oder meinetwegen Slan? sassen sie hier schon in wohlbegründeten Sitzen, die sie trotz der Aufnahme neuer Kulturelemente beibehielten? oder geschah damals eine grosse Verschiebung der Völkersitze, welche vielleicht mit dem ersten grossen Einbruch der östlichen Völker zusammenhängt? Wir mögen uns noch so sehr frei zu halten suchen von theoretischen Betrachtungen über die Origines gentium, es gibt doch kein Gemüth, das so hartgesotten wäre, dass es nicht zuletzt einigermassen bestimmt wird von dem Gefühl der näheren Zusammengehörigkeit, in dem es mit andern Personen und in dem sein Volk mit andern Völkern steht [] so ist es thatsächlich ein Verhältniss von äusserster Wichtigkeit für das Verständniss dessen, was menschliche Entwicklung heisst, wenn man genau feststellen kann, wie lange sich die jetzige uns geläue Kultur an ein bestimmtes höher ranlagtes Volk knüpft und in wie weit es möglich ist, dieses Volk als auf unserm Boden sesshaft anzunehmen. Das sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen müssen."
Dass hier die methodischen Möglichkeiten der Archäologie rasch überschritten sind, war Virchow wohl bewusst: "Bei der Frage der Nationalität hört eigentlich alles regelrechte Fragen auf, sobald wir nicht mehr die Sprache, die Linguistik als Grundlage haben". "Wenn wir immer gepeinigt werden, zu sagen, was waren das für 'Völker', so müssen wir sagen, das wissen wir nicht." Doch im Fach, den Nachbardisziplinen (Historiographie, Linguistik, Anthropologie, Ethnologie und Volkskunde) und der interessierten Öffentlichkeit gewann eine Auffassung immer mehr Anhänger, die Gustaf Kossinna (1858-1931) paradigmatisch formulierte: "Scharf umgrenzte archäologische Kulturprovinzen decken sich zu allen Zeiten mit ganz bestimmten Völkern oder Völkerstämmen". Dieser unbeweisbare "Glaubenssatz" zeigt, wie sehr sich die Perspekti von der zeitlichen auf die räumliche Ebene rlagerte. Als die relati Chronologie immer genauer wurde, interessierte man sich - im Zeitalter des "Imperialismus" - für die geographische Ausdehnung von "Fundprovinzen" und deren Hintergrund. Parallel zueinander und wohl nicht unbeeinflusst voneinander wurden die Modelle des "Kulturkreises" in der Ethnologie und der "archäologischen Kultur" in der Prähistorie entwickelt; beide Disziplinen bedurften - ebenso wie die Volkskunde - angesichts riesiger Materialsammlungen der methodischen Grundlegung. In der Zwischenkriegszeit elierte sich das Konzept der "archäologischen Kultur" (Abb. 3). Gleichzeitig erlebte die "Rasse" eine besondere Konjunktur; "daß auch jede größere Untergruppe der Hauptkulturen ihre besondere Rassenabart besitzt", wurde zur gängigen Vorstellung.

Abb. 3. Drei alternati Konzepte "archäologischer Kulturen". Zugrunde liegen jeweils unterschiedliche Auffassungen, wie Kulturen räumlich abzugrenzen sind. - Links: Kulturen werden als distinkt und homogen begriffen; sie stoßen wie Billardkugeln aneinander. Mitte: Kulturen besitzen einen Kern mit der größten Merkmalsdichte; zur Peripherie hin nehmen die charakteristischen Merkmale konzentrisch ab. Rechts: Kulturelemente sind sehr unterschiedlich rteilt; die Abgrenzung von archäologischen Kulturgruppen aus diesem kulturellen Kontinuum bleibt eine wissenschaftliche Klassifikation (nach CLARKE 1968, 246 Abb. 53).
Nach 1945 war die Vorgeschichtsforschung diskreditiert. Entgegen manchen Befürchtungen gab es aber nirgendwo ernsthafte Bestrebungen zur Einstellung; zu sehr war das Fach eliert. Für Ostmitteleuropa bestand - angesichts der maßlosen Übertreibungen "altgermanischer Kulturhöhe" - ein erheblicher Forschungsbedarf zur Frühgeschichte der Slawen. Große Forschungsprogramme wurden aufgelegt und erhebliche finanzielle Mittel bewilligt. Auf diese Weise wurden nach und nach großflächige Ausgrabungen von offenen und befestigten Siedlungen ebenso möglich wie der forcierte Einsatz naturwissenschaftlicher Prospektions- und Analyserfahren. Der Durchbruch der modernen Siedlungsarchäologie (die mit den Wurtengrabungen in den Niederlanden und der Ausgrabung von Haithabu zwischen den Weltkriegen begonnen hatte) war für Ostmitteleuropa besonders relevant, weil dort die früh- und hochmittelalterlichen Grabfunde weit weniger aussagekräftig als anderenorts sind. Erst die Siedlungsforschung ermöglichte tiefere Einblicke in soziale Strukturen und wirtschaftliche Verhältnisse (Abb. 4).

Abb. 4. der Grabungsflächen in Groß Raden (1973-1980). Mit Hilfe solch großflächiger Ausgrabungen wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts umfassende Einblicke in Siedlungsstrukturen möglich
(nach SCHULDT 1985, 11 Abb. 4).
Die unbesehene Gleichsetzung "archäologischer Kulturen" und "früher Völker" schien sich nach 1945 überlebt zu haben. Im Westen bestand die Reaktion in einem rmeintlich positivistischen Rückzug: statt von "Stämmen" und "Völkern" war nur noch von "archäologischen Kulturen" die Rede. Tatsächlich stellte dies aber nur eine oberflächliche Veränderung dar, denn die zugrundeliegenden Vorstellungen wurden implizit beibehalten. In der sowjetischen Archäologie hatte man sich in den 1920er Jahren von Nikolaj Jakovlevič Marrs (1864-1934) "Stadientheorie" leiten lassen; als Stalin dieses Modell 1950 fallenließ, bedeutete dies - von den Betroffenen weitgehend unbemerkt - eine unmittelbare Hinwendung zum Kossinnaschen Konzept, das aber "offiziell" hement bekämpft und rdammt wurde. In Polen tradierten Kostrzewski und Konrad Jażdżewski (1908-1985) diese Vorstellungen. Die Herausbildung der New Archaeology bewirkte seit den 1960er Jahren eine (vorübergehende) Abkehr von "kulturgeschichtlichen" Fragestellungen, doch wurde diese anglo-amerikanische Strömung in Mitteleuropa höchstens am Rande wahrgenommen. Postmoderne Ansätze (post-processual archaeology) rücken in jüngerer Zeit wieder stärker Individuen und Identitäten, Symbole und (kulturelle) Bedeutungen in den Mittelpunkt, ohne dass die methodischen Grundlagen bereits geschaffen sind.
Zielt man primär auf eine Wissens- und nicht eine Wissenschaftsgeschichte, so würden sich auch andere Phasengliederungen anbieten. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts waren die entscheidenden chronologischen und chorologischen Grundlagen archäologischer Forschung gelegt; für alle Perioden waren überregional rgleichbare Zeitstufen abgegrenzt worden, und für die Raumanalyse stand das Konzept der "archäologischen Kultur" zur Verfügung. Auf diesen Klassifikationen aufbauend, konnten historische Fragestellungen rfolgt werden. Quellengrundlage blieben zunächst hauptsächlich die Grabfunde, die aus Bronze-, Eisen- und Kaiserzeit in beträchtlicher Anzahl vorliegen, für das "slawische Mittelalter" jedoch oft rar und beigabenarm sind. Für die Ausgrabung von Siedlungen bedurfte es erst noch der Erkenntnis, dass auch hölzerne Bauten anhand von Pfostenlöchern und Balkenspuren im Boden zu erkennen sind. Carl Schuchhardt (1859-1943) übertrug diese Einsicht der provinzialrömischen Archäologie auf die ostdeutschen Gebiete. Damit konnte man nun Burgwallgrabungen unternehmen, die in den späten 1920er Jahren im Rahmen der Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der nord- und ostdeutschen vor- und frühgeschichtlichen Wall- und Wehranlagen zusammengefasst und koordiniert wurden. Auch der Hausbau wurde nun zum Thema archäologischer Untersuchungen, angeregt von der volkskundlichen Forschung.
Als unirsitäres Fach konnte sich die prähistorische Archäologie erst zwischen 1920 und 1950 elieren, wobei die jeweiligen politischen Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle spielten. Nach ersten Anfängen zwischen den Weltkriegen erfuhr die Siedlungsforschung nach 1945 einen großen Aufschwung; großflächige Untersuchungen erlaubten erstmals Einblicke in ausgedehnte und differenzierte Siedlungen, deren Binnenstruktur und Wirtschaft. Naturwissenschaftliche Analyse- und Datierungsrfahren (14C-Datierung, Dendrochronologie, Archäobotanik, Archäozoologie, Mineralogie, Geologie, Klimatologie, Phosphatanalysen) erweiterten die Aussagemöglichkeiten enorm - von der Ernährung über Herstellungstechniken bis zu Austauschbeziehungen und deren absolutchronologischer Einordnung. Seitdem sind interdisziplinäre Projekte an der Tagesordnung. Die seit den 1990er Jahren rstärkt eingesetzte Dendrochronologie stellt den vorerst letzten Innovationsschub dar, durch den viele rtraute Zeitansätze überprüft und korrigiert werden müssen.












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