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NEUE GRUPPIERUNGEN UND DISPARITATEN




NEUE GRUPPIERUNGEN UND DISPARITATEN

Wie bereits das Kapitel "Lebensstile in der Bundesrepublik Deutschland thematisiert auch diese Untersuchung die soziale Differenziertheit der deutschen Gesellschaft und zeigt neue Gruppierungen und Disparitäten, um der Gefahr einer unzulässigen Homogenisierung zu begegnen. Während das Lebensstil-Kapitel die Distinktionsfunktion sozialer und kultureller Unterschiede betonte, geht die folgende Darstellung n Individualisierungsprozessen aus, die weniger in ihrer kulturspezifischen Ausprägung als vielmehr im Kontext vergleichbarer internationaler Entwicklungen in modernen Induslriegesellschaften betrachtet werden. Wenn man eine deutsche Besonderheit in dieser Entwicklung sucht, so muß man natürlich an die unterschiedlichen Gesellschaftssysteme in beiden deutschen Staaten denken - an eine nach westlichem Muster organisierte in der alten Bundesrepublik und eine überwiegend patriarchalisch strukturierte in der ehemaligen DDR mit ihrer alle Lebensbereiche umfassenden staatlichen Reglementierung und Fürsorge. Es ist noch nicht absehbar, wie die in der früheren Bundesrepublik längst in Gang gekommene Individualisierung (verstanden als freiwillige wie erzwungene Selbstzuständigkeit n einzelnen und Gruppen) sich in den neuen Bundesländern auswirken wird, wo eine ganze Gesellschaft jäh mit bis dahin unbekannten Risiken fertig werden muß. Die folgende Diagnose orientiert sich aus diesem Grunde fast ausschließlich an Disparitäten und neuen Gruppierungen in Westdeutschland.



Return to Waterloo

Das Phänomen der "Gruppenkulturen und "Subkulturen ist alt, die Bezeichnungen aber gelangten in ihre medienwirksame Hochkonjunktur erst während der sechziger Jahre dieses Jahrhunderts. Die deutsche Wandervogelbewegung nach der Jahrhundertwende etwa war ein Paradebeispiel für eine generationsspezifische Gruppenkultur, sie wird aber erst nachträglich in dieses Schubfach eingeordnet. Der Grund dafür ist nicht allein im Siegeszug der soziologischen Begrifflichkeit zu suchen, sondern ebenso in einer Internalionalisierung von Gruppenkulturen und Lebensstilen. Die Wandervögel begriffen sich zwar im Kontext grenzüberschreitender Kulturwandlungen, in ihrer Praxis waren sie jedoch ganz auf ihre deutsche Sprache und daran gebundene Traditionen bezogen. Die sechziger Jahre hingegen waren ein durch und durch "anglo-ameri-kanisches Jahrzehnt. Selbst Subkulturen, die sich als entschiedene Opposition zu dem US-System verstanden, wie die Studentenbewegung, die Hippies, die existentialistischen Beatnicks, waren geprägt durch kulturelle Vorbilder, die sich am reinsten in Berkeley, in San Francisco oder in Greenwich Village herausschälten. Den Unterschied zu erklären verlangt keine außergewöhnliche Tiefgründigkeit: Die Wandervögel mußten sich noch auf Kulturmedien beschränken, die nur eine sehr begrenzte Reichweite besaßen: die akustische Gitarre, der eigene Gesang, Flugschriften und Versammlungen unter freiem Himmel. Das Kino, das Radio, das Fernsehen, die Schallplatte haben diese Fesseln gesprengt und den Weg für weltumspannende Trends geebnet, in denen nationale Subkulturen meist nur als Abwandlungen oder gar Epigonen erschienen. Die Verbreitung von Englischkenntnissen durch die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges und durch steigende Ausbildungsniveaus mag den Trend unterstützt haben. Der beispiellose Erfolg der englischen und amerikanischen Popmusik in den sechziger Jahren hat diesem Jahrzehnt den Stempel aufgedrückt - befragten Zeitgenossen fallen oft zuerst Namen wie John Lennon oder Bob Dylan ein, wenn es gilt, "prägende Persönlichkeiten dieser Epoche zu nennen. Für die Profilierung einer kulturellen Gruppenidentität, die sich in bewußten Gegensatz zur überkommenen, routinierten Erwachscnenwelt brachte, war das Medium "Rockmusik zur dominierenden Ausdrucksform geworden. Dies erklärt auch die nostalgische Glorifizierung aus der Sicht der heute Vierzigjährigen: Die "Sixties erscheinen als die Emanation einer internalionalen Jugendkultur mit vielen Darstellungsformen, aber doch gleichem Sprachschatz, der sich in der Pop-Kultur kristallisierte. Die Helden und Kinder sind müde bzw. alt geworden - die sechziger Jahre haben aber auch aus heuliger Sicht ihre Schlüsselstellung behalten. Sie sind gewissermaßen der Knotenpunkt, von dem die heutige Vielfalt kultureller Verflechtungen und Entwicklungsfäden ihren Ausgang nimmt. Einige der Fäden lassen sich auch bis in die Gegenwart hinein verfolgen. Die englische Gruppe "Kinks ist z.B. immer noch auf der Szene. Als getreulicher Repetitor des Zeitgeistes porträtiert Ray Davies in seinen heutigen Songs junge, smarte Konservative, zeitvergessene Rock'n'Roll-Fans, arbeitslose "Videoten. alerte Business-Jetler... Der Sarkasmus war immer da. in den sechziger Jahren aber wählte er sich ein anderes Objekt:

'Cause he gets up in the morning
And he goes to work at nine
And he comes back home at 5.30
Gels the same train every time
'Cause his world is built on punctuality it never fails
And he's oh so good
And he's oh so fine
And he's oh so healthy in his body and his mind
He's a well-respecied man about town
Doing the best things so conservatively.
(A Well-Respected Man, 1965)

Der Spott richtete sich gegen die eigenschaftslosen Durchschnittsmenschen der unteren Mittelschicht, sie erschienen als stumpfe, gesichtslose Masse ("Millions of people swarming like flies round Waterloo Underground. Watcrloo Sunset, 1967). ihr Leben versandete in immer gleichen Routinen:

I like my foolball on a Saturday
Roast beef on Sunday's alright
I go to Blackpool for my holidays
Sit in the open sunlight
This is my Street and I never gonna leave it...
(Autumn Almanac, 1967)

Die "Kinks verhöhnten die Welt, der sie selbst entstammten: den grauen Alltag ängstlicher "kleiner Leute, die stets darauf bedacht waren, nicht anders zu sein als ihre Nachbarn. Der Spott aber markiert bereits eine Ablösung: die Pop-Heroen entfremdeten sich rasch ihrer Herkunft und wurden zu Leitfiguren der vielen Jugend- und Subkulturen, die in den sechziger Jahren hervorsprossen. Was die "Kinks eine Zeitlang für die Mods waren, bedeuteten andere Gruppen für die Hippies, die Peacenicks, die Rocker, die psychedelischen Drop-Outs. Diese Eruption vielfältiger, unkonventioneller Lebensformen begründet auch heute noch die Legende der sechziger Jahre, gerade vor dem Hintergrund der angepaßten Langeweile, die dem Jahrzehnt davor zugeschrieben wird. Legenden entstehen selten aus dem Nichts - auch der Themenwechsel bei den "Kinks signalisiert ja, daß sich seither etwas verändert hat. Die Welt ist - oberhalb eines gewissen Wohlstandsniveaus zumindest - buntscheckiger und beweglicher geworden, alte Routinen haben ihre Selbstverständlichkeil eingebüßt. Eine Chance, die in den sechziger Jahren zuerst rebellische Jugendkulturen ergriffen, hat inzwischen viel weitere Kreise gezogen: die Chance, sein eigenes Leben bewußt nach bestimmten, in Grenzen wählbaren Kulturmustern auszurichten, statt nur das Vorgefundene zu wiederholen, in das man hineingeboren wurde. Der heute in der Sozialwissenschaft so gängige Begriff des "Lebensstils zeigt diese aktive Komponente im Sinne einer "Selbststilisierung an (vgl. Lüdtke 1989.40).
Diese Chance aber ist - was noch dargelegt wird - keineswegs gleichmäßig über die Gesellschaft verteilt; sie ist geprägt durch soziale Ungleichheit und schafft neue Ungleichheiten zwischen den Menschen. Ferner sind die Wahlmöglichkeilen nicht grenzenlos und beliebig, sie halten sich an gesellschaftlich vorgeprägte Repertoires: schließlich will auch der "Unkonventionelle bei Gleichgesinnten Beifall finden! Beide Aspekte der Themenstellung gehören darum zusammen: wir erleben eine Gesellschaft, die sich in mancherlei Hinsicht neu "gruppiert, die darum aber auch "disparal erscheint. Der Zugang zu Gruppenkulturen ist ungleich verteilt, die Gesellschaft wird aber auch ungleich erfahren, je nachdem, welche Zugehörigkeit die Wahrnehmung prägt.
"Disparitäten werden häufig mit der Claus Offe und anderen Erben der "Frankfurter Schule zugeschriebenen ..Disparitätsthese gleichgesetzt. Diese These besagt im Kern, daß im "Spätkapitalismus die vertikale Ungleichheit zwischen den überkommenen Klassen überlagert werde von neuen, zum Teil horizontalen Disparitäten, die vor allem aus den Steuerungs- und Verteilungsleistungen des Staates folgen. Die Begünstigung oder Schädigung von Lebensbereichen und sozialen Lagen folgt dann vor allem aus politischen Einflußmöglichkeiten - wie z.B. aus der Konflikt- und Organisationsfähigkeit von Interessen (vgl. Offe 1972, 153f.).
Der hier verwendete Disparitätsbegriff ist anspruchsloser und weiter zugleich: anspruchsloser, weil mit ihm kein Anlauf zu einer neuen Gesellschaftstheorie unternommen wird, weiter, weil er nicht auf die staatliche Vermittlung von Lebenschancen allein zielt, sondern ganz allgemein auf Entwicklungen, die ein und dieselbe Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven als "disparat erscheinen lassen. Dies kann aus objektiven Gründen geschehen, sei es durch die vertikale Gliederung sozialer Ungleichheit, sei es durch die eher horizontale Verteilung von Milieus, Regionen usw. In diesem Sinne verwenden wir "Gruppen als einen vagen Stellvertreterbegriff für größere soziale Gebilde, deren genauere Bestimmung jeweils noch aussteht. "Gruppenkulturen deutet darüber hinaus an, daß die neue "Disparität der Gesellschaftserfahrung zusätzlich auch eher subjektive Gründe haben kann. Vorurteile, subkulturelle Deutungsmuster und Entfremdungsphänomene seien hier nur als Stichworte genannt.


Individualisierung

Um Maßstäbe für die heutige Dynamik der Individualisierung und Bildung von neuen Gruppierungen zu gewinnen, stecken wir den Rahmen bewußt sehr weit ab. Nehmen wir also als Gegenbild zunächst vormoderne, ländliche Verhältnisse, in denen das gesamte Leben für viele in nur einer engen, örtlichen Gemeinschaft abücf. Hier fehlen wesentliche Aspekte, die wir mit unserem heutigen Verständnis einer Persönlichkeitswerdung untrennbar verbinden: Rollenwechsel, dramatische Wandlungen des Selbstverständnisses in verschiedenen Etappen des Generationenkonflikts, die Krisen des Bildungsprozesses und der Haushaltsgründung. Im Vergleich zu heute waren die Menschen von Beginn an auf nur wenig veränderliche Rollenmuster festgelegt: durch ihren Lebenslauf entfalteten sie nicht ihre inneren Anlagen, sondern füllten das Raster aus, das ihnen durch die traditionalen Ordnungen und die gemeinschaftlichen Erwartungen vorgegeben war. Die Individualisierung ist nicht von der Herauslösung aus lokalen, stabilen Ordnungen zu trennen - nur der Mensch, der in immer neuen, nicht vorgeprägten sozialen Begegnungen sich bewähren muß, wird bei der Beantwortung der Frage "Wer bin ich eigentlich? auf die Entwicklung des eigenen Inneren zurückgeworfen. Nicht zufällig beginnt der moderne Bildungsroman in Deutschland als Reisebeschreibung. Die Formierung von Individualität wird bekanntlich oft als sehr krisenhaft erfahren - es entsteht der Bedarf für eine Kontinuitätserfahrung, die an die Stelle der früheren, lokalen Stabilität tritt. Soziologen sehen diese Funktion ausgefüllt mit den Stadien der Normalbiographie, die ja nicht nur bestimmte Lebensphasen umriß (Kindheit. Jugend, Erwachsensein), sondern diesen auch Verhaltenserwartungen und somit Orientierungshilfen beigab. Solche Phasen schufen gewiß auch Gruppenkulturen, doch waren diese durch breitere Soziallagen eingefärbt. Das in der deutschen Gegenwartsliteratur so beliebte Sujet der bäuerlichen Rückerinnerung macht uns klar, daß Kindheit auf dem Dorf etwas grundsätzlich anderes bedeutete als "Unordnung und frühes Leid in einem Professorenhaushalt, wie ihn Thomas Manns Erzählung aus dem Jahr 1925 darstellt.

Wohlgemerkt: die Schichtzugehörigkeit bestimmt die jeweilige Ausformung der biographischen Stadien, diese erlangen jedoch als institutionalisierte Kulturmuster eine relative Selbständigkeit gegenüber Klassen und Schichten. Es kann sogar sein, daß zeitweilig die Bedeutung von solchen generationsspezifischen Orientierungen zunimmt, weil die Prägekraft der Klassen- und Schichtzugehörigkeit nachläßt. Während der sechziger Jahre hat Ralf Dahrendorf die zuletzt genannte Entwicklung für die westlichen Gesellschaften behauptet: Die Konfliktfronten verliefen nicht mehr entlang alles dominierender Klassenlagen, sondern trügen mittlerweile einen vielfältig überlappenden und gruppenspezifischen Charakter, der nicht mehr nur die übermächtige Front "Lohnarbeit versus Kapital, sondern vor allem buntscheckige, pluralistische Interessendurchsetzung auf den Plan rufe (Dahrendorf 1972, 90). Dieser Befund, der zunächst nur den Konjunkturaufschwung für Interessenorganisationen erklären helfen sollte, kann auch auf das Aufkommen einer "Generationspolitik ausgedehnt werden. Die Jugend- und Studentenproteste der sechziger und siebziger Jahre lassen sich zu einem maßgeblichen Teil darauf zurückführen, daß die überkommenen Organisationsformen des Klassenkonfliktes (Parteien, Gewerkschaften) keinen tauglichen Rahmen mehr abgaben für eine Fundamentalopposition, die sich der kompromißlerischen Erstarrung dieser Gesellschaft widersetzte. Die (sicherlich überbewertete) Formel "Trau keinem über 30! zeigte an. daß sich politische Entfremdung eine Formgebung durch die genera-lionsspezifische Subkultur suchte, weil die alten Konfliktlinien die Front des neuen Unmuts nicht mehr abbildeten.
Genau hier verlief bezeichnenderweise der Bruch zwischen "alten und "neuen Linken, der sich erstmals im Juni 1962 auftat, als die amerikanischen "Students for a Democratic Society (SDS) ihr berühmtes "Port Huron Statement verabschiedeten. Die Mutterorganisation, die alt-linke "League for Industrial Democracy. reagierte entsetzt, denn sie fand ihre liebgewordenen Frontstellungen nicht mehr akzentuiert: Antikommunismus. aber auch organisierte Lohnarbeit und Kapital, denn beide erschienen dem akademischen Nachwuchs als Ausdruck einer entfremdeten, bürokratischen Sozialordnung. Das Zerwürfnis gewann bald seine eigene Dynamik und nahm die Gestalt eines Generationenkonflikts an. Der Verfasser des Manifests, Tom Hayden, erinnert sich:

As a formative experience, we learned a distrust and hostility toward Ihe very people we were dosest to historically. the representatives of the liberal and labor organizations who had once been young radicals themselves. We who had enough trouble gaining aeeeptance from our real parenls were now rejeeted by our political father figures. What was at stake was not ideology. but basic trust from one generation to the next (Hayden 1988.91).

Was lag näher, als den erlebten Konflikt zum neuen politischen Inhalt zu machen? Die später verfaßte Einleitung betont also den Generationenkonflikt, den ethischen Appell an die Jugend, der Zukunft des Landes eine andere Richtung zu geben. Ein weiterer Akzent war bemerkenswert: Die politische Rhetorik der Jungen entfaltete die Kluft zwischen amerikanischen Idealen und amerikanischer Wirklich keil als Paradoxien - ..the old Left would have said contra-diclions. but paradox was an intellectual discovery. not an objeetive conflict (Hayden 1988, 93). Das ist der entscheidende Unterschied: Die Wahl der Konfliktfronten wird in das Subjekt verlagert! Wo prinzipiell alles und jedes "politisierbar ist. verlieren die alten Lager und ihre Organisationen ihre strukturierende Kraft - die freigesetzte "progressive Energie wird vagabundierend. Die Suche nach neuen Koalitionen. Gruppen und auch Gegnern ist die erwartbare Konsequenz: zunächst aber wirkte noch das Wir-Gefühl der Generation, die dies erlebte, als Kitt.
Wenn aber gegenwärtig in der Sozialwissenschaft wieder viel von "Individualisierung gesprochen wird, dann ist damit in der Regel eine qualitativ neue Stufe gemeint, die die genannten Konstellationen der sechziger Jahre weit hinter sich läßt. Die Studentenbewegung in Europa versuchte ja immerhin noch, ihren subkulturellen Protest in die tradierten Raster des Klassenkonflikts zu übersetzen: zunächst, in Verballhornung Herbert Marcuses, als revolutionäres Subjekt auf der Seite der Erniedrigten und Beleidigten der "Dritten Well, danach im Milieu kommunistischer Splittergruppen als Agitatoren einer desinteressierten Arbeiterklasse. Die Übersetzung scheiterte zwar, sie erschien aber immerhin plausibel, weil die Protesthaltung als Gemeinschaftserlebnis eines Großkollektivs erfahren wurde. Diese Selbsteinschälzung war nicht einmal ganz unrealistisch, denn - ähnlich wie im Fall der "Woodstock-Generation der USA (vgl. Weiner/Stillman 1979) - blieben auch in Deutschland die "aktiven 68er in erstaunlichem Maße ihren progressiven Neigungen treu und stellten später den Rückhalt für die Wählerschaft und die Mitglieder der "Grünen (vgl Fogt 1986).
Hier haben wir noch einmal einen späten Beleg dafür, daß eine gemeinsam durchlebte Biographiephase ("Postadoleszenz) mit einem gemeinsamen Sozialstatus (hohe Formalbildung) auch eine relativ homogene und breit streuende Gruppenkultur (nämlich Linksorientierung) hervorbrachte. Die Repräsentanten dieser Kultur zieren seit geraumer Zeit die Witzblätter derer, die an den Gymnasien unter ihnen zu leiden hatten, sie selbst haben sich resignierend schon längst daran gewöhnt, daß "Jungsein und "Linkssein durchaus nicht mehr kongruent sind. Darin äußert sich symptomatisch ein Wandel, der offenbar auch durch Generationserfahrung die Ausprägung breiter kultureller Gemeinsamkeiten unwahrscheinlich macht. Insofern ist eine zweite Stufe der Individualisierung erreicht, als nicht nur die alten Milieus der Klassengesellschaft ins Schwimmen geraten, sondern auch die dazu quer liegende Dimension der Biographiestadien (und die zugehörigen Teilkulturen) ihre Konturen verliert.

Neue Lebensstile und neue Risiken

"Individualisierung hat sich als Schlagwort den Weg hinauf bis zur höchstran-gigen Politikberatung gebahnt. In einem Gutachten für das Bundeskanzleramt lesen wir:
Immer mehr Menschen, immer mehr Familien und Haushalte finden sich in Lebensumständen, für die es keine klaren Verhaltensregelungen gibt. In mancher Hinsicht verringern sich dadurch traditionelle Konflikte und Spannungen. Die Wahlmöglichkeiten für die einzelnen Individuen und Haushalte steigen. Aber auch die Gestaltungs- und Entscheidungsnolwendigkeiten steigen, und es entstehen neue Konflikte und neue Ungleichheiten (Zapf u.a. 1987,17).
Das Resultat sei eine Pluralisierung der Lebensstile, definiert als "Zunahme von gruppen-, milieu- und situationsspezifischen Ordnungsmustern zur Organisation von Lebenslage, Ressourcen und Lebensplanung. Diese Zunahme ist im Querschnitt zu beobachten, d.h. wir können eine größere Streuung innerhalb der Bevölkerung erwarten, und sie ist auch im Längsschnitt zu beobachten, d.h. wir können häufigere Wechsel des Lebensstils im Lebensverlauf erwarten (ebd. 18).
Erinnern wir uns: die typisierenden Biographienmuster und -Stadien waren eine Orientierungshilfe für jene Menschen an der Schwelle zur Moderne, die begannen, sich aus der statischen und lokal beengten Festschreibung ihres Lebens freizumachen. Zusammen mit der Einordnung, auch der Solidarität in Schichten, Klassen. Konfessionen, schuf die Planbarkeit einer "Normalbiographie ein gewisses Maß an Verhaltcnssicherheit. Was geschieht nun, wenn sich die Biographie tatsächlich zu einer Lotterie oder bestenfalls zu einem wählbaren Menü zu wandeln scheint? Befreiung von fremd bestimmten Zwängen, mehr Optionen und gesellschaftliche Vielfalt - so lautet die optimistische Interpretation, die viele gute Argumente für sich hat. Man muß aber kein Fortschrittsfeind sein, um auch die denkbare Schattenseite erwähnen zu dürfen. Mehr Optionen enthalten immer auch mehr Risiken und wecken Ängste vor unbekannten Wegen. Eine denkbare Zuflucht daraus kann in vermeintlich oder tatsächlich bergende neue Kollektive führen. In exakt diesem Sinne möchten wir hier das Phänomen "Gruppen und Gruppenkulturcn als Resultat einer "neuen Beweglichkeil erörtern. Betrachten wir zunächst einmal die unbestrittenen Phänomene, die der oben zitierten Diagnose zugrunde liegen. Dies sind - unvollständig und unsystematisch - etwa die stetig steigende Scheidungsrate oder längere Phasen der Postadoleszenz, die den relativen Lebensanteil in der herkömmlichen Kleinfamilie senken, nicht-eheliches Zusammenleben ebenso wie Einpersonenhaushalte. Anforderungen der Mobilität und des "lebenslangen Lernens, gewandeltes Selbslverständnis der Frauen und ihre erhöhte Teilnahme am Erwerbsleben - die Liste ließe sich beliebig verfeinern und verlängern. Dazu kommt, daß sich in den letzten Jahrzehnten auch die Bewertungsmaßstäbe für die Lebensgestaltung in früher kaum gekannter Geschwindigkeit verändert bzw. verwischt haben - denken wir nur an Erziehungsziele oder Normen im Verhalten zwischen den Geschlechtern. Das alles sind natürlich keine Wandlungen, die sich allein in der Bundesrepublik zutrugen. Jüngst beschrieb das amerikanische Wirtschaftsmagazin "Fortune die workaholics der baby-boomer-Generation, also jene überehrgeizigen Jungmanager, die trotz unglaublichen Arbeitseinsatzes noch immer nicht die saturierte Generation ihrer Väter aus den Chefsesseln verdrängt hat. Als eine Ursache dieser krankmachenden Arbeitswut erschien die Verunsicherung über Lebensgestaltung und Werte, die mit der Dynamik dieser Jugend einherging:
... at leasl somc of the boomers' immersion in work represents an attempt to escape disquietude elsewhere in their lives. If your marriage is breaking up, if you're not quite sure what's cxpected of you as a parent, if you find yourself living in a city a thousand miles from the small town where you grew up, wherc do you turn for a measure of stability and support? To your job, of course (Kiechel 1989,52f.).
Es dürfte nicht schwerfallen, die Entsprechungen im westdeutschen Wirtschaftsleben aufzufinden. Wichtiger aber ist der folgende Hinweis: Der Jungmanager, der mit workaholism Verunsicherung übertüncht, tut das nicht für sich allein, sondern auch für ein Publikum: er will bevorzugt Gleichaltrigen und Gleichgesinnten imponieren. Die Ritualisierung des Lebens unter konkurrierenden, latent nihilistischen Arbeitsfanatikern schafft somit eine generationsspezifische Gruppenkultur - aber eben nicht als einzig mögliche Reaktionsweise. Die Jugendlichen, die Klaus Allerbeck und Wendy Hoag 1983 befragten, gehören ebenfalls noch (knapp) zur baby-boomer-Generaiwn. Sie wurden aber von den Autoren als wenig tauglich für den heutigen Wirtschafts- und Organisationsalltag eingeschätzt. Da sie Sozialbeziehungen hauptsächlich in peergroups und Cliquen einübten, in denen Kontakte frei gewählt und symmetrisch-emotional gefärbt werden, seien sie nicht vorbereitet auf die Berufswelt etwa, in der Kontakte nicht wählbar seien und in der man auch mit Fremden "auskommen müsse (Allerbeck/Hoag 1985, 51).

Vielleicht aber, so können wir anfügen, ist das Sich-Klammern an bergende, emotionale Kleingruppen nur eine Antwort auf die oben erwähnten Verunsicherungen und "Pluralisie-rungen. Der egozentrische und gleichzeitig selbstzerstörerische workaholic einerseits sowie der anlehnungsbedürftige Cliquenmensch andererseits wären dann beide Antworten auf dieselbe Erfahrung, obwohl derselben Generation und unter Umständen demselben Sozialstatus zugehörig. Genau das meint "Disparität im Zusammenhang mit Gruppenkulturen und markiert somit auch den Unterschied zu der noch relativ homogenen Verarbeitung der "68er-Erfahrung.

Soziale Ungleichheit- immer noch ein Thema

Diese Beobachtungen sollen nun aber nicht den Eindruck erwecken, als würden gruppenhafte Disparitäten gänzlich an die Stelle von sozialer Ungleichheit der bekannten, vertikalen Art treten. Das behauptet nicht einmal Ulrich Beck, der hierzulande die Gesellschaflswandlungen in den kräftigsten Farben malt (vgl. Beck 1983 u. 1986). Als Kräfte der Individualisierung macht er aus: gestiegene Bildungschancen auch für die unteren Schichten, die aus dem klassengeprägten Herkunftsmilieu herausführen, soziale Sicherungsinstanzen, die alte Solidaritäten ersetzen. Angleichung der Konsummöglichkeiten, die gerade auf der Ebene der Arbeiterschaft überproportional erfahren werden (Beck 1983, 37) und das individuelle Freizeitverhalten an die Stelle der solidarischen Arbeitsplatzerfahrung schieben. Dazu kommt neuerdings die gleichmachende Wirkung globaler, ökologischer Risiken, die unabhängig von der Soziallage drohen und keinen Verteilungskonflikt zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden konstituieren (Beck 1986, 47 und 52f.). Weiterhin sei der Verrecht-lichungsprozeß (z.B. Kündigungsschutz) erwähnenswert, der den einzelnen Arbeitnehmer seine Stellung im Produktionsprozeß stärker als individuelle Rechtsposition, nicht als kollektive Klassenlage erfahren lasse (Beck 1983,41 f.). Doch sei dieser Prozeß, so räumt Beck (ebd.. 45) ein, auch umkehrbar, dann nämlich, wenn z.B. Arbeitslosigkeit und das Versagen der individualisierenden Sicherungsformen als ein kollektives Schicksal des Ausgeschlossenseins erlebt werden. Nun ist gerade das Risiko der Arbeitslosigkeit keine Gefährdung, die auf die Gesellschaft unterschiedslos herniedergeht wie saurer Regen! Langzeitarbeitslosigkeit etwa trifft bekanntlich vor allem Minderqualifizierte, gesundheitlich Beeinträchtigte und andere Gruppen, die an den unteren Rängen der vertikalen Schichtungsskala zu finden sind (statt vieler: Bahlsen u.a. 1985). Arbeitslosigkeit ist zudem regional ein Problem, das Gebiete überproportional trifft, in denen die überkommenen Klassenmilieus der Industriearbeiterschaft traditionell stark waren (und es relativ noch sind). Schließlich sind subjektiv und objektiv die Ausländer überdurchschnittlich von Arbeitslosigkeit gefährdet - eine Bevölkerungsgruppe, von der in Becks ..Risikogesellschaft bemerkenswert wenig die Rede ist.
Wir können also zwischenbilanzieren: Die Möglichkeit, daß Individualisierungsprozesse scheitern und in die Benachteiligung bestimmter Gruppen münden, stellt sich nicht unabhängig von der vertikalen Struktur sozialer Ungleichheit ein. Das gleiche gilt dann auch für die positive Chance der Individualisierung - sie ist überproportional eine Erscheinung der Mobilität in den sogenannten "neuen Mittelschichten. Es ist zutreffend, daß diese Schichten sich auf Kosten des Arbeiteranteils an der Beschäftigtenstruktur ausgedehnt haben und somit auch durch Aufstieg aus Arbeiterhaushalten gespeist wurden. Einmal etabliert, hat diese "neue Mittelschicht aber ein Verfahren der Selbstreproduktion eingeübt, das vor allem ihr selbst wieder neue Chancen der Individualisierung und des Aufstiegs eröffnet. Die "neue Mittelschicht unterscheidet sich von der "alten darin, daß Bildung, nicht Besitz, den Zugang zu ihr sichert. Im Gegensatz zum Handwerker, der seinem Sohn einen Betrieb vererbt, überträgt der Beamte, der seinen Sohn studieren läßt, nicht Erfahrungsschatz und Lebensweise auf die nächste Generation. Die Milieus lockern sich damit auf, der Erfolg erscheint unmittelbarer auf die eigene Person zurückbezogen. Dennoch bleibt er zugleich auch ein Schichtphänomen. Die Bildungsexpansion hat zwar zunächst den Anteil der Arbeiterkinder an den Universitäten gesteigert, aber sie erreichte niemals eine wirkliche "Parität, zudem stagniert diese Entwicklung seit der Mitte der siebziger Jahre (vgl. Berger 1986, 106). Offenbar handelt es sich um eine Stabilisierung auf neuem Niveau: Diejenigen, die den Aulstieg in bildungsnahe Schichten geschafft haben, nutzen jetzt die Bildungsinslitutionen zur Verteidigung des sozialen Status. Der immer noch beklagenswert schlechte Schulerfolg vieler Ausländerkinder macht klar, wo die "äußere Verteidigungslinie verläuft! Das schützt die neuen Mittelschichten aber nicht vor inneren Friktionen. Die individuelle Zuschreibung des Lebenserfolges über die Bildungswege weckt Gerechtigkeitserwartungen, die oft nicht eingelöst werden. Junge Frauen, die trotz besserer Schul- und Universitätszeugnisse schlechtere Berufsschancen vorfinden als ihre männlichen Altersgenossen, fordern mit ihrem Protest nur jene Ideologien ein, denen die "neuen Mittelschichten ihren Aufstieg verdanken.
Wir halten jedoch eine andere Betrachtungsweise vorausgeschickt: Individualisierungsprozesse in den neuen Mittelschichten erzeugen nicht nur neue Gruppierungen und Gruppenkulturen, also "horizontale Disparitäten in einem neuen Wortsinne, sondern sie bewirken auch Gruppenkonflikte gegenüber solchen Menschen, die am Aufstieg nicht teilhaben. Der "Gruppen-Begriff muß dann sehr vorsichtig gebraucht werden, denn diese Menschen geraten sehr oft eher passiv in eine gemeinsame Situation und gruppieren sich nicht wissentlich und aus eigenem Antrieb. Eine solche Gruppe sind z.B. die sogenannten "jungen Alten, also Vorruheständler, von Sozialpläncn Betroffene, "frühverren-tete Arbeitslose usw. (Steven/Veelken 1986). Diese Gruppe kann ihren Status nicht durch Bildung verbessern, weil sie ihr Qualifikationsprofil bereits vor Jahrzehnten erreichte, dieses aber nun in einer neustrukturierten Wirtschaft als entwertet gilt. Außerdem findet sie sich in einer Lage, für die es noch keine gesellschaftlich akzeptierten Rollenbilder gibt: Für den Ruhestand zu jung, aber aus dem Arbeitsleben endgültig verabschiedet, fühlen sie sich auf der Parkbank der Rentner ebenso fehl am Platze wie in der Feierabendkneipe der ehemaligen Kollegen! Eine noch stärker "aussortierte Gruppe sind die nicht-"auto-mobilisierten alten Menschen auf dem Lande. Sie zahlen den Preis für die Vorteile, die andere Gruppen aus einer immer mobiler werdenden Gesellschaft ziehen - die vielfältigeren Angebote in der kleinstädtischen shopping-mall nützen ihnen, die im eigenen Dorf nicht einmal mehr einen Krämerladen finden, herzlich wenig. Dazu kommt, daß die höhere Mobilität im Pendlerdorf nun auch die alten Solidaritäten auflöst, die ihnen früher einmal Unterstützung gewährt halten.

Eingeschränkte, behinderte oder auch erzwungene Mobilität - vor allem in der räumlichen Dimension! - erscheint ohnehin als eine der plastischsten Ausdrucksformen, in denen die neuen Gruppendisparitäten Gestall annehmen. Fehlende Teilhabe an sozialer Mobilität drückt sich oft auch in örtlichem Beharren aus: der Bauer, der seinen unrentablen Hof nicht aufgeben will, der arbeitslose friesische Facharbeiter, der nicht nach Sindelfingen ziehen will, die alte Frau vom Lande, die nicht mehr mit dem Bus zum Einkaufen in die Stadt fahren kann, aber auch der alt gewordene Alternativ-Freak. der nie die Universitätsstadt verläßt und in der er außer den Szene-Kneipen schon lange nichts "Akademisches mehr frequentiert!
Die genannten Beispiele könnten zum Teil auch noch als freiwilliger Mobilitätsverzicht gedeutet werden; vordergründig zumindest verweisen sie auch nicht auf Konflikte zwischen Gruppen. Ganz anders sind die Mobilitätszwänge und -beschränkungen auf den innerstädtischen Wohnungsmärkten zu werten -hier bietet sich ein Bild, das fatal an die sozialdarwinistischen Deutungen durch die frühe Sozialökologie gemahnt!
Das markanteste Beispiel liefern dafür die Ausländer. Nach dem Anwerbestop des Jahres 1973 haben diese den Charakter der "Gastarbeiter endgültig aufgegeben und sich zur "ethnischen Minorität gewandelt - die Bundesrepublik wurde auf diese Weise zum nicht erklärten, aber faktischen Einwanderungsland (vgl. Heckmann 1982). Der Anwerbestop reduzierte nämlich die abermalige Rückkehrchance und lenkte darum die langfristige Lebensplanung auf das Verbleiben in Deutschland (vgl. Kühne/Schäfer 1986,229) - der Nachzug der restlichen Familie war die wichtigste Konsequenz. Nicht mehr individuelle, in Männerwohnheimen der Öffentlichkeit entzogene "Gastarbeiter bestimmten das Bild, sondern ganze, zum Teil noch kinderreiche Familien (vgl. Esser 1985, 122f.). Der subjektive Wunsch nach Adaption im "Gastland steht in scharfem Widerspruch zur weitgehenden Ausgrenzung der Ausländer von den Wandlungsprozessen der deutschen Gesellschaft.

Die Ausländer hatten beispielsweise kaum Teil an dem Terliarisierungsprozeß der westdeutschen Wirtschaft - d.h. sie sind beruflich immer noch stark auf das produzierende und verarbeitende Gewerbe konzentriert und dort auf weniger qualifizierte und zukunftsgerichtete Arbeitsplätze. Sie wirken durch ihr höheres Arbeitsplatzrisiko wie ein "Puffer am Arbeilsmarkt (vgl. Kühne/Schäfer 1986, 235-237), indem sie indirekt die relativen Risiken für die deutsche Erwerbsbevölkerung mindern. Das gleiche gilt für die relativen Mobilitätschancen: Da Ausländer innerhalb ihrer Berufsbiographie wesentlich weniger Auf-wärlsmobilität erfahren (vgl. ebd., 232), verteilen sich die relativen Chancen zugunsten der Inländer, die den attraktiveren Teil der Erwerbsstruktur für sich reservieren. Mit der beruflichen Aufwärtsmobilität ist aber unmittelbar die Chance zur selbstbestimmten räumlichen Mobilität verknüpft. Es ist kein Zufall, daß gerade die ausländischen Mitbürger über unzureichende Wohnverhältnisse klagen (vgl. Zapf u.a. 1987, l()7f.). Ausländer benötigen jene Wohnungen, die in den letzten beiden Jahrzehnten systematisch den Bedürfnissen junger, mobiler und aufstiegsorientierter Schichten zum Opfer gebracht wurden: preiswerte, innerslädtische Altbauwohnungen, die genügend Platz für mehrköpfige Familien bieten. Manchmal gelangten sie in solche Räume, doch nur zu kurzfristigen, fremdbestimmten Zwecken: So wurden beispielsweise in Berlin Wedding geplante Abrißprojekte bewußt mit Ausländern zum Zwecke des "Hcrunterwohnens belegt, die danach errichteten Neubauten aber mit zahlungskräftigen Deutschen - die Ausländer wurden weiterverschoben in das nächste Sanierungsgebiet. Sanierung und Umwandlung in Eigentum schuf gehobenen Wohnraum für "Yuppies (wo nicht gänzlich gewerbliche Nutzung sich durchsetzte) und verdrängte Familien (Kreibich 1985, 186 und 190f.). die um den verbleibenden, erschwinglichen Bestand an Allbauwohnungen auch noch mit jugendlichen Wohngemeinschaften konkurrieren mußten. Diese Entwicklungen der siebziger und frühen achtziger Jahre waren deshalb so fatal, weil gleichzeitig auch die Ausweichmöglichkeiten schrumpften (vgl. Häußer-mann/Siebcl 1989). Der soziale Wohnungsbau wurde nahezu eingestellt, alte Sozialwohnungen wurden (zum Teil wegen vorzeitiger Rückzahlung der öffentlichen Kredite) in großer Zahl aus der Mietpreisbindung entlassen. Betroffen waren und sind davon natürlich alle einkommensschwachen Familien, die ausländischen darunter aber in gesteigertem Maße, da sie auch noch mil Benachteiligung durch Vermieter des sogenannten "freien Marktes rechnen müssen.
Die neue, innerstädtische Wohnungsnot mit ihren Begleiterscheinungen wie Gentryfication einerseits und Ghettoisierung andererseits läßt sich also ein Stück weit als ein Verteilungskampf zwischen disparaten Gruppen, zwischen "Aufsteigern und "Verlierern interpretieren. Diese "sozialökologische Betrachtungsweise des Konflikts steht aber in der Gefahr, nur die Verdrängungsprozesse zwischen den Gruppierungen zu betonen und dabei die politisch beeinflußten, ja bewirkten. Effekte herunterzuspielen. Mobilität ist wichtig, aber sie erklärt nicht alles: Zu den Verlierern im innerstädtischen Verdrängungsspiel zählt auch die Gruppierung "Alternative und/oder jugendliche Subkulturen, die durchaus mobil sein kann, die jedoch für ihre Entfaltung auf zentralen und gleichwohl preiswerten, urbanen Wohnraum angewiesen ist (Stracke 1980).
Linke Studenten haben mit türkischen Familien nur sehr wenig gemeinsam, aber das wenige genügt. Beide sind nicht zahlungskräftig und bei politischen Entscheidungsträgern nicht wohlgelitten. Die Politisierung setzt bei der gegenwärtigen Verdrängung kaum ein, da der "Gegner nicht so emotionalisierend wirkt, doch die Tatsache, daß statt Banken nun die "neuen Haushaltstypen der jungen Aufsteiger nachdrängen, ändert nichts daran, daß der Prozeß politisch gewollt ist. Es mag zwar sein, daß der Begriff "Gentryfication eigentlich unpassend ist. weil diese Gruppen hauptsächlich innerstädtisch ihren Standort verändern (vgl. Droth/Drangschat 1985.169), was den Kommunen also keinen Wanderungsgewinn bringt, dennoch haben sich Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik seit den frühen siebziger Jahren bemüht, dieser Wanderung in die Stadtzentren gute Voraussetzungen zu schaffen. Erwähnt sei nur die progressive Steuerbegünstigung für den Eigentumserwerb, auch von Altbauwohnungen, die Sanierung und die Förderung von Luxusmodernisierung. Das Kalkül der "Stadtväter liegt auf der Hand: ein Einpersonen-"Yuppie-Haushalt besetzt unter Umständen genausoviel Wohnfläche wie eine vierköpfige Familie, zahlt aber mindestens soviel Einkommenssteuer und beansprucht weniger soziale Infrastruktur (Kindergärten etc.). Das Lamento über den Bevölkerungsverlust der Großstädte wirkt unter diesen Vorzeichen leicht heuchlerisch.

Schlägt sich also, so können wir uns nun im Ausblick fragen, die Politik immer und recht zwangsläufig auf die Seite der Modernisierungsgewinner, der Aufsteiger und freiwillig Mobilen? Wird umgekehrt Ausgrenzung und Benachteiligung auch noch durch politische Mißachtung verstärkt? Die Illustration durch nur ein Beispiel darf natürlich nicht zu derart weiten Verallgemeinerungen führen, doch eine langfristige Beobachtung etwa des Wahlverhaltens oder der Sozialstruktur nährt ebenfalls solche Befürchtungen. Den "neuen Mittelschichten wird bescheinigt (z.B. Brinkmann 1988), daß sie ihr Wahlverhalten in weit geringerem Maße als in der Vergangenheit üblich an beständige Parteiloyalitäten binden. Ihre Abstimmung ist schlechter vorhersagbar, sie wechseln ihre Parteipräferenz öfter und orientieren sich an Einschätzungen der Parteien gemäß der eigenen Wert- und Vorteilprioritäten. Bei Wahlen, die wie bisher gehabt, zwischen zwei großen Parteiblöcken in der Konkurrenz um die "Mitte entschieden werden, ist damit zu rechnen, daß die flexiblen und ungebundenen Wähler übcrproportional umworben werden. Da sie mehr als andere Wähler konkreten issues statt allgemeinen Stimmungen den Vorzug geben, ist auch zu erwarten, daß sie handfesten Vorteil aus dieser "Brauf-Situation ziehen. Aus den oben geschilderten Einzelfällen könnte dann vielleicht ein Strukturmuster werden.
Doch ist, wie bei allen Prognosen, auch hier Vorsicht und Einschränkung am Platz. Die These von der Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile wäre ad absurdum geführt, wenn wir uns die "neuen Mittelschichten nun selbst wieder als eine homogene Kultur- und Interessengemeinschaft vorstellen würden. Die "Alternativkultur z.B. überlagert sich in ganz erheblichem Maße mit dieser Schichlzugehörigkeit, mit den "Grünen hat sich die entsprechende politische Artikulationsform eingestellt, die es ermöglicht, daß auch solidarische und umverteilende Werte dieser Gruppen betont werden. Es ist also nicht zwangsläufig, daß diese Gruppen immer nur zum Sachwalter des Eigeninteresses werden, sie können auch für die gesellschaftlich Schwächeren einstehen.
Wenn aber heute auch etablierte Parteien in der Kommunalpolitik ihr Herz für die "Alternativkultur entdecken (vgl. Wagner 1989), dann muß das nicht allein auf grüne Initiativen im Stadtparlament zurückgeführt werden. Werte und Positionen, die von den sogenannten "Neuen Sozialen Bewegungen (also z.B. Studenten-, Friedens-, Frauen- und Ökologiebewegung) einst kontrovers vertreten wurden, sind, ihrer Mililanz entkleidet, heute für breitere Bevölkerungskreise konsensfähig geworden (vgl. Pappi 1989). Die etablierten Parteien versuchen, einem solchen "Versöhnungsangebot gerecht zu werden, indem sie nicht mehr allein auf Wirtschaftskompetenz, sondern auch auf die Garnierung des Wohlstandes durch Sinnerfüllung und kulturelle Vielfalt setzen. Der smarte, junge Diplomkaufmann eines innerstädtischen Consulting-Unternehmens mag zwar die Ideologie und die Lebensform der Straßentheatertruppe, die er flüchtig in der Fußgängerzone trifft, keineswegs teilen, doch auf die Belebung seiner Mittagspause würde er nicht gerne verzichten.

Es werden aber nicht tausend Blumen blühen. Die Pluralität findet da ihre Grenzen, wo eine Sanktionsmacht droht und wo dies nicht durch die Vorteile des Zusammenlebens unter Verschiedenartigen zumindest teilweise ausgeglichen wird. Die Ausländer, die weder wählen dürfen, noch wirklich in den Alltag der Aufsteiger integriert sind, erfüllen beide Negativkriterien. Die Forderung nach einem kommunalen Ausländerwahlrecht läßt sich darum wohl auch mit der Zielsetzung einer kulturellen Pluralität begründen.
Das wirft zum Abschluß die Frage nach der sozialpolitischen Motivation auf. Diese ist ja immer dort gefordert, wo wahlpolitische Gratifikationen nicht unmittelbar zu erhoffen sind, wo aber aus normativen Erwägungen gleichwohl Hilfe und Ausgleich geboten werden sollen. Gruppendisparitäten an sich sind noch kein automatischer Auftrag an die Sozialpolitik, können wir sie doch auch positiv als Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt umschreiben. Wenn wir diese vielgestaltige Gesellschaft dann zusätzlich als wandelbar und dynamisch akzeptieren, dann können wir auch in der Tatsache, daß Menschen und Gruppen unter Änderungsdruck geraten, nicht zwangsläufig einen Mißstand erblicken. Problematisch ist stets nur jener Änderungsdruck. auf den die Betroffenen im Rahmen ihrer Möglichkeiten nicht reagieren können. Wir kehren zu früheren Beispielen zurück: Die alte Frau im Dorf, die kein Bus mehr zum Einkaufen bringt, kann keinen Führerschein und kein Auto mehr erwerben. Der 58jährige, arbeitslose Schweißer kann nicht mehr auf Programmierer umschulen. Der Ausländer schließlich kann in den Wahlmöglichkeiten Rückkehr, Ausgrenzung oder Verlust der kulturellen Identität keine akzeptablen Alternativen erkennen.
Wir begannen mit der Diagnose der Internationalisicrung. Im Ausblick müssen wir uns - nahezu zwangsläufig - unter gewandelten Umständen der Frage nach der "Re-Nationalisierung stellen. Die soziologischen Befunde, die in der Argumentation verarbeitet wurden, bezogen sich ja ausschließlich auf die alte Bundesrepublik Deutschland. Wie tragfähig bleiben die Interpretationen unter den Bedingungen eines nationalen Einigungsprozesses, der nicht ohne nationale Borniertheiten und ideologische Rückwärtsentwicklungen sich abzuwickeln scheint? Diese Fragen verweisen noch immer in das Reich der Spekulation, unter solchem Vorbehalt müssen demgemäß auch die abschließenden Bemerkungen stehen. Die Integration der ehemaligen DDR bringt für die alten Bundesländer offensichtlich keine neuen "Lebensstile in die Sozialslruktur ein, soweit damit im dargelegten Sinne Selbststilisierung gemeint ist. Die Bereitschaft, westliche Kulturmuster als Schablone zu übernehmen, muß insbesondere bei jüngeren DDR-Bürgern hoch veranschlagt werden, sie stößt jedoch bei den Trägerschichten der "Revolution zunehmend auf Skepsis. Insofern ist keine grundsätzliche Abweichung von der Art zu erwarten, in der die deutsche Sozialstruktur und politische Kultur grundlegende Muster moderner Industriegesellschaften reflektiert. Das geschilderte Problem der neuen Disparitäten wird sich aber noch verschärfen, da in der DDR beträchtliche Bevölkerungsteile in der zuvor geschilderten Weise unter einen Veränderungsdruck gesetzt werden, auf den sie im Rahmen ihrer Handlungsmöglichkeiten nicht reagieren können: Die "Durchkapitalisierung der Wirtschaft, der Umbruch in den Ideologie- und Bildungsinhalten, die enormen Wanderungsbewegungen der letzten Jahre werden viele, insbesondere ältere Menschen damit konfrontieren, daß alte Lebensroutinen entwertet, neue aber nicht wie ein Konsumartikel erwerbbar sind. Fazit: auch wenn die deutsche Einheit im Kulturellen wohl eher einen "Anschluß bringt, so wird die Diskrepanz zwischen Modernisierungsgewinnern und -Verlierern das Disparitätenproblem erheblich verschärfen.














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