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Mahnmal der deutschen Katastrophe und zwiespältiger Schicksalsort



Mahnmal der deutschen Katastrophe und zwiespältiger Schicksalsort

Zufall, Symbol oder Ironie der Geschichte? Fritz Cremer, der renommierteste Bildhauer der DDR, übernimmt nach dem Krieg das Atelier Albert Speers in Berlin und entwirft hier jene Skulptur für das Mahnmal Buchenwald, die nach dem Willen seiner Erbauer zum Symbol für den Mythos m ungebrochenen Widerstandswillen der antifaschistischen Kämpfer werden soll: Ausgemergelte Gestalten bilden ein siegreiches Kollektiv, das Jahre des Hungers, der Folter und brutalen Terrors mit eiserner Disziplin, unbeugsamem Willen und ungebrochener Solidarität überstand; Waffen deuten auf die Legende der Sclbsrbefreiung, die zum Schwur erhobene Hand auf das »Gelöbnis n Buchenwald«, den Faschismus mit seinen Wurzeln auszurotten und eine neue, sozialistische Gesellschaft zu gestalten.

Christa Cremer, die Witwe des Bildhauers, läßt Volkhard Knigge, den Leiter der Gedenkstätte, 1997 wissen, ihr Mann habe später diese Plastik nicht mehr bejahen können, weil die Denkmalsaniage Buchenwald in der Architektur des Nationalsozialismus errichtet worden sei. Das gilt insbesondere, aber nicht nur für den »Turm der Freiheit«, r dem die überlebensgroße Cremer-Gruppe steht und für dessen Bau die SED Steine aus bayrischem Muschelkalk, die für die Vollendung des Saukkelschen Gauforums nicht mehr verwendet werden konnten, auf den Ettersberg bringen läßt. Wie ein mahnender Zeigefinger ragt er weithin sichtbar über die Thüringer Landschaft und erinnert an die Opfer der Hitlerherrschaft. Bei näherem Hinsehen zeigt er indes eine fatale Ahnlichkeit zu jenem Turm im Zentrum Weimars, den Hitler einst persönlich dem Architekten des Gauforums, Hermann Giesler, aufzwang. Cremer hätte freilich, um seine spätere Abwendung n der eigenen Schöpfung zu begründen, besser n stalinistischer Architektur gesprochen, die in entscheidenden Grundzügen dem monumentalen Stil der Nationalsozialisten gleicht. Die weitläufige Anlage, die da auf dem Abhang des Ettersbergs entstand, zeigt mit ihren Pylonen, Stelen und ihrer Straße der Nationen Anklänge an die Opfer- und Weihestätten archaischer Hochkulturen, mit ihren massigen Pfeilern und Torbögen auch an Mykene oder die Pläne für nationalsozialistische Totenburgen. Reliefs schmücken die Stelen und künden n der Widerstandssaga des Lagers, ähnlich antiken Friesen oder den Wandmalereien in ägyptischen Totenkammern, in denen das Leben des Pharaos festgehalten ist. Übrigens gehört zum Makarenko-Kollektiv der Architekten, die am Bau des Mahnmals wesentlichen Anteil haben, auch Hans Grotewohl, der Sohn des DDR-Ministerpräsidenten, und es ist gewiß kein Zufall, daß ausgerechnet die Kolossalanlage des sowjetischen Ehrenhains für die bei der Eroberung Berlins gefallenen Sowjetsoldaten in Treptow den ern für die Großzügigkeit der Anlage auf dem Ettersberg Modell gestanden hat.


Ob freilich jene alternativen Mahn- und Erinnerungsbauten, die Cremer zusammen mit Bertolt Brecht befürwortete, weniger kolossal ausgefallen wären, steht dahin. Beide reichten zusammen mit einem Garten- und Landschaftsarchitekten einen Entwurf ein, der am Hang jenseits des alten Lagers ein steinernes Amphitheater mit dreizehntausend Sitzplätzen rsah, das eine Gruppe zwölf Meter hoher uren überblicken sollte - befreite Häftlinge, auf deren Sockel, einem fünfzehn Meter hohen Block aus dunkel grünlichem Diabas der Besucher gelesen hätte: »HIER FING DIE FREIHEIT AN. WANN WIRD FREI SEIN JEDERMANN?« Natürlich hätten alle Häftlinge besorgt nach Westen blicken müssen, wo nach offizieller DDR-Lesart der Neofaschismus ja sein Haupt erhob. Im Inneren des Dcnkmalsockels waren zwölf mit großen Kränzen geschmückte Sarkophage rgesehen, um an die aktiv am Widerstand beteiligten Nationen zu erinnern; am Eingang der Halle natürlich, in großen Lettern in Stein gehauen, der Schwur n Buchenwald. Weil das ehrende Gedenken der Opfer des Faschismus ausschließlich »mit stehenden Menschen verbunden« und mit einem Amphitheater deshalb nicht zu vereinbaren sei, lehnt das Preisgericht unter Otto Grotewohl und Helmut Holtzhauer den Brccht-Cremer- ab, übernimmt jedoch die Idee der urengruppe.

Weimar dient der zweiten deutschen Diktatur eben gleich doppelt zur Legitimation ihrer Herrschaft: Neben der Klassik und ihrem Humanitätsideal, in deren Zeichen die SED rgeblich regiert, ist es Buchenwald mit seinem Vermächtnis des antifaschistischen Widerstands, das sie beim Aufbau der realsozialistischen Gesellschaft llstreckt. Wenn die SED-Führung sich für den Abriß des originalen Lagers entscheidet und nur symbolische Relikte stehenläßt, etwa das Tor mit den anschließenden Gebäuden, einige Wachtürme samt Stacheldraht, das Krematorium oder die Effektenkammer, bezeugt dies nicht etwa Sinn für künstlerisch-minimalistische Konzepte. Es geht der SED nicht um die reale Geschichte des Lagers, nicht um die Verbrechen der Täter, das Martyrium, aber auch die Versuchungen und Gefährdungen der Opfer, es gilt vielmehr, den Mythos m antifaschistischen Standhalten zu demonstrieren, den der internationalen Solidarität und des innerdeutschen Widerstands, der schließlich über den nationalsozialistischen Terror triumphiert. Der Anblick heruntergekommener, elender Baracken wäre viel zu konkret und würde das Gedenken an den ins Übermenschliche erhöhten Heroismus womöglich stören. Die Verse Bechers auf der siebten Stele dagegen, welche die Vorbereitungen zum Aufstand zeigt, sind da schon besser geeignet, das mythische Konstrukt dem Besucher nahezubringen: »Was Thälmann sah / sich eines Tags begab. / Sie gruben aus die Waffen, die versteckt, / Die Todgeweihten stiegen aus dem Grab. / Seht ihre Arme weithin ausgestreckt.« So wird das Mahnmal Buchenwald weniger ein Ort des realen Gedenkens als zum Symbol einer fast schon heiligen Legende, eine Art politischer Ereilichtdom, die Thing- und Weihestätte einer säkularen Religion, der er für all ihre pseudosakralen Akte dient: als Aufmarschplatz für Gelöbnisse und Jugendweihen, Befreiungsfeiern und Kampfmeetings, r allem als Pilgerstätte für ganze Busladungen ller Schulklassen und Betriebskollektive, die ihre Ereizeitausflüge mit gesellschaftlich nützlicher Schulung garnieren und nach dem Pflichtbesuch sich prompt auf Bratwurststände und Bierbuden stürzen.

Nach einem Wort Volkhard Knigges steht die Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald »für Golgatha, Ostern und Pfingsten der deutschen kommunistischen Arbeiterbewegung zugleich«. Ihre Einweihung erfolgt spät, erst am 14. September 1958, aber dann in Form eines Staatsakts. Ministerpräsident Grotewohl spricht und preist den Bau als »ein Werk unseres Volkes«, denn die Mittel, die dafür erforderlich waren, haben »unsere arbeitenden Menschen, hat unser Volk zusammengetragen«. In der Tat stammt das Geld zum großen Teil n Betriebskollektiven der gesamten DDR, die teils freiwillig, teils unter dem Druck der allmächtigen Partei für das Mahnmal gestiftet haben. Der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Langhoff, einst selbst KZ-Häftling, rezitiert den Schwur n Buchenwald, ehemalige Insassen aus den verschiedenen Ländern sind in Häftlingskleidung aufmarschiert und singen die alten Lieder der Arbeiterbewegung. Im Deutschen Nationaltheater gibt man Brechts »Furcht und Elend des Dritten Reichs«. Das »Zentrale Ensemble der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland« spielt auf, und die Stadt Weimar hat festlich geflaggt - selbst die Schaufenster sind mit Schwarz-Rot-Gold, Hammer, Zirkel und Ahrenkranz geschmückt. Der Kontrast zum ersten Jahrestag der Befreiung am 13. April 1946 konnte nicht größer sein.

Denn der Parole »Flaggen heraus!«, den die in Gotha soeben gegründete thüringische SED zum Buchen waldgedenktag am 10. und 11. April 1946 ausgegeben hat, folgen damals in Weimar die wenigsten. Nur die Gebäude der Verwaltung, die Partei- und Gewerkschaftshäuser sowie die Wohnungen einer verschwindenden Handll aktiver Antifaschisten werden mit Fahnen dekoriert. Hat die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung, die in den Jahren des Nationalsozialismus um die Greuel in Buchenwald wußte, auch diesmal auf jedes Zeichen der Solidarität verzichtet? Das Parteiblatt stellt diese Frage, aber spricht damit wohl kaum das Hauptmotiv für die Verweigerung der Bürger in Weimar an: Die Fortführung des Lagers unter sowjetischer Regie, über die offiziell zu sprechen verboten ist, weshalb heimlich darüber um so mehr geflüstert wird, zumal Angehörige und Freunde zu den neuen Häftlingen gehören. Statt SS-Wachen stehen nun Soldaten des NKWD auf den Lagertürmen, statt Marxisten, Juden oder Zeugen Jehovas fristen seit Mitte August 1945 ehemalige Nationalsozialisten oder solche, welche die Willkür der sowjetischen Besatzungsoffiziere einfach dazu deklarierte, in den elenden Baracken ihr Leben. Die Präsenz sowjetischer Einheiten des NKWD auf dem Ettersberg, jener Terrororganisation, die dem sowjetischen Innenminister Berija untersteht und die Lager des Gulag in Stalins Reich unterhält, verhindert eine Befreiungsfeier da, wo sie Rechtens hätte stattfinden müssen. Statt dessen versammeln sich die aus Deutschland, Frankreich und der Tschechoslowakei angereisten sechshundert Häftlinge r dem »Blitz« für die Märzgefallenen, jenem Gropius-Denk-mal für die Opfer des Kapp-Putsches auf dem Weimarer Friedhof, das die Nationalsozialisten 1935 zerstörten und die SED nach dem Krieg in Windeseile wieder aufbauen ließ. Einer Abordnung rwiegend tschechoslowakischer Häftlinge in Begleitung n Rosa Thälmann wird zwar erlaubt, das nicht mehr benutzte Krematorium aufzusuchen und an jener Stelle, an der Ernst Thälmann ermordet wurde, einen Kranz niederzulegen. Doch vermittelt die sowjetische Lagerführung, so zu lesen in einer n Bodo Ritscher herausgegebenen Geschichte des sowjetischen Speziallagers, »der ausländischen Abordnung ein völlig falsches Bild n den Lebensbedingungen der Internierten«.

Eugen Kogon, Häftling des nationalsozialistischen Lagers in Buchenwald, spricht n »beängstigenden« Ahnlichkeiten zwischen dem früheren KZ und dem Speziallager Nr. 2. Ende 1947 fragt er Kommunisten, mit denen er jahrelang in Buchenwald zusammen gewesen war, was sie n den neuen Lagern dächten: »Einige meinten, gefährliche politische Gegner müsse man eben einsperren und unschädlich machen; sie gaben offen zu, daß ihre Methode in diesem Punkt sich n der des Nationalsozialismus nicht unterschied.« Zwar gehe es in den Lagern des NKWD in vielem nicht so entsetzlich zu, wie in denen der SS: » es wird zum Beispiel nicht vergast, nicht erwürgt, gehängt und reihenweise erschossen. Aber es ist in jeder Hinsicht schlimm genug.« Schlimm genug - das heißt: Unter den neuen Herren auf dem Ettersberg herrschen Hunger, Auszehrung und Infektionskrankheiten; nach offiziellen Berechnungen der Gedenkstätte Buchenwald sterben n insgesamt 28494 Häftlingen im Lauf n fünf Jahren ein Viertel, genau 7113 an Hunger, Ruhr oder Tuberkulose. Viele werden Opfer der Dystrophie, eines medizinischen Begriffs, den sowjetische Arzte geschaffen haben und der einen totalen Mangel an physischer wie psychischer Abwehrkräfte gegen Infektionen umschreibt. Die Folge, meint Günther Birkenfeld in einem ersten gründlichen Report, der sich auf die Aussagen Überlebender der sowjetischen KZ auf deutschem Boden stützt, sind absolute Lethargie, nicht selten Gedächtnisschwund bis zur Verblödung und der llkommene moralische Verfall der Persönlichkeit. Die nackten, meist bis aufs Skelett abgezehrten Toten werden n Begräbniskommandos nachts r dem Lagerzaun in hastig aufgeworfenen Gruben würdelos verscharrt, die Massengräber anschließend durch Anpflanzung n Büschen und Bäumen unkenntlich gemacht. Häftlinge dieses Begräbniskommandos läßt der NKWD-Kommandeur, wahrscheinlich um Zeugen dieses barbarischen Umgangs mit den Toten zu beseitigen, bei der Auflösung des Lagers 1950 in die Sowjetunion deportieren. Angehörige werden über Todesfälle im Lager nicht unterrichtet, wie denn dieses sowjetische Konzentrationslager, analog den Bedingungen für politische Häftlinge in Stalins heimischer Diktatur, strikt n der Außenwelt isoliert bleibt. Jeder Postverkehr ist untersagt. Im Unterschied zum Gulag-System und den KZ der SS gibt es allerdings keine Zwangsarbeit, sondern erzwungene Beschäftigungslosigkeit, die entscheidend zur psychischen Zermürbung der Inhaftierten beiträgt, zumal Lesen und der Besitz n Papier oder Bleistift strikt untersagt sind. Eine leichte Besserung der Lage tritt erst ein, als die Sowjets die Entnazifizierung mit Befehl 3.5 der SMA im Frühjahr 1948 für beendet erklären und ehemalige Nationalsozialisten durch die Gründung der National-Demokratischen Partei für die Mitarbeit in der kommunistisch gelenkten Nationalen Front gewinnen wollen. Zwar wird jetzt die Zeitung dieser neuen Partei den Häftlingen im Lager rgelesen, aber der Grundwiderspruch bleibt: Die meisten in Buchenwald Einsitzenden wären nach dem SMA-Bcfehl berechtigt, unbehelligt in der sowjetischen Zone zu leben und am politischen Aufbau der sozialistischen Gesellschaft teilzunehmen - aber sie bleiben bis zur Auflösung der Lager im Januar 1950 hinter Stacheldraht, Verfemte ohne Ankläger, ohne Prozeß und ohne Richter, Opfer reiner Willkür eines stalinistischen Terrors, der schwerlich nur als Rache an den besiegten Deutschen zu deuten ist. Wütet er in ähnlicher Form nicht gegen die Bürger der Sowjetunion?

Es handelt sich bei denen, die jetzt auf dem Ettersberg unter unsäglichen Bedingungen eingesperrt sind, in der Mehrzahl um kleine und mittlere NS-Funktionäre, nominelle PGs, darunter Lehrer, Juristen und Beamte, Ortsbauernführer, Blockleiter und Blockhelfer, NS-Frau-enschaftsführerinnen, Funkmädels der Luftwaffe, Hitlerjugendführer und des »Werwolfs« Verdächtigte, oft erst vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Einige Angehörige n SS, Waffen-SS und Ssoffiziere der Wehrmacht sind darunter, die aber bald in andere Lager überführt werden. In der Mehrzahl also kleine Fische; die wichtigen und ranghohen NS-Funktionäre in Sachsen und Thüringen hatten bereits die Amerikaner verhaftet und r ihrem Abzug in die westlichen Inter-nierungslager eingewiesen. Auch Gegner der KPD, n deutschen Kommunisten den russischen Besatzungsoffizieren als Spione, Amerikanerfreunde oder kapitalistische Ausbeuter denunziert, finden sich darunter, Bürgermeister, welche die Amerikaner in ihre Amter eingesetzt haben und die der KPD nicht genehm sind, vereinzelt auch Sozialdemokraten, welche gegen die Zwangseinheit Front machten. Der ehemalige Sozialdemokrat Hermann Kreutzer verweist auf die Zusammenarbeit n Kommunisten und NKWD in seiner Heimatstadt Saalfeld, die zur Verhaftung n Fabrikdirektoren, Ingenieuren und Sportfunktionären geführt habe, die nicht der NSDAP angehörten. Die wahllose, oft jeder politischen Logik entbehrende Verhaftungspraxis des NKWD führt im Herbst 1945 zu Protesten des damaligen thüringischen SPD-Chefs Hermann Ludwig Brill, der sich freilich wenig später selbst der drohenden Festnahme durch Flucht in den Westen entziehen muß.
Wenn der später in der DDR so oft herrgehobene Kontext Weimar/Buchenwald bei den Goethe-Feiern 1949 noch keine Rolle spielt, wenn das Wort Buchenwald sogar peinlichst gemieden wird, hat dies zweifellos mit der Existenz des NKWD-Lagers in nur acht Kilometer Entfernung n jenem Ort zu tun, an dem Becher n Goethe dem Befreier und der Renaissance Deutschlands im humanistischen Geiste der Klassik spricht. Als die DDR nämlich 1965 zum Internationalen Schriftstellertreffen nach Berlin und Weimar ruft, begründet Anna Seghers die Wahl der Ilm-Stadt damit, daß Weimar zugleich der »Höhepunkt und Tiefpunkt unseres nationalen Lebens« sei: »Hier ist der Platz, wo Goethe arbeitete, hier waren die Folterbunker der SS n Buchenwald. Wir bemühen uns, aus dieser Vergangenheit Konsequenzen zu ziehen « Aber 1965 besteht die Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald schon acht Jahre.

Als sechzehn Jahre zur Grotcwohl und Becher an Goethes Grab Kränze niederlegen, stehen NKWD-Soldaten des Bruderlks auf den früheren Wachtürmen der SS und führen ihr eigenes Schreckensregiment. Damit verbietet sich jeder Hinweis auf die unheimliche Nähe n Goethes Gartenhaus und KZ-Krematorium, Klassik und Barbarei, zumal die westliche Presse nicht müde wird, die unmenschlichen Zustände in den sowjetischen Konzentrationslagern anzuprangern. Wenn die deutschen Kommunisten auf die neuerliche Verletzung n Humanität und Menschenrechten nicht hinzuweisen wagen und r allem es nicht wollen, warum ergreift dann der aus Kalifornien angereiste, hochgeachtete und gefeierte Thomas Mann nicht die Initiative? Einen Besuch der zwölftausend Gefangenen Buchenwalds, zu dem ihn die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit aufgefordert hat, lehnt er mit dem Hinweis ab, es sei für einen Gast unmöglich, Forderungen zu stellen, die der Gastgeber nicht erfüllen könne. Gemeint war: Für Buchenwald sind nicht die einladenden deutschen, sondern die sowjetischen Kommunisten zuständig. Darauf erinnert ihn Eugen Kogon daran, daß er dem Genius Goethe in Weimar ohnehin nur mit Erlaubnis der Sowjets huldigen könne. Es gehe nicht an, in abstraeta über Goethes Humanität und arme leidende Menschen zu meditieren und die konkreten Forderungen der Humanität, die sich gerade in Weimar/Buchenwald stellten, nicht einmal anzusprechen. »Schon einmal«, schreibt Kogon in seinem offenen Brief, »es muß im Herbst 1941 oder Frühjahr 1942 gewesen sein, haben deutsche Dichter und Schriftsteller in Weimar, dem Geiste Goethes huldigend, gegen die Unmenschlichkeit gesprochen - natürlich nicht etwa gegen die nationalsozialistische, sondern gegen die sowjetische - , und ihre Kollegen in Buchenwald, wo die Schergen eine mächtige sogenannte Goethe-Eiche verehrungsll am Leben gelassen hatten, mußten auf dem blutgetränkten Boden, auf dem sie wurzelte, mit Entsetzen, Abscheu und damals ohnmächtiger Wut das glorreiche Gerede zur Kenntnis nehmen.«

Thomas Mann schweigt gegenüber Kogon, er schweigt auch in Weimar. In seinem Tagebuch spricht er n »spuckenden Briefen und Artikeln«, denen zum Trotz der Aufenthalt in Weimar ein Erfolg gewesen sei. Nach der Auflösung der sowjetischen Lager und der Überstellung n dreitausendvierhundert Internierten an die DDR-Justiz bittet er dann im Juni oder Juli 1951 Walter Ulbricht in einem Brief um Milde und Gnade für Häftlinge, die in den berüchtigten Waldheimer Prozessen in Schnellverfahren abgeurteilt wurden, welche jedem rechtsstaatlichen Verfahren Hohn gesprochen hatten. Ob es einen Sinn habe, fragt er den stellvertretenden Ministerpräsidenten der DDR, arme, schwache Durchschnittsmenschen, die es nicht anders wüßten, als ihren Mantel nach dem Wind zu hängen, »ganz im wilden Stil des Nazismus und seiner >VolksgerichteUnvermeidlich-keit< des Krieges ?« Sein Brief soll dazu beigetragen haben, daß ein-tausendsechshundert in Waldheim Verurteilte im Oktober 1952 begnadigt wurden.

Jahrzehntelang feiert die SED die mythische Selbstbefreiung Buchenwalds als Aufbruch in eine humanere, freiere und gerechtere Gesellschaft, ohne die Existenz des NKWD-Lagers je zu erwähnen, ohne die Saga n der letzten Schlacht gegen die SS-Bewacher am Lagertor je kritisch zu hinterfragen und ohne die Legende n der unerschütterlichen Solidarität der Häftlinge und Widerstandskämpfer mit der wahren, komplizierten Situation und den oft ausweglosen Verstrickungen im Lager zu konfrontieren. Spätestens seit 1938 hatte die SS, zum Teil aus Bequemlichkeit, die innere Ordnung weitgehend einer Häftlingsverwaltung mit Lagerältestem und Kapos überantwortet, die für Disziplin sorgte, die nötigen Häftlinge für Arbeitseinsätze in Steinbrüchen, Außenkommandos und Rüstungswerken einteilte und die eindeutig n Kommunisten beherrscht war. »Etwas mehr als fünfzig zum Parteiaktiv der KPD zählende Häftlinge n knapp siebenhundert deutschen Kommunisten regierten das KL Buchenwald«, schreibt Manfred Overesch. Krankenrevier und Arbeitsstatistik waren die Zentralen einer illegalen Organisation, welche die Kommunisten im Untergrund aufbauten. Sie schmuggelten die Waffen aus den r dem KZ liegenden Gustloff-Werken ein, in denen Häftlinge unter Anleitung deutscher Meister an den Werkbänken standen - Gewehrteile, die später zusammengesetzt und für den Tag X sorgfältig versteckt wurden. Die straffe Disziplin der kommunistisch geleiteten Lagerselbstverwaltung hat zweifellos dazu beigetragen, beim Heranrücken der Amerikaner einen Massenaufstand zu verhindern, der nichts anderes bewirkt hätte, als Tausende Häftlinge in das Maschinengewehrfeuer der SS zu jagen. Durch eine geschickte Ver-zögerungs- und Hinhaltetaktik gelang es, in der chaotischen Endzeit des Lagers Zehntausende Häftlinge r der »Evakuierung« durch die SS zu retten - r jenen gefürchteten Todesmärschen also, auf denen es keine Verpflegung gab, die durch die Landschaft irrten und oft Lager zum Ziele hatten, die sich längst in der Hand der Alliierten befanden. Doch was die Legende n der Selbstbefrciung angeht, so kommt Overesch nach gründlichem Studium n Zeugenaussagen und Dokumenten zu dem Schluß, Buchenwald sei kampflos n der SS am späten Vormittag des 11. April verlassen worden, ber es die Amerikaner erreichten: »Kommandant Pister hat dem Häftlingsältesten Hans Eiden in Gegenwart des Häftlings Hans Eichhorn, des ihm besonders vertrauten Friseurkapos, gegen 10.00 Uhr das Lager förmlich übergeben. Die anschließenden Häftlingsaktionen bestanden darin, die n der SS nicht mehr besetzten Maschinengewehre auf dem verlassenen Torturm zu übernehmen, das verschlossene Haupttor mittels Knopfdruck n innen zu öffnen und die elektrische Spannung der Umzäunung auszuschalten. Danach wurden Waffen aus der Waffenkammer der SS entwendet, ein größerer Häftlingstrupp zog außerhalb des Lagers auf der Höhenstraße des Ettersberges, bewaffnet mit drei MG, fünfzig Gewehren und einigen Handgranaten, nach Osten, um zu >kämpfen














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