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Die Polarität von Innen- und Außenraum




Die Polarität von Innen- und Außenraum

Auf das deutsche Raummuster des überprägnant gegen die Außenwelt abgegrenzten Innenbereichs sind wir bereits im Zusammenhang mit Schnabels "Insel Felsenburg gestoßen. Es gibt eine Fülle von Beobachtungen, die die unverminderte Bedeutung dieser Innen-Außcn-Polarität in Deutschland bestätigen. Bemerkenswert sind vor allem die Untersuchungen Edward T. Halls, die den Blick für die kulturspezifisch unterschiedlichen Erfahrungsweisen von Nähe und Distanz geschärft haben. Die Deutschen, so der amerikanische Kulturanthropologe, "sense their own space as an extension of the ego (Hall 1969, 134). In diesem Zusammenhang fehlt nie der fast schon stereotype Hinweis auf die in amerikanischen Büros offenen, in Deutschland jedoch geschlossenen Türen:

In Offices, Americans keep doors open; Germans keep doors closed. In Ger-many, the closed door does not mean that the man behind it wants to be alone or undisturbed. or that he is doing something he doesn't want someone eise to see. It's simply that Germans think that open doors are sloppy and disorderly. To close the door preserves the integrity of the room and pro-des a protective boundary between people (ebd., 135f.).

Diese Sicht des deutschen Spannungsverhältnisses von Innen- und Außenraum erhellt umgekehrt die amerikanischen Verhältnisse: eine wesentlich größere Durchlässigkeit der privaten für die öffentliche Sphäre. Die Tür als Schwelle von Innen und Außen scheint eher zum Hereinlassen als zum Aussperren da zu sein. Dennoch wäre es ein (bei europäischen Besuchern oder Einwanderern häues) Mißverständnis, wenn etwa fehlende Zäune mit dem Fehlen von Abgrenzungen gleichgesetzt würden. Die Grenzen sind eher indiduell oder sozial gesetzte unsichtbare Schranken.



Das deutsche "Daheim

Wesentliche Vorraussetzungen für die deutsche "Innerlichkeit sind durch die zunächst weitgehend erzwungene Seßhaftigkeit in den kleinräumigen Lebenswelten geschaffen worden. Dies hat, psychohistorisch gesehen, starke Bedürfnisse nach Sicherung und Stabilität verfestigt und die Notwendigkeit intensiver Objektbeziehungen in einem sich selbstgenügsam abschließenden heimatlichen und privaten Bereich begünstigt.
Die eng begrenzten Lebenshorizonte wurden in Deutschland bis zur Industriellen Revolution von außen her kaum durchbrochen. Es gab viele Phasen massierter Auswanderung; es gab auch eine Reihe von Einwanderungswellen (Hugenotten, Polen im Ruhrgebiet, Flüchtlinge und Arbeitsmigranten) und eine oft unterschätzte Binnenwanderung. Die als Reflex der Kleinstaaterei entstandene Mentalität der Seßhaftigkeit wurde durch diese historische Entwicklung kaum umgeformt. "Ortsfestigkeit bleibt die Norm, wer wegzieht, gehorcht mehr der Not als einem Bedürfnis nach Veränderung. In Deutschland, so läßt sich pointiert formulieren, hat man nicht von auswärts zu sein; man ist "von hier.
Es wäre freilich verkürzt, wenn man diese Seßhaftigkeit lediglich als Ausdruck einer Ideologie verstünde. Sie hat soziale Strukturen und psychische Verhaltensweisen erzeugt, die nun ihrerseits die Immobilität sinnvoll und notwendig erscheinen lassen. Es existiert ein dichtes Netzwerk sozialer Abhängigkeiten, Bindungen und Hilfestellungen, das nur schwer rekonstruierbar ist, eine Hierarchie formeller und informeller Gruppierungen (man denke an die Vereine!), in der man sich, von außen kommend, schwer zurechtfindet und in der man auch nicht ohne weiteres den gleichen Platz, die gleiche soziale Geltung erobern kann, die man "daheim gehabt hat.
Dieses "Daheim ist für Deutsche unbeweglicher und ein Umzug dementsprechend eine erhebliche Belastung. Auch hier wirkt aber nicht nur Ideologie: Da die Deutschen auf die Stabilität ihrer Verhältnisse eingerichtet sind, richten sie ihre Verhältnisse auf diese Stabilität ein. Hausbesitz bedeutet viel (man denke an das Phänomen der Bausparkassen); der Besitz an stark affektiv besetzten Utensilien aller Art ist größer: die Möbel sind, der Etymologie zum Trotz, nahezu Immobilien.
Die Bedeutung von Besitz und Seßhaftigkeit hat im 19. Jahrhundert eine zunehmend privatisierte und spezifische Wohnkultur erzeugt, die die "Klein-kammrigkeit der deutschen Ixbenswelten bis hinein ins Innere der Bürgerhäuser fortsetzt. Wilhelm Heinrich Riehl konstatiert,

daß das "Familienzimmer, der gemeinsame Aufenthalt für Mann und Weib und Kinder und Gesinde immer kleiner geworden oder ganz verschwunden ist. Dagegen werden die besondern Zimmer für einzelne Familienglieder immer zahlreicher und eigenthümlicher ausgestattet. (...) Die Vereinsamung des Familiengliedes selbst im Innern des Hauses gilt für vornehm (Riehl 1882, 179).

Sieht man von der bereits vermerkten imaginären Entgrenzung im Stile Eichendorffs und anderer ab, so verrät auch die deutsche Literatur des 19. Jahrhunderts eine merkliche Vorliebe für Inselvorstellungen und abgrenzende Innenraumschachtelungen. Die sich abschirmende Raumgeslalt der Idylle, das heimatliche Haus und die mit Käuzen und Sonderlingen bevölkerten Winkel und Dachböden (z.B. bei Mörikc, Stifter, Raabe; in der Malerei bei Spitzweg) bilden eine unverwechselbare poetische Topographie.
Man sollte sich dennoch davor hüten, solche Erscheinungsweisen von "Innerlichkeit ausschließlich als deutsches Phänomen zu bewerten. Die liebevollste Beschreibung der "Mütterlichkeit des Hauses vom Keller bis zum Dachboden, eine emphatische Phänomenologie des Nestes und Winkels hat ein Franzose, Gaston Bachelard, in seinem Werk "La poetique de l'espace (1958) geliefert -mit einer Fülle von Zeugnissen überwiegend aus der französichen Literatur. Auch die "Innerlichkeit des deutschen Biedermeier findet ihre Entsprechung im englischen Victorianismus. Die spezifisch deutsche Akzentuierung des In-nen-Außcn-Verhältnisses liegt vor allem in der unpolitischen Privatheit von "Bürgerlichkeit, die nicht mehr nur durch raumbezogene Fragestellungen zu ermitteln ist.














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