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Deutschlands heimliche Kolonial Hauptstadt - Carl Alexanders Wandlung vom Liberalen zum Nationalkonservativen




Deutschlands heimliche Kolonial Hauptstadt - Carl Alexanders Wandlung vom Liberalen zum Nationalkonservativen

Anderswo tritt Goethe hinter Schiller zurück, der als Dichter der Rütli-Verse zum Helden der liberalen Opposition und Heiligen der deutschen Nationalbewegung aufrückt - nicht so in Weimar. Wer an der Um den Dichter des »Teil« ehren will, zieht unter Böllerschüssen der Schützenkompanie zur Fürstengruft, wo neben Schiller auch Goethe ruht. Oder er legt einen Kranz an Rietschels Doppel-Denkmal vor dem Theater nieder, wo der »Fürstendiener« Goethe und der »Freiheitssänger« Schiller beide in den Lorbeerkranz greifen und sich den Dichterruhm schön paritätisch teilen. Damit der kürzer geratene Goethe dem hochaufgeschossenen Schiller auf dem Denkmal physisch nicht unterlegen erscheint, wurde selbst die Körpergröße angeglichen. Die Besorgnis, daß die Schillerbegeisterung in Unruhen, Umsturz und Revolution umschlagen könnte, gibt es in Weimar nicht. In Berlin dagegen ist die preußische Polizei über die liberale und nationale Sprengkraft, welche in Schillers Vers hineingedeutet werden, so besorgt, daß sie einen vom Schillerkomitee geten Festumzug zum hundertsten Geburtstag untersagt: »Die Demokratie [verbinde] Nebenzwecke mit dieser Feier.« Hat nicht Wilhelm Raabe Schiller zum Retter und politischen Einiger der Deutschen ausgerufen, zum Befreier, der die Bande der Deutschen lösen werde? Nie ist ein Dichter so geehrt worden wie Schiller an seinem hundertsten Geburtstag, urteilt Rainer Noltenius in seiner Studie über »Dichterfeiern in Deutschland«. Auf einer vollen Seite zeigt der »Kladderadatsch« eine Schillerbüste mit strahlender Sonne um des Dichters Haupt, umkränzt und angebetet von andachtsvollem lk, dazu die Zeilen: »Das Einzige und der Einzige worin Deutschland einig ist.«




lle drei Tage währt das große Fest - mit Umzügen, Denkmalsenthüllungen, Festaufführungen, lebenden Bildern, Büstenbekränzungen und Reden in Rathäusern, Universitäten, Schulen und Theatersälen, und die da Schiller huldigen, stellen beinahe einen repräsentativen Querschnitt durch die deutsche Bevölkerung dar. Es sind Großbürger und kleine Kaufleute, Arbeiter und Handwerker, Universitätsprofes-soren und Studenten, Buchhändler und Schriftsteller, fast nur die Bauern fehlen. Aber wem wird hier eigentlich zugejubelt - Schiller oder der eigenen Sache, die man für die seine ausgibt?

Natürlich wird auch an der Um gefeiert, wo Hobbydichter die Gelegenheit nutzen, mit ihrem Pathos zu brillieren. Das Weimarer »Deutschland« reimt auf der ersten Seite in Anlehnung an Schillers »Freude schöner Götterfunken«:

»Leuchte diesem Jubeltag,
Wo das Knäblein lebenstrunken,
An der Mutter Busen lag «

Zu Schillers Hundertstem nimmt die neu gegründete Deutsche Schiller Stiftung ihren ersten Sitz in Weimar. Tatkräftig gefördert von Großherzog Carl Alexander, unterstützt sie notleidende Schriftsteller und damit die zeitgenössische deutsche Literatur.
Auf die große Säkularfeier läßt sich auch die erste Vermarktung der Weimarer Klassik in Form von Souvenirs datieren, ein Handel, der bis heute blüht und gedeiht: Die Porzellanhandlung Reinhard jun. in der Frauenthorstraße offeriert »Miniaturen der sehr schönen Doppelstatue« Rietschels, und der Schriftgießer Hancmann kommt aus Jena herüber und bietet seine eigens gefertigten Schillergedenkmünzcn feil. Das Hoftheater unter Franz Dingelstedt gibt am rabend ein Festspiel mit lebenden Bildern von Schillers Geburtshaus, von der Karlsschule, aus »Wallensteins Lager« und dem »Wilhelm Teil«. Auch die »Glocke« wird szenisch auf der Bühne zelebriert und zum Abschluß Goethes Epilog im klassischen Stil deklamiert. Am Geburtstag selbst spielt man »Die Braut von Messina«, danach bringen die Theaterbesucher einen Fackelzug zum Schillerhaus, um dann mit ihrem brennenden Pech zum glänzend illuminierten Doppclstandbild auf dem Theaterplatz weiterzuziehen. Zwar fehlt es nicht an nationalen Tönen, aber verglichen mit anderen Eruptionen in deutschen Gauen nehmen sie sich relativ verhalten aus. Wenn irgendein Beweis vom dem tiefen, unsterblichen Drang des deutschen lks, brüderlich zusammenzugehören, gegeben werden müsse, so ein Leitartikel in der Weimarer Zeitung »Deutschland«, dann solle man die »zaudernde und zersetzende Politik an den Sarg Schillers führen und mit den Fingern auf den zehnten Tag des November hinweisen«.

Daß Weimar sich seinen Goethe und seinen Schiller nicht auseinanderdividieren läßt, eben dafür steht jenes Doppeldenkmal, das von Anbeginn als Monument der deutschen Klassik für die ganze Kulturnation gedacht ist - ein Projekt, das Carl Alexander nach dem Willen der Paulowna noch als Erbgroßherzog in die Wege leitet und für das er zahlreiche Spender gewinnt. Ludwig von Bayern stiftet das Erz, der Großherzog von Baden das granitene Postament, die übrigen deutschen Fürsten steuern 2526 Taler bei, Sammlungen in deutschen Städten erbringen 5407 Taler. Ziemlich weit oben auf der Liste der Spender steht auch Napoleon III. mit der erklecklichen Summe von beinahe siebenhundert Talern - Ausdruck seines besonderen Verständnisses für die Nationalbewegungen seiner Zeit. Europas Völker, meint der Kaiser der Franzosen, sollen sich in Nationalstaaten organisieren, die freilich als Satelliten stets um sein nationales französisches Empire zu kreisen hätten.
Weil die fürstlichen Spender über die Gestalt des Denkmals und die Wahl des Bildhauers mitreden konnten, ist es dem Einspruch Ludwigs von Bayern zu verdanken, wenn die deutschen Klassiker vor dem Weimarer Theater im Bürgerrock posieren, was einer Revolution gleichkommt. Christian Daniel Rauch hatte sie in seinem ursprünglichen Entwurf antik kleiden wollen, weil er Dichter in Rock und Hose, dem vorherrschenden Zeitgeschmack entsprechend, als unwürdig empfand. Der Auftrag ging deshalb an seinen Schüler Ernst Rietschel über, der den leidigen Kostümstreit historisch getreu löst und damit zur großen Popularität des Dioskuren-Denkmals weit über Weimar hinaus beigetragen hat.

Weimars silbernes Zeitalter ist unvorstellbar ohne Carl Alexander, der 1853 das Regiment übernimmt. Zeitgenossen schildern ihn, der mit Goethes Enkeln als Spielgefährten groß geworden ist, als einen Mann voll der besten Intentionen, vielseitig interessiert und aufgeschlossen gegenüber neuen Ideen. Wenn er sich in vielem liberaler zeigt als die anderen deutschen Fürsten seiner Zeit, hat dies auch mit dem umfassenden, gründlichen und vor allem polyglotten Bildungsprogramm zu tun, das Maria Paulowna, beraten von Goethe, für den Sohn und Erbprinzen entworfen hat. Französisch spricht er wie seine Muttersprache, denn die Zarentochter hat sie bei Hofe obligatorisch gemacht; Eckermann unterrichtet ihn in Englisch, deutscher Literatur und Stilistik, zusätzlich wird er später Russisch, Italienisch und Spanisch lesen, wenn auch nicht perfekt sprechen können. Sein Schweizer Erzieher Frederic Soret, in Rußland als Sohn eines kaiserlichen Hofmalers geboren, gilt bei konservativen Höflingen als Freisinniger, Eckcrmann nennt ihn einmal einen republikanisch denkenden Mann.

Anders als der Vater, zeigt Carl Alexander poetische Neigungen und einen Hang zum Spekulativen; alles Praktische ist ihm fern, was erklärt, warum so manche seiner hochfliegenden Ideen zum Scheitern verurteilt sind. Sein Interesse gilt vor allem der Kunst, Wissenschaft und Literatur. Er stellt sich Weimar nicht als großes Goethe- und Schillermuseum vor, sondern betrachtet, ähnlich dem liberalen Historiker Gervinus, die Klassik als politische Verpflichtung für die Gegenwart; die Literatur Goethes und Schillers soll identitätsstiftend wirken, den Deutschen Mut einflößen, in der Erinnerung an Weimars goldene Zeit soll sich deutsches Nationalgefühl entwickeln. Für Weimar ist dies kühn und ehrgeizig gedacht; durch Förderung neuer Projekte versucht Carl Alexander, die Stadt erneut zum kulturellen Mittelpunkt Deutschlands zu machen und große Namen nach Weimar zu ziehen. Doch seine Versuche führen nicht weit. Weder der von ihm besonders geschätzte Märchendichter Hans Christian Andersen noch der Dramatiker Friedrich Hebbel lassen sich von ihm in das enge Weimar lok-ken. Auch Viktor Scheffel, der Dichter des »Ekkehard«, der die deutsche Vergangenheit verklärt, will seiner Einladung an die Um nicht folgen. Welche Idee Carl Alexander treibt, wird in einem Schreiben an Liszt deutlich, in dem es heißt, die große Zeit Weimars »muß der Gegenwart gebieten, um die Zukunft vorzubereiten«.
Aber gerade das Beispiel Liszt, seines Operntheaters und seiner »Fondation Goethe« lassen neben den rzügen des Großherzogs auch seine Charakterschwächen erkennen: Statt sich auf ein oder zwei Hauptziele zu konzentrieren, hat er stets zu viele Ideen gleichzeitig im Kopf; er scheut Entscheidungen, ihm fehlen Geduld, Ausdauer und Beständigkeit, ohne die große Projekte nicht gedeihen wollen. Sprunghaft von Natur, verliert er schnell die Lust und macht Versprechungen, die er nur zu oft nicht halten kann. So versinkt manche Idee lautlos, schreibt Adelheid von Schorn, und hinterläßt nichts als »enttäuschte Menschen«. Darüber hinaus fehlt es ihm an Geld. Er zersplittert die bescheidenen Mittel, über die er verfügt, in dem Wunsch, es den unsterblichen Medici gleichzutun. Zwar heiratet er reich wie der Vater: Mit der Prinzessin Sophie, seiner Cousine, kommt eine unerhört vermögende Oranierin in das kleine Weimar, doch ihr Sinn ist ganz aufs Praktische gerichtet. In Holland hat sie Hauswirtschaft, ja sogar das Buttern und Käsen gelernt, bis ins kleinste Detail überwacht sie die Führung des fürstlichen Haushalts. Mehr Wohltäterin denn Mäzenin, gibt sie freigiebig Geld für Soziales, etwa für das Sophienhaus, ein großes Krankenhaus und Diakonissenheim, oder das Sophienstift, eine Erziehungsanstalt für »Töchter höherer Stände«. Ihre Mutter ist eine Schwester der Paulowna, und diese doppelte, nahe Verwandtschaft mit den Romanows erklärt den ausgesprochenen Adelsstolz des Großherzogs, ein Sich-überlegen-Wissen, das im Alter geradezu schrullige Züge annimmt.
Im Urteil des preußischen Gesandten Raschdau ist dieser Carl Alexander um 1895 bereits der »Fürst einer vergangenen Zeit«. In Weimar seien die Regeln so streng, daß selbst eine angesehene ältere bürgerliche Dame, die der Großherzog hochachte und sogar in ihrem Heim besuche, nicht zu den höfischen Gesellschaften eingeladen werde. Noch 1900 klagt der Weimar-Besucher Detlev von Liliencron über die vielen Gesellschaften bei Hofe. Telegraphisch bestellt er bei seinem Schneider einen Frack samt weißer Weste, neuem Zylinder, Lackstiefeln und stöhnt über die vielen Trinkgelder für die Lakaien. Wenn Carl Alexander einen Professor der 1860 von ihm begründeten Weimarer Kunstschule zu sich ruft, muß dieser, sehr zu seinem Verdruß, Hofuniform anlegen: goldbestickten Frack, Kniehosen, Schnallenschuhe und Degen.

Diese Kunstschule ist der Favorit seiner vielen Pläne, und da er sich ob der Tradition Weimars nun einmal als den gottgegebenen ersten und erhabensten Kulturfürsten Deutschlands träumt, möchte er ihr ein Museum für deutsche Kunst an die Seite stellen, dem alle deutschen Fürsten berühmte Werke wenn schon nicht stiften, dann doch leihen sollen.
Um Weimar zum »Strebepunkt deutscher Kunst« zu machen, denkt er an die Gründung eines »Weimarer Vereins deutscher Kunstfreunde«, dem Handwerksvereine korporativ angehören können, weil der kleine Mann den von ihm anvisierten Mitgliedsbeitrag von einem Friedrichdor schwerlich aufbringen dürfte. Deutlich schimmern hier Liszts Überlegungen durch, mit denen er Carl Alexander für seinen Plan einer Goethe-Stiftung gewinnen wollte: Weimar als Parnaß Deutschlands, als Ort des friedlichen Wettstreits der Künste würden der Stadt eine nationale Weihe geben und ihren Stern hoch über denen anderer deutschen Kunstzentren leuchten lassen.
Das sind hochfliegende Pläne für die ganze Nation, welche Carl Alexander sehr großdeutsch versteht und die natürlich Papier bleiben. Aber sein Lieblingsprojekt »Kunstschule« nimmt Gestalt an und gedeiht. F.r betreibt es als rein privates Unternehmen, finanziert es aus der persönlichen Schatulle und nimmt für einen Neubau, den er dafür errichten läßt, beim Bankhaus Elkan erhebliche Kredite auf. Heute würde man sagen: Er verschuldet sich bis über den Kragen. Entsprechend selbstherrlich schaltet und waltet er. Gemälde vom ersten Leiter, den er ernennt, hat er zuvor nie gesehen. Graf Stanislaus von Kalckreuth wird bestellt, weil der Großherzog ihn sympathisch findet. Und da ein Verwaltungsjob echten Aristokraten nicht geziemt, setzt der noble Carl Alexander ihm kein Gehalt aus, sondern ernennt ihn zum Kammerherrn und sichert ihm tausend Taler jährlich für den Ankauf seiner Gemälde zu.
Friedrich Preller, heimischer Kunstpapst und spätklassizistischer Maler, der einst in der Zeichenschule des Goethe-Freundes Heinrich Meyer begann, wittert Konkurrenz und nennt Kalckreuth verächtlich einen »talentlosen Grafen«, der viel Unheil anrichte. Dessen liebstes Reiseziel sind die Pyrenäen, er bevorzugt Hochgebirgsmotive im Stil der Salonmalerei, aber bei der Auswahl der Lehrer zeigt er eine glückliche Hand: Er wirbt Franz Lenbach und Arnold Böcklin aus München ab. Zwar zieht es beide schon nach anderthalb Jahren vom provinziellen Weimar in das größere, der Schweiz und Italien nähere München zurück. Doch helfen sie, den Ruhm einer Kunstschule zu begründen, die nach dem Urteil Walter Scheidigs »Wegbereiter für ein neues Sehen der Natur und für eine neue Darstellungsart der Malerei gewesen ist«.

Kalckreuth, aber auch Lenbach gehen mit den Schülern aus dem Atelier hinaus in die freie Natur, lehren das Skizzieren mit Farbe und Pinsel und werden damit zu Begründern der Weimarer Landschaftsmalerei. Als an den Malerakademien in Dresden, Düsseldorf und München noch konservative Auffassungen vorherrschend sind, wendet sich Carl Alexanders Kunstschule bereits schlichten Naturmotiven zu. Max Liebermann rühmt, daß man hier für geringes Schulgeld täglich viele Stunden nach Modellen, auch nach lebenden Tieren zeichnen könne. Er kommt 1868 nach Weimar, bleibt fünf Jahre, wohnt gegenüber dem Goethehaus am Frauen und malt seine berühmten Arbeitsbilder von der Kartoffelernte und den Korbflechtern. r allem seine Gänserupferinnen schockieren, denn da wird die Arbeit von einfachen Frauen dargestellt, denen tägliche Fron und Mühsal in den Knochen steckt.
Noch haben solche milieugebundenen, realistischen Darstellungen nach der offiziellen Lehre in der Kunst nichts zu suchen. Fünfzehn Jahre nach Liebermann sorgt Christian Rohlfs, der spätere Expressionist, mit Riesenformaten, die er seinen Gemälden von Landschaften, aber auch von ährenlesenden Frauen gibt, für Aufregung am Weimarer Hof, denn die großen Galerieformate waren bislang den Historienmalern von Schlachten, siegreichen Heerführern oder Fürstlichkeiten vorbehalten.
Nicht später als München und lange vor Harry Graf Kessler wird Weimar durch Ausstellungen in der sogenannten »Permanenten« mit Monet und Degas, Pissaro und Sisley bekannt. Maler der Kunstschule, allen voran der Freiherr von Gleichen-Rußwurm, ein Urenkel Schillers, greifen die Techniken der französischen Impressionisten und Pointillisten auf.

Nun ist Carl Alexanders Kunstgeschmack nicht so weit entfernt von dem Wilhelms II. Wie dieser verachtet er den Impressionismus als Spinat-, den Naturalismus als Armeleute-Malerei und zeigt eine rliebe für das Historienbild. Nach seinem Kunstglaubensbekcnntnis, das er nach einer Italicnreise niederschrieb, schätzt er das Ideale, Schöne, und da er ganz der Klassik verbunden ist, hat dies vor allem harmonisch zu sein. Doch im Gegensatz zu dem mächtigen Großneffen in Berlin läßt er zumeist gewähren; seine vielgerühmte Liberalität besteht vor allem in der Tugend der Toleranz, die er übrigens auch als Patron der Universität Jena zeigt: Dort darf der Zoologe Ernst Haeckel lehren, ein Verfechter des Darwinismus, obschon Carl Alexander sich als Gegner des britischen Evolutions-Theoretikers versteht.
Nicht durch autoritäre Verbote, sondern durch Preisaufgaben sucht er einer Entwicklung in seiner Kunstschule entgegenzuwirken, die ihm instinktiv zutiefst zuwider ist. Dreihundert Mark setzt er auf die beste idealistische Komposition der »Rückkehr des verlorenen Sohnes« aus, vierhundert Mark für die beste ürliche Komposition der Decke eines Musiksalons. Der Versuchung, als Betreiber des Privatunternehmens Kunstschule zur Methode des hire and fire zu greifen, kann freilich auch er nicht immer widerstehen. So erzwingt er die Demission des zweiten Leiters, des jüngeren Grafen Leopold von Kalckreuth, weil dieser nach seiner Meinung den Naturalismus zu einseitig fördert. Ein anderes Mal müssen die Werke eines Kunstschülers, der mit seiner Pinsel- und Spachteltechnik betont impressionistisch arbeitet, auf großherzoglichen Befehl aus der Permanenten Kunstausstellung entfernt werden. Die Professoren erheben Einwände, weil sie die Lehrfreiheit eingeschränkt sehen, die er selbst in den Statuten verankert hat. Doch es bleibt dabei: Die Werke des Mißliebigen werden verbannt.
n Charakter ist der Weimarer Fürst ebenso liberal wie autoritär, und oft erweist er nur scheinbar liberalen Mut. Den rmärzdichter Hoffmann von Fallersleben beruft er erst, als durch Anfragen in Berlin klargestellt ist, daß Preußen keine Bedenken gegen Hoffmanns Aufenthalt in Weimar hat.
Welche Kunst er liebt, wird auf der Wartburg deutlich, die er restaurieren läßt und für die Moritz von Schwind, der Meister spätromantischer Historiengemälde, die wichtigsten Fresken malt. Bei der Restaurierung geht es Carl Alexander um mehr als die Sicherung der Substanz, etwa des romanischen Palas, und die Wiederherstellung im alten Glanz. Er hat ein nationales Denkmal und Museum im Sinn, das um den erhaltenen Kern im neuromanischen und neugotischen Stil entstehen und seinen Kleinstaat in das Zentrum des nationalen Interesses rücken soll. Will er es damit Ludwig I. von Bayern nachtun, der die Walhalla als nationalen Wallfahrtsort und »Beförderungsmittel großer patriotischer Zwecke« bei Regensburg errichten ließ? Fühlt er sich als Nachfolger des Landgrafen Hermann L, der als bedeutendster Mäzen seiner Zeit hier die berühmten Minnesänger versammelt hatte? Anders als die Walhalla ist die Wartburg ein Ort, wo Geschichte geschrieben wurde - mit Walther von der gelweide, Heinrich von Ofterdingen und dem Sängerkrieg, mit der heiligen Elisabeth und Luthers Übersetzung des Neuen Testaments. Carl Alexanders Denkmal soll die große nationale Bedeutung der Wartburg für »die Entfaltung des Geistes und namentlich der Poesie, ihre Bedeutung für die Reformation und ihre katholisch-religiöse Bedeutung« in Erinnerung rufen. Als er diese Ziele 1853 bei der Grundsteinlegung für den neuen Bergfried verkündet, spart er das Wartburgfest von 1817, als dessen Schutzpatron sein Großvater Carl August sich ja betrachtet hat, interessanterweise aus.
Zufall ist das nicht, denn noch bestimmt der Deutsche Bund die Grundzüge der Politik im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach. Auch denkt Carl Alexander zwar deutsch und national, aber ein demokratischer Nationalstaat, wie ihn radikale Burschen auf der Wartburg gefordert haben, ist nicht nach seinem Geschmack. Ausgerechnet in Jena, wo ein halbes Jahrhundert zuvor schon der revolutionsverdächtige Fichte gehen mußte, hat sich der Verleger Feodor Streit vor Gericht zu verantworten. Warum, erklärt die Weimarer Zeitung »Deutschland« in ihrer Ausgabe vom 26. Juni 1853: Streit habe eine Broschüre mit dem Titel »Hat das lk das Recht zur Revolution?« herausgebracht. Daß die oft gelobte Liberalität seiner Regierung Grenzen hat, zeigt sich auch in ihrem Drängen auf Wiedereinführung der Todesstrafe bei Hochverrat, Mordversuchen gegen den Landesfürsten, bei Raubmord und Brandstiftung, die sie gegen erheblichen Widerstand im Landtag durchsetzen kann. Aus »historischen Erinnerungen« spricht sie sich dabei gegen die Einführung der Guillotine aus und möchte auf der Hinrichtung durch das Beil bestehen.

Carl Alexanders politisches Weltbild steckt voller Widersprüche: Er denkt großdeutsch, aber setzt auf die Lösung der deutschen Frage unter Führung des preußischen Königs, den er drängt, nach der deutschen Krone in einem reformierten Deutschen Bund zu greifen; er gibt sich betont monarchisch-konstitutionell, aber besteht nach innen geradezu eigensinnig auf seinen Rechten als souveräner Fürst. Zwar möchte er die deutsche Einheit, aber in einem beinahe Goetheschen Sinne: Die Vielzahl kleiner Souveräne soll im kommenden deutschen Bundesstaat unangetastet bleiben. Als 1857 der Grundstein für das Reiterstandbild Carl Augusts gelegt wird, erblickt eine eigens von ihm in Auftrag gegebene Weimarischc Staats- und ernestinische Landeshymne das Licht der Welt, welche eine neue Tradition schaffen und den Landeskindern das Bewußtsein einimpfen soll, in einem ganz besonderen deutschen Staat zu leben:

»n der Wartburg Zinnen nieder
Weht ein Hauch und wird zu Klängen,
Hallt von Um und Saale wieder
Hell in frohen Festgesängen.
Und vom Land wo sie erschallten,
Tönt's in alle Welt hinaus:
Möge Gott Dich stets erhalten,
Weimars edles Fürstenhaus!«

Zwar hat kein geringerer als Liszt die Musik zu dem Text von Peter Cornelius komponiert, auch müssen Schulkinder die Hymne bei allen erdenklichen Anlässen bis zur Revolution von 1918 singen, und doch wird Carl Alexanders Versuch nie populär. Daß er ihn überhaupt unternimmt, hat viel mit dem stolzen Anspruch zu tun, einem ganz besonderen deutschen Geschlecht zu entstammen, das Ernst von Wildenbruch einmal das erste der deutschen Fürstenhäuser genannt hat. Ohne Friedrich den Weisen keine Bibelübersetzung Luthers und vielleicht keine deutsche Reformation, ohne die Goethe niemals nach Weimar gekommen wäre, ohne Carl August kein Bündnis Goethes und Schillers und kein deutscher Parnaß. So sah es Wildenbruch, der die Weimarer Ernestiner einmal »Torhüter« vor dem »Fruchtland des deutschen Geistes nennt«, und ähnlich wird sein Freund Carl Alexander empfunden haben. Daß es Monarchen künftig nur geben wird, wenn sie ihr Regiment in konstitutionelle Formen umwandeln und eine fruchtbare Kooperation mit dem Großbürgertum suchen, gehört seit der Revolution von 1848 zu seinen Überzeugungen. Dabei geht er von der gutkonservativen Überlegung aus, daß nur, wer die notwendigen Reformen rechtzeitig in die Wege leitet, Umsturz und Revolution verhindern kann. Doch sind seine rstellungen von einer konstitutionellen Monarchie noch weit vom Beispiel Englands entfernt, wo das Parlament stetig an Macht gewinnt und den Monarchen langsam, aber sicher in die Rolle eines machtlosen Präsidenten bannt. Wie Großvater Carl August, der dem Land die erste Verfassung gab, will der Enkel die Weichen durch das von ihm berufene Ministerium stellen, auch wenn dieses mit dem Landtag zusammenarbeiten muß. Noch Erbgroßherzog, schreibt er seinem Schwager Wilhelm 1848 nach Berlin: »Such Dich nur recht in die konstitutionellen Verhältnisse einzustudieren, ohne die geht es nun einmal nicht mehr, mit ihnen, glaube mir aber, geht es und muß es gehen. Indem Ihr mit einem großen Beispiel vorangeht, bereitet Ihr Euch den Weg vor, an die Spitze Deutschlands zu kommen.«

Erfolg hat er nicht damit, denn der Kartätschenprinz beruft als preußischer König 1862 Otto von Bismarck zum Premierminister, der die Heeresreform gegen das Parlament durchpeitscht und einen langwährenden Verfassungskonflikt heraufbeschwört. Wer will, mag hier den klassischen Konflikt zwischen dem Geist von Weimar und dem Geist von Potsdam sehen, denn das personifizierte Weimar am Berliner Hof, die Königin Augusta, wird dem Eisernen Kanzler ein Trauma sein wie die englische Kronprinzessin Victoria. Seit Bismarck sie im März 1848 in einem verschwiegenen Dienstbotenzimmer des Potsdamer Schlosses aufforderte, den Namen ihres nach England geflohenen Mannes für eine von ihm gete Konterrevolution zur Verfügung zu stellen, mißtraut Augusta ihm zutiefst. In Bismarck sieht sie nicht nur den Exponenten einer reaktionären Politik, sondern einen krankhaft reizbaren Mann ohne Grundsätze und fleht ihren Gemahl an, ihn nie zu berufen: »Nur um Gottes willen den nicht zum Minister!«
Ihr Einfluß auf den König ist groß. Wenn Wilhelm den Pariser Gesandten mit innerem Widerwillen beruft und stets eine letzte Reserve gegen ihn bleibt, hat dies vor allem mit der Haltung der Enkelin Carl Augusts zu tun, die zwar durchaus für ein konservatives Regime eintritt - aber eines mit liberalen Ministern.
Bismarck weiß sehr wohl um die Feindschaft, die ihm da entgegenschlägt, bezeichnet er doch Augusta einmal als steinhart und kalt und beklagt in seinen »Gedanken und Erinnerungen«, sie habe die von ihm für notwendig erkannte Politik »bei Sr. Majestät häu erschwert«. Carl Alexander steht in engem Kontakt mit der Hofopposition, die sich um seine Schwester formiert, und sucht seinen Neffen Fritz, den späteren Kaiser Friedrich, in seiner Gegnerschaft gegen die Bismarcksche Kriegspolitik zu bestärken. Dem großdeutsch denkenden Großherzog ist die rstellung von einem preußisch-österreichischen Waffengang, wie ihn Bismarck anstrebt, eine nationale Schande, er sympathisiert mit der Opposition, welche den Bruderkrieg mit allen Mitteln verhindern will.

n Natur her ein Mann des friedlichen Ausgleichs, versucht er über den Zaren zwischen Österreich und Preußen zu vermitteln. Als es dann doch zum Kampf kommt, den er als guerre criminelle empfindet, gibt er sich zunächst bundestreu, schreibt aber dem Schwager Wilhelm nach Berlin, er wolle seine Truppen nicht »gegen Deutsche, namentlich gegen stammverwandte Truppen fechten lassen«. Der souveräne Fürst in ihm siegt über den preußischen Offizier, der seine Feuertaufe im Krieg gegen die Dänen 1864 erhielt; er beschließt, seine Truppen sollen lieber im Westen, in Koblenz, Mainz oder Rastatt bereitstehen - für den Fall, daß Frankreich sich einmische. Wütend fragt Bismarck, für welche Seite Weimar denn Partei ergreife, und droht, des Großherzogs ganzes Ländchen künftig mit zwei preußischen Landräten zu regieren. Nur dank seiner verwandtschaftlichen Beziehungen gelingt Carl Alexander schließlich ein Ausweg aus der Krise, in die er sich durch Mangel an Realitätssinn, durch Überschätzung des österreichischen Militärpotentials und patriotische Blauäugigkeit selbst hineinmanövriert hat. Auf den Rat der Schwester schließt er sich zwar in letzter Minute Preußen an, aber seine Soldaten stehen inzwischen so weit westlich, daß sie in die Kämpfe nicht mehr eingreifen können.
Formell also nicht neutral, gelingt es ihm auf schlitzohrige Weise doch, in der Praxis Neutralität zu wahren. Das hindert ihn allerdings nicht, zur Siegesparade nach Berlin zu eilen, auch wenn ihn der königliche Schwager wissen läßt, daß er beim feierlichen Einzug nicht mit dem König an der Spitze der ruhmreichen Truppen, sondern vor ihm reiten muß - in jener Gruppe also, die von einem Feldmarschall geführt wird und ausschließlich Prinzen umfaßt, die nicht mit den Preußen gefochten haben.

Der preußische Sieg hat die Fronten ein für allemal geklärt: Weimar tritt dem Norddeutschen Bund bei, sein Militär trägt fortan preußische Uniformen und wird von preußischen Offizieren kommandiert. Im Krieg 1870/71 kämpft es unter anderem bei Wörth, Sedan, im französischen Südwesten und erleidet hohe Verluste. In der Klassikerstadt häufen sich die Todesanzeigen, viele davon werden in Versform in die Zeitungen eingerückt - etwa jene auf den Soldaten Hermann Röbel aus Blankenhain, tödlich verwundet in der Schlacht um Orleans:

»Und dreizehnmal bist Du gegangen
In's Treffen gegen diesen Feind,
Bis endlich auch, o Schmerz und Bangen,
Dich eine Kugel hat ereilt.
Bei Orleans, an der Loire Strand,
Traf Dich das Blei fur's Vaterland.«

Natürlich hat Carl Alexander kein Kommando, aber er trägt die Uniform eines preußischen Generals und zählt zur stattlichen Entourage des Königs in dessen großem Hauptquartier, auch wenn Distanz zwischen ihm und dem Militär stets spürbar bleibt. Dem Weimarer Fürsten ist alles Laute mitsamt dem preußischen Militärgepränge zutiefst zuwider, die Generäle wiederum betrachten ihn als lästigen Schlachtenbummler, einen jener überflüssigen Schützenkönige oder Kaziken, wie die thüringischen Duodezfürsten im preußischen Offiziersjargon heißen. Die Feindschaft zu Bismarck aber schwindet und weicht gegenseitigem Respekt. Nicht nur, daß der Reichsgründer des Großherzogs verwandtschaftlichen Draht nach Petersburg geschickt zu nutzen weiß. Wenn Rußland der Annexion Elsaß-Lothringens zustimmt, ist dies nach dem Urteil des Historikers Friedrich Facius zum Teil Carl Alexanders Verdienst. Im Auftrag Bismarcks gewinnt er später auch die Zustimmung des Zaren zum deutsch-österreichischen Zweibund 1879. Der Großherzog mausert sich zu einem der getreuesten Gefolgsleute des Eisernen Kanzlers. Sein Besuch in Fried-richsruh 1897 zeigt demonstrativ, daß er Bismarck die Treue hält, auch wenn dieser inzwischen aus dem Amt geschieden ist.

Wie die große Mehrheit der liberalen Opposition in Deutschland, paßt sich auch der Weimarer Großherzog schnell den neuen, mit Blut und Eisen geschaffenen Verhältnissen an und zeigt zunehmend nationalkonservative Züge. Das wird überraschend deutlich in seinem Engagement für den deutschen Kolonialgedanken, der »Weimar schon im Verlauf der 1870er Jahre geradezu zum Mittelpunkt der deutschen Kolonialpolitik« (Friedrich Facius) werden läßt. Am Anfang steht die Übersiedlung des Afrikaforschers Gerhard Rohlfs nach Weimar, den Bismarck später zum deutschen Konsul auf Sansibar ernennt. Rohlfs macht Carl Alexander zum Protektor der »Deutschen Gesellschaft zur wissenschaftlichen Erforschung Aquatorial-Afrikas«, deren Expeditionen der Großherzog aus der eigenen Schatulle unterstützt. Kaum ein deutscher Kolonisator, dem er nicht seinen Hausorden vom Weißen Falken verleiht, heiße er nun Gustav Nachtigall oder Georg Schweinfurth, Adolf Lüderitz oder Carl Peters, Alfred Wissmann oder Joachim Graf Pfeil; sie kommen alle nach Weimar, machen dem Schutzherrn und Förderer der Kolonialbewegung ihre Aufwartung und tafeln bei Hofe.

Die offiziöse »Weimarische Zeitung«, deren Chefredakteur von Bojanowski sich als Sprachrohr der Weimarer Königlichen Hoheit versteht, versucht ihren Lesern systematisch, die Notwendigkeit einer deutschen Machtprojektion nach Übersee nahezubringen. Mit der Auswanderung lasse Deutschland zu, daß seine Menschen für andere Nationen arbeiten, statt eine mäßige Ansiedlung in deutschen Kolonialgebieten zu fördern, heißt es da am 19. Juli 1881. Kolonien könnten »aus der Übervölkerung notwendig erwachsende Revolutionsgelüste, das Zunehmen an Verbrechen und Vergehen im Reich« mindern, das Mutterland würde an Wohlstand gewinnen, »und die Kultur hätte einen wirklichen rteil, da die germanische Rasse notorisch am geeignetsten ist, die europäische Bildung ohne Gewalt zu verpflanzen«.
Carl Peters soll mit seiner Kolonialpraxis in Ostafrika dieses großmäulige deutsche Selbstlob drastisch widerlegen, aber Carl Alexander bewundert seinen Ritterkreuzträger vom Weißen Falken auch noch, als dieser längst als »Hänge-Peters« vom Reichstag verurteilt worden ist. Die deutsche Flagge wird 1884 in Südwestafrika und Neuguinea, in Togo und Kamerun gehißt, und der Großherzog läßt den inzwischen aus Gesundheitsgründen von Weimar nach Bad Godesberg verzogenen Rohlfs wissen: »Ich jubele in meinem Herzen über dieses alles und finde keine Worte, dies richtig auszudrücken. Gott sei mit dem Vaterlande.«

Als das Großherzogpaar am 8. Oktober 1892 seine Goldene Hochzeit feiert, überbringen Gerhard Rohlfs, Hans Meyer und Ernst von Carnap-Quernheimb wertvolle Bildnisse »deutscher Afrikaner«. Nicht vergessen soll es sein, so die Glückwunschadresse der Kolonialfreunde, »daß unter allen deutschen Fürsten Eure Königliche Hoheit von Anbeginn an so warm für die Ausbreitung der kolonialen Unternehmungen eingetreten sind und wie sie Beide |das Großherzogliche Paar] auch nicht schwere materielle Opfer scheuten, um den kolonialen Gedanken praktisch durchzuführen«.
Weimar hat starke Ortsgruppen des Kolonial- wie des Flottenvereins. Daß Kolonialpolitik einer starken Flotte bedarf, die sie abstützen soll, ist für Carl Alexander selbstverständlich. Als Verfechter deutscher Weltgeltung hat sich der einstige Englandfreund in einen Feind britischer Expansion und rmachtstellung verwandelt. Auf der Wartburg, die er als Wohnschloß nutzt, empfängt er 1897 Alfred Tir-pitz, den rkämpfer der deutschen Elottenrüstung, Großadmiral und Staatssekretär im Reichsmarineamt, um sich dessen Pläne für den beschleunigten Bau einer deutschen Hochseeflotte erläutern zu lassen. Am Ende seines Lebens trennt den Großherzog, um dessen Bildung sich noch ein Goethe sorgte und der Weimar erneut zum kulturellen Zentrum Deutschlands zu machen versuchte, wahrlich nicht viel von der imperialistischen Politik eines Wilhelm IL, auch wenn ihm dessen säbelrasselndcr borussischer Stil mitsamt seinen bombastischen Reden innerlich zuwider bleibt.

Es ist ein ganzes Motivbündel, das Weimar zeitweilig zur deutschen Kolonialhauptstadt werden läßt. Schon Carl Alexanders Onkel Bernhard, der nach den Napoleonischen Kriegen in niederländische Dienste getreten war, hat als General in Holländisch-Ostindien Kolo-nialcrfahrungen gesammelt. Neben dem naiven Idealismus Carl Alexanders, der hofft, durch den Erwerb von Kolonien das Christentum zu verbreiten und die europäische Zivilisation fernen Völkerstämmen anzuerziehen, spielt die Überlegung eine Rolle, die deutschen Auswanderer, deren Ziel die Vereinigten Staaten sind, nach deutschen Kolonien in Afrika umzulenken, um sie nicht für Deutschland zu verlieren und um die überseeische Expansion des Reichs durch feste deutsche Siedlungskerne abzustützen. Da ist drittens der Einfluß seiner Gemahlin Sophie, jener Oranierin, die aus ihrer holländischen Heimat weiß, daß Kolonien unerhörten Reichtum bringen, die nicht zufällig als eine der vermögendsten deutschen Fürstinnen gilt und die ihren Gemahl in seiner Kolonialbegeisterung anfeuert.

Klein von Gestalt, bewegt sich Sophie graziös, ihre Verneigung bei Hofbällen sei so vollendet fürstlich, sagt Richard Wagner, wie er es noch nie gesehen habe. Anders als Wagner urteilt Ludwig Raschdau: Im Umgang trage sie eine derart gezierte Steifheit zur Schau, daß selbst die Hofchargen durch sie immer wieder in Erstaunen versetzt würden. Nüchtern, willensstark und pflichtbewußt, ist sie die dominierende Person der fürstlichen Familie, der sich der charakterschwächere Carl Alexander willig fügt. Doch hat sie sich mit ihrem Gatten bald auseinandergelebt. Die Beziehungen zu ihm, der homoerotische Neigungen hat, sind korrekt, mehr nicht. Als sie im März 1897 stirbt, macht Carl Alexander die unangenehme Entdeckung, daß sie ihn in ihrem Testament überhaupt nicht, Kinder und Enkelkinder dagegen fürstlich bedacht hat. Die posenschen Güter vermacht die Großherzogin dem zweiten Enkel, die holländischen, deren Wert allein man auf zwanzig Millionen Goldmark schätzt, hinterläßt sie beiden. Die Möbel im Schloß, die sie in die Ehe brachte oder aus ihrem Vermögen anschaffte, fallen an zwei verheiratete Prinzessinnen, die nicht zögern, einige Zimmer im Residenzschloß leerzuräumen.
Der enterbte Carl Alexander zieht sich immer häuer auf seine Wartburg zurück, wo er seinen Großneffen Wilhelm IL häu als Jagdgast zur Zeit der Auerhahnbalz begrüßt. Nach Sophies Tod muß er sich einschränken, denn es fehlen ihm jetzt die Gelder, weiterhin den großzügigen Mäzen zu spielen.
Carl Alexanders Wendung vom Liberalen zum Nationalkonservativen macht auch vor der Kulturpolitik nicht halt. Nach dem Tod des Herder-Enkels und Nationalliberalen Gottfried Theodor Stichling 1891 werden auswärtige Konservative an die Spitze des wichtigen Kultusdepartemcnts berufen. Ulrich Hess wertet diese Ernennungen, etwa jene des Sachsen Alfred von Boxberg oder des preußischen Oberregierungsrates Rudolf von Pawel, »als ein Armutszeugnis und als Anzeichen für den beginnenden Niedergang des geistigen Lebens Weimars«.

Die Aufmerksamkeit, welche dem Hohcnzollern-Dramatiker Ernst von Wildenbruch an der Um gewidmet wird, ist geradezu ein Symptom für diese Trendwende vom Liberalen zum Konservativen. Mit seinen »Quitzows« hatte Wildenbruch, Legationsrat im Auswärtigen Amt und ein Enkel des bei Saalfeld gefallenen Prinzen Louis Ferdinand, die Belehnung Friedrichs von Nürnberg mit der Mark Brandenburg gefeiert, was Wilhelm IL nach Ansicht des Stücks zu dem Kommentar veranlaßte: »Lieber Wildenbruch, solche Stücke können wir heutigen Tages brauchen. Ich danke Ihnen, daß Sie mir meine Aufgabe erleichtern.« Als der Dichterdiplomat dann seinen »Neuen Herrn« in Privataudienz im Potsdamer Marmorpalais vorliest, will der Kaiser dieses Stück über den großen Kurfürsten mit den Schauspielern am liebsten selbst einstudieren, denn »das kann eigentlich nur einer spielen, der selbst schon regiert hat«.
Der Chef des Hauses Hohenzollern schlägt einige Anderungen vor, welche sein vaterländischer Dramatiker vor der Uraufführung prompt berücksichtigt. Im Auftrag des Kaisers schreibt Wildenbruch schließlich das Festspiel »Willehalm«, mit dem der hundertste Geburtstag Wilhelms I. in national-chauvinistischer Weise gefeiert wird: Da läßt der von Sedan begeisterte Autor kriegerische Germanenstämme unter Führung eines blonden Helden namens Willehalm (Wilhelm I.) die römisch-französische Zivilisation besiegen - unter Anleitung eines Weisen im Bärenfell, welcher der »Gewaltige« heißt und hinter dem sieh kein anderer denn Bismarck verbirgt.
Als Theaterkritiker beklagt Fontane an Wildenbruchs Dramen Verstöße gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, logische Brüche und den alten Wildenbruch-Fluch der Phrase; Alfred Kerr schreibt nach Ansicht von »Heinrich und Heinrichs Geschlecht«, ein Historienschinken, der von dem Canossa-Kaiser Heinrich IV. handelt: »Soviel Banalität ist ja nicht zu fassen. Traa! Er bläst einen tot mit Gemein-plätzigkeiten, rasch - traa! - eh' man Luft schnappen kann - traa! traa! - Hilfe!« Franz Mehring nannte Wildenbruch den Klassiker des verpreußten Deutschland, und doch ist dieser, so Bernhard Kellner 1996 in seiner verdienstvollen Würzburger Magisterarbeit, ein Autor, der die Massen ins Theater zieht, ein populärer Star, der mit seinen Historienschinken lebendige lksszenen auf die Bühne bringt und das Maskenhafte, ja Kostümhafte der Wilhelminischen Epoche repräsentiert.

Schon 1887 hatte Stichling im Auftrag Carl Alexanders ausgerechnet diesem »Trompeter der Hohenzollern« die Position eines Großherzoglichen Intendanten und damit die Leitung der Bühne Goethes angeboten - gegen ein Jahresgehalt von fünftausend Mark. Doch Wildenbruch lehnte in einem Brief an den Großherzog ab, weil er sich als nationaler Erbauungsautor für unabkömmlich hielt: Mit den ihm verliehenen Kräften müsse er dem deutschen lke noch eine Reihe von Dramen schaffen, »an denen es sich erfreuen, erwärmen und begeistern kann«. Das geistige Klima Weimars sagte ihm damals wenig zu. An der Um sei alles stumm und tot, schreibt er seiner Frau Maria, als er zu Besuch in Weimar weilt, es gebe nur das »Gesäusel einiger geistreicher Salons, in denen man Asthetik treibt - weil man nichts weiter zu tun hat«.

Jahre später, als die Berliner Theater seine Stücke ablehnen und er von der Avantgarde verspottet wird, die Ibsen und Hauptmann, Naturalismus und Realismus zu schätzen beginnt, entdeckt er dieses einst geschmähte, stumme und tote Weimar als Zufluchtsort, als »Oase der Glückseligkeit« fernab von Berlin, in dem er so lange den »nationalen Lebensatem eines großen lkes« zu spüren meinte und das er nun als »Politikfabrik« verabscheut. Denn in Weimar wird er gern und häu aufgeführt und nicht vom »Gesindel ohne Vaterlandsgefühl« verfolgt, jenen Kritikern nämlich, die er bösartige, flachherzige Schreihälse nennt und die keine »Achtung vor den Heiligtümern deutscher Nation« haben.
An einem dufterfüllten Frühlingsmorgen im Ilm-Park, beim Rauschen der grünen Wipfel und unter Blütenbäumen, so Wildenbruch bei einem Diner zu Ehren Bronsarts, der ihn als Weimarer Intendant regelmäßig auf den Spiel setzt, überkomme ihn das Gefühl: »Deutschland - hier ist Deutschland.«

Zunächst regelmäßiger Sommergast an der Um, zieht er schließlich ganz in die verschlafene Residenzstadt und läßt sich von Paul Schultze-Naumburg Am Hörn, hoch über Goethes Gartenhaus, seine Villa »Ithaka« in neubarockem Stil erbauen. Im Großherzog erblickt er einen idealen Herrscher, der als besonnener Förderer der Künste die »innere Einheit des Reiches verwirklichen« will. Zwar bringt eine neue Auftragsarbeit über Bernhard von Weimar, den protestantischen Condottieri des Dreißigjährigen Krieges, nur herbe Enttäuschungen. Daß sein großer rfahr dramatisch gewürdigt werde, ist ein alter Herzenswunsch Carl Alexanders. Aber bei der Premiere anläßlich seiner Goldenen Hochzeit bekundet er allerhöchste NichtZufriedenheit, weil sich Wildenbruch über viele seiner rschläge und Einwände hinweggesetzt hat. Wildenbruch zeigt sich gekränkt, aber nach einem Versöhnungsbesuch Carl Alexanders ist das freundschaftliche Verhältnis zwischen Fürst und Dichter wiederhergestellt. Beide verbindet nicht nur die tiefe Abneigung gegen England, in dem Wildenbruch eine »transozeanische Weltmacht« und einen Feind des europäischen Kontinents erblickt. Doch in dem deutschnationalen Dichter, als der er sich selbst bezeichnet, ausschließlich den Nationalisten, ja einen »rläufer Adolf Hitlers« zu sehen, wie es Hanns Martin Elster in seiner 1934 erschienenen Biographie versucht, ist insofern falsch, als Wildenbruch von der Aussöhnung mit dem Erzfeind Frankreich träumt, von einem Kontinentalblock starker, in sich gefestigter Nationen. Frankreich und Deutschland müßten »Mittelpunkt und Ferment« der »Vereinigten Kontinentalstaaten von Europa« werden, eines Staatengebildes, das er sich wünscht, damit »die Menschheitskultur eine noch nie dagewesene Förderung erfahren wird«. r allem verbinden Carl Alexander und Wildenbruch das Festhalten am idealistischen Kunstbegriff und die gemeinsame Abneigung gegen Naturalismus und Realismus. Glaubt Carl Alexander, daß der Naturalismus Ausmaße annehme, die furchtbar seien, weil sie Wahrheit, Schönheit und Pflicht verdrängten, welche die Menschen an das Erhabene fesselten, so klagt sein Verwandter im Geiste Wildenbruch:

»Einst stand die Kunst, weit sichtbar nah und fern,
Hoch überm Haupt der Menschheit wie ein Stern.
Der Weg war steil, des Genius Hände türmten
Die Stufen, drauf zu ihr die Jünger stürmten.
Heut, gleich Arachne, die sich selbst umspinnt,
Liegt sie versteckt im tiefen Labyrinth.
Kein Meister kommt, es will kein
Held sich nahn, und statt des einen, den wir all entbehren,
Soll Theorie uns Weg und Stege lehren.«

Daß in Weimar längst vor der Reichsgründung und Wildenbruch nationalistische Töne zu vernehmen sind, mag ein Kommentar belegen, in welchem das liberale »Deutschland« anläßlich der Gründung der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft am dreihundertsten Geburtstag des englischen Dichters in Weimar den großen Engländer schlicht für die deutsche Nation vereinnahmen will: »Ja, Shakespeare ist unser mit mehr Recht, als jeder anderen Nation; denn uns Deutschen gebührt das Verdienst, die unermeßlichen Schätze der Shakespear-schen Dichtungen zuerst in ihrer unendlichen Tiefe erforscht und ergründet, der deutschen Wissenschaft und dem deutschen Fleiße der Ruhm, sie zum Gemeingut gemacht zu haben.«

Nun stimmt zwar, daß seit Wielands und Tiecks Übersetzungen sich deutsche Bühnen besonders um Shakespeare bemühten, allen voran das Weimarer Hoftheater unter Liszts altem Gegner Franz Dingel-stedr, der Massenszenen und eine prunkvolle Ausstattung liebt und zur Dreihundertjahr-Feier gleich alle sieben Königsdramen Shakespeares aufführt. Unter den zeitgenössischen Dichtern pflegt er besonders Hebbel, dessen »Nibelungen« er an der Weimarer Bühne zur Uraufführung bringt. 1867 geht er an die Hofoper in Wien und übernimmt später das Burgtheater. Sicher erklärt sich der antibritische Tenor des »Deutschland«-Artikels zu Shakespeares Geburtstag sich auch mit der Tatsache, daß England damals ein ernstzunehmender Gegner des preußisch-österreichischen rgehens gegen die Dänen in der Schleswig-Holstein-Frage ist. Aber rechtfertigt dies etwa, von einem »Sieg deutscher Wissenschaft« zu schreiben, welcher den Engländer Shakespeare »zu dem unsrigen gemacht« habe?

Auch die »Mythisierung und Teutonisierung der Goethezeit«, die Klaus L. Berghahn in der »Klassik-Legende« des Second Wisconsin Workshops beklagt, macht vor Weimar nicht halt. Selbst nicht vor der Goethegesellschaft, welche sich die systematische Erforschung des Lebenswerkes Goethes mittels Festvorträgen, Diskussionen und Jahrbüchern zum Ziel setzt. Die Anregung zu ihrer Gründung in Weimar im Juni 1885 geht auf Großherzogin Sophie zurück, die zu ihren Lebzeiten auch die Mittel für den Bau und den Unterhalt des Goethe- und Schiller-Archivs bereitstellt. Anlaß ist ein Testament des Goethe-Enkels Walther Wolfgang von Goethe, in dem er das Goethehaus dem Großherzogtum schenkt, das damit zum Kernstück eines Gocthe-Nationalmuseums werden kann. Den Nachlaß des Großvaters glaubt er bei der vermögenden Fürstin in guten Händen und überantwortet ihr Goethes Handschriften samt seiner Korrespondenz. Sophie veranlaßt auch die nach ihr genannte historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke, Tagebücher und Briefe Goethes.

Daß die neu gegründete Gesellschaft neben wissenschaftlicher Arbeit auch eine entschiedene Umdeutung Goethes im Sinne des Zeitgeists betreibt und den Klassiker in den Dienst des Bismarckreichs nehmen will, zeigt ihr Aufruf vom 1. Juli 1885 »An alle Verehrer Goethes«. Offenbar soll Goethe endlich vom traditionellen rwurf des mangelnden Patriotismus gesäubert und im nachhinein »auf Linie« gebracht werden. Anders läßt sich kaum verstehen, wenn da von der »großen nationalen und politischen Denkart« im neuen Reich die Rede ist, für die jene rurteile und Befangenheiten keine Geltung mehr hätten, welche solange die »richtige Würdigung Goethes bei vielen gehemmt« hätten: »Ein großes nationales Reich weiß den größten seiner Dichter in seinem vollen Werte zu schätzen. Die Begründung und Erhaltung der Größe unseres lkes geht Hand in Hand mit der Pflege und Förderung seiner idealen Güter.« Prompt begibt sich ein ganzes Heer von Germanisten an die Arbeit und besorgt jene geistige Entwurzelung der Klassik, welche der Franzose Robert Minder so scharfsinnig analysiert: Aus ihrem historischen Rahmen, dem europäischen 18. Jahrhundert, wird die Goethezeit gelöst und in »das vorgefaßte Schema einer Deutschheit gepreßt, die nicht den Tatsachen entsprach, sondern der Froschperspektive des politisch gegängelten Mittelständlers im Bismarckschen Reich« - so Minder 1964 in seinen vierzehn Antworten auf die Frage: »Sind wir noch das lk der Dichter und Denker?«
Als ob es darum gehe, der Germanisierungspolitik in den preußischen Provinzen Westpreußen und Posen die Weihen der deutschen Klassiker zu verleihen, veröffentlicht Bernhard Suphan, der Leiter des Goethe- und Schiller-Archivs, im Jahrbuch von 1892 erstmals einen bis dahin unbekannten publizistischen Versuch Goethes: »rschlag zur Einführung der deutschen Sprache in Polen.« Herumziehende Theatcrgesellschaften, so Goethe in seinem unveröffentlicht gebliebenen, 1793 bis 1795 geschriebenen Beitrag, sollten in fließender deutscher Sprache Familienszenen auf die Bühne bringen. Viel sei schon gewonnen, wenn man dem ungebildeten lk »theils seine eigene Sitte, theils die gebildetere Sitte der herrschenden Nation darstellte« - und zwar so, daß die Handlung schon als Pantomime verständlich sei. Das Aneignen des Deutschen geschehe dabei fast unmerklich.
Suphan war vor seiner Weimarer Zeit Oberlehrer mit dem Titel eines Professors am Fricdrich-Werderschen-Gymnasium in Berlin, wo man die Klassik gern als ein »verschönerndes Anhängsel der preußischen Geschichte« (Klaus L. Berghahn) betrachtet. Drei Jahre später, im Jahrbuch 1895, müht sich Suphan um den Nachweis, daß ausgerechnet der »nationale Gedanke« für Goethe ein »entscheidendes Prinzip« gewesen sei. Als mageren Beweis führt er ein ebenfalls bis dato unveröffentlichtes Fragment Goethes ins Feld, in dem dieser erwägt - übrigens ganz wie die Burschenschaftler 1817 auf der Wartburg -, das Fest der Völkerschlacht und die Dreihundertjahrfeier der Reformation auf einen Tag zusammenzulegen. Zwei Feste, so Goethe, machten einander lediglich Konkurrenz, das Gedenken der Völkerschlacht zehre die Kräfte für die Reformationsfeier auf, er aber wolle eine Jubelfeier, die Unfrieden und Erinnerung an konfessionellen Zwiespalt vermeide.

Wie fleißig deutsche Professoren an der unzulässigen, nationalistisch-wahnhaften Vermengung von wilhelminischem Reichsdenken und deutscher Klassik mitwirken, belegt der Festvortrag von Erich Marcks auf der 26. Generalversammlung der Goethegesellschaft im Juni 1911 in Weimar: »Goethe und Bismarck«. Nicht nur, daß Bis-marck den »Götz« geliebt, schlaflos des Nachts Goethes Gedichte gelesen und bei seinem Besuch in Jena die geistigen rarbeiten der Klassiker für sein Lebenswerk, die Reichsgründung, besonders hervorgehoben habe. Als ebenbürtig stellt Marcks, einer der angesehensten deutschen Geschichtsprofessoren seiner Zeit, die beiden »Gipfelmenschen« nebeneinander. Wenn das Genie Goethe das Genie Napoleon bewundert habe, hätte es dann nicht das Genie eines Bismarck um so mehr verehrt? Überhaupt hätten beide viele Überzeugungen gemein - den tiefen Gegensatz gegen die große Zahl, gegen die Atomisierung des lksganzen, gegen den Abbruch innerer Gliederungen und gegen die konsequente Demokratie. Und dann überschlägt sich der Festredner geradezu, wenn er behauptet, Goethe habe Bismarck »wundervoll voraus« formuliert. Habe er nicht zu Eckermann gesagt, »diejenigen Deutschen, die als Geschäfts- und Lebemenschen bloß aufs Praktische gehen, schreiben am besten« ? Marcks allen Ernstes: »Wir empfinden in Bismarcks Deutsch, wo es am reifsten ist, die Verwandtschaft mit Goethe.« In vielem scheint der politische Weg, den Marcks geht, typisch für das deutsche Bildungsbürgertum: r dem Ersten Weltkrieg nationalkonservativ eingestellt, driftet es in der Weimarer Republik immer weiter nach rechts und findet in der Krise der frühen dreißiger Jahre schließlich den Weg zu Hitler. Daran zerbricht die Freundschaft zu dem liberalkonservativen Historiker Friedrich Meinecke, der einmal kritisch notiert, Marcks sei von einer Audienz beim Führer »bewundernd« heimgekommen.
Wie ein roter Faden ziehen sich die Versuche einer nationalen Dienstverpflichtung Goethes wie auch Schillers bis hin zu jenem Beitrag Hans Gerhard Grafs im Goethe-Jahrbuch 1915, wo es heißt: »Adel des Menschentums, Freiheit des Geistes, deutsche Größe, wie Schiller sie hatte und betätigte, >Kultur< im Sinne Goethes« - das sei es im Kern, wofür die Feldgrauen Heere kämpften. Den Punkt aufs i setzt dann ein Jahr später ein Gedicht Roseggers:

»n Schiller geglüht,
n Goethe geklärt,
Hast du, deutsches Stahlherz,
In Not dich bewährt.«

Auch Anzeichen jener »Faust«-Euphorie fehlen nicht, die in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung das Faustische zu einem der »oppositionellen Sinnzeichen gegen die übrige, sogenannte >westliche< Welt« macht, zum »auszeichnenden Schicksalswort«, das dem germanischen Abendland vorbehalten ist, womit freilich verschämt Deutschland umschrieben wird. So Hans Schwerte in seiner ideologiekritischen Auseinandersetzung mit »Faust und das Faustische«. Der nationale Aufschwung und Ausgriff, heißt es dort, wurden faustisch interpretiert - und umgekehrt: »Faustisch« wurde ein »Leitwort nationalen Selbstbewußtseins und ideologischer Selbstberuhigung und Selbstverherrlichung«, bis hin zum berühmten »Faust« im Tornister.
Schwerte, der eigentlich Hans Schneider heißt, und Leiter des »Germanischen Wissenschaftseinsatzes« in Himmlers Stiftung »Ahnenerbe« war, hat sich nach dem Krieg eine neue Identität zugelegt. In »Weimar und die Deutschen«, das Rudolf Wustmann im Auftrag der Goethegesellschaft schreibt und 1915 veröffentlicht, liest man, wie überlegen sich deutsche Soldaten an der Front den Feinden durch die Lektüre des »Faust« fühlten: »So etwas habt ihr doch nicht!«
Das entspricht ganz der These des Germanisten Herman Grimm, welcher 1886 übrigens den allerersten Festvortrag vor der Goethegesellschaft in Weimar hält und der seinen Berliner Studenten allen Ernstes versichert: »Dadurch, daß wir Faust und Gretchen besitzen, stehen die Deutschen in der Dichtkunst aller Zeiten und Nationen an erster Stelle.« Daß Goethe ein großer Ironiker war und selbst von den »sehr ernsten Scherzen« gesprochen hat, die in seinem »Faust« enthalten sind, wird von der Wilhelminischen Epoche negiert, merkt Karl Robert Mandelkow in seiner »Rezeptionsgeschichte eines Klassikers« (»Goethe in Deutschland«) an: Die fast ausschließliche Betonung des »Ernstes« habe die weltanschauliche und pseudoreligiöse Pathetisie-rung des »Faust« überhaupt erst möglich gemacht.

Nach 1871 zitiert man mit rliebe aus jenem Bericht des Jenaer Professors Luden über ein Gespräch mit Goethe im Dezember 1813, in dem der Dichter des »Faust« versicherte, er sei nicht gleichgültig »gegen die großen Ideen Freiheit, lk, Vaterland«. Ihm liege Deutschland am Herzen, und das deutsche lk, »so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen«, habe eine Zukunft vor sich.
Das klingt schön patriotisch und dient der Vereinnahmung. Daß Goethe in demselben Gespräch betonte, für Wissenschaft und Kunst gebe es keine »Schranken der Nationalität«, weil sie der ganzen Welt gehörten, wird geflissentlich unterschlagen. Man spielt gern »Des Epi-menides Erwachen«, jenes Festspiel, das Goethe im Auftrag Berlins zur Siegesfeier 1814 schrieb und das von dem antiken Seher handelt, der in siebenundfünf zigjährigem Schlummer geheimnisvolle Kräfte sammelt, um nach dem Erwachen dann große Weissagungen zu machen.
Entschuldigt Goethe, der sich wohl selbst als Epimenides sah, sein Fernbleiben während der Zeit der nationalen Erhebung mit diesem Schlaf, wie Richard Friedenthal vermutet? Das Stück ist als Oper angelegt und zählt gewiß nicht zu seinen Meisterwerken. In Weimar wird es am 1. Juli 1896 zur Generalversammlung der Goethegesellschaft aufgeführt. Am Schluß singen die Priester im Chor:

»So rissen wir uns ringsherum/
n fremden Banden los,
Nun sind wir Deutschen wiederum/
Nun sind wir wieder groß
Und Fürst und lk und lk und Fürst
Sind alle frisch und neu.«

Trocken notiert Preußens Gesandter Raschdau über diese Aufführung im Weimarer Hoftheater: »Hier erschien am Schluß in schwarz-weißrotem Gewände die >Germania< mit der Kaiserkrone, und wir erwarteten eigentlich alle, die >Wacht am Rhein« zu hören.«














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