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ASPEKTE DEUTSCHER RAUMERFAHRUNG



ASPEKTE DEUTSCHER RAUMERFAHRUNG

Die traditionelle Landeskunde kennt den Raum in der Regel nur als Quadratkilometerzahl des Staatsgebietes, als Länge seiner Grenzen und Verortung seiner zentralen Wirtschaftsgebiete, Städte und Landschaftsformationen. Bis zum 3. Oktober 1990 galt z.B. für die alte Bundesrepublik:

Das Staatsgebiet der Bundesrepublik Deutschland ist 248 708 km- groß. Die längste Ausdehnung von Norden nach Süden beträgt 867 km, von Westen nach Osten 453 km. An seiner schmälsten Stelle mißt das Bundesgebiet zwischen Frankreich und der DDR nur 225 km. Wer das ganze Staatsgebiet umrunden wollte, müßte 4 231 km Landgrenzen und 572 km Seegrenzen abfahren. ()
Aufgrund der Oberflächenformen und Höhengliederung werden von Norden nach Süden drei große Landschaftsräume unterschieden: das Norddeutsche Tiefland, das Mittelgebirge und das Alpenvorland mit dem Alpenrand. Die Bundesrepublik Deutschland hat Anteil an allen drei Landschaften (Tatsachen über Deutschland 1988,10).

So grundlegend und präzise diese Landrmessung auch sein mag. sie sollte nicht über die konstituti (Inter-)Subjektivität der Kategorie Raum hinwegtäuschen, die den eigentlichen raumbezogenen Zugang zur Landeskunde erschließt, selbst wenn er von den Tatsachen nicht selten zu Mutmaßungen über Deutschland führt. Die geographische Objektivierung des Raums ist nicht seine objekti Seinsweise selbst, sondern eine Einstellung, die sich im historischen Prozeß der Rationalisierung erst herausgebildet hat. Raum präsentiert sich jedoch nicht nur als geographischer oder mathematischer Raum, sondern kann auch sein: geschichtlicher, poütischer, sozialer, ästhetischer, erlebter Raum -und ist in jedem Fall ein ränderliches, soziales Konstrukt im Wandel komplexer Bedingungen, Einstellungen und Erfahrungen.

Die interdisziplinäre Aufarbeitung wichtiger Aspekte deutscher Raumerfahrung, wie sie hier vorgestellt wird, macht die unterschiedlichen Raumkonzeple der beteiligten Fachwissenschaften bewußt und bezieht sich in wechselnder Akzentuierung und Kombinatorik in einer historisch angelegten Darstellung aufeinander.
Zentrale Ansatzpunkte sind die Enge, Kleinräumigkeit und Unterschiedlichkeit der deutschen Lebenswclten, die in ihrem Zusammenhang mit der Mentalität der Deutschen zwar häu erwähnt, selten jedoch in ihren vielfältigen Dimensionen und Gegentendenzen genauer untersucht werden. Der sozialhistorische Längsschnitt zu Beginn gibt die Denkur vor, die dem gesamten Versuch zugrunde liegt. Nicht ohne Grund setzt der historische Rückblick mit der politischen Zerstückelung des deutschen Sprachraums (nicht erst) im 18. Jahrhundert ein. Welche Folgen hatte sie und hat sie noch heute? Wie groß ist die Reichweite all jener Prozesse, die Mobilität, Ausweitung und Entgrenzung der kleinräumig "bornierten Lebenshorizonte bewirken?
Die Erbschaft der Enge, der Zersplitterung mit all ihren Konsequenzen auf der einen Seite, gleichzeitig - als gegenläue Tendenzen - Mobilität, Horizonl-erweiterung, Ganzheits- und Einheitsbedürfnisse auf der anderen: dies ist das Zuordnungsprinzip, das Konstanten und Wandlungen deutscher Raumerfahrung bis hin zur Gegenwart in einen Zusammenhang zu bringen sucht und dabei zentrale Aspekte wie das Verhältnis von Innen und Außen, die besondere Beziehung der Deutschen zu Natur und Landschaft besonders hervorhebt. Rückschlüsse auf die Modellierung deutscher Mentalität durch die spezifischen Ausprägungen der Raumerfahrung liegen nahe, werden jedoch eher zurückhaltend formuliert. Erst im Zusammenspiel mit nicht nur raumbezogenen Fragestellungen können hier differenzierte und umfassender belegte Aussagen gemacht werden.

Die kontrasti Ausrichtung des Versuchs wird eine binnendeutsche Erörterung deutscher Raumerfahrung immer wieder aufbrechen und grundlegende Aspekte des amerikanischen Verhältnisses zum Raum wenigstens stichwortartig andeuten. So können amerikanische Fremderfahrungen in Deutschland genutzt werden: als thematische Zeiger erklärungsbedürftiger Phänomene, die ohne Orientierungshilfe in ihrem Eigensinn und geschichtlichen Gewordensein nicht zu rstehen sind, aber auch als Verfremdung des deutschen Selbstrständnisses, das im fremden Blick seine Selbstrständlichkeit rliert und einer distanzierteren Erkenntnis zugänglich werden kann.

Enge und Kleinräumigkeit

Der Größenunterschied zwischen dem Territorium der USA und dem vereinigten Deutschland ist überwältigend. Kleinräumigkeit und Enge hier. Großräumigkeit und Weite dort - das scheint die wesentliche Differenz der Raumerfahrung auszumachen. Es wäre aber allzu einfach, Gegensatzpaare zu konstruieren und die mit Amerika assoziierten Adjektive "weit, "groß und "äußerlich von den Begriffen deutscher Enge, Kleinheit und Innerlichkeit abzusetzen. Differenzierungen, wie sie im einzelnen hier nicht auszubreiten sind (WASPS oder z.B. Schwarze. Hispanier als Bezugsgruppen: Unterscheidungen nach Region. Schicht.

Alter und Geschlecht), würden die Uneinheitlichkeit der amerikanischen Perspektive verdeutlichen.
Dennoch ist zweifellos richtig, daß die amerikanische Raumerfahrung psychisch und historisch größer dimensioniert ist als die deutsche. Aus der großen Kontinentalausdehnung der USA, verbunden mit einer Bevölkerungsdichte, die nur in echten Ballungszentren wie New York an europäische Verhältnisse heranreicht, ergibt sich ein größerer individueller Lebensraum im privaten und öffentlichen Bereich. Dies hat eine höhere psychische Offenheit und Mobilität begünstigt und auch im politischen Freiheitsbegriff Spuren hinterlassen. Die historische Raumerfahrung in den USA unterscheidet sich, kurz gesagt, deutlich von der deutschen.

Die politische Zersplitterung im 18. Jahrhundert

In Deutschland sind die entscheidenden und bis in die Gegenwart fortwirkenden Raumerfahrungen der Enge und Kleinräumigkeit in hohem Maße politisch bestimmt - "politisch weit definiert - und führen zurück in eine Zeit, in der die territoriale Zerteilung des deutschen Sprachraums mit all seiner politischen, religiösen und kulturellen Verschiedenheit nur wenigen die Erfahrung seiner Gemeinsamkeiten oder gar Einheitlichkeit erlaubte.

Auf deutschem Gebiet gab es bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts rund 1 000 kleine Territorien, deren Grenzen prägend und auch nicht ohne weiteres überschrcitbar waren. Sie bildeten selbständige rechtliche Einheiten, waren oft gleichzeitig Konfessionsgrenzen und modellierten einschneidend und unterschiedlich die Erfahrungen der Menschen. Fundamentale Entscheidungen im Leben des einzelnen hingen von den lokalen Besonderheiten ab: z.B. das Recht zur Eheschließung. Gewerbe- und Niederlassungsrecht, korporative und feudale Bindung. Erbrechtsgewohnheiten, Schulwesen. Armenfürsorge. Wie "Raum die Lebenswirklichkeit sozial, politisch und kulturell formte, wurde im ständig präsenten Kontrast der kleinräumigcn Lebenswelten unmittelbar erfahren.


Politisch-soziale Horizonterweiterungen

Der Prozeß zunehmender "Verstaatlichung ebnete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar einen Teil dieser sozial-kulturellen und politischen "Autarkie der kleinen Räume in den einzelnen Staaten unterschiedlich stark ein. beseitigte sie aber nicht. Horizont und Wertorientierungen vieler Menschen blieben von ihrer kleinräumigen Lebenswelt bestimmt und waren nicht gesamtstaatlich oder gar überstaatlich-national geprägt. Zugleich wurden - z.B. in der Revolution von 1848/49 - schichtspezifische Differenzierungen in der Reichweite des Prozesses von "Verstaatlichung und "Nationalisierung von Lebenswellen erkennbar.
Die Zeit von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg läßt sich als eine weitere Phase nun stark beschleunigter "Egalisierung und Ausweitung von Raumerfahrung verstehen. Auch dieser Prozeß blieb jedoch vielfach durchbrochen. Bestimmt wurde er durch folgende Faktoren:
- Nationalstaatsbildung und Nationalisierung des politischen Lebens: Die innere Nationsbildung im deutschen Kaiserreich trug zweifellos zur Ausweitung des politischen Erfahrungsraumes bei. Der Nationalstaat verdrängte partikularstaatliche Loyalitäten in dem Maße, in dem nationale Politik auch für den einzelnen in seinem Leben unmittelbar erfahrbar wurde: z.B. über die nationalen Wahlen, über Rechtsvereinheitlichung (Bürgerliches Gesetzbuch als Höhepunkt), die um 1880 einsetzenden neuen Formen (national-)staatlich geregelter Daseinsvorsorge (Kranken- und Rentenversicherung), Kolonial- und Flottenpolitik u.a. Das Vordringen des Kaiserkultes und auf nationaler Ebene organisierter Parteien und Intcressenverbände signalisiert vor allem seit der Wilhelminischen Ära eine Orientierung auf erweiterte politische Handlungs- und Erfahrungsräume. Gleichwohl blieb die Bedeutung kleiner Räume unterhalb der nationalen Ebene für das politische, soziale und kulturelle Leben erheblich. Zu denken wäre etwa an die bis in die Gegenwart immer wieder betonte und sicher nicht nur symbolische Bedeutung der Mainlinie für die politische Kultur oder an die Herausbildung weiterer kultureller Metropolen wie Hamburg und München, die mit Berlin konkurrieren.

- Industrialisierung und Urbanisierung: Die Entstehung neuer Industriereviere (Ruhrgebiet), die großen Migrationsbewegungen, die mit der Verstädterung verbunden waren und zur wirtschaftlichen Umstrukturierung führten (1882 lebten noch 42 Prozent der Bevölkerung von landwirtschaftlichen Tätigkeiten, 1907 nur noch 28 Prozent), brachen alte kleinräumige Lebenswelten auf. Andererseits sorgten Erscheinungen wie die voranschreitende soziale Segrega-tion in den Städten und das expandierende und zunehmend differenziertere städtische Vereinsnetz dafür, daß auch in der Ära der raumverändernden Hochindustrialisierung die Lebenswelten überschaubar und sozial, konfessionell sowie z.T. auch politisch abgegrenzt blieben. Bemerkenswert ist schließlich noch der Einfluß der Eisenbahnen auf die Raumerfahrung. Einerseits bewirkt die neue Mobilität eine Horizonterweiterung, andererseits setzen sich in der Gestaltung der Innenräume nationalspezifische Raummuster durch. Gemeint sind die auffälligen Unterschiede der nordamerikanischen und kontinental-europäischen Wagentypen. Während in Europa die Reisenden in Klassen eingeteilt wurden und die höheren Klassen abgeschlossene Abteile - "auf die Eisenbahn montierte Kutschen (Schivelbusch 1979. 69) - erhielten, wurde in Nordamerika seit den 1840er Jahren der Durchgangswagen ohne Abteil zum Standardtyp. Unterschiedliche Auffassungen von sozialer Distanz und Demokratie dürften dabei ebenso eine Rolle gespielt haben wie die unterschiedlichen Entfernungen, die verschiedenartige Reiseformen erlaubten.








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