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Jugendliche Familie









Seminar

Entwicklung im Jugendalter




Jugendliche & Familie


Die Familie

Der Begriff Familie stammt von dem lateinischen Wort ´familia´ ab; es verweist auf ´famulus´ (=Diener) und ´famuli´ (das im Haus lebende Gesinde). Das Wort ´Familie´ wird erst Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts in die deutsche Sprache eingeführt. Bis Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Begriff jedoch noch als  Synonym für ´das ganze Haus´ verwendet und entsprach dem damaligen Verständnis von Familie.




Familienfähigkeit wurde nur jenem zuerkannt, der auch ein eignes Haus besaß. Erst im Zeitalter der Industrialisierung (Trennung von Erwerb und Zusammenleben wird wichtig) wird die Familie als Ort privater Beziehungen betrachtet. Im 19. Jahrhundert kam es schließlich zur Entwicklung von Familienidealen, die die Vorläufer der bürgerlichen Kernfamilie darstellen.

Definitionen:

Familie eine durch Zeugung (oder Zuwahl) sich selbst ergänzende, auf eine überschaubare Personenzahl begrenzte, auf Dauer bestehende Primärgruppe, deren Angehörige in einem gefügenhaft geregelten Handlungszusammenhang miteinander leben und durch Gefühlsintimität, Wir-Bewusstsein und Wertungsolidarität miteinander verbunden sind (oder sein sollten)

Kernfamilie: Familie, zu der ein Elternpaar und dessen unmündige Kinder gehören

Kleinfamilie: moderne Form der Familie, oft nur mit einem Kind

Großfamilie: Mehrgenerationenfamilie mitsamt Verwandten, Mithelfenden,… die alle zum Personenkreis dieses Typs von Familie gehören (vgl. ganzes Haus)

Karpel und Strauss (1983) unterscheiden die Familie nach Art, Dauer und Intensität der im gemeinschaftlichen Lebensvollzug entstehenden Bindungen. Es treten hier 5 Familienbedeutungs- und -bindungsformen auf:

Die funktionale Familie ist vor allem definiert über die Art und Weise, wie sie die praktischen Anforderungen des Lebens regelt; von der Haushaltsführung über die Freizeitgestaltung bis zur Kindererziehung.

Die rechtliche Familie entsteht dann, wenn 2 Generationen durch biologische oder rechtliche (durch Adoption) Elternschaft miteinander verbunden werden und wenn eine Klärung des Sorgerechts für die nachwachsende Generation erfolgt ist (vgl. Schneewind 1991, S.16). Bindungen entstehen hier zum Beispiel durch Erziehungsverpflichtungen sowie Unterhalts- und Sorgerechtsregelungen.

Die Familie, wie sie von ihren Mitgliedern gesehen wird, bezieht sich auf das Empfinden der einzelnen Familienmitglieder, wer als zur Familie gehörig gesehen wird und wer nicht.

Die Familie mit langfristigen Verpflichtungen: Mitglieder erwarten Stabilität und Dauerhaftigkeit der Bindungen

Die biologische Familie bezieht ihre Bindung aus der Tatsache der Blutsverwandtschaft.

Die traditionelle Familie ist demnach zugleich legale, biologische und funktionale Familie. Außerdem nehmen sich alle Familienmitglieder als zu Familie gehörig wahr und sind eingebunden in einen Lebensrahmen mit dauerhaftem Verpflichtungscharakter (vgl. Schneewind 1991, S.52f).

Familien als intime Beziehungssysteme

Schneewind bezeichnet familiäre bzw. quasi-familiäre Personengruppen als intime Beziehungssysteme und unterscheidet sie anhand folgender 4 Kriterien (vgl. Schneewind, 1991, S. 16f):

Abgrenzung, das heißt der Zusammenschluss von zwei oder mehr Personen, die in Abhebung von anderen Personen oder Personengruppen ihr Leben nach bestimmten expliziten oder impliziten Regeln in wechselseitiger Bezogenheit gestalten.

Privatheit, das heißt das Vorhandensein eines umgrenzten Lebensraumes, der die Verwirklichung von intimen interpersonalen Beziehungen ermöglicht.

Nähe, das heißt die Realisierung von physischer, psychischer und emotionaler Intimität. 

Dauerhaftigkeit, das heißt eine auf längerfristige Gemeinsamkeit angelegte Bindung mit wechselseitigen Verpflichtungen und Zielorientierungen.

Die Funktionen der Familie

  1. Die Reproduktionsfunktion
    Jede Gesellschaft hat ein natürliches Interesse an der Reproduktion ihrer Mitglieder, was gleichzeitig eine Reproduktion ihrer selbst mit sich bringt. Die Reproduktionsfunktion beginnt mit der Geburt eines neuen Mitgliedes und geht weiter mit der Regelung der Zuständigkeit für das Kind als auch mit der Zuweisung einer bestimmten Position in dem Beziehungsfeld ´Familie´, dass von Vater, Mutter und Geschwister gebildet wird. In erster Linie soll die Reproduktionsfunktion durch die Familie übernommen werden. Erst wenn diese Funktion durch die Familie nicht selbst übernommen werden kann, übernimmt der Staat diese Rolle (vgl. Schneewind, 1991, S. 55).
  2. Die Sozialisationsfunktion
    Im Unterschied zum instinktgesteuerten Tier, wächst der neugeborene Mensch durch umfangreiche Lernprozesse allmählich in die sozialen Gruppen und Beziehungen hinein, die eine Gesellschaft ausmachen. In den Prozessen der Sozialisation wird er auf bestimmte kulturelle Sinngebungen und Werte, soziale Rollen und Normen hin ´sozialisiert´ (vgl. Schneewind, 1991, S. 56).
  3. Die Haushaltsfunktion
    Die Familie wird als Wirtschaftseinheit betrachtet: die ökonomischen Aktivitäten der Familie bestehen in Produktion und Konsumation von Gütern mit dem Ziel der materiellen Versorgung ihrer Mitglieder.
  4. Die Regenerationsfunktion
    Dazu gehören alle Aktivitäten der Familie, die zur physischen und psychischen Erholung sowie zur emotional-affektiven Befriedigung ihrer Mitglieder beitragen.  Speziell: Gestaltung der Freizeit: Wochenende, Urlaub, Familienfeste,…
    Selbstverständliche Verhaltensweisen (Rituale) die innerhalb der Familie immer wieder vollzogen werden, dienen der Erhaltung und Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls (vgl. Schneewind, 1991, S. 56).

Familienentwicklung

Familienentwicklung in psychologischer Sicht

Schneewind bezeichnet Familienentwicklung als den im Kontext der Familie in wechselseitiger Bezogenheit verlaufenden Prozess der Persönlichkeitsentwicklung.

Dieser Prozess wird auch als Koevolution und Koindividuation bezeichnet (vgl. Willi 1985, Simon & Stierlin 1984 in Schneewind, 1991, S. 20ff).


Familienentwicklungstheorie
Die Familienentwicklungstheorie ist eine theoretische Perspektive zur Untersuchung von Familienentwicklungsprozessen. Das zentrale Anliegen ist das Studium des Familienzyklus. Duvall definiert den Familienzyklus als eine ´Abfolge von charakteristischen Stufen, die mit der Familienbildung beginnen und sich über die Lebensspanne der Familie bis zu ihrer Auflösung fortsetzen (vgl. Schneewind 1991, S. 107ff).

Familienstufen In der Familienentwicklungstheorie wird der Familienlebenszyklus in eine Reihe chronologisch aufeinander folgender Stufen unterteilt. Nach Bergius könne die Stufen als ´Entwicklungsabschnitte und plötzliche Niveauänderungen unterschieden werden. Es ist wichtig, Kriterien für die Anordnung von Familienstufen zu finden (vgl. Schneewind 1991, S. 108).

Drei Kriterien zur Bildung von Familienstufen (vgl. Schneewind 1991, S. 108):

Veränderungen in der Zahl der Mitglieder einer Familie

Entwicklungsstand des ältesten Kindes

Ausscheiden der Haupterwerbsperson (meistens der Vater)


Diese Einteilungskriterien führen zum 8 – Stufen – Modell des Familienzyklus vgl. Schneewind 1991, S. 108):

Stufe                            Beschreibung

I Verheiratete Paare (ohne Kinder)

II Familien mit Kindern frühes Stadium

III Familien mit Vorschulkindern

IV Familien mit Schulkindern

V Familien mit Jugendlichen

VI Familien im Stadium der Ablösung junger Erwachsener

VII Eltern im mittleren Lebensalter

VIII Alternde Familienmitglieder


Dieses Modell ist wegen zunehmender Individualisierung von Lebensstilen kritisiert worden. Es wurde schließlich ein erweitertes Modell vorgeschlagen. Dieses orientiert sich am Lebenslauf des einzelnen und der Gedanke eines normativen Ablaufs von Familienstufen wird aufgegeben. Stattdessen werden mehrere Verzweigungsmöglichkeiten dargestellt. Aufgrund hoher Scheidungs- und Wiederverheiratungsquoten, stellt sich die Frage, ob nicht eine Nachscheidungsphase oder eine Phase der erneuten Familienbildung zum Modell beizufügen sind (vgl. Schneewind 1991, S. 108f).

Der Kerngedanke der Familienentwicklungstheorie besteht darin, die Familie als ein System von Rollenträgern zu sehen, wobei sich die Rollen wegen Veränderungen im Familienzyklus ändern. Jedes Mitglied der Familie nimmt einige Rollen an, die zusammen ein Rollenmuster bilden. Die Rollen variieren jedoch. Es können verschiedene Auslöser für solche Rollenänderungen auftreten: zum Beispiel durch die Geburt eines Kindes – Vater- und Mutterrolle (vgl. Silbereisen / Montada, 1983, S. 139f).

Familienkonstellationen

Neben der herkömmlichen Familie (Vater, Mutter und Kinder), auf die wir hier nicht näher eingehen werden, sind im Folgenden andere Familienformen aufgelistet.

Familien mit adoptierten Kindern

Unfreiwillige Kinderlosigkeit ist der weitaus häufigste Anlass für die Adoption eines Kindes. Paare, die sich um eine Adoption eines Kindes bemühen, sind zahlreichen Belastungen ausgesetzt. Die Entscheidung für eine Adoption ist nicht selten von starken inneren Kämpfen begleitet, denn Minderwertigkeitsgefühle der eigenen Unfruchtbarkeit, die Besorgnis keine echte Beziehung zum Kind aufbauen zu können und die Befürchtung, dass vielleicht das biologische Erbe des Kindes spätere Probleme bringen könnte und natürlich Vorbehalte der Verwandten und Bekannten gegenüber einer Adoption stehen im Vordergrund der Betroffenen.

Dies soll nun anhand einer Aussage einer Adoptivmutter verdeutlicht werden:

Der Gedanke an eine Adoption war im Moment für mich erst mal fürchterlich, nun erst mal zu verarbeiten kein eigenes Kind bekommen zu können, und dann fremder Leute Kinder groß zu ziehen, …

Trotz einer Vielzahl weiterentwickelter Reproduktionstechniken wird insgesamt nach wie vor eine Adoption um ein vielfaches häufiger angestrebt als andere Formen der Familiengründung.

Adoptiveltern unterschieden sich in einer Reihe von Merkmalen von „Normaleltern“. Sie besitzen durchschnittlich eine bessere Schulausbildung, leben in besseren Wohnverhältnissen und gehören häufiger höheren sozioökonomischen Schichten an. Sie sind bei der Adoption ihres Kindes etwa 5 bis 7 Jahre älter als Paare bei der Geburt ihres ersten Kindes. Darüber hinaus werden Adoptiveltern weniger oft geschieden, sind durchsetzungsfähiger und selbstsicherer und weisen einen besseren psychischen und physischen Gesundheitszustand auf als Eltern mit leiblichen Kindern.

Während sich leibliche Eltern während der Schwangerschaft auf die bevorstehende Elternrolle vorbereiten können, müssen sich Adoptiveltern sehr kurzfristig für ein zur Adoption freigegebenes Kind entscheiden.

Die Adoptiveltern beginnen sich in der Eingewöhnungsphase mit ihrem Kind emotional immer stärker zu identifizieren und so entwickelt sich bereits in den ersten Monaten eine warme und sichere Bindung zwischen Eltern und ihren Kindern.

Die Aufklärung des Kindes über seinen Familienstatus ist eine wichtige Entwicklungsaufgabe von Adoptiveltern über das Vorschul- und Schulalter des Kindes hinweg und sollte einer kontinuierlichen, der kognitiven Entwicklungsstufe des Kindes angepasste Form der Aufklärung entsprechen. Adoptiveltern sehen dieser Aufgabe mit Unsicherheit und Angst entgegen. Sie befürchten, dass durch die Aufklärung eine emotionale Distanz entstehen könnte, sehen aber ein, dass dies für die Identitätsentwicklung des Kindes wichtig ist.

Die psychosoziale Entwicklung adoptierter Kinder im Schulalter scheint eher gefährdet zu sein als die Gleichaltriger, die in Normalfamilien leben. Sie verfügen über eine geringere soziale Kompetenz und haben durchschnittlich größere Schulbezogene und sozial-emotionale Probleme, was sich aber mehrheitlich nicht im Jugend- und Erwachsenenalter fortsetzt. Die verschiedenen angesprochenen Probleme scheinen aber nicht eine zwangsläufige Folge ungünstiger Bedingungen vor der Adoption oder frühkindlicher Entwicklungsauffälligkeiten zu sein, sondern durch das Klima in der Adoptivfamilie moderiert zu werden.

Für adoptierte Jugendliche ist der Prozess der Identitätsfindung kritischer als bei Gleichaltrigen, weil sie Informationen über ihre wirkliche Herkunft verarbeiten und die Entscheidung der leiblichen Mutter respektieren müssen. Die mehr oder weniger unklare Herkunft führt zu Verunsicherungen. Für die Eltern-Kind-Beziehung birgt diese doppelte Elternschaft Konfliktpotentiale, da in der Adoleszenz ohnehin auftretende Spannungen von den Betroffenen schnell auf adoptionsspezifische Bedingungen zurückgeführt werden können. Bei Konflikten werten Adoptivkinder vermehrt ihre Adoptiveltern ab und identifizieren sich mit ihren leiblichen Eltern, die in ihrer Phantasie idealisiert werden. Gerade im Zuge der Identitätsentwicklung setzen sich die „Kinder“ vermehrt mit ihrer Herkunft auseinander und wenden sich in der Phantasie den leiblichen Eltern zu. Dies führt zu Unsicherheit und Angst seitens der Adoptiveltern, als Eltern versagt zu haben. Die meisten Jugendlichen haben zwar Interesse ihre leiblichen Eltern kennen zu lernen, .jedoch ein aktives Bemühen um einen Kontakt mit den leiblichen Eltern setzt eher erst im Erwachsenenalter ein und dies meist durch einen bestimmten Anlass  Geburt, Heirat, …).

Jugendliche, die sich jedoch vermehrt um den Kontakt bemühen, zeichnen sich durch geringes Selbstwertgefühl und starke Identitätsprobleme aus. Identitätskonflikte treten oft auf, wenn Eltern das Thema Adoption weitgehend tabuisieren und Jugendliche auch von Außenstehenden Diskriminierung erfahren.

Zum Schluss sei gesagt, dass die Zufriedenheit von Adoptivfamilien durchgängig hoch ist, obwohl durch die besondere Form der Familiengründung vermehrte Anforderungen und Belastungen sowohl an die Eltern und auch an die aufgenommenen Kinder herangetragen werden (vgl. Hofer, Klein-Allermann & Noak, 1992, S. 250ff).

Scheidungsfamilien – Ein-Eltern-Teil Familie

In den letzten Jahrzehnten hat die Scheidungsrate ständig zugenommen und es wird geschätzt, dass in den nächsten Jahren nur etwa die hälfte aller Kinder bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen wird.

Durch den Wegfall sozial- normativer Leitlinien hat die Institution Ehe an Wichtigkeit eingebüßt.

Für die Kinder ist die Scheidung ihrer Eltern anfangs ein schmerzhaftes, mitunter sogar traumatisches Erlebnis, auf das sie mit emotionalen, kognitiven und sozialen Schwierigkeiten reagieren. Sie leiden unter der Trennung der Eltern und reagieren oft mit Verhaltensauffälligkeiten (z.B.: stehlen, Schule schwänzen, ..).. Das Ausmaß und die Dauer der Beeinträchtigungen ist vom Geschlecht der Kinder, ihrem Entwicklungszustand zum Zeitpunkt der Scheidung und personenabhängigen Faktoren abhängig. Jüngere Kinder leiden tendenziell länger an der Trennung der Eltern. Für sie ist vor allem eine gute Beziehung zur Mutter wichtig, wobei für Kinder im Schulalter die Beziehung zum Gleichgeschlechtlichen Elternteil besonders von Bedeutung ist. Das Fehlen eines elterlichen Rollenmodells führt zu gestörten Geschlechtsrollenentwicklungen und zeigt sich vermehrt in aggressiven Verhaltensweisen gegenüber Gleichaltrigen.



Nach der Scheidung ist es wichtig den Kontakt zum nicht sorgeberechtigten Elternteil aufrecht zu halten. Für die Auswirkungen der Scheidung auf die Kinder ist die Beziehung des nunmehr allein erziehenden Elternteils und seinen Kindern und die Beziehung zum anderen Elternteil von großer Bedeutung. Die meisten Probleme resultieren allerdings aus Begleiterscheinungen der Trennung, wie z.B. ungenügender finanzieller Absicherung der „Restfamilie“, anhaltender Konflikte zwischen den Partnern, usw. Häufig ist der allein erziehende Elternteil mit der Erzieherrolle überfordert, ist zahlreichen Belastungen ausgeliefert und dadurch geht er weniger auf die Kinder ein , verlangen mehr Gehorsam und Mithilfe im Haushalt und ist inkonsequenter in seinem Erziehungsverhalten.

Die negativen Auswirkungen der Scheidung auf Kinder und Partner lassen sich aber langfristig unter Kontrolle bringen und eine Scheidung kann sich positiv auf alle Beteiligten auswirken, wenn man die Scheidung nicht als Ende der Familie sondern als Neuanfang akzeptiert (vgl. Hofer,Klein-Allermann&Noack, 1992, S.266ff).


Nach einer Scheidung, nach dem Tod eines Elternteils oder anderen Umständen beginnt für die Jugendlichen ein neuer Abschnitt. Sie befinden sich nunmehr in einer Ein-Elternteil-Familie. Vorerst müssen sie den Verlust einer nahe stehenden Person verarbeiten. Als Folge treten vermehrt schulische Probleme auf. Allerdings müssen Jugendliche, die einen Elternteil verloren haben, häufiger eine Klasse wiederholen als Jugendliche lediger Eltern.

Die Beziehungsqualität innerhalb der Ein-Elternteil-Familie ist nicht einheitlich. Spannungen zwischen Eltern und Jugendlichen treten häufiger bei Scheidungsfamilien als bei verwitweten Eltern und Jungendlichen auf. Dennoch ist das Interaktionsverhalten von allein erziehenden und verheirateten Eltern nicht grundsätzlich verschieden. Außere Bedingungen und Umweltfaktoren (berufliche Belastungen) wirken jedoch unterschiedlich auf Umgang und Erziehung der Familien ein. Gerade wegen dieser Bedingungen entwickeln meist Ein-Elterteil-Familien ihren eigenen Erziehungsstil (autoritatives Elterverhalten d.h.: klare Verhaltenserwartungen und Kontrolle durch Wärme und Offenheit). Autonomieforderungen sollen auch eine wichtige Bedingung der allein erziehenden Eltern sein, damit der Jugendliche ein eigenverantwortliches Verhalten ausbildet. Grundsätzlich wird Jugendlichen in dieser Familienform mehr Verantwortung und Selbstständigkeit zuerkannt.

Laut Studie zeigen sich Variationen in Abhängigkeit von der Art der Ein-Elternteil-Situation und dem Geschlecht des Kindes: Belastungen bei geschiedenen Kindern sind höher während bei ledigen Kindern diese kaum sichtbar sind. Trennungserlebnisse, fortdauernde Konflikte der Ex-Partner können dafür ausschlaggebend sein. Gleichzeitig ist aber auch sichtbar, dass kleinere Jungs allgemein verletzlicher sind, während die Gefährdung bei Mädchen erst in der Pubertät steigt(vgl. Hofer,Klein-Allermann&Noack, 1992, S.289ff).

Konkurrenz Eltern – Peergruppe

Begriffliches

Der Begriff Gleichaltrige, wie er in der deutschen Literatur eingeführt ist, bietet zwar eine gute Annäherung an den Begriff Peers, jedoch trifft diese nur unter heutigen Lebensbedingungen zu. Eigentlich sind Peers, jene Personen, die sich nach Rang Verdienst und Qualität ähneln. Aufgrund unserer stark institutionalisierten Altersgradierung in unserer Zeit, die sich unter anderem durch unser Altersstufenorientiertes Schulsystem bemerkbar macht, sind dies in den meisten Fällen Gleichaltrige (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 84).

Oerter unterscheidet Peers auf drei Ebenen:

Freunde, deren Beziehung durch besondere emotionale Bindungen charakterisiert ist, konkrete Gruppen, deren Mitglieder einzelne Jugendliche sind und deren Zentrum gemeinsame Interessen sowie Aktivitäten sind, sowie die Großgruppe, beispielsweise eine Subkultur, deren Mitglieder nicht, oder zumindest nicht notwendigerweise in persönlichem Kontakt stehen (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 84).

Funktionen der Peergruppe:

Peerbeziehungen werden vielfältige Funktionen zugeschrieben, die sich weitgehend drei zusammenhängenden Bereichen zuordnen lassen (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 85):

  • Psychosoziales Wohlbefinden
    Viele Untersuchungen dokumentieren, dass Peergruppen das Selbstwertgefühl und die Lebenszufriedenheit der Mitglieder fördert. Die Mitglieder fühlen sich emotional geborgen, die Clique bietet Schutz, Anerkennung durch andere (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 85).
  • Unterstützung bei der Bewältigung von Belastungen
    Diese können emotionaler Art sein, indem beispielsweise Zuspruch oder Gelegenheiten, sich auszusprechen gegeben werden. Weiters können die Mitglieder auch Unterstützung in Form von Informationen, Ratschlägen, finanzieller sowie materieller Hilfe von den Peers erhalten (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 85).
  • Entwicklungsförderung
    Die Welt der Peers wird in diesem Zusammenhang als Gesellschaft im Kleinen betrachtet, als Übungsfeld, auf dem ohne fatale Konsequenzen soziale Verhaltensweisen und Kompetenzen gelernt werden können. Außerdem wirken sich Peers auch förderlich auf die kognitive Entwicklung der Jugendlichen aus, was durch zahlreiche Untersuchungen belegt werden kann. Weiters bieten Peers Hilfe bei Bemühungen um Kontakte zum anderen Geschlecht (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S. 85f).

Beziehung zwischen Individuum, Familie und Peers

An mehreren Mikrosystemen wie z.B. Peers, Familie, etc. teilhaben zu wollen ist durch besondere Anforderungen gekennzeichnet. Es geht darum, die Wünsche und Erwartungen, die von den verschiedenen Seiten aus gerichtet werden, auszubalancieren, oder die Rollenwechsel müssen flexibel vollzogen werden (z.B. von der Meinungsführerin der Clique zur Tochter) (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S. 96).

Ahnlichkeiten und Unterschiede von Familie und Peers

Auch wenn das Zusammensein noch wenig über die Qualität des Umgangs mit der Familie und in Peerbeziehungen aussagt, ist die gemeinsam verbrachte Zeit doch ein Maß vom Vorhandensein von Rahmenbedingungen von Interaktionen. So belegen zahlreiche Studien, dass die Zeit die Jugendliche mit den Eltern bzw. mit den Peers verbringen annähernd gleich ist. Deutliche Unterschiede ergeben sich erst, wenn danach gefragt wird, worauf die gemeinsame Zeit verwendet wird. Im Vergleich zur Familie, wo die gemeinsam verbrachte Zeit von dem Vollzug alltäglicher Funktionen sowie dem Erfüllen von Pflichten und aufgaben dominiert wird, wird in den Peers die Zeit in stärkerem Maße den Freizeitaktivitäten gewidmet.

Jedoch wurde trotzdem die Familieninteraktion in jeder Hinsicht als positiv beschrieben. Allerdings schnitt der Peerkontext in jedem Fall noch deutlich besser ab.

Eine Erklärung wäre die eines negativen und positiven Rückkopplungskreislaufes wie sie Larson (1983) vorschlägt.

Der Familienkontext als negativer Rückkopplungskreislauf, der Abweichungen dämpft, Neuentwicklungen eher verhindert, die Stabilität wahrt und die Peergruppe als positiver Rückkopplungskreislauf, der eher abweichende Verhaltensweisen verstärkt, akzentuierte Unterschiedlichkeiten und Innovationen fördert.

Unterschiede in der Bedeutung von Familie und Peers zeigen sich schließlich nach dem thematischen Fokus des Austausches: Geht es um Moral, Schule und Beruf sowie die Familie, sind im Mittel die Eltern häufiger die Interaktionspartner, bei freundschaftsbezogenen Themen sind es die Peers. Von der Kindheit ins Jugendalter hinein nimmt allerdings der Stellenwert der Eltern als Partner in Gesprächen über Schule und Moral ab. Entsprechend ihrer fortgeschrittenen Freundschaftsentwicklung unterhalten sich Mädchen über beide soziale Themen, Familie und Freundschaft, häufiger mit Freunden als Jungen (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 96ff).

Unterschiedliche Einflüsse von Familie und Peers

Untersuchungen zum relativen Einfluss von Eltern und Peers beschränken sich weitgehend auf das Jugendalter als jenen Entwicklungsabschnitt, in dem Gleichaltrigenbeziehungen den Stellenwert eines eigenständigen sozialen Systems neben dem Elternhaus eingenommen haben.

Untersuchungen zeigen, dass die Einflüsse nach Gegenstandsbereich, Geschlecht der Jugendlichen und der Art der Einflussgröße variieren: Während Alkohol- wie Marihuanakonsum vom entsprechenden Verhalten der Freunde beeinflusst war, fand sich ein solcher Effekt der Eltern nur für Alkohol; auf den Gebrauch von Marihuana wirkten sich nur die elterlichen Einstellungen aus. Deutlich mehr Einfluss hatten die Eltern auf die akademischen Orientierungen der Jugendlichen. Die Haltung der Freunde waren fast wirkungslos. Insgesamt unterlagen Mädchen dem Einfluss beider Kontexte mehr als Jungen, in stärkerem Maße jenem der Peers als jenem der Eltern.

Peereinflüsse, die im Widerstreit mit Einflüssen der Eltern liegen, betreffen laut Hartup (1983) vor allem die „Oberflächenstruktur“ und kaum tiefer verwurzelte Merkmale wie grundlegende Werthaltungen.

Allgemein gültig ist, dass sich eine gute Einbindung in beide soziale Systeme (Familie & Peers) durchwegs positiv auf die Jugendlichen auswirkt. Allerdings reicht eine gute Beziehung zu allein den Eltern nicht aus, um eine erfolgreiche Entwicklung zu sichern (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S. 98ff).

Selbstständigkeitsstreben in der Vorpubertät

Bei Buben

Schon in der Vorpubertät macht der Jugendliche einen wichtigen Schritt in der Gewinnung seiner persönlichen Autonomie, was zu zahlreichen Konflikten mit den Erwachsenen führt. Der Jugendliche versucht sich von Gewohnheiten und Konventionen zu lösen, zieht sich von Familienspaziergängen und anderen gemeinsamen Unternehmungen zurück, denen er sich bis dahin gefügt hat. Das Waschen wird unbeliebt, Pünktlichkeit wird zu einem Problem und Ordnung scheint ein Fremdwort zu sein.

Sehr empfindlich reagiert der Jugendliche, wenn man ihn nicht ernst nimmt und ihn oft tadelt.

Erstmals tritt bei den Jugendlichen ein Bedürfnis nach Eigenleben auf. Sie haben Geheimnisse vor den Erwachsenen und wollen Gedanken, Gefühle Und Erlebnisse für sich bewahren.

Im selben Ausmaß wie die emotionale Distanz zur Mutter zunimmt, steigt das Bedürfnis nach einem guten Kontakt mit dem Vater. Der Vater wird für den Buben wichtig als Vorbild für die Identifikation mit der männlichen Rolle.

Da die Vorpubertät eine kritische Phase in der Entwicklung des Selbstwertgefühls ist, ist es wichtig den Buben schon Verantwortung tragen zu lassen und ihm in seinem Bestätigungsdrang nicht mit Misstrauen und Ablehnung zu begegnen, denn dies könnte als Ungerechtigkeit empfunden werden, als Verletzung der Ehre und kann Trotzhaltungen hervorrufen (Flegeljahre).

Die Beziehung zwischen Erziehungsstil (Erziehungsstile siehe Punkt 5) und flegelhaftem Benehmen ist kompliziert.

Jugendliche mit sehr strenger Erziehung fürchten Strafen und unterbinden daher flegelhaftes Benehmen weitgehend. Zur Kompensation flüchten sie oft in Tagträume, führen Diebstähle durch und lassen ihre Aggressionen an kleineren Geschwistern aus.

Eine verständnisvolle Erziehung bindet den Buben stärker an die Familie, was ihn einerseits vor schädlichen Kompensationsmechanismen bewahrt, andererseits aber eine gewisse Verschlechterung des Benehmens meist nicht verhindern kann (vgl. Schenk-Danzinger, 1995, S. 334f).

Bei Mädchen

Die Ablösung von der Familie macht sich vorerst bemerkbar durch ein sich zurückziehen von Familienspaziergängen und anderen gemeinsamen Unternehmungen. Konflikte mit den Eltern ergeben sich aus der Überempfindlichkeit, der Bequemlichkeit, der zunehmenden Nachlässigkeit und den häufigen Lernschwierigkeiten der Mädchen. Werden Mädchen jedoch vor eine echte Aufgabe gestellt, verschwindet jede Form von Klage. Allerdings zeigt sich die Ablösung außer im Rückzug von Familienaktivitäten auch in allgemeiner Opposition, in der Abwertung von familiären Traditionen, in der Weigerung Ordnung zu halten oder im Haushalt zu helfen(vgl. Schenk–Danzinger, 1995, S. 343).

Erziehungsstile und deren Auswirkung

Der Erziehungsstil der Eltern während des Jugendalters stellt eine wichtige Entwicklungsbedingung dar. Darunter versteht man ein typisiertes und relativ stabiles Erziehungsverhalten, hinter dem bestimmte Erziehungseinstellungen und Persönlichkeitsmerkmale der Eltern stehen (vgl. Oerter & Montada, 1987, S. 94).

Folgende Erziehungsstile lassen sich unterscheiden (vgl. De Wit & Van der Veer, 1982, S. 95ff) (vgl. Oerter & Montada, 1987, S. 94f):


  • Autokratischer Erziehungsstil
    Die Erwachsenen empfinden es als notwendig gegenüber den Jugendlichen Autorität auszuüben. Der Jugendliche soll weder seine eigene Meinung äußern noch selbstständig Initiativen ergreifen.
  • Autoritärer Erziehungsstil
    Der Jugendliche wird durch die Eltern stark kontrolliert, um die elterliche Autorität zu wahren. Sie dürfen zwar an der Problemlösung mitwirken, aber letztendlich fassen doch die Eltern die Entschlüsse. Außerdem zeigen die Eltern wenig liebevolle Zuneigung.
  • Demokratischer Erziehungsstil
    Die Eltern erkennen ihren Jugendlichen als einen ernstzunehmenden Gesprächspartner an, der schon eigene Verantwortung tragen kann, aber auch Hilfestellung von den Eltern benötigt.
    Entschlüsse werden von den Eltern aber möglichst in Übereinstimmung mit den Jugendlichen getroffen. Mit zunehmendem Alter erhält der Jugendliche immer mehr Autonomie und Entscheidungsfreiheit.
    Ein demokratischer Erziehungsstil impliziert eine offene Haltung der Eltern, die dem Kind Sicherheit und das Gefühl des Erwünscht seins vermittelt, so dass es sich zu einer verantwortungsvollen und autonomen Persönlichkeit entwickeln kann.
  • Egalitärer Erziehungsstil
    Die Eltern und der Jugendliche haben bei Entscheidungen hinsichtlich seines Verhaltens gleichen Einfluss. Es besteht ein Minimum an Rollendifferenzierung.
  • Permissiver Erziehungsstil
    Der Jugendliche ist aktiver und dominiert, wenn es sich um Entscheidungen handelt, die ihn selbst betreffen. Die Initiative wird vom Jugendlichen selbst ergriffen. Die Eltern sind inkonsequent in ihrem Verhalten, zeigen aber zugleich warmherzige Zuwendung.
  • Laissez - fairer Erziehungsstil
    Der Jugendliche kann sich nach den Wünschen seiner Eltern richten oder die Eltern weitgehend übergehen.
  • Negierender Erziehungsstil
    Die Eltern beeinflussen das Verhalten des Jugendlichen überhaupt nicht.

Auswirkungen von Erziehungsstilen

Die diversen Stilarten unterscheiden sich wesentlich voneinander durch das Maß in dem Eltern und Jugendliche an Entschlüssen teilhaben.

Der demokratische Erziehungsstil impliziert eine offene Haltung der Eltern, die dem Kind Sicherheit und das Gefühl des Erwünschtseins vermittelt. Dies fördert die Selbstständigkeitsentwicklung des Jugendlichen zu einer verantwortungsfreudigen und autonomen Persönlichkeit auf verschiedene Weise.

Sowohl der laissez-faire als auch der negierende Erziehungsstil erschweren es dem Jugendlichen sich zu verantwortungsvollen und selbstständigen Persönlichkeiten zu entwickeln. Hierbei kann man eigentlich gar nicht von Erziehung sprechen (vgl. De Wit & Van der Veer, 1982, S. 97ff).

Wenn während der Pubertät keinerlei Konflikte in der Familie auftreten, ist den Eltern entweder alles gleichgültig (laissez-faire) oder Klärungen und Neuordnungen sollen vermieden werden (vgl. Mitschka, 1990, S. 103).

Der autokratische Erziehungsstil (emotional kalte) ist verantwortlich für eine Vielzahl von Störungen in der Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen, da sich dieser negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung, das Selbstwertgefühl und das emotionale Gleichgewicht der Jugendlichen auswirkt.

Der autokratische und der negierende Erziehungsstil sind zwar indifferent, haben aber beide negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Jugendlichen(vgl. Schmidtchen, 1993, S. 97ff).

Auswirkungen des Erziehungsstils zeigen sich oft bei Konflikten. Ein guter Erziehungsstil charakterisiert sich durch persönliche Wärme und die Bereitschaft zu einem wirklichen Diskurs. Wenn Jugendliche merken, dass Eltern wirklich zuhören und sich mit den Problemen der Jugendlichen auseinandersetzen, öffnen sich die Jugendlichen auch für die Argumente der Eltern (vgl. Schmidtchen, 1993, S. 104ff).

Der Ablösungsprozess

Wenn Kinder erwachsen werden kommen sie früher oder später zu einem Punkt, in dem sie sich sowohl äußerlich als auch innerlich von den Eltern  ablösen. Dabei ist die äußere Ablösung (der Auszug aus dem Elternhaus) für alle Beteiligten oft einfacher zu verkraften als die innere Ablösung. Es fällt den Eltern schwer, ihr Kind innerlich loszulassen. Aber auch der junge Erwachsene hat Probleme, Verantwortung zu übernehmen (vgl. Schneewind, 1991, S. 167).

Die Adoleszenz ist die Zeit, in der sich der es zu Auseinandersetzungen mit den Eltern kommt, die es dem Jugendlichen ermöglichen, seine eigene Identität auszubilden.

Der Begriff „Ablösung“ ist keine einheitlich  verwendete Bezeichnung. Nach Ryan und Lynch (1989) beziehen sich folgende Begriffe auf dieses Phänomen (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 217):

Autonomie kennzeichnet den Aspekt der Selbstbestimmung („self-governance“)

Unabhängigkeit bezeichnet die Fähigkeit, sich selbst zu versorgen zu können („self-reliance“);

Ablösung („detachment“) bezeichnet den Rückzug der Jugendlichen von ihrer Familie, der meist mit einer verstärkten Hinwendung zu außerfamiliären Kontakten verbunden ist.

emotionale Unabhängigkeit umfasst die Aspekte „Individuation“ und „Aufgeben Kindlicher Abhängigkeiten“

Unter Ablösung versteht man heutzutage einen kontinuierlich verlaufenden Entwicklungsprozess, der schon in der Kindheit beginnt und im Jugendalter eine besondere Beschleunigung erfährt (Seiffge-Krenke, 1984 in Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S. 219).

Dieser Ablösungsprozess ist im Jugendalter noch nicht abgeschlossen; er stellt auch noch im frühen Erwachsenenalter ein wichtiges Entwicklungsthema dar.



Dies könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass sich die Jugendzeit durch die längere Ausbildungszeiten insgesamt verlängert hat. Dadurch lassen sich das Jugendalter und das frühe Erwachsenenalter weniger eindeutig abgrenzen (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S. 219).

Ablösung bedeutet nicht, dass das der Jugendliche die Beziehung zu den Eltern aufgibt, sondern, dass er sich aus der kindlichen Abhängigkeit löst. Die Eltern-Kind-Beziehung nimmt eine neue Gestalt an. In dieser Beziehung stehen Bindung und Autonomie in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander. Beide Parteien akzeptieren ihre Individualität. Der Individualisierungsprozeß  wird durch eine emotional unterstützende Elternbeziehung gefördert (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S. 225).

Ablösung bedeutet also, dass die Beziehung zu den nun erwachsenen Kindern umgestaltet werden muss. Trotzdem übernehmen die Eltern noch häufig Versorgungs- und Unterstützungsfunktionen für ihre erwachsenen Kinder.

Die Reaktion der Eltern auf die Autonomiebestrebungen ihrer Kinder spielt eine wichtige Rolle im Ablösungsprozeß und ihre Einstellung kann diesen vorantreiben oder behindern (vgl. Hofer, Klein-Allermann, Noack, 1992, S 234).

Entwicklung der Jugendlichen

Wie schon vorher erwähnt verändern sich während der Adoleszenz die Beziehungen des Jugendlichen zu seinen Eltern. Vor dieser Zeit ist das Kind von den Eltern abhängig. Es wird materiell versorgt und ist es auf seine Eltern angewiesen, sein Verhalten wird stark durch die Grundsätze beeinflusst, die die Eltern  aufstellen und durch die Entscheidungen, die sie treffen. Die Beziehung zu den Eltern ist eng und die Eltern wissen meist Bescheid, was ihre Kinder tun und mit welchen Problemen sie beschäftigt sind.

Im Laufe des Jugendalters lockert sich die Beziehung zu den Eltern. Man kommt weniger miteinander in Berührung, und der Kontakt wird durch die Selbständigkeitsbestrebungen des Jugendlichen geprägt (vgl. De Wit, Van der Veer, 1982, S. 123).

Inhelder und Piaget haben in ihren Untersuchungen gezeigt, dass im Alter zwischen 11 und 15 Jahren in der Intelligenz bedeutende Veränderungen vor sich gehen. Es entwickeln sich neue kognitive Fähigkeiten wie formales Denken, hypothetisch-deduktive Beweisführung und kritische Selbstreflexion. Die neuen Möglichkeiten zur Abstraktion und Generalisierung ermöglichen es dem Jugendlichen seine Erfahrungen neu zu ordnen (vgl. De Wit, Van der Veer, 1982, S. 127).

Außenorientierung und Reifungsprozess

Das zentrale Problem in der Adoleszenz ist die Selbstfindung. In dieser Zeit stellt sich der Jugendliche drei Fragen (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 371):

die Frage nach der subjektiven Identität: „Wie bin ich?“

die Frage nach der wünschbaren (optativen) Identität: „Wie möchte ich sein?“

die Frage nach der zugeschriebenen Identität: „Für wen hält man mich?“

Die Selbstfindung erfolgt von außen nach innen. Zuerst wird die äußere Erscheinung kritisch betrachtet, bevor sich der Jugendliche bei seiner Suche nach der eigenen Identität um sein Inneres kümmert.

Zu Beginn wird die Frisur verändert, welche der am leichtesten manipulierbare Teil der äußeren Erscheinung ist. Dabei orientiert sich der Jugendliche meist an Vorbildern der gleichaltrigen Bezugsgruppe oder an bestimmten Jugendidolen (Popstars usw.) (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 372).

Der Ablösungsprozess ist eng mit dem Prozess der Selbstfindung verbunden. Untersuchungen der 60er und 70er Jahre haben gezeigt, dass sich die Ablösung bei einem Großteil der Jugendlichen zunächst auf den Freizeitbereich und die äußere Erscheinung (Haarschnitt, Kleidung) bezog. Im politischen und religiösen Bereich, in weltanschaulichen Fragen, bei Problemen der Schule, der Arbeit, der Erziehung und des sozialen Prestiges blieb allerdings ein hoher Grad der Übereinstimmung mit der älteren Generation erhalten. Diesbezüglich hat sich viel geändert (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 376).

Die Jugendlichen selbst setzen die Zeit der Ablösung zwischen 15 und 17 Jahren an.


Berufsschüler

Fachschüler

Gymnasium

Von den Eltern keine Vorschriften machen lassen




Statt mit Eltern mit Freund(in) ausgehen




Große Anschaffungen tätigen




Den Eltern Ratschläge erteilen




Ablösung von der Familie – durchschnittliche Altersangaben in Prozent

(JUGENDWERK DER DEUTSCHEN SHELL 1986)


Fachschüler scheinen entsprechend dieser Tabelle die „emanzipiertesten“ zu sein.

Frühe Ablösungserfahrungen sind nicht unbedingt besser für die weitere Entwicklung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ebensowenig wie ein zeitlich später erfolgender Ablösungsprozess für die Betroffenen von Nachteil sein muss. Es kommt vielmehr auf eine angemessene Dosierung und auf eine Erweiterung jugendlicher Erfahrungs- und Handlungsspielräume an (vgl. Schneewind, 1991, S. 169).

Konfliktbereiche bei der Ablösung von der Familie

Erfahrungen außerhalb der Familie veranlassen den Jugendlichen, die Regeln und Ansichten, die innerhalb der Familie gelten, unter die Lupe zu nehmen. Er vermag jetzt kritisch zu prüfen, welche davon nach seinen eigenen Erfahrungen gerechtfertigt sind und welche nicht. Sein Nachdenken über die familiären Ansichten führt unweigerlich zu der Entdeckung, dass diese nicht unfehlbar sind (vgl. De Wit, Van der Veer, 1982, S. 128).

Dadurch, dass der Jugendliche Dinge zu diskutieren beginnt, die bislang als unantastbar galten entsteht ein „Familienkonflikt“ (vgl. De Wit, Van der Veer, 1982, S. 129).

In diesem Familienkonflikt fühlt sich der Jugendliche unverstanden und führt deswegen immer weniger Gespräche mit seinen Eltern. Die Kommunikation zwischen dem Jugendlichen und seinen Eltern über bestimmte Themen nimmt ab und die Eltern werden immer weniger ins Vertrauen gezogen. So löst sich der Jugendliche auch im emotionalen Bereich von seinen Eltern (vgl. De Wit, Van der Veer, 1982, S. 129).

Der Konflikt mit den Eltern, der unausweichlich erscheint sehr belastend empfunden werden kann, ist allerdings nicht die größte Sorge der Jugendlichen. In der Rangordnung der Probleme steht er erst an 6. Stelle – nach Arbeitslosigkeit, Drogen, Leistungsdruck, Problemen der Ausbildung und Problemen der Schule (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 377).

Raucher geraten anscheinend öfter in Konflikte als Nichtraucher wie uns diese Tabelle zeigt:

Konflikte mit den Eltern

sehr häufig und häufig

Rauchen täglich

und hin und wieder

Rauchen kaum und gar nicht

Weil ich keine guten Umgangsformen hatte



Wegen meiner Kleidung



Wegen meiner Frisur



Wegen meiner Unordentlichkeit



Wegen meiner Leistungen in der Schule



Wegen dem Rauchen



Wegen dem Ausgehen abends



Wegen der Musik, die ich hören wollte



Wegen unterschiedlicher politischer Meinung



Weil ich zu Hause nicht helfen wollte



Rauchen und Konflikte mit den Eltern – Angeben in Prozenten

(JUGENDWERK DER DEUTSCHEN SHELL 1986)

(Schenk-Danzinger, 2001, S. 377)

Abhängigkeit des Loslösungsprozesses von der Qualität der Familienbeziehungen

Der Ablösungsprozess von Jugendlichen verläuft nicht in allen Familien in gleicher Weise. Ausschlaggebend hierfür dürfte die Qualität der Familienbeziehungen sein (vgl. Schneewind, 2001, S. 167).



Heute löst sich der Jugendliche nicht mehr von dominierenden Persönlichkeiten ab, denn die meisten Eltern haben gelernt, einen demokratischen Erziehungsstil zu praktizieren. 83% der Eltern geben an, die meisten oder alle ihre Sorgen und Nöte mit den Kindern besprechen zu können.

Der Jugendliche löst sich meist auch nicht von Eltern ab, die ihm in Bildung und Information weit überlegen sind. Die jungen Erwachsenen haben heute in der Regel eine bessere Schulbildung als die Eltern. Sie sind ihnen vor allem im Bereich der Technik (z.B. Computer) überlegen. Die meisten Jugendlichen vertreten die Meinung, dass die Erwachsenen von ihnen lernen sollten.

In wenig konfliktbelasteten Beziehungen sind die Eltern auch weiterhin die Ratgeber ihrer Kinder. Bei starker Konfliktbelastung allerdings scheiden sie als Gesprächspartner für Sorgen und Nöte aus. An ihre Stelle tritt sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen die Freundin (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 378).

Die eigentliche Konfliktphase der Ablösung ist das Alter zwischen 15 und 17 Jahren. Die Kontrollen der Eltern veranlassen die Jugendlichen zu mehr oder weniger heftiger Rebellion, aber sie beweisen ihm gleichzeitig, dass man um ihn besorgt ist und ihn in der Familie nicht missen will. Wenn die Familie den Autonomiebestrebungen keinen Widerstand entgegensetzt, ist dies meist ein Zeichen von Vernachlässigung des Jugendlichen. „Eine zu schnelle Entlassung aus der elterlichen Kontrolle erspart dem Jugendlichen zwar den Kampf um seine Freiheit, beraubt ihn aber auch der Gewissheit, dass er weiterhin in der Familie seinen sicheren Platz hat. Dieser „emotionale Überhang“ lässt ihn oft Zuflucht und Rückhalt in Banden und Cliquen gleichfalls vernachlässigter Jugendlicher suchen und kann ihn in die Jugendkriminalität führen“ (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 378).

In intakten Familien geht die Tiefenbindung an die Eltern durch die Ablösung nicht verloren. Es kann hier vielmehr zu einer Rückbindung an die Eltern kommen, allerdings in Form einer Beziehung zwischen jetzt gleichwertigen Partnern (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 378).

Findet die Ablösung von den Eltern und die Zuwendung zu einem Partner des anderen Geschlechts nicht statt, kann es zu gravierenden Störungen der weiteren Persönlichkeitsentwicklung kommen. Dem Elternverhalten kommt also eine wichtige Bedeutung zu. Wenn es ihnen gelingt, die Ablösung zu ertragen und den gesamten Prozess nicht unnötig mit Konfliktstoff zu belasten, erweisen sie dem Jugendlichen und seiner weiteren Entwicklung einen ganz großen Dienst (vgl. Schenk-Danzinger, 2001, S. 380).

















A N H A N G

Interview-Leitfaden




Geschlecht: □ Weiblich □ Männlich



Alter: □ 10-12 □ 12-14 □ 15-16 □ 17-19



Anzahl der Geschwister: □ Keine           □ 1 □ 2 □ 3 □ 4 oder mehr



Familiensituation:


□ Eltern verheiratet (oder Lebensgemeinschaft)

□ Scheidungsfamilie

□ Stieffamilie

□ Familie mit adoptierten Kindern

□ Alleinerziehender Elternteil



Sind deine Eltern berufstätig?


Mutter: □ ja □ nein

Vater: □ ja □ nein



Besprichst du deine Probleme vorwiegend mit


□ Vater

□ Mutter

□ Geschwister

□ Freunde



Bist du Mitglied eines oder mehrerer Vereine (Jugendgruppen,…)


□ Ja

□ Nein



Wenn JA, wie oft:


□ Mehrmals wöchentlich

□ 1 mal pro Woche

□ unregelmäßig



Sind deine Eltern mit deinem Freundeskreis einverstanden?


□ Ja

□ Nein


Wer ist das Familienoberhaupt?






Wurdest du konkret aufgeklärt, und wenn ja von wem?






Wie viel Taschengeld bekommst du pro Woche?


□ 2-4€ □ 4-6€ □ 6-10€ □ 10€ oder mehr



Wie würdest du die Erziehung deiner Eltern beschreiben (streng, …)









Wenn du Strafen von deinen Eltern erhältst, wer bestraft dich?


□ Mutter

□ Vater



Wird dir von deinen Eltern viel vorgegeben, oder kannst du eher selbst entscheiden?


□ Ja

□ Nein

□ Unterschiedlich



Verbringst du die Freizeit mit deiner Familie?


□ immer

□ oft

□ Manchmal

□ Selten

□ Nie



In welchem Alter warst du das erste Mal länger von deiner Familie getrennt?






Nenne die häufigsten (ca. 3) Gründe warum du mit deinen Eltern streitest.













Argerst du dich oft über deine Eltern und worüber am meisten?













Wo musst du daheim im Haushalt mithelfen?













Darfst du schon am Abend alleine (mit deinen Freunden) fortgehen?


□ Ja, selbstverständlich

□ Ja, nach längeren Diskussionen

□ Nein, sowieso nicht



Wenn JA – wie lange?


□ -21 Uhr        □ -22 Uhr □ -23 Uhr □ - 24 Uhr □ - 1 Uhr od. länger



Quellennachweis

DE WIT, J., VAN DER VEER, G. (1982). Psychologie des Jugendalters.Donauwörth: Ludwig Auer.

HOFER, M., KLEIN-ALLERMANN, E., NOACK, P. (1992).Familienbeziehungen. Eltern und Kinder in der Entwicklung.Göttingen: Hogrefe.

MANSEL, J. & HURRELMANN, K. (1991). Alltagsstreß beiJugendlichen: eine Untersuchung über Lebenschancen,Lebensrisiken und psychosoziale Befindlichkeiten imStatusübergang. München: Juventa-Verlag.

MITSCHKA, R. (1990). Die Pubertät gemeinsam bewältigen.Wien: Österreichischer Bundesverlag Gmbh.

OERTER, R. & MONTADA, L. (1987). Entwicklungspsychologie. 2.,neu bearbeitete Auflage. München-Weinheim: Psychologie VerlagsUnion.

SCHENK-DANZINGER, L. (1995). Entwicklungspsychologie. Wien:Österreichischer Bundesverlag GesmbH.

SCHMIDTCHEN, G. (1993). Ethik und Protest. Moralbilder undWertkonflikte junger Menschen. 2. Auflage. Hemsbach: Druck PartnerRübelmann Gmbh.

SCHNEEWIND, K. A. (1991). Familienpsychologie. Stuttgart: W.Kohlhammer Gmbh.

SCHÖN, B. (1990). Jugendliche und ihre Problemwelt: SozialerKontext und Bewältigungsstrategien. Linz: Institut fürPädagogik und Psychologie.











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