REFERAT-MenüDeutschGeographieGeschichteChemieBiographienElektronik
 EnglischEpochenFranzösischBiologieInformatikItalienisch
 KunstLateinLiteraturMathematikMusikPhilosophie
 PhysikPolitikPsychologieRechtSonstigeSpanisch
 SportTechnikWirtschaftWirtschaftskunde  



Chinas neue grobe Mauer

Chinas neue große Mauer


Geographie Spezialgebiet



"Der Mensch muss versuchen die Entwicklung der

Technik geistig zu beherrschen. Nur der Einsatz

höchster Menschlichkeit


könnte die Gefahr der Technik bannen."

Gertrud von le Fert











Zeitungsausschnitt aus dem PM vom September 2000:

"Die Dimensionen des Drei-Schluchten-Projekts sprengen weltweit alle bekannten Ausmaße von Infrastrukturvorhaben. Der Damm am Yangtze soll einen See von 600 Kilometern Länge aufstauen. Dafür müssen gemäss offiziellen Angaben 1,8 Millionen Menschen umgesiedelt werden. Das Drei-Schluchten-Kraftwerk soll mit 17'700 Megawatt eine größere Kapazität aufweisen als sämtliche Schweizer Wasser- und Atomkraftwerke zusammen. Die Kosten des Projekts werden von Regierungsstellen gegenwärtig auf 28-75 Milliarden Dollar geschätzt. Ein offizielles Projektbudget existiert nicht."

1. Vorgeschichte und Umfeld des Projektes


Das Denkmal am Yangtse


Im Vergleich zum Drei-Schluchten-Projekt wäre die Stauung jedes Flusses in Österreich eine Fingerübung. Der Staudamm gilt in China als ein Prestigeobjekt der Diktatoren. Wie häufig bei Grossprojekten werden die Vorzüge herausgestrichen, die Probleme verdrängt.

Mit 6300 Kilometern Länge ist der Yangtse der drittlängste Fluss der Welt. Er gilt als 'Herz und Arterie Chinas'. Sein Einzugsgebiet ist mehr als 20-mal so groß wie Österreich. In der fruchtbaren Flussebene des Yangtse leben 400 Millionen Menschen ein Dreizehntel der Weltbevölkerung. Sie produzieren zwei Drittel des chinesischen Reises. Zwischen den Grossstädten Chongqing und Wuhan zwängt sich der mächtige Fluss auf einer Strecke von 200 Kilometern zwischen steilen Gebirgsklippen vom Hochland Sezuans hinunter in die zentralchinesische Tiefebene. 1898 bezwang erstmals ein Schiff die berüchtigten Stromschnellen der 'Drei Schluchten'. Am Ausgang der Schluchten steht die Kleinstadt Sandouping. Hier legte Premierminister Li Peng Mitte Dezember 1994 den Grundstein für ein Bauwerk, das zum größten Kraftwerk der Menschheitsgeschichte werden soll das Drei-Schluchten-Projekt.

1.2Alter Traum der Führer

Der Yangtse bringt der chinesischen Bevölkerung nicht nur Fruchtbarkeit, sondern auch immer wieder Tod und Zerstörung. Periodische katastrophale Überschwemmungen kosteten seit 1870 mindestens 700'000 Menschenleben. Den unberechenbaren Fluss unterhalb der Drei Schluchten mit einem Staudamm zu zähmen, war seit dem Ersten Weltkrieg der Traum jedes großen chinesischen Herrschers von Sun Yat-sen bis Tschiang Kai-schek, von Mao Tse-tung bis zu Li Peng. Nach jahrzehntelangen Abklärungen und Kontroversen bewilligte das chinesische Parlament, der Nationale Volkskongress, im April 1992 das aktuelle Projekt.

Gemäss den offiziellen Plänen wird der Drei-Schluchten-Damm verschiedene Zwecke erfüllen: Ein Kraftwerk soll jährlich 85 Milliarden kWh Strom erzeugen, einen Neuntel der heutigen Jahresproduktion Chinas. Seine 26 Generatoren sollen mit einer Leistungsfähigkeit von 17'700 Megawatt die Kapazität von Itaipù in Brasilien, dem bisher größten Kraftwerk der Welt, um die Hälfte übertreffen. Der Damm soll die periodischen Hochwasser auffangen und damit zukünftige Überschwemmungskatastrophen verhindern. Der Yangtse ist auch die wichtigste Verkehrsader in die bevölkerungsreiche Provinz Sezuan. Indem er die Stromschnellen der Drei Schluchten unter Wasser setzt, soll der Stausee den bisherigen Schifftransport verfünffachen. Schiffe bis 10'000 Tonnen sollen zukünftig den wichtigen Hafen von Chongqing anfahren können. Zu guter Letzt soll der Staudamm die trockeneren nördlichen Provinzen mit Wasser versorgen. Die letzten Generatoren sollen im Jahr 2009 ans Stromnetz gehen und der Stausee um 2013 sein normales Niveau erreichen.

1.3. Das außenpolitische Umfeld des Entscheids

Die Regierung der USA entschied im Mai 1996, aufgrund der ökologischen und sozialen Probleme keine Kredite der Export-Import-Bank für das Drei-Schluchten-Projekt in seiner aktuellen Form zu erteilen. Der Gouverneur der japanischen Exim-Bank versicherte im Juli 1996, ebenfalls keine Garantien für das Projekt zu bewilligen, . Auch die Weltbank wird sich nicht am Drei-Schluchten-Vorhaben beteiligen. Damit stehen sämtliche Finanzierungsinstitutionen, die bei ihrer Tätigkeit minimale soziale und ökologische Bedingungen beachten, abseits. Zwar hat die deutsche Regierung im August 1996 eine Hermes-Bürgschaft für das Projekt bewilligt. Letzteres wird jedoch nur finanziert werden können, wenn die umfangreichen Exportkredite auf mehrere Länder verteilt werden können.
Das Drei-Schluchten-Projekt ist weltweit zum Symbol einer menschenverachtenden Entwicklungspolitik geworden. Das internationale Netzwerk von Entwicklungs- und Umweltorganisationen wird in Zukunft jede Regierung oder Firma nachhaltig brandmarken, die sich an diesem Vorhaben beteiligt.

1.4. Außenpolitische Kohärenz

Das Drei-Schluchten-Projekt war seit den 20er Jahren ein Prestigeprojekt der starken Männer und Diktatoren Chinas. Die Opposition von zuständigen Ministerien, Provinzregierungen, wissenschaftlichen Kommissionen und Parlamentsabgeordneten verhinderten seine Durchführung bis Ende der 80er Jahre. Der Bauentscheid von 1992 wurde nur dank der Repressionswelle seit dem Tiananmen-Massaker vom Juni 1989 möglich. Seit diesem Zeitpunkt kann in China das Projekt am Yangtze nicht mehr öffentlich diskutiert werden. Kritische Stimmen wie die prominente Journalistin Dai Qing wurden mundtot gemacht.
Jahrzehntelange negative Erfahrungen haben gezeigt, dass Großprojekte höchstens im Klima einer freien Meinungsäußerung, einer öffentlichen Diskussion der Vor- und Nachteile sinnvoll durchgeführt werden können. Dies bedeutet nicht, Spielregeln westlicher Demokratien auf Länder wie China zu übertragen. Ein Mindestmass an im Sinn von Pressefreiheit, Konsultation und Partizipation der Betroffenen ist jedoch die unabdingbare Voraussetzung für die verantwortungsvolle Durchführung jedes Entwicklungs- oder Infrastrukturprojekts. Gerade die berüchtigtsten Entwicklungsruinen des internationalen Kraftwerkbaus weisen die selben undemokratischen Rahmenbedingungen auf wie das Drei-Schluchten-Projekt.
 Führende Vertreter des Bundesamts für Außenwirtschaft haben wiederholt darauf hingewiesen, dass die wirtschaftliche Verflechtung den Austausch von Ideen und damit längerfristig die Demokratisierung fördert. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass die Demokratisierung historisch von der wirtschaftlichen Entwicklung nie automatisch gefördert, sondern stets in konkreten Auseinandersetzungen erkämpft wurde. Gerade der Widerstand gegen Staudammprojekte hat für die Demokratisierung in Zentral- und Osteuropa eine entscheidende Rolle gespielt. (Beispiele sind die bahnbrechenden Kampagnen gegen Nagymaros und Gabcikovo in Ungarn sowie gegen weitere Projekte in Bulgarien, Litauen oder Georgien.) Aufgrund dieser Erfahrungen wäre es äußerst zynisch, das diktatorische Drei-Schluchten-Projekt, das die Repression gegen dissidente Stimmen weiter verschärfen wird, durch seine Auswirkungen auf die Menschenrechtssituation zu rechtfertigen.

1.5. Finanzielle und politische Risiken

Das Drei-Schluchten-Projekt ist innerhalb des chinesischen Machtapparats seit Jahrzehnten umstritten. Zur Opposition werden u.a. die Provinzregierung von Sichuan, das frühere Elektrizitätsministerium, große Teile des Nationalen Volkskongresses und zahlreiche wissenschaftliche Gremien gezählt. Auch der Zhu Rongji und KP-Generalsekretär Jiang Zemin gelten als Gegner des Projekts. Zu den Ablehnungsgründen gehören offenbar die Unwirtschaftlichkeit des Projekts, die angesichts der zunehmenden staatlichen Budgetdefizite besonders ins Gewicht fällt, sowie die Furcht vor Unruhen der Umsiedlungsopfer. Die finanziellen Probleme des Projekts dürften sich 1996 verschärft haben. Aufgrund der Skepsis der privaten Banken gelang es den zuständigen Behörden bisher nicht, Obligationen auf dem privaten Kapitalmarkt aufzulegen. Die wachsende finanzielle Autonomie der Provinzregierungen erschwert es der Zentralregierung, letztere zur Finanzierung des Projekts beizuziehen. Die Behörden von Guangdong beteiligen sich beispielsweise an dezentralen, rentablen Wasserkraftwerken statt am Prestigeprojekt am Yangtze. Als Folge der wachsenden Budgetdefizite sieht sich die Zentralregierung gezwungen, verschiedene Kraftwerkprojekte zu annullieren. Es gibt Indizien, dass die finanzielle Privilegierung des unwirtschaftlichen Drei-Schluchten-Damms innerhalb des Machtapparats zunehmenden Unmut schafft.
Innerhalb der chinesischen Regierung zählen Wasserbauprojekte zur Domäne von Premierminister Li Peng. Die Amtszeit dieses Hauptbefürworters des Drei-Schluchten-Damms läuft 1997 ab. Gemäss verschiedenen Spekulationen könnte sie nicht erneuert werden - insbesondere wenn Deng Xiao Ping in der Zwischenzeit stirbt. Falls Li Peng tatsächlich aus dem Machtzentrum verdrängt wird, ist nicht ausgeschlossen, dass Projektgegner wie Zhu Rongji und Jiang Zemin die Privilegierung des Damms am Yangtze beenden und den Zufluss weiterer Finanzmittel unterbinden könnten. Japanische Firmen halten größere Investitionen in das Projekt bewusst zurück, bis sich die politische Zukunft Li Pengs geklärt hat. Das Projektrisiko des umstrittenen Vorhabens muss jedenfalls als erheblich höher eingeschätzt werden als das Länderrisiko der Volksrepublik China.

2. Hoher Preis

Immer wieder werden bei Grosskraftwerken die Nutzen überschätzt und die Nachteile unterschätzt. Auch beim 'megalomanen Projekt' am Yangtse sind zahlreiche Probleme ungelöst.

2.1. Umsiedlung:

140 Städte, 1600 Fabriken und insgesamt 1,13 Millionen Menschen müssen dem Stausee in den Drei Schluchten gemäss offiziellen Angaben weichen. Nicht mitgezählt werden mehrere 10'000 Personen, die sich illegal in den Städten niedergelassen haben. Und weitere rund 500'000 Menschen müssen in den kommenden Jahrzehnten umgesiedelt werden, wenn sich der Wasserspiegel wegen der zunehmenden Versandung des Sees anheben wird. Zwar müssen pro Megawatt an Kraftwerkskapazität in China normalerweise doppelt so viele Menschen umgesiedelt werden wie im Fall der Drei Schluchten. Doch das Yangtse-Tal ist landwirtschaftlich überaus fruchtbar. Die Menschen müssen deshalb von reichen in ärmere Gebiete umziehen. Rund fünfmal mehr Land wird gebraucht, um die landwirtschaftliche Produktion des Tals zu ersetzen. Die Umsiedlung wird zwangsläufig zur Entwurzelung grosser Bevölkerungsgruppen und zu Spannungen führen, die mit massiver Repression beantwortet werden wird. Die chinesischen Polizeikräfte sind dazu bereit (siehe Kasten). In Ländern mit demokratischen Strukturen könnten solche Umsiedlungsvorhaben nicht durchgesetzt werden..

2.2. Kolonisierung:

Umsiedlungsprojekte werden in China immer wieder dazu benützt, um die dominierende Han-Bevölkerung in Regionen mit ethnischen Minderheiten (Tibet, Xinjiang) anzusiedeln. Auch im Fall der Drei Schluchten kündigte die Zeitung 'China Daily' 1993 an, dass 470'000 Menschen nach Xinjiang umgesiedelt würden. Die uigurische (muslimische) Bevölkerung dieser Wüstenprovinz wurde seit 1949 durch eine systematische Han-Zuwanderung in die Minderheit versetzt. Die offizielle Meldung wurde anschließend wieder dementiert, doch der Kolonisierungsverdacht bleibt bestehen.

2.3. Sicherheit:

Ein Dammbruch des Drei-Schluchten-Stausees würde viele Millionen Menschen gefährden. Die Region ist seismisch aktiv. Das Gewicht eines Stausees kann zudem selbst Erdbeben auslösen. Gemäss offiziellen Angaben kann das geplante Bauwerk Erdbeben der Stärke 7 standhalten. Doch in der Vergangenheit unterliefen den Behörden fatale Irrtümer. 1975 forderte ein Dammbruch am Banqiao-Stausee mehr als 10'000 Todesopfer; im August 1993 starben mindestens 220 Menschen, als ein Erdbeben den Gouhou-Damm zerstörte. Der Drei-Schluchten-Damm würde für China auch ein großes militärisches Risiko bilden. Bereits in den 70er Jahren warnte Mao Tse-tung, dass das Land durch Angriffe auf dieses Projekt militärisch erpressbar werde.

2.4. Flutkontrolle

Die Stauung des Yangtse bildet ein zweifelhaftes Instrument zur Zähmung der gefährlichen Fluten. Den Hauptgrund für die Überschwemmungsgefahr bilden die starken Abholzungen am Oberlauf des Flusses, gegen die das Projekt nichts ausrichtet. Der geplante Damm könnte ohnehin nur den mittleren Küstenabschnitt vor Hochwassern schützen, da er die grossen Zuflüsse am Unterlauf des Yangtse nicht erfasst. Die Flutkontrolle steht im Konflikt mit der Stromerzeugung: Ein gut gefüllter Stausee fördert die Energieproduktion, kann aber die periodischen Hochwasser nicht mehr auffangen. Dieses Dilemma löste Premier Li Peng 1992 eindeutig zugunsten der Stromproduktion, indem er den geplanten Wasserpegel auf 175 Meter erhöhte. Zukünftig wird sich im Staubecken auch der mitgeführte Sand absetzen. Dadurch wird der Fluss aggressiver und kann die lebensrettenden Deiche unterhalb des Damms eher zerstören. Schließlich werden die Sandablagerungen auch dazu führen, dass die Ufergebiete in Sezuan am oberen Ende des Sees um so eher überschwemmt werden. Eine dezentrale Kontrolle der zahlreichen Zuflüsse des Yangtse könnte die Gefahr von Überschwemmungskatastrophen nach Ansicht kritischer Fachleute eher bannen als der Mammutdamm bei den Drei Schluchten.

2.5.Versandung

Wegen der massiven Abholzung und Erosion trägt der Yangtse die drittgrösste Sandfracht unter allen Flüssen der Welt mit sich. 680 Millionen Tonnen sind es im Gebiet der Drei Schluchten jährlich. Nach dem Bau des Damms wird sich in großer Teil dieser Fracht zukünftig im See ablagern. Dies bringt zahlreiche Probleme mit sich: Der fruchtbare Schlamm wird zukünftig nicht wie bisher die landwirtschaftlichen Gebiete des Unterlaufs düngen können. Wenn die Sandfracht wegfällt, dürfte vermutlich Salzwasser ins Mündungsgebiet des Flusses eindringen, das landwirtschaftlich intensiv genutzt wird. (Beide Probleme tauchten auch im Fall des Assuan-Damms in Agypten auf.) Die Ablagerungen werden den oberen Teil des Stausees verstopfen und in Sezuan das Risiko von Überschwemmungen erhöhen. Schließlich kann die Sandfracht den See teilweise auffüllen und die Stromproduktion massiv einschränken. Der Sanmenxia-Stausee am Gelben Fluss wurde beispielsweise innert vier Jahren nach seiner Eröffnung in den 60er Jahren vollständig aufgefüllt. Ahnliche Probleme traten in den 80er Jahren auch beim Gezhouba-Damm auf, der als Testfall für das Drei-Schluchten-Projekt gilt. Die Behörden hoffen das Versandungsproblem in den Griff zu bekommen, indem sie das Einzugsgebiet am Oberlauf massiv aufforsten. Da jedoch die Landwirtschaft aus dem überschwemmten Talboden an die Berghänge verschoben wird, dürfte die Erosion gleichzeitig wieder zunehmen.

2.6. Schifffahrt

Der Yangtse könnte gleich viele Güter in die schlecht erschlossene Provinz Sezuan transportieren wie 14 Eisenbahnlinien. Die Zähmung der Drei Schluchten soll den Schifftransport von 10 auf jährlich 50 Millionen Tonnen erhöhen. Doch auch hinter dieser Hoffnung steht ein Fragezeichen. Die gefährlichen Wirbel können nur mit einem hohen Wasserspiegel unter Wasser gesetzt werden. Die verstärkte Sandablagerung wird jedoch in diesem Fall längerfristig den zentralen Hafen von Chongqing verschließen. Die Überwindung des Staudamms wird zudem fünf aufeinanderfolgende Schleusen von 34 Metern Breite und rund 40 Metern Höhe bedingen. Solche Dimensionen wurden bisher weltweit noch nie erreicht. Wenn nur eine der Schleusen ausfällt, wird der ganze Schifftransport auf der Lebensader des Yangtse blockiert.

2.7. Trinkwasser

Offizielle Stellen führen gelegentlich ins Feld, der Drei-Schluchten-Stausee könne zukünftig die trockenen Regionen Nordchinas mit Trinkwasser versorgen. Die entsprechenden Wasserleitungen könnten aber nur gebaut werden, wenn der Damm eine Höhe von mindestens 200 Metern erreichen würde. Diese Pläne wurden Ende der 50er Jahre aufgegeben. Beim aktuellen Projekt (mit einer Kronenhöhe von 185 Metern) ist die Entnahme von Trinkwasser nicht möglich.

2.8. Ökologische Auswirkungen

Die Nutzung der Wasserkraft ist viel umweltfreundlicher als die Verfeuerung von Kohle. Doch gemäss einem Umweltgutachten der chinesischen Akademie der Wissenschaften 'scheinen die möglichen Risiken des Drei-Schluchten-Projekts gegenüber seinen möglichen Nutzen immer noch zu überwiegen'. Die Veränderung des Ökosystems, die der Damm bewirkt, wird beispielsweise mehrere gefährdete Tierarten wie den chinesischen Flussdelphin, den chinesischen Alligator oder den sibirischen Kranich (der am Yangtse überwintert) bedrohen.

2.9. Zerstörung historischer Stätten

In den Drei Schluchten befinden sich über hundert historische und kulturelle Stätten, darunter 5000 Jahre alte Gräber. Neben dem Naturschauspiel machen diese Stätten die Schifffahrt durch die Schluchten zu einer beliebten touristischen Attraktion. Die Projektverantwortlichen halten auch für dieses Problem eine technische Lösung bereit. Ein Teil der Stätten soll aus dem Stauseebereich entfernt, ein weiterer Teil für den zukünftigen Tauchtourismus präpariert werden. Ein unbeirrter Fortschrittsglaube drückt auch ein Dokument der Behörden der direktbetroffenen Präfektur Wanxian aus. 'Einheimische und ausländische Touristen glauben immer noch, dass die gegenwärtige Landschaft der Drei Schluchten unverdorbener und attraktiver ist', hält dieses fest, 'obwohl der Charme der Schluchtenlandschaft nach der Vollendung des Damms bleiben und sogar noch großartiger werden wird.'

3. Sinnvollere Alternativen?

3.1. Regionale Ungleichgewichte

Die rasante Industrialisierung löst in China massive Spannungen zwischen den boomenden östlichen Provinzen und dem rückständigen Westen des Landes aus. Der Drei-Schluchten-Damm würde dieses Ungleichgewicht noch verstärken. Die reiche Provinz Hubei am Unterlauf des Yangtse würde in Form von Stromlieferungen und einer verbesserten Flutkontrolle am meisten vom Projekt profitieren. Den höchsten Preis dafür müsste durch die Umsiedlungen und ein verstärktes Überschwemmungsrisiko am Oberlauf die arme und bevölkerungsreiche Provinz Sezuan bezahlen.

3.2. Stromerzeugung

Der chinesische Stromverbrauch befindet sich auf einem sehr tiefen Niveau und wächst jährlich um rund 8 Prozent. Die Elektrizität stammt hauptsächlich aus der Verfeuerung von Kohle, obwohl China das größte ungenutzte Wasserkraftpotential der Welt besitzt. Im Interesse des Klimaschutzes ist ein Übergang der chinesischen Energieproduktion von der Kohle zur Wasserkraft sinnvoll. Gemäss offiziellen Angaben könnte der Drei-Schluchten-Damm allein jährlich 40 Millionen Tonnen Kohle einsparen. Dennoch gibt es auch auf der Energieebene sinnvollere Alternativen zum Mammutkraftwerk. Die chinesische Industrie, auf die zwei Drittel des Stromverbrauchs entfallen, verschwendet nämlich ungeheure Energiemengen. Stahl wird in anderen Ländern mit der Hälfte, Dünger mit weniger als einem Drittel der Strommenge hergestellt, die China verwendet. Dafür sind zum einen veraltete Technologien, zum anderen die verkrusteten Strukturen der Planwirtschaft verantwortlich, die den effizienten Einsatz von Energie bestrafen. Dennoch wird China zukünftig weitere Kraftwerke brauchen. Eine offizielle Untersuchung ergab in den 80er Jahren 11'100 verschiedene Standorte dafür, davon 4400 an den Zuflüssen des Yangtse. Für mindestens 27 kleine und mittlere Kraftwerke am Yangtse bestehen Machbarkeitsstudien. Zahllose Berichte und Behörden setzten sich in China immer wieder dafür ein, statt des Drei-Schluchten-Damms solche dezentralen Projekte zu fördern.

3.3.Kosten:

Im Mai 1993 wurden die Kosten des Drei-Schluchten-Projekts (inkl. Zinsen) offiziell mit 224 Milliarden Yuan(ca. 40 Milliarden Dollar) angegeben. Finanziert werden sollen sie durch die Stromproduktion, einen Zuschlag auf sämtlichen Stromtarifen im Land, in- und ausländischen Krediten sowie Anleihen auf dem Kapitalmarkt. 1985-1993 verdreifachte sich das Ausgabenbudget. Wirtschaftsnahe Kreise (inklusive der Weltbank) zweifeln daran, dass es sich je rentieren wird. Jede Verlängerung der 17jährigen Bauzeit würde die Wirtschaftlichkeit zusätzlich verschlechtern. Kaum ein Großkraftwerk auf der Welt wurde aber innerhalb des geplanten Zeitraums fertiggestellt. Mit einem Verweis auf die negativen Erfahrungen beim brasilianischen Mammutkraftwerk Itaipù sprach sich um 1993 auch Qiao Peixin, der Präsident der chinesischen Bankenvereinigung, gegen das Drei-Schluchten-Projekt aus.

4. Fazit

Das Drei-Schluchten-Projekt kann seriöserweise nicht als optimale Strategie zur Lösung der chinesischen Energie- oder Hochwasserprobleme bezeichnet werden. Es bildet das Resultat eines undemokratischen, auf politische Machtvermehrung ausgerichteten Planungs- und Entscheidungsprozesses. Seine Durchführung wird schwerste Menschenrechtsverletzungen mit sich bringen. Aufgrund jahrzehntelanger Erfahrungen weist das Vorhaben alle Merkmale auf, die eine gigantische, zerstörerische Fehlplanung erwarten lassen. Weltweit ist kein Projekt denkbar, dass den entwicklungspolitischen Grundsätzen der Industriestaaten und dem heutigen Verständnis moderner Projektplanung klarer widersprechen würde.
 

5. Technische Probleme des Drei-Schluchten-Damms

Expertenbericht von Leonard Sklar und Amy Luers
Herausgegeben von der Erklärung von Bern
und vom International Rivers Network

5.1. Zusammenfassung

Am 8. November 1997 wird der Yangtze-Fluss bei der Drei-Schluchten-Baustelle in einen künstlichen Seitenarm umgeleitet. Dies ermöglicht den Bau des eigentlichen Staudamms und der Kraftwerkanlagen. Neben der Entkolonisierung Hongkongs bezeichnen chinesische Regierungsstellen die Umleitung des Yangtze als zweites historisches Ereignis des Jahres 1997. Auf Einladung der Three Gorges Development Corporation besuchten Amy Luers und Leonard Sklar vom kalifornischen Ingenieurbüro Sklar, Luers & Associates im Oktober 1997 die Dammbaustelle. Sie gehörten einer US-amerikanischen Delegation von Fachleuten an. Aufgrund ihrer Besichtigungen, von Gesprächen und offiziellen Dokumenten verfassten Sklar und Luer den beiliegenden Bericht über aktuelle technische Probleme des Drei-Schluchten-Projekts. Darin identifizierten sie die folgenden hauptsächlichen Probleme:

5.2. Stabilität der Seitenflanken:

Gemäss dem Bericht erweist sich die Seitenflanke des ausgebaggerten Schleusenkanals als instabil. [Die Überwindung des Drei-Schluchten-Damms wird fünf aufeinanderfolgende Schleusen von 40 Metern Höhe erfordern. Solche Dimensionen wurden bisher weltweit nie erreicht.] Die Instabilität weist darauf hin, dass die Festigkeit des Granituntergrunds der Baustelle überschätzt wurde. Gemäss dem Bericht sind die Bauarbeiten im Schleusenbereich gegenwärtig eingestellt. Die Instabilität der Seitenflanke kann Steinschlag und Sicherheitsprobleme für die Schifffahrt bewirken. Die mangelnde Festigkeit des Granits bringt zudem das Risiko mit sich, dass mehr Wasser als erwartet unter dem Staudamm durchsickern wird, dass das Fundament des Damms destabilisiert und der Stausee verstärkt durch Erdrutsche betroffen werden könnte.

5.3. Sedimentierung:

Während des Besuchs der US-Expertenkommission stellten die Projektbehörden einen Fachrat zusammen, um notfallmäßig unerwartete Probleme bei der Schließung des Yangtze zu beheben. Die Probleme gehen offenbar darauf zurück, dass der Umleitungskanal überraschend schnell sedimentiert wird. Durch diesen Kanal fließen gegenwärtig 30 Prozent der Wassermenge des Yangtze. Aufgrund der Sedimentierung und der fortschreitenden Verengung des eigentlichen Flussbetts erhöht sich die Fliessgeschwindigkeit des Yangtze über Erwarten. Dadurch werden die Felsbrocken, mit denen das Flussbett bis am 8. November geschlossen werden soll, fortwährend mitgerissen. Dies könnte die Bauarbeiten verzögern und den zur Verfügung stehenden Felsvorrat erschöpfen.

5.4. Sicherheit des Fangdamms:

Wenn der Fluss dennoch umgeleitet werden kann, wird der Fangdamm ('coffer dam') gemäss dem Bericht 'den vielleicht schwierigsten und riskantesten Aspekt des Baus des Drei-Schluchten-Damms' bilden. [Während der Trockenperiode bis im Mai 1998 sollen die Dämme zur Umleitung des Yangtze durch einen Fangdamm ersetzt werden, welcher auch Hochwasser wiederstehen kann. Er wird den Bau des eigentlichen Drei-Schluchten-Damms und der Kraftwerkanlagen ermöglichen.] Mangels wasserundurchlässigem Material kommt beim Bau des Fangdamms gemäss Bericht ein 'hochgradig unkonventioneller Ansatz' zur Anwendung. Dieser sei 'in solchen Dimensionen noch nie versucht worden'. Der Damm wird aus zersetztem Granit - 'im wesentlichen Sand' - bestehen und bloß durch eine 1 Meter dicke Betonwand abgesichert werden. Diese Bauweise ist schwierig durchzuführen, erst recht, da die drohende Regenzeit einen erheblichen Zeitdruck bewirkt.
Sklar und Luers sorgen sich umso mehr um die Sicherheit des Fangdamms, als dieser nur einer Flutstärke wird wiederstehen können, die einmal in 50 Jahren auftritt. Da der Fangdamm während sechs Jahren gebraucht wird, besteht ein Risiko von beinahe 1:8, dass die maximale Flutstärke übertroffen wird. Falls sich die Bauarbeiten verzögern oder der Umleitungskanal sedimentiert wird (was bereits geschieht), nimmt das Risiko weiter zu. Falls ein Hochwasser über dem verkraftbaren Ausmaß droht, müsste die Baustelle vorsorglich überflutet werden. Die Aufräumungs- und Reparaturarbeiten würden die Bauzeit des Projekts gemäss dem Bericht um mindestens ein Jahr verzögern. Falls die Projektbehörden nicht zu einer vorsorglichen Flutung bereit sind, könnte ein Hochwasser den Fangdamm überfluten und unterspülen und zu einem katastrophalen Dammbruch führen. Ein solches Ereignis würde die Bauarbeiten um mehrere Jahre verzögern und könnte die Wohngebiete von Millionen Menschen überschwemmen.
Da der Fangdamm während mindestens sechs Jahren gebraucht wird, bezeichnen sich Sklar und Luers als überrascht, dass bei seiner Planung keine seismischen Kriterien berücksichtigt wurden. Die seismischen Risiken im Gebiet der Baustelle sind nicht zu vernachlässigen. Der unkonventionelle Fangdamm ist gemäss dem Bericht 'sehr verletzlich selbst für Erdbeben von mäßiger Stärke'.

5.5. Qualität von Turbinen und Generatoren:

Die ausländischen Firmen, die das erste Los von 14 Turbinen und Generatoren für das Drei-Schluchten-Projekt liefern, müssen gleichzeitig Know-how für die chinesische Fertigung der restlichen zwölf Turbinen und Generatoren transferieren. Die benötigten Turbinen weisen eine Kapazität von 700 Megawatt auf, während bisher in China nur Geräte von bis zu 300 Megawatt hergestellt werden. Gemäss dem Bericht äußerten sich die chinesischen Gesprächspartner skeptisch über die Qualität der in China zu produzierenden Großturbinen. Dies weise darauf hin, dass bezüglich des Technologietransfers politischer Druck die technischen Überlegungen verdrängt habe.

5.6. Fazit:

Die Planung und der Bau des Fangdamms drücken gemäss Sklar und Luers 'eine überraschend hochmütige Haltung gegenüber Risiken' aus. Von der Wahl der Hochwassersicherheit bis zu den seismischen Risiken seien die chinesischen Ingenieure offenbar 'bereit, mit der Natur zu spekulieren'. Auch das Problem der Sedimentierung werde vernachlässigt. Statt die entstehenden technischen Probleme zu lösen, vertrauten die Ingenieure offenbar darauf, dass die Three Gorges Development Corporation oberhalb der Drei Schluchten noch ein weiteres Dammprojekt bauen wolle. Die Lösung der Probleme werde damit 'an andere Ingenieure, zu einem anderen Zeitpunkt, an einem anderen Ort' delegiert.

Quellenverzeichnis:

Erklärung von Bern, Der Damm zu Babel, EvB-Dokumentation 2/95: http://www.evb.ch

Spezialisten und Beteiligte: http://ourworld.compuserve.com/homepages/SMIPP/damname.htm

Peter Mosleitners Magazin PM vom September 2000




















Haupt | Fügen Sie Referat | Kontakt | Impressum | Nutzungsbedingungen