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Struktur, Wirkung und Anwendung des Lysergsaurediethylamid





Unter Berücksichtigung der Anwendung als Therapeutikum in der Psychotherapie

Fachbereichsarbeit aus Biologie




vorgelegt von:


Vorwort

                                                       "Eine Droge ist eine Substanz, die, wenn man sie einer

                                                  Ratte injiziert, ein wissenschaftliches Papier zur Folge hat."

                                                                                        Egerton Davis[i]

In der hier vorliegenden Arbeit behandle ich eine Substanz, die man sich bei oberflächlicher Betrachtung wohl nur kaum als Gegenstand einer (vor)wissenschaftlichen Arbeit vorstellen kann. Als Verfasser einer Arbeit über eine illegale Droge, begibt man sich a priori in die Ge­fahr mißverstanden zu werden. Zu leicht können Aussagen fehlinterpretiert und man in ein Eck gedrängt werden, dem man sich nun überhaupt nicht zugehörig fühlt. Deshalb möchte ich - noch vor dem eigentlichen Vorwort - klarstellen, daß weder ich, noch, soweit ich davon Kenntnis habe, irgendeine Person, die mir beim Fortgang meiner Arbeit behilflich gewesen ist, illegalen Umgang mit einer der hier beschriebenen Drogen, namentlich LSD, hatte.

Daß eine solche Klarstellung überhaupt notwendig ist, ist bezeichnend für das, einer gewissen Skurilität nicht entbehrende, heutige Verhältnis zu Drogen wie LSD. Daß das Wissen um Psychedelika nicht sehr groß ist, war mir bewußt (die Informationen die einem Gymnasiasten darüber im Chemie- und Biologieunterricht zugedacht sind, beschränken sich zusammen auf ca. eine halbe Lehrbuchseite - und nicht einmal diese ist frei von Fehlern); folgende Mitteil­ung ließ mir aber der Primarius einer großen österreichischen Klinik zukommen:

Es wird ihnen wohl bekannt sein, daß es sich bei LSD um eine illegale Droge handelt, die zudem ein hohes Suchtpotential aufweist. Gerade in der Zeit der Designerdrogen, hielte ich es verantwortungs­los eine Arbeit, wie die von ihnen geplante durchzuführen oder zu unterstützen.[ii]

Zum einen ist es bedenklich, wie ein leitender Mediziner über eine Substanz mit potentiellen Einsatzmöglichkeiten in der Psychotherapie ein de facto Publikations- und Forschungsverbot ausspricht, ungeachtet dessen, daß die Begriffe Suchtpotential und Designerdrogen im Zu­sammenhang mit LSD vollkommen unsinnig sind; zum anderen verwundert es mich welche Bedeutung, der ich mich mir selbst offenbar gar nicht bewußt war, meiner Arbeit beige­mes­sen wird, obgleich ich nicht recht weiß, ob ich dies als Ehre auffassen soll oder nicht

Das Hauptaugenmerk dieser Arbeit liegt, wie schon aus der Zuordnung zum Fach Biologie ersichtlich ist, auf physiologischen, pharmakologischen, neurologischen Aspekten. Darauf bezieht sich auch das vorangestellte Zitat: daß die Aufarbeitung einer Substanz oft nur mit naturwissenschaftlichen Methoden geschieht und andere Gesichtspunkte außer acht gelassen werden. Auch bei mir sind es die Ergebnisse, die durch die Verabreichung einer Droge an Ratten gewonnen, eine (vor)wissenschaftliche Arbeit zur Folge hatten. Doch glaube ich nicht, daß diese Ergebnisse den Blick auf das Ganze trüben sollten. Ich habe ihnen dennoch in vier­ten Kapitel und dem Anhang breiten Raum zugebilligt, gleich­zeitig aber auch anderen Be­trach­tungsweisen Platz eingeräumt.

Dem von mir gewählte Thema kann man mit den verschiedensten Perspektiven begegnen, sei es nun die Sichtweise eines Chemikers, Botanikers, Biologen, Physiologen, Psychologen, Psychiaters, Philosophen, Soziologen, Ethnologen oder Mystikers. Daraus folgt aber auch, daß man sich notwendigerweise einschränken muß, stets aber des über das Eigentlich über die Aufgabenstellung Hinausgehenden gewahr zu sein hat, um sicherzustellen, daß das Thema in seiner Gesamtheit mehr zu bieten hat, als die Summe seiner Teilgebiete erahnen läßt. Diese Über­legung habe ich auch dem formalen Aufbau meiner Arbeit zugrunde gelegt: Jedes Kapi­tel ist zwar auch eigenständig lesbar - darauf gründet sich meine Hoffnung, daß diese Arbeit auch anderen, etwa als Grundlage für ein Referat oder Spezialgebiet, nützlich sein könnte - fügt sich aber erst im Kontext mit den übrigen Abschnitten zu einem Ganzen.

Ein großer Mangel meiner Arbeit ist, daß sie hauptsächlich auf der Bearbeitung von Fach­literatur beruht und eigene Erkenntnisse nur in sehr geringem Maße beinhaltet. Daß Versuche und Experimente bei diesem Thema ausscheiden würden, war mir klar; leider er­gaben sich aber auch keine Möglichkeiten Interviews zu führen. Man muß also stets bedenken, daß ich über Dinge schreibe, die ich selbst nicht erlebt, sondern quasi aus zweiter Hand erfahren habe. Das bedeutet zwangsläufig ein Defizit, welches auch durch eine noch so gewissenhafte Literatursammlung und -sichtung nicht wettgemacht werden kann, oder um es durch den ständigen Kritiker Thomas Bernhard auszudrücken:

Die Wahrheit, denke ich, kennt nur der Betroffene, will er sie mitteilen, wird er automatisch zum Lügner. Alles Mitgeteilte kann nur Fälschung und Verfälschung sein, also sind immer nur Fäl­schungen und Verfälschungen mitgeteilt worden. Der Wille zur Wahrheit ist, wie jeder andere, der rascheste Weg zur Fälschung und Verfälschung eines Sachverhalts.[iii]

Doch trotz dieser vernichtenden Erkenntnis - und gerade das Eingestehen dieser Erkenntnis ist unabdingbar, um die Aufrichtigkeit vor sich selbst und dem potentiellen Leser zu wahren -ist vielleicht genau diese Distanz von den Dingen für eine wissenschaftliche Bearbeitung un­erläßlich, denn:

Was hier beschrieben ist, ist die Wahrheit und ist doch nicht die Wahrheit, weil es nicht die Wahrheit sein kann. Es kommt darauf an, ob wir lügen wollen oder die Wahrheit sagen und schreiben, auch wenn es niemals die Wahrheit sein kann, niemals die Wahrheit ist.[iv]

Ich hoffe, daß dieser Wille zur Wahrheit in meiner Arbeit deutlich wird, auch wenn seine Konsequenzen, wie in den letzten beiden Kapiteln ausgeführt, vielleicht ungewöhnlich oder unangenehm erscheinen mögen.

Obwohl ich mich nun in den vergangenen zwölf Monaten dem Thema LSD von den verschie­densten Richtungen genähert, dabei viele Hundert Seiten gelesen, teils Publikationen ob­skurer Autoren, teils englische Fachliteratur durchgearbeitet habe, bleibt mir doch nur zu be­kennen:  scio me nescire und, daß ich, obgleich ich die quantitativen Grenzen, die im Rahmen einer FBA möglich sind, voll ausgeschöpft habe, doch nur an der Oberfläche kratze und von einer wirklich umfassenden Aufarbeitung sehr weit entfernt bin. Aus dem Unver­mögen, das ich stellenweise der Wissenschaft anlaste, wenn sie nur punktuell beschränkt agiert, darf ich mich selbst nicht ausnehmen, da ich doch in meinem eigenen Versuch, das Ganze zu erfassen ebenso gescheitert bin. Ich bin mir dessen jedenfalls bewußt und werde wohl auch über diese FBA hinausgehend versuchen, das Bekannte besser zu ergründen und das Neues zu erschließen.

Gabriel Maresch, 4. Februar 1998

Dank

Bedanken möchte ich mich bei Dr. Günther Schaller und Prim. Dr. Franz Thalhammer für die Bereitstellung von Literatur, weiters bei meinem Betreuer Prof. Mag. Günther Mautz, dem ich etliche wichtige Impulse verdanke. Besonderen Dank auch Dr. Torsten Passie für sein Inter­esse an meiner Arbeit und sein Schreiben, durch das er mich motivierte.


Inhalt

Kapitel 1: Entdeckung                                                                                                    

Mutterkorn                                                                                                                    

Botanik                                                                                                                          

Geschichte                                                                                                                    

Alkaloide                                                                                                                         

Mutterkornalkaloide                                                                                             

Versuchsreihen der Sandoz AG                                                                              

Entdeckung der psychedelischen Fähigkeiten                                             

Kapitel 2: Struktur                                                                                                        

Chemie                                                                                                                              

Formel und Aufbau                                                                                                  

Synthese                                                                                                                      

Pharmakologie                                                                                                           

Pharmakokinetik                                                                                                      

Metabolisierung                                                                                                       

Toleranz                                                                                                                      

Pflanzliche Verwandte des LSD                                                                          

Kapitel 3: Kennzeichen der LSD-Intoxikation                                                         

Physische Aspekte                                                                                                      

Motorische Störungen                                                                                           

Vegetative Symptome                                                                                             

Veränderungen der Wahrnehmung                                                                  

Physiologische Abweichungen                                                                            

Psychische Aspekte                                                                                                    

Veränderung des Zeiterlebens                                                                           

Veränderung des Ichbewußtseins                                                                      

Flashbacks                                                                                                                 

Variablen und Verlauf                                                                                            

Set und Setting                                                                                                          

Einteilung in Phasen                                                                                               

Kapitel 4: Mögliche Wirkmechanismen                                                               

Bisherige Überlegungen                                                                                         

Praesynaptische Hypothese                                                                                 

Postsynaptische Hypothese                                                                                  

LSD und Traum                                                                                                           

Aktueller Forschungsstand                                                                                

Beteiligte Rezeptoren                                                                                            

Das Serotoninsyndrom                                                                                          

Diskriminationsexperimente                                                                                

Agonist oder Antagonist                                                                                      

Modulierung der Wirkung                                                                                   

Kapitel 5: Die LSD-Psychotherapie                                                                          

Formen                                                                                                                             

Grundlagen                                                                                                                   

Indikation                                                                                                                      

Rahmenbedingungen und Verlauf                                                                      

Kapitel 6: Gesellschaftliche Situation                                                              

Begriffsbildung                                                                                                          

Medizinische Anwendung                                                                                        

Nicht medizinische Anwendung                                                                           

Mißbrauchspotential                                                                                               

Ausblick                                                                                                                          

Anhang A: Das Serotoninsystem                                                                              

Strukturverwandtschaft mit LSD                                                                     

Serotoninsynthese und -stoffwechsel                                                           

Das serotoninerge System des Menschen                                                       

Anatomie                                                                                                                      

Serotoninerge Bahnen                                                                                           

Natürliche Wirkung                                                                                               

Rezeptoren                                                                                                                    

Serotonin und Geisteskrankheit                                                                        

Biochemische Aspekte der Depression                                                              

Serotoninmodulierende Psychopharmaka                                                    

Anhang B: Chemische Formelsammlung                                                              

Serotoninkreislauf - Synthese und Abbau                                                     

Indolkern in Serotonin und LSD                                                                          

Alkaloide der Lysergsäure-Gruppe                                                                  

Paritelle Synthese des d-LSD                                                                                

Verwandte Psychedelika                                                                                       

Anhang C: Zur Physiologie des Gehirns                                                               

Anatomie des ZNS                                                                                                         

Rückenmark                                                                                                               

Rautenhirn                                                                                                                 

Mittelhirn                                                                                                                   

Kleinhirn                                                                                                                     

Zwischenhirn                                                                                                             

Großhirn                                                                                                                       

Das Neuron als funktionelle Einheit                                                               

Der Zellkörper                                                                                                          

Das Axon                                                                                                                      

Synaptische Terminals                                                                                           

Die Dendriten                                                                                                             

Die Gliazellen                                                                                                            

Signalübertragung im Gehirn                                                                             

Das Neuron im Ruhezustand                                                                                 

Entstehung eines Aktionspotentiales                                                             

Kommunikation via Neurotransmitter                                                           

Anhang D: Beilagen                                                                                                        

Erklärung                                                                                                                     

Quellennachweis                                                                                                       

     Index                                                                                                                                                                                     62


Kapitel 1: Entdeckung

Mutterkorn

Die natürliche Komponente des halbsynthetischen LSD ist die Lysergsäure. Dieser Stoff kommt zusammen mit einigen seiner Derivate im sogenannten Mutterkorn vor. Das Mutter­korn ist ein parasitärer Pilz, dessen Existenz dem Menschen schon lange bekannt ist und dessen Wirkungen eng mit der Geschichte der menschlichen Zivilisation, bereits seit der An­tike, verflochten sind. Dieser Aspekt soll nur gestreift werden, hat er doch nur indirekt mit dem LSD zu tun. Dennoch scheint es mir wichtig, auf die mannigfaltige Bedeutung des Mutterkorns, sei es nun als Bestand­teil von mystischen Tränken, als Auslöser schrecklicher Krankheiten oder als Ausgangsprodukt von Arzneimitteln, hinzuweisen.

Botanik

Abbildung 1: Mutterkorn

Bereits seit dem klassischen Altertum sind schmarotzende Schlauchpilze bekannt, die ver­schiedene Gräser und Getreide befallen und welche meist als Gift betrachtet wurden. Diese Schmarotzerpilze gehören zur Claviceps-Gruppe, deren wichtigster von ca. sechs verschiedenen Vertretern der Mutterkornpilz Claviceps purpurea ist. Er befällt meist Roggen oder Wildgräser und bildet auf seiner Wirtspflanze durch die Aufzehrung des Fruchtknotengewebes ein Dauer­mycel, das sogenannte Sklerotium. Es entwickeln sich anstatt der Getreidekörner schwarz-violette keulenförmige Gebilde, die etwas größer als diese sind. Bei einem Querschnitt zeigt sich ein Scheingewebe mit einer Vielzahl von stark verflochtenen Zellen (Pilzhyphen). Die Entwicklung der Pilze der Claviceps-Gruppe umfaßt zwei Lebenszyklen: eine Wachstumsperiode und eine Ruhe­periode. Das Mutterkorn ist dabei ausschließlich die überwinternde Form des Skleroti­ums in der Ruheperiode.[v],[vi]

Geschichte

Der Mutterkornpilz ist in den gemäßigten Zonen Europas, Asiens, Nordafrikas und Nord­amerikas verbreitet. Ausführlich dokumentiert ist aber nur sein Vorkommen in Mitteleuropa, meist im Zusammenhang mit Massenvergiftungen. Es gibt aber auch Hinweise, daß Mutter­korn in der Kultur des Altertums bewußt als Halluzinogen eingesetzt wurde.*

Im frühen Mittelalter traten in besonders feuchten und regenreichen Sommern, Bedingungen die die Entwicklung der Schmarotzerpilze fördern, oft epidemieartige Erscheinungen, infolge einer Verseuchung des Brotes durch Mutterkorn auf. Die Krankheit trat in zwei Formen auf: der Brandseuche (Ergotismus gangraenosus) und Krampfseuche (Ergotismus convulsivus).

Die Erkrankung äußerte sich zunächst in Form von starker Hitze, Kribbeln, Ameisenlaufen, Pelzigkeit und Taubheitsgefühl an den Fingern und Zehen. [.] Im weiteren Verlauf traten am ganzen Körper Blasen auf, die sich infizierten und zum trockenen Gewebstod (schwarzer Brand) der betroffenen Körperteile führten. Als Folge fielen Finger, Zehen, Nasenspitzen, Ohren und in schweren Fällen ganze Gliedmaßen ab. [.] Häufige Symptome der Vergiftung, die oft tödlich verlief, waren Delirien und Halluzinationen. [vii], [viii]

Die Bezeichnungen "ignis sacer", heiliges Feuer, und "Antoniusfeuer" verweisen auf die im Mittelalter weit verbreitete religiöse Einstellung zu Krankheiten als Strafe Gottes. Tatsächlich nahm sich nur der Orden des Heiligen Antonius der am Ergotismus Erkrankten an. Als im 17. Jahr­hundert der Zusammenhang zwischen mutterkornhaltigem Brot und den Vergiftungs­er­scheinungen erkannt wurde, konnte die Seuche rasch durch bessere Kontrolle der Getreide­verarbeitung  vermieden werden. Dennoch trat der letzte bekannte Fall von Ergotismus noch in den Jahren 1926/27 in Rußland auf.[ix]

Obwohl vorher schon von Hebammen angewandt, fand das Mutterkorn erst etwa zu Beginn des vorigen Jahrhunderts Eingang in die Schulmedizin. Auf die Verwendung in der Geburts­hilfe deutet ja bereits der Name Mutterkorn hin. Anwendung fand es zuerst als Mittel zur Be­schleunigung der Geburt, da es gebärmutterkontrahierend wirkt. Wegen der Gefahren die eine unzuverlässige Dosierung mit sich bringt, werden Mutterkornpräparate heute nur mehr zur Stillung von Blutungen herangezogen. Grund dafür sind die gefäßverengenden Wirkungen der Inhaltsstoffe des Mutterkorns, die bei zu hoher Dosierung zu Durchblutungsstörungen und Gewebstod, ähnlich wie beim Ergotismus, führen können.[x], [xi]

Alkaloide

Die Wirksubstanzen einer Vielzahl von Pflanzen, so auch des Mutterkorns, gehören zur Gruppe der Alkaloide. Es sind dies stickstoffhaltige Naturstoffe, die teils komplexe Ring­systeme bilden, aufgrund derer man sie chemisch näher klassifizieren kann. Viele dieser Alkaloide können heute, da ihre Struktur geklärt ist, auch synthetisch hergestellt werden. Sie zeigen meist schon bei kleinen und kleinsten Dosen massive Wirkung, so daß es nicht ver­wundert, wenn auch viele Drogen zu den Alkaloiden gerechnet werden.

Alkaloid

Ringstruktur

Verwendung

Nikotin

Pyridin

Genußmittel

Coniin

Pyridin

Gift des Schierlings

Cocain

Tropan

Rauschgift, Lokalanästhetikum

Atropin

Tropan

Gift der Tollkirsche

Morphin, Codein

Isochinol

teils in der Medizin, jedoch Suchtgefahr

Ergot-Gruppe

Indol

vorwiegend in der Geburtshilfe

Chinin, Coffein

-

anregende Genußmittel

                       Tabelle 1: Einige bekannte Alkaloide

Mutterkornalkaloide

Die Wirkung des Mutterkorns läßt sich nicht einem einzigen Stoff zuordnen, so daß es immer wieder gelang verschiedene Alkaloide zu beschreiben, die alle in der Ergot- bzw. Mutterkorn- Gruppe zusammengefaßt sind. Auch innerhalb der Mutterkorngruppe gibt es eine Unter­schei­dung in Lysergsäure-Alkaloide und Clavine-Alkaloide; in dieser Arbeit werden aber aus­schließlich die verschieden Verbindungen der Lysergsäure besprochen.

Im Jahre 1875 wurde vom Franzosen Charles Tanret ein erstes Extrakt hergestellt, das er Ergotinin nannte. Es darf eigentlich noch nicht zu den Alkaloiden gezählt werden, da es eine nach heutigen Maßstäben ziemlich unreine Substanz war. Auch das 1907 entdeckte Ergotoxin ist kein einheitliches Präparat. Der Wortstamm toxin deutet bereits darauf hin, daß es mehr die giftigen, denn die erwünschten Wirkungen aufwies. Erst mit der Isolierung von Ergo­tamin, dem ersten reinen Mutterkornalkaloid durch Arthur Stoll 1918, begann der Höhepunkt der Mutter­kornforschung. Dadurch konnte nämlich die Lysergsäure als gemein­samer und zugrunde liegender struktureller Baustein der pharmakologisch wirksamen Mutterkorn­alkaloide identi­fiziert werden. Innerhalb der nächsten 25 Jahre wurden alle weiteren bisher bekannten Alkaloide entdeckt.[xii],[xiii]

Name

Zugehörigkeit

Entdeckung

Ergotamin/Ergotaminin

Ergotamin-Gruppe

1918

Ergosin/Ergosinin

dto.

1936

Ergometrin/Ergometrinin

Ergometrin-Gruppe

1935

Ergokristin/Ergokristinin

Ergotoxin-Gruppe

1937

[a,b] Ergokryptin/Ergokryptinin

dto.

1943

Ergocornin/Ergocorninin

dto.

1943

Ergostin/Ergostinin

dto.

-

                        Tabelle 2: Natürlichen Mutterkornalkaloide der Lysergsäuregruppe[xiv]

Sämtliche Mutterkornalkaloide weisen eine tetracyclische (aus vier Ringen bestehende) Struktur auf, die man als Ergolin bezeichnet. Diese komplex aufgebaute Gruppe besteht aus Lysergsäure-Tripeptiden, in denen stets Prolin vorhanden ist, das mit anderen Aminosäure (derivate)n wie (a-Hydroxy-)Valin verbunden ist.* Neben den Alkaloiden mit der Endung -in gibt es auch deren Isomere mit der Endung -inin, die in der Regel aber unwirksam sind.[xv] Ist z.B. von Ergocornin die Rede, ist der wirksame Bestandteil gemeint, während bei Ergo­corninin sämtliche acht möglichen, aber ineffektiven Stereoisomere gemeint sind.

Versuchsreihen der Sandoz AG

1935 begann in den Laboratorien des Schweizer Pharmakonzerns Sandoz ein Projekt, das sich ausführlich mit der Mutterkornchemie beschäftigte. Der Leiter dieses Projektes war Dr. Albert Hofmann. Es gelang die Lysergsäure als gemeinsamen Baustein der Alkaloide zu identifizieren und isolieren. Ziel war es, durch die Verknüpfung der Lysergsäure mit basischen Resten, Sub­stanzen zu synthetisieren, die gezielt therapeutische Wirkungen auf­weisen sollten. Zu diesem Zweck wurde eine Vielzahl von Lysergsäureverbindungen herge­stellt.

Die Verbindung mit Propanolamin ergab eine mit dem natürlichen Mutterkornalkaloid Ergo­metrin (synonym die Bezeichnungen Ergobasin und Ergonovin) identische Verbindung, während die Verbindung mit Butanolamin eine noch wirksamere Substanz (Methergin) ergab. Die insgesamt 25. Substanz in dieser Versuchsreihe war die Verknüpfung mit Diethylamid. Man erwartete sich davon eine kreislaufstärkende Wirkung, da das damals bekannte Analeptikum Coramin ebenfalls eine Diethylamidgruppe aufwies. 1938 erstmals synthetisiert, entsprach LSD-25, so die Laboratoriumsbezeichnung, aber nicht den pharmakologischen Er­wartungen, so daß man dieser Substanz keine weitere Aufmerksamkeit schenkte.[xvi]

Entdeckung der psychedelischen Fähigkeiten[GM1] 

Im Frühjahr 1943 führte Dr. Hofmann erneut eine Synthese des LSD durch. Bei der Über­führung des äußerst instabilen Stoffs in ein stabileres weinsaures Salz (Tartrat) muß ein Bruch­teil der Substanz unbeabsichtigt über die Haut resorbiert oder eingeatmet worden sein. Dr. Hofmann bemerkte nach kurzer Zeit eigenartige Veränderungen, wie  folgendem Bericht zu entnehmen ist:

Vergangenen Freitag, 16. April 1943, mußte ich mitten am Nachmittag meine Arbeit im Laborato­rium unterbrechen und mich nach Hause begeben, da ich von einer merkwürdigen Unruhe, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, befallen wurde. Zu Hause legte ich mich nieder und versank in einen nicht unangenehmen rauschartigen Zustand, der sich durch eine äußerst angeregte Phantasie kennzeichnete. Im Dämmerzustand bei geschlossenen Augen - das Tageslicht empfand ich als unan­genehm grell - drangen ununterbrochen phantastische Bilder von außerordentlicher Plastizität und mit intensivem, kaleidoskopartigem Farbenspiel auf mich ein.[xvii]

Ob dieser Wirkung erstaunt, beschloß er drei Tage später einen gezielten Selbstversuch durch­zuführen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Unerklärlich schien, wie eine Sub­stanz, die nur in Mikrogramm hergestellt wurde, solche Auswirkungen haben konnte. Die verabreichte Dosis betrug 250 mg, was im Vergleich zu anderen Mutterkornpräparaten äußerst gering war, nach heutigem Wissen aber eine drei- bis fünffache Überdosierung darstellt. Der folgende Bericht Dr. Hofmanns ist sehr bekannt und wird in beinahe jeder im Literaturver­zeichnis ange­gebenen Publikation wiedergegeben. Aus Gründen der inhaltlichen Geschlos­senheit sei er auch hier nicht vorenthalten:

  1620: 0,5 cc. von ½-promilliger wäßriger Tartrat v. Diethylamid peroral = 0,25 mg Tartrat

  1700: Beginnender Schwindel, Angstgefühl. Sehstörungen. Lähmungen, Lachreiz. [.] siehe Spezialbericht

Hier hören die Aufzeichnungen im Laborjournal auf. Die letzten Worte konnten nur noch mit Mühe niedergeschrieben werden. Ich bat meine Laborantin, mich nach Hause zu begleiten, da ich glaubte, die Sache nehme den selben Verlauf wie die Störung am Freitag. Aber schon auf dem Heimweg per Rad zeigte es sich, daß alle Symptome stärker waren als das erste Mal. Ich hatte bereits größte Mühe klar zu sprechen und mein Gesichtsfeld schwankte und war verzerrt wie ein Bild in einem ver­krümmten Spiegel. Auch hatte ich das Gefühl, nicht vom Fleck zu kommen, während mir nachher meine Laborantin sagte, daß wir ein scharfes Tempo gefahren seien. [.]

Aber schlimmer als diese Verwandlungen der Außenwelt ins Groteske waren die Veränderungen, die ich in mir selbst, an meinem Innersten Wesen spürte. Alle Anstrengungen meines Willens, den Zerfall der äußeren Welt und die Auflösung meines Ich aufzuhalten, schienen vergeblich. [.]

Soweit ich mich erinnern kann, waren während dem Höhepunkt der Krise, der bereits überschritten war, als der Arzt ankam, folgende Symptome am ausgeprägtesten: Schwindel, Sehstörungen; die Ge­sichter der Anwesenden erschienen mir wie farbige Fratzen, starke motorische Unruhe, wechselnd mit Lähmungen, . abwechselnd betäubt, dann wieder klares Erkennen der Lage, wobei ich zeitweise als außenstehender neutraler Beobachter feststellte, wie ich halb wahnsinnig schrie oder unklares Zeug schwatzte . Sechs Stunden nach der Einnahme hatte sich mein Zustand weitgehend gebessert. Aus­geprägt waren noch die Sehstörungen. [.]

Bei geschlossenen Augen drangen ständig farbige, sehr plastische und phantastische Gebilde auf mich ein. Besonders merkwürdig war, wie alle akustischen Wahrnehmungen, etwa das Geräusch eines vor­beifahrenden Autos, in optische Empfindungen transponiert wurden, so daß durch jeden Ton und jedes Geräusch ein entsprechendes farbiges Bild, in Form und Farbe kaleidoskopartig wechselnd, ausgelöst wurde. Erschöpft schlief ich dann ein und erwachte am nächsten Morgen erfrischt mit klarem Kopf, wenn auch körperlich noch etwas müde.[xviii]

Diese Beschreibung der ersten LSD-Intoxikation am 19. April 1943 beschreibt die auftreten­den Symptome schon äußerst klar. Dieser Bericht bildete die Grundlage für die weiteren Unter­suchungen, die zuerst innerhalb des Sandoz-Konzerns durchgeführt wurden, ehe die Ent­deckung von LSD-25 bekanntgegeben wurde. 1947 wurde eine Beschreibung der ersten Ver­suche des Psychiaters W. Stoll, auf die in Kapitel 3: Kennzeichen der LSD-Intoxikation noch näher eingegangen wird, veröffentlicht, der noch weitere Untersuchungen anderer Forscher­gruppen folgten.

Zusammenfassung

Die natürliche Komponente des LSD ist die Lysergsäure; Sie ist Hauptinhaltsstoff vieler Alkaloide des schmarotzenden Mutterkornpilzes. Mutterkornvergiftungen sind geschichtlich belegt, stehen aber mit Ausnahme des eleusischen Trankes nicht in Verbindung mit bewußter Hervorrufung von Halluzinationen. Die Aufklärung der chemischen Struktur dieser Alkaloide führte zu vermehrter Forschung auf diesem Gebiet. Die Synthese des Lysergsäure-Diethyl­amids war Teil eines von Dr. Albert Hofmann geleiteten Projektes der Schweizerischen Sandoz AG. Die psychedelischen Eigenschaften des LSD wurden erst fünf Jahre später durch eine versehent­liche Intoxikation entdeckt und durch Selbstversuche verifiziert. Erst ab diesem Zeitpunkt kann man von einer wissenschaftlichen Untersuchung dieser Substanz sprechen.

Datum

Ereignis

1500 v. Chr.

Eleusischer Kult

600 v. Chr.

Aufzeichnungen über von Mutterkorn befallenen Roggen

590

Auftreten der "St. Antonius Krankheit" (Mutterkornvergiftung)

1582

Erste Erwägung der medizinischen Anwendbarkeit von Mutter­kornpräparaten  in Kräuterbüchern

1676

Erkennen des Zusammenhangs zwischen Mutterkorn und dem Auftreten von Ergotismus

19 Jhdt.

Wissenschaftliche Abhandlungen über Einsatz in der Medizin

1918

Isolierung des ersten reinen Mutterkornalkaloids

1938

Erstmalige Synthese von Lysergsäure und Diethylamid zu LSD

1943

Entdeckung der psychedelischen Fähigkeiten des LSD

                        Tabelle 3: Zeittafel der Geschichte des Mutterkorns und seiner Alkaloide[xix]

Literaturverzeichnis

[1] Die Pflanzen der Götter, Albert Hofmann/Richard E. Schultes
AT Verlag Aarau. Schweiz 1996

[2] Giftpflanzen, Fröhne/Pfänder
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft. Stuttgart 1981

[3] LSD - Mein Sorgenkind, Albert Hofmann
Klett-Cotta/dt Verlag. München 1979

[4] Gifte in unserer Umwelt, Otfried Strubelt
Deutsche Verlags Anstalt. Stuttgart 1989

[5] Introduction - Early History of LSD, in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar
PJD Publications Westbury. New York 1975

[1] Römpps Chemie Lexikon, Otto-Albrecht Neumüller
Frank'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1983


Kapitel 2: Struktur

Chemie

Die Struktur des LSD, auch die räumliche, ist weitgehend gesichert. Obwohl heute die Formel dieser Substanz in jedem Lexikon zu finden ist, beruhte der Weg zu dieser Erkenntnis vor allem auf komplizierten Experimenten. Dieser Abschnitt sollte darauf hinweisen, ohne An­spruch auf vollständige Erläuterung, und die wichtigsten dabei angewandten Methoden nennen. Die im Literaturverzeichnis angeführten Publikationen sind allerdings wahrscheinlich nur für Chemiker ganz verständlich.*

Formel und Aufbau

LSD ist ein komplexes organisches Molekül, so daß die An­wendung einer Summenformel** nicht sinnvoll ist. Statt dessen findet man in der Literatur fast ausschließlich die vereinfachte Strukturformel. Gebräuchlich ist dabei die Ein­teilung in vier Ringsysteme und vier Reste. Ring A und C sind homocylische, Ring B und D heterocylische Verbindun­gen, wobei das Heteroatom stets Stickstoff ist. An den Posi­tionen (15,16) des Benzolringes A geht dieser eine Bindung mit Ring B ein, einem stickstoffhaltigen 5-Ring. Ring B ent­spricht dem Pyrrol, weist aber nur eine Doppelbindung auf (Dihydropyrrol). Ring C ist ein Cyclohexan, also ein Benzol­ring ohne Doppelbindungen, und steht über Position (11,16) mit Ring A bzw. mit (3,16) mit Ring B in Verbindung. Ring D ist wieder heterocyclisch, ähnelt dem Pyridin besitzt aber wie Ring B nur eine Doppel­bindung (Tetra­hydropyridin). Ring D ist nur mit einem Ring, nämlich Ring B über die Po­sitionen (5,10) verbunden. Die Reste R1 und R2 an Ring B bestehen im Falle des LSD nur aus H-Atomen, R3 am hetero­genen Stickstoffatom in Ring D aus Methyl (CH3) und R4 be­steht aus der für die Bezeichnung charakteristischen Diethyl­amidgruppe (CH2CH3)2.

Beim LSD-Molekül existieren zwei Asymmetriezentren, näm­lich an den Atomen C5 und C8. Jedes Asymmetriezen­trum steht für zwei mögliche stereoisomere Formen, so daß insge­samt vier Möglichkeiten zur Verfügung stehen: zwei rechts­drehende Formen (d-LSD und d-Iso-LSD) und zwei links­drehende (l-LSD und l-Iso-LSD). Die einzige pharmako­logisch signifikant wirksame Substanz ist das korrekt so bezeichnete d[exter]-L[yserg]S[äure] D[iethylamid]. Wenn verkürzt von LSD die Rede ist, meint man dabei immer diese Form.

Durch gezielte Verändern des Moleküls können Derivate her­gestellt und Zusammenhänge zwischen Struktur und Wirkung gewonnen werden. Diese Veränderungen beziehen sich meist auf den Amidrest R4, das Überführen der Doppel- in Dreierbindungen und Substitution an ver­schiedenen Positionen der Ringsysteme.[xx] Solche Überlegungen sind allerdings nur von theoretischem Interesse, höchst spezifisch und nur schwer verständlich, da sie hohes Wissen speziell auf dem Gebiet der organischen Chemie voraussetzen.*

Von Bedeutung ist auch die dreidimensionalen Struktur des LSD, die nur auf experimen­tellem Wege ermittelt werden konnte. Die dabei angewandte Methode ist die Röntgen-Kristall-Strukturanalyse, bei der das Lysergsäurediethylamid durch Neutralisiation in ein Salz über­ge­führt wird. Anschließend kön­nen anhand der Beugungs­muster die Atomschwerpunkte ausge­macht und ein räumliches Modell erstellt werden. Daneben gibt es noch die Möglichkeit mittels Orbital- bzw. Hybrid­methoden (PCILO, EHT, INDO) Energie­niveaukarten anzu­legen, um so auf die Lage und Bezie­hung der Atome zuein­ander im Raum schließen zu können.[xxi] Diese Me­thoden sind aber eben­falls zu speziell und komplex, um sie hier behandeln zu können.

Interessant ist aber das Ergebnis, daß nämlich unter allen vorhan­denen möglichen Varianten, die Winkel des LSD-Moleküls so gewählt sind, daß sie dem Serotoninmolekül am nächsten kommen. Außerdem existiert das sogenannte Synder-Modell, das besagt, daß unter der Annahme, daß LSD das höchst wirk­same Halluzinogen ist, alle anderen Halluzinogene Ahnlichkeiten mit dessen Struktur auf­weisen müßten. Tatsächlich läßt sich zeigen, daß Stoffe die zur Gruppe der Indolalkylamine oder Phenylethylamine (z.B. Mescalin) gehören, mit der räumlichen Struktur des B und C Rings des LSD übereinstimmen.[xxii]

Synthese**

Die klassische Synthese, nach der auch Albert Hofmann LSD erzeugte, basiert auf der Curtius'schen Reaktion. Dabei werden Carbonsäuren durch Einwirkung von stickstoff­haltigen Säuren zu Amiden abgebaut. Im ersten Schritt muß dabei ein Lysergsäureradikal vom Aus­gangsstoff, meist einem Mutterkornalkaloid, abgespalten und anschließend stabilisiert werden. Danach wird die so gewonnene Verbindung gemäß der Curtius-Reaktion in eine Di­ethylamid-Verbindung umgewandelt und im dritten Teil in gelöster Form in ein Tartrat über­geführt. Dies geschieht vereinfacht nach folgendem Schema.

1.   Ein Alkaloid wird mittels Hydrazid gespalten. Es kommt dabei durch Erhitzen zur Iso­merisation und Ent­stehung einer Lösung aus Isolysergsäure­hydrazid. Dann werden sie in Salze der rechts- bzw. linksdrehenden Wein­säure über­ge­führt und danach in die ent­spre­chende Form der Lysergsäure konvertiert.

2.   Das Gemisch aus Lysergsäurehydrazid bzw. Iso-Lysergsäurehydrazid wird wiederum ge­löst und Diethylether beigegeben. Dabei bin­det ein Ethyl­rest an das erste Stickstoff­atom, der andere durch Absprengen der restlichen Aminogruppe (NH2). Nach Extrahieren und Filtrieren können d-LSD und d-Iso-LSD ge­trennt werden.

3.   Nach dem Mischen des äußerst instabilen reinen d-LSD mit Weinsäure und Methanol* setzen sich große, weiße nadelförmige Kristalle ab. Diese stabile Form wird gelegentlich die Laborbezeichnung LSD-25 zum Aus­druck gebracht.[xxiii]

Später wurden auch andere Verfahren zur Syn­these entwickelt, unter ihnen eines, bei dem selbst die an sich natürliche Lysergsäure im Labor synthetisiert wird.

Pharmakologie

Pharmakologische Untersuchungen mit LSD wurden an einer Vielzahl von Tierarten und, so­weit dies möglich war auch am Menschen durchgeführt. Da die pharmakologisch wirksame Menge von LSD sehr gering ist, sind alle Angabe nur von bedingter Genauigkeit, zumal sie von Individuum zu Individuum variieren können. Pharmakodynamische Aspekte, also die Wechselwirkung zwischen Ligand und Rezeptor betreffend, werden hier nicht behandelt, sondern werden, in einem eigenen Kapitel (siehe Seite 23 pp.) gesondert besprochen.**

Pharmakokinetik

LSD wird üblicherweise oral appliziert und über den Magen resorbiert. Bei dieser Verab­reichung liegt die Latenzzeit, also jene Zeit, die verstreicht bis erste Symptome bemerkbar sind, bei ca. 20-30 Minuten. Will man die Resorption im Magen-Darm-Trakt umgehen und injiziert LSD intravenös, tritt die Wirkung sofort bzw. maximal nach etwa 10 Minuten ein. LSD ist sehr gut fettlöslich und überwindet rasch die Blut-Hirn Schranke. Obwohl das ZNS rasch mit LSD-Molekülen überflutet wird, verlagert sich nach kurzer Zeit (etwa 10 Minuten) die höchste Kon­zentration zur Leber hin. Das bedeutet, daß schon nach weniger als einer Viertelstunde nach Erreichen das Gehirn kein neues LSD mehr erhält und nur eine ver­hältnismäßig noch viel geringere Menge der ursprünglichen Substanz die psychischen Ver­änderungen auslöst.[xxiv]

Die Dosierung liegt beim Menschen unter normalen Umständen bei ca. 50 - 500 mg.*** Geht man von einer letalen Dosis von 15.000 mg aus, dann ergibt sich eine "therapeutische Breite" von 300, das heißt erst eine 300fache Überdosierung hätte eine tödliche Wirkung zur Folge.[xxv] Vergleicht man diesen Wert (bei Antidepressiva etwa im Bereich von 30 bis 50), so ist LSD eine sehr sichere Substanz.*

Metabolisierung

Die Eliminationshalbwertszeit, also jene Zeitspanne, in der die Hälfte eines Stoffes abgebaut wird, beträgt beim Menschen etwa 175 Minuten. Der Abbau findet hauptsächlich in Leber und Galle statt, wo sich auch die höchste Konzentration im Körper findet. Die Wirkung hält etwa acht Stunden an, der Abbau ist aber erst nach acht Halbwertszeiten abgeschlossen, was unge­fähr 24 Stunden entspricht. Etwa bis zu diesem Zeitpunkt kann man den LSD-Konsum auch noch mittels hochempfindlichen Radio-Immun-Assay nachweisen.

Nur ca. 1% des LSD wird unverändert wieder ausgeschieden, der Rest wird metabolisiert und über Urin (ca. 15%) und Fäzes (ca. 80%) abgegeben. Es gibt vermutlich drei wasserlösliche Haupt­metaboliten: 2- ,12- und 13-Hydroxy-LSD.** Außerdem müssen noch Abbauprodukte vor­­handen sein, die C-Atome abspalten, da bei Experimenten mit radioaktivem LSD in ge­rin­gen Spuren 14 CO2 in der Atemluft gefunden wurde.[xxvi]

Toleranz

In der Fachliteratur wird übereinstimmend die Meinung vertreten, daß die Verabreichung von LSD nicht zu körperlicher Abhängigkeit führt. Dafür spricht zum einen das Fehlen von Ent­zugserscheinungen und zum anderen die nicht vorhandene Selbstverabreichung bei Labor­tieren.[xxvii],[xxviii] Wohl aber kann man eine starke Gewöhnung gegenüber der Substanz feststellen. Eine Toleranz kann innerhalb weniger Tage, in Extrem­fällen auch schon nach einer Verab­rei­chung, auftreten. Ein mögliches Maß dafür ist die Zunahme von an­organischen Phosphaten im Serum, die nach jeder LSD-Applikation auftritt. Je öfter die Verabreichung, desto geringer die Zu­nahme, und der Effekt. Die Art dieses Zusam­men­hangs ist aber ebenso wie die tat­sächlichen Vor­gänge an den Rezeptoren noch unbe­kannt. Die Rückbildung der Toleranz geht ebenso rasch vor sich wie ihre Entstehung. Daneben gilt auch die Kreuztoleranz. Ist ein Individuum gegen LSD re­sistent, bleibt auch bei Verabreichung von Mescalin eine Wirkung aus, da gegen LSD aber offensichtlich eine höhere Toleranz notwen­dig ist, verhindert im umgekehrten Fall eine Toleranz gegenüber Mescalin nicht die Wirkun­gen des LSD. Grundsätzlich gilt zwischen LSD und anderen Psychedelika, insbeson­dere sero­toninergen, Kreuztoleranz. Definitiv ausge­schlossen ist diese wechselseitige Toleranz aber gegenüber Amphetaminen und Cannabinoiden.[xxix]

Pflanzliche Verwandte des LSD

Obwohl LSD eine künstliche Substanz ist, gibt es Pflanzen, die Stoffe produzieren, die ihm in Struktur oder Wirkung so ähnlich sind, daß man sie als "natürliche Verwandte" bezeichnen kann. Zwei möchte ich hier anführen, ansonsten sei auf das Literaturverzeichnis verwiesen.

Ololiqui: Die Wirkstoffe der Samen dieser Windengewächse (Convolvulaceae) sind Lyserg­säureamid und Lysergsäurehydroxyethylamid und damit der Struktur des LSD sehr ähnlich. Dennoch sind sie etwa um ein Zehntel weniger wirksam. Ololiqui ist hauptsächlich in indianischen Kulturen verbreitet und war schon in vorkolumbianischer Zeit bekannt. Einge­setzt wird es vor allem in Form verschiedener Zauber- bzw. Heiltränke.

Psilocybe-Pilze: Eine Reihe verschiedener, teilweise auch in unseren Breiten heimischer, Pilze bildet die psychoaktiven Substanzen Psilocybin bzw. dessen Abbauprodukt Psilocin. Wie LSD und Ololiqui gehören sie zu den serotoninergen Psychedelika und weisen struktu­relle Gemein­sam­kei­ten auf. Eingenommen werden die Pilze in frischem oder getrockneten Zu­stand, was Einfluß auf den Wirkstoffgehalt hat.[xxx]

Substanz

effektive Dosis

tödliche Dosis

Breite

Potenz

LysergsäureDiethlyamid

0,05 mg

15 mg

x 300

100 %

LysergsäureAmid

0,50 mg

 -

-

10 %

Psilocybin/Psilocin

5,00 mg

1.500 - 2.000 mg

x 400

1 %

                        Tabelle 4: Pharmakologische Daten von LSD und verwandten Substanzen[xxxi]

Zusammenfassung

LSD ist ein komplexes organisches Molekül, dessen räumliche Struktur nur langwierig auf experimentellem Wege ermittelt werden konnte. Die Synthese basiert auf der Curtius'schen Reaktion und geht von Mutterkornalkaloiden aus. Die beim Menschen wirksame Dosis be­trägt etwa 1/20.000 Gramm. Obwohl sich rasch eine Toleranz bildet, kommt es zu keiner Ab­hängigkeit. Die Halbwertszeit ist mit knapp drei Stunden relativ lange. LSD wird zu 99% me­tabolisiert, vor allem in Hydroxy-LSD. Neben LSD existieren auch verwandte natürliche Sub­stanzen. Am ähnlichsten ist der Wirkstoff des Ololiqui, das Lysergsäureamid (LA-111).

Literaturverzeichnis

[1] The Chemistry of LSD (A. Hofmann), in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar
PJD Publications Westbury. New York 1975

[2] Stereoelectronic Characteristics of LSD (C. Johnson), in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar PJD Publications Westbury. New York 1975

[3] Metabolism of LSD, in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar
PJD Publications Westbury. New York 1975

[4] Pharmacological Aspects, in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar
PJD Publications Westbury. New York 1975

[5] Drogen und Psychopharmaka, Robert M. Julien
Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg, Berlin, Oxford 1997

[1] Die Pflanzen der Götter, Albert Hofmann/Richard E. Schultes
AT Verlag Aarau. Schweiz 1996


Kapitel 3: Kennzeichen der LSD-Intoxikation[GM2] 

Vorbedingung für eine LSD-Intoxikation ist logischerweise die Einnahme der Droge. Um mit den außerordentlich kleinen Dosierungen, die im Mikrogrammbereich liegen, besser um­gehen zu können, bedient man sich der Einnahme per os, meist in Form einer wäßrigen Lösung. Die Reaktionen können von Individuum zu Individuum stark schwanken. So können bei einer Person schon geringe Mengen dramatische Wirkungen zur Folge haben, während bei einer anderen selbst eine massive Überdosierung nahezu wirkungslos ist.* Außerdem spielen zahl­reiche außerpharmakolgische Faktoren, wie etwa die Einstellung zur Droge, die Er­wartungen und die Umgebung eine entscheidende Rolle.[xxxii] Sie werden an anderer Stelle noch genauer be­handelt. Der Begriff Kennzeichen in der Überschrift soll zum Ausdruck bringen, daß der Ver­lauf einer LSD-Intoxikation nicht als konstanter Ablauf drogenspezifischer Wir­kungen (wie z.B. die Analgesie bei Morphinen) verstanden werden darf. Es gibt jedoch eine Zahl verschiedener Symptome, die von LSD besonders massiv hervorgerufen zu werden scheinen und hier, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, besprochen werden.



Physische Aspekte

Der LSD-Rausch ist zwar in erster Linie von psychischen Veränderungen bestimmt, dennoch treten meist auch bestimmte körperliche Symptome auf. Sie sind zwar mit einer gewissen Häufigkeit, jedoch nicht zwangsläufig vorhanden. Man kann also von keinen konstanten Symptomen sprechen, die unabhängig von anderen Einflüssen nur durch pharmakologische Werte beeinflußt werden. Der Psychiater S. Grof kommt dabei gar zu folgender Erkenntnis:

Bei der Auswertung von fast fünftausend Protokollen von LSD-Sitzungen fand ich nicht ein einziges Symptom, das in allen Fällen absolut konstant aufgetreten wäre und damit als tatsächlich invariant hätte betrachtet werden können[xxxiii]

Außerdem ist festzuhalten, daß zwischen verabreichter Dosis, sofern sie im üblichen Bereich liegt** , und Häufigkeit bzw. Stärke der Symptome kein nachweisbarer Zusammenhang be­steht. Es muß daher auch in Betracht gezogen werden, daß einige körperliche Symptome vielleicht nur Reaktionen auf psychische Veränderungen darstellen. Nichts desto trotz gilt beispielsweise die Veränderung der Pupillen als zuverlässiges Anzeichen für noch bestehen­den Drogenein­fluß.[xxxiv] Auch darf die Ahnlichkeit von LSD zu Serotonin, das ja muskel­kontrahierend wirkt, bei Veränderungen besonders im vegetativen Bereich nicht außer Acht gelassen werden.

Motorische Störungen

Veränderungen der Muskel von völliger Lockerung und Entspannung bis hin zu starken Krämpfen und Verspannungen wurden beobachtet. Komplizierte Verrenkungen sind möglich, aber selten. Meist sind die Symptome auf leichtes Zittern und Beeinträchtigungen verschiedener Be­wegungen beschränkt. Der Gang wird breit und ausgreifend. Zeige- und Greifversuche miß­lingen, wie überhaupt die Koordinationsfähigkeit und Feinmotorik herabgesetzt scheinen. Die Sprache wird undeutlich, auch das Schriftbild verändert sich und wird fahrig.[xxxv],[xxxvi]

links:   nach 45 Minuten

mitte: nach 125 Minuten

rechts: normale Handschrift

 

Abbildung 2: Veränderung der Handschrift unter LSD-Einfluß

Vegetative Symptome

Vegetative Beschwerden treten vornehmlich kurz nach Einnahme des LSD auf und äußern sich zumeist in Übelkeit und allgemeinem Unwohlsein. Diese Anzeichen können entweder dem sympathetischen oder parasympathetischen System zugeordnet werden.

Sympathetische Symptome: beschleunigter Puls, erhöhter Blutdruck, starkes Schwitzen, Kälte­gefühl, Sträuben der Körperhaare, Speichelabsonderung, Verschwimmen der Seheindrücke.

Parasympathetische Symptome: verlangsamter Puls, abgesenkter Blutdruck, Tränenfluß, teils heftiges Erbrechen, abwechselndes Frieren und Hitzegefühl, Erschöpfung.[xxxvii]

Veränderungen der Wahrnehmung

Anderungen die sinnliche Wahrnehmung betreffend gehören zu den häufigsten Symptomen während einer LSD-Intoxikation. Am stärksten sind dabei visuelle Erscheinungen, wobei man zwischen dem Zustand, in dem die Versuchspersonen die Augen geschlossen halten oder sich in dunklen Räumen aufhalten, und dem in welchem sie die Augen geöffnet haben und Gegen­stände fixieren. Bei Dunkelversuchen treten vor allem Elemantarhalluzinationen auf. Charak­teristisch ist eine Vielzahl bunter, sich ständig wiederholender und in Bewegung befind­licher Objekte, die oft geometrisch gegliedert sind. Folgende Bilder nennt W. Stoll:

Flackern, Flirren, Glitzern, Sprühen, Regnen, schnelles und langsames Fließen, wandernde Punkte; Grüne und rote Nebel, gelbe Streifen, Strahlen, Schlieren, Schleier, Bögen, Ringe, bunte Kreise, Ellipsen, rasende Strudel, Spiralen, Gitter, Netze, glänzende Vakuolen* , Ornamente; Buchstaben, Spinnetze, Schneeflocken, Muscheln, Uhrfedern, sich teilende Chromosomen; Benzolringe, Schmetterlinge, Pfauengefieder, Fensterreihen, Dünenlandschaften, Dächermeere, Fratzen, Buddhas, Blütenkelche.[xxxviii]

Kennzeichnend sind Bewegung, Farbe und Mehrzahl der Gebilde, so daß häufig der Vergleich mit einem Kaleidoskop gezogen wird. Eine Anderung des intraokulären Drucks vermag Form und Farbe** der Halluzinationen zu verändern, etwa durch Druck auf die Augäpfel oder längeres Anhalten des Atems.[xxxix]Beim Wechsel von offenen zu geschlossenen Augen können Nachbilder auftreten, die mehrere Minuten lang anhalten können und dann verwischen.

Auch bei Erscheinungen im Hellen treten Elementarhalluzinationen auf, allerdings nur beim Be­trachten  gleichmäßiger bzw. diffuser Flächen und Gegenstände und ungleich schwächer als im Dunkeln. Ansonsten erfolgt auch hier eine starke Geometrisierung und Ornamentali­sierung des Gesichtsfeldes. Menschen und Dinge erscheinen wie kubistische oder impressio­nistische Ge­mälde, auch erscheinen Farben und Kontraste ungleich stärker. Die Wahr­nehmung ist infolge der ständig auftretenden Nach­bilder ver­schwommen, so daß ver­schiedene Stadien ein und der­selben Bewegung gleichzeitig gesehen werden können. Wird der Blick auf unbelebte oder weiter entfernte Gegenstände gelenkt, werden diese illusorisch verkannt. So können Flecken am Boden als Tiere oder Gesichter gesehen werden, Gruben zu Bergen. Durch perspektivische Fehlleistungen erscheinen Raum und eigener Körper bizarr verzerrt und unproportioniert. Am häufigsten sind Mikropsie bzw. Makropsie, bei denen die Umwelt als riesen- oder zwergenhaft wahrgenommen wird.[xl],[xli]

Viel weniger spezifisch sind die Veränderungen bei anderen sensorischen Reizen. Geräusche werden mitunter mißgedeutet und als subjektiv lauter empfunden. Monotones Rauschen kann als Musik wahrgenommen werden. Viel stärker als die perzeptuelle Veränderung von Tönen ist aber die emotionelle, so daß manche Versuchspersonen von einem tieferen Verständnis für Musik im Zustand der LSD-Wirkung sprechen. Dieses Phänomen ist aber eindeutig nicht physischen Aspekten zuzuordnen. Gelegentlich treten auch Störungen im Bereich des Ge­schmacks- oder Geruchssinnes auf, wobei meist eine herabgesetzte Unterscheidungs­fähigkeit oder das Vorherrschen eines bestimmten Geruches auftritt. Im Bereich des Tastsinns kann mit­unter eine teilweise Gefühllosigkeit vorhanden sein.[xlii]

Viel häufiger werden sogenannte Synästhesien beobachtet, d.h. ein eingehender sensorischer Reiz wird mit der Reaktion eines anderen Sinnesorgans beantwortet. Schon Albert Hofmann fiel auf, daß akustische Reize in optische Empfindungen umgewandelt werden konnten (siehe Seite 8). Die Art der Synästhesien kann verschiedene Formen annehmen und ist nicht fest­ge­legt, so daß es nicht nur möglich ist Töne zu sehen, sondern auch Farben zu schmecken oder Schmerzen zu hören. Auf welche Weise LSD und andere Psychedelika wie Mescalin diese Phänomene genau erzeugen, kann jedoch noch nicht schlüssig gezeigt werden.[xliii]

Die Zuordnung von Wahrnehmungsveränderungen zu den physischen Aspekten ist zwar grund­sätzlich problematisch, da man zurecht einwenden kann, daß insbesondere bei der Wahr­nehmung psychische Faktoren eine gewichtige Rolle spielen.*,[xliv] Ich habe mich dennoch dazu entschlossen, da elementare Trugbilder auch durch mechanischen Druck auf die Bulbi, durch Einatmen eines Gemischs aus Sauerstoff und Kohlensäure oder durch stroboskopisches Licht hervorgerufen werden können. Des weiteren kann nicht von eigentlichen Visionen oder Halluzinationen gesprochen werden, da die Versuchspersonen in dieser Phase fast immer um die Unwirklichkeit der Erscheinungen wissen.

Aus den bunten, zufälligen Tischflecken wurden springende, flüchtende Salamander auf dunklem Grund und prachtvoll schillernde Schmetterlinge. Ich fand es nicht einmal grotesk, obwohl ich wußte, daß es nur eine armselige Tischplatte mit Flecken war.[xlv]

Solche Pseudohalluzinationen lassen sich zumeist durch chemische Reizung der jeweiligen Sinnesorgane erklären und beruhen auf deren besonderen physiologischen Eigenschaften.[xlvi] Für gewöhnlich sind unter ihnen optische Erscheinungen vorherrschend.

Physiologische Abweichungen

Manchmal wird die Vermutung geäußert, LSD könne zu Anderungen im Chromosomen­be­stand, insbesondere zum Chromosomenbruch und zu Mutationen führen, wenn es über einen längeren Zeitraum eingenommen werde. LSD würde die Phosphationen neutralisieren und so die DNA-Helix zerstören. Tatsächlich ergaben Experimente, daß für das Binden von LSD an DNA bzw. RNA eine Temperatur von mindestens 100° F oder 38° C notwendig ist. Mutationen wurden erst bei einer Konzentration von 2-10 mg LSD pro ml Blut beobachtet. Das entspricht einer Gesamt­dosis von 12-60 g pro Person, was etwa der 1.000fachen töd­lichen Dosis gleich­kommt.[xlvii] Wenn dennoch Chromosomenanomalien beobachtet werden können, liegt das ver­mutlich an der Zu­sammensetzung des verwendeten LSD, welches am il­legalen Markt oft stark, mit zum Teil hochgiftigen Substanzen wie Strychnin, verunreinigt ist, so daß L.L. Judd et.al. zu folgendem Schluß kommen:

They could not find significant differences in chromosome breakage rates among heavy users of LSD who discontinued the drug, heavy users of LSD who have continued to use it, and drugfree control subjects.[xlviii]

Einen gewissen Einfluß übt LSD auch auf die Schlafphasen aus. So wird zwar das Einsetzten von Träumen verzögert, die Gesamtdauer der REM-Phasen aber über einen Zeitraum von einigen Tagen nach Einnahme des LSD verlängert. Auch kann in nicht paradoxen Schlaf­phasen kurzzeitig REM-Aktivität auftreten. Veränderungen im Schlafmuster sind jedoch in­dividuell zu unterschiedlich, um sie als einheitliches Symptom auffassen zu können.[xlix]

Psychische Aspekte

Eine Beschreibung der psychischen Faktoren muß zwangsläufig Einschränkungen vor­nehmen, da jeder unter LSD-Einfluß erlebte Zustand, stärker noch als die körperlichen Wir­kungen, individuell variiert. Grundsätzlich treten diese Phänomene bei höherer Dosierung vermehrt auf. Geht man davon aus, daß Wahrnehmungsveränderungen nur die oberste Schicht des unter LSD-Einwirkung Erlebten ausmachen, sind Veränderungen die Zeit bzw. die Per­sön­lichkeit be­treffend die nächsten Stufen. Ein geeignetes System zur Klassifizierung und Er­klärung der auf­tretenden Erscheinungen kann aber nur die Theorie der LSD-Psychotherapie, wie sie etwa von S. Grof vertreten wird, bringen.

Veränderung des Zeiterlebens

Eine der tiefgreifendsten Erfahrungen, die während einer LSD-Intoxikation auftreten können ist ein verändertes Erleben der Zeit, das bis hin zu deren Verschwinden gehen kann. Meist er­folgt eine Dehnung der Zeit, so daß Sekunden subjektiv als Minuten oder Stunden erlebt werden können. Eine mögliche Erklärung ist, daß durch die Überfülle der eingehenden Reize das psychische Moment verringert wird, um alle Empfindungen noch verarbeiten zu können. Damit geht eine subjektive Verlängerung der Zeitspanne einher. Psychologische Testver­fahren ergaben aber, daß solcherart eine maximale Veränderung nur etwa um den Faktor 4 möglich ist.[l] Andererseits finden sich in Versuchsprotokollen Situationen beschrieben, in denen die Zeit voll­kommen aufgehört hat zu existieren.

Es wird so still! - aber anders als sonst - so unheimlich still. Die Zeit steht still . die Zeit ist weg. Es gibt keine Bewegung. Die Ewigkeit - nein - das ist etwas Grauenhaftes! Man muß ein Ende sehen.[li]

Da diese extremen Phänomene auch auftreten, wenn etwa durch Augenschirme und Ohren­schützer äußere Reize vermieden werden, kann eine Veränderung des psychischen Moments hier nicht mehr ausschließlich als Erklärung herangezogen werden. Solche Erlebnisse ent­ziehen sich weitgehend einer zufriedenstellenden psychologischen Ableitung. Sie werden meist mit Stillstand und Apathie in Zusammenhang gebracht, in welchen eine Überschreitung der Zeit­lichkeit möglich ist.

Ich habe gar nicht das Gefühl, es komme ein nächster Moment . wie wenn alles zu gleicher Zeit in einem Punkt wäre. So anspruchslos . es dünkt mich, der letzte Moment sei anderswo. Nein, Angst habe ich nicht. Angst hat man vor etwas das kommt . aber es ist kein Moment hinter dem andern.[lii]

Dennoch treten auch Veränderungen in die entgegengesetzte Richtung auf, wenn also eine Zeit­spanne kürzer als objektiv gemessen erlebt wird. Im Vergleich zur Zeitdilatation tritt die Zeitkontraktion aber seltener auf. Auch fallen diese Abweichungen nicht so stark aus und be­wegen sich in einem mit oben angeführter Theorie vereinbaren Rahmen.

Veränderung des Ichbewußtseins

Eine Veränderung der Persönlichkeit wird meist als äußerst unangenehm erlebt. Versuchs­personen berichten von einem Verlust sowohl der Körperlichkeit als auch der Seele. Oft ist dieser Zustand auch verbunden mit Störungen des Körperschemas. Begriffe wie Leblosigkeit, Entfremdung oder Leere werden assoziiert, die Umwelt und Mitmenschen als automatenhaft und wie von selbst ablaufend angesehen.

Ich kann mich wie in einem Spiegel ständig kontrollieren, sehe meine Fehler und die Störungen ein, habe aber nicht die Möglichkeit zu korrigieren.[liii] Grenzenlose Gleichgültigkeit und Leere . Gefühl als ob ich nicht selber redete, sondern eine andere Person.[liv] Ich bin zwei und schaue mir selbst zu - ich höre eine Stimme, aber sie ist fremd.[lv]

Gleichzeitig wird von einem Schwinden des Kontaktes zur Außenwelt und einer emotionalen Entleerung, die bis zum völlig Verlust der Persönlichkeit geht, berichtet. Oft geäußerte Bilder sind leblose Körper, Hampelmänner, Marionetten und Pappfiguren, welche an die Stelle von Menschen getreten sind. Der Zustand des Vegetieren und Siechens scheint unabänderlich, wie auch ein Weiterleben als sinnlos erachtet wird. In dieser Situation können Selbstmord­ge­danken entstehen, die insbesondere dann gefährlich werden, wenn der Proband nicht mehr ge­wahr ist, daß er noch unter LSD-Einfluß steht.*

Ich habe nicht mehr das Gefühl, unter Lysergwirkung zu stehen . das ist nicht das LSD, das bleibt so, das ändert sich nicht.[lvi]

Der Suicid eines Schizophrenen in der Depersonalisation ist ohne weiteres einfühlbar, insbesondere, wenn der Zustand Vergleiche mit der früheren Persönlichkeit erlaubt.[lvii]

Auffallend während einer LSD-Intoxikation sind auch die dabei auftretenden teilweise be­trächt­lichen Stimmungsschwankungen. So können klar depressive Phasen plötzlich in von Hoch­gefühlen geprägte Stimmungen umschlagen, wenngleich Wechsel von einem Extrem ins andere eher selten sind. Euphorie im Zusammenhang mit Persönlichkeitswandel und Deper­sonalisation tritt dann in mystischen Dimensionen auf, etwa als Manifestation der Vereini­gung von Individuum und dem Weltganzen oder als Wiedergeburtserlebnis. Solche Erlebnisse werden aufgrund ihrer therapeutischen Wirksamkeit zum Teil in der LSD-Psychotherapie an­gestrebt. Wie bereits erwähnt, ist es aber wahrscheinlich nur mit Hilfe psychotherapeuti­scher bzw. psychoanalytischer Methoden möglich, solche Phänomene zu erklären.

Flashbacks

In einigen Fällen können Wochen oder Monate, mitunter sogar noch Jahre nach der eigent­lichen Intoxikation sogenannte Rückblenden auftreten, in denen das Erlebte meist in negati­ver Form wiedererlebt wird. Erklärbar ist dieses Phänomen nur mittels psychischer Abwehr­mechanismen, die zwar oberflächlich stark genug sind um ein Erlebnis im Unbewußten zu halten, bei einer Schwächung aber die Episode wieder ins Bewußtsein dringen läßt.

Das Erleben setzt sich nun fort, nicht aufgrund einer anhaltenden pharmakologischen Wirkung des LSD, sondern wegen der emotionalen Besetztheit des freigewordenen unbewußten Materials.[lviii]

Faktoren, die Flashbacks provozieren sind neben der Einnahme anderer psychoaktiver Stoffe wie Alkohol, Marihuana oder Antidepressiva Zustände körperlicher Schwächung wie z.B. an­haltender Schlaf- oder Nahrungsentzug. Stadien physischer Ermüdung, besonders die Peri­oden zwischen Wachen und Schlafen begünstigen weniger dramatische Flashbacks. Be­sonders aber Alltagssitua­tio­nen, in denen ähnliche Elemente vorkommen, wie sie während des LSD-Erlebens aufge­taucht sind (z.B. das Betreten dunkler Räume) können Rückblenden hervorrufen.[lix]

Variablen und Verlauf

Art und Verlauf einer LSD-Intoxikation hängen neben der Dosierung noch von anderen Fak­toren ab, die im wesentlichen in der Persönlichkeit des Probanden begründet liegen. Den­noch kann man die LSD-Intoxikation in gewisse Phasen einteilen.

Set und Setting

Bestimmende außerpharmakologische Faktoren sind die Persönlichkeitsstruktur und geistige Gesundheit. So ist das LSD-Erleben von Psychiatriepatienten deutlich von deren unter­be­wußten Konflikten geprägt. Während bei Menschen mit hysterischer Persönlichkeit sehr schnell Halluzinationen auftreten, erweisen sich etwa Neurotiker als extrem resistent.[lx] Weiters sind die Einstellung zu LSD und die daran geknüpften Erwartungen entscheidend. Ebenso spielen Ziel­setzung (etwa im Rahmen einer Therapie oder eines nichtmedizinischen Selbstversuches) und Kenntnis um die Situation* und nicht zuletzt Fachwissen eine Rolle. All diese Aspekte faßt man unter dem Begriff Erwartungsrahmen oder set zusammen.

Als Einnahmesituation oder setting versteht man die unmittelbare Umgebung und die kon­kreten Umstände, wie sie zur Zeit der Verabreichung vorherrschen.[lxi] Dazu gehören vor allem äußere Umweltreize akustischer und visueller Natur, da sie zum Ausgangsmaterial der Il­lusionen und Halluzinationen werden.

Einteilung in Phasen

Unter Wahrung individueller Unterschiede erscheint folgendes Schema den zeitlichen Verlauf einer LSD-Intoxikation zu beschreiben am zweckmäßigsten:

1.   Somatische Phase: Sie beginnt mit der Verabreichung des LSD. Sie ist gekennzeichnet von vegetativen Symptome und dauert bis zum Einsetzen der vollen Wirkung an.

2.   Perzeptuelle Phase: Pseudohalluzinationen und Wahrnehmungsveränderungen  treten auf.

3.   Psychische Phase: Sie umfaßt den Höhepunkt der Wirkung und dauert zusammen mit der perzeptuellen Phase bis zu acht Stunden. Sie schließt Stimmungsschwankungen von De­pression zu Euphorie, echte Halluzinationen und Auflösung von Zeit und Persönlichkeit ein.

4.   Rekurrente Phase: Das normale Erleben dringt wieder ins Bewußtsein vor.[lxii],[lxiii]

Zusammenfassung

Der Einfluß von LSD äußert sich in massiven Veränderungen von Psyche, aber auch Physis. Zu eindeutig körperlichen Symptomen gehören neben motorischen Fehlleistungen vor allem vegetative Störungen. Wahrnehmungsveränderungen oder Pseudohalluzinationen, die insbe­sondere im visuellen Bereich auftreten, nehmen eine Mittelstellung ein, da sie zwar physio­logisch bedingt, aber von psychischen Faktoren abhängig sind. Psychische Aspekte des LSD-Erlebens differieren bei jedem Individuum. Kennzeichnend sind allerdings dramatische Ver­änderung im Bereich der Zeit und Persönlichkeit, die bis hin zu deren Verschwinden gehen können. Negative Nachwirkungen eines bad trip können Rückblenden darstellen, in welchen mitunter Monate später, das ursprünglich Erlebte wieder unvermittelt ins Bewußtsein rückt. Schließlich können noch außerpharmakologische Variablen den Charakter der LSD-Wirkung vor allem über den Erwartungsrahmen und die Einnahme­situation entscheiden beeinflussen.

Literaturverzeichnis

[1] Topographie des Unbewußten, Stanislav Grof
Klett-Cotta. Stuttgart 1993

[2] LSD-Psychotherapie, Stanislav Grof
Klett-Cotta. Stuttgart 1983

[3] Drogen und Psychopharmaka, Robert M. Julien
Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg, Berlin, Oxford 1997

[4] LSD - Ein Phantastikum aus der Mutterkorngruppe, W.A. Stoll
in: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Nummer 60

[5] Physiological and Genetic Investigations, in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar
PJD Publications Westbury. New York 1975

[6] General Effects of the Use of LSD, in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar
PJD Publications Westbury. New York 1975

[7] Manipulation of Time and Space (R. Fischer), in: LSD a Total Study, D.V. Sivar Sankar
PJD Publications Westbury. New York 1975

[1] Zur Psychopathologie der Lysergsäurediethylamidwirkung, A.M. Becker
in: Wiener Zeitschrift der Nervenheilkunde, Nummer 2


Kapitel 4: Mögliche Wirkmechanismen[GM3] [GM4] 

Schon relativ bald nach Veröffentlichung der endgültigen Strukturformel des LSD fiel die Ahnlichkeit dieser Droge mit dem gerade erst als Neurotransmitter identifizierten Hormon Serotonin auf. Forscher in England und Amerika* sahen einen Zusammenhang zwischen der Wirkung des Serotonins, oder besser gesagt dessen Fehlens, und den für LSD typischen Symptomen, was zur Aufstellung erster Vermutungen und zu einer näheren Untersuchung der LSD-Serotonin Wechselwirkung führte. Da heute nach allgemein anerkannter Auffassung die kritische Wirkung über die Serotoninrezeptoren ausgeübt wird[lxiv], werden auch in den meisten neueren  Veröffentlichungen auf die Serotoninwirkung beschränkte Hypothesen besprochen. Wie später gezeigt werden soll, ist diese Reduktion auf die serotoninerge Komponente der Wirkung von Psychedelika zwar immer noch nicht frei von Ungereimtheiten, aber dennoch ein durchaus brauchbarer Ansatz, um die Drogenwirkung zu erklären

In den über fünfzig Jahren, in denen LSD nun Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen ist, ist es nicht gelungen, schlüssig zu erklären wie es seine Wirkung entfaltet. Es wurden zwar unzählige Vermutungen geäußert, doch gibt es bis heute keine in sich geschlossene, widerspruchsfreie Theorie, die alle Phänomene zu erklären imstande wäre.

Die heute vorliegenden Veröffentlichungen fallen in zwei Gruppen. Die einen können zwar relativ anschaulich und überzeugend erklären wie die halluzinogene Wirkung entstehen könnte, basieren in wesentlichen Teilen aber auf Vermutungen und Spekulationen, die experimentell nicht ausreichend verifiziert werden können. Außerdem bergen sie die Gefahr von nicht zulässigen Simplifikationen in sich, so daß sie zwar als Modelle durchaus tragbar sind, den Ansprüchen, die an eine exakte Erklärung gerichtet werden, aber nicht in allen Punkten gerecht werden können. Die andere Gruppe, und das ist die heutige Tendenz, konzentriert sich auf Forschungen auf molekularer Ebene, und versucht so, geändertes Verhalten infolge der Applikation von LSD bei Labortieren zu erklären. Diese Veröffentlichungen sind aber aufgrund der strengen naturwissenschaftlichen Vorgangsweise nur in der Lage ein einzelnes Phänomen, ein kleines Detail, das womöglich nur unter bestimmten Voraussetzungen auftritt, zu erklären. Obwohl viele einzelne Studien vorliegen, ist es nahezu unmöglich diese alle zu überblicken, um daraus eine gesamte widerspruchsfreie Theorie zu formen. Dieses Versteifen der Forschergruppen auf Details, bei gleichzeitigem Fehlen eines großen Ganzen, deutet für mich auch auf eine gewisse Hilflosigkeit der Wissenschaft bei diesem Thema hin.

Bisherige Überlegungen

Bereits diesen älteren Hypothesen liegt die Annahme zugrunde, daß aufgrund der Strukturverwandtschaft das LSD auf irgendeine Weise mit dem Serotonin im Gehirn interagiert. Man nahm an, daß aufgrund der blockierenden Wirkung von LSD im peripheren Gewebe, auch die zentralnervöse eine inhibierende sein müsse und formulierte eine Theorie, gemäß der LSD psychotische Zustände auslöse. Daß die Serotoninblockade aber keinesfalls der Grund für die Wirkung des LSD sein konnte, zeigten die Experimente mit Brom-LSD (BOL), einem LSD-Molekül, dem ein einzelnes Brom-Atom angehängt wurde. Brom-LSD ist nämlich in Gewebsproben nicht von normalem LSD zu unterscheiden, hat aber keine halluzinogenen Effekte. Der Grund dafür könnte vielleicht in der mangelnden Affinität von Brom-LSD für die Serotoninrezeptorsubtypen im Gehirn liegen; verläßliche Arbeiten zu diesem Thema liegen allerdings nicht vor. Diese Entdeckung machte jedenfalls auf dramatische Weise klar, wie unzulässig der Schluß von Periphere auf Gehirn ist, so daß die in anfänglicher Euphorie veröffentlichten Erklärungen beträchtlich modifiziert werden mußten.

Praesynaptische Hypothese

Dieser Hypothese liegen erstmals Untersuchungen am Gehirn selbst zugrunde. Bei Verabreichung von LSD wurde dabei ein um ca. 24 % erhöhter Serotoninspiegel festgestellt während Brom-LSD nicht in der Lage war, Anderungen herbeizuführen. Gleichzeitig sank die Konzentration des Serotoninabbauproduktes 5-HIAA, was auf eine Hemmung der serotoninergen Neurotransmission hindeutet. Bei Versuchen mit narkotisierten Ratten konnte dann gezeigt werden, daß nach einer LSD-Injektion im Bereich der Raphe Nuclei tatsächlich die Serotoninneuronen, und nur diese, ihr sonst periodisches Feuern stoppen. Als Wirkmechanismus wurde eine Blockade der Serotoninneuronen direkt am Zellkörper oder Axon angenommen. Das würde die geringere Menge des Metaboliten und die höhere Konzentration des Botenstoffes, der sich infolge der Blockade innerhalb des Neurons angesammelt hätte, erklären.[lxv]

Leider hat diese Hypothese einige gewichtige Nachteile. Wenn nämlich LSD seine Wirkung ausschließlich praesynaptisch entfalten würde, dann dürften keine Effekte feststellbar sein, wenn die Serotoninneuronen vorher zerstört worden sind (Depletion). Genau das Gegenteil ist aber der Fall, wie im Tierversuch gezeigt wurde. Ebenfalls gegen die praesynaptische Hypothese spricht, daß viele LSD-induzierte Verhaltensweisen die Hemmung der Serotoninneuronen überdauern und die gedämpfte Aktivität der Neuronen auch dann noch nachweisbar ist, wenn infolge einer Toleranzentwicklung überhaupt kein Effekt mehr beobachtet werden kann.

Postsynaptische Hypothese

Diese Hypothese klärt einige der entstanden Ungereimtheiten. Wenn LSD nämlich auch über postsynaptische Rezeptoren wirkt, stellt ein Zerstören der serotoninergen Neuronen keinen Widerspruch mehr dar. In einem solchen Fall, bilden sich nämlich auf den Dendriten des nachgeschalteten Neurons vermehrt Rezeptoren (Proliferation), die zudem empfindlicher für Serotonin sind, quasi um einen Ausgleich herzustellen. Auch die Toleranzerscheinungen sind mit dieser Hypothese erklärbar, da bei häufiger Verabreichung von LSD aufgrund des Überangebotes die Zahl der Rezeptoren automatisch sinkt, was auch durch Studien mit radioaktiv markierten Partikeln bewiesen werden konnte.

LSD und Traum

Die Überlegung, daß die Effekte des LSD mit traumhaften Erleben in Verbindung stehen, wurde 1979 publiziert und stellt, da die Vermutungen auch experimentell untermauert werden konnten, einen überaus spannenden Aspekt der LSD-Forschung dar.

Das Serotoninsystem mit seinen vielen Verzweigungen ist geradezu prädestiniert dafür, Schlaf und Wachheit zu steuern. So wirken diese periodisch feuernden Neuronen auch als eine Art Regler des Wachheitsgrades. Gerade diese Periodizität vermag aber in beide Richtungen verändert zu werden. Eine Modulierung nach oben hat gesteigerte Aufmerksamkeit zur Folge, während eine Depression der Neuronen mit den verschiedenen Schlafphasen einher geht. Wenn die Neuronen ganz zu feuern aufgehört haben, befindet sich das Individuum im REM‑Schlaf, jener Phase in der Träume entstehen und Unbewußtes ins Bewußtsein aufsteigt.

Eine spezielle Apparatur, die die Entladungen einzelner Neuronen über längere Zeit auf­zeichnet und auch an wachen und ansonsten sich frei bewegenden Tieren angebracht werden kann, wurde herangezogen, um zuerst diese Korrelation von Schlaf und Feuern der serotoninergen Neuronen zu verifizieren. Anschließend wurde den Versuchstieren LSD appliziert und wiederum die Neuronentätigkeit aufgezeichnet. Es konnte gezeigt werden, daß LSD ähnliche Muster im Feuern der Neuronen bewirkt, wie sie in der REM-Phase auftreten. Beginn und Höhepunkt der Drogen­wirkung stimmten dabei weitgehend mit der neuronalen Anderung überein.[lxvi] Das Stoppen des Feuerns der Serotonin­neuronen setzt sofort nach Applikation der Droge ein und erreicht nach etwa einer Stunde den Tiefstwert mit ca. 20-25% der ursprünglichen Stärke. Dann setzt das Feuern wieder langsam ein. Der Ausgangszustand ist nach frühe­stens sechs bis acht Stunden wieder hergestellt - zu diesem Zeitpunkt sind die Symptome der LSD-Wirkung aber immer noch feststellbar. Die folgenden beiden Fragen können dadurch aber dennoch nicht beantwortet werden:

1.   Warum die LSD-induzierte Depression der serotoninergen Neuronen im Schnitt nur sechs Stunden dauert, die Verhaltensänderungen bei den Versuchstieren aber bedeutend länger.

2.   Warum eine erneute Gabe von LSD zwar die gleichen Effekt auf die serotoninergen Neuronen ausübt, aber keine Verhaltensänderung zur Folge hat.

Die postsynaptische Hypothese bietet auch hier einleuchtende Erklärungsansätze. Wenn das Serotoninsystem nur als Auslöser fungiert und die eigentliche Wirkung erst an den nachgeschalteten Neuronen zum Tragen kommt, bedeutet die Aufhebung der Blockade an den Serotoninneuronen nur, daß der Botenstoff wieder ausgeschüttet werden kann und sich das Gleichgewicht an den einzelnen Rezeptoren wieder herstellen kann. Erst ab diesem Zeitpunkt wäre also ein echtes Abklingen der Drogenwirkung zu erwarten. Auch die verhältnismäßig lange Zeitspanne, die zwischen dem Ende dieser Blockade und dem völligen Aussetzten der Symptome, kann erklärt werden, wenn man bedenkt, daß LSD ein hochaffiner Stoff ist, dessen Verdrängen von den postsynaptischen Rezeptoren durch den körpereigenen Neurotransmitter einige Zeit dauern kann, bis das ursprüngliche Gleichgewicht wieder hergestellt ist. Auch das Phänomen Toleranz kann mit der postsynaptischen Hypothese gut verstanden werden, da infolge des hochpotenten LSD die Sensibilität der postsynatischen Neuronen schnell und stark herabgesetzt wird.* Nach einigen Tagen ohne LSD-Gabe verliert sich diese Toleranz aber ebenso rasch wieder.

Dieses Modell kann auch dahin erweitert werden, daß man die Rolle des Serotoninsystems als Umschaltstelle für eingehende Reize genauer beleuchtet. In jedem Fall bewirkt nämlich die Aufhebung der inhibitatorischen Serotoninnetzwerke ein Einströmen verschiedenster Ein­drücke, wie sie unter "gewöhnlichen" Umständen selten oder nie auftreten, da sie die ver­schiedenen physiologischen und psychischen Filterinstanzen hier nicht passieren können.

Eine der spekulativen Vorstellungen über Art und Weise, wie Halluzinogene die eindrucksvolle Anderung von Stimmung, Wahrnehmung und Denken bewirken, ist die, daß die Raphe [Mittellinie] der Brückenregion im Hirnstamm, ein Hauptzentrum der Serotoninaktivität im Gehirn, gleichsam als Filterinstanz für einströmende sensorische Stimuli dient. Sie durchmustert die Flut der Empfindungen und Wahrnehmungen und unterdrückt solche, die unwichtig, belanglos oder stets wiederkehrend sind. Eine Droge wie LSD kann diesen Auswahlvorgang beeinträchtigen, so daß eine Menge sensorischer Information ins Bewußtsein dringt und die neuronalen Schaltkreise im Gehirn überlädt. Deshabituation, also der Zustand, in dem das eigentlich vertraute völlig neuartig erscheint, ist eine typische LSD-Wirkung. Auch sie kann dadurch verursacht werden, daß über eine Hemmung der Raphe-Aktivität die sensorischen Schranken durchlässiger werden.[lxvii]

Verblüffenderweise entspricht dieses Zitat, das einer neuen Publikation entnommene wurde, im wesentlichen jener Erklärung, die der britische Philosoph und Schriftsteller Aldous Huxley in seinem berühmten Essay "Die Pforten der Wahrnehmung" bereits in den 50er Jahren allein aufgrund seiner Selbsterfahrungen abgegeben hatte.* Das hier vorgestellte Modell, ist im Grunde das einzige, das die LSD-Wirkung einheitlich erklären kann. Es ist zwar nicht imstande innerzelluläre und innerneuronale Vorgänge zu beschreiben, bietet dafür aber sowohl Erklärungsansätze für die veränderte Wahrnehmung als auch für das Auftreten von unbewußten Erlebnisinhalten ins Bewußtsein, ein Vorgang der vor allem in der LSD unterstützten Psychotherapie zum Tragen kommt. Abschließend kann gesagt werden, daß diese Theorie tatsächlich wichtige Punkte des psychedelischen Erlebens schlüssig zu erklären vermag.

Aktueller Forschungsstand

In diesem Abschnitt werden vor allem einzelne, teilweise widersprüchliche Experimente beschrieben und kurz die Möglichkeiten erörtert, wie sie sich in das Bild einer einheitlichen Theorie fügen würden.[GM5] 

Beteiligte Rezeptoren

Um zu bestimmen an welche Rezeptoren und mit welcher Affinität LSD und andere Psychedelika binden, bedient man sich einer Technik, die in der Literatur als Receptor-Binding-Assay bezeichnet wird. Dabei wird ein für einen bestimmten Rezeptor als Inhibitor definierter Stoff radioaktiv markiert und verabreicht. Nach einiger Zeit, in der die Liganden an die Rezeptorkomplexe binden, kann die Radioaktivität der gebundenen Moleküle gemessen werden. Nun wird die zu untersuchende Substanz appliziert und die nun festellbare Radioaktivität in einem Diagramm gegen die Konzentration des neuen Liganden aufgetragen. Jene Konzentration, die nötig ist, um die Hälfte der radioaktiven Inhibitormoleküle von ihren Bindestellen zu verdrängen, ist charakteristisch für eine Substanz und wird durch den sogenannten K‑Wert angegeben.

Substanz

Potenz [mg]**

ED 50*** [mg/kg]

KI-Wert [nM]

1

LSD (+)

0,1

0,05

2,5

2

DOB (-)

0,5

0,1

60

3

DOM (-)

1,75

0,21

60

4

N-Me DOM (+)

-

1,22

390

5

TMA (+) - 2 ,4 ,5

20

3,59

1.650

6

PMA

nicht halluzinogen

-

33.600

                      Tabelle 5: Pharmakologische Werte ausgewählter Substanzen[lxviii]

In einer im Jahr 1984 durchgeführten Messung, bei der [3H]Ketanserin* als Inhibitor für den 5-HT2 Rezeptor verwendet wurde, fand man einen engen Zusammenhang zwischen der Affinität von Psychedelika für diese Bindestelle, und ihrer halluzinogenen Potenz. [lxix]

Die tatsächlichen Ergebnisse liegen mit hoher Korrelation (r = 0,924) um den gezeichneten Graphen. Ein großer Wert auf der Abszisse bedeutet, daß eine geringe Menge des Stoffes für eine halluzinogene Wirkung genügt (hohe Potenz). Ein hoher Wert auf der Ordinate weist auf eine hohe Affinität (kleiner KI -Wert) für 5-HT2 Rezeptoren hin. LSD kommt in diesem Graphen ganz rechts oben zu liegen, da es affiner und potenter als jeder andere bekannte Stoff ist. Nicht­halluzinogene Stoffe wie PMA erreichen so negative Werte, daß sie gar nicht mehr dargestellt werden können.

In der Tat scheint also die außer­ge­wöhnlich hohe Affinität des LSD für 5-HT2 Rezeptoren ein Schlüssel für den Wirkmechanismus zu sein, so daß die Folge dieser Studie sein könnte, die LSD-Wirkung auf diesen Re­zeptorsubtyp zu reduzieren. Dem ent­gegen steht, daß in dieser Veröffent­lichung nur die 5-HT1 und 5-HT2 Sub­typen untersucht wurden, und inner­halb der Klassen keine Unterschei­dungen vorgenommen wurden. Außerdem kann man  Zweifel an der ausschließlichen Affinität des Inhibi­tors für 5-HT2 hegen. Es wäre also durchaus möglich, daß LSD auch an andere Rezeptoren, wie etwa den 5‑HT1C Rezeptor bindet, was aber in diesem Versuch nicht als eigene Bindestelle identifiziert hätte werden können. Auch muß man sich vor Augen halten, daß eine Bindestelle nicht gleichbedeutend mit einem Rezeptor sein muß, da auch Enzyme und Proteine die Liganden aufnehmen können.

Das Serotoninsyndrom

Eine grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, daß bei vielen LSD-Forschungsreihen Tierversuche durchgeführt werden müssen und somit das Auftreten von Halluzinationen nicht mehr gesichert bestimmt werden kann.  Es existieren allerdings eine Reihe von verschiedenen Verhaltensweisen die bei den Versuchstieren (meist Katzen) nur dann auftreten, wenn ihnen Serotonin oder bestimmte verwandte Substanzen verabreicht werden. Neben allgemeinen Anzeichen von Unruhe und Verwirrung wird vor allem ein abnorm häufiges Putzen der Pfoten (limb flick) beobachtet. Serotoninerge Psychedelika wie LSD, aber auch DOM lösen dieses Syndrom ebenfalls aus, während cannabinoide Stoffe wie THC** oder ausschließlich dopaminerge Substanzen keine Wirkung zeigen. Die Anzahl der limb flicks kann auch quantitativ zur Bestimmung der Potenz des Psychedelikums herangezogen werden, wobei bei Applikation von LSD die höchsten Werte gemessen wurden.[lxx]

Wie dieses Syndrom auf molekularer Ebene zu erklären ist, ist noch nicht vollständig geklärt. Es tritt auch bei Tieren auf, deren serotoninerge Neuronen durch Neurotoxine (Nervengifte) zerstört worden sind (meist sogar verstärkt), so daß man eine postsynaptische Wirkung folgern muß. Die Tatsache, daß bei einer vorherigen Inhibition der Serotoninsynthese ebenfalls die Verhaltenseffekt verstärkt werden, ließe sich damit erklären, daß an bestimmten Subtypen durch das fehlende Serotonin nun Bindestellen LSD frei werden. Die Blockierung dieses Syndroms durch Serotonin-Antagonisten mußte sich eines ähnlichen Mechanismus bedienen. Warum aber ausgerechnet die weniger affinen Antagonistenmoleküle die hochaffinen Psychedelika von den Rezeptoren verdrängen sollten, kann nicht schlüssig gezeigt werden. Zweifel, ob das Serotoninsyndrom auch wirklich nur mit halluzinogenem Erleben in Zusammenhang steht sind bei solchen Untersuchungen aber stets in Betracht zu ziehen.[lxxi],[lxxii]

Diskriminationsexperimente

Dieser Art von Versuchen werden benutzt, um die Gemeinsamkeiten oder Unterschiede von bestimmten Substanzen zu bestimmen. Dabei wird Labortieren (meist Ratten) eine bestimmte Verhaltensweise, zum Beispiel das Drücken eines Hebels, um Futter zu erhalten antrainiert. Anschließend wird den Tieren die training drug verabreicht, die im Falle eines Halluzinogens eine etwa 20minütige Pause im Drücken des Hebels bewirkt. Wird aber eine Salzlösung appliziert bleibt diese halluzinogene Pause aus, das Tier kann also diese beiden Stoffe unterscheiden. Jetzt wird je eine der training drug ähnliche Substanz gegeben; aufgrund der Reaktion im Verhalten können infolge der unterschiedlichen Spezifitäten der Anfangssubstanzen Rückschlüsse auf gemeinsame Wirkmechanismen gewonnen werden.[lxxiii],[lxxiv]

Training Drug

Testsubstanz

Antwort

5-HT  Agonist

LSD, DOM, .

positiv

5-HT2 Agonist

LSD, DOM, .

positiv

LSD

nichtselektive 5-HT Agonisten

positiv

LSD

THC

negativ

                        Tabelle 6: Generaliserungseffekt zwischen verschiedenen Halluzinogenen

Die in Tabelle 6 aufgeführten Ergebnisse entsprechen also auch im wesentlichen den andern in diesem Kapitel beschrieben Erkenntnissen.

Agonist oder Antagonist

Eine sehr kontroversielle Frage ist, ob LSD als Agonist oder Antagonist an den Serotoninrezeptoren wirkt. Daß eine rein antagonistische Wirkung eher unwahrscheinlich ist, zeigen ja bereits die Erkenntnisse mit Brom-LSD, dennoch scheinen einige Punkte, wie z.B. die Depression der Serotoninneuronen nur mit einer blockierenden Wirkung erklärbar. Eine Untersuchung aus dem Jahre 1990 versuchte diese Widersprüche zu klären und kam zu dem Schluß LSD müsse als partieller Agonist wirken, was in manchen Fällen die antagonistische Reaktion erklären könnte.[lxxv] Es wurden dabei verschiedene, bereits bekannte 5-HT2 induzierte Ereignisse nochmals im Tierversuch nachvollzogen, um die These des partiellen Agonismus testen zu können. Es ergaben sich dabei folgende pharmakologische Erkenntnisse:

1.   Der Agonismus des LSD ist nur etwa 25% so stark wie der des Serotonins. Dieser Wert stimmt sehr gut mit der maximalen Depression der serotoninergen Neuronen überein. Zu bedenken ist allerdings, daß bei dieser Depression eher Autorezeptoren und nicht 5-HT2 Rezeptoren beteiligt sind, was gegen eine nur einen Subtyp umfassende Theorie spricht (siehe auch Error! Reference source not found.). Außerdem besitzt LSD die Fähigkeit alle als durch 5-HT2 Agonisten induzierbaren klassifizierten Ereignisse zu inhibieren.

2.   Trotz seiner geringeren Effektivität ist LSD einige hundert Mal potenter als Serotonin, was bedeutet daß LSD mit einer ungleich höhereren Affinität und somit größeren Nachhaltigkeit an die kritischen Rezeptoren binden muß.

3.   LSD ist eine schwach-selektive Substanz, die an alle Serotoninrezeptoren bindet, aber nur an einigen Subtypen signifikante Wirkungen entfaltet. Fehlt ein weiterer Agonist, scheint LSD als Agonist zu wirken, ist aber ein Agonist mit höherer Effektivität vorhanden, scheint die Wirkung antagonistisch zu sein.[lxxvi]

Wie bei allen Forschungen, die auf Tierversuchen und Ergebnissen auf molekularer Ebene basieren, ist auch hier große Vorsicht geboten, wenn es daran geht halluzinogene Effekte zu erklären. Es gibt kein gültiges Mittel, um festzustellen ob die LSD-Wirkung bei Tieren mit jener beim Menschen überhaupt vergleichbar ist. So könnte es auch sein, daß nur vegetative Symptome oder Nebenwirkungen untersucht worden sind, die mit den psychedelischen Effekten nichts zu tun haben. Diese Untersuchung zeigt vor allem, daß allem Anschein nach mehrere Subtypen beteiligt sind und die Serotonin-LSD Wechselwirkung zu komplex ist, um sie mit den heutigen Mitteln gänzlich zu erfassen.

Modulierung der Wirkung

Durch eine vorangehende oder nachfolgende Gabe verschiedener Psychopharmaka kann die Art der LSD-Wirkung beeinflußt werden. Die meisten dieser Erkenntnisse stammen aber aus Tierversuchen, so daß man keine verläßlichen Angaben über die Qualität der Anderung geben kann. Nur die Neuroleptika werden gelegentlich bei Menschen angewandt, um sogenannte bad trips infolge einer LSD-Intoxikation abzuschwächen.

1.   Verstärkend wirken Stoffe die eine zusätzliche Blockade am serotoninergen Zellkörper auslösen und/oder die Synthese hemmen. Der Wirkmechanismus beruht wahrscheinlich auf einer erhöhten Verfügbarkeit von jenen Rezeptor-Subtypen, an die LSD bevorzugt bindet. Auch das Fehlen von Schlaf verstärkt im allgemeinen die Wirkungen. Welcher Mechanismus diesem Phänomen zugrunde liegt ist aber nicht bekannt.

2.   Hemmend wirken alle Serotoninantagonisten, besonders 5-HT2 Antagonisten. Sie besetzen die Bindestellen, so daß weniger LSD-Moleküle binden können. Auch eine hohe Menge von MAO-Hemmern setzt die Drogenwirkung merklich herab und kann bei entsprechend langer Vorbehandlung nahezu zur Immunität gegenüber LSD-Wirkungen führen. Ausführlich untersucht wurde dieses Phänomen anhand des Antidepressivums Niamid.[lxxvii]

Zusammenfassung

LSD und verwandte Stoffe wirken wahrscheinlich über die Rezeptoren des Neurotransmitters Serotonin und entfalten ihre Wirkung postsynaptisch. Das Serotoninsystem dient dabei nur als Auslöser und setzt Prozeße in vielen unterschiedlichen Gehirnarealen in Gang. Die Erklärung der LSD-Wirkung auf molekularer Ebene ist problematisch, da sie nur in Tierversuchen über­prüfbar und in der Regel sehr speziell ist. Hieraus gewonnene Erkenntnisse beschränken sich auf die Korrelation zwischen Affinität und Potenz an den Serotoninrezeptoren, sowie Wirkungen einzelner Rezeptorsubtypen und Versuchen mit radioaktiv markierten Stoffen. Eine um­faßende Erklärung vermag das Modell von LSD und Traum zu geben, in welchem der Zustand der LSD-Wirkung mit den REM-Phasen verglichen wird. Allerdings muß darauf hingewiesen werden, daß es gegen diese Gleichsetzung Vorbehalte gibt, die sich vor allem auf Unterschiede im EEG beziehen. Dennoch können auch Übereinstimmungen im Experiment gezeigt werden. Durch die Hemmung ansonsten aktiver Auswahlmechanis­men steigert sich die Menge der eingehenden Reize enorm, so daß diese nicht mehr normal verarbeitet werden können, und es zu einer Art Tagtraum kommt. Schwachpunkte solcher Überlegungen liegen vor allem in der Beweisbarkeit. Auch auf die Beteiligung der einzelnen Rezeptorsubtyopen kann noch keine zufriedenstellende Antwort gegeben werden. Als Modellvorstellung ist diese Hypothese aber durchaus haltbar und auch einleuchtend. Nachfolgend seien noch die vorkommenden pharmakologischen Fachbegriffe erläutert:

Agonismus bedeutet, daß eine Substanz sich an einen Rezeptor bindet und dort Wirkungen hervorruft, die mit denen des körpereigenen Liganden (meistens eines Neurotransmitters) vergleichbar ist. Ist die Wirkung zwar von der gleichen Qualität, jedoch signifikant schwächer, so spricht man von partiellem Agonismus. Bindet eine Substanz zwar an den Rezeptor, hat aber keine Wirkung zur Folge, spricht man von Antagonismus.

Potenz gibt das Verhältnis von Dosis und (meßbarer) Wirkung eines bestimmten Stoffes an. Je geringer die Menge ist, um eine bestimmte Reaktion hervorzurufen, desto höher ist die Potenz. Ein gebräuchliches Maß zur Festlegung der Potenz ist die ED50, jene Menge, bei der die Hälfte einer Population Wirkung zeigt.  Der Begriff der Potenz sagt aber nichts über die Art der Wechselwirkung des betreffenden Stoffes mit Rezeptoren im Gehirn oder Peripherie aus.

Affinität gibt an, wie stark ein Ligand an einen bestimmten Rezeptor(subtyp) bindet. Ein Maß für die Stärke dieser Bindung ist der KI -Wert. Die Affinität gibt nur dann über die Wirkung Auskunft, wenn sie, wie bei den hier besprochenen Substanzen, mit der Potenz korreliert. 

Spezifität gibt an, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Ligand an einen bestimmten Rezeptor bindet. Bei schwach-spezifischen Substanzen ist die Spezifität, nicht aber damit auch die Effektivität, für jeden Subtyp annähernd gleich.

Effektivität ist ein Maß für die Reaktion, welche ein Ligand an einem Rezeporkomplex hervor­ruft. Wird die Wirkung des körpereigenen Liganden übertroffen, spricht man von Agonismus, wird sie unterschritten, von einem Antagonismus. Als partiellen Agonist bzw. Antagonisten be­zeichnet man Stoffe, die am Rezepor gebundnen, nur schwach agonistisch bzw. antagonistisch wirken, jedoch wirksamerer (effektivere) Stoffe aufgrund ihrer höheren Affinität verdrängen.[lxxviii]

Literaturverzeichnis

[1] Drogen und Psychopharmaka, Robert M. Julien
Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg, Berlin, Oxford 1997

[2] Mechanisms of Action of LSD, Barry L. Jacobs
in: American Scientist, Volume 67

[3] How Hallucinogenic Drugs Works, Barry L. Jacobs
in: American Scientist, Volume 75

[4] Evidence for 5-HT2 Involvement in Action of Hallucinogens, Richard A. Glennon
in: Life Sciences, Volume 35

[5] Do Classical Hallucinogens Act As 5-HT2 Agonists, Richard A. Glennon
in: Neuropsyhopharmacology, Volume 3, Nr. 5/6

[1] Topographie des Unbewußten, Stanislav Grof
Klett-Cotta. Stuttgart 1993


Kapitel 5: Die LSD-Psychotherapie

Der Einsatz von LSD in der psychiatrischen Praxis wurde bereits in den ersten Publikationen erwogen. Jedoch wurde in den wenigsten Fällen den besonderen Eigenschaften dieser Sub­stanz Rechnung getragen, bestand die "Therapie" doch nur aus der bloßen Verabreichung von LSD, ohne begleitende oder vorbereitende psychotherapeutische Sitzungen. Die Forschungen konzen­trierten sich dabei fast ausschließlich auf schizophrene Patienten, da man an einen Zu­sammenhang zwischen LSD-Intoxikation und Schizophrenie glaubte. Bedenkt man, wie schwierig es ist, korrekte Diagnosen, schizoide Störungen betreffend, abzugeben, erscheinen Protokolle wie folgendes aus einer Untersuchungsreihe von F. Jost et.al. mehr als bedenklich:

Fall 9 (Prot.-Nr. 569): 39jährige Hausfrau. Diagnose: Chronische Schizophrenie. Therapie: Zwei LSD‑Applikationen; anschließend mehrere Elektroschocks: keine Wirkung

Tatsächlich kann man solche Behandlungsweisen allenthalben als Schocktherapie, ähnlich wie etwa Elektro- oder Insulinschockkur bezeichnen, und waren daher auch ähnlich wirkungs­los. Von einer Psychotherapie kann in der Anfangsphase der LSD-Forschung daher nicht die Rede sein. Erst in den 60er Jahren wurden geeignete Behandlungsformen gefunden, die auch psycho­therapeutischen Ansprüchen genügten und somit mehr Hoffnung auf Erfolg zuließen.

Formen

Gemeinsam ist den ernstzunehmenden Formen der LSD-Psychotherapie, daß LSD nicht mehr als Pharmakon*, das ohne Zutun und per se wirkt, gesehen wird, sondern als Hilfsmittel im Verlauf eines therapeutischen Prozesses. Als Pioniere auf diesem neuen Gebiet der Psychiatrie wirkten Persönlichkeiten wie Humphrey Osmond, Hans Carl Leuner oder Stanislav Grof. Auf ihren Arbeiten und Ergebnissen beruht auch dieses Kapitel.

Psycholytische Therapie: Die Grundlage dieser Form basiert auf den Kernaussagen der Freudschen Theorie der Psychoanalyse. Die Therapie besteht fast ausschließlich aus LSD‑Sitzungen im zeit­lichen Abstand von etwa jeweils Woche. Die Dosierung ist allerdings eher niedrig gehalten. Der therapeutische Prozeß ähnelt im wesentlichen der klassischen Psychoanalyse, mit dem Unter­schied, daß traumatische Kindheitserlebnisse vollständig und systematisch wiedererlebt werden. Dadurch kommt es viel schneller zu Resultaten.** Die Be­sonderheiten der LSD‑Wirkung brin­gen jedoch mit sich, daß eine viel direktere Beziehung zwischen Patient und Therapeut als sie sonst in der Psychoanalyse erlaubt ist, notwendig wird. Grundlegendes Problem bei dieser Form ist aber, daß nicht alle auftretenden Phäno­mene mit Freudschen Mitteln erklärt werden kön­nen, und deren Dimensionen sprengen, ins­besondere wenn es sich um transpersonale Erlebnisse oder transzendentale Zustände handelt, die das psychoanalytische System nicht zuläßt.[lxxix]

Anaklitische Therapie: Ist eine Erweiterung der psycholytischen Therapie, in der die Distan­zier­ung zwischen Patient und Therapeut aufgehoben wird, und insbesondere auch Körper­kontakt in dramatischen Phasen der LSD-Wirkung gestattet wird. Diese Therapieform basiert auf der Überlegung, rückwirkend in Kindheitserlebnisse einzugreifen und diese, nach­dem sie nacherlebt wurden, positiv aufzulösen. Die Dosierung entspricht in etwa der, die in der psycholytischen Therapie angewandt wird. Der theoretische Rahmen wird dabei auch um archetypische und mystische Elemente ausgebaut. Meist stehen diese Elemente mit Bildern des Verschmelzens und Einsseins in Zusammenhang, daher auch die synonyme Bezeichnung Fusionstechnik.[lxxx]

Psychedelische Therapie: Diese Technik unterscheidet sich von beiden oben genannten inso­fern, als daß in ihr psychopathologische oder -analytische Aspekte nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die Therapie besteht meist nur aus einer einzigen, höchstens zwei oder drei Sitzungen, in denen eine sehr hohe Dosis verabreicht wird.* Ziel ist es, ein psychedelisches Gipfelerlebnis beim Patienten zu erzielen, das sich als therapeutisch sehr wirksam erwiesen hat. Dementsprechend spielen ästhetische, spirituelle und mystische Aspekte, verschiedener geistiger Orientierungen eine entscheidende Rolle. Im Gegensatz zur psycholytischen Therapie wird nicht versucht unbewußte Strukturen kontinuierlich zu verändern, um so eine tiefgreifenden Heilung zu erreichen, sondern in einer relativ kurzen Zeit einen radikalen Wandel zu vollziehen. Allerdings ist das Verständnis der zugrundeliegenden Mechanismen minimal, so daß die "Alles-oder-nichts"-Philosophie[lxxxi] der psychedelischen Therapie trotz ihrer großen Erfolge oft kritisiert wird. Die Anwendung dieser Therapie blieb vor allem auf Amerika konzentriert, allerdings sorgten auch hier nicht-medizinische LSD-Selbstversuche, die u.a. von Timothey Leary initiiert wurden, und mit psychedelisch bezeichnet wurden, da­für, daß diese Art der Therapie teils zu Unrecht in Verruf kam.[lxxxii]

Daneben gibt es auch andere Formen, wie etwa die hypnodelische Therapie, in der Hypnose­techniken zum Einsatz kommen, oder die Gruppentherapie. Diese Formen sind entweder zu speziell oder mit gravierenden Mängeln behaftet, so daß sie nicht von großer Bedeutung sind.

Grundlagen

Spannend ist nun, wie die in einer LSD-Sitzung auftretenden Phänomene mittels einer Theorie** in einen sinnvollen Kontext gebracht werden können. Selbstverständlich ist es illusorisch zu glauben, diese komplexen Mechanismen auf wenigen Seiten erläutern zu können. Daher möchte ich mich auf eine relativ oberflächliche Beschreibung beschränken, auch um den Schwerpunkt auf den naturwissenschaftlichen Aspekten zu belassen. Für tiefer­gehende Studien sei auf die Veröffentlichungen S. Grofs verwiesen, die einen Großteil des Spektrum psycho­therapeutischer und allgemeiner LSD-Forschung abdecken.

Das Erleben unter LSD-Einfluß kann in verschiedene Schichten eingeteilt werden. Diese Schichten werden nacheinander im Verlaufe der Therapie in den einzelnen Sitzungen durch­laufen, wobei die Abfolge bei entsprechend hoher Dosierung und Persönlichkeit des Patienten teilweise aber auch schon in einer einzigen Sitzung erfolgen kann.

Abstrakte und ästhetische Erfahrungen bilden die oberflächlichste Schicht. Sie entsprechen den schon in Kapitel 3 beschriebenen Wahrnehmungsveränderungen. Ein literarisches Exempel für eine Sitzung die zum Großteil unter dem Einfluß dieser Schicht steht, ist die Be­schreibung von Aldous Huxleys Selbstversuch mit Mescalin, die unter dem Titel Die Pforten der Wahr­nehmung publiziert wurde.

Psychodynamische Erfahrungen manifestieren sich als traumähnliches Erleben traumatischer Episoden, die in der Persönlichkeit des Patienten bedingt sind. Man kann diese Beobachtun­gen mit der klassischen Psychoanalyse erklären, ja sie sogar als "Laboratoriumsbeweis der Grund­prämissen Freuds"[lxxxiii] betrachten. Darüberhinausgehendes kann man mit spezifischen Erinner­ungskonstellationen des Patienten erklären. Grof führt dafür den Begriff der COEX‑Systeme* ein. Ein solches System entsteht durch eine erste Erfahrung, die Kerner­fahrung. Je nachdem ob diese Erfahrung traumatischer oder lustvoller Art ist, spricht man auch von positiven oder negativen Systemen. Ahnliche Erfahrungen, Gefühle oder Asso­ziationen, auch wenn sie weit hergeholt sind, werden nun in diesem System gespeichert, das Quelle einer Vielzahl symbolischer Metaphern ist. Solche Systeme sind stark emotionell be­laden, da sie die Summe aller Emotionen eines bestimmten Typs darstellen. Grof schätzt die Ge­­samtzahl dieser Systeme auf 20 bis 30, von denen allerdings die Mehrzahl negativ ist.[lxxxiv]

COEX-Systeme sind nicht notwendigerweise auf LSD‑Wirkung beschränkt, treten dann aber besonders leicht zutage. Steht nun ein solches System verdichteten Erlebens im Mittelpunkt, wird alles unter seinem Einfluß wahrgenommen. Das heißt, bei geöffneten Augen verändert sich die Wahr­nehmung im Sinne des Systems, während bei geschlossenen Augen Szenen nacherlebt werden. Meist erfolgt dabei die Regression in die Kindheit, da die Erinnerungen auch aus späteren Lebensab­schnitten oft auf Kernerfahrungen aus der Kindheit zurückgehen.[lxxxv]

In der LSD-Psychotherapie ist es wichtig, das Erleben solcher Systeme gut aufzulösen, da der Patient anderenfalls auch nach Nachlassen der Wirkung noch unter deren Einfluß steht. Laut Grof sind unaufgelöste Erlebnisse auch der Grund für spätere Flashbacks (siehe Seite 20). Er führt auch in einigen bemerkenswerten Fallbeispielen eindeutig daraus resultierende, teils dra­matische, psychosomatische Symptome an.[lxxxvi] 

Perinatale** Erfahrungen bilden die nächst tiefere Schicht des Unbewußten und übersteigen die klassische Psychoanalyse, so daß mit Freudschen Methoden keine Deutung möglich ist. Statt dessen bieten die Theorien Otto Ranks eine, welche die Bedeutung der Geburt hervor­heben, Anhaltspunkte. Auch Erscheinungen auf dieser Ebene lassen sich in Systeme einteilen, hier sind es vier perinatalen Grundmatrizen (PM I-IV). Es sind dies, ebenso wie die COEX‑System, hypothetische dynamische Steuerungsmechanismen, die sowohl geistige als auch körperliche Elemente aufweisen. Ein tatsächlicher Zusammenhang mit der Geburt muß zwar nicht gegeben sein, jedoch weist jede Matrix Ahnlichkeit mit je einem Stadium der biologischen Geburt auf.[lxxxvii]

In PM I steht die Erfahrung der Einheit mit der Mutter im Mittelpunkt, das biologische Ge­gen­stück ist also die intrauterine Existenz. Die Erfahrungen können entweder positiver Art sein oder, wenn die pränatale Existenz gestört wurde, negativer Art. Häufige Assoziationen sind Ozeane, Meere, Paradiese im ersten, bösartige Dämonen, Schmutz und Ekel im zweiten Fall. PM II repräsentiert das Einsetzten von Uteruskontraktionen, ohne daß die Geburt schon un­mittelbar bevorsteht. Korrespondierende Gefühle sind physisches und psychisches Leid, das Wissen um Ausweglosigkeit und Sinnlosigkeit der Situation. Assoziationen sind etwa die Leiden des Tantalos, Sisyphos, Prometheus oder Ixion. Im Gegensatz zu dieser Passivität ist die PM III aktiv. Die biologische Situation entspricht der Vorwärtsbewegung durch den Ge­burtskanal. Die Leiden intensivieren sich. Visionen von grausamen Schlachten und Blut­opfern repräsen­tieren die aktiven Elemente. Zunehmend manifestiert sich auch eine eksta­tische und sexuelle Komponente. PM IV bedeutet schließlich die Trennung von der Mutter. In diese Phase fällt die Auflösung der Persönlichkeit, auch als Ich-Tod bezeichnet. Diese Er­fahrung ist so dramatisch, daß sie oft mit dem wirklichen Sterben verwechselt wird. Auf die Auslöschung als Individuum folgt die Wiedergeburt. Kosmische Einheit, reine Existenz und Seligkeit stellen das therapeu­tisch verwertbare psychedelische Gipfelerlebnis dar. Schließlich lassen sich auch wie bei den COEX‑Systeme für jede Matrix klinische Symptome und Ent­sprechungen finden.[lxxxviii]

Transpersonale Erfahrungen sind beherrschend nachdem alle vorhergehenden Schichten gut aufgelöst wurden, und die Erfahrung von Tod und Wiedergeburt integriert wurde. Transper­sonale Erscheinungen treten nicht einheitlich, und zuweilen auch schon in früheren Phasen auf (siehe S. 19/20). In ihnen werden entweder räumliche, zeitliche oder geistige Grenzen trans­zendiert. Darauf basierend, schlägt Grof folgende Klassifizierung vor.

1.   Zeitliche Bewußtseinserweiterung (Ahnen-Erfahrungen, kollektive, rassische und phylo­genetische Erfahrungen, frühere Inkarnationen, Präkognition etc.)

2.   Räumliche Bewußtseinserweiterung (Ich-Transzendenz, Einssein mit der Schöpfung, etc.)

3.   Geistige Bewußtseinserweiterung (spiritistische, mediale und archetypische Erfahrun­gen, Verstehen universaler Symbole, supra- und metakosmische Leere, etc.)[lxxxix]

Indikation

Da LSD nur als Hilfsmittel im psychotherapeutischen Prozeß* eingesetzt wird, gibt es im we­sentlichen keine Einschränkungen, was die Einsatzmöglichkeiten betrifft, wenn die Störung psychogen bedingt ist. Obwohl dies theoretisch auch ausschließlich psychosomatische Indika­tionen einschließt, liegen auf diesem Gebiet wenig Erfahrungen vor. Gründe die eine Behand­lung ausschließen, wie etwa Neigung zu epileptischen Anfällen oder Infarkte, liegen in den zu erwartenden heftigen Emotionen begründet. Die Droge per se wirkt weder heilsam noch schädlich. Bei folgenden klinischen Zuständen hat sich eine LSD-Therapie besonders be­währt.



Depressionen und Neurosen: Depression, insbesondere die noogene Depression im Sinne Viktor Frankls lassen sich meist schon durch wenige Sitzungen zerstreuen, obschon in den seltensten Fällen die ästhetische Ebene verlassen wird. Zur Heilung bei Psychoneurosen ist ein ungleich größerer Aufwand nötig, da das gesamte psychodynamische Material aufgelöst werden muß. Besonders empfänglich für eine solche Behandlung scheinen Hysterien, während Zwangsneu­rosen laut Grof als nur schwer heilbar gelten.

Alkoholismus und Charakterstörungen: In großen Untersuchungen konnte gezeigt werden, daß bei fachkundiger und entsprechend umfangreicher Behandlung Alkohol- und Betäu­bungsmittel­abhängige in signifikantem Ausmaß rehabilitiert werden können.

Borderline-Syndrom und endogene Psychosen: Die Behandlung solcherart schwer gestörter Patienten ist sehr umstritten. Verallgemeinerungen sind in diesen Fällen nicht zulässig, die Be­handlung muß individuell erfolgen. Dennoch konnten in einigen Fällen Erfolge erzielt werden und eine zumindest klinische Besserung erzielt werden, nachdem andere Therapie­rungsver­suche fehlgeschlagen waren.

Emotionales und körperliches Leid Sterbender**: Die Linderung von Schmerzen unheilbar kranker Menschen, die dem nahenden Tod entgegensehen gehört zu den aussichtsreichsten und am wenigsten umstrittenen Indikationen. Insbesondere das Erlebnis von Tod und Wiedergeburt und LSD-Einfluß vermag die Angst vor dem Tod zu nehmen. Auch können durch Erfahrungen auf der ästhetischen Ebene Depressionen zerstreut werden.[xc]

Obwohl die LSD-Psychotherapie teils faszinierende Möglichkeiten eröffnet, darf man nicht den Fehler begehen und sie undifferenziert als Allheilmittel bar jeder Risiken und Kontra­indikationen sehen. Wesentlich ist auch, daß das Hauptaugenmerk auf der Psycho­therapie und nicht auf der Droge zu basieren hat. Im Gegenzug beraubt aber sich die Psychiatrie eines viel­versprechenden Aspektes, wenn sie diese Form der Therapie vollkommen außer acht läßt. Zu den Problemen, die die heutige Situation mit sich bringt sei in Kapitel 6 näher eingegangen.

Rahmenbedingungen und Verlauf

Obwohl die verschiedenen Formen der LSD-Psychotherapie naturgemäß jeweils einen ande­ren Verlauf nehmen, gibt es doch wesentliche Gemeinsamkeiten. Deshalb sei auch nur auf einige allgemeine Aspekte eingegangen. Voraussetzung für jede LSD-Behandlung ist eine ausrei­chende Zahl drogenfreier Sitzungen. Auch das Anfertigen von Protokollen ist für all­gemeine Folgerungen unerläßlich. Die Veränderungen umfassen Veränderungen im Inhalt der Sitzungen, abhängig davon welche COEX-Systeme bzw. peri­na­tale Matrizen bereits aufgelöst wurden. Emotionale und psychodynamische Veränderungen zwischen den Sitzungen, vom Inhalt, welcher die vorhergehende Sitzung geprägt hat. Hierbei sind sowohl psychische als auch psychosomatische Symptome möglich. Langfristige Ver­änderungen in der Persönlich­keitsstruktur, der Werthierarchie und der Weltanschauung, nach­dem alle Konflikte gelöst und das Erlebnis von Ich-Tod und Wiedergeburt integriert wurde. Während bei der psycho­lytischen Methode die verschiedenen Ebenen nach und nach erschlos­sen werden, können bei der psychedelischen Behandlungsweise die Phänomene aller Kate­gorien gleichzeitig auf­treten. Die Intensivierung kann nicht nur durch eine höhere Dosierung, sondern auch durch ein entsprechendes setting (Augenschirme, Musik, u.ä.) erreicht werden.[xci]

Zusammenfassung

Die vorgestellten Hypothesen wurden von S. Grof aufgrund klinischer Erfahrungen ent­wic­kelt. Das Modell erklärt die in LSD-Sitzungen auftretenden Phänomene aufgrund unbewußter dynamischer Strukturen und vermag so ein homogenes theoretisches Gebäude zu bieten, das aber keinen Anspruch auf Universalität erhebt. Die Überlegungen basieren auf vier Phasen, die nacheinander durchlaufen werden: einer oberflächlichen perzeptuell geprägten, den tiefer­liegenden psycho­dynamischen und perinatalen, sowie einer archetypisch transpersonalen.*

Literaturverzeichnis

[1] LSD-Psychotherapie, Stanislav Grof
Klett-Cotta. Stuttgart 1983

[1] Topographie des Unbewußten, Stanislav Grof
Klett-Cotta. Stuttgart 1993


Kapitel 6: Gesellschaftliche Situation

In der Tat stellt die rein wissenschaftliche Auseinandersetzung mit LSD nur einen verhält­nismäßig kleinen Aspekt dar. Eine breite Öffentlichkeit hat, und wird auch heute noch, mit dem Begriff LSD etwas ganz anderes verbinden als etwa ein Molekularbiologe oder ein Psychotherapeut. Auch vermochte LSD eine ganze Generation zu beeinflussen; es wird immer noch mit einer ganz bestimmten Zeit und der in ihr stattfindenden Bewegung in Verbindung gebracht und bewirkte das Entstehen einer Kultur auf verschiedensten Ebenen, über deren Wert oder Unwert auch heute noch die Meinungen weit auseinandergehen.

Begriffsbildung

In den ersten Jahren seit seiner Entdeckung war LSD allerdings nur in Forscherkreisen be­kannt und wurde kaum als mehr denn ein Kuriosum angesehen, ähnlich wie Mescalin ein paar Jahrzehnte zuvor. Auch der zuerst verwendete Begriff Phantastikum geht auf die schon für das Mescalin vorgeschlagene Bezeichnung zurück. In der Phase der psychiatrischen Unter­suchungen wurde LSD auch als Psychodysileptikum (ein die Seele verstörender Stoff) oder Psychotomimetikum (ein Psychosen hervorrufender Stoff) bezeichnet, was in der heutigen Literatur allerdings kaum noch zu finden ist. Der gebräuchlichste Begriff, an den auch ich mich gehalten habe ist das Psychedelikum, vom Psychiater Humphrey Osmond geprägt und in der Übersetzung gleichbedeutend mit: die Seele aufschließend. Neben der wissenschaftlichen Terminologie, die sich an einer die Ursachen und Wirkung beschreibenden Namensgebung orientiert, gibt es auch eine Reihe englischer Jargonbegriffe, die sich hauptsächlich während der Zeit des verbreiteten LSD-Konsums in den 60er Jahren gebildet haben. Synonyma für LSD sind hier unter anderem Acid, Chief, Deeda oder L.

Natürlich ist LSD eine auch Droge, den­noch habe ich versucht diesen Begriff weitgehend zu ver­meiden. Nicht etwa weil ich die offensichtlichen und außergewöhnlichen Wirkungen auf Geist und Körper leugnen möchte, sondern weil der Begriff Droge sofort landläufige Assoziationen zur Folge hat, die dem Charakter dieser Substanz in keiner Weise gerecht werden. Bevor ich aber eine weitere Ab­grenzung vornehme, möchte ich kurz die Entwicklung der gesellschaftlichen Akzeptanz und öffentlichen Meinung am Beispiel medizinischer und nicht medizinischer Versuche erläutern.

Medizinische Anwendung

Die Art seiner Wirkung schränkte die medizinische Nutzung des LSD notwendigerweise auf den psychiatrischen Bereich ein, wenn man von anfänglichen, etwas kurios anmutenden Ver­suchen, es als Narkosemittel einzusetzen einmal absieht. Bevor allerdings die Möglichkeiten einer Psychotherapie erkannt wurden, vertrat man den Standpunkt der "Modell-Psychose", welcher teilweise fälschlicherweise auch noch heute vorherrscht, und konzentrierte sich auf die Schizophrenieforschung. Über ein Jahrzehnt lang war in keiner Weise vorherzusehen, welche Verbreitung LSD im außermedizinischen Sektor erfahren würde, da es wie viele andere Stoffe auch, ausschließlich wissenschaftlichen Kreisen vorbehalten war. Es wäre also unzulässig den damaligen Umgang mir LSD als fahrlässig oder unverantwortlich zu be­zeich­nen. Bis zur Sperrung der Abgabe durch die Sandoz AG im Jahre 1966 war LSD in Form des Präparats Delysid für Arzte frei zugänglich. Auch war es Laien möglich als Versuchs­personen in Forschungsreihen mitzuwirken. Solche Versuche waren damals im Rahmen der wissen­schaftlichen Forschung nichts außergewöhnliches, zumal es für das Verständnis dieser Sub­stanz unabdingbar war und begrenzte Humanexperimenten als Methode der Erkenntniss­findung unbedenklich schienen. Dies alles fand ohne große Aufmerksamkeit der Öffentlich­keit statt. In der Tat kann man die Art und Weise, wie sich LSD vom Gegenstand wissen­schaftlicher Untersuchungen zur Massendroge wandelte, als eine Verkettung unglückseliger Umstände mit plötzlicher übermächtiger medialer Präsenz sehen.

Nicht medizinische Anwendung

Neben der medizinischen LSD-Forschung, gab es eine durchaus ernsthafte Parallelbewegung. Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller und Geisteswissenschaftler nutzen die Möglichkeiten die ihnen LSD bot, was jedoch hauptsächlich im Einklang mit der seriösen Forschung im Rahmen von Freiwilligenversuchen von statten ging. Gewiß ist nicht auszuschließen, daß einige auch unbeaufsichtigte Versuche durchführten. Dies geschah aber mit Sicherheit in keinem solchen Ausmaß, daß man es als Anlaß zur Sorge hätte nehmen müssen, zumal ja LSD zu diesem Zeitpunkt noch keine illegale Substanz war.

Ende der 50er Jahre gelangte LSD allerdings zusehends in unautorisierte Kreise. Als eine Ur­sache ist sicherlich die Art der Berichterstattung in der Presse auszumachen. Massive Sen­sationsmeldungen wie etwa der legendäre Bericht des Magazins "Look", in dem der be­rühmte Schauspieler Cary Grant medienwirksam erklärte, wie er durch LSD zu innerem Frieden ge­funden habe, trugen erheblich zu einer völlig übersteigerten Meinungsbildung bei.[xcii] LSD schien als Wunderdroge, die die Ideale der gerade entstehend Hippie-Bewegung geradezu schicksalhaft zu verinnerlichen versprach. Damit setzte sich ein Prozeß in Gang, den aufzu­halten nicht mehr möglich war. Das Gleichgewicht zwischen psychiatrischer Forschung und autorisierten, beaufsichtigten Selbstversuchen verschob sich unaufhaltsam hin zu einer un­kontrollierbaren und fahrlässigen Massenbewegung, deren einziges Ergebnis in Bezug auf LSD es war, daß diese Substanz verboten und somit jegliche ernsthafte Forschung bis zum heutigen Tag verhindert wurde.

Besonders umstritten ist in diesem Zusammenhang das Verhalten des erst unlängst ver­stor­benen Psychiaters und ehemaligen Harvard-Professors Timothey Leary. Zweifelsfrei spielte er eine entschiedene Rolle bei der Verbreitung illegalen LSD-Konsums und der Entwicklung des Drogengebrauchs innerhalb der Jugendbewegung in den 60er Jahren. In wieweit der Ge­brauch von LSD seinerseits die Hippie-Bewegung zur Folge hatte oder umgekehrt, kann nicht leicht beantwortet werden. Fest steht nur, daß, als LSD frei verfügbar zu werden begann, dies zu einem sehr sensiblen Zeit­punkt erfolgte und sich die Geschehnisse wahrscheinlich gegen­seitig bedingten. Leary, der sich selbst als LSD-Apostel bezeichnete, propagierte den Aus­spruch "Turn on. Tune in. Drop out." und praktizierte bezeichnenderweise anfangs eine Form der Psychotherapie, bei der nicht nur der Patient, sondern gleichzeitig auch der Therapeut die Droge einnahm. Seine in diesem Zeitraum veröffentlichten Schriften* haben mit wissen­schaftlicher Seriosität eigent­lich nichts mehr zu tun, obwohl sie das zu versprechen scheinen. Im besten Falle sind sie im wesentlichen aussagenlos und beinhalten nur immer neue Variationen des oben genannten Slogans. Im Grunde genommen aber stellen sie Propaganda­schriften dar, die mittels aus dem Zusammenhang gerissener biologischer Fakten Wissen­schaftlichkeit vorspielen und quasi ein ideologisches Fundament bilden, das einfache Ant­worten auf schwierige Fragen bietet und LSD einzig als Schlüssel dazu anerkennt.

Leary sorgte zwar für die weltweite Bekanntheit des LSD und seinem Charisma konnte weder sein Ausschluß von der Universität noch seine zeitweilige Inhaftierung etwas anhaben, aus heutiger Sicht gesehen, hat er der LSD‑Forschung aber einen schlechten Dienst erwiesen. Es wäre sicherlich ungerechtfertigt ihn als einzigen für die Verbreitung von LSD innerhalb der Hippie-Gemeinde verantwortlich machen, auch darf man ihn nicht einfach als Fanatiker abtun und seine akademischen Qualifikationen außer acht lassen. Vielmehr scheint es, daß er, durchaus in gutem Glauben, eine Bewegung in Gang setzte, die nicht mehr zu stoppen war, auch wenn er ihre Gefahren erkannt hätte. Auf ihn paßt wohl folgende Zeile aus einem Ge­dicht Walter Vogts besonders gut: "Hatten wir / etwas ernst genommen / mit dem man nur spielen darf / oder / im Gegenteil " [xciii]

Mißbrauchspotential

Angesichts dieser Tatsachen stellt sich natürlich die Frage wie der Mißbrauch von LSD zu definieren ist. Es scheint zwar klar, daß der Massenkonsum eindeutig als Fehlgebrauch zu sehen ist, ein moralisierender Standpunkt wird aber dennoch schwer zu vertreten sein. Denn wenn man es sich zu einfach macht, und wissenschaftliche Forschung pauschal als gut und gerechtfertigt, nicht medizinische als von vornherein schlecht darstellt, wird man Probleme bekommen, wenn man einige Experimente - ich denke hier speziell an die Schizophrenie­forschung oder psychiatrische "Blindversuche" (siehe Zitat S. 31) - rechtfertigen möchte. Gemeinsam ist beiden Fehlanwendungen, daß die Personen die der LSD-Wirkung ausgesetzt wurden, sich offensichtlich nicht über deren Tragweite im Klaren sein können. Entweder weil sie nur wußten, daß ihnen "ein neuartiges Medikament" verabreicht wird, oder weil sie LSD als Sakrament und Wunderdroge erachteten, die keiner genaueren kritischen Auseinander­setzung mehr bedurfte.

Der Begriff Mißbrauch impliziert, daß eine Substanz zu einem ganz bestimmten, obschon verfehlten Zweck ein­genommen wurde. Während bei anderen Drogen dieser Zweck meist klar umrissen werden kann, ist dies im Falle des LSD ungleich schwieriger. Auch wenn man unter Mißbrauch ver­steht, daß man sich selbst oder einem anderen Schaden zufügt, wird die Sache nicht einfacher. Physiologische Schäden sind, wie gezeigt wurde, nicht zu erwarten, wohl aber seelische, denn "nur ein vorbereiteter Geist findet"[xciv]. Nun hängen aber die seelischen Wirkungen von LSD nicht von objektiv meßbaren Variablen ab, sondern von der Persönlich­keit jedes einzelnen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, daß LSD keine körperliche Abhängig­keit erzeugt, und sich in dieser Hinsicht von allen anderen Drogen, einschließlich dem legalen Alkohol und Nikotin, unterscheidet. Der fatale Fehler liegt darin, daß das LSD als "Unterhaltungs- und Genußdroge" gesehen wird, und nicht als seelisches Werkzeug.

Ohne zunächst auf das Problem einzugehen, unter welchen Umständen der LSD-Konsum überhaupt gerechtfertigt wäre, könnte in Kenntnis dieser Tatsachen eine Definition des Miß­brauchs, die notwendigerweise von der juristischen differiert, folgendermaßen lauten:

Als Mißbrauch muß man bezeichnen, wenn hochpotente Halluzinogene wie LSD in Situationen verabreicht werden, in denen sich der potentielle Konsument nicht seines Tuns voll bewußt ist. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn LSD unsachgemäß eingenommen wird, um etwa dem Alltag zu entfliehen oder allfällige Depressionen zu zerstreuen, oder wenn man bewußt oder unbewußt den besonderen Wirkungen des LSD nicht Rechnung trägt, indem man sich einer ausführlichen Auseinandersetzung mit Gefahren und Mängeln entzieht.

Diese Definition würde eine Abgrenzung von psychotherapeutischem Einsatz und auto­risierten, kontrollierbaren Versuchen unter ärztlicher Aufsicht, in welchen LSD als Mittel zum Zweck verwendet wird, einerseits, gegenüber unmotivierten und gefährlichen Selbst­ver­suchen, wie sie im Zuge von Massenbewegungen auftreten, andererseits, erlauben.*

Rechtliche Situation

Das österreichische Suchtgiftgesetz von 1951 wurde bis dato zwar etliche Male abgeändert, am rechtlichen Status des LSD hat aber auch die jüngste Novelle nichts verändert. Es besteht keine Unterscheidung zwischen Psychedelika, Narkotika und Amphetaminen. Auch findet die Tatsache, daß der Begriff Sucht nicht ohne weiteres haltbar ist, keine entsprechende Berück­sichtigung. Wohl verändert hat sich aber die Auslegung des Paragraphen der dem Umgang mit suchtgifthaltige Arzneien regelt und besagt:

Suchtgifthaltige Arzneien dürfen nur dann verschrieben werden, wenn ihre Anwendung nach den Grundsätzen der ärztlichen oder tierärztlichen Wissenschaft begründet ist und mit anderen Arzneien das Auslangen nicht gefunden werden kann.[xcv]

Der Umschwung der öffentlichen Meinung ließ also eine wissenschaftliche Rechtfertigung des medizinischen LSD-Gebrauchs nicht mehr zu, so daß dieser zwar theoretisch mit auf­wendigen Ausnahmegenehmigungen möglich wäre, praktisch aber nicht durchzuführen ist. Meines Wissens gibt es heute kein Land, in dem die Situation erwähnenswert anders wäre.

Ausblick

Die Zukunft der LSD-Forschung ist wohl kaum als rosig einzuschätzen. Auf der einen Seite ist man von einer Erklärung der Wirkung auf molekularer Ebene noch ziemlich weit entfernt. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn es ausgerechnet Labortiere sind, denen als ein­zigen Lebewesen LSD legal verabreicht werden darf. Auf der anderen Seite herrscht in der Psychiatrie de facto ein Forschungsverbot. Offenbar ist man nicht gewillt, mehr über diese in vielerlei Hinsicht bemerkenswerte Substanz herauszufinden, vielleicht auch weil man dann ge­zwungen wäre, bisherige Denkschemata zurechtzurücken.

Es geht gar nicht in erster Linie darum, ob LSD ein Wundermittel ist, das der Psychiatrie vor­enthalten wird, denn die Erfahrung hat gezeigt, daß auch einiges dagegen spricht und LSD be­stenfalls ein Hilfsmittel im psychotherapeutischen Prozeß darstellt. Zur Zeit gibt es, noch sehr vereinzelt Bestrebungen Therapieprojekte mit Psychedelikaunterstützung wieder aufzubauen: In der Schweiz wird ein Projekt mit Psilocybin eingerichtet und auch in den USA laufen Ge­nehmigungsverfahren.[xcvi] Vielmehr ist aber bedenklich, wie eine Substanz in sämtlichen Be­reichen mit teils bereits widerlegten, Argumenten, wie z.B. der Abhängigkeit, so lange kriminalisiert werden kann. Denn die Forderung endlich wieder ernsthafte Forschung durch­zuführen hat doch nichts mit dem Aufruf zu Drogenkonsum zu tun.

Eine Frage, die ich bereits zuvor gestreift habe, möchte ich an den Schluß meiner Aus­führun­gen stellen; nämlich unter welchen Umständen der Konsum von LSD gerechtfertigt wäre und dabei die Positionen des Drogenapostels Timothey Leary, des Schriftstellers und Philosophen Aldous Huxley und des Pharmakologen Alexander Shulgin gegenüberstellen.

Letzterer vertritt die Ansicht, daß die Drogenpolitik die Freiheit des Bürgers nicht in seinen Grundrechten einschränken darf und letztlich jeder selbst Verantwortung trägt. Um Mißver­ständnissen vorzubeugen, füge ich hinzu, daß Gesetze, so sie einmal beschlossen sind, natürlich anerkannt und befolgt werden müssen. Was innerhalb des eigenen Körpers, ins­besondere im Kopf, geschieht entzieht sich der Maßregelung des Staates.[xcvii] Wieder schränke ich ein: so lange nicht die Gefahr besteht, mittelbar oder unmittelbar für sich selbst oder andere zur Bedrohung zu werden. Folgeschäden, insbesondere aber Abhängigkeit stellen eine mittelbare Bedrohung dar, da eine Person im Stadium des Entzuges möglicherweise zu Handlungen fähig ist, die sie sonst nicht setzten würde. Unmittelbare Bedrohung bedeutet, daß jemand noch unter Einfluß einer Droge stehend, in gefährlicher Weise die Kontrolle über sich verliert. Dies ist nicht notwendigerweise auf eine bestimmte Substanzgruppe beschränkt.

Während Leary den Massenkonsum von LSD forderte - und auch vollzog - vertrat Huxley die Meinung, solche Substanzen sollten nur einer Elite vorbehalten bleiben, die sie auch sinnvoll zu nutzten verstünde. Bemerkenswerterweise werden beide Publikationen Huxleys*, die auf Erfahrungsberichten mit Mescalin basieren, auch von Kritikern, als Ergebnisse solch gerecht­fertigten Gebrauchs eines Künstlers akzeptiert. Huxley vertritt, ähnlich wie Albert Hofmann, die Meinung, daß, sofern eine intensive Auseinandersetzung mit philosophischen und meta­physischen Fragen erfolgt ist, diese vielleicht mit Hilfe einer psychedelischen Substanz gelöst werden können. Je gefestigter und offener der Geist ist, desto tieferen Einblick wird ihm dieses Erleben, der Vorstoß zu den "Antipoden der Psyche"[xcviii], wie Huxley es nennt, ermög­lichen. Insofern ist LSD eine "intellektuelle" Droge, da sich nur Wenigen fruchtbringende Er­kenntnisse eröffnen werden, anstatt nur bei puren Asthetizismen zu verharren. In diesem Zu­sammenhang ist auch folgendes Zitat Ernst Jüngers zu betrachten:

Die Drogen sind Schlüssel  - sie werden freilich nicht mehr erschließen, als unser Innerstes verbirgt.[xcix]

Was umgekehrt geschieht, wenn solche Drogen nur dazu dienen Langeweile und Unlustge­fühle zu beseitigen, schildert Huxley in seinem visionären Roman Brave New World, in welchem unter anderem der Massengebrauch einer halluzinogenen Droge, Soma genannt, zur oberflächlichen Glückseligkeit einer Gesellschaft führt, die doch nichts anderes als dumpfes Vegetieren bietet. Dies war auch die Illusion, der sich Leary hingab, so das Glück vieler er­reichen zu können. Vielleicht hätte er das Glück weniger erreichen können. wenn er schon viel früher gescheitert wäre; und wenn der LSD-Forschung die Möglichkeit nicht genommen worden wären, beständig weiterzuschreiten, gäbe es vielleicht so manchen der, wie Huxley, die Droge zu nutzen verstanden hätte und sich - durch sie - Erkenntnisse hätte entlocken können, denen er so nie gewahr werden kann.

Literaturverzeichnis

[1] LSD - Mein Sorgenkind, Albert Hofmann
Klett-Cotta/dt Verlag. München 1979

[2] Torsten Passie, persönliche Mitteilung

[1] Drogenpolitik, Alexander Shulgin
Nachtschatten Verlag. Solothum 1991


Anhang A: Das Serotoninsystem[GM6] 

Die offensichtliche Bedeutung des Serotonins macht es notwendig eine kurze Beschreibung dieses Stoffes zu geben, wobei aber immer die Beziehung zu LSD und die Wechselwirkungen mit Psychedelika im Vordergrund stehen.

Strukturverwandtschaft mit LSD

Das strukturelle Bindeglied zwischen dem Serotonin und dem Lysergsäurediethylamid ist das Indol (Benzo[b]pyrrol).* Da sowohl der Struktur des Serotonin als auch der des LSD ein Indolkern zugrunde liegt, bezeichnet man beide als Indolderivate. Die Verwandtschaft der beiden Stoffe geht aber so weit, daß das bei weitem größere  LSD-Molekül fast das gesamte Serotoninmolekül in sich trägt. Ebenso sind etliche weitere Psychedelika, wie etwa die In­haltsstoffe der mexikanischen Zauberpilze, Psilocin und Psilocybin, aufgrund ihres Indolkerns serotoninverwandte Substanzen. Dem steht entgegen, daß es weitere Psychedelika gibt, die durchaus zu anderen chemischen Gruppen gehören können, deren Struktur wieder anderen Neurotransmittern entspricht, aber eine ähnliche Wirkung wie LSD auslösen. Die Ahnlichkeit dieser Stoffe mit einem natürlichen Neurotransmitter legt nahe, daß sie ihre Wirkung über dessen Rezeptoren entfalten, indem sie seine Fähigkeiten entweder steigern oder senken.

Stoff

Neurotransmitter

Chemische Gruppe

Atropin (Tollkirschengift)

Acetylcholin

-

Scopolamin

Acetylcholin

-

MDMA (Ecstasy)

Catecholamine**

Amphetaminderivat

Mescalin

Catecholamine

Phenylethylaminderivat

DOM

Catecholamine

Phenylethylaminderivat

LSD

Serotonin

Lysergsäurederivat

Ololiqui

Serotonin

Lysergsäurederivat

DMT

Serotonin

Tryptaminderivat

Bufotenin

Serotonin

Tryptaminderivat

Psilocin/Psilocybin

Serotonin

Tryptaminderivat

                       Tabelle 7: Psychedelika und verwandte Neurotransmitter

Diese Vielfalt der am psychedelischen Erleben beteiligten Neurotransmitter schränkt die Hoffnung auf eine einfache Erklärung ihrer Wirkung ein. Die Catecholamine Dopamin und Noradrenalin sowie das Indolamin Serotonin gehören zur Gruppe der Monoamine, deren Stoffwechsel im Gehirn im wesentlichen gleich ist. Es ist also zu bedenken, daß es auch innerhalb der Monoamine ein einheitliches System gibt, und ihre Synthese und Meta­bolisierung in vergleichbaren Schritten durch ähnliche oder gar gleiche Enzyme geschieht. Obwohl also etliche Substanzen ihre Wirkung durch ihre Verwandtschaft mit anderen Neuro­transmitter zu entfalten scheinen, wird in der Fachliteratur vor allem die Einflußnahme über Serotonin untersucht. Aber auch im Falle des LSD wird manchmal die Vermutung geäußert, daß es zusätzlich noch anticholinerge und catecholaminerge Bahnen beeinflussen könnte.

Serotoninsynthese und -stoffwechsel[1][GM7] 

Für das Serotonin ebenso wie für die anderen Mono­amine ist es nicht möglich direkt ins Gehirn zu ge­langen, da sie aufgrund ihrer Struktur die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren können. Nur die Vorläufer­substanz, die essentielle Aminosäure Tryptophan** kann die Schranke durchdringen und sich via eines biochemischen Aufnahmesystems in den Nerven­zellen anreichern. An dieser Stelle setzt nun der Synthetisierungs­prozeß ein. Das Enzym Tryptophan Hydroxylase hydroxyliert die Aminosäure (d.h. sie fügt eine Hydroxyl-Gruppe am fünften C-Atom des Benzolringes hinzu). Da dieses Enzym nur in be­schränktem Ausmaß vorhanden ist, ist es zusammen mit der Verfügbarkeit von Tryptophan die bestim­mende Größe, die die Menge der Transmittermole­küle regelt. Dieses Zwischenprodukt wird nun von der 5‑Hydroxytryptophan Decarboxylase unter CO2‑Abspaltung von der sauren Carboxylgruppe zum endgültigen Trans­mitterstoff 5-Hydroxytryptamin, das den Trivialnamen Serotonin trägt.*** Bei einer Erregung des Neurons wird dann dieses Serotonin, das in Folge in die synaptischen Terminals trans­portiert wird, als Botenstoff ausgeschüttet. Nachdem die Serotoninmoleküle von Transporter­proteinen wieder ins Innere der Endknöpfchen gebracht werden, erfolgt der Abbau mittels des Enzyms Monoaminoxydase (MAO), das die Aminogruppe durch ein Sauerstoffatom ersetzt, zum Hauptmetaboliten Hydroxindolessigsäure (5-HIAA). Infolge der weiteren Metaboli­sierung wird auch noch der Indolring abgesprengt, bevor der Rest ausgeschieden wird.[c], [ci]

Das serotoninerge System des Menschen

Das Serotoninsystem vereint zwei widersprüchliche Eigenschaften in sich. Zum einen ist es das größte chemische System innerhalb des Gehirns, und zum anderen besteht es nur aus einigen Tausend Neuronen. Dieses System steht aber über weitverzweigte Axone mit fast allen andern Bereichen des ZNS in Kontakt und ist an so grundlegenden Dingen wie Schlaf, Aggression, Sexualtrieb, Lernfähigkeit und Gedächtnis beteiligt.[cii]

Anatomie[GM8] 

Alle serotoninergen Neuronen im menschlichen Gehirn gehen von einem Areal im Bereich des Hirnstammes an dessen Mittellinie aus. Dort bilden sie neun größere Nuclei, die sich in ein oberes System mit vier und ein unteres System mit drei Kernen einteilen lassen.

Die obere Gruppe setzt sich aus folgenden vier Kernen zusammen:

1.   Nucleus caudalis linearis, der am weitesten rostral (d.h. oberhalb) liegt.

2.   Nucleus Raphe medialis, dessen Seiten eine primitive aufstei­gende Bahn umschließen und der in seinem unteren Teil noch eine Anhäufung von als B5 bezeichneten Neuronen trägt.

3.   Nucleus Raphe dorsalis, der hinter beiden oben genannten liegt und dessen mittlere, seit­liche und untere Komponenten noch in etliche kleinere Strukturen unterteilt werden.

4.   Die B9 Neuronen, die die obere Gruppe ventral (auf der Vorderseite) abschließen.

Die untere Gruppe dagegen besteht aus fünf Kernen:

1.   Nucleus Raphe ob­scurus, der sich am tiefsten befin­det und dessen Neuro­nen genau auf der Mittellinie liegen. Kleine Ver­bände von Nerven­zellen finden sich außer­halb des Nucleus und rei­chen hinab bis zum Spinal­ganglion.

2.   Nucleus Raphe pallidus, der sich mittig zwischen den pyramidalen Bahnen befindet und dessen Somata außer­ordentlich dicht beieinander liegen

3.   Nucleus Raphe magnus, der sich ebenfalls auf der Mittel­linie befindet und das untere System nach oben hin ab­grenzt, während seine Aus­läufer lose mit den unteren Kernen ver­bunden sind.

4.   Medulla ventralis lateralis, die aus zwei kleineren Strukturen (Nucleus paragigantcellularis lateralis und Nucleus reticularis intermedialis) besteht. Sie macht einen verhältnismäßig großen Teil der serotoninergen Neuronen aus und reicht bis zur retikularen Formation.

5.   Area postrema, in der sich neben kleinen und dichten Serotoninneuronen auch noch Ner­venzellen anderer Transmitter befinden[ciii]

Serotoninerge Bahnen

Von diesen Nuclei führen nun verschiedene Bündel zu anderen Teilen des Körpers. Entweder über aufsteigende Bahnen zu höheren Gehirnzentren oder über absteigende zum Rückenmark und den Motoneuronen. Absteigende Bahnen gehen vor allem von den Nuclei des unteren Systems aus, wobei es zwei Hauptrouten gibt: eine direkte zum Spinalganglion und eine zu den Vorder- bzw. Hinterhörnern, wo unter anderem auch die Modulierung von Schmerz­empfindungen stattfindet.[civ]

Aufsteigende Bahnen gehen dagegen vom oberen System aus. Ein dichtes Geflecht von Fasern zieht zu Hippocampus, Teilen des Hypothalamus, der Substantia Nigra und dem Mandelkern, wobei zu jedem dieser Ziele ein eigener Strang führt. Aber auch in jedem anderen Teil des Gehirns, lassen sich, in freilich geringerer Menge, serotoninerge Ausläufer feststellen. Besonders stark ist die Verknüpfung mit limbischen und sensorischen Arealen. In der Großhirnrinde sind die Nervenfasern im sensorischen Feld zu finden. Die serotoninergen Neuronen umgeben dabei meist Zellkörper oder Dendriten von Neuronen mit hemmenden Eigenschaften. Deshalb wird vermutet, das Serotoninsystem könnte über sogenannte negative Rückkopp­lungs­schleifen seine Wirkung im Neocortex entfalten. Außerdem steht das Sero­toninsystem mit bestimmten Klassen von Gliazellen und den Blutgefäßen im Gehirn in Zu­sammenhang.[cv] Trotz allem vermögen diese Kenntnisse alleine nicht zu erklären, wie sero­toninerge Psychedelika nun ihre Wirkung über diese Bahnen entfalten können:

However, the precise role of the serotonergic pathways remains obscure. Serotonin has been implicated in the regulation of sleep and ,vigilance', and it is widely believed that hallucinogenic drugs such as lysergic acid diethylamid may produce their effects by interacting with serotonin pathways.[cvi]

Die Funktion des serotonin­erge System ist in den Teilen, in denen die beiden Trans­mitter die selben Ziel­neuronen haben, dem des dopamin­ergen entgegen­ge­setzt. Die beiden Neuro­transmitter inte­ragieren funk­tionell, indem sich z.B. bei einem Sinken der Kon­zen­tration des Dopamins, die des Serotonins erhöht. Auch bei einigen anticholin­ergen Fasern im Großhirn finden sich funktionelle Ver­bindun­gen zum Serotonin­system.[cvii] Vermutlich stören jene, in  Tabelle 7 aufgeführ­ten Stoffe dieses Gleichge­wicht und führen so zu ihren typischen Wirkungen.

Natürliche Wirkung

Da Serotonin nicht nur ein Neurotransmitter, sondern auch ein Gewebshormon ist, hat es starke periphere Wirkungen. Es erregt die glatte Muskulatur und wirkt besonders im Magen-Darm-Bereich kontrahierend, ist an der Blutgerinnung beteiligt und findet sich in hoher Kon­zentration im Serum* und in Blutplättchen bestimmter Zellen.[cviii]

Bestimmend in dieser Arbeit sind aber natürlich die zentralnervösen Eigenschaften des Sero­tonins. Die scheinbar einfache Frage, ob Serotonin einen exzitatorischer oder einen inhibito­rischer Transmitter darstellt, führt schon auf Schwierigkeiten Die Wirkung, die Serotonin an seinen Rezeptoren ausübt, kann nämlich sowohl hemmend, als auch erregend sein[cix], ab­hängig in welchem Teil des Gehirns. Meist befinden sich die serotoninergen Neuronen in einem, der bereits erwähnten negativ rückgekoppelten Netzwerke[GM9] , so daß man sie etwas ver­einfachend als inhibitatorisch bezeichnen kann.

Rezeptoren

Für das Serotonin existieren außergewöhnlich viele unterschiedliche Rezeptoren, also Binde­stellen für die Transmittermoleküle. 1957 wurde die erste Rezeptorklasse entdeckt. Bis heute sind mindestens vier verschiedene Klassen mit etlichen Subtypen bekannt. Vermutlich steht diese Vielfalt an Rezeptoren mit der großen Ausbreitung des Serotoninsystems in Zu­sammenhang, so daß an jedem Zielgebiet der serotoninergen Neuronen ein anderer Rezeptor­typ vorherrscht, um eine eindeutige funktionelle Zuordnung zu ermöglichen.

Subtyp

Funktionsweise

Vorkommen

Selekt. Substanzen*

5-HT1A

Second messenger**

prae-/postsynaptisch

8-OH-DPAT

5-HT1B/D

Second messenger

praesynaptisch

Metergoline, LSD

5-HT1C

Second messenger

postsynaptisch

Minaserin, Cianserin

5-HT2

Second messenger

postsynaptisch

Spiroperidol, LSD

5-HT3

Ionenkanalgekoppelt

postsynaptisch

2-Me-5 HT, MDL 72222

5-HT4

Second messenger ?

?

?

                       Tabelle 8: Subtypen der Serotoninrezeptoren

Der 5-HT1A-Rezeptor: Durch radioaktive Markierung könnten jene Areale bestimmt werden in denen dieser Subtyp besonders häufig auftritt. Es sind dies das Hinterhorn, der Nucleus Raphe dorsalis, der Hippocampus und der frontale Cortex. Im Bereich der Raphe Nuclei be­findet sich gut die Hälfte aller Rezeptoren dieses Typs, allerdings be­finden sie sich direkt an Zellkörper oder Endknöpfchen der eigenen Neuronen. Hier fungieren sie als Autorezeptoren. In den höheren Zentren ist dies nicht der Fall: im Hippocampus herrscht ein ausgeglichenes Ver­hältnis zwischen praesynaptischen Rezeptoren auf serotoninergen und postsynaptischen auf fremden Neuronen. Auffallend an diesem Rezeptortyp ist seine Trägheit: die Induktion des intra­zellulären second-messenger Pro­zesses ebenso wie dessen Stoppen be­nötigt eine so starke Anderung der Sero­toninkonzen­tra­tion,  wie sonst bei keinem anderen Re­zeptor. Der 5-HT1A Rezeptor ist auch am sogenannten Serotonin­syndrom beteiligt.[cx] Das ist eine relativ neue Erkenntnis, denn in den meisten vor­liegenden Veröffent­lichungen, in welchen das Serotoninsyn­drom als Instrument zur Be­stimmung der LSD-Wirkung benutzt wird, ordnet man dieses Phänomen aus­schließlich dem 5‑HT2 Typ zu. Auf die Bedeutung des Serotoninsyndroms wird in Kapitel 4 näher ein­gegangen.

Der 5-HT1B/D Rezeptor: Der 5-HT1B Sub­typ ist nur bei einigen Spezies vorzufinden, beim Menschen fehlt er gänzlich. An seiner Statt verfügen wir über den 5-HT1D Rezeptor, der sich an exakt den gleichen Orten im Gehirn be­findet. Einige Tiere, wie Ratte oder Hamster verfügen zwar über beide Subtypen, die Rezep­toren unterscheiden sich aber nur geringfügig voneinander, und da nur strukturell und nicht funktionell. Der 5-HT1D Rezeptor ist fast ausschließlich ein Autorezeptor, der bei Aktivierung die Ausschüttung von Serotonin inhibieren kann. Der 5-HT1D Subtyp ist der im menschlichen Gehirn häufigste. Besonders in den Basalganglien, aber auch in der Substantia Nigra, einem Zentrum das in Zusammenhang mit Belohnungsgefühlen und positiver Verstärkung gebracht wird, ist die Dichte enorm hoch. Weniger stark, aber dennoch bemerkenswert ist die Rezep­torzahl in Hypothalamus, Amygdala und dem Neocortex.[cxi]

Der 5-HT1C Rezeptor: Dieser Subtyp befindet sich sowohl an Neuronen, als auch an den epithelischen Zellen, die an der Produktion der zerebrospinalen Flüssigkeit (ZSF) beteiligt sind. Experimente mit radioaktiver Markierung ergaben eine weitläufige Verbreitung in cortikalen und subcortikalen Regionen, die auch mit anderen monoaminergen Bahnen in Verbindung stehen. Besonders hohe Rezeptordichten findet man aber in Hippocampus und Thalamus. Man nimmt daher an, daß dieser Rezeptor in die Bearbeitung von sensorischer und nozizeptiver Information involviert ist. Von besonderem Interesse ist beim 5-HT1C Subtyp, daß seine Aktivierung beim Menschen Angstzustände und entsprechende vegetative Symptome zur Folge hat. Auch ist zu erwähnen, daß viele Substanzen die am 5-HT2 Rezeptor wirksam sind auch eine hohe Affinität für diesen Typ zeigen. Aus diesen und gewissen strukturellen Gründen wurde der 5-HT1C Typ nachträglich in die Gruppe der 5-HT2 Rezep­toren umklassifiziert.* Diese Erkenntnis spricht vielleicht für eine mögliche Beteiligung dieses Rezeptortyps an der LSD-Wirkung.[cxii]

Der 5-HT 2 Rezeptor: Dieser Rezeptor ist der Subtyp, der besonders oft sowohl mit der Wirkung von Antidepressiva  als auch mit der von Psychedelika in Zusammenhang gebracht wird. Er weist im Vergleich zu anderen Subtypen eine geringere Affinität für Serotonin auf. Das könnte damit zusammenhängen, daß es zwei verschiedene Bindestellen dieses Rezeptors für Agonisten gibt. Nämlich je eine für hoch- und schwachaffine [GM10] Substanzen, für Antago­nisten dagegen nur eine hochaffine Stelle. Möglicherweise gibt es aber auch zwei verschie­dene Subtypen des 5-HT2 Rezeptors, die bis jetzt noch nicht unterschieden werden konnten. Dieser Rezeptortyp kommt sowohl im ZNS als auch in der Peripherie vor, wo seine Aktivie­rung eine Kontraktion der glatten Muskulatur zur Folge hat. Im Gehirn wurden hohe Dichten von 5-HT2 Rezeptoren in verschiedenen Stellen des Großhirns und sensorischen  Arealen ge­funden, mittlere Konzentrationen im Nucleus accumbens, und sehr geringe bis kaum nach­weisbare in Thalamus, Hypothalamus und Hippocampus. Die Aktivierung dieser zerebralen Rezeptoren führt bei Tieren zum Serotoninsyndrom, jedoch wurden in letzter Zeit Zweifel laut, ob an diesem Syndrom nicht auch andere Rezeptoren beteiligt sind (siehe den Absatz 5‑HT1A-Rezeptor).[cxiii]

Der 5-HT 3 Rezeptor: Dieser Subtyp findet sich vor allem in der peripheren Körperregionen. Geringe Mengen finden sich aber auch in den meisten Bereichen des Gehirns. Auffallend ist, daß die Affinität der Liganden von den peripheren zu den zerebralen Rezeptoren hin ab­nimmt. Wahrscheinlich ist dieser Rezeptor an der Entstehung und Kontrolle von Schmerz­empfindungen beteiligt, da bei spezifischen 5-HT3 Antagonisten eine analgetische (d.h. schmerzlindernde) Wirkung beobachtet wurde.[cxiv]

Der 5-HT 4 Rezeptor: Dieser Rezeptor stellt einen noch sehr wenig untersuchten Subtyp dar. In Ermangelung eines genügend spezifischen Liganden konnte er noch nicht lokalisiert werden. Bekannt ist nur, daß seine Aktivierung eine Muskelkontraktion zur Folge hat. Ebenso liegt seine Struktur im Dunkeln. Es wird aber vermutet, daß der auch 5-HT4 Rezeptor zur großen Gruppe der G-Protein gekoppelten Rezeptoren gehört.[cxv]

Serotonin und Geisteskrankheit

Verschiedene Forschergruppen* entwickelten schon relativ bald nach seiner Entdeckung Theorien, wie Serotonin an verschiedenen Geisteskrankheiten, vor allem der Schizophrenie beteiligt sein könnte. Die meisten dieser Untersuchungen stützten sich auf folgende Überlegung: Wenn es dem LSD durch seine serotoninspezifischen Eigenschaften möglich ist psychotische oder schizophrene Zustände auszulösen, dann muß auch bei der natürlichen Schizophrenie eine Veränderung des Serotoninhaushaltes durch einen LSD-ähnlichen körpereigenen Stoff vorliegen.** Heute ist bekannt, daß dies aus mehreren Gründen nicht haltbar ist. Zum einen kann eine so komplexe und rätselhafte Krankheit wie die Schizophrenie nicht auf die Dysfunktion eines einzelnen  Neurotransmitters zurückgeführt werden, und zum anderen ist eine Gleichsetzung von Schizophrenie und LSD-Wirkung bei näherer Betrachtung völlig unzulässig. Dennoch steht fest, daß das Serotonin eine nicht unwesentliche Komponente an zumindest den folgenden Gemütskrankheiten (affektiven Störungen) ist.

1.   Angst- und Zwangsstörung

2.   bipolare Störung (manisch-depressive Erkrankung)

3.   minor und major Depression[cxvi]

Natürlich ist auch eine Beteiligung an der Schizophrenie denkbar, wenngleich auch nicht im anfangs vermuteten Ausmaß. Am besten, vor allem durch neuere Arbeiten, ist aber die Beteiligung des Serotonins an der Depression dokumentiert.

Biochemische Aspekte der Depression

Da die Depression klinisch mit verschiedenen Psychopharmaka in den meisten Fällen relativ gut behandelt werden kann, führte eine Anzahl von Studien über die Wirkung dieser Medikamente zum Verständnis der Veränderungen im Gehirn, die mit ihr einhergehen. Dabei ist maßgeblichen das Serotoninsystem beteiligt. Es ergibt sich dabei:

1.   Eine verminderte Konzentration von Serotonin und seinem häufigsten Metaboliten in ZNS und ZSF einer großen Gruppe von depressiven Patienten.

2.   Eine Veränderung des Verhältnisses von prae- und postsynaptischen Rezeptoren.

3.   Eine Abnahme der Dichte von Serotoninrezeptoren auf Blutplättchen und eine generelle Abnahme von Serotonin im Blut ebenso wie im Gehirn.

4.   Die Entfaltung antidepressiver Wirkung verschiedener Medikamente durch eine Steigerung der serotoninergen Neurotransmission und umgekehrt die Wirksamkeit serotonin­vermehrender Substanzen als Antidepressiva.[cxvii]

Die Veränderung in der Verteilung der Rezeptoren läßt sich als eine körpereigene Reaktion auf eine verminderte Verfügbarkeit von Serotonin deuten. Während sich die hemmenden Autorezeptoren nämlich merklich verringern, bewirkt eine Erhöhung der postsynaptischen Rezeptoren eine Sensitivierung für den Botenstoff. Außerdem konnte gezeigt werden, daß die Konzentration des Serotonins im Blut mit der im ZNS korreliert. Zu weiteren Erkenntnissen über endogene Depressionen führte ein moralisch eher bedenklicher Versuch, bei dem bei einigen Patienten durch eine tryptophanfreie Ernährung*** der Effekt vorher verabreichter Antidepressiva aufgehoben werden konnte.[cxviii]

Serotoninmodulierende Psychopharmaka

Eine große Zahl verschiedener Psychopharmaka wirkt auf das Serotoninsystem ein. Das ist in den meisten Fällen jedoch auf eine allgemeine monoaminerge Wirkung zurückzuführen. Erst in letzter Zeit, da die Bedeutung des Serotonins erkannt wird, werden auch Substanzen entwickelt die selektiv an serotoninergen Terminals angreifen, meist mit dem Ziel die Menge des ausgeschütteten Botenstoffes zu erhöhen. Die wichtigsten Pharmaka seien hier aufgelistet.

Klasse

Beispiele

Spezifität*

Trycyclische Antidepressiva

Imipramin, Doxepin

hoch/normal

A. der zweiten Generation

Fluoxetin, Clomipramin

hoch/sehr hoch

MAO-Hemmer

Phenelzin, Moclobemid

hoch/ -

Neuroleptika (Antipsychotika)

Risperidon, Clozapin

hoch/normal

                        Tabelle 9: Psychopharmaka und Serotonin

Antidepressiva: Die ältere, trycyclische** Gruppe dieser Medikamente entfaltet ihre Wirkung hauptsächlich über eine aktive Blockade der praesynaptischen Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin. Zudem sensibilisieren sie postsynaptische Rezeptoren für diese Botenstoffe und wirken so stimmungsaufhellend. Neuere Antidepressiva der zweiten Generation wirken im Prinzip ähnlich, weisen aber eine viel stärkere Affinität für Serotonin auf, sodaß die meisten von ihnen in die Gruppe der SSRI (serotonin-specific reuptake inhibitors) fallen.[cxix]

MAO-Hemmer: Diese Substanzen verbinden sich mit dem Abbauenzym Monoaminoxydase und machen es so ineffektiv. Die Folge ist, daß die Transmittermoleküle nicht metabolisiert werden können und dadurch länger im synaptischen Spalt verbleiben. Es gibt irreversible MAO-Hemmer, die eine feste chemische Bindung eingehen, und reversible MAO-Hemmer, deren Bindung von kürzerer Dauer ist, und die sogar eine gewisse Spezifität für serotoninerge Terminals zeigen. Die Wirkung der MAO-Hemmer ist aber im wesentliche die gleiche wie bei den Antidepressiva.[cxx]

Neuroleptika: Medikamente dieser nicht unumstrittenen Klasse werden hauptsächlich schizophrenen Personen verabreicht. Allerdings stellen sie nur eine Hilfe bei der Bewältigung der Symptome dar, indem sie die verschiedensten monoaminergen Rezeptoren mehr oder weniger stark blockieren. Bei neueren Präparaten findet sich eine hohe Serotoninaffinität. Diese Neuroleptika haben dann die bemerkenswerte Eigenschaft, die halluzinogenen Wirkungen des LSD und anderer Psychedelika teilweise abzuschwächen.[cxxi]

Zusammenfassung

Es kann gesagt werden, daß aufgrund dieser Erkenntnisse es nicht als gesichert anzusehen ist, daß ausschließlich der 5-HT2 Rezeptor an der LSD-Wirkung beteiligt ist, wie das aber in vielen Artikeln vertreten wird. Die bei weitem größere Verbreitung des 5-HT1C Rezeptors und die Tat­sache, daß die Verteilung der 5-HT2 Rezeptoren auf Hirnzentren nicht der entspricht, wie man sie bei einer halluzinogenen Wirkung erwarten würde, spricht dafür, daß an der LSD-Wirkung mehrerer Subtypen beteiligt sind. Aufgrund der strukturellen Ahnlichkeit und anderen Gemein­samkeiten der beiden Rezeptoren, würde diese Vermutung auch nicht im Widerspruch zur Fachliteratur stehen. Nicht zu vernachlässigen ist auch der 5-HT1A Rezeptor und seine Beteiligung am oft zitierten Serotoninsyndrom. Die Rezeptor­klassen 5-HT3 und 5‑HT4 haben allem Anschein nach keinen entscheidenden Einfluß auf die zur Diskussion stehenden psychischen Veränderungen und sind allenfalls an einigen vegetativen Symptomen beteiligt. Bei all diesen Ausführungen darf allerdings nie vergessen werden, daß die Re­duktion auf das serotoninerge System eine Vereinfachung darstellt und es in Wirklichkeit noch zahlreiche Wechselwirkungen mit den monoaminergen System gibt, die noch nicht er­faßt sind.

Literaturverzeichnis

[1] How Hallucinogenic Drugs Works, Barry L. Jacobs
in: American Scientist, Volume 75

[2] Molecular Biology of Serotonin Receptors, Melissa A. Harrington
in: Journal of Clinical Psychiatry, Volume 53/10 [suppl.]

[3] Kompendium der Psychopharmakotherapie, Walter Pödinger
F. Hofmann
- La Roche & Co. AG. Basel 1971

[4] The Neuron, Irvin B. Levitian/Leonard K. Kaczmarek
Oxford University Press. New York, Oxford 1997

[1] Anatomy and Plasticity of the Brian Serotonergic System, Efrain C. Azmitia
in: Journal of Clinical Psychiatry, Volume 52/12 [suppl.]

[2] Lexikon 2000
Wissen Verlag Stuttgart 1971

[3] Drogen und Psychopharmaka, Robert M. Julien
Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg, Berlin, Oxford 1997

[4] Neurochemical Alterations of Serotonergic Neuronal Systems in Depression, Craig Risch
in: Journal of Clinical Psychiatry, Volume 53/10 [suppl.]


Anhang C: Zur Physiologie des Gehirns[GM11] 

Das menschliche Nervensystem, wie wir es heute kennen, ist das Produkt einer Evolution und Genese von vielen Jahrtausenden und ist in seine Komplexität einzigartig. Es besteht aus Millionen und Milliarden von speziellen Nervenzellen, den sogenannten Neuronen, deren Aufgabe es ist, Informationen zu fassen, zu verarbeiten und dann entsprechend darauf zu reagieren. Jedes einzelne Neuron hat Anteil an diesem gigantischen Komplex und steht zu jedem Zeitpunkt mit anderen Nervenzellen in Verbindung, mit denen es komplizierte Netzwerke eingeht.

Das Gehirn bildet eine hochkomplexe biologische Struktur, die bis heute noch nicht vollständig erfaßt und erforscht worden ist. Das bringt mit sich, daß eine umfassende Beschreibung seiner Beschaffenheit auch sehr komplex, vor allem aber langwierig sein würde. Zieht man ferner in Betracht, daß bis jetzt nicht einmal exakter Aufbau und vollständige Wechselwirkungen auch nur eines Hirnbereiches restlos geklärt sind, erscheint es unsinnig eine bis ins kleinste bekannte Detail reichende Beschreibung zu geben. Zumal ja die Intention dieses Anhangs nur ist, die Wirkung psychotroper und psychedelischer Substanzen auf Gehirnfunktionen und Verhalten verständlicher zu gestalten, erscheint es sinnvoller, sich auf die Grundzüge zu beschränken, weshalb dieser Anhang auch nur eine relativ oberflächliche Beschreibung der einzelnen Punkte bietet.* Für ins Detail gehende Information sei auf den Literaturnachweis verwiesen.

Anatomie des ZNS

Bei höher entwickelten Wirbeltieren, wie dem Menschen, entwickelt sich das Nervensystem aus dem so bezeichneten Neuralrohr, welches in folgende sechs strukturelle Abschnitte gegliedert werden kann:

1.   Vorderhirn

2.   Zwischenhirn

3.   Kleinhirn

4.   Mittelhirn

5.   Rautenhirn (Nachhirn)

6.   Rückenmark

Das zentrale Nervensystem (ZNS) besteht aus den Neuronen in Gehirn und Rückenmark. Jene Nerven die in Verbindung mit den inneren Organen und der Skelettmuskulatur stehen bezeichnet man gemeinhin als peripheres oder autonomes Nervensystem. Da in dieser Arbeit das Interesse hauptsächlich auf cerebralen Neuronen (d.h. auf solchen im Gehirn) liegt, liegt das Hauptaugenmerk natürlich auf dem zentralen Nervensystem. Verweise auf das periphere System werden, so sie nötig sind in den einzelnen Kapiteln erklärt und bedürfen daher auch keiner speziellen Ausführung im Rahmen dieses Anhangs.

Die Angaben der Anzahl der Neuronen im menschlichen Gehirn schwankt von rund 10 Milliarden bis zu 100 Milliarden Nerven und rund um den Faktor 10 mehr Gliazellen. Da diese Zahl aber eine reine Schätzung darstellt, könnte es sein, daß sie in Wirklichkeit um etwa eine Zehnerpotenz höher anzusiedeln ist. Jene Neuronen, die sich in ihrer Gesamtheit im Gehirn befinden, werden als Interneuronen bezeichnet. Neben ihnen gibt es aber auch solche, die über eine oder mehrere Zwischenschaltstellen ihre Nervenfasern bis ins Rückenmark senden. Alle Impulse von Gehirn ins Rückenmark und umgekehrt, passieren das sogenannten Rautenhirn, das aus dem verlängerten Mark und der Brücke besteht. Weiter oberhalb befinden Mittel- und dann Zwischenhirn, dahinter das Kleinhirn. Darüber, direkt unter der Schädeldecke, ist der Sitz des Großhirns mit seinen beiden Hemisphären.

Rückenmark

Das Rückenmark erstreckt sich vom verlängerten Mark (der Medulla oblongata) abwärts bis zum Kreuzbein. Es ist in insgesamt 31 Paare von sogenannten Rückenmarksnervensträngen gegliedert. Es gibt paarweise für jede Seite

  8 Halsnerven

12 Brustnerven

  5 Lendennerven

  5 Kreuznerven

  1 Steißnerv

abhängig davon, nach welchen Teilen der Wirbelsäule die Nerven durch die Wirbellöcher aus dem Wirbelkanal austreten.[cxxii]

Wichtig ist, daß in jedem Rückenmarksnervenstrang sowohl afferente Nervenfasern, die Informationen ans Gehirn weiterleiten, als auch efferente Fasern, die Erregungen an Muskel weiterleiten, vorhanden sind. Die austretenden Axone verzweigen sich sehr schnell und sind entweder Teil des vegetativen Nervensystems, wenn sie in Verbindung mit inneren Organen stehen, oder gehören zum somatischen Nervensystem, wenn sie mit Muskeln des Skeletts eine Verbindung herstellen. Das Rückenmark ist also an folgenden Vorgängen maßgeblich beteiligt:



1.   Übermittlung von Informationen von Haut, Muskeln und Gelenken zum Gehirn

2.   Weiterleitung und Koordination motorischer Impulse vom Gehirn an die einzelnen Muskel

3.   Umwandlung von sensorischer Information

4.   Aufrechterhaltung autonomer, nicht der willentlichen Beeinflussung unterworfener Körperfunktionen[cxxiii]

Da Rückenmarksneuronen in ständiger Verbindung mit höheren Hirnzentren stehen und Kontrolle auf Reflexe ausüben, ist ihre Rolle hinsichtlich der vegetativen Symptome, die Psychedelika oft auslösen zweifellos von Interesse. Auch ihre Beteiligung an zumindest einer Komponente des Schmerzes* steht in wenigstens indirektem Zusammenhang mit solchen Substanzen.

Rautenhirn

Das Rautenhirn setzt direkt oberhalb des Rückenmarks an und befindet sich bereits vollständig innerhalb des Schädels. Der untere Anteil des Rautenhirns ist das verlängert Mark (Medulla), der obere die Brücke (Pons). Beide fungieren als Übertragungsstation für Impulse zwischen dem Gehirn und dem Rückenmark, und das sowohl bei auf- als auch absteigenden Bahnen. Sie sind neben dem Ursprung mehrerer Nerven (u.a. dem Vagusnerv**) auch Zentrum einiger lebenswichtiger Reflexe wie etwa dem Husten, Schlucken und Erbrechen. Diese Hirnregion ist die primäre Schaltstelle für sensorische Informationen aus dem Bereich des Gesichts und des Kopfes.[cxxiv]

Mittelhirn

Gemeinsam mit dem unter ihm liegenden Rautenhirn wird das Mittelhirn gelegentlich auch als Hirnstamm bezeichnet. Das Mittelhirn besteht aus einem oberen und unteren Paar von Strukturen, die als oberes und unteres Vierhügelpaar bezeichnet werden. Neben zwei kleineren Kerngebieten, die an der Motorik des Gesichts, vor allem aber an der Okulomotorik gewichtigen Anteil haben, beinhaltet es auch das sogenannte retikulare System. Die Formatio reticularis ist ein weitläufiges System von diffus organisierten Nervenzellen, deren Fasern über Verbindungsbahnen bis an die Grenzen des Zwischenhirns und die Ausläufer des Rückenmarks reichen. Neben der Steuerung vegetativer Symptome und der Koordination von Reflexen zu komplexeren Abläufen, beeinflußt das retikulare System auch den Wachheitsgrad und die Aufmerksamkeit.[cxxv] Besonders interessant ist die Tatsache, daß ein ständiger Fluß von Erregungen an die Großhirnrinde weitergeleitet wird. Dadurch kann die Bewußtseinslage bzw. das Bewußtsein in seiner Gesamtheit signifikant verändert werden. Vieles deutet darauf hin, daß diese Region maßgeblich an den von Psychedelika hervorgerufenen Bewußtseinsveränderungen beteiligt ist.

Kleinhirn

Das Kleinhirn (Cerebellum) ist eine große und stark gegliederte Struktur, die sich als Anhängsel hinter dem Hirnstamm auf der Rückenseite befindet. Das Kleinhirn ist der evolutionären Frühzeit des Menschen zuzurechnen und vor allem an der Motorik beteiligt. Es ist über auf- und absteigende Bahnen mit dem Großhirn, aber auch mit dem Rückenmark über sogenannte extrapyramidale Leitungen verbunden und gibt auf diesem Wege meist indirekte Befehle an motorische Regionen. Defizite in der Aktivität des Kleinhirns, sei dies nun organisch bedingt oder aufgrund psychoaktiver Substanzen (u.a. Alkohol), machen sich mit Koordinations- und Gleichgewichtsverlust, Taumeln und ähnlichen Symptomen, wie sie auch für den Zustand der Trunkenheit charakteristisch sind, bemerkbar. Dennoch kommt es bei völliger Funktionsunfähigkeit des Kleinhirns kaum zu Ausfallerscheinungen, da andere Gehirnregionen den Verlust offenbar kompensieren können.[cxxvi]

Zwischenhirn

Das Zwischenhirn (Diecephalon) ist am oberen Ende des Hirnstammes angesiedelt und wird von oben von beiden Großhirnhälften begrenzt. Es läßt sich in zwei größere Komplexe einteilen, die ihrerseits wiederum aus einer Vielzahl kleinerer Strukturen bestehen

Thalamus

Seine Bedeutung liegt in der Umschaltfunktion zwischen den sensorischen Erregungen aller Sinnesrezeptoren (ausgenommen der Geruchssinn) mit dem Großhirn. Er ist außerdem, so wie die Formatio reticularis ein Glied in jener Leitung, die sensorische Informationen mit vegetativen Symptomen und Reflexen verbindet. Der Thalamus läßt sich am ehesten mit einer Relaisstation vergleichen, die Signale nicht nur weiterleitet, sondern auch auswertet und koordiniert. Assoziationskerne leiten Erregungen an bestimmte Regionen in der Großhirnrinde weiter, die den jeweiligen Sinnen zugeordnet sind. Neben diesem spezifischen System gibt es auch ein nicht-spezifisches, dessen Gebiete nicht so klar umrissen werden können und daher als Assoziationsfelder bezeichnet werden. Neben einer diffusen Weitergabe von Informationen an das Großhirn, hängen diese Areale mit der Entstehung von Schlaf zusammen.

Die motorischen Abfolgen vom Übergang Wach zu Schlaf werden in diesem Bereich festgelegt. Überhaupt scheint der untere Teil des Thalamus, der sogenannte Subthalamus neben dem Kleinhirn ein weiteres wichtiges motorisches Zentrum darzustellen. Die subthalamische Struktur ist auch Teil der bereits erwähnten extrapyramidalen Bahn, eine der beiden wichtigsten Leitungen für motorische Impulse.

Direkt unter der Schädelbasis befindet sich der Hypothalamus, der vorderste Teil des Thalamuskomplexes, der, wie dieser, vor allem mit der Formatio reticularis und dem limbischen System in Verbindung steht. Der Hypothalamus nimmt eine Schlüsselstellung bei der Kontrolle vegetativer Symptome ein, wie er überhaupt starken Einfluß auf das gesamte autonome Nervensystem hat. Er ist vor allem an der Regulierung der Körpertemperatur, dem Wasserhaushalt im Gewebe und der Hormonausschüttung. Durch Releasing Factors steuert der Hypothalamus den Hormonausstoß der von ihr kontrollierten unteren der beiden Hirnanhangsdrüsen, der Hypophyse* . So beeinflußt er z.B. den Sexualtrieb und ist aus diesen und weiteren Gründen Angriffspunkt vieler psychotroper Substanzen.[cxxvii]

Limbisches System

Das limbische System ist ein langgestrecktes Gebiet, das in Laufe der evolutionären Entwicklung aus dem Riechhirn hervorging. Es scheint bei Betrachtung eines Längsschnittes den Thalamuskomplex nach obenhin gegen das Großhirn zu umschließen. Diese System ist dem des Thalamus übergeordnet und beinhaltet neben vielen kleineren Strukturen auch Hippocampus und Mandelkern (Amygdala). Neben der Kontrolle über eine Vielzahl von Trieben scheint das limbische System auch stark mit dem Entstehen von Emotionen gekoppelt zu sein. Nicht nur in das momentane Verhalten, sonder auch in den Vorgang des Erlernens und das Entstehen von Lustgefühlen wird eingegriffen. Das sogenannte limbische Belohnungszentrum spielt eine fundamentale Rolle beim Mißbrauchspotential vieler Drogen und ist Angriffspunkt fast jeder psychoaktiver Substanz.[cxxviii]

Großhirn

Das Großhirn (Neo- oder Isocortex) ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste Teil des menschlichen Gehirns. Es ist allen anderen Teil des ZNS übergeordnet und greift in motorische, sensorische und autonome Bereiche ein. Vor allem aber ist es der Sitz des Bewußtseins, der Persönlichkeit und der Denkvorgänge. Bereichen also die nach wie vor physiologisch kaum zu erfassen sind. Das Großhirn nimmt den bei weitem größten Teil des Schädels ein. Dennoch ist seine Oberfläche nur etwa zu einem Drittel sichtbar, der Rest befindet sich in den zahlreichen Furchen.[cxxix] Geteilt in eine linke und rechte Hemisphäre werden diese beiden Teile von einer starken und multisynaptischen Struktur, dem Balken miteinander verbunden. Jede Großhirnhälfte besteht aus vier Lappen:

1.   Frontal- oder Stirnlappen

2.   Parietal- oder Scheitellappen

3.   Okzipital- oder Schläfenlappen

4.   Temporal- oder Hinterhauptslappen

Von ihnen kann dabei jeder unterschiedliche Funktionen wahrnehmen. So sind dort z.B. primäres Hör-, Seh- und Riechfeld angesiedelt, was zu einer Beteiligung an der Integration von Hören und Sehen oder der räumlichen Vorstellung führt.

Von besonderem Interesse sind aber die sogenannten motorischen und somato-sensorischen Rindenfelder. Die motorische Region ist in der Lage willkürliche Bewegungen der Skelettmuskulatur zu steuern. Die Impulse werden dabei entweder direkt über eine der beiden Pyramidenbahnen (die Impulse passieren dabei die sogenannte pyramidale Struktur im Hirnstamm) oder indirekt über die extrapyramidale Bahn ins Rückenmark geleitet, von wo sie schnell zu den jeweiligen Muskeln gelangen. Die einzelnen motorischen Felder sind einem bestimmten Körperteil zugeordnet und entsprechend der zur Steuerung erforderlichen Präzision in ihrer Große unterschiedlich gestaltet. Direkt hinter den motorischen Regionen befindet sich das sensorische Rindenfeld, das den einzelnen Körperfühlregionen wie z.B. Auge, Gesicht oder Hand zugeordnet ist. Die linke Hirnhälfte steuerte dabei die rechte Körperseite und die rechte Hirnhälfte die linke Körperhälfte.

Daneben gibt es noch große Gebiete unspezifischer Assoziationsfelder, die an hohen und höchsten Gehirnfunktionen beteiligt sind, und die das Zusammenspiel vieler Areale benötigen. Besondere Fähigkeiten des Menschen wie z.B. akustische Erinnerungsbilder, Sprache, Ton- und Melodiebildung oder Lesen haben hier ihren Sitz und werden von verschiedenen Zentren gesteuert, die zwischen unterschiedlichen Regionen vermitteln und räumlich nicht immer exakt abzugrenzen sind.[cxxx]

Das Neuron als funktionelle Einheit

Die Nervenzellen sind die Grundbausteine des Gehirns. Obwohl sie viele Gemeinsamkeiten mit anderen Zellen in unserem Körper haben gibt es doch einige fundamentale Unterschiede. Zum einen liegen sie in Form und Aufbau der Nervenzelle, zum anderen in der Tatsache daß sie zwar in unglaublich großer Zahl vorliegen (ca. 100 Milliarden), sich nach Abschluß der embryonalen Entwicklung aber nicht mehr durch Teilung vermehren können. Das heißt daß der Vorrat an Neuronen bei der Geburt für ein ganzes Leben reichen muß und tagtäglich bis zu unserem Tod Tausende von Nervenzellen absterben.

Ein typisches Neuron besteht aus einem Zellkörper, das auch den Zellkern enthält, zahlreichen Dendriten und dem Axon, der Nervenfaser. Der Zellkörper bietet die biochemischen Voraussetzung für die Synthese von Enzymen und anderen Stoffen. Ihm entspringen dünne, sich rasch verästelnde Fortsätze, die Dendriten. Sie stehen mit benachbarten Nervenzellen in Kontakt und nehmen mit ihrer Doppelmembran ankommende Signale auf. Selbst sendet die Zelle natürlich auch Impulse. Dies geschieht über das Axon oder die Nervenfaser. Es kann von wenigen Millimetern Länge bis zu einem Meter reichen, wie z.B. bei den Axone in der Wirbelsäule. Meist entspringt dem Zellkörper nur ein Axon, das sich aber stark aufspalten kann. Am Ende des Axons befinden sich die Synapsen, die eine Verbindungen mit anderen Nervenzellen herstellen können. Meist stellt eine Nervenzelle auf diese Weise mit ca. 1.000 anderen Neuronen Verbindung auf, und benötigt dabei rund 10.000 Synapsen.[cxxxi]

Die Synapse ist also eine Verbindung zwischen dem präsynaptischen Axon und dem postsynaptischen Dendriten. Sendet der Zellkörper einen Impuls aus, so schüttet die Synapse spezielle Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter aus. Da die Synapse nicht direkt an der benachbarte Zellmembran anliegt, sondern einen Spalt von einigen Nanometern läßt, müssen die Transmittermoleküle diese Strecke zurücklegen und können so an eigene Rezeptoren am nachgeschalteten Neuron binden und einen komplexen biochemischen Ablauf in der Membran initiieren. Je nach Art des Rezeptors kann das Resultat eine Erregung oder Hemmung des postsynaptischen Neurons sein. In einigen Fällen ist dabei aber nicht nur das nachgeschaltete, sondern auch das ausschüttende Neuron betroffen. Ob das Neuron nun genügend erregt wird um selbst einen Impuls auszusenden hängt von der Summe aller eingehenden Reize ab, da die Nervenzelle ja viele Dendriten ausbildete die mit Tausenden von anderen Zellen in Verbindung stehen. Man spricht dabei von der Konvergenz der Informationsübertragung. Anderseits sendet das Neuron aber auch selbst an viele andere Zellen Impulse, da sich das Axon in seinem Verlauf ja stark verzweigt. Hier ist von Divergenz die Rede.[GM12] 

Konvergenz und Divergenz sorgen dafür, daß Neuronen miteinander in Beziehung stehen und Bereiche ausbilden, in denen besonders die Zellkörper stark konzentriert sind. Man nennt diese Gebiete Kerne (lat. Nuclei), die sich untereinander zu großen Strukturen wie etwa dem Thalamus oder dem Hippocampus gruppieren können. Auch Axone können Bündel bilden die von einer Gruppe von Zellkörpern Leitungen zu einer anderen ziehen, wie z.B. die pyramidalen Bahnen.

Die Neuronen machen aber nur rund die Hälfte des Hirnvolumens aus, die anderen 50 % nehmen die sogenannten Gliazellen ein. Ihre Rolle ist mit Ausnahme der Schwann'schen Zellen noch immer nicht verstanden. Diese Zellen bilden Myelinhüllen um Axone und beschleunigen dadurch die Leitungsgeschwindigkeit von Impulsen. Andere Gliazellen stützten und stabilisieren das neuronale Geflecht. Sie sind am Aufbau der Blut-Hirn-Schranke beteiligt, die das Gehirn vor schädlichen Einflüssen schützt und nehmen zahlreiche Hilfsfunktionen wahr. Ob auch sie Rezeptoren zur Bindung von Neurotransmittern besitzen ist bis jetzt noch unklar. Fest steht daß die Existenz der Gliazellen eine der vielen Unbekannten ist, die dazu beiträgt, daß das Rätsel des menschlichen Gehirns noch lange nicht vollständig zu lösen sein wird.

Der Zellkörper

Der Zellkörper oder das Soma weist am meisten Ahnlichkeit mit anderen Körperzellen auf. Es besitzt die gleichen Zellorganellen (Mitochondrium, Endoplasmatisches Retikulum, Golgi Apparat, Lyosom u.a.) und trägt in seinem Kern den genetischen Code. Zellkörper werden je nach ihrer Form in Kugel- oder Pyramidenzellen unterschieden. Dem Soma kommt fundamentale Bedeutung dadurch zu, daß es durch seine Erregbarkeit bestimmt, ob das Neuron einen Impuls aussendet. Informationen, die über die Dendriten oder auch den Zellkörper direkt aufgenommen werden, können die Erregbarkeit fördern oder hemmen. Der Nettoeffekt drückt sich dann in der Erzeugung eines Aktionspotentials aus. Obwohl psychoaktive Substanzen eher im Bereich der synaptischen Terminals eingreifen, können sie ihre Wirkung auch über eine direkte Einflußnahme am Zellkörper entwickeln

Das Axon

Generiert der Zellkörper in Folge seiner Erregung ein sogenanntes Aktionspotential, muß dieses so schnell wie möglich weitergeleitet werden. Das geschieht über das Axon, das auch Nervenfaser oder Neurit genannt wird, und das meist von einer sogenannten Markscheide umgeben ist, um die Leitgeschwindigkeit zu erhöhen. Über das Axon werden auch die im Zellkörper synthetisierten Proteine und Vesikel in die synaptischen Terminals transportiert. Das geschieht über einen molekularen Motor, der mit der Umwandlung von ATP zu ADP betrieben wird. Von psychotropen Substanzen bleibt das Axon trotz seiner bedeutenden Rolle in der Informationsweiterleitung in der Regel unbeeinflußt.

Synaptische Terminals

Am Ende den Enden der verästelten Nervenfaser befinden sich synaptische Endknöpfchen, insgesamt rund 10.000 pro Axon. Sendet der Zellkörper ein Aktionspotential das über das Axon geleitet wird, so strömt Calcium in das Endknöpfchen ein. Dies setzt eine Reihe von biochemischen Prozessen in Gang, die die Ausschüttung des Botenstoffes zur Folge haben. Die mit Transmittermolekülen gefüllten Bläschen, die Vesikel, aktivieren ein Protein in ihrer Hülle, das sie an der Nervenmembran andocken und dann mit ihr verschmelzen läßt. Dieser Vorgang wird als Exocytose bezeichnet. Der Neurotransmitter wird dabei in den synaptischen Spalt entlassen, wo er sich an die Rezeptoren des postsynaptischen Neurons binden kann. Die nun leeren Vesikel werden im Inneren der Endknöpfe entweder zersetzt oder wieder angefüllt. Auch die Transmittermoleküle, die sich frei im Spalt befinden, nachdem sie ihre Bindung mit den Rezeptorproteinen aufgegeben haben, werden entweder wieder in die synaptischen Terminals transportiert oder von eigenen Enzymen noch im Spalt metabolisiert. Die meisten psychoaktiven Substanzen entfalten im Bereich der Synapsen ihre Wirkung indem sie z.B. die Ausschüttung von Neurotransmittern provozieren oder aber die Transmittermoleküle selbst imitieren und sich ihrer Statt an die Rezeptoren binden, was mitunter ein völlig anderes Ergebnis am postsynaptischen Neuron zur Folge hat.

Die Dendriten

Die Nervenfasern eines Neurons stehen also über die Synapsen mit den Dendriten eines anderen Neurons in Kontakt. Der Membran des postsynaptischen Dendriten kommt dabei eine spezielle Rolle zu. Die Doppelschicht lipider (d.h. fetthaltiger) Moleküle bildet dabei wie in vielen anderen Zellen eine Schutzhülle. In diese Schicht sind verschiedenartige Molekülkomplexe eingebettet, unter anderem die für die Dendriten typischen Rezeptor­proteinkomplexe. Werden durch einen Nervenimpuls Botenstoffe, die sogenannten Neurotransmitter freigesetzt, binden sich diese an die Rezeptoren und verändern deren Struktur. Meist sind die Rezeptorproteine so angeordnet, daß sie in ihrer Mitte einen Kanal bilden, der einen Durchgang von der Innen- zur Außenseite der Nervenmembran öffnet, wenn ein Transmittermolekül andockt. Der Botenstoff wirkt also wie ein Schlüssel der ein Schloß, nämlich den Kanal öffnen kann. Während der Kanal offensteht können selektiv bestimmte Ionen (normalerweise Ca++, Na+, K+ oder Cl-) in die postsynaptische Zelle ein- oder aus­treten können. Nach einer bestimmten Zeit löst sich das Transmittermolekül und die Pore schließt sich wieder. In der Zwischenzeit wurden durch den Ioneneintritt die elektrischen Eigenschaften des Neurons verändert. Das kann auch durch sogenannte sekundäre Botenstoffe (second messenger) geschehen. In einem solchen Fall ist der transmembrane Ionenfluß nur der Auslöser, der eine Vielzahl innerzellulärer Vorgänge in Gang setzt, die dann die Anderung bewirken.

Eine Veränderung der elektrischen Spannung eines Neurons gegenüber dem Außenmedium kann das Entstehen eines Aktionspotentiales entweder begünstigen oder hemmen. Wird dabei der Unterschied der Ladungen inner- und außerhalb der Membran verringert, d.h. depolarisiert, wirkt sich das günstig auf das Entstehen eines Impulses aus und man spricht von einem EPSP (exzitatorisches postsynaptisches Potential). Im anderen Fall, bei einer Erhöhung der Spannung durch Hyperpolarisation, die hemmend wirkt, ist von einem IPSP (inhibitatorisches postsynaptisches Potential)  die Rede. Da ein Neuron zu jeder Zeit von einer Vielzahl von erregenden und hemmenden Potentialen beschossen wird, befindet es sich in einem für sich speziellen Gleichgewicht, welches durch das Einwirken von psychedelischen Drogen, die körpereigene Neurotransmitter imitieren, gestört wird.

Die Gliazellen

Gliazellen, deren Zahl die der Neuronen um das 10fache übersteigt, umgeben diese und füllen den Platz zwischen ihnen aus. Man unterscheidet zwei Arten dieser Zellen: Astrocyten und Oligodendrocyten. Letztere, deren Name "Zellen mit vielen Verästelungen" bedeutet bilden die Markscheide und heißen in peripheren System auch Schwann'sche Zellen. Sie ermöglichen erst eine ausreichend rasche Weiterleitung eines Impulses. Ihre Beschädigung geht mit Krankheiten wie Multipler Sklerose einher. Wahrscheinlich haben die Gliazellen neben der Myelination auch Anteil an weniger gut verstandenen Funktionen wie etwa der Aufnahme von Ionen, der Stabilisierung des Geflechts von Nervenzellen oder gar dem Speichern von Erinnerungen.[cxxxii]

Signalübertragung im Gehirn[2]

Um Signale von einer Nervenzelle zur nächsten weiterleiten zu können, bedienen sich die Neuronen des sogenannten Aktionspotentiales. Es ermöglicht bei seiner Ankunft in den Synapsen das Einfließen von Calcium in die Endknöpfchen und die Ausschüttung von Neurotransmittern in den synaptischen Spalt.

Das Neuron im Ruhezustand

Die Doppelmembran der Nervenfaser trennt Medien verschiedener Ionenkonzentration. Auch wenn kein Aktionspotential über das Axon geleitet wird, entsteht so in Folge der unterschiedlichen Ladungskonzentration eine elektrische Spannung. Kalium-Ionen weisen eine hohe Konzentration an der Membraninnenseite, Natrium-Ionen an der -außenseite auf. Alle Kanäle, die einen Austausch zwischen beiden Ionenarten erlauben würden sind im Ruhezustand geschlossen. Gelegentlich dennoch diffundierende Ionen werden durch spezielle Pumpenproteine wieder auf die richtige Seite transportiert. In diesem Zustand befinden sich insgesamt mehr Kationen außerhalb der Membran, weshalb die Spannung, das sogenannte Ruhepotential in negativen Voltwerten angegeben wird. Dieses Ruhe- oder Membranpotential bewegt sich im Bereich von rund -80 mV.

Entstehung eines Aktionspotentiales

Im Gegensatz zu den Ionenkanälen auf den Dendriten, die hauptsächlich durch Transmitter, d.h. chemisch, gesteuert werden, sind die axonischen Kanäle spannungsabhängig. Wird die Ruhespannung nun herabgesetzt, z.B. durch die Signale von vorgeschalteten Neuronen, und überschreitet dabei einen gewissen Schwellenwert, so verändert sich der Zustand der Kanäle signifikant genug, um ein Aktionspotential (spike) zu erzeugen. Es öffnen sich wie in einer Kettenreaktion sämtliche Natriumkanäle eines Abschnittes und lassen die Ladungsträger ins Innere strömen, das sich dadurch kurzfristig der Außenseite gegenüber positiv auflädt. Etwa eine Millisekunde später öffnen sich dann Kaliumkanäle und stellen das Ruhepotential  wieder her, indem sie die Ionen ins Außenmedium entlassen. Die Pumpenproteine sorgen anschließend für eine Wiederherstellung der ursprünglichen Konzentration. Das Aktionspotential pflanzt sich über das ganze Axon bis zu den Endknöpfchen hin fort, indem es an benachbarten Stellen ebenfalls das Membranpotential über den Schwellwert erniedrigt und somit den Impuls weiterleitet. Das Vorhandensein einer Markscheide beschleunigt diesen Prozeß. Die Amplitude des Aktionspotential bleibt aber  immer gleich.

Die Reizstärke ist also nicht an der Höhe des Aktionspotentials, sondern vielmehr an seiner Frequenz abzulesen. Da ein Axon nach einem gerade abgefeuerten Impuls eine gewisse Zeit gänzlich unerregbar und dann nur mit erheblichen Mehraufwand erregbar ist (absolute und relative Refraktärzeit), muß eine sehr große Erregung vorhanden sein um nach kurzer Zeit weitere Aktionspotentiale zu erzeugen. Dennoch kommt es in großer Zahl vor, daß Neuronen spontan (d.h. ohne äußeren Anlaß) regelmäßig oder in Mustern Impulse feuern.[cxxxiii]

Kommunikation via Neurotransmitter

Neurotransmitter sind die in den synaptischen Vesikeln gespeicherten Botenstoffe, die bei einem impulsinduzierten Calciumeinstrom durch den Vorgang der Exocytose in den synaptischen Spalt diffundieren. Mittlerweile sind rund 40 Transmitterstoffe bekannt, ihre Gesamtzahl wird aber auf bis zu 100 geschätzt. Einige Transmitter werden als Neurohormone bezeichnet, da sie nicht ausschließlich im Gehirn vorkommen und auch in anderen Teilen des Körpers Veränderungen auslösen, wie z.B. das Adrenalin. Die Grenzen sind aber hier fließend, da ein bestimmter Stoff selten nur eine einzelne Funktion erfüllt.

Transmittermoleküle müssen in den Neuronen meistens erst durch eigene Enzyme synthetisiert werden und werden durch eben solche auch wieder abgebaut. Die einzelnen Moleküle, die als Liganden bezeichnet werden, binden nach ihrer Ausschüttung an Rezeptoren, für die sie eine hohe Affinität aufweisen. Oft gibt es für einen Neurotransmitter aber mehrere gleichwertige Subtypen eines Rezeptors. Da kein Subtyp bevorzugt wird, wird an jeden gleich stark gebunden. Ein Gleichgewicht, das durch psychoaktive Substanzen leicht gestört werden kann. Neuronen die einen gemeinsamen Neurotransmitter als Botenstoff verwenden kommen meist in direkter Nachbarschaft und eng umrissenen Gebieten vor, die oft mit den bereits erwähnten Nuclei und Bahnen identisch sind.

Neurotransmitter sind entweder einfache organische Moleküle (Monoamine), Aminosäuren oder ganze Peptidketten, wie z.B. die Endorphine (körpereigene Opioide). Einige der verbreitetsten Neurotransmitter sind beispielsweise:

Transmitter

Rezeptoren

Acetylcholin

muscarinische und nicotinische Rezeptoren

Dopamin

verschiedene Subtypen

Noradrenalin

Subtypen a-b

Serotonin

Subtypen 1-4

Histamin

Subtypen H1-H3

Aminobuttersäure

Subtypen A-C

Glutaminsäure

verschiedene Subtypen

Opioidpeptide

h, d, und k Rezeptoren

Tabelle 10: Bekannte Neurotransmitterstoffe[cxxxiv]

Den einzelnen Subtypen des Serotoninrezeptors kommt bei der Erklärung, wie Halluzinogene ihre Wirkung entfalten konnen, eine entscheidende Rolle zu. Sie werden an anderer Stelle ausführlich besprochen. Verwiesen sei auch auf die Literaturangaben in den einzelnen Kapiteln.

Literaturverzeichnis

[1] Drogen und Psychopharmaka, Robert M. Julien
Spektrum Akademischer Verlag. Heidelberg, Berlin, Oxford 1997

[2] Lexikon 2000
Wissen Verlag Stuttgart 1971

[3] Biologie Teil 2, Linder
Verlag Gustav Swoboda & Bruder. Wien 1989

[4] The Neuron, Irvin B. Levitian/Leonard K. Kaczmarek
Oxford University Press. New York, Oxford 1997

[5] Gehirn und Nervensystem
Spektrum der Wissenschaft. Heidelberg 1988




   * Albert Hofmann meint in [3] dazu:

      "Es ist überliefert, daß den [in den eleusischen Mythos] Einzuweihenden vor der letzten Zeremonie ein Trank, der kukeon, verabreicht wurde. Man weiß auch, daß Gerstensaft und Minze Bestandteile des kukeon waren. Religionswissenschaftler und Mythenforscher [.] sind der Meinung, daß dem kukeon eine halluzinogene Droge beigemischt war." Und weiter: "In der Publikation ¸Der Weg nach Eleusis' wird die Möglichkeit erwogen, daß es sich dabei um ein Präparat aus Mutterkorn gehandelt haben könnte."

     Leider war es mir trotz intensiver Bemühungen nicht möglich, Zugang zu diesem Werk zu erhalten, so daß dieser sicherlich überaus interessante Aspekt der Geschichte des Mutterkorns in dieser Arbeit leider nicht gebührend berücksichtigt werden kann.

   * siehe auch die Strukturformel in Anhang B

   * In Ermangelung allgemein verständlicher Artikel zur Chemie des LSD, mußte ich diesen Abschnitt auf jene Bereiche kürzen, die in Kenntnis des Oberstufen-Chemiestoffes nachvollziehbar sind.

  ** sie lautet C20H27ON3 und weist ein Molekulargewicht von 325,4 aus.

   * Tatsächlich beruhen diese Untersuchungen hauptsächlich auf den Arbeiten von Dr. Albert Hofmann, der ja der Entdecker des LSD ist.

  ** Es sei angemerkt, daß aufgrund dieser Beschreibung niemand im Stande sein kann, LSD anzufertigen, da nur der reaktionsmäßige Verlauf wiedergegeben ist. Angaben über Art, Menge und Konzentration der Lösungsmittel, sowie Hinweise die Arbeitstechnik oder Zeitangaben betreffend, wurden bewußt ausgelassen.  Im übrigen glaube ich kaum, daß die nötigen Ausgangsmaterialen ohne besondere Befähigung überhaupt zu beschaffen sind. Wenn jemand also unbedingt an LSD gelangen möchte, so geschieht dies sicherlich nicht durch die hier beschriebene Synthese .

   * Ein Lösen ist nur in organischen Verbindungen möglich, in Wasser sind alle LSD-Isomere nahezu unlöslich.

  ** siehe Kapitel 4: Mögliche Wirkmechanismen bzw. Anhang A: Das Serotoninsystem

*** Das entspricht etwa 1/1.000 - 5/1.000 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht

   * Nicht berücksichtigt sind natürlich Todesfälle, deren Ursache zwar im Einfluß von LSD liegt (Suizid), aber nicht direkt auf die toxische Wirkung zurückzuführen sind.

  ** Das bedeutet, daß sich an Positon 2, 12 bzw. 13 am LSD-Molekül eine OH-Gruppe befindet.

   * Ein berühmtes Beispiel gibt ein Bericht, demzufolge ein indischer Guru auf zwei extrem hohe Dosen LSD, nämlich 900 bzw. 1200 mg nicht ansprach. Auch gibt es unter Psychiatrie-Patienten einige, die bis zu einer Dosis von gar 1500 mg resistent bleiben.

  ** Bei Tierversuchen werden ungleich höher Dosen, bezogen auf mg LSD pro kg Körpergewicht, verwendet, so daß hier meist sehrwohl eine Korrelation vorliegt.

   * Das Erkennen von Formen als Vakuolen, Chromosomen oder Benzolringen geht wohl auf die naturwissen-schaftliche Beobachtungsweise der Versuchsperson zurück.

  ** In [4] findet sich ein interessanter Verweis des Autors auf Johann Wolfgang von Goethes Farbenlehre, gemäß der "die Farben  Gelb, Gelbrot, Zinnober zur Plusseite gehören, Blau, Rotblau, Blutrot aber zur Minusseite". In der Tat kann man einigen Erfahrungsberichten eine Verbindung zwischen Farben und Gefühlslage entnehmen.

   * So ist für das Auftreten von visuellen Halluzinationen eine funktionierene Retina nicht zwangsläufig notwendig, wie Versuche mit blinden Probanden ergaben.

   * Sämtliche LSD-Versuche, aus deren Protokollen hier zitiert wird, fanden unter ärztlicher Aufsicht statt. In [4] schreibt W.A. Stoll ausdrücklich:

     Von Bedeutung ist die Tatsache, daß recht merkbare Anklänge von Suizidalität bestanden; die ärztliche Überwachung der Versuche ist daher unbedingt notwendig!

   * S. Grof bezeichnet das Verabreichen von LSD an eine Person ohne deren Wissen und Einverständnis, wie dies etwa bei frühen psychologischen Untersuchungen oder während der Hippie-Kultur gang und gäbe war, aber auch von Geheimdiensten als Mittel zur Gehirnwäsche erwogen wurde, als kriminellen Erwartungsrahmen, da er die geistige und körperliche Gesundheit der betroffenen Person nachhaltig schädigen kann.

   * J.H. Gaddum et.al. und D.W. Wooley et.al.

   * vergleiche dazu auch den Begriff Depletion auf Seite 16

   * Huxley wußte dabei natürlich nicht von der Rolle des Serotoninsystems und den Raphe Nuclei, sprach aber von einem Ventil, das eingehende Reize, die für das Überleben nicht wichtig wären abhalten würden und psychedelische Substanzen dieses Ventil zu offnen im Stande wären.

  ** Potenz angeben für den Menschen, in absoluten Werten (mg)

*** ED50 gibt jene Menge an, die nötig ist um bei der Hälfte einer Population signifikante Wirkungen zu erzeugen

   * Es ist üblich das radioaktive Atom in eckigen Klammern anzugeben. Bei den meisten, relativ einfachen, organischen Molekülen kommt dafür nur das Tritium in Frage.

  ** THC, kurz für  D-TetraHydroCannabinol, ist der Wirkstoff des Marijuana.

   * Bevor die Sandoz AG 1963 die Abgabe von LSD sperrte, wurde es unter dem Markennamen Delysid (LSD‑25) an Arzte abgegeben. Auf dem Beipacktext finden sich folgende Indikationen:

a)Zur seelischen Auflockerung bei analytischer Psychotherapie, besonders bei Angst- und Zwangsneurosen

          b)Experimentelle Untersuchungen über das Wesen der Psychosen

  ** Die Verkürzung beträgt nach einer Schätzung H.C. Leuners etwa zwei Drittel im Vergleich zur sonst benötigten Zeit. Allerdings muß man bedenken, daß sich die klassische Psychoanalyse Jahre, wenn nicht Jahrzehnte hinziehen kann, bis sie zu Ergebnissen kommt.

   * eine solche einmalig überwältigende Dosis (overwhelming single dose) beträgt laut Stansilav Grof für LSD zwischen 300 und 1.500 mg.

  ** Im fogenden beziehe ich mich ausdrücklich auf das theoretische Gebäude S. Grofs, das in wesentlichen Punkten auch mit anderen, wie etwa dem H. C. Leuners übereinstimmt. 

   * COEX = systems of condensed experience (Systeme verdichteter Erfahrung)

  ** perinatal ist eine Wortneuschöpfung aus peri (= um etwas herum) und natus (= geboren) und bedeutet daher in etwa die Geburt betreffend .

   * Grof definiert die Rolle des LSD so:

       Ein hochwirksamer unspezifischer Verstärker oder Katalysator der biochemischen und neurophysiologischen Vor-gänge im Gehirn. Es scheint einen Zustand allgemeiner undifferenzierter Aktivierung zu bewirken, der das Auf-tauchen unbewußten Materials aus den verschiedenen Schichten der Persönlichkeit begünstigt.

  ** Auf diesen Aspekt der LSD-Forschung wird im Buch "Die Begegnung mit dem Tod" von Joan Halifax und Stanislav Grof, in dem die Sterbebegleitung von Krebspatienten beschrieben wird ausführlich eingegangen.

   * Möchte man die Ebenen jeweils einer bestimmten Schule zuordnen so wäre dies die Psychoanalyse Sigmund Freuds, das von Otto Rank beschriebene "Trauma der Geburt" und C.G. Jungs Lehre der Archetypen.

   * u. a. NeuroLogic, Über die Kriminalisierung des Natürlichen oder Höhere Intelligenz und Kreativität

   * vgl. dazu auch den Begriff krimineller Erwartungsrahmen in der Fußnote auf S. 14

   * die Essays The Doors of Perception (Die Pforten der Wahrnehmung) und Heaven or Hell (Himmel oder Hölle)

   * siehe auch die Strukturformel in Anhang B

  ** Die Transmitterstoffe Adrenalin (Epinephrine), Noradrenalin (Norepinephrine) und Dopamin werden ge­wöhnlich zur Gruppe der Catecholamine zusammengefaßt.

   * siehe auch die Strukturformeln in Anhang B

  ** Aminosäuren die Vorstufen für Neurotransmitter oder  -hormone sind werden in der Literatur auch als biogene Amine bezeichnet.

*** Eine gebräuchliche Abkürzung für Serotonin ist 5-HT, was sich von seinem chemisch korrekten Namen ableitet.

   * Der Name "Serotonin" setzt sich ja aus den Bestandteilen serum und tonus (= Muskelspannung) zusammen.

   * Es sind sowohl Agonisten, als auch  Antagonisten aufgeführt. Es sind nach Möglichkeit jene Substanzen aufgeführt, die eine sehr hohe Affinität für den jeweiligen Subtyp aufweisen.

  ** Der 5-HT1A-Subtyp stellt den strukturell am besten erforschten Serotoninrezeptor dar.  Bei ihm ist als einzigen auch die molekulare Größe bekannt. Sie beträgt 60 kD für den eigentlichen Rezeptorkomplex und  90 kD für das G-Protein.

   * Das hat allerdings keinen Einfluß auf seine Bezeichnung. Er wird daher immer noch als 5-HT1C bezeichnet.

   * u.a. D.W. Wooley et.al.

  ** eine der abstrusesten Theorien wollte die Schizophrenie sogar durch einen serotonininduzierten Abfall des Blutdrucks im Gehirn erklären.

***   Durch das Fehlen dieser Aminosäure konnte kein neues Serotonin synthetisiert werden. Siehe dazu auch den Absatz Serotoninsynthese und -stoffwechsel auf Seite 19 .

   * der Ausdruck vor dem Querstrich gibt eine ungefähre Angabe über die Spezifität für Monoamine im allgemeinen, der nach dem Querstrich nur für Serotonin .

  ** trycyclisch deutet auf eine gleiche Struktur aus drei Ringen hin, die allen diesen Präparaten zugrunde liegt .

* Dieses Kapitel stellt notwendigerweise eine Zusammenfassung aus den im Literaturverzeichnis angeführten Werken dar. Ich habe mich bemüht einen möglichst geschlossenen Überblick zu geben, wobei vielerlei Information kombinert wurde, sodaß dieser Anhang hoffentlich mehr als nur ein Exzerpt aus medizinisch-biologischen Lehrbüchern darstellt und auch einen nicht geringen Anteil an eigener Arbeit beinhaltet.

* nämlich an der spezifisch-sensorisch Komponente der von Roland Melzack formulierten Schmerztheorie. Vergleiche auch  das Buch "Die Begegnung mit dem Tod", Stanislav Grof/Joan Halifax

** Otto Löwis historischer Versuch mit dem Vagusnerv gilt als Grundstein der modernen Neurobiolgie. Sein Experiment wird u.a. in [4] auf S. 14 genauer erläutert.

* Die obere Hirnanhangsdrüse, die Epiphyse, gelangte unter dem Namen Zirbeldrüse zu einer gewissen Bekanntheit. Sie spielt in den Überlegungen des französischen Philosophen René Descartes (1596-1650) die Rolle einer Mittlerin zwischen Geist und Körper.

   [2] Bei diesem Kapitel erwies sich das unter [4] im Literaturverzeichnis angeführte Werk "The Neuron" als sehr hilfreich. Zahlreiche Details, wie etwa die verschiedensten Komponenten der Ströme und Baupläne der Ionenkanäle finden sich dort beschrieben, würden aber den Rahmen einer Fachbereichsarbeit sprengen und sind auch für das Verständnis von der Wirkung psychedlischer Drogen nicht von essentiellem Interesse.



  [i] aus: Die Zeit, Nr 1/53. Jahrgang vom 2. Jänner 1998

[ii] Persönliche Korrespondenz

[iii] aus: Thomas Bernhard, Der Keller, S. 37

[iv] aus: Thomas Bernhard, Der Keller, S. 39

[v] vgl. [1], S. 39

[vi] vgl. [2], S. 193 p.

[vii] cit. [4], S. 197

[viii] cit.  [1], S. 103

[ix] vgl. [1], S. 102 p.

[x] vgl. [3], S. 18

[xi] vgl. [4], S. 198

[xii] vgl. [3], S. 19 pp.

[xiii] vgl.  [5], S. 43 pp.

[xiv] leicht verändert nach [5], S. 52

[xv] vgl. [6], Stichwort "Ergot-Alkaloide"

[xvi] vgl. [3], S. 22 pp.

[xvii] cit.  [3], S. 27

[xviii] cit. part. [3], S. 29 pp.

[xix] einige Daten aus [1], S. 102

[xx] vgl. [1], S. 126 p.

[xxi] vgl. [2], S. 201 pp.

[xxii] ibd.

[xxiii] vgl.  [1], S. 115 pp.

[xxiv] vgl.  [3], S. 261

[xxv] vgl.  [5], S. 335 p.

[xxvi] vgl.  [3], S. 255 pp.

[xxvii] vgl.  [5], S. 337

[xxviii] vgl.  [4], S. 565 pp.

[xxix] ibd.

[xxx] vgl.  [6], S. 66 pp.

[xxxi] einige Daten aus [5], S. 339 p.

[xxxii] vgl.  [2], S. 64 p.

[xxxiii] cit.  [2], S. 61

[xxxiv] vgl.  [2], S. 62 p.

[xxxv] vgl.  [4], S. 285

[xxxvi] vgl.  [1], S. 30

[xxxvii] ibd.

[xxxviii] cit. part. [4], S. 287

[xxxix] vgl.  [1], S. 55 pp.

[xl] ibd.

[xli] vgl. [4], S. 289 p.

[xlii] ibd.

[xliii] vgl.  [2], S. 263

[xliv] vgl.  [6], S. 297

[xlv] cit. [4], S. 289

[xlvi] vgl.  [1], S. 61

[xlvii] vgl.  [5], S. 486 pp.

[xlviii] cit.  [5], S. 478

[xlix] vgl.  [5], S. 464 p.

  [l] vgl. [7], S. 364 pp.

[li] cit. [8], S. 434

[lii] cit. [4], S. 293 p.

[liii] cit. ibd.

[liv] cit. [8], S. 427

[lv] cit. [8], S. 432

[lvi] cit. [8], S. 426

[lvii] cit.  [8], S. 431

[lviii] cit.  [2], S. 251

[lix] vgl. [2], S. 252 p.

[lx] vgl. [2], S. 72

[lxi] vgl. [2], S. 132

[lxii] vgl.  [3], S. 336

[lxiii] vgl.  [6], S. 287

[lxiv] vgl.  [1], S. 325 p.

[lxv] vgl. [2], S. 398 pp.

[lxvi] ibd.

[lxvii] cit.  [1], S. 331

[lxviii] alle Daten aus [4], S. 2507

[lxix] vgl.  [4], S. 2505 pp.

[lxx] vgl. [2], S. 400 p.

[lxxi] ibd.

[lxxii] vgl.  [5], S. 514

[lxxiii] vgl.  [3], S. 390

[lxxiv] vgl.  [5], S. 513

[lxxv] vgl.  [5], S. 509

[lxxvi] vgl.  [5], S. 511 pp.

[lxxvii] vgl.  [6], S. 239

[lxxviii] vgl.  [1], S. 523 pp.

[lxxix] vgl.  [1], S. 39 p.

[lxxx] vgl.  [1], S. 48 p.

[lxxxi] vgl.  [1], S. 161

[lxxxii] vgl.  [1], S. 42 pp.

[lxxxiii] cit.  [2], S. 66

[lxxxiv] vgl.  [2], S. 67 pp.

[lxxxv] ibd.

[lxxxvi] vgl.  [1], S. 308, 360

[lxxxvii] vgl.  [2], S. 120 p.

[lxxxviii] vgl.  [2], S. 125 pp.

[lxxxix] vgl.  [2], S. 176 p.

[xc] vgl. [1], S. 304 pp.

[xci] vgl.  [1], S. 260 p.

[xcii] vgl. [1], S. 64 p.

[xciii] cit. [1], S. 189

[xciv] cit. nach Albert Hofmann

[xcv] Österreichisches Suchtgiftgesetzt, § 11

[xcvi] vgl. [2]

[xcvii] vgl. [3]

[xcviii] cit. nach Aldous Huxley

[xcix] cit. nach Ernst Jünger, aus dem Roman Heliopolis

[c] vgl. [3], S. 105, 107

[ci] vgl. [4], S. 215 p.

[cii] vgl. [5], S. 4 pp.

[ciii] ibd.

[civ] ibd.

[cv] ibd.

[cvi] cit.  [4], S. 217

[cvii] vgl.  [5], S. 10

[cviii] vgl. [6], Stichwort "Serotonin"

[cix] vgl.  [1], S. 389

[cx] vgl. [2], S. 8 pp.

[cxi] ibd.

[cxii] ibd.

[cxiii] ibd.

[cxiv] ibd.

[cxv] ibd.

[cxvi] vgl. [7], S. 199, 202

[cxvii] leicht verändert nach [8], S. 3

[cxviii] vgl. [8], S. 5 p.

[cxix] vgl. [7], S. 203 pp.

[cxx] ibd.

[cxxi] vgl. [7], S. 293 pp.

[cxxii] vgl. [2], Stichwort "Nervensystem"

[cxxiii] leicht verändert nach [1], S. 481

[cxxiv] vgl. [3], S. 122

[cxxv] vgl. [6], S. 101

[cxxvi] vgl. [1], S. 482

[cxxvii] vgl. [1], S. 482

[cxxviii] vgl. [6], S. 142 pp.

[cxxix] vgl. [3], S. 116

[cxxx] vgl. [5], S. 122 pp.

[cxxxi] vgl. [1], S. 492

[cxxxii] vgl. [4], S. 25 pp.

[cxxxiii] vgl. [5], S. 3 pp.

[cxxxiv] leicht verändert fc 237


Seite: 5
 [GM1] Faksimilien der Berichte einfügen

Seite: 14
 [GM2] Delysid (LSD) bei Kapitel über Psychiatrie einfügen.

Seite: 21
 [GM3] Zusammenfassung, Bild, ev. Tabelle !!!!

Seite: 21
 [GM4] Der Versuch einer Erklärung auf Zellebene

Seite: 24
 [GM5] Sie stellen allerdings nur eine Auswahl von eingen Dutzenden Ergebnisse der letzten Jahre dar.

Seite: 36
 [GM6] kleines Bild einfügen, Zusammenfassung!

Seite: 37
 [GM7] Literaturangabe im Anhang B

Seite: 37
 [GM8] unbedingt Bild einfügen

Seite: 39
 [GM9] ev. Diagramm anfertigen, siehe [2]

Seite: 41
 [GM10] Querverweis auf Tabelle einfühen (Pharmakologische Untersuchungen)

 [GM11] Literatur:

[1]   Drogen und Psychopharmaka, Julien

[2]   Biologie Teil 2, Linder

[3]   The Neuron, Levitian

[4]   Gehirn und Nervensystem

[5]   Physiologie des Menschen, Reichel

 [GM12] Zeichnung "The Neuron" Seite 18










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