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Friedrich Durrenmatt



Friedrich Dürrenmatt wurde am 5. Januar 1921 in Konolfingen (Kanton Bern) geboren. Pfarrer Reinhold Dürrenmatt und seine Frau Hulda Dürrenmatt-Zimmermann hatten lange auf Kindersegen gewartet und 1924 wurde ihnen noch die Tochter Vroni geboren.

Reinhold Dürrenmatt galt als guter Seelsorger und besuchte bis ins hohe Alter die Kranken. Mit den Interessen seines Sohnes war er niemals einverstanden, und Fritz, wie Friedrich Dürrenmatt von den Eltern und Spielkameraden genannt wurde, respektierte seinen Vater aber von einer innigen Beziehung konnte keine Rede sein.

Als 'Fritz' Schriftsteller wurde, besuchte sein Vater nur die ersten Premieren, die moderne Literatur blieb ihm fremd.

In der Familie führte die Mutter das Regiment. Auch im Dorf und dessen Umgebung gab sie den Ton an. Sie organisierte Pfarrfrauentagungen und Mütterabende, hielt Vorträge, kümmerte sich um Notleidende, zwischen ihr und Fritz aber war eine Mauer. Dem Sohn mißfielen ihre gespielte Bescheidenheit und ihr unentwegtes leidenschaftliches Beten, da für Hulda Dürrenmatt der Mensch alles nur Gott verdanken konnte - auch Fritz später



seine Erfolge!

Konolfingen war ein Mischdorf, bestehend aus Bauernhöfen und kleinen Fabriken. Alle kennen einander, wissen voneinander. Es gibt keine bessere Schule für das Leben als das Dorf!

Von Friedrich Dürrenmatt wurde als Pfarrerssohn ein exzellent gutes Benehmen erwartet, und wenn er dem nicht entsprach, wurde ihm das besonders angekreidet. Viele gingen ihm aus dem Weg, die Bauernjungen versuchten ihn zu verprügeln.

So wurde er zur Einzelgängerei gezwungen, hatte Zeit, seinen eigenen Gedanken und Träumen nachzugehen.

Im Dorf lebten drei Maler. Allen dreien schaute der Knabe über die Schulter, war aber enttäuscht, daß der jüngste von ihnen lediglich brave Landschaften malte. Ein anderer porträtierte ihn und schenkte ihm fürs Stillsitzen Malkartons. Auf diese hat Dürrenmatt seine ersten Schlachten gemalt und einmal auch eine Sintflut.

In der Bibliothek seines Vaters fand er eine Shakespeare-Ausgabe, illustriert vornehmlich mit Darstellungen von schwerterschwingenden Helden, und ein Buch über Michelangelo.

Einer seiner Lehrer machte ihn mit der Sternenwelt bekannt. Schon als Achtjähriger konnte er sämtliche Sternbilder mit Namen nennen. Er bastelte sich selbst ein Fernrohr - die Liebe zur Wissenschaft ist ihm geblieben.

Als er vierzehn war zog die Familie um nach Bern und er besuchte ein Freies Gymnasium und dann das Humboldtianum. Er war ein miserabler Schüler. Er konnte sich nicht auf den Lernstoff konzentrieren. Lieber zeichnete er und saß in Kinos und Cafés, las Karl May, 'Gullivers Reisen', Wieland, Lessings 'Laokoon', Schopenhauer, Nietzsche. Schließlich trat die Berufswahl an den jungen Mann heran. Dürrenmatt wollte Maler werden, ein anderer Beruf kam nicht in Betracht. Er machte Abitur und wollte die Kunsthochschule besuchen. Aber Frau Dürrenmatt 'bestellte' professionelle Maler, die fanden, daß der junge Mann weitab vom gängigen Stil zeichne und rieten ihm von einem Besuch der Kunsthochschule ab.

Entmutigt entschloß er sich Philosophie zu studieren. Herbst 1941 bis Herbst 1942 studierte er in Bern Germanistik und Philosophie, dann zwei Semester Philosophie und Naturwissenschaften in Zürich, jedenfalls war er dort als Student eingeschrieben. Mehr als auf der Universität glaubte er im Atelier des Malers Walter Jonas zu lernen. Durch Jonas lernte Dürrenmatt die deutsche Expressionisten kennen, auch den Namen Kafka hörte er zum ersten Mal. Dürrenmatt begann zu schreiben. Damals nannte er sich 'nihilistischer Dichter'.

Zurück in Bern, studierte er ohne besonderes Ziel bis 1946 vorallem Kierkegaard und Platon. Während des letzten Semesters reifte sein Entschluß, Schriftsteller zu werden.

Der Student Dürrenmatt erlebte den Krieg und schrieb Untergangs- und Endzeitgeschichten. Der erste erhaltengebliebene Prosatext'Weihnacht' entstand Weihnachten 1942 und 1943 schrieb er 'der Folterknecht'.

Als Weltuntergangskomödie bezeichnet er sein erstes kurzes Theaterstück 'Untergang und neues Leben'. Diese Arbeit begann er schon 1941 und im Sommer 1943 schrieb er das Stück zu Ende.

Die Erzählung 'Der Alte' ist seine erste Publikation(1945).

Zwei weitere Erzählungen entstanden 1945: 'Das Bild des Sisyphos' und 'Der Theaterdirektor'.

Friedrich Dürrenmatt liest die griechischen Tragiker, Aristophanes, Shakespeare, sein Liebligsklassiker ist Lessing, später liest er Kafka, Wedekind und Jünger, Sartre und Camus.

Zwischen Mitte 1945 und März 1946 schreibt er 'Es steht geschrieben', 'Ein Drama' und das Hörspiel 'Der Doppelgänger'.

Im Sommer 1946 lernt Dürrenmatt die Schauspielerin Lotti Geißler aus Ins kennen. Sie studiert in Bern eine Hörspielrolle ein und spielt in dem Film 'Vreneli vom Thunersee'. Lotti Geißler und Friedrich Dürrenmatt heiraten am 11. Oktober 1946 zivilgerecht in Bern. Das Paar zieht nach Basel. Lotti ist eine leidenschaftliche Schauspielerin, gibt aber ihren Beruf ihrem Mann und ihren Kindern zuliebe alsbald auf. ( 1947 Geburt des Sohnes Peter)

Am 19.April 1947 wird im Schauspielhaus Zürich Dürrenmatts abendfüllendes Stück 'Es steht geschrieben (Ein Drama)' uraufgeführtt. Dem Stück liegt die Wiedetäufer-Episode im westfälischen Münster zugrunde. Es gibt Parallelen zur nationalsozialistischen Schreckensherrschaft. Dürrenmatt wollte aber sein Stück auf jedes Terrorregime bezogen wissen:

Johann Bockelson, Schneidergeselle und Schauspieler aus Leyden, und Bürgermeister Bernhard Knipperdollinck in Münster, Dürrenmatts Hauptpersonen, sind historische Gestalten. Die revolutionäre Wiedertäuferbewegung ging 1525 von Zürich aus, verbreitete sich über halb Europa, gelangte 1534 in Münster an die Macht und errichtete dort das 'Neue Jerusalem', das bald in Despotismus ausartete. Sie konnte vom Heer des rechtmäßigen katholischen Bischofs von Münster erst nach einer Belagerung von 16 Monaten im Juni 1535 gebrochen werden. Die Anführer fielen oder wurden zu Tode gefoltert. Die eisernen Käfige, in denen ihre Leichname ausgestellt wurden, hängen noch heute am Turm der Lambertkirche. - Die geschichtlichen Vorgänge waren Dürrenmatt Anlaß und Hintergrund für einen großangelegten historisch-phantastischen Bilderbogen, für ein üppig ausuferndes barockes Welttheater, für sein eigenes nihilistisch-pessimistisches Welt-Bild. Das personenreiche Drama löst sich auf in 31 Szenen, aber die Gegenspieler Bockelson und Knipperdollinck treffen nur dreimal aufeinander. Sie vertauschen ihre Rollen. Der reichste Mann Münsters Knipperdollinck verzichtet auf Hab und Gut und Bockelson aus Leyden eignet sich Knipperdollincks Schätze ( einschließlich Frau und Tochter) an.

Der Blinde (Ein Drama)' wurde am 10. Januar 1948 in Basel uraufgeführt:

Der blinde Herzog hält die Welt für schön,fruchtbar sich selbst für reich und mächtig.

Er ist glücklich, über glückliche Menschen zu herrschen. Die Welt aber ist in Wirklichkeit (gegen Ende des 30-jährigen Krieges) zerstört, kaputt und die Menschen sind Gesindel, Verräter, Sadisten, am Rande des Untergangs. Der italienische Edelmann Negro da Ponte stellt dem Publikum sein 'Heer' vor und wird vom Herzog zum Stadthalter seines vermeintlich blühenden Reiches ernannt. Der blinde Herzo wird dem Publikum menschlich nicht nahegebracht. Er ist eine Gestalt aus Gedanken und Prinzipien. 'Der Blinde' findet auf einer geistigen Ebene statt, schwebend über dem Publikum, das vom wahren Gehalt wenig begreift. Auch mit diesem Stück setzt sich Dürrenmatt mit dem Glauben an sich, der Gnade Gottes, auseinander.

Romulus der Große ( Eine ungeschichtliche historische Komödie in vier Akten)':

Am 6.August 1947 war dem Ehepaar Dürrenmatt der Sohn Peter geboren worden, und Dürrenmatt hatte sich zum Ziel gesetzt, allein mit seiner schriftstellerischen Arbeit die Familie zu ernähren, ein höchst wagemutiges Unterfangen sei. Nach dem Mißerfolg 'Der Blinde' konnte sich die Familie in Basel nicht mehr halten und zog im Juli 1948 zur Schwiegermutter nach Schernelz am Bieler See. Aber die finanziellen Sorgen blieben.

Dürrenmatts Romolus hat 20 Jahre lang das Römische Reich regiert oder vielmehr nicht regiert. Sein Reich ist geschrumpft und die Germanen erobern es Stück für Stück und stehen kurz vor Rom. Romulus unternimmt nichts. Wer Macht ausübt, läd Schuld auf sich! Die römische Kultur ist am Ende, zu retten ist nichts mehr. Der Kaiser rechnet mit seiner Ermordung. Seine Tochter Rea ist bereit den verabscheuten Hosenfabrikanten Cäsar Rupf zu heiraten. Der macht nämlich die Bedingung, wenn er mit seinen Milliarden Rom vor den Barbaren retten soll. Romulus sagt nein! Rea ist verlobt mit einem jungen Mann, den die Germanen bis zum Nichtwiedererkennen geschunden haben und der selbst mit Reas Opfer einverstanden ist, aus Staatsräson. Nichts ist Romulus wiederlicher als das. Den Kaiser umzubringen mißlingt. Eines Tages bietet Odoaker Romulus freindlich die Herrschaft über Germanien an aber Romulus lehnt ab.

Der Mensch hat wenig Einfluß auf den Gang der Geschichte, er ist nur Werkzeug. Romulus geht in Pension.Seine Sippschaft ertrinkt.

Dieser Romulus Augustulus hat wirklich gelebt, aber nur ein Jahr regiert. Er wurde von Odoaker abgesetzt und ausreichend dotiert mit einer Leibrente von 6000 Goldmünzen und einer Villa. Aus dem einen Regierungsjahr machte Dürrenmatt in seinem Stück zwanzig, da die Komödie einen geschichtlichen Hintergrund haben mußte.

Im Spätsommer 1949 mußte Frau Lotti, als sie kurz vor der Geburt ihres zweiten Kindes stand, in einer Klinik behandelt werden. Das kostete Geld. Dürrenmatt, zuckerkrank, mußte in dasselbe Krankenhaus. Dei Familie stand vor einer finanziellen Katastrophe.

Am 19. September 1949 wurde Tochter Barbara geboren. Nun wurde es bei der Schwiegermutter zu eng, und die Familie mietete ein Haus oberhalb Ligerz am Bieler See. Schließlich schrieb er für den 'Beobachter' den Kriminalroman 'Der Richter und sein Henker', der in acht Folgen erschien. Um des Geldes willen geschrieben, ist er gleichwohl ein Meisterwerk.Für die Buchausgabe überarbeitet, wurde er ein Welterfolg. Bis heute sind weit über eine Million Exemplare verkauft worden.

DER RICHTER UND SEIN HENKER


1.Kapitel:

Am 3. November 1948 findet der Polizist des Schweizer Dorfes Twann am Rande der Landstraße in einem blauen Mercedes eine männliche Leiche. Die Schläfen des Mannes sind durchschossen. Er trägt unter seinem dunkelgrauen Mantel einen eleganten Abendanzug. Man hat ihn nicht ausgeraubt, und so läßt sich die Identität an Hand der mitgeführten Papiere feststellen: es handelt sich um Ulrich Schmied, Polizeileutnant im Dienste der Stadt Bern. Der Polizist schiebt den Toten auf den Beifahrersitz, setzt sich ans Steuer und bringt ihn in die nächstgelegene Stadt.

In Bern informiert man den Vorgesetzten des Ermordeten, den bejahrten Kommissär Bärlach.Dieser braucht seine ganze Autorität, um die Angelegenheit während der nächsten Tage als geheim behandeln zu lassen. Er trifft bei diesem Begehren vor allem auf den Widerstand seines Vorgesetzten, des Untersuchungsrichters Dr. Lucius Lutz.

Noch am gleichen Tag begibt sich Bärlach zu Schmieds Wohnung, der bei Familie Schönler untergemietet hatte. unter dem Vorwand, Schmied halte sich im Ausland auf,

und er müsse ihm etwas nachsenden nimmt er eine Mappe mit Akten mit.

2.Kapitel:

Bei seiner Mittagsmahlzeit blättert und liest Bärlach darin. Im Bureau hört Bärlach, der Leichnam sei inzwischen nach Bern gelangt. Aber er mag den Toten nicht sehen. Statt ihn aufzusuchen, begibt er sich - ebenfalls höchst ungern, aber ohne dem aus dem Wge gehen zu können - in das Bureau des Untersuchungsrichters Dr. Lutz. Es liegen keine neuen Erkenntnisse vor. Lutz nimmt dies einmal mehr zum Anlaß, die Fähigleiten der Schweizer Dorfpolizei in Zweifel zu ziehen. Bärlach widerspricht, gibt zu, einen bestimmten Verdacht zu haben, ist aber noch nicht bereit, darüber zu reden. Lutz mahnt zum Eifer und verweist auf seine in Amerika gesammelten Erfahrungen.

Bärlach nutzt die Gelegenheit und ersucht unter Hinweis auf seine ständigen Magenbeschwerden um die Beiordnung des Kriminalbeamten Tschanz als Stellvertreter. Lutz stimmt dem zu.

Noch am Nachmittag fährt Bärlach zum Tatort. Der Dorfpolizist, der Schmied nach Biel geschafft hat, ist eines Rüffels gewärtig. Aber zu seiner Verwunderung lobt der Kommissär die bewiesenen Eigeninitiative.

In Twann - so ist festgestellt worden - hat man nächtlicherweile wohl den laufenden Motor des Mercedes gehört, aber keine Schüsse.

Durch Zufall findet Bärlach am Tatort eine Revolverkugel.


3.Kapitel:

Nach einer mit Magenbeschwerden verbrachte Nacht empfängt Bärlach seinen neuen Assistenten Tschanz. In der äußeren Erscheinung erinnert dieser sehr an den ermordeten Schmied, so daß der Kommissär im ersten Augenblick regelrecht erschrocken ist.

Schmieds Lob aus dem Munde Bärlachs vernimmt Tschanz mit augenscheinlicher Zurückhaltung. Man bespricht den Stand der Ermittlungen, allerdings gibt es da nicht viel zu besprechen. Einzig die Revolverkugel vom Tatort ist da. Über Schmieds Reisegrund ist nichts bekannt.

Immerhin trägt Tschanz eine glaubhafte Theorie vor, die sich auf konkrete Tatsachen stützt: Schmied muß den Mörder gekannt haben, die rechte Wagentür geöffnet haben, um ihn aufzunehmen und ist ohne Ahnung gewesen, daß er sich in Gefahr befand. Erst jetzt, aus dem Munde von Tschanz hört Bärlach, daß der Tote Gesellschaftskleidung getragen hat. Der Assistent sieht darin einen Ansatzpunkt, den Grund für Schmieds Reise herauszufinden, zumal für den fraglichen Tag und eine Reihe weiterer in dessen Notizbuch ein G notiert ist. Er bittet Bärlach vergeblich, dieser möge seien Verdacht präzisieren. Dem fehlen, wie erklärt, die nötigen Indizien.

Tschanz will die vermutliche Fahrstecke von Schmied abfahren, weil für den Tag dieses Gesprächs ebenfalls ein G notiert ist. Bärlach wird ihn begleiten. Man verabredet sich für die gleiche Zeit, zu der auch Schmied aufzubrechen pflegte.


4.Kapitel:

Um sieben Uhr abends ersheint Tschanz bei Bärlach. Die Tür ist unverschlossen. Bärlach trägt schon den Mantel, scheint aber noch ein Schläfchen auf dem Divan seiner Bibliothek zu halten.

Auf dem Schreibtisch liegt ein als Schlange geformtes Messer, das Bärlach einst aus der Türkei mitgebracht hat. Er erzählt, man habe ihn damit einmal töten wollen.

Unterwegs ist die Rede von der Art, wie der tote Schmied den blauen Mercedes chauffiert; sogar einen Namen aus der Mythologie hatte er ihm gegeben: der blaue Charon.

Nach eben diesem Namen erkundigt sich Tschanz bei den Tankwarten am Wege. Nach etlichen Versuchen, die vergeblich bleiben, erinnert sich einer: am Montagabend sei so ein Kunde dagewesen. Der Beweis ist erbracht, meint Tschanz, daß Schmied diesen Weg gefahren sei. Bärlach muß ihm das zugestehen, scheint aber den Nutzen dieser Erkenntnis nicht recht einzusehen.

Tschanz fragt einen Passanten nach dem Lamboinger Abzweig. Zwanzig vor acht ist man an Ort und Stelle. Tschanz schaltet das Licht aus. Der Wagen hält an der Straße von Twann nach Lamboing.


5.Kapitel:

Als nichts geschieht, will Bärlach wissen, was Tschanz vorhat. Dieser setzt darauf, daß man einen Frack nur dort trägt, wo eine größere Gesellschaft zusammenkommt. Also müßten wohl Gäste über die von Schmied benutzte Autostraße herbei fahren. Bärlach gibt sich skeptisch, muß sich aber bald eines Besseren belehren lassen, denn tatsächlich fahren meherere vollbesetzte Limousinen in Richtung Lamboing an ihnen vorüber. Tschanz folgt ihnen nach bis zu einem großen, einsam stehenden Haus, das von einer niedriegen Mauer umfriedet ist. Das Türschild zeigt nur ein großes G.

Tschanz weiß es zu deuten. Er hat im Telefonbuch nachgeschlagen. Der Besitzer heißt Gastmann. Es gibt nur noch ein weiteres G im Lamboinger Teilnehmerverzeichnis, nämlich die Gendarmerie!


6.Kapitel:

Verwundert darüber, daß die ortsansässige Polizei nicht auf diesen Gastmann gekommen sei, dessen Haus doch so auffällig im offenen Felde liege, trennen sich die beiden Beobachter, um in verschiedenen Richtungen um das Grundstück herumzugehen.

Im Hause spielt jemand Bach auf dem Flügel.

Plötzlich wird Bärlach von einem riesigen Hund angegriffen, der sich in den schützend vor seiner Kehle gehaltenen linken Arm verbeißt. Ein Schuß aus Tschanz Revolver macht dem Tier den Garaus. Mühsam, aber unverletzt erhebt sich der alte Mann. Bärlach ist selten bewaffnet.

Im Haus hat man den Schuß gehört. Die Musik ist verstummt. An den Fenstern stehen die Damen und Herren der Gesellschaft, ihre Neugier dem Geschehen zugewandt. Bärlach und Tschanz gehen zum Eingangstor zurück. Dort werden sie von Nationalrat und zugleich Oberst von Schwendi, seines Zeichens Gastmann Advokat, erwartet. Offensichtlich angetrunken, behandelt er sie zunächst hocherfahren, beinahe verächtlich. Erst der Hinweis auf den Polizeistatus der nächtlichen Besucher kühlt den Nationalrat etwas ab. Gastmann ist für sie nicht zu sprechen, aber von Schwendi sichert für den nächsten Tag sein Erscheinen bei der Polizei zu. Mit Gastmann will er vorher sprechen. Er läßt sich ein Bild von Schmied geben und verschwindet im Haus.

Bevor sie die Rückfahrt antreten, wird Tschanz mit dem Lamboinger Polizisten über Gastmann reden, Bärlach aber in einem Gasthaus am Anfang der Schlucht eine kleine Stärkung zu sich nehmen. Sein Magen bereitet ihm wieder Kummer.

Tschanz erfährt von seinem Kollegen nur, daß man noch immer keine Spur habe von einer Gesellschaft. Ein Herr Gastmann habe zwar dergleichen Gesellschaften gegeben, aber er hatte nicht einmal den Namen Schmied gekannt. Ein Besuch Schmieds bei Gastmann sei einfach nicht möglich gewesen.

Tschanz rät, noch weitere Gäste von Gastmann zu befragen. Das sei geschehen, wird ihm versichert. Zum Beispiel einen Schriftsteller. Auch der hätte nichts von Schmied gewußt.

Der Polizist beschreibt Gastmann als einen wohlhabenen Nichtstuer, der sich ungeteilter Beliebtheit erfreut, da er die Steuern für das ganze Dorf Lamboing bezahlt.


7.Kapitel:

Ehe Tschanz zum Restaurant fährt, um Bärlach abzuholen, macht er noch einmal bei Gastmanns Haus halt. Das Fet scheint anzudauern. Jedoch den toten Tierkörper hat in der Zwischenzeit jemand beseitigt. Bärlach ist schon gegangen. Kaum fünf Minuten habe er sich aufgehalten, versichert die Wirtin, um dann zu Fuß in Richtung Twann aufzubrechen.

Tschanz setzt die Fahrt fort. Ungefähr am Tatort gibt ihm eine dunkle Gestalt plötzlich das Haltezeichen. Als er anhält und die rechte Wagentür öffnet, wird er sich plötzlich bewußt, daß Schmied bei der gleichen Handlung ums Leben gekommen ist. Entsetzten packt ihn, und es verläßt ihn auch dann nicht, als er in dem Anhalter Bärlach entdeckt.

Von diesem Augenblick an dutzt Bärlach Tschanz!

Nach längerem Schweigen erkundigt sich der Kommissär nach den Auskünften, die in Lamboing zu erhalten waren. Den Schriftsteller, meint er dann, werde er noch selber sprechen.

Vor seinem Haus angekommen, steigt Bärlach aus. Noch einmal stellt er beim Abschied fest, Tschanz habe ihm das Leben gerettet.

Doch dann geschieht Merkwürdiges. In der Halle mit den Büchern nimmt er aus der Manteltasche einen schweren Revolver. Und unter dem Wintermantel hatte er den linken Arm mit dicken Tüchern umwickelt, wie es Scheintäter bei der Hundeabrichtung vorsorglich zu tun pflegen.


8.Kapitel:

Am anderen Morgen erscheint von Schwendi im Bureau von Dr. Lutz, dem diese Intervention - noch dazu von einem beziehungsreichen Parteifreund vorgebracht - ausgesprochen unangenehm ist.

Von Schwendi geht es gar nicht um den getöteten Hund sondern vielmehr um die Frage, wieso Schmied unter falschem Namen in Gastmanns Haus Ermittlungen geführt habe.

Lutz ist gänzlich ahnungslos. Er hat nie davon gehört, daß Schmied als vorgeblicher Privatdozent Dr. Pranti tätig geworden ist. Es kann sich also nur um ein rein persönlich motiviertes Unternehmen gehandelt haben. Von Schwendi liefert jetzt seinerseits eine Deutung der Geschehnisse und beschuldigt den Ermordeten, für eine fremde Macht spioniert zu haben. Er fordert rundweg, die Polizei möge die Finger von seinem Klienten Gastmann lassen. Dr. Lutz hält dem entgegen, Gastmann sei durch die Ermordung Schmieds in den Kreis derer geraten, die einvernommen werden müssen, es sei denn, der Anwalt könnte völlig einwandfrei erklären, warum Schmied im Haus e Gastmann unter fremden Namen aufgetreten sei. Von Schwendi legt jetzt eine Gästeliste vor.

Im Auftrag der Industriellen ist von Schwendi gekommen, um die Polizei von dem hochpolitischen Charakter der Vorgänge um den getöteten Schmied in Kenntnis zu setzen.


9.Kapitel:

Als Dr. Lutz erkennt, wo er da hineingeraten ist, fühlt er sich völlig hilflos. Der Nationalrat hat jetzt leichtes Spiel mit ihm. Zwar versucht Lutz noch einmal, die ganze Sache zu bagatellisieren: Selbstverständlich hätten die Industriellen das Recht zu privaten Verhandlungen. Die Polizei mische sich da nicht ein. Schmied sei privat bei Gastmann gewesen und überdies ja nicht allein, sondern neben einer Reihe von Künstlern.

Von Schwendi läßt dies nicht gelten. Die Künstler seien nur zur Tarnung dagewesen für die eigentlichen Verhandlungen. Aber ein Polizist, der dabeisitzt, könne alles erfahren. Für die Schweiz sei es daher ehrevoller, Schmied gelte als Spion und nicht als Polizeispitzel.

Gastmanns Rolle erklärt der Advokat so: Als jahrelanger Gesandter Argentiniens in China besäße es das Vertrauen der fremden Macht, als ehemaliger Verwaltungspräsident des Blechtrusts dasjenige der Industriellen. Überdies läge sein Haus in dem unbekannten Nest Lamboing besonders unauffällig. Man möge ihn daher mit polizeilichen Maßnahmen in Ruhe lassen.

Dr. Lutz verspricht das. Auch eine Hausdurchuntersuchung wird es nicht geben. Sollte ein Gespräch tatsächlich unvermeidlich sein, wird es den Charakter einer Plauderei über Kunst tragen. Eine eventuell unvermeidliche Frage zur Sache würde dem Anwalt vorher zur Kenntnis gebracht. Von Schwendi ist es zufrieden. Er weist nochmals darauf hin, das es um Millionen geht. Seine Gästeliste zurücklassend, trennt er sich von dem konsternierten Untersuchungsrichter.


10.Kapitel:

Bärlach kommt, um den Auftrag zu einem Besuch bei Gastmann zu holen. Lutz verweist ihn auf den Nachmittag, weil mittlerweile die Stunde der Beerdigung Schmieds herangerückt ist. Sie fahren im Auto zum Friedhof. Es regnet in Strömen. Bärlach hat wieder Magenbeschwerden.

Als sie auf dem Friedhof ankommen, ist die Trauerfeier für Schmied schon in vollem Gange. Die Vermieterin Schönler ist da, Tschanz, neben sich ein blondes Mädchen namens Anna, eine Menge Polizisten in Zivil.

Gerade als Lutz ein paar ehrende Worte des Gedenkens sprechen will, ertönt grölender Gesang. Zwei Betrunkene, riesenhafte unangenehme Erscheinungen, wanken über den Friedhof, zwischen sich einen großen Lorbeerkranz, den sie über den Sarg werfen. Weitergrölend entfernen sie sich. Auf der Kranzschleife steht: 'Unserem lieben Doktor Prantl.' Da in diesem Augenblick der Regen zum Wolkenbruch sich steigert, flieht alles vom offenen Grab weg.


11.Kapitel:

Bärlach deutet den Kranz als eine Warnung. Er läßt sich zu seinem Haus fahren. Als er in die Wohnhalle tritt, findet er hinter seinem Schreibtisch einen Mann, der Schmieds Mappe durchzublättern im Begriff ist: Gastmann.

Es zeigt sich, daß die beiden einander seit langem kennen. Daß sich der ungebetene Gast jetzt Gastmann nennt, hat Bärlach seit längerer Zeit gewußt. Auf sein Geheiß ist Schmied als Doktor Prantl bei den Gesellschaften gewesen. Aus dem Munde seines Gegners muß Bärlach hören, daß ihm die Arzte höchstens noch ein Jahr zu leben geben, vorausgesetzt er läßt sich unverzüglich operieren. Aber gerade dafür hat er jetzt nicht die Zeit, ist doch für ihn die letzte Gelegenheit gekommen, ein vor viezig Jahren begonnenes Vorhaben zu vollenden: den, der sich jetzt Gastmann nennt, der Verbrechen zu überführen, die seinen Lebensweg säumen.

Folgende Vorgeschichte enthüllt sich: Vor über vierzig Jahren haben sich die beiden Männer in einer gemeinsam durchzechten Nacht in einer Judenschenke am Bosporus kennengelernt, Bärlach als junger Polizeifachmann vertritt die These, Verbrechen seien Dummheiten, weil Zufälle sie zwangsläufig zumeist an den Tag brächten. Die Gegenthese des Abenteurers: Gerade die Verworrenheit menschlicher Beziehungen mache Verbrechen begehbar, die meisten würden nicht einmal entdeckt. In der Betrunkenheit kommt es zu einer Wette. Vor Bärlachs Augen soll ein Verbrechen geschehen, daß der Kriminalist seinem Wettpartner nicht würde nachweisen können. Drei Tage später stößt dieser einen deutschen Kaufmann von der Mahmudbrücke. Bärlach muß halbertrunken seinen Rettungsversuch aufgeben. Der Mörder kommt ungeschoren davon. Von da an bleibt beider Leben auf merkwürdige Weise - in einer Art Gegenläufigkeit - miteinader verbunden. Bärlach wird ein immer besserer Kriminalist, der andere ein immer kühnerer Verbrecher, der wieder und wieder die Wege seines Verfolgers kreuzt, ohne daß diesem die Überführung in irgendeinem Falle gelungen wäre. Jetzt sind beide an ihre Ausgangsorte zurückgekehrt. Bärlach nach Bern, der andere nach Lamboing, wo er als Dreizehnjähriger aus dem Elternhaus davongelaufen war.

Gastmann nimmt Schmieds Mappe mit sich. Spöttisch erkundigt er sich, ob Bärlach ihn nicht mit dem auf dem Schreibtisch liegenden Revolver hindern wolle, dies zu tun. 'Du hast die Munition herausgenommen' vermutet der Kommissär. Ein Irrtum, wie sich dann zeigt. Allein geblieben, erleidet Bärlach einen furchtbaren Schmerzanfall.


12.Kapitel:

Einige Zeit später, wieder schmerzfrei, betritt er das Büro von Dr. Lutz. Zu dessen Erleichterung erhebt Bärlach keinerlei Einwände gegen die von Schwendi gegebenen Zusicherungen. Geduldig hört der Kommisär zu, als Lutz Gastmanns Loblied singt und den Vorfall auf dem Friedhof zu einer Art schlechten Scherz herunterspielt. Er stimmt sogar zu. Nur als Lutz plötzlich Schmied in Verdacht zieht, bleibt Bärlach stumm.

Schon zum Gehen gewandt, bittet er um eine Woche Krankheitsunrlaub. Dr. Lutz ist einverstanden.

In Bärlachs Zimmer wartet Tschanz. Der Kommissär will zu dem Schriftsteller gefahren werden. Wie sich zeigt, hat Tschanz das Auto des toten Leutnants Schmied auf Abzahlung gekauft. Unterwegs fragt er nach dem Inhalt der Mappe aus Schmieds Zimmer. Bärlach beschwichtigt ihn: 'Nichts Amtliches, Tschanz, nur Privatsache.'


13.Kapitel:

Der Schriftsteller empfängt die Gäste nicht sonderlich höflich. Er vermutet, sein Alibi soll überprüpft werden. Bärlach gibt zu, dies sei längst geschehen und beginnt, nach Gastmann zu fragen. Man kommt auf dessen Kochkunst zu sprechen, ein Thema, das auch den Alten höchst interessiert. Als sie endlich innehalten, fragt Tschanz in die Gesprächspause hinein: 'Hat Gastmann den Schmied getötet?' DerSchriftsteller kann das mit Sicherheit ausschließen, denn er war zur ungefähren Tatzeit noch mit dem Verdächtigen beisammen. Über den Verbleib der Diener zu diesem Zeitpunkt vermag er nichts zu sagen. Tschanz fragt ungeniert weiter, was für eine Art von Mensch Gastmann sei. Im weiteren Verlauf des Gesprächs, in dem Bärlach wieder die Initiative übernimmt, kommt ein Bild Gastmanns zustande, das von folgenden Zügen geprägt ist: Er ist fähig zu jedem Verbrechen, obwohl nicht der Mörder Schmieds; ein Nihilist reinsten Wasseres, der sich im Gutem wie im Bösen vom Zufall bestimmen läßt. Er interessiert den Schriftsteller als Typ, als Beobachtungsgegenstand, als Anregung zum Nachdenken über den Menschen.

Bärlach verweist auf sein Geschäft. Er hat es nicht mit einem durch die philosophische Brille gesehenen 'Bild' von Gastmann zu tun, sondern mit dem wirklichen Gastmann, dessen Geselschaft seinem Leutnant Schmied das Leben gekostet hat. Die Aufgaben eines Schriftstellers gleichen eben doch nicht denen der Polizei.


14.Kapitel:

Tschanz vermutet, man führe nun zu Gastmann. Doch Bärlach verneint. Er verweist auf die Anordnung von Dr. Lutz. Tschanz beharrt auf seiner Meinung, Gastmann müsse man verhören, ihn und seine Diener. In der Zusage des Dr. Lutz an von Schwendi erblickt Tschanz nichts anderes, als daß man ihm eine Chance hinaufzukommen, endgültig verderben will. Er fleht Kommisär Bärlach förmlich an, noch einmal mit Lutz zu reden.

Bärlach lehnt kategorisch ab. Er sei krank und alt, brauche seine Ruhe. Tschanz müsse sich selber helfen. Überdies werde er eine Woche Krankenurlaub in Grindelwald verbringen.Tschanz hat seine Selbstbeherrschung nur mit Mühe wiedergefunden.


15.Kapitel:

Noch am selben Abend konsultiert Bärlach den Arzt Doktor Hungertobel, mit dem zusammen er auf dem Gymnasium gewesen war. Es bestätigt sich: Bei Hungertobel ist einmal eingebrochen worden, offenkundig mit dem Ziel, Bärlachs Krankenakte einzusehen. Der Arzt bekräftigt Gastmanns höhnische Prophezeiung. Ein Jahr hat Bärlach noch zu leben, aber nur, wenn er sich innerhalb der nächsten drei Tage operieren lassen wird. Nur zwei Tage hat Bärlach noch, seine Aufgabe zu vollenden.


16.Kapitel:

Mitten in der Nacht schreckt Bärlach aus dem Schlaf. Ein Eindringling ist im Haus. Der Kommisär macht Licht und nimmt seinen Revolver. Durch einen absichtlich herbeigeführten Kurzschluß sorgt der Fremde für Dunkelheit. Die beiden Gegner belauern einander. Bärlach weiß, daß der Mörder für ihn das Schlangenmesser bereit hält. Er muß jetzt etwas tun, um die Gefahr abzuwenden. Drei Schüsse durchs Fenster erreichen die beabsichtigte Wirkung. In der Nachbarschaft wird Licht eingeschaltet. Zwar hat der Mörder das Schlangenmesser noch nach Bärlach geworfen, dann aber die Flucht ergriffen.


17.Kapitel:

Eine halbe Stunde läßt der Alte noch vergehen. Dann telefoniert er nach Tschanz. Der kommt bald. Er trägt noch den Pyjama unter dem Wintermantel. Nachdem die Spuren des nächtlichen Kampfes besichtigt sind, will er wissen, ob Bärlach den Einbrecher gesehen hat. Der Kommisär verneint. Aber er weiß genau, wer es gewesen ist. Tschanz bietet an, bei ihm wachen zu wollen. Das wird abgelehnt. Er verläßt das Haus, scheint es sich dann aber anders zu überlegen. Doch bei seiner Rückkehr ist - zum ersten Male - die Haustüre verschlossen.

Am anderen Morgen erhebt sich Bärlach, ohne geschlafen zu haben. Das telefonisch herbeigerufene Taxi zum Bahnhof erweist sich, nachdem Bärlach eingestiegen ist, als eine Falle, die Gastmann ihm gestellt hat. Gastmann droht dem Alten und fordert ihn auf, das Spiel aufzugeben. Er habe Schmied nicht getötet! Bärlach gibt zu, das zu wissen. Aber er will Gastmann dieses unbegangenen Verbrechens überführen, nachdem es ihm nie gelungen ist, ihn der begangenen Verbrechen wegen vor Gericht zu bekommen.

Gastmann droht, ihn bei der nächsten Begegnung zu töten. Doch Bärlach bleibt unerschrocken: Gastmann werde diesen Tag nicht überleben. Der Henker, den er für ihn ausgesucht habe, wird noch am gleichen Tag sein Werk verrichten und das Urteil vollstrecken, versichert der Kommissär auf dem Bahnhofsvorplatz stehend.


18.Kapitel:

An der Kirche wartet Tschanz auf Anna, Schmieds ehemalige Verlobte. Er verspricht ihr, noch am gleichen Tag, 'Ulrichs Mörder' zu stellen, und er erhält dafür das Versprechen des Mädchens, sich mit ihm verloben zu wollen.

Mit dem Auto fährt Tschanz nach Ligerz, wo er den Wagen stehen läßt. Zu Fuß wandert er nach Lamboing zu Gastmanns Haus. Er betritt es durch die offenstehende Haustüre und findet den Hausherren wie seine beiden ungeschlachteten Diener reisefertig. Gastmann meint bei dem Anblick von Tschanz, das also sei der Sinn von Bärlachs Drohung.

Einer der Diener schießt auf Tschanz und trifft ihn an der Schulter. Tschanz erschießt alle drei Widersacher mit der bereitgehaltenen Waffe.


19.Kapitel:

Die polizeiliche Aufnahme des Tatbestandes ergibt, daß jeder der drei Getöteten noch geschossen hat.Eine zweite Verwundung hat Tschanz am linken Unterarm. Man wird ihm die Notwehr glauben. Am Morgen danach zeigt Lutz dem Obersten von Schwendi die Leichen der Getöteten. In der Nacht hat er Gastmanns Tagebücher gelesen. Plötzlich erscheint alles anders: Gastmann ist als Eindringling in die gehobenen Kreise entlarvt. Schmied erscheint als ein ehrgeiziger junger Polizist, der aus Karrieregründen auf eigene Faust Jagd auf Gastmann gemacht hat. Hier liegt auch das Motiv für Schmieds Ermordung, dies um so eher, als man in der Faust eines Gastmannschen Diener die Mordwaffe gefunden hat. Als Bärlach hinzutritt, schlägt ihm Dr. Lutz vor, ihren alten Streit über moderne Kriminalistik zu beenden. Sie hätten beide nicht recht behalten. Der Fall Schmied sei abgeschlossen.

Der Alte schweigt dazu beharrlich. Das macht Dr. Lutz verlegen. Mit den Toten allein geblieben, deckt Bärlach Gastmanns Bahre auf. Er nimtt gleichsam Abschied als Jäger von seinem Wild, das er ein Leben lang gejagt hat.


20.Kapitel:

Für den gleichen Abend acht Uhr ist Tschanz zu Bärlach bestellt. Er findet einen festlich gedeckten Tisch. Mit Erstaunen erlebt er, wie der Alte von einem vielgängigem Mahl jeweils gigantische Portionen verschlingt. Daß er nun endlich Schmieds Mörder gestellt hat, soll gefeiert werden. Tschanz begreift, er ist dem Alten in die Falle gegangen.

Im Verlaufe dieses grotesken Mahles enthüllt sich: Tschanz hat Schmied getötet. Bärlach besitzt den Beweis - die Kugel aus dem getöteten Hund. Er hat auch die Komödie mit dem 'blauen Charon' durchschaut. Ein paar einfache Telefongespräche haben bestätigt, daß Schmied am Abend seines Todes den anderen Weg genommen hatte. Für die Vorbereitung seines Täuschungsmanövers hat Tschanz den blauen Mercedes der Pension Eiger aus Grindelwald benutz. Das Motiv war Eifersucht auf den Erfolgreichen, sein Auto, sein Mädchen, seinen Rang.

Weil Schmied Bärlachs letzte Hoffnung verkörperte, Gastmann doch noch zu stellen, hat der Alte nach Schmieds Tod den Mörder Tschanz zum Vollstrecker seines Willens gemacht, er als Richter, Tschanz als Henker.

Für einen Augenblick will Tschanz nach seiner Waffe greifen, aber auch er sieht, das hätte keinen Sinn.

Bärlach befielht ihm zu gehen. Er will keinen mehr richten. Tschanz fährt davon.


21.Kapitel:

Bei Tagesanbruch stürtzt Dr. Lutz ins Zimmer. Er berichtet, man habe Tschanz in seinem Wagen tot aufgefunden, von einem Eisenbahnzug erfaßt.

Bärlach fühlt sich totkrank. Es ist Dienstag. Hungertobel wird benachrichtigt, damit er

ihm zu einem letzten Jahr Leben verhelfe.


Die wohlkomponierte Handlung scheint zu beweisen, daß der Autor nach einem Plan gearbeitet, daß er dieses Erzählwerk vom Endeffekt her aufgebaut, dann erst Fortsetzung für Fortsetzung geschrieben hat. Dürrenmatt, war der Plan erst einmal gemacht,muß Freude an der Ausarbeitung gemacht haben. Stellenweise übertreibt er sehr stark, daß der Leser nicht mehr weiß, ob das noch ernst gemeint ist. Natürlich nicht. Während er einen Krimi schreibt, parodiert er dieses Genre zugleich. Die Handlung spielt in Bern, wo Dürrenmatt wohnte. Er tritt auch selbst auf, in seinem Arbeitszimmer in Ligerz, jedoch nur schattenhaft, er hockt im Gegenlicht einer winzigen Fensternische, wenn Bärlach und Tschanz ihn vehören.

Die Handlungszeit umfaßt etwa fümf oder sechs Tage im November 1948.

Die Romankomposition wird bestimmt von der Zweisträngigkeit der Handlung (Mord an Schmied / Hintergrundhandlung, die in jener Wette vierzig Jahre von den hier geschilderten Ereignissen ihren Ursprung findet - Gastmann).

Man kann das Buch auch als Satire lesen. Dürrenmatt verspottet mit Lust und Liebe - nun, man kann sagen, die ganze Schweiz, die Spießer, Künstler, Polizisten, Politiker und Gangster.

Personen:

*.) Kommissär Hans Bärlach

Er ist ein kauziger, bejahrter, totkranker, im Pensionsalter stehender Mann der partout nicht in das gängige Detektivbild passen will. ein Jahrzehnt hat er in den Diensten der Türkei gestanden und von Konstantinopel aus die Kriminalpolizei reformiert. Später war er in der Weimarer Republik Chef der Kriminalpolizei von frankfurt am Main. Doch aus der deutschen Karriere wurde nichts, da er 1933 einen hohen Beamten ( einen arrivierten Nazi) kurzerhand geohrfeigt hat. Er muß daher nach Bern zurück - einem Deutschen hätte es wohl den Kopf gekostet.

Ein knorriger Einzelgänger ist aus ihm geworden mot absonderlichen gewohnheiten, schwer zu behandlen von Vorgesetzten, fortschrittsskeptisch und mißtrauisch gegenüber der wachenden Technisierung. Sein Haus bleibt ständig unverschlossen und hat keine klingel. Autos fahren für seinen Geschmack viel zu schnell und der ärztestand genießt sein Vertrauen ebenfalls nicht.

Man ist geneigt, ihn zu unterschätzen, dabei erweist er sich als kühler Rechner, der auch Situationen, die dazu führen könnten, daß man den Kopf verliert, mit verstandeskraft meistert.

*.) Polizist Tschanz

Er ist ein Mann, der sich bemüht kriminalistisch auf der Höhe zu bleiben. Tschanz bewundert und haßt gleichzeitig den jungen Schmied. Seine ehrgeizige Eifersucht steigert sich zu paranoiden Erscheinungsformen und wird schließlich zum Mordmotiv. Nach und nach schlüpft nach vollzogener Tat Tschanz in die Persönlichkeit seines Opfers Schmied. Er kleidet sich á la Schmied, so daß Bärlach regelrecht erschrickt, als er seiner ansichtig wird.

Im Ansatz leidet die literarische Figur Tschanz an einer Art Blutleere. Es scheint sich um diejenige zu handeln, welche häufiger dann auftritt, wenn Autoren im dienste ihrer Pointen und Effekte die Lebenswahrscheinlichkeit aus dem Blick verlieren. Als Figur nach Bärlachs Willen fremdbestimmt über das Spielfeld geführt, bleibt Tschanz selbst dort, wo er Mannesmut beweist, in erster Linie dümmlich.

*.) Der Verbrecher Gastmann

Man sieht in ihm einen steinreichen, vornehmen, noblen 'Philosophen', was als Umschreibung für 'Nichtstuer' zu gelten hat. Gesandter Argentiniens in China und Verwaltungspräsident des Blechtrusts soll er in früheren Jahren gewesen sein. Als Mann von wissenschaftlichen Verdiensten trägt er das Kreuz der Ehrenlegion und soll in die Französiche Akademie gewählt worden sein. Als unabhängiger Geist habe er diese Würdigung freilich ausgeschlagen. Gebürtig - so Dr. Lutz - sei Gastmann aus Prockau in Sachsen. Zunächsst sei er nach Südamerika ausgewandert und dort Argentinier geworden. Später habe er die französische Staatsbürgerschsft erworben. Die Wahrheit kennt im Grunde nur Bärlach. Der sich jetzt Gastmann nennt, stammt in Wirklichkeit aus Lamboing. Als Dreizehnjähriger ist er seiner ungeliebten Mutter davongelaufen, um die Karriere der Gesetzlosigkeit einzuschlagen.

Auch die Gastmann Figur gewinnt die Aufmerksamkeit des lesers dank ihrer Widersprüchlichkeit. Der Konflikt Bärlach - Gastmann reduziert sich auf die Auseinadersetzung zwischen der Philosophie der Rechts und einer Utopie der Freiheit.


Auch in Dürrenmatts zweitem Kriminalroman 'Der Verdacht', den er 1952 schrieb, spielt die Hauptrolle Kommissär Bärlach.

der verdacht

Bärlach, mit Erfolg operiert, findet im Krankenbett liegend, in einer Nummer der amerikanischen Zeitschrift 'Life' von 1945 ein Foto vom Vernichtungslager Stutthof bei Danzig: Lagerarzt Nehle operiert ohne Narkose. Nehle versprach den Häftlingen die Freiheit, wenn sie sich, anschließen. Aber es kam nur sehr selten einer mit dem Leben davon. In dem Arzt glaubt Bärlach den Eigentümer und Leiter der Züricher Prominentenklinik 'Sonnenstein' Dr. Emmenberger zu erkennen.

Bärlachs Gegenspieler ist ein Gastmann konträrer Verbrechertyp. War Gastmann eine zwielichtige Erscheinung, ist Emmenberger das total Böse, die Verkörperung des sadistischen Faschismus. Das Sensationsfoto hat unter Lebensgefahr der Häftling Gulliver geschossen, ein von Emmenberger ebenfalls ohne Narkose operierter Jude, den Bärlach kennt, eine riesenhafte Gestalt voller Narben und Verkrüppelungen, überlebensgroß und unbehaust, in weitem Kaftan, in dem er auch schläft, sich immerwährend mit Wodka betäubend und zugleich am Leben erhaltend, eine Märchen- und Symbolfigur, die vornehmlich durch Fenster einsteigt, und sich auch wieder entfernt. Mit Hilfe von Gulliver und anderer Freunde des Kommissärs wird der Chefarzt Emmenberger in einem heimlichen Ermittlungsverfahren als SS-Folterknecht Nehle identifiziert. Verwunderlich, daß Dürrenmatt einen Schweizer zum Naziarzt macht. Der Name Emmenberger erinnert zudem an Dürrenmatts Geburtsdistrikt Emmental.

Bärlach läßt sich als Rekonvaleszent in die Höhle des Löwen verlegen, inkognito, aber ohne Rückendeckung. die Entlarvung und Verhaftung Emmenbergers soll sein letztes Meisterstück sein. Doch anläßlich Bärlachs bevostehenden Dienstaustritt erscheint in der Zeitung 'Der Bund' sein Bild, und Emmenberger weiß nun, wer der neue Patient ist und errät, was er im Schilde führt. Bei der Pensionierung eines prominenten Beamten pflegt eine kleine Würdigung mit Bild zu erscheinen. Das hatte der sonst so gewitzte Kriminalist nicht bedacht.

Emmenberger läßt Bärlach in den Operationssaal verlegen. Bärlach soll, wie jene Häftlinge in Stutthof, lebendigen Leibes seziert, getötet werden. Das ohne Narkose Zu-Tode-Sezieren war und ist Emmenbergers Leidenschaft. Seine moribunden Patienten sind Bankiers, Industrielle und Politiker, deren Mätressen und Witwen, die sich dem mörderischen Chirurgen in der trügerischen Hoffnung überlassen, ihr Leben um ein paar Tage oder auch nur Stunden zu verlängern, und viele setzen ihn aus Dankbarkeit zum Universalerben ein. Der Kommissär, ein Opfer seines Gerechtigkeits- und Leichtsinns, liegt dem Operationstisch gegenüber im Bett, durch Spritzen gelähmt, es ist Abend, und morgen früh pünktlich um sieben soll das mörderische Operieren beginnen. Wird Bärlach aus der Folterkammer lebend herauskommen?

Ihm gegenüber hängt eine Uhr, und Frau Dr. Marlok, Emmenbergers Komplicin, macht sich über den Rächer der Gemarterten lustig: '. . . ein schönes Skelett.' Die ehemalige idealistisch gesinnte Kommunistin vertraut sich ihm an: ' Ich war wie Sie entschlossen, Kommissär, gegen das Böse zu kämpfen bis an meines Lebens seliges Ende.' Als sie nach dem Stalin - Hitler - Pakt den Russen in die Hände fiel und von ihnen der SS ausgeliefert wurde, begann sie zu zweifeln, nicht nur an den 'ausführenden Staatsorganen', auch an der Idee des Kommunismus selbst, der doch nur Sinn haben kann, wenn er eins ist mit der Idee der Nächstenliebe und der Menschlichkeit. Die Arztin kam als Gefangene ins KZ Stutthof, wurde Emmenbergers Geliebte und glaubt an nichts mehr, an kein Ideal, an kein Gesetz. 'Wenn wir Gesetz sagen, meinen wir Macht; sprechen wir das Wort Macht aus, denken wir an Reichtum, und kommt das Wort Reichtum über unsere Lippen, so hoffen wir, die Laster der Welt zu genießen. Das Gesetz ist das Laster, das Gesetz ist der Reichtum, das Gesetz sind die Kanonen, die Trusts, die Parteien , . . . '

Die Arztin wieder konkret:' Alles, was Emmenberger in Stutthof tat, das tut er auch hier, mitten in der Schweiz, mitten in Zürich, unberührt von der Polizei, von den Gesetzen dieses Landes, ja, sogar im Namen der Wissenschaft und der Menschlichkeit; unbeirrbar gibt er, was die Menschen von ihm wollen: Qualen, nichts als Qualen.' Bärlach schreit, man müsse diesen Menschen abschaffen. 'Dann müssen Sie die Menschheit abschaffen', kontert die Arztin. Längst hat sie es aufgegeben, zwischen Ja und Nein und Gut und Böse zu unterscheiden. Dazu sei es zu spät, nicht nur für sie, für die Welt. Dann läßt sie den Alten allein.

Mag die Handlung an manchen Stellen gewaltsam kontruiert, nach den regeln der Schauer- und Gruselliteratur zusammengeschustert wirken, Marloks und Emmenbergers Dialoge mit Bärlach gehören zu den Höhepunkten des Dürrenmattschen Gesamtwerks. Sie enthalten Marloks und Emmenbergers Credo, dem der Kommissär außer Schweigen und Stöhnen nichts entgegenzusetzen hat. Also hat auch wohl Dürrenmatt nichts zu erwidern.

Emmenberger geht einen Schritt weiter als Marlok. Kann Bärlach, will Emmenberger wissen, seinen Beruf, Verbrecher zu jagen, rechtfertigen, indem er an das Gute glaubt? Sollte er sonst nicht besser geschehen lassen, was geschieht? Natürlich glaubt der Durchschnittsmensch an irgend etwas. Bärlach wirft Emmenberger vor, er sei ein Nhilist. Er, wehrt sich der Arzt, sei viel weniger ein Nihilist als 'irgendein Herr Müller oder Huber, der weder an einen Gott noch an keinen glaubt, weder an eine Hölle, noch an einen Himmel, sondern an das Recht, Geschäfte zu machen - ein Glaube, den als Credo zu postulieren sie aber zu feige sind.' Und was ist Emmenbergers Credo? 'Ich glaube, daß ich bin, als ein Teil dieser Materie, Atom, Kraft, Masse, Molekül wie Sie, und daß mir meine Existenz das Recht gibt, zu tun, was ich will. . . und mein Sinn besteht darin, n u r Augenblick zu sein.'

Durch das ganze Werk Dürrenmatts zieht sich seine Theorie vom Zufall. Emmenberger beruft sich sogar auf kosmische Zufälligkeiten. Daß der Zufall regiert, ist doch nur eine Ausrede. Gewiß gibt es die 'Macht des Schicksals', der der einzelne hoffnungslos ausgeliefert ist. Nicht alles ist berechenbar. Bei Dürrenmatt wird der Zudfall als Alibi für Schwäche, Verantwortungslosigkeit, Verbrechen gebraucht. Aber nicht der Zufall ist entscheidend, sondern wie der einzelne auf das Unvorhergesehene, Unvorhersehbare reagiert, ob er mit Intelligenz und Entschlossenheit den Zufall sogar für seine Zwecke zu nutzen versteht. Der Zufall kann eine stimulierende, klärende Rolle spoelen, im Endeffekt. Man fragt sich, warum Bärlach nicht wenigstens gegen die weithergeholte, auf die Spitze getriebene Glorifizierung des Zufalls durch Emmenberger protestiert.

Emmenberger findet es unsinnig, geradezu lächerlich, an einen Humanismus zu glauben und nach Wohl der Menschheit zu trachten. 'Sie glauben an nichts als an das Recht zu folter!' ruft ihm der Kommissär zu.

Der Arzt ist über soviel Verständnis entzückt. Zu foltern ist für Emmenberger das höchste der Gefühle, dafür lebt er; über den Gemarterten gebeugt, fühlt er sich gottgleich, allmächtig, Herrscher der Welt.

Nun kommt Dürrenmatts genialer Einfall, ein Beispiel für die Konsequenz seines Denkens: die Möglichkeit zum Glücksumschwung. Der Arzt verspricht, Bärlach freizulassen, wenn er einen gleich großen, bedingungslosen Glauben wie er besitzt. Er sei doch Christ, getauft! Der Getaufte weiß nichts zu sagen. Der Arzt gerät außer sich. Er braucht einen Gegenspieler. Aber Bärlach schweigt. Er starrt auf die Uhr. Angeekelt überläßt der Arzt den Todgeweihten sich selbst.

Die Diskussion geht weiter. Mit Gulliver, der als deux ex machina durchs Fenster steigt und den sadistischen Arzt ermordet. Gulliver, der, wie Dürrenmatt, daran zweifelt, daß der einzelne etwas aurichten kann und auch den Massenbewegungen und Parteien mißtraut, spricht das Schlußwort des Romans: 'So sollen wir die Welt nicht zu retten suchen, sondern zu bestehen, das einzige wahrhafte Abenteuer, das uns in dieser späten Zeit noch bleibt. In dieser späten Zeit. . . ' Wird das Weltende als nahe bevorstehend angenommen?

Personen:

*.) Kommissär Bärlach

In Bärlachs anfänglichem Vorgehen offenbaren sich Spürsinn und kriminalistisches Geschick, die im Laufe eines langen Berufslebens zugewachsen sind. Schon glaubt der Leser, den planenden und weitsichtigen Bärlach wiederzufinden, der ihm aus dem ersten Roman vertraut ist, wenn der Kommissär seinem Freund Hungertobel neue Details entlockt, wenn er auf den Spuren seines Verdachts vergleichende Stilkunde betreibt und alte Beziehungen amtlichen wie obskuren Charakters nutzt, sich der Wahrheit zu nähern.

Dann aber erfolgt jener Umschlag ins Naive - die Verlegung nach Zürich -, der diesen Eindruck wieder auslöscht.

Als Wandschmuck wünscht sich der Kommissär der Dürer - Stich 'Ritter, Tod und Teufel', gleichsam zur Illustration der Rolle, in der er sich selber sieht.

Als sei damit ein Schlüsselwort ausgesprochen worden, weicht fortan die Todessymbolik nicht mehr von seiner Seite.

*.) Dr. Fritz Emmenberger

Emmenberger, ein 'übereleganter Sechziger' von hagerer Gestalt, auf Hormonbehandlung spezialisiert, Eigentümer der Privatklinik Sonnenstein, schien als junger Student zu den schönsten Hoffnungen zu berechtigen. Im medizinischen Fach unter den Tüchtigsten, zeichnete er sich außerdem durch vielseitige Interessen und gewandten Umgang mit dem geschriebenen wort aus. Obzwar die es gesehen hatten seinen Mut und seine Entschlußkraft bewundern mußten, mit denen er einem Wanderkameraden das Leben rettete durch eine Notoperation ohne Betäubung, sprach niemand gern darüber. Zu unheimlich wirkte es, daß der junge Chirurg diesen Umstand mit teuflischer Freude zu genießen schien. Er bringt es schließlich zu einem hervorragenden medizinischen Abschluß, nicht aber zu Seßhaftigkeit und Bürgerlichkeit. 1932 wandert er aus der Schweiz aus nach Deutschland, von wo aus er wenig später nach Chile gegangen sein soll.

Hinter vorgehaltener Hand nennen ihn die Fachkollegen bald mit dem Spitznamen 'Erbonkel', weil seine Klinik ungewöhnlich viele Vermögenserbschaften verstorbener Patienten antritt.

Die Wahrheit über den Auslandsaufenthalt enthüllt sich im Verlaufe der Romanhandlung. In Wirklichkeit nämlich tat Emmenberger unter dem Namen Nehle als SS-Arzt im KZ-Lager Stutthof Dienst. Mit dem Versprechen auf eine Lebenschance brachte er seine Opfer dazu, sich freiwillig für Vivisektionen zur Verfügung zu stellen. Der echte Nehle weilte indessen unter dem Namen Emmenberger in Chile, wo er auch wissenschaftliche Artikel für die Fachpresse schrieb, die sich stilistisch freilich nicht annähernd mit der Sprachbrillanz des echten Namensträgers messen können.

Als im Magazin 'Life' das Foto erscheint, welches den angeblichen Nehle bei einer Vivisektion in Stutthof zeigt, läßt Emmenberger sein Double aus Chile kommen. Er ermordet ihn in einem Hamburger Hafenhotel und täuscht einen Selbstmord vor.

Als wahrhafter Teufel hat Emmenberger die Klinik Sonnenstein zu einer Hölle für Reiche und Mächtige gemacht. Er verspricht die Hoffnung auf Lebensverlängerung durch Vivisektion und beerbt dann in vielen Fällen noch seine freiwilligen Opfer.

*.) Gulliver

Der Jude Gulliver ist Bärlachs Freund und Retter und er bezeichnet sich im Schlußkapitel mit dem Namen des Ewigen Juden Ahasver. Nimmt man hinzu, daß Swifts Gulliver-Roman eine Satire ist, so scheint die Deutung erlaubt, eine satirischen Version der biblischen Gestalt des bis zum Jüngsten Gericht zu ewiger Wanderschaft verurteilten Schuhmachers Ahasver sei vom Dichter beabsichtigt.

Im Mai 1945 hat sich Gulliver bei Eisleben aus einer Leichengrube geschleppt und ist der SS entkommen. Seither gilt er amtlich als tot. Früher war er verheiratet mit einer inzwischen verstorbenen Arierin. Jetzt zieht er ungebunden von Ort zu Ort, immer im Verborgenen. Gegen den Jahreswechsel 1944/45 kreuzt sein Leidensweg die Spuren Emmenbergers. Gulliver übersteht wie durch ein Wunder eine Magenresektion ohne Betäubung. Er wird anschließend gesundgepflegt und nach Buchenwald überstellt. Auf dem weg dorthin erfolgt seine vermeintliche Erschießung. Eine Gestalt wie aus dem Märchenbuch, wird der Riese zum Retter für Bärlach.

*.) Dr. med. Edith Marlok

Die Morphistin, vierunddreißigjährig, von klar-vornehmer Schönheit, solange ihr nicht das Rauschmittel fehlt, dann wird sie unversehens einem alten Weibe ähnlich, ist eine Figur aus der Nehle-Vergangenheit Emmenbergers. Als Häftling 4466 wurde sie des SS-Arztes geliebte, um zu überleben. Daran hat sich nichts geändert.

'Der Verdacht' erschien im 'Beobachter' vom September 1951 bis zum Februar 1952.

Unter dem Titel 'Die Stadt' erschien 1952 ein Sammelband mit den Erzählungen Weihnacht, Der Folterknecht, Das Bild des Sisyphos, Der Theaterdirektor, Die Stadt, Die Falle, Der Hund, Der Tunnel und Pilatus.

Zu Pilatus:  Die Passion Jesu Christi wird aus der Sicht des Pilatus wiedergegeben. Pilatus erkennt auf den ersten Blick, daß der ihm vorgeführte Gefangene ein Gott ist, hat aber eine ganz andere Vorstellung von einem Gott. Um den Gott zu reizen, endlich seine wahre Gestalt anzunehmen, gibt er die Befehle zur Geißelung und Kreuzigung. Golgatha hinaufreitend, erwartet er, den neuen Gott in Glorie neben dem Kreuz stehen zu sehen, und sieht einen Elendsmann am kreuz hängen. Drei Tage später starrt er ins leere Grab. Pilatus spürt, daß er verloren hat.

Der Tunnel beginnt mit einem satirischen Selbstporträt des Autors. Ein junger Mann steigt eines Sonntagnachmittags in einen Zug, um anderntags ein Seminar zu besuchen.Die Sonne schien - jedoch zum letztenmal für die Insassen des Eilzuges Bern - Zürich. Ein kurzer, sonst kaum beachteter Tunnel nimmt auf dieser Fahrt kein Ende. Der Zug rast ins Erdinnere, von Minute zu Minute schneller und steiler hinab. Der Lokomotivführer ist beizeiten abgesprungen. Der Zugführer gerät in Panik. Die Reisenden dagegen unterhalten sich oder spielen Schach, . . .Gegenüber ihrem Untergang verhält sich die Menschheit gleichgültig.

In der Erzählung Der Hund gesellt sich zu einem Heilsprediger ein Wolfstier. Dürrenmatts Verhältnis zu Hunden ist zwiespältig, da sich 1935 ein Wolfshund in seinen Armen und Beinen verbiß.

Unter dem nachwirkenden Eindruck dieses Erlebnisses habe er die Erzählung Der Theaterdirektor geschrieben.

Die Falle, 1946 entstanden, war unter dem Titel Der Nihilist in der Holunderpresse Horgen-Zürich erschienen. Der Nihilist vertraut dem Erzähler seine Selbstmordabsichten an. Er erschießt aber eine Frau. Auch dies vertraut er dem Erzähler an, macht ihn so zum Mitwisser seines Verbrechens, will ihn beseitigen, findet dann doch die Kraft, sich selbst zu erschießen. Hauptteil der Geschichte ist die Wiedergabe eines Traumes des Nihilisten, eine Untergangsvision Dürrenmatts.

Die Stadt wurde ebenfalls 1946 geschrieben. Der Ich-Erzähler schildert die Stadt, ihre Menschenmassen, ihre gesellschaftliche Struktur: Verwaltung, Arbeiterheere, Gefangene, Wärter, . . . Aus nichtigem Anlaß entsteht ein Aufstand, der Erzähler läuft mit. Aber der Aufstand gegen die unsichtbare Verwaltung löst sich auf, als sei nichts gewesen.

Die Ehe des Herrn Mississippi (Eine Komödie)' im wesentlichen 1950 geschrieben, wird von den Schweizer Bühnen zurückgewiesen. Am 6. Oktober 1951 wird den Dürrenmatts die Tochter Ruth geboren. Das Haus in Ligerz wird zu klein. Am 1. März 1952 zog die Familie von Ligerz in das Haus Pertuis du Sault 34 oberhalb Neuchatel.

Die Landschaft um Ligerz war idyllisch. Dürrenmatt haßt die Idylle. Die Gegend um Neuchatel ist herber, felsiger, urtümlicher.

Die Anfänge zum Mississippi gehen auf den Herbst 1949 zurück. Damals zeigte er Max Frisch die ersten beiden Akte. Die Autoren suchten über Jahre Freundschaft zu halten, vertrauten einander ihre Projekte an.

1960 schrieb Dürrenmatt das Drehbuch zum Mississippi-Film, der durchfiel.

Florestan Mississippi, Staatsanwalt und Gerechtigkeitsfanatiker, ist stolz 350 Todesurteile durchgeboxt zu haben. Da nach alttestamentischem Gesetz auch Ehebruch mit dem Tode bestraft wird, vergiftet er seine Gattin. Die absolute Gerechtigkeit verpflichtete ihn zu dieser privaten Hinrichtung. Die drei Idealisten, Utopisten, Spinner, Weltverbesserer scheitern und alles geht weiter wie zuvor. Zwischen ihnen steht Anastasia, die auch ihren Ehemann umgebracht hat. Alle lieben sie und Anastasia liebt alle. Anastasia brachte ihren Gatten aus schnöder Eifersucht um, jedoch mit dem gleichen Gift, mit dem Mississippi seine Frau ermordet hatt. Er weiß davon. Nun hat aber Anastasias Mann Anastasia ausgerechnet mit Frau Mississippi betrogen! Der Ring ist geschlossen. Die Pointe: Der Mörder macht der Mörderin einen Heiratsantrag.

Es spricht für das Künstlertum Dürrenmatts, daß er mit vollem Einsatz arbeitete, und er beklagte sich, daß seine Hörspiele zuwenig beachtet wurden (z.B: Der Prozeß um des Esels Schatten, das Nächtliche Gespräch mit einem verachteten Menschen, Ein Kurs für Zeitgenossen, Das Unternehmen der Wega, . . )

Dürrenmatts 'Panne' gibt es in vierfacher Form: als Hörspiel, Erzählung, Fernsehspiel und Komödie. Vier  Pensionäre treiben als Spiel, Spaß und Jux, was sie früher berufsmäßig ausübten: Sie sitzen zu Gericht. Ihr Opfer ist der nach einer Autopanne zufällig hereingeschneite und zur Übernachtung eingeladene Alfredo Traps, ein Karrieretyp, im übrigen Durchschnittsbürger. Richter, Staatsanwalt, Verteidiger und Henker knöpfen ihn sich bei einem Festmahl vor. Die vier Greise bohren, stöbern, forschen in Trab´s Vorleben, Leben, Sexual- und Geschäftspraktiken,. . . Sie entdecken da so manchen dunklen Punkt: Verbrechen im sittlichen Sinn, sie entdecken sogar einen psychologischen Mord. Der Richter ermächtigt sich zu einem Todesurteil. Traps akzeptiert. Großer Umtrunk. Ekstase. In der Erzählung stolpert der demontierte Traps allein in sein Zimmer, und als die Herren ihm eine gute Nacht wünschen wollen, hat der sich am Fensterkreuz aufgehängt.

Ein Engel kommt nach Babylon (Eine fragmentarische Komödie in drei Akten): In dem gemormten Leben der Weltstadt Babylon ist der Bettler Akki der einzige Mensch, der sich die Freiheit des Abenteuers bewahrt hat - und zu bewahren gedenkt. Alle anderen Bettler hat der reformsüchtige König Nebukadnezar zu pensionsberechtigten Steuereinnehmern gemacht. Um Akki von der Sinnlosigkeit seines anachistischen Lebenswandels zu überzeugen, verkleidet sich der König als Bettler aus Ninive und tritt mit Akki in einen Bettlerwettstreit, den Akki haushoch gewinnt. Die erbettelte Summe wirft der Siegreiche in den Fluß. Es ist ihm um ein freies Leben voller Poesie zu tun, nicht um materiellen Besitz. Nun flattert ein Engel auf die Erde hinab, mit ihm das Gotteskind Kurrubi, das die Gnade verkörpert und dem ärmsten Menschen von Babylon zugesprochen werden soll. Dieser ärmste Mensch ist aber nach der Wette nach der verkleidete König. Auftragsgemäß liebt Kurrubi den Bettler von Ninive. Also ruft der gekränkte Nebukadnezar den Henker herbei, Kurrubi den Kopf abzuschlagen. Akki hat mit dem Henker längst die Rollen getauscht und zieht mit Kurrubi von dannen. Der enttäuschte König erkennt: Gott läßt ihn fallen, Gott ist sein Feind.

Grieche sucht Griechin (Eine Prosakomödie)': Der Griechin suchende Grieche ist ein Buchhalter auf der untesten Stufe der Hirarchie eines Mammutunternehmens in einer wahrhaft internationalen Metropole - Paris plus Zürich plus London: Europa-City. Per Annonce sucht der Grieche, 45, simpel, schmuddelig, miserabel behaust, aber voller Grundsätze und Religiosität, eine Landsmännin zwecks Heirat. Es meldet sich Chloé, 31, die erfolgreichste Kokotte der Stadt, sie will zurück ins bürgerliche Leben: trautes Heim mit einem Landsmann und Kinderchen. Alle bedeutenden Männer der Metropole haben ihre Liebeskünste genossen, dem Griechen ist das unbekannt.

Eines Tages wird der Grieche, dank der Beziehungen seiner Braut, Generaldirektor, Weltkirchenrat, Ehrenkonsul und der bestangezogene Mann der Stadt. Bei der Trauung, an der alle früheren Beischläfer gerührt teilnehmen, merkt der Grieche endlich, wer da eigentlich an seiner Seite kniet - und nimmt Reißaus und gerät Bombenlägern in die Hände. Ein Mensch kommt in diesem Buch nicht vor. Mit Ausnahme des greisen weisen Staatspräsidenten, zu dem der Grieche mit einer entschärften Bombe nächtens eindringt. Der Alte zieht ihn ins Gespräch. Er kennt des Griechen Schicksal. Der Grieche ist für des Staatspräsidentens Worte empfänglich und die Bombe bleibt in der Manteltasche. Als ein anderer Mensch geht der Grieche nach dem Gespräch von dem Philosophen fort. Aber chloé ist verschwunden. Ende. - als Ende für Leihbibliotheken hat der Autor einen versöhnlichen Schluß angehängt. Grieche und Griechin finden sich wieder in Griechenland bei Ausgrabungen auf dem Peloponnes.

Zeit seines Lebens hat sich Dürrenmatt über das, was ihn bewegte, geäußert, nicht nur in Erzählungen, Romanen uns Stücken, mehr noch unmittelbarer in Aufsätzen, Vorträgen, Kritiken, Kommentaren, Essays, in Zeitungs- und Fernsehinterviews. Er ist auch ein schreibgewandter Theoretiker und Publizist. Es gibt kaum ein Gebiet des Geistes, der Kunst, der Wissenschaft und der Politik, das er nicht erkundet und über das er sich nicht geäußert hat. Seine Aufsätze sind teils Selbstgespräche, teils Ansprachen an seine Kritiker, Freunde und Feinde.

Der erfolglose Engel wurde von einem philosophierenden Märchenerzähler geschrieben, die erfolgreiche Dame von einem Theatermann. Inzwischen hatte Dürrenmatt den Essay über seine Komödientheorie, Theaterprobleme, beendet und hatte selbst inszeniert, 1954 in Bern den Mississippi.

Als er 1955 von einer Vortragsreise zurückkam, mußte sich seine Frau einer Operation unterziehen. Die Operation gelang, hatte aber lebensgefährliche Nachwirkungen. Dürrenmatt fuhr täglich nach Bern ins Spital. Abends fuhr er zu seinen Kindern zurück und begann an der unterbrochenen Mondfinsternis weiterzuschreiben. Frau Lotti erholte sich, aber Dürrenmatt war nun von einer anderen Sorge geplagt: Schulden. Daher kam er auf die Idee die Mondfinsternis in ein Theaterstück zu verwandeln. In der Mondfinsternis kommt Walt Lotcher aus Kanada, wo er es zum Multimillionär gebracht hat, in sein schweiterisches Heimatdorf zurück. Vor 45 Jahren hat ihm der Döufu Mani sein Mädchen weggeschnappt, obgleich sie von ihm schwanger war, seine Kläri. Den Gebirgsdörflern ging es dreckig. Jeder der vierzehn Familien will der Heimkehrer eine Million schenken, wenn sie ihm den Mani umbringen, in zehn Tagen, zur Mondfinsternis. Er hatte einst geschworen, sich zu rächen, und seine Schwüre hält er. Die Dörfler erfüllen ihm den Wunsch. Der alte Mani opfert sich. Der Delinquent wird zur Stunde der Mondfinsternis unter einen Baum gesetzt, der fällt um und erschlägt ihn. Ein Unfall!

DER BESUCH DER ALTEN DAME

( eine tragische Komödie)

Dürrenmatt hätte diese 'Komödie' nie geschrieben, wäre ihm die Bühnenidee dazu nicht eingefallen. Und wie von selbst verwandelte sich im Weiterdenken das Bergdorf in Güllen und Walt Lotcher in Claire Zachanassian.

Claire Zachanassian, geborene Klara Wäscher, in ihrer Jugend arm, aber hübsch, verliebt, geschwängert und verstoßen, zur Hure heruntergekommen, dann durch mehrere Heiraten zurück, in die abgewirtschaftete Kleinstadt Güllen. An den Besuch der alten Dame werden die höchsten Erwartungen geknüpft, besonders von ihrem ehemaligen Geliebten, Verführer und Verräter Ill. Aber die Dame ist gekommen, um der Stadt Güllen eine Milliarde zu stiften, zur Ankurbelung der Konjunktur, wenn sie ihr den ehemaligen meineidigen Verräter Ill tot ausliefert. Den Sarg hat sie gleich mitgebracht. Auf Capri ist für ihre Jugendliebe schon ein Mausoleum errichtet. Sie will Rache, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung. Die Güllner sind empört und kein bißchen schuldbewußt. Alle hatten gewußt, wer der Vater von Klaras Kind war. . . - zur Handlung der Vorgeschichte: Man schreibt das Jahr 1910. Die junge Klara bekommt ein uneheliches Kind. Als Vater benennt sie ihren Geliebten Alfred Ill. Dieser bestreitet die Vaterschaft, weil Klara angeblich auch mit anderen Männern geschlafen hätte. Mit Hilfe von ihm bestochenen Zeugen Jakob Hühnlein und Ludwig Sparr gelingt es, durch deren falsche Aussagen den von Klara bestrittenen Mehrverkehr vor Gericht glaubhaft zu machen. Das Kind stirbt. Klara Wäscher wird Prostituierte in einem Hamburger Freudenhaus. Alfred Ill konnte die begehrte Kaufmannstochter Mathilde Blumhard heiraten.

Im Bordell lernt Klara den Milliadär Zachanassian kennen, der sie heiratet. In den Besitz eines Riesenvermögens gelangt, nimmt die nunmehrige Claire Zachanassian den Oberrichter, der einst den Vaterschaftsprozeß geleitet hat, als Butler in ihre Dienste(Bobby). Die beiden meineidigen Zeugen läßt sie in der ganzen Welt suchen und zu sich bringen, den einen aus Kanada, den anderen aus Australien. Sie läßt sie blenden und kastrieren(Koby und Loby). Sie sorgt dafür, daß der Ort, an dem ihr soviel Unrecht widerfahren ist, der wirtschaftlichen Auszehrung verfällt, indem sie Güllens prosperierende Unternehmungen aufkaufen und stillegen läßt. Was nun noch aussteht, 45 Jahre danach, ist die Rache an dem eigentlichen Schuldigen. . .

Die sittliche Empörung der Güllener über ihr Angebot macht Frau Zachanassian nicht irre. Sie kann warten. Der Gasthof ist zwar verkommen, aber sie nistet sich ein, läßt sich scheiden von ihrem siebenten Gatten Moby und heiratet aufs neue, einen Nobelpreisträger, genannt Hoby. Ihr wird die Zeit nicht lang. Sie hat eine Maschinerie in Gang gesetz und sieht vom Balkon des Hotels dem Lauf der Dinge geruhsam zu. Und die Güllener, zu ihren Füßen, verhalten sich, als hätten sie das Geld schon. Leben üppig, kleiden sich neu ein, bauen, alles auf Pump. Selbst Ill modernisiert seinen Laden. Er hofft, wie sie alle, auf Vergessen und Güte. Nach und nach erkennen die Güllener den wahren Charakter der Dame auf dem Balkon - und denken nun an Abrechnung und Mord, Mord an Ill. Ill gerät in Panik.

Alles hat seinen Preis. Das weiß die reichste Frau der Welt. Fünfhundert Millionen für die Stadt, fünfhundert Millionen auf die Bürger verteilt. Der Lehrer appelliert an Claires Menschlichkeit. Ihre Antwort: 'Die Menschlichkeit ist für die Börse der Millionäre geschaffen, mit meiner Finanzkraft leistet man sich eine Weltordnung. Die Welt machte mich zu einer Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell. Wer nicht blechen kann, muß hinhalten, will er mittanzen. Ihr wollt mittanzen. Anständig ist nur, wer zahlt, und ich zahle. Güllen für einen Mord, Konjunktur für eine Leiche.'

Durch das ganze Stück geht der Ruf nach Menschlichkeit, nach Gerechtigkeit. Niemand in Güllen spricht von Geld, alle sprechen von Gerechtigkeit. Die Entlarvung des verlogenen Begriffs Gerechtigkeit ist der Inhalt dieser tragischen Komödie. Gerechtigkeit verlangt der Bürgermeister, verlangt sogar der Pfarrer, verlangen nun alle von Ill. Ill, so sein Seelensorger, solle nicht so sündhaft am Leben hängen, sondern mehr an die Ewigkeit denken, sich auf das ewige Leben vorbereiten. Oder aber, besser noch, besinnt sich der Geistliche, er solle fliehen, auf daß seine Güllener Schäfchen nicht in Versuchung gerieten. Die Sache mit der Zachanassian und ihrer Milliarde werde sich schon regeln lassen, sei Ill erst einmal weg. Da irrt sich der fromme Mann. Die Stadt überwacht Ill, verhindert seine Flucht. Schließlich hat er sich ja wie ein Schuft zu Klara benommen! Daß muß gesühnt werden. Der Bürgermeister bringt Ill ein geladenes Gewehr und legt ihm nahe, sich selbst zu richten, um den Güllenern die Schmach zu ersparen, das wäre Ills Pflicht, nach all seinen Jugendsünden und Verbrechen, die nun die Stadt befleckten. Güllen ( kommt von dem Wort Gülle = flüssiger Stalldünger, der sich aus Kot und Harn zusammensetzt) sei Kulturboden, habe Tradition. Goethe habe hier einmal übernachtet und Brahms ein Streichquartett komponiert. Das verpflichte! Ill lehnt ab. Das ist seine Rache: Er will seine Mitbürger zu Mördern machen. Schließlich soll eine Gemeindeversammlung über Ills Schicksal entscheiden, sinnigerweise im Theatersaal des Gasthofs zum Goldenen Apostel, in dem die Zachanassian logiert. Der Bürgermeister lädt auch Ill ein und fragt, ob er sich dem Spruch der Allgemeinheit beugen werde. Ill, zermürbt, hat seine aussichtslose Lage erkannt, bekennt seine Schuld, sagt ja. Der Bürgermeister sagt etwas zu deutlich: 'Wer reinen Herzens die Gerechtigkeit verwirklichen will, erhebe die Hand.' Alle außer Ill heben die Hand. Nun hat keiner dem anderen mehr etwas vorzuwerfen. Sie alle sind Mörder. Im Saal werden die Lichter gelöscht. Als es wieder hell wird, liegt Ill tot am Boden. Ein Turner mit kraftvollen Händen hat ihn erdrosselt. Die verabredete Arztdiagnose: Herzschlag. Frau Zachanassian überreicht den Scheck und zieht mit ihrem Gefolge und Ill im Sarg von dannen, nach Capri.

In dieser Komödie sind drei Handlungsstränge miteinander verflochten. Claire hat nie aufgehört, ihren ersten Freund, Alfred Ill, zu lieben. Erst im Alter kann sie seiner habhaft werden. Das ist eine Liebesgeschichte. - Vor 45 Jahren sind zwei Meineide geschworen worden, und ein Richter bestochen worden. Dies ist der kriminalistische Hintergrund. - Drittens ist der Besuch eine Gesellschaftsstudie bitterster Art mit vielen Typen, schrägen, oberflächlichen und faulen. - Zur Wirkung des Stückes trägt nicht wenig die objektive Charakterisierung der Zachanassian bei. Keine Person ist karikiert.

Die Sprache ist von raffinierter Einfachheit, gestochen scharf und transparent. Das Wort ist doppeldeutig. Es wird das eine gesprochen und etwas anderes gemeint, gedacht, beabsichtigt, meist das Gegenteil. Nur die Zachanassian spricht aus, was sie denkt und will. Sie kann es sich leisten. Die Güllener lügen.

Personen:

*.) Claire Zachanassian geb. Klara Wäscher

'Klara' leitet sich her vom Lateinischen: die Helle, Berühmte. Ehe die vormalige Klara Wäscher leibhaftig ins Spiel tritt, bilden sich denn auch Konturen der Milde und Güte ab. Die Spital- und Kirchenstifterin wird gepriesen. Ihre Wohltätigkeit gibt Güllen Zukunftshoffnungen, wenn man nur zartfühlend, klug und psychologisch richtig mit der Heimkehrenden umginge.

Wenn sie dann in der Handlung erscheint, widerspricht die Wirklichtkeit der Güllener Selsttäuschung im entscheidenen Punkt: Diese Kläri kennt keine Sentimentalitäten, wie sie Jugenderinnerungen oder Heimatliebe gemeinhin heraufzureizen pflegen. Das Bildnis, was man sich von ihr gemacht hat, ist falsch. Und es wird dadurch keineswegs richtiger, daß durchaus einige der früheren Wesensmerkmale auch bei des Zweiundsechzigjährigen wiedererkannt werden können: ihr rotes Haar, eine seltsame Grazie, ja sogar jener Charakterzug provokanter Ungeniertheit, den man in der feierlichen Begrüßungsrede zu unbestechlicher Gerechtigkeitsliebe hochzustilisieren trachtete. So nett sie sich selber alt und fett, bekennt sich uneitel zu ihrer Beinprothese und fegt des Bürgermeisters Lobhudeleien mit schonungslosen Selbstbekenntnissen vom Tisch.

*.) Alfred Ill

Der Krämer ist zu Beginn der Handlung ganz und gar Güllener Mitbürger. Er nimmt offensichtlich eine bevorzugte Stellung im Städtchen ein. Sein Wort gilt etwas, sein Rat ist gefragt, zumal in allem, was Klara Wäscher betrifft. Unversehens war Ill zum Hoffnungsträger ananciert, da die Milliardärin ihren Heimatbesuch avisiert hat.

Die schreckliche Wahrheit unbewußt vorwegnehmend, nennt er sich ihren schwarzen Panther und wird jählings auf die Realität zurückgeworfen: 'unsinn. Du bist fett geworden. Und grau und versoffen.'

Kritiker werten die Ill-Gestalt von recht differenzierten Ansätzen her, ihr so Facetten-Reichtum und theatralisches Anziehungsvermögen bescheinigend, wie einige ausgewählte Belegstellen repräsentativ veranschaulichen mögen.

Friedrich Dürrenmatt belehrt nicht. Er stellt hin. Die Güllener sind, soweit Geld glücklich machen kann, glücklich, ohne üblen Nachgeschmack. Selbst Ills Witwe und Kinder leben auf.

Nach der Uraufführung war der längst vielgepriesene und vielgescholtene Autor aller materiellen Sorgen ledig. Merkwürdig, daß Dürrenmatt selbst das Stück nicht schätzt. Ihm ist der Welterfolg eher ein Beweis dafür, daß das Stück schlecht und flach ist. Seine Lieblingsstücke sind die erfolglosen Romulus, Frank V und Mitmacher.

Auf Dürrenmatt regnete es nun Ehrungen, Preise, Doktorhüte, Medaillen, Aufträge, Einladungen zu Vorträgen.

1957 bestellte der Filmproduzent Lazar Wechsler bei ihm eine Filmerzählung zum Thema Sexualverbrechen an Kindern. Das Thema war akut. Dürrenmatt schrieb ein Treatment, der Regisseur Ladislao Vajda das Drehbuch. Dürrenmatt war mit dem Produkt der Praesens-Film(Zürich) durchaus zufrieden, nicht aber mit dem Schluß seiner Geschichte. Aus dem Filmstoff es geschah am hellichten Tag wurde Das Versprechen.

DAS VERSPRECHEN

Der Roman folgt zunächst der Filmerzählung. Ein Kind, Gritli Moser, ist mißbraucht und ermordet worden, in einem Waldstück an der Autostraße Zürich-Chur. In dem Film wird der Mädchenmörder mit den detektivischen Mitteln und Tricks eines allseits beliebten und geachteten Kommissärs entdeckt und unschädlich gemacht. Der Hausierer, der die Leiche gefunden hat, gerät zwar in Verdacht, viele Indizien sprechen gegen ihn, aber einen Schuldbeweis gibt es nicht, kann es nicht geben, der Hausierer hat mit dem Mord nichts zu tun. Er ist jedoch dem Druck der Dauerverhöre durch sich abwechselnde Beamte - auch eine Art Folterung - nicht gewachsen, legt, um endlich Ruhe zu haben, ein falsches Geständnis ab und erhängt sich in der Zelle. Der Fall ist abgeschlossen. Nicht für den Kommissär, der außer Dienst weiterforscht. Und es gelingt ihm - im Film.

Im Roman macht sich Dürrenmatt über die Filmhandlung geradezu lustig. Er bricht die Filmgeschichte auf, macht sie durchsichtig, indem er sie den ehemaligen Kommandanten der Züricher Kantonspolizei, Dr. H., dem Autor erzählen und natürlich ganz anders ausgehen läßt. Dr. H. steht den Kriminalromanen- und filmen der üblichen Machart kritisch, ja ablehnend gegenüber. Er nimmt den Autor, dessen Vortrag über das Schreiben von Kriminalromanen er besucht hat, von Chur nach Zürich im Wagen mit, weil er ihn schätzt, wenn auch nicht so sehr wie Max Frisch, der ihm näherliegt, wie er seinem Fahrgast bekennt. Dr. H. stellt die Möglichkeit kriminalistischer Wahrheitsfindung in Frage.

Der Kommissär des Romans, Matthäi, ist zwar tüchtig, aber unbeliebt, weil eigenbrötlerisch, kontaktarm, zum Schluß besessen von seiner Mission, den Mädchenmörder unschädlich zu machen, damit ihm nicht noch andere Kinder zum Opfer fallen. In einem Anfall von Sentimentalität schwört er der Mutter des ermordeten Mädchens 'bei seiner Seeligkeit' den Mörder zu fassen und der Gerechtigkeit zuzuführen. Schon Jahre zuvor sind Kindermorde an der Straße Zürich-Chur verübt worden. Matthäi ermittelt, daß ein großer Mann mit einer schwarzen Limousine das Gritli getötet haben muß. Also kauft er eine Tankstelle an der Straße. heuert ein der Ermordeten ähnliches Mädchen( Annemarie) als Köder an - und wartet auf den Mörder. Tatsächlich, eines Tages berichtet das Mädchen von einem solchen Mann. Zur verabredeten Stunde kommt der dann doch nicht. Matthäi wartet und wartet, jahrelang, sein Versprechen kann er nicht halten, er wird trunksüchtig und verliert den Verstand. Der Mord wird nach Jahren von anderen Kriminalbeamten aufgeklärt. Frau Schrott, eine Greisin im Sterbebett, erzählte, daß ihr erster Mann ein Waisenkind aufnahm. Als dieser dann starb war es das beste für Albert, das Waisenkind und Frau Schrott, daß sie heirateten. Denn Albert wäre mit seinen beschränkten Geistesmitteln verloren gewesen. Seine Aufgabe war, es unter anderem, jede Woche Eier nach Zürich zu Frau Schrotts Militaristenschwester zu bringen. Jedoch eines Tages kam er erst nach Mitternacht nach Hause. Er war voller Blut, erzählte seiner 'Mutti', so wie er sie nannte, daß es ein unfall gewesen sei. Aber am nächsten Morgen las Frau Schrott in der Zeitung , daß man ein kleines Mädchen im Sankt Gallischen ermordet habe, wahrscheinlich mit einem Rasiermesser, und da kam es ihr in den Sinn, daß er letzten Nachts auch sein Rasiermesser gereinigt hatte. Sie fragte ihn, ob er den Mord begangen hatte und er gestand alles. Seine 'Mutti' sagte nur: 'Das darf nie mehr vorkommen.' Ein anderes Mal aber, nach dem Zweiten Weltkrieg, fuhr er wieder einmal zur Schwester und lieferte Eier ab, getreu und brav, wie es seine Art war, und kam wieder erst nach Mitternacht nach Hause. Frau Schrott hatte sofort geahnt, was passiert war. Wieder gab Albertchen zu, daß er ein Mädchen im Kanton Schwyz umgebracht hatte. Dieses Mädchen hatte ebenfalls ein rotes Röcklein an und gelbe Zöpfe. Letztere war Gritli Moser.

Aber wenige Monate nach diesem Mord ist er wieder unruhig geworden und fahrig. Er hatte wieder ein Mädchen gefunden - Annemarie. Als Frau Schrott ihn darauf ansprach kam es zu einem Streit und er rannte hinaus und fuhr mit dem Auto davon. Aber auf der Fahrt zu Annemarie ist er tödlich verunglückt.

Wieder werden wir auf Dürrenmatts Lieblingsgedanken gestoßen. Wir alle irren in einem Labyrinth umher, und der Zufall, der absurde, lächerliche, irreale, spielt die beherrschende Rolle. Den Kommissar, der durch Befragen, logisches Denken und Kombinieren einen Fall löst, gibt es nicht, kann es nicht geben. Daher Totenmesse: Reqiuiem auf den Kriminalroman.

Frank V. ( - Oper einer Privatbank ): Diese Bank ist ein höchst sonderbares Geldinstitut. Eingezahltes Geld sehen die Kunden nie wieder. Kunden die aber auf ihr Recht bestehen werden umgebracht. Ebenso unbestechliche Wirtschaftsprüfer. Titelfigur Frank V. fingiert seinen Tod, um als Privatier mit seiner Gattin einen besseren Lebensabend zu genießen. Es wird über die Bankverbrechen viel geredet - praktisch geschieht nichts. Wir erfahren nicht, wie dieses Aufhäufen von Millionen vor sich geht, drei kleinere Delikte, die auch noch schiefgehen, ausgenommen. Nach ein paar verunglückten Spekulationen droht der Zusammenbruch. Zudem wird die Bank erpreßt, von unbekannt. Nun ist diese Privatbank ein Kollektiv - Mitglieder der verschworenen Mördergemeinschaft müssen laut Satzung ihre unrechtmäßig erworbenen Privatvermögen herausrücken, zur Rettung des Unternehmens. Wer sich weigert, wird erschossen. Die Kellerwände triefen von Blut. Der Erpresser ist der Sohn Frank des Fünften, der als Frank der Sechste an die Macht will, also sperrt er seinen Vater in den Tresor und läßt ihn verhungern.

Eine Unwahrscheinlichkeit reiht sich an die andere. Der Sohn will denn auch Schluß mit den Wildwestmethoden machen. Ihm genügen die Gesetze, um die Betrügereien fortzuführen.

Dürrenmatt hatte sich von einem Stüch Shakespeares beeinflussen lassen. Statt Königen und deren Günstlingen und Mordbuben nun Bankdirektoren, Prokuristen, Anlageberater, Kassenverwalter und Personalchefs. Im ganzen Stück gibt es keine Person, die des Zuschauers Anteilnahme erweckt. Sie alle sind stilisiert, wirken marionettenhaft, ohne Eigenleben.

Nach diesem Stück dauerte es zwei Jahre, bis Dürrenmatt ein neues Stück auf die Bühne brachte:

DIE PHYSIKER

Diese Komödie spielt in unserer Gegenwart an einem nicht näher bestimmten Ort in der Schweiz, und zwar in einer privaten Nervenheilanstalt(Les Cerisiers), die von der berühmten Arztin für Psychiatrie Mathilde von Zahnd geleitet wird. Patienten sind drei Kernphysiker, die sich verrücktstellen: Johann Wilhelm Möbius, dem angeblich der König Salomo erscheint, Ernst Heinrich Ernesti, der sich für Einstein hält, und Herbert Georg Beutler, der Newton zu sein vorgibt. Jeder dieser Patienten hat eine Krankenschwester ermordet. Hünenhafte Männer haben jetzt die Pflegeaufgaben übernommen. Jedoch muß Inspektor Voß diese Morde untersuchen. Unter der Leitung von Inspektor Voß untersuchen Kriminalbeamte die Leiche der ermordeten Schwester Irene Straub. Oberschwester Marta Boll verwehrt dem Inspektor das Rauchen und gibt Auskunft über den Täter. Das Wort 'Mörder' läßt sie nicht gelten, da es sich um einen Kranken handelt. Er heißt Ernst Heinrich Ernesti und hält sich wie bereits erwähnt für Albert Einstein. Die Tat hat er mit der Schnur der Stehlampe ausgeführt. Es handelt sich bereits um den zweiten Mord in der 'Villa'. Vor drei Monaten hat Georg Beutler, der sich für Newton ausgibt, die Krankenschwester Dorothea Moser erdrosselt. Der Inspekto hält weibliches Pflegepersonal für nicht länger verantwortbar. Die Oberschwester wendet ein, daß Dorothea Moser Ringerin gewesen war und Irene Straub Landesmeisterin im Judosport war.

Als Marta Boll den Raum verläßt gesellt sich zu dem alleingebliebenen Inspektor Newton. Zunächst sprocht man im Plauderton über die beiden Morde. Als Newton zur Zigarette greift, will Voß sich die Zigarre anzünden, aber er darf nicht, da das Rauchen nur den Patienten erlaubt ist.Versonnen erinnert sich der Täter seines Opfers und ihrer kräftigen Weiblichkeit. Und plötzlich behauptet dieser, daß er in Wirklichkeit Albert Einstein wäre und nicht der Mitpatient Ernesti. Nur um diesen nicht zu verwirren, gäbe er sich als Newton aus. Dem Inspektor schwirrt der Kopf. Schließlich kommt man überein, sich beim Vornamen zu nennen - Richard und Albert. Newton begehrt zu wissen, ob Voß ihn lieber verhaften würde, weil er die Krankenschwester umgebracht oder weil er die Atombombe ermöglicht habe. Wie von ungefähr ist ein ernsterer Ton in das Gespräch gekommen. Am Beispiel des Lichtschalters erklärt Newton aus seiner Sicht den Unterschied zwischen dem Wissenschaftler (als theoretischen Vorausdenker) und dem Techniker(als den in die Praxis Umsetzenden). Auf Grund von Naturbeobachtungen entstehe zunächst eine Theorie, die in der Sprache mathematischer Formeln festgehalten werde. Und die Techniker kümmern sich um die Formeln. Sie stellen Maschinen her, und brauchbar ist eine Maschine erst dann, wenn sie von der Erkenntnis unabhängig geworden ist, die zu ihrer Erfindung führte - so vermag heute jeder Esel eine Atombombe zur Explosion zu bringen. Mit dem Ratschlag: 'Sie sollten sich selber verhaften, Richard!' verschwindet Newton in seinem Zimmer. Voß schickt seine Leute in die Stadt zurück und bleibt alleine in der 'Villa'. Endlich hört er das Geigen- und Klavierspiel in Einsteins Zimmer auf, und Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd erscheint. Sie setzt sich zu dem Inspektor und beginnt ebenfalls, wie er, zu rauchen. Newtons Verwirrspiel mit der Behauptun, er sei Einstein, nimmt sie nicht wichtig. Voß mahnt im Auftrag des 'tobenden' Staatsanwaltes bessere Sicherheitsvorkehrungen an, angesichts des zweiten Mordes. Die Arztin meint: 'Ich leite eine Heilanstalt, nicht ein Zuchthaus.' Sie beunruhige lediglich die Tatsache, daß die Gefährlichkeit der beiden Täter Beutler und Ernesti nicht erkannt worden ist, keineswegs aber der tobende Staatsanwalt.

Für Augenblicke geistert Einstein über die Szene, wird von Dr. Zahnd aber wieder schlafen geschickt.

Voß erkundigt sich nach der Krankheitsgeschichte der beiden Täter. Dies bietet willkommene Gelegenheit, ihn geschickt zur Überzeugung zu bringen, durch Hantieren mit radioaktiven Stoffen habe sich bei beiden Physikern eine Hirnveränderung ergeben, die letztlich für die Mordtaten verantwortlich wäre.

Dr. Zahnd erklärt, wieso nur drei Physiker noch in der 'Villa' untergebracht sind. Durch die Beiträge reicher Patienten und etliche Hinterlassenschaften von Verwandten hat sie sich den Neubau rechtzeitig leisten können. Der gleiche Beruf bei allen drei Patienten ist kein Zufall - sie hat es so gewollt. Voß Besorgnis, Möbius könnte auch mit Radioaktivität zu tun gehabt haben, zerstreut die Arztin im Ansatz. Voß kehrt in die Stadt zurück.

Die Oberschwester kehrt wieder und weiß genau, welche Behandlungsmaßnahmen im Augenblick für die Tante und den Vetter von Frl. Doktor geboten sind, die zur Zeit im Irrenhaus 'Les Cerisiers' untergebracht sind. Außerdem hat sie die Krankenakte Möbius mitgebracht, weil dieser Besuch bekommen soll.

Die Oberschwester holt den Besuch in den Salon. Es erscheinen Frau Lina Rose, bis vor drei Wochen noch Frau Möbius, ihre drei Söhne und Missionar Oskar Rose, der Witwer, den sie geheiratet hat. Die Söhne hat sie mitgebracht, damit sie ihren Vater einmal als Halbwüchsige kennenlernen sollen; denn man steht kurz vor einer Missionsstation auf den Marianen, die Oskar Rose übernehmen wird. Frau Rose wird von Schildgefühlen gegenüber dem Kranken geplagt und erzählt deshalb Frl. Doktor die Geschichte ihrer Ehe mit Möbius: Im Hause ihres Vaters bewohnte dieser als bettelarmer, verwaister Gymnasiast eine Mansarde. Sie selbst war damals 20, er erst 15. Sie ermöglichte ihm Abitur und Physikstudium, später auch die Arbeit an seiner Disseration. Nach fünfjähriger Bekanntschaft hatten sie geheiratet. Die drei Jungen wurden geboren. Als endlich eine Professur in Aussicht stand, erkrankte Möbius.

Man ruft Möbius herzu. Nur mühsam scheint er seine geschiedene Frau zu erkennen. Und auch drei Söhne zu haben, war ihm nicht bewußt. Frau Lina stellt ihren neuen Ehemann vor und teilt dem Kranken mit, man werde nach den Marianen aufbrechen. Möbius nimmt´s zunächst gelassen hin. Dann aber müssen die drei Söhne ihrem Vater ein Abschiedskonzert auf der Blockflöte darbieten. Das überfordert ihn offensichtlich. Im Namen Salomos verlangt er, das Spiel abzubrechen. Der salbungsvolle Einwand des Missionars, gerade Salomo hätte sich am Geflöte unschuldiger Knaben erfreut, reizt Möbius zu wütendem Protest. Salomo sei nicht der große goldene König. Vielmehr hocke er 'nackt und stinkend' in seinem Zimmer 'als der arme König der Wahrheit', und Möbius steigt in einen umgekehrten Tisch, um den 'Psalm Salomos, der Weltraumfahrern zu singen' von dort aus zu intonieren. Von Astronauten ist darin die Rede, die bei fernen Himmelskörpern verunglücken oder in ihren Raumschiffen in der Weite des Weltalls verkommen. Unter den Verwünschungen des Aufgeregten werden die Roses von der Oberschwester aus dem Raum bugsiert. Er bleibt mit Schwester Monika alleine und beruhigt sich augenblicklich. Er bekennt sich künstlich aufgeregt zu haben, um seiner Familie den Abschied so leicht wie möglich zu machen. Im folgenden Gespräch erfährt er von Schwester Monika, daß männliche Pfleger hinfort die Betreuung der Physiker übernehmen werden. Er dankt der jungen Frau für zwei bessere Jahre, als es die vorangegangenen gewesen waren, unter ihrer Obhut. Doch Monika Stettler ist noch nicht am Ziel ihres Gespräches. Sie erklärt, ihn keineswegs für verrückt zu halten und auch an das Erscheinen Salomos glaube sie, weil sie ganz einfach wisse, daß er nicht krank ist. Möbius Warnung, es sei tödlich, an den König Salomo zu glauben, beantortet sie mit :'Ich liebe Sie.' Sie fürchtet wegen Einstein und Newton um Möbius Sicherheit. Der Physiker gesteht, auch er liebe sie, und gerade deshalb befinde sie sich in Gefahr. Wie zur Bekräftigung erscheint Einstein im Raum und spricht von der Liebe der ermordeten Irene Straub zu ihm, derentwegen sie hat sterben müssen. Er meint, daß Schweter Monika besser ihrem Geliebten gehorchen soll und fliehen soll. Dann verschwindet er wieder.

Schwester Monika erkennt jedoch die Parallele zur eigenen Situation nicht. Sie beharrt auf ihrer Liebe. Nur für ihn will sie leben! Die Rede kommt auf Salomo. Möbius behauptet zunächst, er müsse im Irrenhaus Zeit seines Lebens dafür büßen, daß er das Erscheinen Salomos verraten habe, Monika setzt Möbius Verrat an ihr (er liebt sie, aber er bekennt es nicht nach außen) - mit dem Verrat an Salomo gleich. Der Physiker hält dagegen.

Er braucht nur zu wollen, um an ihrer Seite mit Genehmigung die Anstalt zu verlassen. Monika hat praktisch vorgesorgt. Ein neuer Job als Gemeindeschwester ist ihr zugefallen und einige Ersparnisse wären auch noch da. Möbius sieht keinen Ausweg mehr. Er sieht Tränen des Glücks in den Augen der jungen Frau und bringt sie mit der Vorhangkordel um. Newton tritt herein. Möbius teilt ihm mit: 'Ich habe Schwester Monika Stettler erdrosselt.' Einstein geigt dazu in seinem Zimmer und der Erste Akt ist zuende.

Im Zweiten Akt ist Voß wieder dabei die Spuren eines Tötungsdeliktes zu sichern. Die Situation gleicht in allem derjenigen zu Beginn des Ersten Aktes. Voß bekommt Zigarren und Schnaps wie selbstverständlich angeboten, lehnt aber ab. Vehören will er den Täter nicht, schließlich handelt sich es um einen Kranken, den er endgültig Frl. Dr. Zahnd überlassen möchte. Die Arztin wirkt zerknirscht: 'Dieser dritte Unglücksfall hat mir in 'Les Cerisiers' gerade noch gefehlt. Ich kann abdanken.' Sie fürchtet um ihren medizinischen Ruf.

Die neuen Pfleger sind wahre Riesengestalten. Den Oberpfleger kennt der Inspektor. Er heißt Uwe Sievers und war Europameister im Schwergewicht. Die beiden anderen sind ehemalige Box-Champions.

Voß gibt den Befehl den Leichnam azutransportieren und im gleichen Augenblick stürzt Möbius in den Salon. Er wird von Dr. Zahnd mit Vorwürfen empfangen. Möbius behauptet, König Salomo habe ihm den Befehl zum Töten durch die Fensterscheibe zugeflüstert. Die Arztin zieht sich entnervt zurück.

Jetzt bleiben Voß und Möbius allein. Möbius begehrt, verhaftet zu werden für seine Tat. Aber Voß lehnt ab. Solange er Salomo nicht verhaften kann, bleibt auch Möbius frei. Der Inspektor genießt es auf einmal, nicht einschreiten zu müssen. Er hat drei Mörder gefunden, die er mit gutem Gewissen nicht verhaften brauche. Die Gerechtigkeit macht zum ersten Male Ferien. Er läßt Newton und Einstein freundlich grüßen und verläßt den Salon.

Möbius bleibt nicht lange allein. Newton gesellt sich zu ihm und verwickelt Möbius in ein Gespräch. Newton will heraus aus dem Irrenhaus. Die neuen Pfleger zwingen zum Handeln. Er gesteht Möbius, weder verrückt, noch Newton oder Einstein zu sein. Vielmehr laute sein wahrer Name Alec Jasper Kilton. Möbius kennt ihn als den 'Begründer der Entsprechungslehre'. Newton ist in der Anstalt, um im Auftrag seines Geheimdienstes den Grund von Möbius Erkrankung auszuspähen. Dorothea Moser mußte sterben, weil sie seine Mission in Gefahr brachte. Newton hält Möbius für den größten Physiker aller Zeiten.

Einstein tritt herein. Er hat dem Gespräch gelauscht und bekennt nun ebenfalls nicht verrückt, Geheimdienstler und Physiker mit dem Namen Joseph Eisler zu sein. Möbius kennt den Eisler-Effekt und weiß, daß dessen Entdecker 1950 verschollen sein soll. Newton versucht, die Situation mit Hilfe eines Revolvers unter Kontrolle zu bringen. Aber Einstein ist ebenfalls bewaffnet. So beschließt man Waffenstillstand. Einstein begründet seine Mordtat an Irene Straub mit den gleichen Argumenten wie Newton. Auch in seinem Land gilt Möbius als der größte Physiker, und deshalb ist Einstein in Les Cerisiers. Bald beginnen sie zu tafeln - 'Die reinste Henkersmahlzeit.' Jedoch werden sie von den Pflegern gestört, die Gitter vor dem Fenster herablassen, die sorgfältig verschlossen werden. Allein gelassen überprüft man die Situation. Die Gitter befinden sich auch vor den Zimmerfenstern und besitzen Spezialschlösser. Man(n) ist gefangen!

Nur gemeinsam ist das Hinausgelangen denkbar. Aber Möbius will nicht. Newton hält ihm entgegen. Sofern Möbius sich auf seine Seite schlüge, bekäme er in einem Jahr in Stockholm den Nobelpreis, da man vermutet, Möbius habe 'das Problem der Gravitation' gelöst. Einsteins Seite zeigt sich interessiert an der 'einheitlichen Theorie der Elementarteilchen'. Beide Entdeckungen bejaht Möbius, außerdem noch 'das System aller möglichen Erfindungen'. Aber Möbius weiß, daß seine Entdeckungen für die Menschheit verheerende Folgen hätten, wenn sie bekannt würden. Einstein und Newton gleuben nicht, daß man dies verhindern kann. Newton analysiert die Situation. Nicht die beiden Geheimdienstler hielten Möbius in Schach, sondern dieser könnte wählen, für welxhe Seite er sich entscheidet. Der Verlierer könnte nichts dagegen tun. Einstein will die Sache mit dem Revolver entscheiden und Newton ist sofort einverstanden. Man wird schießen müssen: aufeinander, auf die Wärter, notfalls sogar auf Möbius, weil dessen Manuskripte wichtiger sind als der Physiker selber. Doch ein Kampf wäre sinnlos, denn Möbius hat nämlich, als das Anrücken der Polizei drohte, kurzerhand die Arbeit von 15 Jahren ins Feuer geworfen. Die beiden Geheimdienstler sind also gescheitert. Möbius übernimmt jetzt die Initiative. Er will jeden Denkfehler ausschließen bei der zu treffenden Entscheidung. So fragt er nach der Wirklichkeit in den gesellschaftlichen Systemen der beiden Kontrahenten. Newton verspricht gutes Geld und ideale Unterkunft. Einstein definiert, was er mit Machtpolitik meint: im Dienste der Macht einer Partei zu stehen. Beide aber können ungeschränkte Freihheit in einem Gesellschaftssystem nicht garantieren. Möbius würde in jedem Falle das Irrenhaus gegen eine andere Form des Gefangenseins eintauschen. Das Irrenhaus sei mithin vorzuziehen, weil es derjeinge Ort ist, an dem der Machtmißbrauch neuer Erkenntnisse durch die Machtausübenden unterbunden bleibt. 'Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches.' Mit der Einsicht, seine Entdeckungen würden Waffen ermöglichen, die das Risiko mit sich brächten, ist er ins Irrenhaus emigriert. Seine Vernunft hat das gefordert, weil die Menschheit noch nicht reif ist, von dem neuen Wissen vernünftigen Gebrauch zu machen. Er vermag somit Newton und Einstein zum Bleiben zu bewegen. In einem feierlichen Ritual gedenken sie ihrer drei Opfer und trinken auf ihren neuen Freundschaftsbund. Sie wollen als vermeintliche Irre weiterleben. Und dann ziehen sie sich in ihre Zimmer zurück.

Dann erscheinen Pfleger in schwarzen Uniformen mit Pistolen und auch Dr. Zahnd. Zunächst läßt sie das Porträt des Geheimrats, ihres Vaters, über dem Kamin austauschen gegen das des Generals Leonidas von Zahnd. Man meldet ihr, die erwarteten 'Koryphäen' mit Generaldirektor Fröben seien eingetroffen. Möbius, Newton und Einstein werden herbeizitiert. Sie versuchen, die Verrückten zu spielen, werden aber schnell aus ihrem überschwenglichem Gebaren gerissen, als Dr. Zahnd plötzlich die wahren Namen von Newton und Einstein ausspricht. Ihr Gespräch ist also abgehört worden! Die Geheimsender werden herbeigeholr und in hellem Scheinwerferlicht stehend erkennen sie, daß die 'Villa' von Wärtern umstellt ist.

Mathilde von Zahnd offenbart sich. Ihr ist Salomo erschienen. Statt Möbius soll nun sie zur heiligen Weltherrschaft als Salomos auserwählte Dienerin gelangen. Sie hat Möbius Schriften bis zur letzten Manuskriptseite photokopiert und einen mächtigen Trust aufgebaut, der auch das System aller möglichen Erfindungen auswerten wird.

Es zeigt sich: die Irrenärztin ist selber irre. Möbius Erklärung, er habe Salomo nur erfunden, wird von ihr nicht akzeptiert. Trotzdem ist sie mit teuflischer Schlauheit vorgegangen. Die drei Krankenschwestern mußten dazu herhalten, die Physiker zu gemeingefährlichen Irren zu stempeln. Sie waren von vorhinein als Mordopfer auserkoren.

Fortan leben die Physiker nicht mehr in den Mauern einer Heilanstalt, sondern in eben jenem Gefängnis, das sie selber gewählt haben. Frl. Zahnd aber schickt sich an, die Weltherrschaft im Namen König Salomos zu erobern.

Möbius zieht das Fazit: 'Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.'

In drei abschließenden Monologen geben die Physiker als Newton, Einstein und König Salomo ihrer tiefsten Resignation Ausdruck. Sie beschreiben darin schlicht ihre närrische Identität.

Personen:

*.) Johann Wilhelm Möbius

Er ist zum Zeitpunkt der Geschehnisse vierzig Jahre alt. Ohne Zweifel ist er die Hauptgestalt der Komödie im Sinne seiner dramatischen Funktion als Überbringer der Dürrenmattschen Botschaft an das Publikum.

Da ist zunächst der bettelarme Vollwaise, der das Wohlgefallen der Hauswirtstochter gewinnt. Sie nimmt den Schutzbedürftigen in ihre Obhut, zunächst wohl mehr Mutterstelle an ihm vertretend, als Geliebte zu sein. Selbst nicht im Übermaß mit irdischen Glückgütern gesegnet, sorgt die fünf Jahre ältere Frau dafür, indem sie hart arbeitet, daß Möbius maturiert, studiert und schließlich auch noch promoviert. Obendrein bringt sie seine Kinder zur Welt. Schließlich zieht sich der junge Mann ins Irrenhaus zurück, als er eine Professur erhalten sollte.

In der Anlage der zentralen Komödiengestalt findet sich ein auffallen harter Gegensatz zwischen dem moralischen Versagen im familliären und persönlichen Lebensbereich gegenüber dem hohen moralischen Anspruch des Wissenschaftlers.

Ins Irrenhaus hat er sich zurückgezogen, um seine Entdeckungen und Erkenntnisse vor dem Mißbrauch durch Mächtige zu schützen und zu bewahren. Er ist von Anfang an ein Moralist. Es verleiht seinem Handeln eine Dimension der Narrheit, daß im Sanatorium der Mathilde von Zahnd just diese Gelegenheit zur Realität wird. Ein Zug komödienhafter Ironie liegt in der Tatsache, daß ausgerechnet der König Salomo, eine Symbolfigur für die menschliche Weisheit, ihm den Weg ins Irrenhaus geebnet hat.

*.) Alec Jasper Kilton - Herbert Georg Beutler - Newton

Newton steht auf der Besoldungsliste des Geheimdienstes der USA. Man hat ihm einwandfreies Deutsch beigebracht und er bewohnt unter dem Namen Herbert Beutler das Zimmer Nummer 3 in der Villa von Les Cerisiers. Sein wirklicher Name ist Alec Jasper Kilton.

Es geht ihm um die 'Freiheit' der 'Wissenschaft', und es ist ihm gleichgültig, wer diese Freiheit garantiert. Er sieht nicht die Abhängigkeit der Wissenschaft von der politischen Macht.

Den Mord an Dorothea Moser begeht er aus zwei Gründen: zum einen stand durch die junge Frau seine Geheimdienstmission in Frage; zum anderen sollte der Mord seinen Wahnsinn endgültig beweisen. Er zählt sich selbst zu den 'Nicht-Genialen'. Gelegentlich zeigt er einen Hang zur Aufrichtigkeit. In der Auseinadersetzung mit seinem Gegenspieler Einstein zeigt er Mut. Vor einem Revolverkampf schreckt er keinen Augenblick zurück. Insofern gleicht er seinem Rivalen

*.) Joseph Eisler - Ernst Heinrich Ernesti - Einstein

Als Ernst Heinrich Ernesti wohnt der geigende Pseudo-Einstein im Zimmer Nummer 2. In Wirklichkeit ist er der Physiker Joseph Eisler, der Fachwelt bekannt als Entdecker des Eisler-Effekts und vorgeblich seit 1950 verschollen.

Über seine wissenschaftliche Leistung mit dem effektvollen Namen wird nichts Näheres mitgeteilt und ebensoweing erfährt man über seine Zugehörigkeit zum Geheimdienst der konträren Supermacht Sowjetunion.

Er hat ebenfalls gemordet, um seiner Mission Treue zu halten. Er ordnet sich bewußt der politischen Macht unter. Er überläßt ihr sein Wissen und tritt die Verantwortung für die Folgen an das System bzw. an die 'Partei' und den 'Generalstab' ab. Diese können das Wissen für ihre 'Machtpolitik' benutzen, ohne daß er selbst noch irgendeinen Einfluß ausüben kann.

Einsteins Empfindungen treten generell stärker in Augenschein, als dies bei dem stets beherrschten, ein wenig Zynismus neigenden Newton der Fall ist. So hat er alles getan, Irene Straub von ihrer Hingabebereitschaft abzubringen. Erst als das vergeblich blieb, griff er zum letzten Mittel. Auch er zeigt sich kompromißbereit, wo es geraten ist. Im Ideologischen gibt es keinen Brückenschlag. Hier ist er der Härtere. Sogar auf Möbius würde er schießen,um seiner Mission zu dienen.

*.) Mathilde von Zahnd

Sie stammt aus einer alteingesessenen, einst mächtigen Familie. Ihr Vater, Geheimrat August von Zahnd, der wirtschaftsführer und Menschenhasser (auch sie blieb nicht verschont), hat ihr 'Les Cerisiers' hinterlassen. Sie verfügt über einen beachtlichen Ruf in der Fachwelt der Psychiatrie. Trotz offenkundigem Berufserfolg und augenscheinlicher Wohlhabenheit ist die verwachsene Erscheinung der Fünfundfünfzigjährigen dazu angetan, das Mitgefühl des Publikums zu erwecken, zumal sie gelegentlich anspielt auf den Status der einsamen, alten Jungfer, Selbstironie seint abzuklingen, wenn sie bekundet: 'Wir Irrenärzte bleiben nun einmal hoffnungslos romantische Philanthropen.' Sie verhält sich anfangs durchaus so, wie man es von einer Vertreterin ihres Berufsstandes erwartet: Sie hat Mitgefühl mit ihren Kranken, beruhigt den 'kranken' Mörder Einstein durch Klavierbegleitung, legt Wert auf ihren ärztlichen Ruf, verfügt über Selbstironie, hat großes Verständnis für die zweite Heirat von Möbius ehemaliger Frau, erteilt gern die Genehmigung zum 'Familientreffen', ist 'kein Unmensch', als Frau Rose erklärt, für ihren früheren Mann den Aufenthalt im Irrenhaus nicht mehr zahlen zu können, und scheint nach dem Mord an Schwester Monika vollkommen vernichtet zu sein.

Schon früh fällt ein Satz, der erst rückblickend seinen wahren Sinn enthüllt: 'Für wen sich meine Patienten halten, bestimme ich.' Dieser Satz soll den Leser bzw. den Zuschauer beunruhigen.

Fast bis zum Ende hält sie ihre 'normale' Rolle durch. Nur bei einer Gelegenheit ist sie in Gefahr, sich zu verraten. Als Möbius sich zur Begründung seines Mordes an Schwester Monika auf den König Salomo beruft, reagiert sie eigenartig: 'Der König Salomo . . .' Sie setzt sich wieder. Schwerfällig. Bleich. Aus ihrer Reaktion kann der Leser bzw. der Zuschauer erkennnen, daß mit ihr etwas nicht stimmt.

In der letzten Enthüllungsszene erkennt der Leser bzw. der Zuschauer dann schockartig das eigentliche Wesen der Arztin, was bei Möbius Maske war: die Vision vom König Salomo. Sie erscheint als ein fast außerirdisches Wesen, als ein weltbestimmendes Prinzip, das über Wohl und Wehe der Menschheit bestimmen kann, als Inkarnation des Bösen. Ihre Gegenspieler können demnach keine einzelnen Personen sein, sondern große Gruppen oder Mächtige. Ihr eigentlicher Gegenspieler ist deshalb nicht Möbius, sondern die Menschheit, die Welt, die sie beherrschen will.

*.) Inspektor Richard Voß

Er verkörpert die 'normale' bürgerliche Ordnung, die durch die Verkehrung der Welt im Irrenhaus völlig durcheinandergebracht ist. Er kann sich aber auf diese Verkehrung einstellen und zieht sich deshalb aus seiner Verantwortung für die Gerechtigkeit zurück: Wenn er nicht handelt, so kann er auch nicht falsch handeln, und er braucht wegen des aufreibenden Dienstes an der Gerechtigkeit 'einfach eine Pause'.


In den '21 Punkten zu den Physikern' äußert sich Dürrenmatt zur BEDEUTUNG DES ZUFALLS Für seine Geschichte. Außerdem enthalten sie den vielzitierten Satz Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Warum die schlimmstmögliche? Zielt alles darauf hin, ruiniert zu werden und zugrunde zu gehen? Weiter heißt es: Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein. Schon sind wir wieder beim Zufall, dem Dürrenmatt eine starke Bedeutung beimißt, so als sei der Mensch dem Zufall gegenüber hilflos. Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall treffen. Das kann sein, wenn die Pläne nicht genügend durchdacht sind. Die Macht des Zufalls ist keineswegs absolut und grenzenlos. Zufälle können nur innerhalb bestimmter Umstände eintreten. Der Spielraum für Zufälligkeiten ist begrenzt. Die Aufgabe wäre, in dem scheinbaren Chaos der Zufälle die darin verborgene Notwendigkeit und Gesetzmäßigkeit zu entdecken. Aber der Stückeschreiber braucht den Zufall als Überraschungseffekt. Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen. Der letzte Punkt: Die Dramatik kann den Zuschauer überlisten, sich der Wirklichkeit auszusetzen., aber nicht zwingen, ihr standzuhalten oder sie gar zu bewältigen. Der Dramatiker führt vor - die Folgerung hat der Zuschauer selbst zu ziehen, für sich, sein Verantwortungsgefühl, seine Aktivität oder Gleichgültigkeit. Dürrenmatts Punkt 21 steht im Gegensatz zu Brechts didaktischer Zielsetzung. Und gegen Brecht ist dieser Punkt wohl auch gerichtet. Dem politischen Optimismus Brechts, der, wenn auch angeschlagen, bis zuletzt an den Sieg der Vernunft glaubte, stellt Dürrenmatt seine durch nichts erschütternde Skepsis entgegen.

Die Physiker von 1962 wurden ein Welterfolg, werden, nach einem Vierteljahrhundert, immer noch viel gespielt und sind heute aktueller denn je.

Ein Jahr nach diesem Erfolg heimste Dürrenmatt wieder eine Niederlage ein, mit der Bearbeitung seines Hörspiels Herkules und der Stall des Augias  für die Bühne. Aber Dürrenmatt war Mode. Nach dem Debakel mit Frank V. hatte sich Dürrenmatt drei Jahre Zeit gelassen, um mit den Physikern zu reüssieren. Nach der Niederlage mit Herkules dauerte es wiederum drei Jahre, bis er mit einem Erfolgsstück herauskam: mit dem Meteor. In der Zwischenzeit bearbeitete er viele bekannte Stücke. Schon 1953 hatte der 'Geschäftsmann Dürrenmatt' die Erzählung Aufenthalt in einer kleinen Stadt lukrativer Angebote wegen unfertig liegengelassen; erst 1978 veröffentlichte er sie, als Fragment. Er schrieb Gedichte, philosophische Betrachtungen und Buchbesprechungen. Er schrieb über seine Lieblingsgedichte, über Schriftstellerei als Beruf, über das Schicksal der Menschen und immer einmal wieder über die Schweiz. In Mannheim hielt er anläßlich der Entgegennahme des Schiller-Preises einen Vortrag über Schiller, der jedoch mehr von Brecht handelte. Der wahre Klassiker war für ihn Georg Büchner. Schiller ist ihm zu deklamatorisch, Büchner dagegen politisch engagiert, revolutionär, 'Krieg den Palästen, Friede den Hütten' schreibt er im 'Hessischen Landboten' darauf mußte er ins Exil. 1986 bekennt Dürrenmatt: ' Das historische Drama mit idealisierten Menschen, bei Schiller, interessiert mich nicht. Ich finde Büchner den viel Genialeren.'

Der Meteor (Eine Komödie in zwei Akten)':

Die Idee zu dieser sinistren Farce, uraufgeführt am 20. Jänner 1966, kam dem Autor zugleich mit der zu den Physikern, 1960 im Unterengadin: An einem heißen Tag stürzt in das ärmliche Atelier des jungen Aktmalers Nyffenschwander und seiner Auguste der Schriftsteller Schwitter, Nobelpreisträger, bekleidet mit Schlafanzug und Pelzmantel, beladen mit Koffern und zwei Altarkerzen, und will sterben. Im Spital, dem er entwichen, war er schon vom Arzt für tot erklärt worden, stand dann wieder auf, unfähig zu sterben, was ihm hier hoffentlich gelingen wird, auf diesem Speicher, auf dem er vor 40 Jahren selbst darbte und schuftete. Hier hofft er die ewige Ruhe zu finden, er hat das Leben durchschaut und satt. Sein Todeswunsch aber scheint eher eine Marotte zu sein, ein makaberer Jux. Theater auf dem Theater! In Nyffenschwanders Kanonenofen verbrennt er lustvoll seine ungedruckten Manuskripte und Banknoten. Die sollen nicht in die Hände seiner Erben fallen. Aber nicht Schwitter stirbt, einige seiner Besucher und Quälgeister sterben. Schwitter findet auch an diesem versteckten Ort keine Ruhe zum Sterben. Somit säuft er und geht mit Frau Auguste ins Bett. Die Trauernden, die im Spital seine vermeintliche Leiche umstanden, umstehen ihn nun hier. In den Kommentaren ist die Rede davon, daß dieser Schwitter nicht scheintot war, sondern auferstanden ist. Für den Kritiker Friedrich Luft war von vorhinein klar, Schwitters Herz setzte ein paar Minuten aus, und der Arzt diagnostiziert flüchtig und falsch. Luft nimmt das Auferstehungswunder also ernst, läßt uns aber die Freiheit, nicht daran zu glauben.

Zu Beginn des zweiten Aktes ist Schwitter wieder einmal tot. Unter Kränzen liegt er auf Nyffenschwanders Ehebett. Einige sprechen die letzten Worte. Und als alle gegangen sind, richtet sich Schwitter auf. Der eifersüchtige Nyffenschwander will den Auferstandenen erschlagen. Der hat nichts dagegen. Doch es hindert 'der greise Baulöwe' Muheim ihn daran, wirft ihn die Treppe hinunter und er bricht sich den Hals. Der zweite Tote. Muheim wollte sich am Anblick von Schwitters Leiche ergötzen, doch der ist lebendiger denn je. Vor 40 Jahren soll er Muheims Frau verführt haben, was sich jetzt als Irrtum herausstellt. Versöhnung! Aber Muheim wird des Mordes an Nyffenschwander verhaftet. Schwitter raucht und trinkt, und ihm fehlt eigentlich nichts, außer daß er nicht sterben kann.

Zum bösen Schluß werden wir verbal ins Bordell geführt. Schwitters Schwiegermutter unterhält nebenbei ein Bordell. Schwitter verheiratet sich mit Olga, einer ehemaligen Prostituierten, und hatte auch sie satt. Schließlich nimmt Olga sich das Leben. Ein Streit mit seiner Schwiegermutter beginnt, bei dem sie nach einer Weile nicht mehr zuhört, sie in ihrem Sessel sanft entsclafen ist. Die vierte Leiche. Die Komödie endet mit einer ironischen Apotheose der Heilsarmee auf den wiederauferstandenen Schwitter. Der schreit: ' Wann krepiere ich denn endlich!'

Den Meteor hält Dürrenmatt für sein persönlichstes Stück. Außerdem war diese Komödie Dürrenmatts dritter und letzter Welterfolg.

Die Wiedertäufer (eine Komödie in zwei Teilen)': Es geht um ein besitzrechtliches Problem, diese ist für die Kirchenherren das Anstößige. Und nur der alten Privilegien willen stellen die frommen Herren dem Bischof von Münster zwecks Belagerung und Aushungerung seiner Stadt Truppen zur Verfügung. Man findet trockene Dialoge, in einer gestochen scharfen Sprache, kurze Sätze, Pathos und Lyrik wurden zurückgedrängt. Das Stück gewannan Aggressivität und Direktheit.

Nach dieser Komödie begann eine Reihe von Bearbeitungen von Stücken auch anderer Autoren und die Publikation von Essays. Das essayistische Schaffen wurde angeregt durch Einladungen zu Vorträgen.

Eröffnet wurde die Basler Ara Dürrenmatt/ Düggelin am 18. September 1968 mit einer Inszenierung Düggelins der Dürrenmattschen Bearbeitung von Shakespeares 'König Johann': Es ist Shakespeares Bearbeitung des gleichnamigen Stücks eines Unbekannten. Es wurde aus einer Königstragödie eine Dürrenmattsche Gangsterkomödie. Dürrenmatts Hauptinteresse gilt der Rolle von Richard Löwenherz´ illegitimen Sohn Richard. Er ist die Stimme der Vernunft, Ratgeber König Johanns. Damals ging es um Ländereien und ihre Bewohner. Richard, Dürrenmatts Bastard, macht aus dem leidenden Volk ein Handlungsmotiv - und richtet mit seiner Moral nur Unheil an. Fiasko und Chaos von Machtpolitik zu demonstrieren, sparte der Autor nicht mit Groteskszenen. Und wie mit Gegenständen des Alttags wird zum Beispiel mit abgeschlagenen Köpfen und zerschmetterten Leichen hantiert. Das ist der Stil.

Die Presse war beeindruckt : aus einem schwachen Shakespeare war ein starker Dürrenmatt geworden!

Von allen Bearbeitungen Dürrenmatts ist 'Play Strindberg' die erfolgreichste. Strindbergs 'Totentanz' von 1900 war für ihn Literatur, das heißt zu inbrünstig, schwülstig, wortreich. Als er das Stück für seine Inszenierung durchzuarbeiten began, merkte er also, daß die üblichen Streiche nicht genug waren. Er verwandelte also die Ehetragödie in eine sarkastische Komödie über eine Ehetragödie, indem er sich über den Strindbergschen Ehekrieg auf eine maliziöse Weise lustig macht. Er schrieb aus ironischer Überlegenheit heraus. Er teilte das Stück wie einen Boxkampf in zwölf Runden ein. Dialoge wurden bei den Proben auf ein Minimum reduziert - Dürrenmatt erwartete von den Schauspielern, daß sie die Lücken durch Spiel ausfüllen.

Zu Beginn der Spielzeit 1969/70 kam es zu Differenzen zwischen den Direktoren in Basel. Nach längerer Krankheit sollte Dürrenmatt ausgebootet werden. Er fühlte sich somit an die Wand gedrückt und erklärte seinen Rücktritt.

Dann reiste er mit seiner Frau Lotti nach Amerika, um die Ehrendoktorwürde der Temple University, Philadelphia, entgegenzunehmen. Dann flogen sie nach Florida, Yukatan, Jamaika, Puerto Rico und nach New York. Was sie auf dieser Reise erlebten schildert Dürrenmatt in einem kleinen Buch: Sätze aus Amerika.

Aus den USa zurückgekehrt wurde er Mitglied des Verwaltungsrates der Neuen Schauspiel A.G. Zürich. Er inszenierte als erstes eine Bearbeitung von Goethes 'Urfaust', wobei die Szene mit dem Teufelspakt fehlt. Der Teufel steht plötzlich da, und der Pakt ist bereits geschlossen. Außerdem führt er Mephisto als Leiche, auf Faustens Seziertisch liegend ein. zum Schluß der Sektion richtet sich der Rest der Leiche auf und stellt sich vor. Außerdem ist Faust ein Greis und Gretchen fast noch ein Kind. Dürrenmatt nutzt jede Gelegenheit aus, uns das Gewaltige, Satanische, Sadistische im Menschen vorzuführen. Das ist auch der Sinn seines 'Urfaust'.

Porträt eines Planeten (Übungsstück für Schauspieler)': Szenen gehen ineinander über, eine Stunde und 35 Minuten dauert da Spiel der Akteure in einheitskleidern mit wechselnden Kostümteilen und Requisiten. Das Fehlen einer durchgehenden Handlung macht dieses Lehrstück wirkungslos, es liegt ihm 'nur' eine Idee zugrunde, eine Moral, keine individuellen Einzelschicksale, die unsere Teilnahme wecken könnten, die Menschen in eine abstrakte Größe überfordert.

Titus Andronicus (Eine Komödie nach Shakespeare): Shakespeares Jugendwerk bestand aus einer Reihung von 14 blutrünsiger Missetaten. Bei Dürrenmatt sind es 20. Damit das Stück auf Dürrenmattsche Weise komisch wirkt, hat er Shakespeares Widerhall auf die Greuel, die Schmerzensklagen der Opfer, gestrichen. Nur die Fakten führt er vor.

Der Sturz': Das Machtkollektiv versammelt sich zu einer Sitzung. Dürrenmatt nennt keine Namen - er kennzeichnet die Personen mit Buchstaben. Dürrenmatt seziert den Charakter jedes einzelnen und enthüllt die Intrigen, in die er verstrickt ist. Diese werden aus der Sicht eines harmlosen Postministers erzählt. Zu Beginn der Sitzung kündigt A an, er möchte das Gremium auflösen, da er in Wahrheit alleine, ohne Politbüro, herrschen will. Aber das Politbüro kommt auf die Idee ihren Chef umzubringen, was er zuläßt. Jedoch ist der Tod des Tyrannen sinnlos, da ein anderer an seine Stelle tritt. Am System ändert sich nichts.

Dürrenmatt ging mehrfach auf Reisen, auf denen er Reden hielt, aus denen er wiederum Essays entwickelte.

1968 hielt er zum Beispiel einen Vortrag über Gerechtigkeit und Recht in der Mainzer Johann-Guttenberg-Universität.

Als 1968 die Tschechoslowakei durch Truppen der Staaten des Warschauer Pakts besetzt un dem Prager Frühling ein Ende gemacht wurde, demonstrierte er mit Heinrich Böll, Günter Grass, Peter Bichsel und Max frisch gegen die Vergewaltigung eines souveränen Staates.

Als 1971 Israel den Sinai eroberte, veröffentlichte er in der Züricher 'Weltwoche' den Artikel Israels Lebensrecht.

1975 wurde er von der israelischen Regierung zu einer Vortragsreise eingeladen. 1976 veröffentlichte er das Gedankenwerk Zusammenhänge (ein Essay über Israel).

Am 24.Februar 1979 spricht Dürrenmatt in der Eidgenössischen Technischen Hochschule, Zürich, anläßlich des Feier des 100.Geburtstages von Albert Einstein. im Anhang gibt er 18 Fachbücher als Quellen an.

1972 war ihm die Direktion des Züricher Schauspielhauses angeboten worden. Er fürchtete Intrigen, lehnte ab und arbeitete an einem neuen Stück, dem 'Mitmacher': Es handelt von Smith, einem Boss, dessen Beruf es ist, Leute umlegen zu lassen, ohne daß Spuren von ihnen zurückbleiben. Er findet Doc, der den Nekrodialysator erfunden hat, der Tote ohne Überreste beseitigt. Er verflüssigt sie und spült sie weg. Jedoch handelt es sich auch um ein Liebesdrama. Doc und Ann lieben einander und schmieden Zukunftspläne. Ann ist aber Boss´Geliebte! Jedoch gibt es Cop, einen Polizeichef, der dem Leichenvernichtungsgeschäft ein Ende bereiten will. Er glaubt, daß sich hie und da etwas Gerechtigkeit verwirklichen ließe, und berichtet dem Publikum von seinen trostlosen Bemühungen. Er fordert Staatsdiener zum Einschreiten auf. Aber die Staatsmacht verlangt 100% für die Duldung des Verbrechens. Das einzige was Cop erreicht: er macht sich verdächtig, nämlich nicht zur Staatsmafia zu gehören. Er zieht den Schluß, daß man sich schließlich doch noch irgendwie achten können muß. Und er hat ongeordnet, daß er in dem Keller, den Ken er nicht liquidieren konnte, erschossen wird. Wer stirbt, macht nicht mehr mit.

Die Frist (Eine Komödie)': Im November 1975 starb der spanische Diktator Franco nachdem sein Tod durch 30 Arzte wochenlang hinausgezögert worden war. Auch Dürrenmatts Diktator wird ohne Narkose operiert. An dessen Stelle führt nun der Regierungschef , Exzellenz genannt, die Staatsgeschäfte und versucht die Nachfolge für sich zu gewinnen. Nach drei Wochen Sterben ist auch das Fernsehen nicht mehr auszuschließen. Der Sterbende wird Schauobjekt . . .

Publikum und Presse zogen sogleich Parallele zu Francos Tod. Losgelöst vom Schicksal Francos gewann Dürrenmatts Komödie kein Eigenleben. Die damaligen Zeitungsberichte verursachten mehr Schauder als seine skrurrile Frist.

1963 hatte Dürrenmatt Die Heimat im Plakat. Ein Buch für Schweizer Kinder herausgebracht, mit Tusche und Pinsel naiv und virtuos hingeworfene beschriftete Karikaturen. 1978 kam der Großband Bilder und Erzählungen  heraus.

Außerdem hat er auch einige seiner Stücke und Hörspiele bildnerisch ausgestaltet.

Kurz und bündig: Friedrich Dürrenmatt nimmt sein bildnerisches Werk sehr ernst - dilettant oder nicht!

Soffe I-III': Er besteht nur noch aus Kopf und Rumpf. Er lebt von Suppen aus Konservendosen, seine linke Armprothese läuft in eine Maschinenpistole aus, die ihm aber nichts mehr nützt, es gibt weder Freund noch Feind. Vergebens versucht er, die Waffe abzustreifen. Mit einem stählernen Griffel ritzt er die Geschichte des Dritten Weltkriegs in die Höhlenwände - manche unlesbar. Die, die lesbar sind, die meisten, sind Erzählungen Der Winterkrieg in Tibet:  Beginn, Verlauf und Ende des Drittens Weltkriegs. Der verstümmelte Söldner ist ein schweizer Philosophiestudent, aber vor seiner Promotion brach der Dritte Weltkrieg aus. Er ist der junge Mann der Geschichte Die Stadt(1947) und Aus den Papieren eines Wärters(1952). Der Winterkrieg in Tibet ist Nummer I und zugleich das Haupstück des Buchs Stoffe I-III, das 1981 erschien.

Im Jänner 1983 starb seine Frau Lotti. Der Verlust traf ihn schwer. Er stürzte sich in die Arbeit und 'Achterloo (Eine Komödie in zwei Akten)' sollte die Summe aller seiner bisherigen Theaterarbeit werden. Das Stück spielt in einem Irrenhaus namens Achterloo, wo die Insassen als Rollentherapie ein Spektakel improvisieren. Aber das erfährt der Zuschauer erst am Schluß, wenn sich zwei Mitwirkende als Arzte vorstellen. Es geht um die Gefahr des Einmarschierens der Roten Armee in Polen anläßlich des drohenden Generalstreiks der Freien Gewerkschaften und um das Risiko der militärischen Invasion der USA, kurz um den möglichen Beginn des Dritten Weltkriegs.

Charlotte Kerr, eine Schauspielerin, war später Filmjournalistin geworden, lernte Dürrenmatt kennen und schließlich heirateten beide im April 1983. Sie machte anschließend in zwei Jahren einen Film über Dürrenmatt.

Anfang der achziger Jahre stelte Dürrenmatt den Roman 'Justiz' fertig: Kantonsrat Kohler erschießt 'en passant' den Rektor der Züricher Universität Winter in einem vollbesetzten Restaurant beim Abendessen. Kohler läßt sich ohne Widerstand festnehmen und zu 20 Jahren Zuchthaus verurteilen. Grund für den Mord ist, daß er getötet hat, um zu beobachten, gemordet, um die Gesetze zu untersuchen, die der menschlichen Gesellschaft zugrunde liegen. Und er gibt aus dem Zuchthaus heraus, dem prominenten Soziologen Knulpe den Auftrag zu untersuchen, welche Auswirkungen sein Mord in der Gesellschaft hat. Im zweiten Teil erkent der Anwalt, in eine Falle gelockt worden zu sein. Kohler will Freispruch und Revision - und erreicht beides. Das letzte Drittel mußte nach einem Vierteljahrhundert hinzugefügt werden. Der Anwalt spürt nun jenen Personen nach.

Einer seiner jüngsten Texte, die 'Ballade Minotaurus' , geht auf einen Stoff zurück, der ihn seit seiner Jugend beschäftigte, das Leben und Sterben dieses Ungeheuers aus Menschenleib und Stierkopf. Minotaurus, der einzelne, fühlt sich nicht allein. Er tanzt vor Freude, aber er ist immer nur er selbst, den er in tausendfachen Spiegelungen sieht. Eine Frau, die ihm geopfert wird, ist sein erster wirklicher Kontakt mit einem anderen Menschen, er erdrückt sie ungewollt, aus Liebe. Die Bestie zu besiegen setzt sich Theseus einen Stierschädel auf und täuscht Minotaurus vor, sein Freund zu sein. Der vertraut seinem Mörder . . .

1986 machte er eine Reise nach Sizilien zur Entgegennahme des Premio Letterario Internationale Mondello für 'Justiz'.

Am 10.Oktober 1986 bekam er den Georg-Büchner-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Im Februar 1987 reiste er nach Moskau zum Friedensforum 'Für eine atomfreie Welt, für das Überleben der Menschheit'.

Im März 1987 bekam er den Internationalen Preis für Humor und Satire in der Literatur 'Hitar Petar'.

Am 15. 10. 1988 bekam er den Preis 'Prix Alexei Tolstoi' für das Gesamtwerk von 'Achterloo IV'.


'Moral hat nichts mit Schriftstellerei zu tun, sondern mit persönlichem Lebensstil. Nein, ich glaube, ich bin Diagnostiker eigentlich mehr aus Neugierde über den Menschen, weil der für mich das interessante Wesen in unserem Kosmos ist. Rein wissenschaftlich bin ich Diagnostiker dem Menschen gegenüber.'

'Ich will eigentlich nicht provozieren. Ich möchte Aufmerksamkeit erwecken - ich glaube, daß man heute mit einem Stück sagen wir mal gewisse Warnungen, gewisse Zeichen geben kann, aber nicht daß ich das in der Hoffnung mache, daß sich dann die Menschen ändern.'

'Glauben hat ganz viel mit Phantasie zu tun. Und Glauben an Gott? Was ist Gott? Das ist nun so etwas Nebelhaftes. Wenn man sich mit der Natur beschäftigt, wenn man also weiß, wie das Universum ist - da sich einen persönlichen Gott vorzustellen, das ist eigentlich unmöglich heute geworden. Ich kann mir das nicht mehr vorstellen. Für mich gibt es eigentlich keinen einzigen Grund, keinen logischen Grund, einen Gott anzunehmen. Gott kann nicht bewiesen werden. Bis jetzt habe ich keinen Gott gefunden, der mir einleuchtet.'

'Für mich ist das Nichts-mehr sein (nach dem Tode) überhaupt keine schreckliche Vorstellung. Warum soll man sein? Also wenn man nichts mehr ist, ist man eben nichts mehr!'

Das Abenteuerliche und das Absurde des menschlichen Geistes und in der Gesellschaft mischen sich in seiner Einsicht und in seinem Gelächter über den Weltzustand.


FRIEDRICH DÜRRENMATT STARB AM 14.DEZEMBER 1990 IN NEUCHATEL.    

















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