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LINDEs Sachdominanz in Sozialstrukturen - Ein Rufer in der Wüste


Titel: H. LINDEs „Sachdominanz in Sozialstrukturen“ - Ein Rufer in der Wüste?

 

 

Inhalt:

 

  1. Zur Einleitung: die Situation des Lehrstuhls für Soziologie an der Technischen Universität Karlsruhe in den 1970er Jahren.

  1. Was kann und darf Gegenstand soziologischer Forschung sein? - Das Soziale und die Ausgrenzung der Sachen.

  1. Wer hat Angst vor Sachen? - Soziologiehistorische Auswahl zu einem Grundbegriff.

  1. Struktur-Funktionalismus um jeden Preis? - Methodologische Fixierungen und ihre Opfer.

  1. Neue Grundbegriffe gefällig? - Beziehung, Verhältnis, Regelung. 53585szv24xct8p

  1. Ausblick: Noch ein Forschungsprogramm? - Das Paradigma der überindividuellen Verhaltensregelung und Verhältnisbestimmung und die Soziologie der Sachen.

  1. Kritische Würdigung: Noch ein Forschungsprogramm? - Nein, danke.

 

  1. Anhang: Zusammenfassung - Explikation des Sachenbegriffs

Literaturverzeichnis


  1. Zur Einleitung: die Situation des Lehrstuhls für Soziologie an der Technischen Universität Karlsruhe in den 1970er Jahren. zc585s3524xcct

 

 

Der Philosoph Simon MOSER hatte in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg das Studium Generale an der Technischen Universität Karlsruhe zu bedeutender interfakultativer Blüte entwickelt. Ihm war es sicher auch zu verdanken, dass die Studenten der Ingenieur- und Naturwissenschaften überhaupt Notiz nahmen von den wenigen (ansonsten sicherlich zu einem Schattendasein verurteilten) Geistes- und Sozialwissenschaften (Philosophie, Soziologie, Germanistik, Mediavistik) auf ihrem Campus. Ein Arbeitsschwerpunkt des Aristotelikers MOSER war die Technikphilosophie. Hierin hatte er mit dem späteren Leiter des Studium Generale, Gunther ROPOHL, einen kompetenten Mitstreiter. Als Anfang der sechziger Jahre der Philosoph Hans LENK einen Ruf nach Karlsruhe annahm, war ein Kreis von Philosophen zusammengetreten, der sich der Interdisziplinarität aller Problemlösungen (praktischer wie wissenschaftlicher) verschrieben hatte. Das gemeinsame Paradigma für diese unterschiedlichsten Problemlösungen war zunächst die allgemeine Systemtheorie. Über diesen Ansatz (auch wenn er sich von der soziologischen Systemtheorie etwa eines Talcott PARSONS oder Niklas LUHMANN sehr unterschied) waren dann auch die Soziologen Hans LINDE (der ebenfalls seit Anfang der 60er Jahre in Karlsruhe lehrte) und Ulf NIEDERWEMMER im Kreis der interdisziplinär arbeitenden Technikphilosophen gerne gesehene Mitstreiter. Die Interdisziplinarität der beteiligten Institute fand ihren praktischen Niederschlag in verschiedenen regionalwissenschaftlichen Projekten. Veröffentlichungen aus jener Zeit sind etwa: Lenk, H./Ropohl, G.(ed.): Systemtheorie als Wissenschaftsprogramm; Königsstein, 1978 oder Lenk, H./Moser, S.: Techne, Technik, Technologie; Pullach, 1973 und eben auch das hier zu besprechende Buch: Linde, H.: Sachdominanz in Sozialstrukturen; Tübingen, 1972 und zum Thema Raumplanung: Linde, H.: Raumbezogene und raumplanungsorientierte Konzeptionen in der Soziologie; in: Handwörterbuch der Raumforschung und Raumordnung, Bd. 3, Hannover 1970. Als sich dann der Forschungsschwerpunkt von LENK in Richtung Handlungsphilosophie verschob, verstärkte sich die Kooperation der o.a. Lehrgebiete noch einmal (vgl. hierzu: Lenk, H. (Hrsg.): Handlungstheorien interdisziplinär, 4 Bde. + 2 Halbbde., München 1977 ff.) und im Rahmen dieser Aktivitäten erfuhr der LINDEsche Ansatz noch einmal eine Überarbeitung (vgl. Linde, H.: Soziale Implikationen technischer Geräte, ihrer Entstehung und Verwendung; in: Jokisch, R. (Hrsg.): Techniksoziologie; Frankfurt 1982, S.1 ff.)

 

 

 

1. Was kann und darf Gegenstand soziologischer Forschung sein? - Das Soziale und die Ausgrenzung der Sachen.

Ungeheuerliches ist zu berichten von der Soziologie-Front: der Topos Sachen, Dinge, Geräte, Apparate, Aggregate, Artefakte, Gemachtes u.dgl. ist nicht oder nicht zielgenau ins Visier der Sozialwissenschaft treibenden Forschergemeinschaft genommen worden! Und dabei hat doch alles gut angefangen: K. MARX hat es getan und E. DURKHEIM und M. WEBER haben es getan und selbst Sozialwissenschaftler, die offensichtlich heute nicht mehr zu den Meisstzitierten ihrer Zunft gehören (wie H. SCHMALENBACH oder L. v. STEIN) haben sich des Themenkomplexes der „sachhaften Gelegenheiten“ (S.31) angenommen. Wenn etwas nicht ins Visier gerät (um im Bild zu bleiben), dann mag es an der Brille liegen, die man trägt oder eben nicht trägt. Dabei sind der Sachen um uns doch genug und bedeutend genug, so dass man auch ohne Brille -so ist man geneigt zu glauben- auf sie stößt: „Man hat geschätzt, dass neun Zehntel der unsere Welt konstituierenden Sachen das Produkt des Wissens und der Arbeit der drei letzten Menschenalter sind. Es ist evident, dass die Menschenzahl, die heute die Erde bevölkert und morgen verdichtet bevölkern wird sowie ihr Lebenszuschnitt, von nichts mehr abhängen und abhängen werden als von der Akkumulation des Gemachten und der weiteren Akzeleration des Machbaren, vulgo: vom technischen Fortschritt“ (S.12, Hervorh.v.Verf.). Um diese „Abhängigkeit“ aus soziologischer Sicht geht es vor allem im vorliegenden Werk von H. LINDE.

Doch dazu ist begriffliche Grundlagenforschung zu leisten: es geht dabei um die Rehabilitation des in der Soziologie ins Abseits gedrängten Grundbegriffs der Sache. Damit dies gelingt, muß andererseits ins Bewusstsein gerufen werden, dass das Designatum auch Element der sozialen Phänomene selbst ist. Dies führt schließlich zu der von LINDE so genannten „Doppelthese“ seines Werkes, wonach Sachen „...(a) Grundelemente der sozialen Struktur menschlicher Vergesellschaftung sind und dass Sachverhältnisse daher auch (b) eine Grundkategorie der soziologischen Analyse dieser Vergesellschaftungen sein sollten“ (S.14).

Dass die Aufnahme von unbelebten Dingen in den Kanon soziologischer Grundbegriffe keineswegs selbstverständlich ist, mag einen Grund für die lange Vergessenheit der Sachen in der Soziologiegeschichte liefern. M.a.W.: wenn es denn zur Methodologie eines soziologischen Ansatzes gehört, das Soziale als Erkenntnisobjekt (lediglich) über „Beziehungen und Verbindungen von Personen“ zu definieren, dann müssen unbelebte Objekte in die Peripherie des auf handelnde Personen oder Personenkreise fokussierten Erkenntnisinteresses zurücktreten. Sie erhalten ihren Rückbezug auf Akteure bestenfalls -wie bei LOOMIS- durch die theoretische Konstruktion der Zweck-Mittel-Relation: Sachen als Mittel zur Erreichung bestimmter Zwecke (Ziele) von bestimmten Akteuren oder Akteursgruppen. Je nach methodologischer Auffächerung und Feingliederung können die o.a. Beziehungen und Verbindungen von Personen psychologistisch fundiert werden oder nicht (d.h. im letzteren Falle als neue Qualitäten, z.B. soziologische, aufgefasst werden). Ein solcher Psychologismus folgt etwa dem klassischen Ansatz von F. TÖNNIES, „...nach dem alle sozialen Gebilde Artefakte aus psychischer Substanz sind und daher ihr soziologischer Begriff zugleich psychologischer Begriff sein müsse“ (S.23). In einem solchen Ansatz ist augenfällig die Beziehung Mensch-Sache in seinen vielfältigen Kombinationen eine problematische und mithin ein begrifflich nicht trivial zu konstruierendes Desiderat. Der amerikanische soziologische Systemtheoretiker Charles P. LOOMIS, der „...soviel für die TÖNNIES-Rezeption in den Vereinigten Staaten getan hat“ (S.23), inkorporiert denn auch diesen psychische-Substanz-Ansatz in sein Sozialsystem-Konzept und bürdet sich damit die methodologische Last auf, nichtsozialen Phänomenen wie den Sachen, den ihnen gebührenden Platz in solchen Systemen zuzuweisen. Sachen (facilities) sind für ihn daher eher eine Residualkategorie und für die meisten soziologischen Analysen durchaus entbehrlich, da das Systemelement „Ziele“ mit dem zugeordneten Prozess des „zweckgerichteten Handelns“ (goal attaining activity) die Analysezwecke besser erfülle. Lediglich im ökonomischen Wertaspekt (Sachen als wirtschaftliche Güter) einerseits und im sakralen Wertaspekt (Sachen als Heiligtümer) andererseits zeigten die Sachen, so LOOMIS, im ersten Fall einen „gesellschafts-like“ bzw. im zweiten Fall einen „gemeinschafts-like“ Besitz-, Kontroll- und/oder Gebrauchsaspekt. Und in diesen jeweiligen Kontexten mache es u.U. Sinn, Sachen einmal nicht als Residualkategorie aufzufassen, sondern sie so zu interpretieren als öffne sich mit ihrer Hilfe „...sozusagen ein weiteres Fenster, durch welches die systemtypischen Ziele, Überzeugungen, Normen und andere Elemente beziehungsweise ihre prozessual artikulierten Entsprechungen einer Beobachtung unterzogen werden könnten“.

 

 

  1. Wer hat Angst vor Sachen? - Soziologiehistorische Auswahl zu einem Grundbegriff.

 

Wie im vorigen Kapitel dargelegt, hatten noch keine Angst vor der Thematisierung der Sachenproblematik im soziologischen Kontext Autoren wie: MARX, DURKHEIM, WEBER, SCHMALENBACH oder v.STEIN. Die Ausgrenzung von „sachhaften Gelegenheiten“ (S.31), ihre „Exkommunikation aus dem systematischen Konzept [erscheint] schlicht ... als die Folge formaler und/oder methodologischer Purismen“ (S.13). LINDE nennt hier insbesondere die nach MARX einsetzende Psychologisierung des Soziologiekonzepts einerseits und dessen Formalisierung andererseits als Ursachen dieses Ausfalls der Kategorie Sache oder Sachverhältnis für den weiteren Werdegang der Soziologietheorie.

Einen solchen expliziten Ausschluss der Sachbezüge lastet LINDE z.B. auch v.WIESE an, der in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in seiner allgemeinen Soziologie keine Verwendung für den Sachbegriff fand, ihm aber in speziellen Soziologien durchaus einen Stellenwert einräumte. LINDE disqualifiziert eine solche „Vorgehensweise des teils-teils“ denn auch als „irrelevante Abstraktion“ (S.79).

Ein weiterer Autor, den der Sachblindheitsvorwurf LINDEs trifft, ist der in Kapitel 1 erwähnte C.P. LOOMIS, der ja -wie erwähnt- dem eher psychologistischen Ansatz von TÖNNIES nicht fern stand. Für solche kognitive Programme versperrt sich natürlich der Sachenbegriff einer adäquaten Behandlung, wenn man ihm (der ja somit eigentlich eine „Residualkategorie“ ist) nicht ein Hintertürchen öffnete, durch das er in das soziale System -als Gegenstand der Soziologie- wieder eintreten kann. Dieses Hintertürchen ist beschriftet mit: „verwendete Mittel, um im sozialen System Ziele (Zwecke) zu erreichen“. So kommentiert LINDE abschliessend den amerikanischen Soziologen: „Eine eigene Bedeutung komme den Sachen eigentlich nur bei der vergleichenden Analyse ökonomischer und sozialer Entwicklungsprozesse zu, und zwar vermittelt durch ihre spezifische Spiegelung im Werthorizont derer, die sie (a) besitzen, (b) kontrollieren oder (c) gebrauchen“(S.23).

Als aktuelles Beispiel für die Folgen der Sachabstinenz in soziologischen Theorien dient LINDE die Gemeindesoziologie von René KÖNIG und ihr zugeordnetes Anwendungsfeld, die Raumplanungspraxis. Da es bei letzterer „...konkret allein um die Lozierung der Ausstattung eines kleineren oder größeren Areals mit Sachen (Arbeitsstätten, Behausungen, Verkehrswege und andere Kommunikationsnetze usw.) geht, wird sich notwendig jede Soziologie als unzuständig erklären müssen, die sich damit begnügt, Sachen als vergegenständlichtes, totes Substrat gesellschaftlicher Zusammenhänge hinzunehmen und bestenfalls als Umweltdaten ihrer interaktionistischen Systementwürfe in Ansatz zu bringen...“ (S.19). Die Verschränkung von methodologischem Ansatz mit konkreter Forschungsarbeit zeigt sich einmal mehr bei der Festlegung des Forschungsgegenstandes Gemeinde. Für KÖNIG scheint der systemtheoretische Ansatz LOOMISscher Provenience bindend zu sein, denn auf diesen bezieht er sich explizit, wenn er soziale Systeme als „Beziehungen und Verbindungen von Personen“ bezeichnet und diese Beziehungen überdies bewusstseinstheoretisch fundiert: „Für uns erscheint also die Gemeinde als ein ‚soziales System’, d.h. als ein Zusammenhang, der sich unter anderem dadurch auszeichnet, dass alle Menschen, die in ihn eingeschlossen sind, ein Bewusstsein dieses Zusammenhangs sowie seiner Grenzen und seiner Verschiedenheit von anderen ähnlichen Zusammenhängen haben“. Es sind die spezifisch sozialen Momente, deren Zusammenwirken das „Überleben der Gemeinde in der Zeit“ garantiert und ihre „sozial-kulturelle Identität“ bestimmt. LINDE qualifiziert dieses Phänomen des Zusammenhangbewusstseins als Einheitsbewusstsein, das im übrigen charakteristisch sei für das social-system-Konzept, und das eine „fundamentale Mentalisierung und Psychologisierung der Interaktionsphänomene“ (S.22) darstelle, insbesondere wenn damit einhergehe sowohl die Extraktion dieser Phänomene aus der „Praxis der menschlichen Daseinssicherung und Lebensführung“ (S.22) als auch deren systematische Formalisierung. LINDE kritisiert die von KÖNIG unterstellte Einheit der Interakteure als „Verkürzung der Soziologie der Gemeinde zur Sozialpsychologie des informell-nachbarschaftlichen Durch-, Gegen- und Miteinander von Einwohnern, auf die mehr oder weniger ephemeren Beziehungs- und Verhaltensmuster in face-to-face-relations“ (S.25) und bezeichnet sie schlichtweg als „Einheitsphantasmagorie“ (S.26).

 

 

  1. Struktur-Funktionalismus um jeden Preis? - Methodologische Fixierungen und ihre Opfer

 

Nachdem die Spannung (hoffentlich) zur Genüge aufgebaut worden ist, stellt unser Autor nun die alles entkrampfen(wollen)de Frage „um was denn im analytischen Konstrukt eines speziellen strukturell-funktionalen Systems (hier: Gemeinde), in dem Sachen und Sachverhältnissen ein eigener Stellenwert abgesprochen wird, das Objekt der Soziologie, ihr Bild der Realität des gesellschaftlichen Zusammenhanges eben dadurch von vorneherein beschnitten worden ist...“ (S.26). Wer jetzt gehofft hat, die Antwort sei entwaffnend einfach und erläutere zugleich den LINDEschen Sachenbegriff, muss sich getäuscht sehen. Sie lautet: beschnitten wurde das Objekt der Soziologie von vorneherein „um den Bereich (und die Kategorie), in dem sich diese Realität konstituiert, reproduziert und in dem sich die historischen Modalitäten ihrer sozial-kulturellen Identität unübersehbar konsolidieren“ (S.26). Und das ist nun mal der Bereich der Sachen. Natürlich ist mit dieser abstrakten Antwort auch schon mitgesagt, was Merkmale des Sachbegriffs bei LINDE sind: (1) die Realität (insofern Objekt der Soziologie) konstituiert sich im Bereich der Sachen, (2) die Realität reproduziert sich im Bereich der Sachen und (3) in diesem Bereich der Sachen konsolidieren sich historische Modalitäten ihrer (d.h. der Sachen) sozial-kulturellen Identität.

In dieser Antwort (wie sollte es anders sein!?) manifestiert sich nun auch die Methodologie, der LINDE nachhängt. Es ist dies jedenfalls nicht eine system-funktionale Konzeption, sondern eher eine an WEBER sich abarbeitende handlungstheoretische mit besonderer Hervorhebung der Regelung von Handlungen im Sinne DURKHEIMs (und weniger des WEBERschen „gemeinten Sinnes“ von Handlungen).

Der Einfluss des spezifischen Erkenntniszieles der Soziologie auf den weiteren Werdegang dieser Wissenschaft am Beispiel WEBERs wird von LINDE wie folgt kolportiert: die Soziologie ziele gem. WEBER „nicht auf die idiographische Deutung und Erklärung kulturwichtiger Einzelhandlungen, Gebilde oder Persönlichkeiten, sondern sucht ... generelle Regeln des Geschehens. Nicht die deutende Erfassung des im als bedeutend qualifizierten Einzelfall real gemeinten Sinnes ist das Erkenntnisziel der Soziologie, sondern der ‚durchschnittlich und annäherungsweise’ gemeinte Sinn eines häufig beobachteten Handelns - oder mit WEBERs Formel: ‚bei soziologischer Massenbetrachtung’...“ (S.43 ff.). LINDE wirft WEBER eine „dubiose Verengung auf Regelmäßigkeiten innerhalb des sozialen Handelns“ (S.44) vor, wobei a) gerade die nicht-sozialen Handlungen à la WEBER interessante Bezüge zur Sachenwelt darstellen (vgl.S.41) und b) der durchschnittlich subjektiv von dem Handelnden gemeinte Sinn (S.51) doch wohl eher vom Interpretationsstandpunkt des beobachtenden Forschers abhänge. Während bei WEBER das soziale Handeln dadurch ausgezeichnet sei, dass der vom Handelnden (ego) gemeinte Sinn sich in seiner Konstitution am Handeln des anderen (alter) orientiere und insoweit verstehbar sei (Methode des Sinnverstehens), fächere sich das nicht-soziale Handeln in weitere drei Untergruppen auf. In der ersten -uns hier interessierenden- Gruppe stünden dabei Handlungen, die sich lediglich am erwarteten Verhalten „sachlicher Objekte“ orientierten. Hierzu gehöre z.B. eine Maschine, die insofern verstehbar sei, als sie entweder als Zweck oder als Mittel in den für den Handelnden -oder aber auch für einen Betrachter- verständlichen Handlungsbezug einordenbar sei. Fazit: Gegenstände der Außenwelt gliedern sich also in (a) nicht-verstehbare bzw. sinnlose Naturdinge (im Sinne blosser „Daten“) und (b) verstehbare Artefakte (im Sinne von „Mittel und Zwecke“ darstellende Dinge) (S.41).

Neben diesem zweckrationalen Handlungskalkül gibt es aber auch die „schlichte Fügung in das Gewohnte“, mit der wir als Handelnde den Alltagsgebrauchsgütern gegenüber treten. „Ihn [den Handelnden -Anm.d.Verf.] interessieren eben nur die für ihn praktisch wichtigen Erwartungen des Verhaltens dieser Artefakte. Nicht anders steht es aber mit sozialen Institutionen...“. Es ist diese potentiell institutionelle Funktion von Sachen, die WEBER in den Vordergrund stellt und er nennt dabei in einem Atemzuge: Trambahn, Lift oder Geld, Gericht, Militär und Medizin als rationaler Kenntnis, Schaffung und Kontrolle zugängliche menschliche Artefakte. Ihr Verhalten wird vom modernen Menschen weniger kalkuliert (im Sinne des Zweck-Mittel-Kalküls) als vielmehr passiv entgegengenommen im Sinne eines „Einverständnishandelns“ aufgrund einer „Einverständnisgeltung“. Diese Artefakte provozieren eine gewisse Erwartung im Handelnden, sie setzen Zwecke und an diesen orientiert sich der Akteur.

Es ist -gemäss LINDE- genau diese (oben angeführte) Einsicht in die Funktion der Artefakte der späteren verstehens-puristischen Vereinfachung in der Soziologietheorie zum Opfer gefallen. „WEBER hat diese, die komplizierten Regelungsaspekte von Artefakten aufschliessende Einsicht nicht in die Fassung der soziologischen Grundbegriffe in Wirtschaft und Gesellschaft übernommen“ (S.50). Im Rahmen dieser Vereinfachung gewannen nämlich letztlich Grundbegriffe wie „soziales Handeln“ und „soziale Beziehung“ bei WEBER die Oberhand und der für LINDE offensichtlich so wichtige Begriff der „Verhaltensregelung“ wurde bestenfalls nur noch als deren Subphänomen abgehandelt.

Theoretische Grundbegriffe des nun in Kap.4 der vorliegenden Schrift entwickelten LINDEschen kognitiven Prgramms sind die „sozialen Beziehungen“ einerseits und die „sozialen Verhältnisse“ andererseits. Diese Grundbegriffe stellen für unseren Autor ein Werkzeug dar, um die soziologischen Theorien im Hinblick auf das Analyseziel (Sachen) abzuklopfen und auf ihre Eignung (eben jene „Sachverhältnisse“ in den Blick zu bekommen) hin zu prüfen.

 

  1. Neue Grundbegriffe gefällig? - Beziehung, Verhältnis, Regelung. 53585szv24xct8p

 

Soziologische Konzepte -so LINDE-, die soziale Beziehungen in den Vordergrund rücken, „also Gesellschaft aus dem subjektiv gemeinten Sinn der sozialen ‚Beziehung’ von ego und alter zu entwickeln und empirisch zu recognoszieren“ (S.34) trachten, können „ ... ‚toten’ Sachen keinen sozialen Stellenwert einräumen“ (S.35). Der Begründungsstrang läuft dabei wie folgt: liegt der Brennpunkt der Theorienfokussierung in motivierten menschlichen Beziehungen bzw. Interaktionen zwischen ego und alter, so wird die hiermit erzeugte soziale Struktur als ein System von genuin interindividuellen Beziehungsmustern erzeugt; interaktionsrelevante Situationen werden mithin entscheidend durch die Erwartungen des alter an die Rolle des ego definiert (und umgekehrt). „Motivation“ und „Rollenerwartungen“ sind aber Prädikate, die auf psychische Entitäten zutreffen und nicht auf physische Entitäten (also Sachen). „Erst durch deren Ausklammerung und Verweisung in die Systemumwelt wird es möglich, das soziale System als ein zur ‚optimation of gratification’ [gem. LOOMIS - Anm.d.Verf.] tendierendes, sich selbst regulierendes, gleichgewichtiges, interpsychisches Input-Output-Modell zu präsentieren.“ (S.35). So gilt es für LINDE als zweifelhaft, dass dieses begriffliche Instrumentarium geeignet sein soll, Vergesellschaftungen zu „entziffern und gleicherweise als strukturell-funktionale Einheit zu verifizieren.“ (S.35).

Anders dagegen die kognitiven Programme in der Soziologie, die sich auf die sozialen Verhältnisse kaprizieren. So führt die Frage, was denn Handlungsmuster determiniert, die sowohl im räumlichen Nebeneinander diverser variierender Gesellschaften konstant bleiben als auch innerhalb einer solchen Struktur in den verschiedenen Menschenaltern ihre Konstanz bewahren, zu überindividuellen Phänomenen oder besser: zu sozialen Phänomenen macht. Nach DURKHEIM sind dies die verschiedenen Zwänge, die in Form der vom Subjekt abgehobenen Regelungen den Kern des gesellschaftlichen Zusammenhanges ausmachen und zu einer relativen zeitlichen Stabilität sozialer Gebilde führen, indem sie den ihnen unterworfenen Individuen spezifische Orientierungschancen eröffnen bzw. Handlungsmöglichkeiten belassen. Im Zusammenhang mit der technokratiekritischen Diskussion melden sich in diesem Dunstkreis gern die Anhänger der „Sachzwänge“ zu Wort, gemeint ist im soziologischen Zusammenhang hier dagegen lediglich die Tatsache, dass man Sachen auf eine natürliche Weise in den Blick dieses theoretischen Ansatzes bekommt, wenn man alleine schon berücksichtigt, dass DURKHEIM das Recht in seinen unterschiedlichen Formen als Regelungsinstanz par excellence breit diskutiert hat und hierbei auch speziell das Sachenrecht betrachtete.

Welches sind nun die Bestimmungsgründe nach LINDE, die ein Phänomen zu einem „sozialen“ Phänomen machen? Wenn im Zentrum des kognitiven Programms „die Erklärung der beobachtbaren Regelmässigkeiten des Verhaltens mehrerer“ (S.52) steht, dann wird sich eine erste Kategorie von „Verhaltensdeterminanten“ (S.53) auf „Neigungen, Absichten und Interessen“ (S.52) von Einzelnen oder Kollektiven beziehen müssen. Diese Kategorie reicht aber schon gem. WEBER nicht hin, so dass man auf eine von der ersten unabhängige Kategorie von Verhaltensdeterminanten zurückgreifen muss, die mit „Regelungen, Normen und Ordnungen“ (S.53) umschrieben werden können (bei WEBER: Brauch, Sitte, Konvention, Recht). Diese Determinanten führen (a) zu einer Einengung der Handlungsspielräume und lassen so gewisse Handlungsmuster entstehen, die wir als Regelmässigkeiten beobachtbarer Handlungsabläufe wahrnehmen. Diese Verhaltensdeterminanten führen darüber hinaus aber auch (b) zu objektiv normierten „Positionen, Rollen und Status“ (S.54). Mit diesen Verhaltensdeterminanten will es LINDE gelingen, „...vom subjektiven Sinn der Handelnden unabhängige Sozialität einzuklagen, der wir...einen vorrangigen Erklärungswert für die ‚Gleichartigkeiten, Regelmässigkeiten und Kontinuitäten der Einstellung und des Handelns’ beimessen“ (S.54). Die bei WEBER behauptete Regelungsbezugunabhängigkeit von „Interessenlage“ einerseits und „zweckrationalem Handeln“ andererseits wird von LINDE nicht akzeptiert, sondern als „positionsspezifisches Moment...von vor- oder überindividuell gegebenen Regelungen (mit ihren Obligationen und Gratifikationen)...“ (S.56) interpretiert.

Für LINDE steht die Regelungsabhängigkeit von sozialem Handeln also von Anfang an nicht in Frage. In Abgrenzung zu WEBER: „Wir schreiben also die Chance sowohl ‚beim gleichen Handelnden sich wiederholender’ als auch ‚bei zahlreichen Handelnden verbreiteten Abläufe von Handeln’ generell der verhältnis- oder positionsadäquat normierten Orientierung ihres Handelns an verhältnis- oder positionsspezifisch definierten Interessenlagen zu, unabhängig davon, ob die positionsadäquat normierten Aktionsparameter (a) zweckrational, (b) wertrational oder (c) traditional dominiert sind. Die drastische Minderung dieser Chance tendiert zur und bezeichnet schliesslich den Zustand der Anomie“ (S.58).

 

 

  1. Ausblick: Noch ein Forschungsprogramm? - Das Paradigma der überindividuellen Verhaltensregelung und Verhältnisbestimmung und die Soziologie der Sachen

 

LINDE rückt die sozialen Verhältnisse in den Mittelpunkt seines Erkenntnisinteresses und sieht unter diesem Blickwinkel einmal die verhaltensregelnde und zum anderen die verhältnisbegründende Qualität der sachhaften Verhältnisse. Für die Begründung der Verhaltensregelungsqualität reicht ihm schon die Bezugnahme auf FREYERs Definition des „Geräts“ als ein auf profane Verwendung hin angelegtes Artefakt, welches zweckgerichtete Handlungsabläufe vergegenständlicht. Die verhältnisbegründende Qualität sei ebenfalls unstrittig, wenn man auf die Fülle sozialer Verhältnisse blicke, die uns umgeben oder in denen wir selbst stehen und die „ohne die sie vermittelnden Sachen schlechthin inexistent wären: [etwa -Anm.d.Verf.] das soziale Verhältnis des Industriearbeiters zum Arbeitgeber oder zu den Arbeitskollegen ohne das technische Aggregat seines Arbeitsplatzes...“ (S.59).

 

„Als soziale Sachverhältnisse i.e.S. seien daher alle diejenigen gesellschaftlichen Verhältnisse bezeichnet, die so durch Sachen vermittelt und in Sachen begründet sind, dass sie ohne diesen Sachbezug inexistent wären, als Sachverhältnisse i.w.S. auch solche, in die Sachen in anderer Weise mit ihren verhaltensregelnden Momenten und/oder Zwängen direkt einbezogen sind oder auf diese direkt einwirken“ (S.59 ff.). Die Frage, was denn nun Sachen in Sozialverhältnissen determinieren, beantwortet LINDE am oben erwähnten Beispiel der Gemeindesoziologie (sachhafte Ausstattung eines Areals) wie folgt: (a) soziale Positionen einschliesslich ihrer Verhaltens- und Rangaspekte, (b) positionsneutrale oder -diffuse Verhaltensmuster und (c) Vorstellungen und Erwartungen in der ego-alter-res Triade. Die Frage, wie sich der determinierende Einfluss der Sachen in Sozialstrukturen bemerkbar macht, beantwortet LINDE zum einen mit dem Hinweis auf die Extremlage der Sachzwangproblematik (Übermacht der Sachen über die Gesellschaft, S.63 ff.) und zum anderen mit dem Hinweis auf die -zumindest analytisch differenzierbaren- zeitlichen Phasen der sachhaften Verhältnisse: Sachappropriation (Aneignung, Inbesitznahme, S.66 ff.) und Sachgebrauch (bzw. Sachverwendung, S.70 ff.). Die heute sicherlich virulente Frage der Entsorgung oder Vernichtung von Sachen, insbesondere unter Umweltschutzaspekten, fehlt im LINDEschen Themenkanon.

 

Die -nach LINDE- mehr technikphilosophisch motivierte Diskussion der Sachzwänge soll hier aus Platzgründen übergangen werden.

 

Sachen stehen im Eigentums- und Besitzverhältnis zu natürlichen oder juristischen Personen. WEBER hat das Appropriationsverhältnis als „monopolisierte Chance des Rechtsgenossen“ beschrieben, die Verwendung einer Sache durch andere (a) auszuschliessen, (b) zu beschränken oder (c) an Bedingungen zu knüpfen. Die sozialen Verhältnisse werden dabei wie folgt im einzelnen determiniert: (1) die hier interessierenden Sachen (oder Artefakte vom Typ Gerät) sind in mehr oder weniger komplexen Produktionsprozessen hergestellte Dinge, haben Warencharakter und werden somit durch Kauf erworben. (2) Dieser Kauf ist ein Wahlakt, der sich auf der Anbieterseite auf Dinge bezieht, die mit begrenzten Ressourcen hergestellt oder gehandelt wurden und die dann auf der Abnehmerseite -ebenso mit Nutzenkalkülen hinterlegt- erworben wurden. (3) Im einfachsten Fall ist der Nutzen der Akte der Verwendung dieser Sachen auf der Käuferseite eindimensional; oft ist er jedoch mehrdimensional in dem Sinne, dass mit dieser erworbenen Sache für den Erwerber neue Ziele erreicht oder Zwecke verfolgt werden können. Der Erwerber, d.h. der neue Eigentümer der Sache, hat sich also aufgrund dieses Kaufwahlaktes festgelegt auf eine zeitlich fixierte Zweck/Mittel-Kombination. Die Fixierungsdauer ist sicherlich mitbestimmt von der technisch bedingten Lebensdauer der Sache (aber daneben auch von ihrer wirtschaftlichen Lebensdauer, in jedem Falle aber durch in der Sache selbst angelete Umstände). „Diese Festlegung ist insofern...die erste Grundkategorie einer Soziologie der Sachverhältnisse, als wir ihr hypothetisch eine Gültigkeit zuschreiben, die sich sowohl (a) prinzipiell auf alle Sachkategorien der Klasse Gerät (nach ihren Funktionen: Gebrauchsgerät, Erwerbsgerät; nach ihrer technischen Struktur: Werkzeug, Apparat, Maschine, Automat u.a.) erstreckt, als auch (b) unabhängig von den institutionellen Varianten der Eigentumsordnung ist“ (S.68). Zwar sind die Akte der Verwendung einer Sache zum erheblichen Teil in der Sache selbst angelegt, aber bei regelwidriger Verwendung werden Sanktionen sozusagen mechanisch ausgelöst: Beschädigung der im Eigentum eines anderen befindlichen Sache, Gefährdung des Bedieners, Gefährdung der Umgebung, Haftungsfragen bis hin zur juristischen Sanktion etc. Sachen sind in diesem Sinne nicht reinen Zweck/Mittel-Kombinationen unterworfen, sondern mindestens Zweck/Mittel/Sanktions-Kombinationen. „In dieser Definition begreifen wir die Sache ‚Gerät’ als die total vergegenständlichte instrumentelle Institution, als den Typ des perfekt institutionalisierten sozialen Handlungsmusters“ (S.70).

 

Im Zusammenhang des Sachgebrauchs entwickelt LINDE die zweite Grundkategorie einer Soziologie der Sachverhältnisse: es ist dies die Kategorie der Fähigkeiten/Fertigkeiten, die ein Sachverwender bieten muss, damit die in der Sache programmierten Verwendungsakte oder „Vollzüge ihrer Handhabung“ (S.70) (technisch betrachtet: aufgrund der konstruktiv fixierten Merkmale) effektiv zur Entfaltung kommen können. „Damit erscheint die technologische Struktur der Sache als die regierende Instanz auch dieser Klasse von Sachverhältnissen“ (S.74). Diese Regulierung geht mitunter so weit, dass selbst der „berufsbildend motivierte Lernprozess“ (S.75), d.h. Bildung und Ausbildung, sich an den Anforderungen der technologischen Struktur des etablierten Sachaggregates ausrichtet. LINDE differenziert dieses Phänomen sowohl an -durch Privatkonsumenten verwendeten- persönlichen Gebrauchsgerätschaften als auch an institutionell verwendeten Erwerbsgeräten. Während im Bereich des privaten Konsums die Einfachheit der Gerätebedienung kultiviert wird (LINDE spricht von der „Minimierung des zur Verwendung des Gerätes erforderlichen Sachverstandes“, S.71), haben wir im Bereich der Produktionsmittel sowohl die analoge Tendenz zur Spezialisierung (z.B. Montage eines und nur eines bestimmten Bauteils am Fliessband) als auch die gegenläufige Tendenz zur Universalität (z.B. numerisch gesteuerte Universalautomaten mit der erforderlichen Fähigkeit zur Programmierung). Es sind dies die bestimmenden Parameter für die Versorgungs- und Erwerbschancen der durch Verträge geregelten Arbeitsbedingungen des Bedienungspersonals von Sachaggregaten, also von Personenkreisen, die „ihre Existenz nicht auf eigenes Geld- oder Sachvermögen stellen können“ (S.75).

 

Zusammenfassend und die Verbindung zum DURKHEIMschen Begriff des Zwanges noch einmal pointierend, hat man -gem. LINDE- folgende soziale Phänomene in einer Soziologie der Sachen zu thematisieren: „(a) den manifesten sozialen Zwang zur Ausbildung kohärenter Sachsysteme, (b) den manifesten sozialen Zwang zur progressiven Dynamisierung dieser Systeme und (c) zur sozialen Hierarchisierung und Privilegierung des Sachverstandes und schliesslich (d) den permanenten Reaktionszwang auf latente Effekte der Sachverwendung“ (S.76).

 

 

  1. Kritische Würdigung: Noch ein Forschungsprogramm? - Nein, danke.

 

Das „Überleben der Tüchtigsten“ ist zwar eine beliebte, abgeleitete Floskel des Darwinismus und diese ist auch (un)gehörig in andere Anwendungsbereiche übertragen worden (vgl. „Sozialdarwinismus“, „Theoriendarwinismus“ etc.), sie ergibt (auch und gerade gem. DARWIN) aber nur Sinn, wenn man den Selektionsbegriff ernst nimmt und zur vollen Entfaltung bringt. Der von den (Spät)Epigonen des Kritischen Rationalismus hochgelobte Theorienpluralismus, d.h. das alternativenreiche Nebeneinanderexistieren unterschiedlicher Einzeltheorien bzw. auch: Grundlagentheorien, ist immer nur vor dem Hintergrund der „strengen Prüfung“ gefordert worden. Stellt diese strenge Prüfung jenen Selektionsdruck dar, der zum „survive of the fittest“ im Bereich der Theorien führt? Überlebt nur diejenige Theorie, die die bekannten Phänomene und darüber hinaus auch neue Phänomene beschreibt, erklärt, vorhersagt und darüber hinaus strengsten Widerlegungsversuchen standgehalten hat? Sind es wirklich solche oder ähnliche (d.h. verfeinerte) formale wissenschaftstheoretische Anforderungen, die das Überleben und Absterben von wissenschaftlichen Theorien regulieren? Die Anhänger von T.KUHN würden dies sicher verneinen. Theorien sterben nach diesem eher wissenschaftshistorischen Ansatz aus, wenn der „Theorienvater“ und/oder die Schüler des Theorienvaters ausgestorben sind! „Biologie sticht Logik“ könnte man in freier Anspielung auf die Skatterminologie sagen, um diese Art von „Rationalität“ des wissenschaftlichen Fortschritts zu umschreiben. Und dem Gegenspieler zu KUHN, K.R.POPPER, fiel auch nichts besseres ein, als diese Art von Rationalität, so sie denn wirklich den Wissenschaftsbetrieb regulieren würde, zu bedauern.  

Jenseits der Konzepte von KUHN und POPPER muss es also noch etwas geben, was den Wissenschaftsbetrieb lenkt: der Theorienvater der klassischen Mechanik, NEWTON, ist tot, seine Schüler auch. Aber ist deswegen die klassische Mechanik tot? Natürlich nicht! Das Heer der Theorienanwender, u.a. die Ingenieure, konstruiert Brücken, Häuser, Maschinen etc. nach klassisch-mechanischen Gesetzen und nicht nach Gesetzen EINSTEINscher Relativitätstheorie, obwohl diese doch die klassische Mechanik als Grenzfall umfasst und darüber hinaus Neues erklärt, also umfassender ist, also fortgeschrittener ist. Es muss also offensichtlich pragmatische Gründe für die Verwendung einer obsoleten Theorie geben. Schliessen wir uns für einen Moment denen an, die die Einfachheit einer Theorie als deren Vorzugskriterium zitieren. Die klassische Mechanik ist bei bestimmten Berechnungen einfacher zu handhaben als die relativistische Mechanik, also verwenden wir die Gesetze der Klassik. Diese Aussage ist offensichtlich wahr und damit die ganze Prozedur, die sich auf sie stützt, eingedenk der oben zitierten Einsicht, wonach die klassische Mechanik ein Grenzfall der relativistischen ist. Aber dies muss erst nachgewiesen werden und dazu bedarf es nicht mehr und nicht weniger als eines EINSTEIN.

 

Der Ausflug in die Methodologie der Naturwissenschaften ist für Sozialwissenschaftler eine durchaus gern vollzogene tour d’horizont. Wenn man die Analogieschlüsse rechtzeitig abbricht und nicht überstrapaziert, kommt man von dieser Tour auch heil wieder nach Hause! Der oben durchgeführte Ausflug sollte uns nur so viel zeigen: wenn LINDE mit seiner neuen Soziologietheorie mehr und neue soziale Phänomene „in den Blick bekommt“ (gemeint sind natürlich seine „Sachverhältnisse“), dann sollten auch die alten Phänomene noch mit zum Erklärungsbereich seiner Theorie gehören (wenn auch nicht unbedingt als „Grenzfall“, denn dann hätte man die Analogie zu naturwissenschaftlichen Theorien vielleicht wirklich zu weit getrieben). M.a.W.: es geht beim wissenschaftlichen Fortschritt um die Integration immer weiterer erklärungsrelevanter Phänomene in die vorhandenen Theorien (oder Versatzstücken davon), wenn man „normale Wissenschaft“ (T.KUHN) betreibt. Und es geht um die Verwendung und den Einbau völlig andersartiger Konzepte, wenn man als Forscher eine Theorienrevolution einleitet. So lange das vorherrschende Paradigma dasjenige der sozialen Handlung ist, so lange diese more physico als analog zur Bewegung (jetzt im abstrakten Sinne der Überführung eines Ausgangszustandes in einen Endzustand) interpretiert wird, so lange wird man nach entsprechenden Einflussgrössen (LINDE spricht lieber von Determinanten) suchen müssen. Dass dabei einige dieser Grössen unterbewertet werden, andere im Vordergrund stehen, einige unterbelichtet werden, andere überbelichtet, liegt in der Natur der Sache der normalen Wissenschaft. LINDE selbst nennt ja die Sozialwissenschaftler, die die Rolle der Sachen nicht aus den Augen verloren haben: DURKHEIM, FREYER, SCHMALENBACH. OGBURN wäre nachzutragen und im Anschluss an DURKHEIM auch HALBWACHS. In der Ökonomie hat GEORGESCU-ROEGEN die Rolle der Sachmittel beleuchtet, in der Sozialanthropologie M.DOUGLAS, in der Anthropologie GEHLEN. Die Reihe liesse sich fortführen. Dass dabei für die soziologische Theorie nicht der Gestaltwandel herauskommt, den etwa EINSTEIN für die Physik herbeigeführt hat, mag u.a. am ungeklärten Verhältnis von Mikrosoziologie zu Makrosoziologie liegen. Vor einem ähnlichen Dilemma steht auch die Ökonomie mit ihrer Mikro- und Makroökonomie. So lange die Verhaltensfunktionen der Makroökonomie -im theoretischen Ansatz- als durch blosse Aggregation der mikroökonomischen Verhaltensfunktionen der einzelnen Akteure vom Typ homo oeconomicus zusammengesetzt konzipiert werden, hält uns dieses methodologische Bild gefangen: Massenhandeln als Summe von Individualverhalten. Die in der Wissenschaftstheorie bekannte Wasserfall-Analogie der Physik führt uns dieses Bild aber anders vor Augen: die Turbulenzen der Wassermassenbewegung eines Wasserfalls lassen sich nicht berechnen durch die Bestimmung der Einzelbahnen der Wassertröpfchen. Es müssen andere Beschreibungssysteme her (nämlich statistische einerseits und zum anderen solche, die nicht von einfachen deterministischen Modellen herrühren). Ähnlich verfährt die Argumentationsstrategie von LINDE, wenn es um die WEBERsche „soziologische Massenbetrachtung“ geht: er -LINDE- sucht nach „überindividuellen“ Verhaltensdeterminanten (d.h. um im o.a. Bild zu bleiben: er summiert nicht einzelne Verhaltensfunktionen auf) und unterstellt WEBER (s.S.44 ff.), auch er -WEBER- habe im Grunde, entgegen seinen methodologischen Beteuerungen in den Anfangskapiteln von „Wirtschaft und Gesellschaft“, dieselbe Strategie verfolgt, wenn er plötzlich von „Ordnungen“ (legitimiert durch Tradition, Glauben oder Satzung) spricht und nicht mehr von „subjektiv gemeinten Sinnbezügen“, an denen sich individuelles Verhalten orientiert.

 

So vorbereitet muss sich der LINDEsche Ansatz -auch wenn er bloss programmatisch sein will- jetzt fragen lassen, wie Sachen in sozialen Systemen Verhalten determinieren, abhängig davon: wie Sachen in diesen Systemen vorkommen, d.h. in diese integriert sind. Wie lässt sich menschliches Massenhandeln (auf der bipolaren Skala etwa zwischen blinder Technikgläubigkeit hier und Maschinenstürmerei dort) unter Einbeziehung der Variablen „Sachverhältnisse“ erklären? Worin besteht der Zwangscharakter (DURKHEIM) sachdominierter Sozialsysteme im einzelnen? Ist die DURKHEIMsche Anomie Ausfluss dieses Zwangscharakters? Wie bemächtigen sich Interessengruppen der Sachen? Wie setzen gegenpolige Interessengruppen die Sachintegration ausser Kraft? Ist die durch MARX aufgeworfene Problematik der Entfremdung durch arbeitswissenschaftliche motivierte Oberflächenpolitur (Fertigungsinseln statt Fliessbänder, wiesengrün angestrichene Produktionsmaschinen in Werkhallen, peppige Bildschirmschoner am Computerarbeitsplatz, Beruhigungsmusik und andere einlullende Massnahmen am Arbeitsplatz etc.) gelöst? Welcher Status kommt den Erfindern/Konstrukteuren einer Sache in der Gesellschaft zu (technische Eliten, Ingenieure)? Welcher Status kommt den (virtuosen -Rennfahrer- wie auch normalen -Sonntagsfahrer-) Sachbedienern zu? Welche Art von Sachkonstruktion/Sachbedienung unterliegt öffentlichem Interesse (im Sinne von Kontroll- und Eingreifinstanz)? Wenn Handlungen letztlich Zustandsübergänge herbeiführen, wie unterscheiden sich dann Zustandstransformationen durch Sachsysteme von solchen durch Personsysteme? Zugegeben, ein blosses Potbourri von Fragen.

 

Die im vorliegenden Aufsatz einmal mehr vor Augen geführte Abhängigkeit der Antworten auf die o.a. Fragen von den verwendeten Grundkonzeptionen (ja auch die Abhängigkeit dieser Fragestellungen von den Grundbegriffen selbst) soll die abschliessende Gegenüberstellung soziologischer Alternativansätze zur Sachenproblematik verdeutlichen. Eine Kritik eines theoretischen Ansatzes gelingt am besten durch Konfrontation mit seinen Konkurrenzprodukten (so jedenfalls das Lehrstück der POPPERschen Philosophie).

 

Stand bei LINDE der Handlungsbegriff mit im Zentrum seines theoretischen Konstruktes und liessen sich damit Sachen als „Teilstücke“ von Handlungen identifizieren, so ist für HALFMANN (einem Anhänger der Systemtheorie, also einer Theorie, die gem. LINDE Sachen in die Systemumwelt verbannt) eine Sache ein Medium, um „systemspezifische Kommunikationsprozesse differenzieren, beschleunigen oder vervielfältigen zu können“. Alle Phänomene, die in sozialen Zusammenhängen zur Bildung sozialer Strukturen Anlass geben, werden in diesem Ansatz als „Medium“ bezeichnet und nur dieser Aspekt sei soziologisch für die Sachen relevant. RAMMERT (ebenfalls ein Anhänger der Systemtheorie) kann mit dieser Grundauffassung eine Verallgemeinerung vom „Technischen“ hin zur „Technisierung“ nach folgendem Argumentationsmuster erreichen: „Das Wesen des Technischen sehen wir ...in der Entlastung sinnverarbeitender Prozesse des Erlebens und Handelns von der Aufnahme, Formulierung und kommunikativen Explikation aller Sinnbezüge, die impliziert sind“. „Die Technisierung ist ein grundlegender sozialer Prozess, in dem ein Ablauf an Operationen künstlich fixiert, wiederholbar, berechenbar und für andere übernehmbar gemacht wird“. „Sachtechnik“ wird für RAMMERT sodann eine unter vielen Fixierungen dieser Technisierung, analog so wie die Schrift neben der Tonbandaufnahme nur eine der möglichen Fixierung von Sprache in diversen Medien ist. Neben der Sachtechnik wäre eine weitere Fixierung der Technisierung z.B. die bei Naturvölkern mitunter gegebe Rhythmisierung der körperlichen Arbeit durch Gesang (und damit verbunden: eine effektivere Koordination der Arbeitsabläufe) oder andere gleichwertige Habitualisierungen des Arbeitsvollzugs. Der Unterschied zu Koordinationsleistungen aufgrund von Maschineneinsatz bei Zivilisationsvölkern wird von RAMMERT in Folgendem gesehen: „Im Vergleich zu Handlungen der Personen sind Maschinensysteme prinzipiell fixiert in ihren internen Operationen und ihren Verknüpfungen“. Erstaunlich bleibt für einen systemtheoretischen Ansatz allerdings die Einflussrichtung von Medium und Form: das Medium legt fest, „welche Äusserungsformen es zulässt und von welchen es absieht“. Die konkrete in einem Sozialsystem ausgeprägte Form der Technik tritt zurück hinter die Wirkung des Mediums: „Von den vielfältigen Verweisungsmöglichkeiten wird bei der Technisierung abgesehen, um diejenige des erfolgreichen Wirkens herauszuheben“. Man hätte vielleicht eher erwartet, dass die realisierte Form einer Technisierung entscheidend bestimmt, welche Medium-Eigenschaften diese Technik hervorbringt. Die soziale Bedeutsamkeit liegt nicht im Artefakt selbst, sondern kommt erst im Kontext „sachhafter Medialisierung“ zum Tragen. Bezogen auf die Herstellungsperspektive einer Sache bedeutet dies, dass das Spezifische an der Entwicklung einer neuen Technik nicht in der Konstruktion dieses technischen Gerätes liegt, sondern in der Antizipation der neuen Nutzungsmöglichkeiten (Nutzungsvisionen) in sozialen Verwendungszusammenhängen (Primat der Verwendungsperspektive einer Sache). D.h. erst die gesellschaftliche Aneignung einer neuen Sache durch die Konstituierung darauf bezogener zukünftiger Handlungsformen erzeugen so etwas wie „sozialen Sinn“.  

An die Systemtheorie (zumindest an die „reine Systemtheorie“) waren anfangs Ewartungen geknüpft, eine ernsthafte Alternative zum epistemologischen Atomismus abzugeben, d.h. zu jenem Theorienansatz, der da glaubte, einzelne Variablen isolieren zu können, um ihr Verhalten dann unabhängig vom Einfluss anderer (als den ausgewählten) zu beschreiben. Diese „anderen Variablen“ stellten störende Einflüsse dar und fielen aus dem theoretischen Ansatz heraus. D.h. Systemtheorie und Holismus sollten enge Verwandte sein und das Ganze eines Untersuchungsbereiches -was immer das im einzelnen bedeuten mag- in Augenschein nehmen. Praktische Systemtheorien mögen sich im einzelnen von diesem Programm verabschiedet haben. Die Auferstehung dieses holistischen Ansatzes in der Theorie der Netze aber führte auch zur Wiederauferstehung dieser holistischen Sichtweise. Ein solches Netzwerk besteht abstrakt (mathematisch entlehnt aus der Graphentheorie) aus Knoten und Kanten, die je nach empirischem Anwendungsbereich unterschiedlich interpretiert werden können. Allgemein gesprochen repräsentieren die Knoten irgendwelche Entitäten und die Kanten irgendwelche Relationen zwischen diesen Entitäten. Zustandsänderungen im o.a. atomistischen Ansatz waren gesetzmässig verlaufende Änderungen von ausgewählten Eigenschaften an der ausgewählten Entität, beschrieben vor und nach der gesetzmässigen Einwirkung auf diese Entität. Zustandsänderungen in der Theorie der Netze sind hingegen zu beschreiben als Zustandsbeschreibungen des ganzen Netzwerks vor und nach einem einwirkenden Ereignis, welches nicht notwendig im Verursachungs-/Wirkungsblickwinkel erscheinen muss. In der Akteur-Netzwerk-Theorie von B.LATOUR oder M.CALLON wird bezüglich des Handlungsbegriffs das traditionelle Täter-Tat-Schema (wonach ein Handelnder eine Handlung verursacht, was eine asymmetrische Relation darstellt) überwunden und durch eine symmetrische Beziehung zwischen diesen beiden Entitäten ersetzt. Die Autoren sprechen daher nicht mehr von Tätern oder Handelnden, sondern von Aktanten. Dies können Personen oder Sachen sein. Nun benötigt jede klassische empirische Theorie letztlich doch irgendwelche asymmetrische Relationen (z.B. die materiale Implikation), damit Zustandsübergänge abgebildet werden können. Diese Übergänge liegen aber auf der Ebene ganzer Netze und der Grundbegriff für solche Übergänge ist bei CALLON der der Übersetzung, d.h. diese Übersetzungen stellen die Einwirkungen auf auf das Netzwerk dar und zeitigen als Folge ein neu arrangiertes Netz (etwa ein stabileres Netz als das Ausgangsnetz). Aktanten sind im alten Netz, d.h. vor der Übersetzungstransformation, die Initiatoren von Übersetzungsprozessen (LATOUR spricht von Agenten) und im neuen Netz, d.h. nach der Übersetzung auch deren Resultat. Diese Transformation führt dabei allerdings zu Substitutionen (Ersetzen eines Aktanten-1 vor Transformation durch Aktant-2 nach Transformation) und/oder Assoziierungen (neu bestimmte Relation zwischen den Aktanten nach Übersetzungseinwirkung). Die Beschreibung dieses Ansatzes muss aus Platzgründen natürlich sehr elliptisch ausfallen. Sie soll lediglich zeigen, wie durch Wahl des theoretischen Ansatzes (Graphentheorie, Theorie der Netze) unter dieser Beschreibungsperspektive dann die Grenze zwischen Person und Sache in sozialen Systemen verschwimmen kann oder besser: „aufgelöst“ wird.

 

Der vorliegende Aufsatz möchte allerdings nicht enden, ohne noch einmal das Verdienst LINDEs hervorzuheben, gezeigt zu haben, dass Sozialsysteme ihre Handlungspotentiale nicht nur aus der Verknüpfung aufeinander durch Sinnbezüge abgestimmter Personen schöpfen. Die verhaltensdeterminierenden Absichten und Ansichten sozial handelnder Personen(gruppen) orientieren sich wesentlich auch an sachdominierten Verhältnissen. Dieser Zusammenhang mag dem Leser abschliessend noch einmal im folgenden Kapitel einsichtig werden.


  1. Anhang: Zusammenfassung - Explikation des Sachenbegriffs

 

Für H. LINDE ist es angezeigt, die Klärung des Begriffs „Sache“ mit Hans FREYER beginnen zu lassen. Dies hat vor allem deswegen (gerade für die handlungsorientierte Soziologie) seinen Reiz, weil FREYER dem Handlungsbegriff einen zentralen Stellenwert in seinem kulturphilosophischen System zuweist. Im Rahmen von zweckgerichteten Handlungsabläufen werden Sachen (FREYER spricht von „Gerät“ und dessen profaner Verwendung z.B. im Rahmen der Technik als technischem Faktor) wirksam, indem sie eine menschliche Verhaltensanpassung erforderlich machen können: „Das Gesamtbild des Handlungsverlaufes wird natürlich durch die Einführung...dieses technischen Faktors verändert, einfach deswegen, weil das Vorhandensein dieser Form die vergegenständlichte Struktur des Wirkungsfeldes verändert hat, dem die Handlung sich anpassen muss“. Inwieweit hier schon das Moment des Sozialen herauskristallisierbar ist, sei dahingestellt, denn noch haben wir ein Verhältnis ego-res vorliegen und nicht ein ego-alter oder ego-alter-res Verhältnis. Auch ist die Art der Anpassung noch nicht spezifiziert. Unter die Kategorie Gerät subsummiert FREYER profane Artefakte, die dadurch gekennzeichnet sind „...dass sie (a) vergegenständlichte Teilstücke aus einem zwecktätig gerichteten Handlungszusammenhang darstellen und dass sie daher (b) erst und nur durch notwendig hinzutretende objektspezifische profane Akte der Verwendung ihren Zweck erfüllen...“. Die Eigenschaft der Profanität dient der Abgrenzung gegen eine andere Kategorie von Artefakten, zu denen etwa Kunstwerke, Symbole oder Zeichen gehören. Innerhalb der Kategorie Gerät wird man die dort versammelten Artefakte nach ihrer Funktion unterteilen in Gebrauchs- und Erwerbsgerät und nach ihrer technischen Struktur etwa in: Werkzeuge, Apparate, Maschinen, Automaten etc.

Wenn man mit dem Bezugspunkt FREYER beginnt, dann wird die Forschheit der Sachbegriffsdefinition von LINDE augenfälliger. En passant bekommen wir das Phänomen Intentionalität (Absicht einer Handlung) und Fabrizität (durch Arbeit Hergestelltes) mitgeliefert: „Als Sachen bezeichnen wir im folgenden -im Unterschied zu naturgegebenen Dingen- alle Gegenstände, die Produkte menschlicher Absicht und Arbeit sind“ (S.11). So umfassen Sachen -wie erwartet- einmal das gesamte technische Arsenal: „Behausungen, Arbeitsstätten, Energiequellen[sic!], Verkehrs- und Kommunikationswege und -mittel usw. bis hin zum Kernreaktor und zum weltumspannend verfügbaren Life-Bild der Mondlandung“ (S.11 ff.), aber andererseits auch Artefakte, die aus züchterischer Absicht bzw. Pflegenutzung hervorgegangen sind und in das hineinreichen, „was wir unreflektiert noch als Natur erleben und bezeichnen“ (ib.). Als Beispiele für solche Sachen werden genannt: domestizierter Tierbestand sowie Ergebnisse der Bodennutzung, also Feld, Wald, Wiese, Weide (vgl. S.11). Die Ausgrenzung von Kunstwerken (die ja wohl auch in absichtlicher Arbeit gefertigt werden) gelingt unserem Autor erst unter Zuhilfenahme von FREYERs Gerätekategorie (s.o.) über den Weg der weiteren Einengung (vgl. S.12). Die rein „naturgegebenen Dinge“ (vgl. Definition weiter oben) dagegen sind negativ definiert durch das Fehlen der „züchterischen Absicht“ bzw. der „Nutzung“: unkontrolliertes Wildleben bzw. Wildwuchs von Unkraut und Ungeziefer (vgl. S.11).

Doch wächst dieses mit der o.a. Definition gelieferte Startkapital begrifflicher Merkmale von „Sachen“ im Laufe der vorliegenden Untersuchung weiter an: Intentionalität (LINDEs Ausgangsdefinition) wird zu Zweckrationalität (mittels Bezugnahme auf FREYERs Gerätekategorie) und diese wird (nach der Analyse der Regelungsabhängigkeit bei DURKHEIM und der Regelungsunabhängigkeit bei M. WEBER) zu einer verhaltensregelnden bzw. verhältnisbegründenden Qualität (vgl. S.59 ff.). Der „soziologische Witz“ an den Sachen liegt für LINDE also gerade darin, dass sie einerseits Personen oder Personengruppen von außen Zwänge auferlegen, also Verhalten in diesem Sinne regeln oder regulieren und andererseits Sozialverhältnisse begründen, Sozialstrukturen aufspannen. Beides begründet den sozialen Stellenwert der Sachen.

Doch damit nicht genug: betrachtet man den Lebenszyklus einer Sache, so beginnt das Besitzverhältnis mit dem Erwerb bzw. der Aneignung (juristisch: mit dem Übergang), es folgt die Gebrauchsphase und dann (die bei LINDE völlig fehlende) Entsorgung. Sachen unterliegen in der ersten Phase der institutionell (z.B. juristisch) geregelten Appropriation, d.h. gehen in ein Eigentums- und Besitzverhältnis zu Personen bzw. Personengruppen ein. Damit verbunden ist (a) die Art und Weise der Sachaneignung (z.B. durch Kauf) und (b) die sich daran anschließende Organisation der Dispositions- und Verfügungsgewalt dieser Person(en) über die betreffende Sache. Beides sind sozial relevante Tatbestände: „...die Festlegung des Appropriateurs, seines Vermögens..., seiner Interessen und ihrer Erfolgschancen auf eine der Sache inhärente Zweck/Mittel-Kombination auf Zeit, ist also die erste kategoriale Bestimmung, welche den Einfluss von Sachen auf den Zusammenhang gesellschaftlichen Handelns begründet“ (S.68). In der Phase des Sachgebrauchs kommt als zweite kategoriale Bestimmung der Sachen (Typ: Gebrauchsgerät als Vermittler zwischen Konsument und Produzent) hinzu: „Einkauf des Sacheigners in ein vom Sachproduzenten kontrolliertes, sachzentriertes Leistungssystem und damit eindeutig ein Akt klientelartiger Vergesellschaftung, terminiert auf die Lebensdauer des appropriierten Sachaggregates“ (S.72).

In der Sphäre der Erwerbsgeräte („Produktionsmittel“ nach MARX) spielt das durch die Sache vermittelte soziale Verhältnis Arbeitgeber-Arbeitnehmer eine zentrale Rolle: „Die zwingende Orientierung beider Vertragspartner auf die zum Vollzug der in der technologischen Struktur des Aggregates programmierten Verwendungsakte notwendigen Fähigkeiten. Damit erscheint die technologische Struktur der Sache als die regierende Instanz auch dieser Klasse von Sachverhältnissen“ (S.74). Das soziale Moment besteht für LINDE nun gerade darin, dass in der Konstruktion der Sache zweierlei festgelegt ist: der Eigner hat mit diesem Produktio











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