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Adelbert von Chamisso - peter schlemihls wundersame geschichte



peter schlemihls

wundersame geschichte

Adelbert von Chamisso

Adelbert von Chamisso wurde 1781 in der Champagne in Frankreich geboren. Chamisso entstammte einer alten lothringischen Adelsfamilie, die sich auf der Flucht vor der französischen Revolution in Berlin niederließ. Chamisso diente als Leutnant in einem preußischen Regiment und begann 1812 das Studium der Medizin und Botanik. 1815 - 1818 nahm er als Botaniker an einer Pazifik- und Arktisexpedition teil, über die er in seinen "Ansichten und Bemerkungen auf einer Entdeckungsreise", eine Art Tagebuch, berichtete. Danach war er Assistent am Botanischen Garten in Berlin und Kustos am Königlichen Herbarium.

Nachdem er schon früh in den Berliner literarischen Zirkel Aufnahme gefunden hatte und mit Kleist, Uhland und Hoffmann bekannt war, übernahm er 1832 die Mitherausgabe des Musenalmanach, in dem er besonders junge Literaten förderte.

Er verstarb am 21. August 1838 in Berlin.

In seiner Lyrik benutzte Chamisso souverän alle Formen der romantischen Dichtkunst. Populär wurden unter anderem "Die alte Waschfrau", "Schloß Boncourt" und die Robinsonade "Salas y Gomez". Den Volkston traf er besonders in seinen Liebesgedichten, so in dem Zyklus "Frauenliebe und -leiden", und in seinen Naturgedichten. Als Spätromantiker, der neben exotischen Stoffen auch soziale und zeitkritische Themen aufgriff, hatte Chamisso nicht nur auf das "Junge Deutschland", sondern auch auf die Dichter des Realismus durch seine balladeske Form seiner Lyrik großen Einfluß.

Chamissos bekannteste Erfindung wurde Titelheld der wundersamen Geschichte "Peter Schlemihl".

Schlemihl, der seine Geschichte dem fiktiven Herausgeber Chamisso in elf Briefen erzählt, kommt durch einen Zufall in die Gesellschaft des unermeßlich reichen Kaufmannes Thomas John und lernt dort den unscheinbaren grauen Herrn kennen, der auf Wunsch der Gäste der Reihe nach aus der Tasche seines grauen Rockes ein Heftpflaster, ein Fernrohr, einen türkischen Teppich, ein Lustzelt und schließlich drei gesattelte Reitpferde zieht. Als Schlemihl sich ungesehen von der ihn nicht beachtenden Gesellschaft entfernen will, spricht ihn der sonderbare Mann im grauen Rock höflich an. Er stellte diesem einen merkwürdigen Antrag: Er solle ihm seinen Schatten für Fortunatis Glückssäckel, das stets mit Dukaten gefüllt ist, verkaufen. Nach einiger Überlegung stimmt Schlemihl zu und glaubt, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Ein Goldrausch erfaßt ihn, als das Glückssäckel nicht aufhört, Goldstücke zu spenden.

Die Schattenlosigkeit offenbart sich nun aber als schreckliches Unheil, denn sie schließt Schlemihl gänzlich aus der menschlichen Gesellschaft aus; überall, wo sie bemerkt wird, verfällt er trotz seines ungeheuren Reichtums der Achtung durch die Mitmenschen.

Sein Diener Brendel hilft ihm, sein Leben so einzurichten - des Tages zu schlafen, des Nachts auszugehen, auf allen Seiten Lichter anzuzünden -, daß zunächst seine Schattenlosigkeit nicht bemerkt wird. Als Graf Peter gewinnt Schlemihl die Liebe der schönen Förstertochter Minna, doch kurz vor der Hochzeit verrät der ehemalige Diener Schlemihls, der Gauner Rascal, der sích durch Schlemihls Großzügigkeit bereichert hat, Minna das Geheimnis, weil er selbst um sie freit. So muß Schlemihl wieder fliehen.

Nach Jahresfrist erscheint, wie vereinbart, der Mann mit dem grauen Rock wieder, um ihm zu helfen. Er ist bereit, Schlemihl den Schatten zurückzugeben - doch nur, wenn dieser ihm dafür, mit Blut seine Seele verschreibt. Bei einer späteren Begegnung zieht der graue Mann gar die Gestalt eines Verdammten aus seinem Rock. Mit Entsetzen erkennt Schlemihl im Grauen den Teufel, dem auch Thomas John seine Reichtümer verdankt. Entschlossen wirft Schlemihl jetzt das Glückssäckel in einen Abgrund und beschwört den Unheimlichen, sich hinwegzuheben.

            Durch einen Zufall wird ihm die Schattenlosigkeit zum Segen: Ein Paar alter Wanderschuhe, die er von dem Rest seiner Habe kauft, entpuppen sich als Siebenmeilenstiefel. Mit ihnen zieht er kreuz und quer durch die Welt und widmet sich ganz der Erforschung der Natur, die ihm für immer die menschliche Gesellschaft entbehrlich macht. Zum Nutzen der gesamten Menschheit legt er seine einzigartigen Erfahrungen und Beobachtungen schriftlich nieder.

"Peter Schlemihls wundersame Geschichte" entstand im Jahre 1813 in der Stille des Gutes Kunersdorf, wohin Chamisso von Freunden eingeladen worden war. Die Buchausgabe erschien jedoch erst 1814 in Nürnberg.

Auf einer Reise hatte Chamisso neben seinem Mantelsack zahlreiche Kleidungsstücke verloren. Eine scherzhafte Frage Fouques, ob er nicht auch um seinen Schatten gekommen war, veranlaßte ihn, ein solches Unglück weiter auszumalen, und gab ihm das Motiv der Erzählung. Für seine botanischen Studien wünschte sich der Dichter schon lange Siebenmeilenstiefel, und aus Lafontaine kannte er schließlich die Gestalt eines Mannes, der alles aus seiner Tasche zieht, was gewünscht wird.

Chamisso erzählt von dem Mann, der für einen unerschöpflichen Beutel voll Gold seinen Schatten an den Teufel verkauft und dadurch unglücklich wird, denn die Menschen mißtrauen ihm jetzt und meiden ihn. "Ordentliche Leute pflegten ihren Schatten mit sich zu nehmen, wenn sie in die Sonne gingen." Bald schon merkt er, daß er einen Fehler gemacht hat. Der Mann erscheint wieder und bietet ihm die Rückgabe des Schattens für seine Seele an. Peter Schlemihl schlägt das Angebot aus, wirft das Glückssäcklein weg und findet Siebenmeilenstiefel, mit denen er die Welt durcheilt, bis er zur Ruhe kommt.

"Ich fiel in stummer Andacht auf meine Knie und vergoß Tränen des Dankes - denn klar stand plötzlich meine Zukunft vor meiner Seele. Durch frühe Schuld von der menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen, ward ich zum Ersatz an die Natur, die ich stets geliebt, gewiesen, die Erde mir zu einem reichen Garten gegeben, das Studium zur Richtung und Kraft meines Lebens, zu ihrem Ziel die Wissenschaft. Es war nicht ein Entschluß, den ich faßte. Ich habe nur seitdem, was da hell und vollendet im Urbild vor mein inneres Auge trat, getreu mit stillem, strengem, unausgesetztem Fleiß darzustellen gesucht, und meine Selbstzufriedenheit hat von dem Zusammenfallen des Dargestellten mit dem Urbild abgehangen." [S. 71]

Chamisso verwendet in seiner im 19. Jahrhundert weltberühmt gewordenen Erzählung eine Fülle alter Sagen- und Märchenmotive. Der Name der Hauptperson erklärt Chamisso in einem Brief an seinen Bruder: Er ist hebräischen Ursprungs und bedeutet nach der eigenen Erklärung des Dichters Gottlieb, Theophil. Dies ist in der gewöhnlichen Sprache der Juden die Benennung von ungeschickten oder unglücklichen Leuten An den Namen Theophilus knüpft sich aber auch die alte Sage vom Pakt mit dem Teufel, die Chamisso in seiner Erzählung abwandelt. Das Motiv des Mannes, der alles aus seiner Rocktasche zieht, ist von La Fontaine übernommen.

Vordringlichstes und tragendes Motiv in "Peter Schlemihls wundersamen Geschichte" ist der Verlust des Schattens. Die Romantiker, die psychologische und physikalische Erscheinungen gern in Verbindung brachten, verstanden diesen Mangel so, daß ein Mensch ohne Schatten lichtdurchlässig sei wie ganz helles Glas, das theoretisch ja auch keinen Schatten werfen darf. Solche Durchlässigkeit bedeutet zugleich Undichtigkeit: die Substanz des Menschen ist angegriffen, zersetzt, nicht im rechten Verhältnis zu sich selber; denn es gehört zum Menschen, für Licht undurchlässig zu sein, einen schönen und möglichst scharfen Schatten zu werfen. Der Schattenlose ist füglich ein Phantom, zerrinnender Trug. Verwandt ist der romantische Doppelgänger: sobald es zwei Menschen von genau gleicher Beschaffenheit gibt, ist der Sinn der Persönlichkeit als unersetzliches Einzelwesen dahin, man steht in einer Reihe; man kann fragen: bin ich es selber noch oder Wind, Schatten, Welle? Ist man ohne Schatten überhaupt etwas, oder geht das Licht hindurch wie durch Nichts? Unablässig stellte der Romantiker diese Fragen, weil er sich ständig mit sich selber beschäftigte, statt mit den Dingen.                                                                                                  (Hohoff Curt)


Schlemihls wundersame Mär ist aber kein reines Märchen; das Märchenhafte ist im Grunde ein zum Leitmotiv verdünnter Strang der realistischen Erzählungen. Zudem ist die magische Welt im Schlemihl des Teufels, dem der Unselige seinen Schatten aus Geldgier überläßt. Sein Schattenverlust ist also sichtbares Zeichen für einen moralischen Mangel: Chamisso verstand die Undichtigkeit, die das Licht durchläßt, als Charakterschwäche.

Was Schlemihl als das scheinbar Unwesentlichste verkauft, seinen bloßen Schatten, das erweist sich in Wahrheit als die verhängnisvollste Wirklichkeit, als das, was gerade für die bürgerliche Existenz am allerletzten entbehrt werden kann und durch kein Geld der Welt zu ersetzen ist. Seine Gestalt wirft keinen Schatten und was er ist, ist "bloß ein Mensch mit einer Seele, aber ohne bürgerliche Wirklichkeit."

Denn so gewaltig auch die Macht des Geldes ist, mit dem er nach allen Seiten um sich wirft, noch gewaltiger erweist sich seltsamerweise die Macht der Unwägbarkeiten, die den Menschen erst zum vollgewichtigen Gesellschaftswesen machen.

Das Schattensymbol in dieser Geschichte ist durch die autobiographischen Bezüge vielseitig deutbar. Es umfaßt auch die romantisch - bindungslose Künstlerexistenz, die Heimatlosigkeit des Emigrierten, die Existenzängste einer Krisenzeit. Der Schatten ist zum Symbol aller bürgerlichen Solidität und menschlichen Zugehörigkeit geworden. Er ist mit dem Geld zusammen genannt, als das, was man zu verehren habe, wenn man unter den Menschen leben wolle, und dessen man sich nur entschlagen möge, wenn man ausschließlich sich und seinem besseren Selbst zu leben gewillt sei. Den Bürgern gilt der ironische Zuruf: "Songez au solide!".

Aber Ironie heißt fast immer, aus einer Not eine Überlegenheit machen. Das ganze Büchlein, das nichts als eine tief erlebte Schilderung der Leiden eines Gezeichneten und Ausgeschlossenen ist, beweist, daß der Junge Chamisso den Wert eines gesunden Schattens schmerzlich zu würdigen wußte.

Das Märchen von dem verlorenen Schatten wird in die gegenwärtige Wirklichkeit des Dichters versetzt. Das Groteske wird zum Indiz des Wunderbaren auch dann, wenn die Verwandlung des Wirklichen ins Märchen von der Einbildungskraft nicht mehr geleistet werden kann. Peter Schlemihls Preisgabe seiner Traumwelt und seiner bürgerlichen Existenz, seine Emigration in die Natur wird zum Sinnzeichen für Chamissos vorübergehende Flucht aus der Zeit.

Das Kunstmärchen verlockt zu einem freien Spiel der Phantasie, das sich jeder Deutung entzieht. So sind Tarnkappe und Vogelnest im Schlemihl ein reines Spiel mit Märchenmotiven, die zwar organisch in den Handlungsablauf eingegliedert, doch keine deutbaren Symbole sind. Die für das Handlungsgeschehen entscheidenden Märchenmotive sind der verlorene Schatten, das Glückssäckel und die Siebenmeilenstiefel. Alles andere ist Beiwerk, es verdeutlicht entweder Schlemihls besondere Lage oder ist nur bloßes Spiel mit den Märchenelementen.

Herkömmliche Märchenrequisiten, deren der Dichter sich bediente, werden unbedenklich und mit entwaffnender Selbstverständlichkeit in eine bürgerliche Wirklichkeitswelt gestellt. Ein probates Hilfsmittel sind die Siebenmeilenstiefel, die nicht in ein romantisches Wunderland, sondern in die wirklichste der geographisch bestimmbaren Wirklichkeiten führen. Durch sie wird auch gegen Ende des Buches die ganze Welt zum Schauplatz der Geschehnisse.

Das Phantastische wird bis in die eigenste Substanz modifiziert und so wird ein Übergewicht der Wirklichkeit geschaffen.

Das tragende Motiv in Peter Schlemihls Geschichte ist der Verlust des Schattens, was gleichzusetzen ist mit der Loslösung aus den menschlichen Gemeinschaftsformen und ihren Werten.

Der Mensch braucht zu seiner Entfaltung die äußeren und inneren Lebensgüter.

Auch wenn die Werte und Lebensformen der menschlichen Gemeinschaften einem steten Wandel unterworfen sind, so bleibt doch, daß unsere Persönlichkeit sich nur durch immer stärkeres Hineinwachsen in die verschiedenen Gemeinschaften bilden kann und der Verlust aller Beziehungen zugleich den Verlust der Individualität und Persönlichkeit bedeutet.

Ich meine, daß in dieser Geschichte Lebensfragen aufgegriffen werden, die auch in der heutigen Zeit für Jugendliche aktuell sind.

Quellen:

·     Adelbert von Chamisso: "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" (Reclam)

·     G. Rainer, N. Kern, E. Rainer: "Stichwort Literatur" (Veritas)

·     Wolf Wucherpfennig: "Von den Anfängen bis zur Gegenwart" (Klett)

·     Heinrich Pleticha: "dtv junior Literatur - Lexikon" (dtv)










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