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LK Deutsch Jgst 12.2

Materialiensammlung:

Reisen im Spiegel der Literatur

Johann Wolfgang von Goethe       Italienische Reise

Vorbemerkung:

An der Biographie Goethes läßt es sich besonders gut ablesen, welche Bedeutung die Antike für die Klassik hatte. Goethe hatte schon lange den Wunsch gehegt, Italien kennenzulernen, als er im September 1786, ohne seine Umgebung zu informieren, zu seiner Reise nach Italien. Neben der Italiensehnsucht war wohl auch die Unzufriedenheit mit seiner bisherigen Tätigkeit in der Weimarer Staatsverwaltung ein Motiv für seinen Entschluß. Die Reise fühlte ihn über die Alpen nach Trient, Vicenza, Venedig, Padua und über Mittelitalien (Perugia, Assisi) nach Rom, wo er am 29. Oktober ankam. Am 22. Februar 1787 reiste er nach Neapel, am 29. März nach Sizilien weiter; am 7. Juni 1787 kehrte er nach Rom zurück.

Auf seiner Rückreise nach Deutschland (April bis Juni 1788) lernte er vor allem noch Florenz und Mailand kennen.

Erst 1813/14 begann Goethe, die Erfahrungen der ,,italienischen Reise' im Überblick darzustellen; er stützte sich dabei u.a. auf Notizbücher, Briefe und ein Reisejournal aus der Zeit seines Aufenthaltes in Italien. ,,Es handelt sich also bei der Veröffentlichung der , Italienischen Reise' weniger um eine Neuschöpfung als um eine Redaktion' (H. v. Einem).

Gerade aber der zeitliche Abstand, der zwischen der kunstvollen Komposition dieses Werkes und der Reise selbst liegt, läßt erkennen, welche Bedeutung die Italienreise für Goethe über das unmittelbare Erlebnis hinaus hatte.

Reiseerfahrungen

Johann Wolfgang Goethe (1749-1832): Italienische Reise [Auszug)

[] Rom, den 1. November 1786

Endlich kann ich den Mund auftun und meine Freunde mit Frohsinn begrüßen. Verziehen sei mir das Geheimnis und die gleichsam unterirdische Reise hierher. Kaum wagte ich mir selbst zu sagen, wohin ich ging, selbst unterwegs fürchtete ich noch, und nur unter der Porta del Popele war ich mir gewiß, Rom zu haben.

Und laßt mich nun auch sagen, daß ich tausendmal, ja beständig eurer gedenke in der Nähe der Gegenstände, die ich allein zu sehen niemals glaubte. Nur da ich jedermann mit Leib und Seele in Norden gefesselt, alle Anmutung nach diesen Gegenden verschwunden sah, könnte ich mich entschließen, einen langen, einsamen Weg zu machen und den Mittelpunkt zu suchen, nach dem mich ein unwiderstehliches Bedürfnis hinzog. Ja, die letzten Jahre wurde es eine Art von Krankheit, von der mich nur der Anblick und die Gegenwart heilen konnte. Jetzt darf ich es gestehen; zuletzt dürft' ich kein lateinisch Buch mehr ansehen, keine Zeichnung einer italienischen Gegend. Die Begierde, dieses Land zu sehen, war überreif: da sie befriedigt ist, werden mir Freunde und Vaterland erst wieder recht aus dem Grunde lieb und die Rückkehr wünschenswert, ja um desto wünschenswerter, da ich mit Sicherheit empfinde, daß ich so viele Schätze nicht zu eignem Besitz und Privatgebrauch mitbringe, sondern daß sie mir und andern durchs ganze Leben zur Leitung und Fördernis dienen sollen. [] je 1813/14)

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise [Auszug]

[] In Assisi, Oktober 1786

Ich verließ Perugia an einem herrlichen Morgen und fühlte die Seligkeit, wieder allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schön, der Anblick des Sees höchst erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl eingedrückt. Der Weg ging erst hinab, dann in einem frohen, an beiden Seiten in der Ferne von Hügeln eingefaßten Tale hin, endlich sah ich Assisi liegen.

Aus Palladio und Volkmann wußte ich, daß ein köstlicher Tempel der Minerva, zu Zeiten Augusts gebaut, noch vollkommen erhalten dastehe. Ich verließ bei Madonna del Angelo meinen Vetturin1, der seinen Weg nach Foligno verfolgte, und stieg unter einem starken Wind nach Assisi hinauf, denn ich sehnte mich, durch die für mich so einsame 'Welt eine Fußwanderung anzustellen. Die ungeheueren Substruktionen der babylonisch übereinander getürmten Kirchen, wo der heilige Franziskus ruht, ließ ich links mit Abneigung, denn ich dachte mir, daß darin die Köpfe so wie mein Hauptmannskopf 2 gestempelt würden. Dann fragte ich einen hübschen Jungen nach der Maria della Minerva; er begleitete mich die Stadt hinauf, die an einen Berg gebaut ist. Endlich gelangten wir in die eigentliche alte Stadt, und siehe, das löblichste Werk stand vor meinen Augen, das erste voll ständige Denkmal der alten Zeit, das ich erblickte. Ein bescheidener Tempel, wie er sich für eine so kleine Stadt schickte, und doch so vollkommen, so schön gedacht, daß er überall glänzen würde. Nun vorerst von seiner Stellung! Seitdem ich in Vitmv 3 und Palladio4 gelesen, wie man Städte bauen, Tempel und öffentliche Gebäude stellen i müsse, habe ich einen grollen Respekt vor solchen Dingen. Auch hierin waren die Alten so groß im Natürlichen. Der Tempel steht auf der schönen mittlern Höhe des Berges, wo eben zwei Hügel zusammentreffen, auf dem Platz, der noch jetzt ,,der Platz' heißt.

Dieser steigt selbst ein wenig an, und es kommen auf demselben vier Straßen zusammen, die ein sehr gedrücktes Andreaskreuz machen, zwei von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlich standen zur alten Zeit die Häuser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenüber gebaut, die Aussicht versperren. Denkt man sie weg, so blickte man gegen Mittag in die reichste Gegend, und zugleich würde Minervens Heiligtum von allen Seiten her gesehen. Die Anlage der Straßen mag alt sein; denn sie folgen aus der Gestalt und dem Abhange des Berges. Der Tempel steht nicht in der Mitte des Platzes, aber so J gerichtet, daß er dem von Rom Heraufkommenden verkürzt gar schön sichtbar wird.

Nicht allein das Gebäude sollte man zeichnen, sondern auch die glückliche Stellung.

An der Fassade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch konsequent auch hier der Künstler gehandelt. Die Ordnung ist korinthisch, die Säulenweiten etwas über zwei Madel. Die Säulenfülle und die Platten darunter scheinen auf Piedestalen zu stehen, aber es scheint auch nur; denn der Sockel ist fünfmal durchschnitten, und jedesmal gehen fünf Stufen zwischen den Säulen hinauf, da man denn auf die Fläche gelangt, worauf eigentlich die Säulen stehen, und von welcher man auch in den Tempel hineingeht. Das Wagstück, den Sockel zu durchschneiden, war hier am rechten Platte, denn da der Tempel am Berge liegt, so hätte die Treppe, die zu ihm hinaufführte, vielzu weit vorgelegt werden müssen und würde den Platz verengt haben. Wieviel Stufen noch unterhalb gelegen, läßt sich nicht bestimmen; sie sind außer wenigen verschüttet und zu gepflastert.

Ungern riß ich mich von dem Anblick los und nahm mir vor, alle Architekten auf dieses Gebäude aufmerksam zu machen, damit uns ein genauer Riß davon zukäme []

(e 1813/14)

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise (Auszug)

Neapel, Dienstag, den 20. Mai 1787.

Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die, für Neapel unsichthar, nach Ottajano hinunterfließt, reizte mich, zum dritten Male den Vesuv zu besuchen. Kaum war ich am Fuße desselben aus meinem zweirädrigen, einpferdigen Fuhrwerk gesprungen, so zeigten sich schon jene beiden Führer, die uns früher hinaufbegleitet hatten. Ich wollte Leinen missen und nahm den einen aus Gewohnheit und Dankbarkeit, den andern aus Vertrauen, beide der mehreren Bequemlichkeit wegen mit mir.

Auf die Höhe gelangt, blieb der eine bei den Mänteln und Viktualien, der jüngere folgte mir, und wir gingen mutig auf einen ungeheuren Dampf los, der unterhalb des Kegelschlundes aus dem Berge brach; sodann schritten wir an der selben Seite her gelind hinabwärts, bis wir endlich unter klarem Himmel aus dem wilden Dampfgewolke die Lava hervorquellen sahen.

Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das Eigentümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen. Die Lava war schmal, vielleicht  nicht breiter als zehn Fuß, allein die Art, wie sie eine sanfte, ziemlich ebene Fläche hinabfloß, war auffallend genug; denn indem sie während des Fortfließens; an den Seiten und an der Oberfläche verkühlt, so bildet sich ein Kanal, der sich immer erhöht, weil das geschmolzene Material auch unterhalb des Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberfläche schwimmenden Schlacken rechts und links gleichförmig hinunterwirft, wodurch sich denn nach und nach ein Damm erhöht, auf welchem der Glutstrom ruhig fortfließt wie ein Mühlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhöhten Damme her, die Schlacken rollten regelmäßig an den Seiten herunter bis zu unsren Füßen. Durch einige Lücken des Kanals konnten wir den Glutstrom von unten sehen und, wie er weiter hinabfloß, ihn von oben beobachten.

Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdüstert, nur ein mäßiger Rauch stieg in die reine Luft. Ich hatte Verlangen, mich dem Punkte zu nähern, wo sie aus dem Berge bricht; dort sollte sie, wie mein Führer versicherte, sogleich Gewölb und Dach über sich her bilden, auf welchem er öfters gestanden habe. Auch dieses zu sehen und zu erfahren, stiegen wir den Berg wieder hinauf, um jenem Punkte von hintenher beizukommen.

Glücklicherweise fanden wir die Stelle durch einen lebhaften Windzug enthüllt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der Dampf aus tausend Ritzen, und nun standen wir wirklich auf der breiartig gewundenen, erstarrten Decke, die sich aber so weit vorwärts erstreckte, daß wir die Lava nicht konnten herausquellen sehen.

Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward immer glühender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein unüberwindlicher Qualm. Der vorausgegangene Führer kehrte bald um, ergriff mich, und wir entwanden uns diesem Höllenstrudel.

Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Weine gelabt, gingen wir umher, noch andere Zufälligkeiten dieses mitten im Paradies aufgetürmten Höllengipfels zu beobachten. Einige Schlünde, die als vulkanische Essen keinen Rauch, aber eine glühende Luft fortwährend gewaltsam ausstoßen, betrachtete ich weiter mit Aufmerksamkeit. Ich sah sie durchaus mit einem tropfsteinartigen Material tapeziert, welches zitzen- und zapfenartig die Schlünde bis oben bekleidete. Bei der Ungleichheit der Essen fanden sich mehrere dieser herabhängenden Dunstprodukte ziemlich ich zur Hand, so daß wir sie mit unsern Stäben und einigen hakenartigen Vorrichtungen gar wohl gewinnen konnten. Bei dem Lavahändler hatte ich schon dergleichen Exemplare unter der Rubrik der wirklichen Laven gefunden, und ich freute mich, entdeckt zu haben, daß es vulkanischer Ruß sei, abgesetzt aus den heißen Schwaden, die darin enthaltenen verflüchtigten mineralischen Teile offenbarend.

[]

(e 1813/14)

Johann Wolfgang Goethe: Italienische Reise (Auszug)

[] Den 10. November 1786.

Ich lebe nun hier mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange Lein Gefühl hatte.

Meine Übung, alle Dinge, wie sie sind, zu sehen und abzulesen, meine Treue, das Augenlicht sein zu lassen, meine völlige Entäußerung von aller Prätention kommen mir einmal wieder recht zustatten und machen mich im stillen höchst glücklich. Alle Tage ein neuer merkwürdiger Gegenstand, täglich frische, große, seltsame Bilder und ein Ganzes, das man sich lange denkt und träumt, nie mit der Einbildungskraft erreicht.

Heute war ich bei der Pyramide des Cestius und abends auf dem Palatin, oben auf den Ruinen der Kaiserpaläste, die wie Felsenwände dastehn. Hiervon läßt sich nun freilich nichts überliefern! Wahrlich, es gibt hier nichts Kleines, wenn auch wohl hier und da etwa; Scheltenswertes und Abgeschmacktes; doch auch ein solches hat teil an der allgemeinen Großheit genommen.

Kehr' ich nun in mich selbst zurück, wie man doch so gern tut bei jeder Gelegenheit, so entdecke ich ein Gefühl, das mich unendlich freut, ja, das ich sogar auszusprechen 15 wage. Wer sich mit Ernst hier umsieht und Augen hat zu sehen, muß solid werden, er muß einen Begriff von Solidität fassen, der ihm nie so lebendig ward.

Der Geist wird zur Tüchtigkeit gestempelt, gelangt zu einem Ernst ohne Trockenheit, zu einem gesetzten Wesen mit Freude. Mir wenigstens ist es, als wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschätzt hätte als hier. Ich freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben.

Und so laßt mich aufraffen, wie es kommen will, die Ordnung wird sich geben. Ich bin nicht hier, um nach meiner Art zu genießen; befleißigen will ich mich der großen Gegenstände, lernen und mich ausbilden, ehe ich vierzig Jahre alt werde. []

(e 1813/14)

1 Vertunin: Wagenfahrer, Kutscher

2 Anspielung auf eine Bekanntschaft, die Goethe kurz vor seiner Ankunft in Assisi gemacht hat

3 Vitruv, eigentl. Vitruvius Polli: De architectura (um 25 v. Chr.)

4 Andrea Palladio (1508-1580): ital. Baumeister

5 Prätention: Anspruch, Anmaßung

Johann Gottfried Seume    Spaziergang nach Syrakus

ROM

Nun bin ich wieder hier in dem Sitz der heiligen Kirche, aber nicht in ihrem Schoße. Wie Schade das ist; ich habe so viel Ansatz und Neigung zur Katholizität, würde mich so gern auch an ein Oberhaupt in geistlichen Dingen halten, wenn nur die Leute etwas leidlicher, ordentlich und venünftig wären. Meiner ist der Katholizismus der Venunft, der allgemeinen Gerechtigkeit, der Freiheit und Humanität; und der ihrige ist die Nebelkappe der Vorurteile, der Privilegien, des eisernen Gewissenszwanges. Ich hoffte, wir würden einst zusammenkommen; aber seit Bonapartes Bekehrung habe ich für mich die Hoffnung sinken lassen. Dank sei es der Frömmelei und dem Mamelukengeist des großen französischen Bannerherrn, die Römer haben nun wieder Überfluß an Kirchen, Mönchen, Banditen. Er hat uns zum wenigsten wieder einige hundert Jahre zurückgeworfen. Homo sum - sagt Terenz; sonst könntest Du leicht fragen, was mich das Zeug anginge. Aber ich will den Faden meiner Wanderschaft wieder aufnehmen.

Den letzten Tag in Neapel besuchte ich noch den Agnano und die Hundsgrotte. Schon Füger in Wien hatte mich gewarnt, ich möchte mich dort in Acht nehmen: allein im Mai, dachte ich, hat so ein Spaziergang wohl nichts zu sagen. Der Morgen war drückend schwül, und über der Solfatara und dem Kamaldulenser Berge hingen Gewitterwolken. Alles ist bekannt genug; ich wollte nur aus Neugier das Lokale sehen und weiter keinen Hund auf die Folter setzen. Nachdem ich aber ungefähr ein Stündchen am See herumgewandelt war und mir die Lage besehen hatte, ward mir der Kopf auf einmal sonderbar dumpf und schwer, und ich eilte, daß ich durch die Bergschlucht wieder heraus kam. Es war ein eigenes furchtbares Gefühl, als ob sich alle flüssigen Teile mischten und die festen sich auflösen wollten. So wie ich mich von der Gegend entfernte, kehrte mein heller Sinn zurück, und es blieb mir nur eine gewisse Schwere und Müdigkeit von der Wärme. Eine eigene Erscheinung in meinem Physischen war es mir indessen, als ich gleich nachher in einem Wirtshause nicht weit von Posilippo aß, daß ich mir an einer eben nicht harten Kastanie auf einmal drei Zähne bis fast zum Ausfallen locker biß. Der Agnano und die Hundsgrotte kosten dich ein wenig zu viel, dachte ich, und tat schon Verzicht auf meine drei Vorderzähne. Aber Veränderung der Luft und etwas Schonung haben sie bis auf einen wieder ziemlich festgemacht; und dieser wird sich hoffentlich auch wieder erholen.

Will er nicht, nun so will ich ihn der Hundsgrotte opfern.

Von Rom nach Neapel war ich zu Fuße gegangen: von Neapel nach Rom fuhr ich der Schnelligkeit wegen mit dem neapolitanischen Kourier. Noch die Nacht fuhrn wir über Aversa nach Kapua, und den Tag von Kapua nach Terracina. Anstatt einer attellanischen Fabel erzählte man uns in Aversa als wahre Geschichte, daß eben die Räuber vom Berge heruntergekommen wären und einen armen Teufel um sechszig Piaster erschlagen hätten. In Fondi stahl ich mich mit etwas bösem Gewissen voraus, weil ich dem Herrn Zolleinnehmer nicht gern in die Hände fallen wollte. Dieser Herr hatte nämlich auf meiner Hinreise einen sehr großen Gefallen an meinem Seehundstornister bekommen, wollte ihn durchaus haben, und bot mir bis zu drei goldnen Unzen darauf. Ich wollte ihn nicht missen, hatte seiner Zudringlichkeit aber doch einige Hoffnung gemacht, wenn ich zurückkäme: und jetzt wollte ich ihn ebensowenig missen. Wer bringt nicht gern Haut und Fell und alles wieder heil mit sich zurück? Durch die Pontinen ging es diesmal die Nacht, welches ich sehr wohl zufrieden war. Der Morgen graute, als wir in Veletri eintrafen. Nun kam aber eine echt italienische Stelle, über der ich leicht hätte den Hals brechen können. Ich habe die Gewohnheit, beständig vorauszulaufen, wo ich kann. Zwischen Gensano und Aricia ist eine schöne Waldgegend, durch welche die Straße geht. Oben am Berge bat der Postilion, wir möchten aussteigen, weil er vermutlich den Hemmschuh einlegen wollte, und am Wagen etwas zu hämmern hatte. Der Offizier blieb bei seinen Depeschen am Wagen, und ich schlenderte leicht und unbefangen den Berg hinunter in den Wald hinein, und dachte, wie ich Freund Reinhart in Aricia überraschen würde, der jetzt daselbst sein wollte. Ungefähr sieben Minuten mochte ich so formgewandelt sein, da stürzten links aus dem Gebüsche vier Kerle auf mich zu. Ihre Botschaft erklärte sich sogleich. Einer faßte mich bei der Krause, und setzte mir den Dolch an die Kehle; der andere am Arm, und setzte mir den Dolch auf die Brust; die beiden übrigen blieben dispositionsmäßig in einer kleinen Entfernung mit aufgezogenen Karabinern. In der Bestürzung sagte ich halb unwillkürlich auf Deutsch zu ihnen: Ei so nehmt denn ins Teufels Namen alles, was ich habe! Da machte einer eine doppelt gräßliche Pantomime mit Gesicht und Dolch, um mir zu verstehen zu geben, man würde stoßen und schießen, sobald ich noch eine Silbe spräche. Ich schwieg also. In Eile nahmen sie mir nun die Börse und etwas kleines Geld aus den Westentaschen, welches beides zusammen sich vielleicht auf sieben Piaster belief. Nun zogen sie mich mit der vehementesten Gewalt nach dem Gebüsche, und die Karabiner suchten mir durch richtige Schwenkung Willigkeit einzuflößen.

Ich machte mich bloß so schwer als möglich, da weiter tätigen Widerstand zu tun der gewisse Tod gewesen wäre: man zerriß mir in der Anstrengung Weste und Hemd. Vermutlich wollte man mich dort im Busche gemächlich durchsuchen und ausziehen, und dann mit mir tun, was man für gut linden würde. Sind die Herren sicher, so lassen sie das Opfer laufen; sind sie das nicht, so geben sie einen Schuß oder Stich, und die Toten sprechen nicht. In diesem kritischen Momente, denn das Ganze dauerte vielleicht kaum eine Minute, hörte man den Wagen von oben herabrollen und auch Stimmen von unten: sie ließen mich also los, und nahmen die Flucht in den Wald. Ich ging etwas verblüfft meinen Weg fort, ohne jemand zu erwarten. Die Uhr saß, wie in Sizilien, tief( und das Taschenbuch stak unter dem Arme in einem Rocksacke: beides wurde also in der Geschwindigkeit nicht gefunden. Die Kerle sahen gräßlich aus, wie ihr Handwerk; keiner war, nach meiner Taxe, unter zwanzig, und keiner über dreißig. Sie hatten sich gemalt, und trugen falsche Bärte; ein Beweis, daß sie aus der Gegend waren, und Entdeckung fürchteten. Reinhart traf ich in Aricia nicht; er war noch in Rom. So hätte ich wohl noch leicht in der schönen klassischen Gegend bleiben können. Dort spielt ein Teil der Aeneide, und nach aller Topographie bezahlten daselbst Nisus und Euryalus ihre jugendliche Unbesonnenheit: nicht eben, daß sie gingen, sondern daß sie unterwegs so alberne Streiche machten, die kein preußischer Rekrut machen würde. Wer wird einen schön polierten, glänzenden Helm bei Mondschein aufsetzen, um versteckt zu bleiben? Herr Virgil hat sie, vermutlich bloß der schönen Episode wegen, so ganz unüberlegt handeln lassen.

Hier in Rom brachte man mir die tröstliche Nachricht, daß zwei von den Schurken, die mich in dem Walde geplündert hätten, erwischt wären, und daß ich vielleicht noch das Vergnügen haben würde, sie hängen zu sehen. Dawider habe ich weiter nichts, als daß es bei der jetzigen ungeheuern Unordnung der Dinge sehr wenig helfen wird. Ich habe hier etwas von einem Manuskript gesehen, das in kurzem in Deutschland, wenn ich nicht irre, bei Perthes, gedruckt werden soll, und das ein Gemälde vom jetzigen Rom enthält. Du wirst Dich wundem, wenn ich Dir sage, daß fast alles darin noch sehr sanft gezeichnet ist. Der Mann kann auf alle Fälle kompetenter Beurteiler sein; denn er ist lange hier, ist ein freier, unbefangener, kenntnisvoller Mann, bei dem Herz und Kopf gehörig im Gleichgewicht stehen. Die Hierarchie wird wieder in ihrer größten Ausdehnung eingerührt; und was das Volk eben jetzt darunter leiden müsse, kannst Du berechnen. Die Klöster nehmen alle ihre Güter mit Strenge wieder in Besitz, die eingezogenen Kirchen werden wieder geheiligt, und alle Prälaten behaupten fürs allererste wieder ihren alten Glanz. Da mästen sich wieder die Mönche, und wer bekümmert sich darum, daß das Volk hungert? Die Straßen sind nicht allein mit Bettlern bedeckt, sondern diese Bettler sterben wirklich daselbst vor Hunger und Elend. Ich weiß, daß bei meinem Hiersein an einem Tage fünf bis sechs Personen vor Hunger gestorben sind. Ich selbst habe Einige niederfallen und sterben sehen. Rührt dieses das geistliche Mastheer? Der Ausdruck ist empörend, aber nicht mehr als die Wahrheit. Jedes Wort ist an seiner Stelle gut, denke und sage ich mit dem Alten. Als die Leiche Pius des Sechsten prächtig eingebracht wurde, damit die Exequien noch prächtiger gehalten werden könnten, erhob sich selbst aus dem gläubigen Gedränge ein Fünkchen Vernunft in dem dumpfen Gemurmel, daß man so viel Lärm und Kosten mit einem Toten mache, und die Lebendigen im Elende verhungern lasse. Rom ist oft die Kloake der Menschheit gewesen, aber vielleicht nie mehr als jetzt. Es ist keine Ordnung, keine Justiz, keine Polizei; auf dem Lande noch weniger als in der Stadt:

und wenn die Menschheit nicht noch tiefer gesunken ist, als sie wirklich liegt, so kommt es bloß daher, weil man das Göttliche in der Natur durch die größte Unvernunft nicht ganz ausrotten kann.

Du kannst denken, mit welcher Stimmung ein vernünftiger Philanthrop sich hier umsieht. Ich hatte mich mit einer bittern Philippika gerüstet, als ich wieder zu Borgia gehen wollte. Nil valent apud Vos leges, nil justitia, nil boni moros; saginantur sacerdotes, perit plebs, caecutit populus; vilipenditur quodcunque est homini sanctum, honestas, modestia, omnis virtus. Infimus et improbissimus quisque cum arrris per oppida et agros praedabundus incedit, furatur, rapit, trucidat, jugulat, incendia miscet. Haec est illa religio scilicet, auctoris ignominia, rationis opprobrium, qua Vos homines liberos et viros fortes adservitia et Iatranes detrudere conamini. *

So gor es, und ich versichere Dich, Freund, es ist keine Silbe Redekunst dabei. Aber gesetzt auch, ein Kardinal hätte das so hingenommen, warum sollte ich dem alten, guten, ehrlichen Manne Herzklopfen machen? Es hilft nichts; das liegt schon im System. Man wird schon Palliativen finden; aber an Heilung ist nicht zu denken. Die Herren sind immer klug wie die Schlangen; weiter gehen sie im Evangelium nicht. Die neuesten Beweise davon kannst Du in Florenz und Paris sehen. Ich ging gar nicht zu Borgia, weil ich meiner eigenen Klugheit nicht traute.

Überdies hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit zurück.

Die römischen Vornehmen haben einen ganzen Haufen Bedienten im Hause und geben nur schlechten Sold. Jeder Fremde, der nur die geringste Höflichkeit vom Herrn empfängt, wird dafür von der Valetaille in Anspruch genommen. Das hatte ich erfahren.

Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich nicht weniger als einen Piaster geben; und so viel wollte ich für den Papst und sein ganzes Kollegium nicht mehr in Auslage sein.

Ich will das Betragen der Franzosen hier und in ganz Unteritalien nicht rechtfertigen: aber dadurch, daß sie die Sache wieder aufgegeben haben, ist die Menschheit in unsägliches Elend zurückgefallen. Ich weiß, was darüber gesagt werden kann, und von wie vielen Seiten alles betrachtet werden muß: aber wenn man schlecht angefangen hat, so hat man noch schlechter geendiget; das Zeugnis wird mit Zähneknirschen jeder rechtliche Römer und Neapolitaner geben. Geschichte kann ich hier nicht schreiben. Durch ihren unbedingten, nicht notwendigen Abzug ist die schrecklichste Anarchie entstanden. Die Heerstraßen sind voll Räuber; die niederträchtigsten Bösewichter ziehen bewaffnet im Lande herum. Bloß während meiner kurzen Anwesenheit in Rom sind drei Kouriere geplündert und fünf Dragoner von der Begleitung erschossen worden. Niemand wagt es mehr, etwas mit der Post zu geben.

Der französische General ließ wegen vieler Ungebühr ein altes Gesetz schärfen, das den Dolchträgern den Tod bestimmt, und ließ eine Anzahl Verbrecher vor dem Volkstore wirklich niederschießen. Die Härte war Wohltat; nun war Sicherheit. Jetzt trägt jedermann wieder seinen Dolch und braucht ihn. Die Kardinäle sind immer noch in dem schändlichen Kredit als Beschützer der Verbrecher. Man erzählt jetzt noch Beispiele mit allen Namen und Umständen, daß sie Mörder in ihren Wagen aus der Stadt in Sicherheit bringen lassen. Über öffentliche Armenanstalten bei den Katholiken ist schon viel gesagt. Rom war auch in dieser Rücksicht die Metropolis. Jetzt sind durch die Revolution fast alle öffentliche Armenfonds wie ausgeplündert, und die Not ist vor der Ernte unter der ganz armen Klasse schrecklich. In ganz Marino und Albano ist keine öffentliche Schule, also keine Sorge für Erziehung; in Rom ist sie schlecht. Der Kirchenstaat ist eine Öde rund um Rom herum, deswegen erlaubt aber kein Güterbesitzer, daß man auf seimen Grunde arbeite. Das Feudalrecht könnte in Gefahr geraten. Wenn er nicht geradezu hungert, was geht ihn die Hefen des Romulus an? Die Möncherei kommt wieder in ihren krassesten Flor, und man erzählt sich wieder ganz neue Bubenstücke der

Kuttenträger, die der Schande der finstersten Zeiten gleich kommen. Man sagt wohl, Italien sei ein Paradies von Teufeln bewohnt: das heißt der menschlichen Natur Hohn gesprochen. Der Italiener ist ein edler, herrlicher Mensch; aber seine Regenten sind Mönche oder Mönchsknechte; die meisten sind Väter ohne Kinder: das ist Erklärung genug. Überdies ist es der Sitz der Vergebung der Sünde.

Ich will nur machen, daß ich hinauskomme, sonst denkst Du, daß ich beißig und bösartig geworden bin. Die Partien rundherum sind ohne mich bekannt genug: ich habe die meisten, allein und in Gesellschaft, in der schönsten Jahreszeit genossen. Man kann hier sein und sich wohl befinden, nur muß man die Humanität zu Hause lassen.[]

Neapel []

In Salerne, wo ich seh zeitig ankam, wollte ich die Nacht bleiben, und den folgenden Morgen weiterfahren. Ich wandelte also in der Stadt herum, und bald faßte mich ein Geistlicher bei der Krause, der mir alle Herrlichkeiten seiner Vaterstadt zeigte. Die Kathedrale mit ihren Wundem war das erste. Das Bassin am Eingange, von einem einzigen Stücke gearbeitet, ließe sich wirklich auch in Rom noch sehen. Man zeigte mir eine Menge Gräber von alten Erzbischöfen und Salernitaner Advokaten, die den Leuten gewaltig wichtig waren. Einige schöne alte Basreliefs aus Pästum hat man hier und da mit zur Verzierung neuer Monumente gebraucht. Das Merkwürdigste sind mehrere sehr schöne antike Säulen, die man auch aus Pästum geholt hat. Man rührte mich in das Adyton der Krypte des Schutzpatrons, welches Matthäus ist. Hier stand die statua biformis des Heiligen, die einem Janus ziemlich ähnlich sieht. Bei dieser Gelegenheit wurden mir denn alle Wunder erzählt, die der Apostel zum Heile der Stadt gegen die Sarazenen getan hatte. Es läßt sich wohl begreifen, wie das zuging, und wie irgend ein Spruch von ihm und der Enthusiasmus für ihn so viel wirkten, daß die Ungläubigen abziehen mußten. Und nach der alten Rechtsregel, quod quis per alium - kommt ihm dann die Ehre billig zu. Das wissen die Spitzköpfe unter den Herren gar trefflich zu amalgamieren: die Plattköpfe haben es gar nicht nötig, die nehmen es starkgläubig geradezu. Im Hintergrunde der Krypte stehen noch ein Paar weibliche Heftigkeiten, deren Namen ich vergessen habe, deren Blut aber noch beständig fließt. Ich hörte es selbst rauschen und kann es also bezeugen; ich wagte gläubig keine Erklärung des Gaukelspiels. Unter den vielen Narren war auch ein Vernünftiger, der mir vorzüglich die Säulen aus Pästum alle und von allen Seiten in den schönsten Beleuchtungen zeigte: er drückte mir stillschweigend die Hand als ich fortging. Nun brachte man mich noch mit Gewalt in eine andere Kirche, wo eine schöne Kreuzigung weder gemalt noch gehauen noch gegossen, sondern ins Holz gewachsen war. Mit Hilfe einiger Phantasie konnte man wohl so etwas heraus- oder vielmehr hineinbringen; und die Wunder überlasse ich den Gläubigen. Einige wunderten sich, daß ich doch gar nichts aufschriebe, wie andere Reisende; und einer der jungen Herren, die mich begleiteten, sagte zu meinem Lobe, ich wäre von allem hinlänglich unterrichtet und überzeugt. Da sagte er denn in beidem eine große Lüge. Als ich wegging, bat sich mein Hauptführer, der sich, glaube ich, einen Kastellan des Erzbischofs nannte, etwas für die Armen aus; das gab ich: sodann etwas zu einer Seelenmesse für mich; das gab ich auch. Schadet niemand und hilft wohl; man muß die Gläubigen stärken, lautet das Schibolet, das Goethens Reinecke der Fuchs von seiner Frau Mutter bekommt. Dann bat er sich auch noch etwas für seine Mühe aus.

Dazu machte ich endlich ein grämliches Gesicht und zog noch zwei Karlin hervor. Als ich sie ihm hinreichte, schnappte sie ein Profaner weg, der sich einen Korporal nannte, und von dem ich ebenso wenig wußte, wie er zur Gesellschaft, noch wie er in den Dienst der Kirche gekommen war. Darüber entstand Streit zwischen dem Klerikus und dem Laien. Der geistliche Herr sagte mir ins rechte Ohr, daß der Korporal ein liederlicher Säufer wäre; dieser zischelte mir gelegentlich ins linke, das Mönchsgesicht sei ein Gauner und lebe vom Betruge: ich antwortete beiden ganz leise, daß ich das nämliche glaube und es wohl gemerkt habe. Es ist ein heilloses Leben.

Mein Freund, Du suchest in Salerne

Den Menschensinn umsonst mit der Laterne;

Denn zeigt er sich auch nur von ferne,

So eilen Kutten und Kapuzen,

Der heiligen Verfinsterung zum Nutzen,

Zum dümmsten Glauben ihn zu stutzen.

Da löscht man des Verstandes Zunder,

Und mischt mit Pfaffenwitz des Widersinnes Plunder,

Zum Trost der Schurkerei, zum Wunder:

Und jeder Schuft, der fromm dem Himmel schmeichelt,

Und wirklich dumm ist, oder Dummheit heuchelt,

Kniet hin und betet, geht und meuchelt;

Gewiß, Vergebung seiner Sünden

Beim nächsten Plattkopf lästerlich zu finden.

Ich kann mir nicht helfen, Lieber, ich muß es Dir nur gestehen, daß ich den Artikel von der Vergebung der Sünden für einen der verderblichsten halte, den die Halbbildung der Vemunft zum angeblichen Troste der Schwachköpfe nur hat erfinden können. Er ist der schlimmste Anthropomorphismus, den man der Gottheit andichten kann. Es ist kein Gedanke, daß Sünde vergeben werde:

jeder wird wohl mit allen seinen bösen und guten Werken hingehen müssen, wohin ihn seine Natur rührt. Eine mißverstandene Humanität hat den Irrtum zum Unglück des Menschengeschlechts aufgestellt und fortgepflanzt: und nun wickeln sich die Theologen so fein als möglich in Distinktionen herum, welche die Sache durchaus nicht besser machen. Was ein Mensch gefühlt hat, bleibt in Ewigkeit gefehlt; es läßt sich keine einzige Folge einer einzigen Tat aus der Kette der Dinge herausreißen. Die Schwachheiten der Natur sind durch die Natur selbst gegeben, und die Herrscherin Vemunft soll sie durch ihre Stärke zu leiten und zu vermindern suchen. Der Begriff der Verzeihung hindert meistens das Besserwerden. Gehe nur in die Welt, um Dich davon zu überzeugen. Soll vielleicht dieser Trost großen Bösewichtern zu Statten kommen?

Alle Schurken, die sich nicht bessem können, die von Beichte zu Beichte täglich schlechter, weggeworfener und niederträchtiger werden; diese sollen zum Heile der Menschheit verzweifeln. Jeder soll haben, was ihm zukommt. Die Verzweiflung der Bösewichter ist Wohltat für die Welt; sie ist das Opfer, das der Tugend und der Göttlichkeit unserer Natur gebracht wird. Verzweifle, wer sich nicht bessem, sich nicht vernünftig beruhigen kann; die Vergebung der Sünden kann ich nicht begreifen: sie ist ein Widerspruch, gehört zu den Gängelbändern der geistlichen Empirik, damit ja niemand allein gehen lerne. Man darf nur die Länder recht beschauen, wo diese entsetzliche Gnade im größten Umfange und Unfuge regiert; kein rechtlicher Mann ist dort seiner Existenz sicher. Die Geschichte belegt.

Hier in Salerne erhielt ich einen neuen Führer, der mir sehr problematisch aussah. Er machte mich dadurch aufmerksam, daß ich bei ihm außerordentlich sicher sei, weil er alles schlechte Gesindel als freundliche Bekannte grüßte, und meinte, in seiner Gesellschaft könne mir nichts geschehen. Das begriff ich und war ziemlich ruhig, obgleich nicht wegen seiner Ehrlichkeit. Er hätte mich öffentlich in der Stadt übernommen; es galt also seine eigene Sicherheit, mich dahin wieder zurückzuliefern: weiter hätte ich ihm dann nicht trauen mögen. Wir fuhren noch diesen Abend ab, und blieben die Nacht an der Straße in einem einzelnen Wirtshause, wo sich der Weg nach Pästum rechts von der Landstraße nach Eboli und Kalabrien trennt. Diese Landstraße geht von hier aus nur ungefähr noch vierzig Millien; dann fängt sie an sizilianisch zu werden, und ist nur für Maulesel gangbar. Es war herrliches Wetter; der Himmel schien mir an dem schönen Morgen vorzüglich wohl zu wollen: meine Seele ward lebendiger als gewöhnlich. []

Erklärungen:

*Nichts gelten bei Euch die Gesetze, nichts die Gerechtigkeit, nichts gute Gesinnung; die Priester mästen sich, der Pöbel geht zugrunde, das Volk ist blind; für verächtlich gilt alles, was den Mensvhen heilig ist, Ehre, Anstand, jede Tugend. Gerade die Niedrigsten und Nichtswürdigsten gehen in Waffen durch Stadt und Land auf Beute. Dies freilich ist jene Religion, eine Schande gegenüber ihrem Gründer, eine Schmähung der Vernunft, mit der iht versucht, freie Menschen und tapfere Männer in Knechtschaft und Räuberei zu stoßen.

statua biformis:                 Januskopf: Bildnis mit zwei Blickrichtungen

quod quis per alium:                       Sprichwort: vollständig: "Was einer durch einen anderen tut, das gilt , als hätte er es                                                 selbst getan"

Anthropomorphismus:    Vermenschlichung, Vorstellung Gottes  in menschlicher Gestalt

Mamelukengeist:                             Treulosigkeit, Egoismus

Homo sum - sagt Terenz:               vollständig:"Mensch bin ich, nicht Menschliches gilt mir als fremd" Zitat aus einer

                                            Komödie

atellanische Fabel:                          Aufschneiderei, dummes Zeug

Exequien:                                         Trauerfeierlichkeiten für Pius VI

Palliativen:                        Linderungsmittel

Valetaille:                                         Dienstboten

Hefen des Romulus:         Pöbel von Rom

Otto Julius Bierbaum   Eine empfindsame Reise im Automobil

VON TERNI BIS FRASCATI

AN HERRN PROFESSOR FRANZ STUCK IN MÜNCHEN

Rom, den 10. Juni 1902

Lieber Herr Stuck! Ich wollte Ihnen schon gestern schreiben, aber wie es mir bisher nun immer auf dieser schönen Reise gegangen ist, wenn wir in einer großen Stadt ankamen: Mich überfiel eine Erschlaffung. Wir sind durch das tägliche frische Luftbad so verwöhnt, daß die eingesperrte Luft der Städte uns wie Backofentemperatur vorkommt, in der zu leben uns anfänglich unmöglich scheinen will.

Ich weiß nicht, ob es wahr ist, daß Fliegen vor Hitze umfallen, wie man sagt - sicher ist, daß ich hier tatsächlich umgefallen bin und nicht imstande war, die Feder zu rühren.

Das ist kein würdiger Beginn eines römischen Aufenthaltes, und ich schäme mich seiner rechtschaffen.

Aber das kommt davon, wenn Hyperboräer wie ich zu einer Zeit nach Rom fahren, wo selbst die Römer die Stadt verlassen und die meisten Hotels geschlossen werden. Saison morte. Selbst die enge Stadt kennt diesen Begriff.

Nun haben wir heute eine Rundfahrt gemacht, und die hat mich elektrisiert. Hitze hin und Hitze her - in Rom gibt es Dinge, die alles vergessen lassen, selbst 55 Grad Réaunur. Ob ich aber Worte für sie finden werde? Kann man mit wirbelndem Gehirne schreiben? Ich will es versuchen und mit leichten Dingen beginnen.

Die Aussicht von meinem Fenster! Sie wird links von einem Seitenflügel des schönen Palazzo Barberini begrenzt, dessen Garten gerade vor mir liegt. Ein Garten nach unseren Begriffen, mit vielen Bäumen und dichtem Buschwerk, ist das nicht. Die Bäume sind nur wenige, aber es sind seltene Prachtstücke südlicher Art, immergrüne, die auch im Winter nicht kahl werden.

Hinter ihnen hohe Häuser mit glatten Dächern (auf dem einen sitzt, der Kleidung nach zu schließen, ein Kammermädchen, und ich bilde mir ein, daß es ein hübsches Kammermädchen ist, denn es wäre sehr ungeschickt, mir ein häßliches einzubilden; deren gibt es genug in den italienischen Hotels, in denen, so scheint es, grundsätzlich nur Matronen vorgerückten Alters angestellt werden), und rechts hinauf, gleichfalls mit platten Dächern, aber außerdem mit vielen luftigen Balkonen (doch ist es leider zu heiß, als daß sich auch nur der Ansatz zu einem Kranze holder Damen auf ihnen präsentierte), die Via delle quattro fontane, auf der ein lebhaftes Hin und Her von Menschen zu Fuß und zu Wagen ist. Ich sehe und nenne: Mönche, Carabinieri, ein paar verspätete Engländer, Malermodelle aus den Abbruzzen (denn die »Spanische Treppe« ist nicht weit), ein Trupp Bersaglieri (wie Max Schillings mit Recht sagt: die schönsten Soldaten der Welt), ein Zug von Leuten mit Dreimastern und merkwürdigen Uniformröcken, in der Hand Wachskerzen, also wohl eine Begräbnisbrüderschaft, und, siehe da: auch drei »Krebse«. So nennt man nämlich, ihrer roten Soutanen wegen, die deutschen Seminaristen in Rom. An den Straßenecken sitzen junge Burschen, die Kirschen feilhalten, die sie in Form von Trauben zusammengebunden haben, Hinten, wo die Via delle quattro fontane von einer andren Straße gekreuzt wird, sehe ich, einen Trupp Kürassiere voran, einen Trupp Kürassiere hinterher, im schnellsten Tempo eine Hofkalesche fahren.

Vielleicht ist es der König oder die Königin. Die arme Ellena: Sie ist zwar die Königin, aber sie gilt nicht als solche. Noch immer denkt der Italiener an die blonde Margherita, wenn er la regina sagt. - Im ganzen genommen: Das Straßenbild ist lebhaft, bunt, großstädtisch, aber seinethalben würde man kaum hier in der Hitze aushalten. Den Italienern, denen, je nach ihrer politischen Meinung, Rom heilig ist als Wahrzeichen der Unita Italia oder des Papsttumes, gilt in erster Linie das lebendige Rom - uns verschwindet dieses vor den Resten des toten, dem wir doch allein die Ewigkeit zuerkennen.

Vor diesem tritt in mir jetzt alles andere zurück, aber ich bin froh, daß ich vorher noch von anderem zu handeln habe, denn ich würde (siehe oben!) noch nicht imstande sein, Worte darüber zu finden. Ich frage mich wieder: Werde ich es später? Das Ziemlichste wäre hier, zu schweigen oder Goethe zu zitieren. Einstweilen zurück nach Terni! Eine merkwürdige Stadt - sie hat keine Sehenswürdigkeiten. Wenigstens nicht innerhalb ihres Burgfriedens. Doch ist sie trotzdem vielbesucht als Ausgangsort für die berühmten Wasserfälle le marmore. Es versteht sich, daß wir unsern Adlerwagen zu ihnen lenkten, und wir haben sehr wohl daran getan, denn sie sind ein herrlicher Anblick.

Man muß aber nicht an das denken, was in der Schweiz oder Tirol ein Wasserfall heißt. Es ist nicht der gewisse Gießbach, der senkrecht eine hohe Schlucht herabfällt, sondern es ist ein Terrassensturz. Erst in drei

Strängen eine hohe Wand herab, in einen mittleren Kessel, von wo aus sich die Gewässer als flüchtiger Staub bis fast zur halben Höhe der Wand wieder erheben, dann in wilden Strudeln zu einer zerrissenen Felsenstufe und nun im gewaltigsten Schwalle herunter zum eigentlichen Bette des Flusses, wo dann der übermütige Springer bald ruhiger wird. Das Ganze hat Majestät und Würde und sieht sich fast wie Kunst an - wobei man aber an das denken muß, was man sich unter antiker Kunst vorstellt. Es ist wie eine Bändigung des Elements: erst hierher, daß sich deine Kraft im wildesten bricht, nun hier, wo sie sich nochmals abmühen mag, den alten Trotz zu gewinnen, und jetzt, kräftig noch, aber machtvoll geregelt, hinab zu gelassener Ruhe. Man nimmt einen großen Eindruck für immer mit sich. - Von Terni an führt die Straße immer aufwärts, wieder über einen Ast des Apennin, und wieder fiel es uns auf, wie öde dieses Gebirge ist und wie groß der Unterschied zwischen den Landschaften, die es trennt. Der Übergang selber ist nicht entfernt so schwierig wie der zwischen Faenza und Florenz; auch ist er viel kürzer. Die Campagna, in die wir nun eintreten, enttäuschte mich, weil ich unwillkürlich gehofft hatte, einen so überwältigenden Eindruck zu erhalten, wie er mir damals beschert war, als sich zum ersten Male Toskana dem Blicke auftat. Im Vergleiche dazu wirkt die Campagna arm. Sie ist kein Garten wie Toskana, sondern in der Hauptsache Wiesen- und Weidenland, nur spärlich unterbrochen von einzelnen Eichen. Keine Villen, wenig Dörfer, nur ärmliche Farmen und Viehhürden. Wir sahen viele Schafherden und eine große Anzahl von ungebührlich belasteten Eseln. Fast daß die Tiere darunter verschwinden, sind sie mit Heu bepackt, und man sieht die braven kleinen Burschen häufig genug zwei Reiter tragen. Die Frauen sitzen auf ihnen nach Männerart, was sich recht wunderlich ausnimmt. An ihnen bemerkten wir zum ersten Male die Miedertracht (nicht Niedertracht zu lesen!), das heißt das Korsett als Kleidungsstück ohne nochmalige Verhüllung durch eine »Taille«. Also eine Schale weniger, was zu begrüßen wäre, wenn die Korsetts sauberer aussähen. - Noch Seume erzählt von der Unsicherheit dieser Gegend; jetzt gibt es hier wohl kaum Räuber. Sie hätten dreimal leichte Arbeit mit uns gehabt, denn 25 Meilen vor Rom begann dasselbe Geduldspiel mit den Pneumatiks, das bereits unserm ersten Apenninübergang beschieden gewesen war:

Wir mußten dreimal »abmanteln«. Gelassenen Sinnes, wie man wird, wenn man seit acht Wochen im Laufwagen reist, haben wir uns nicht viel daraus gemacht und uns währenddessen genauer in die Campagna vertieft, wobei es uns denn aufging, daß diese Öde einen Zug von Größe hat - zumal wenn man im Hintergrunde die Peterskuppel gewahr wird. - Die Straße, die man befährt, ist die alte Via Flaminia; es tut mir leid zu sagen, daß wir sie als die schlechteste erfanden, die uns bisher auf italienischem Boden beschieden war. Im Altertum ist sie gewiß so vortrefflich gewesen wie alles, was der antike Staat für die Öffentlichkeit baute (z.B. die schöne Brücke über den Tiber, hinter Otricoli), und sie hat sich nur noch nicht von der Zeit des Kirchenstaates her erholt, denk ich mir, da ich der Partei der »Königlichen« recht gebe, die auf Plakaten ihren Wahlspruch hier so formulieren : In Roma siamo e ci rimaniamo. (Meine Frau belehrt mich eben, daß das ein Ausspruch Viktor Emanuels II. ist. ) »Liebt der Signor den König oder den Papst?« fragte uns ein Mann, der bei uns haltmachte, als wir unserm braven Führer beim Reparieren zusahen, und er war sehr unzufrieden, als wir ihm darauf keinen bestimmten Bescheid gaben. Für den heutigen Römer muß das wohl, wenn er nicht gerade Sozialdemokrat ist, politisch die Hauptfrage sein, und diese Frage drängt sich mit der ganzen Wucht der Peterskuppel auf. Auch dem Fremden wird erst hier die Wunderlichkeit des Zustandes recht auffällig, die darin

liegt, daß der einstmalige Souverän des Landes depossediert in seiner ehemaligen Residenz sitzt. Man versteht, überlegt man sich dies, die Redensart von der Gefangenschaft des Papstes - es ist der Aufenthalt im Vatikan für ihn in der Tat wenigstens eine Art relativer Gefangenschaft, und für ein Temperament wie das des Kardinals Rampolla muß dieser Zustand eine arge Pein sein. Der gegenwärtige Papst selber mag ihn persönlich eher erträglich finden, da er körperlich ohnehin kaum die Kraft hätte, die Grenzen des Vatikans zu überschreiten, und da er geistig keinen Trost im vornehmsten aller geistigen Sports findet: in der lateinischen Poesie. Das gläubige Volk ist hier übrigens überzeugt, daß er  körperlich gar nicht mehr lebt und daß es nur sein Geist ist, dem die Engel für die Augenblicke, wo er sich öffentlich zeigen muß, zur Materialisierung verhelfen.  Mich kümmert diese Frage wenig; mag der Papst leben oder tot, gefangen oder souverän sein: Die Hauptsache ist für mich in Rom, daß ich mit Augen , sehen kann, was von der Antike noch lebt.

Frascati, den15. Juni 1902

Dies ist einer der Orte, wohin die Römer fliehen, wenn es ihnen in ihrer Capitale zu heiß wird; der König selber, so heißt es, lenkt täglich sein Automobil hierher. Uns trieb nicht nur die Hitze aus Rom, sondern auch ein Gefühl der Unruhe, wie es sich einstellt, wenn man seiner Empfindungen nicht Herr werden kann und wenn man eine Aufgabe vor sich sieht, die zu bewältigen man nicht imstande ist. Rom in fünf Tagen - das erzeugt einen Wirbel der Seele, und ich sage mir heute, es wäre doch besser gewesen, sofort nach der ersten Umfahrt weiterzureisen. Und wenn wir statt fünf Tage fünfzehn geblieben wären oder auch fünfzig - es wäre

nichts anderes herausgekommen. Ein Deutscher braucht für Rom mindestens ein halbes Jahr. - Es gilt ja hier nicht, eine fremde Stadt kennenzulernen; hier handelt es sich um viel mehr: es stellen sich hier leibhaftig alle die Probleme vor der erschauernden Seele auf, die uns im Eigensten angehen. Dieses Rom ist ja unsere Hauptstadt ebensogut wie die der Italiener. Von hierher stammt unsre Gesittung, unser recht; hier wurde uns die Schönheit die Religion gelehrt. Es ist die Hauptstadt der europäischen Kultur. Ob wir darüber froh sein sollen oder ob wir Anlaß haben, darüber zu klagen - gleichviel : Es ist so. Unsre Vorfahren haben - und wir haben keine Ursache, darauf stolz zu sein - das antike Rom, diese ungeheure Herrlichkeit, in Trümmer geschlagen, aber der Geist war mächtiger als die mächtigen Steine, und er rächte sich an den Wilden, indem er ihnen alles nahm, was sie an eigenem Geiste besaßen. Ihre Götter - was sind sie uns, die wir doch ihres Blutes sind, viel mehr als indianische Ungetüme? Im besten Falle Figuren der Phantasie Richard Wagners. Wir haben in ein paar Märchen Spuren davon gerettet, das ist alles.

Die Antike setzte sich, ob sie auch niedergetrümmert war, ästhetisch im Christentume fort, und unser Schönheitskodex stammt nicht weniger aus Rom als der Kodex unsres Rechtes. Und das Christentum selber ist uns auf römisch beigebracht worden. Hier läuft alles in einem Punkte zusammen, was jahrhundertelang fast ausschließlich auf uns gewirkt hat und noch heute fortwirkt, so oder so. Welcher Deutsche müßte hier nicht nachdenklich werden? - Zuerst ist es ein Gefühl ratlosen Staunens. Man sieht diese wunderbaren Reste der Antike, die alles übertreffen, was man sich davon vorgestellt hat, und man fühlt sich ganz Barbar. Da> ist alles so unerhört gewaltig, Zeuge einer ästhetischen Kultur, neben der das, was wir selbst hervorgebracht haben, vollkommen verschwindet. Und dann fragt man sich: Wie konnte das geschehen? Wie war es möglich, daß dies unterging? Alles dies war im eigentlichsten Sinne auf die Ewigkeit berechnet, und nun stehen Ruinen. Man wird von Zorn ergriffen und ist töricht genug, mit dem Schicksal hadern zu wollen.

Was die christliche Zeit an die Stelle des Alten gesetzt hat, erscheint einem kümmerlich, und nur der eine Michelangelo findet Gnade vor den empörten Augen.

Ja, was man Holdseliges und Erhabenes von christlicher Kunst früher mit Entzückung gesehen hat, droht zu verschwinden, will klein, belanglos erscheinen.

Man fühlt sich wie entwurzelt. Etwas Übermächtiges ist vor die Seele getreten, und diese Seele wird von einem Überschwange ergriffen, es ganz aufzunehmen, alles dafür hinzugeben, um nur dieses eine ganz zu haben : die Antike. Indessen, es zeigt sich doch, daß diese Seele nicht mehr imstande ist, all das aufzugeben, wovon sie bisher erfüllt war, und daß sie nicht mehr imstande ist, jenen Riesengast aus gewaltigerer Zeit zu beherbergen, und so kommt die Umstimmung.

Aus der Empörung wird Resignation und - dank der Kunst, die, wenn auch in anderem Geiste, immer weiter das Schöne als Trost in die Welt gesetzt hat - aus der Resignation ein Gefühl der Zuversicht, daß, wenn auch nichts, was Menschen schaffen, ewigen Bestand hat, doch unverwüstlich die Lust und die Kraft in den Menschen bleibt, Schönes zu gestalten. Wer von sich mit Fug sagen dürfte, daß er einer Kultur wie der antiken gewachsen wäre, der mag mit Nietzsche, der wohl aus sich ein Recht dazu hatte, eine Wiederkunft jenes römischen Geistes heraufbeschwören wollen uns anderen ziemt eine bescheidenere Pose, und wir wollen es nur ruhig gestehen, daß wir jene Gesundheit der alten Welt nicht ertragen könnten. Wir können nichts als bewundern, aber wir sind differenziert genug geworden, daß wir auch für alles das, was hinterher gekommen

ist, Organe besitzen, und wir tun gut daran, diese Organe zu nützen. Wir sind auf eine Bahn gekommen, die von der Antike wegführt, denn unsere Gesittung ist im Grunde sentimentaler Natur. Man denke an das, was Klinger mit seinem »Christus im Olymp« hat ausdrücken wollen : der Schatten des Kreuzes zwischen den genießenden Göttern und Psyche, die sich dem Heiland zu Füßen wirft. Aber dann sind die Naturwissenschaften auf den Plan getreten und die Erkenntnisse, deren großer Schlußfolgerer Nietzsche ist: Damit tut sich eine Perspektive auf, die vielleicht doch wieder zur Bahn der Antike führt. In unsrer jüngsten Generation kann man Anzeichen dafür gewahren, doch ist einige Vorsicht wohl geboten, denn es ist nicht alles Nietzsche, was glänzt. - So führt Rom zu allen Wegen hin, wie alle Wege nach Rom führen.

Eine Stadt, die dazu verlockt, leichte Sprünge zu machen, ist es durchaus nicht, und wer nur eine Spur Ernst in sich hat, der wird dessen hier gewahr. Oder ist es nur unser schweres deutsches Blut? Die Römer von heute, glaub ich, nehmen die Sache leichter. Mit Recht, denn sie würden sonst von ihrer Stadt erdrückt werden. Übrigens: die Römer oder vielmehr die Römerinnen. Ich hatte mir in diesem Punkte allerlei Einbildungen gemacht, die sich, wie ich bekennen muß, wahrscheinlich auf Goethes »Römische Elegien« zurückführen. Mag es daher gekommen sein, daß ich für nichts Augen hatte als für die alten Steine, oder waren alle die schönen Damen und Nicht-Damen verreist kurz, ich habe meine Einbildungen nicht bestätigt gefunden. Außer ein paar hübschen Modellmädchen, denen man aber auch in München an der Akademietreppe begegnen kann, ist mir nichts aufgefallen, was einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätte.

Doch muß man wohl auch hierfür länger als fünf Tage ' in Rom bleiben. Und dann, glaube ich, hat dies auch noch einen anderen Grund: Die besondere Schönheit der italienischen Frau stimmt im allgemeinen nicht zu der

modernen Mode; es gehört Kostüm dazu. Und die Kostüme sind in Italien bis auf wenige Gegenden fast völlig verschwunden. Für die Mode ist aber heute der ' Norden tonangebend, und der Süden, indem er sich darein schickt, verliert darunter. Südländer und zumal Südländerinnen, die sich nach den Gesetzen kleiden zu müssen glauben, die King Edward im nebligen London erfunden hat, wo alles auf Nebel und Ruß berechnet werden muß, während hier die Sonne Farbe, Farbe, Farbe heischt, treiben eigentlich eine Maskerade, und eine recht unvernünftige, nämlich unlustige, dazu.

Und nun liegt Rom denn hinter uns, oder nein: Es liegt vor mir, da unten, in der nächtigen Campagna, von der nichts sichtbar ist, und von Rom selber leuchten nur die vielen Lichter des Bahnhofs bis hierherauf.

Hier aber in Frascati ist es wunderschön, weil es , sehr schön frisch ist. Ich begreife den Ré vollkommen, daß er täglich sein Automobil hierher lenkt, wo es zudem nicht so viele Klerikale gibt wie in der ewigen , Stadt, die doch noch vielen Römern mehr die Residenz des Papstes als des Königs gilt. Diese Konkurrenz von zwei Souveränen an einem Orte ist die größte moderne Kuriosität Roms. Nach der Meinung der liberalen Italiener ist für den Papst-König nicht das mindeste mehr zu hoffen, aber die Klerikalen sind natürlich anderer Meinung. Sicher ist, daß Rom in dieser Hinsicht aus zwei feindlichen Lagern besteht und daß man den Vatikan eine Insel nennen kann, der es an Brandung nicht fehlt. Die braven Schweizer in ihren etwas an Maskenvergnügungen erinnernden Wämsern sehen übrigens, wenn sie auch sehr friedlich ihre Schweizer Zeitungen lesen, während sie auf der Bank des Haupteinganges zum Vatikan sitzen, ganz wie Leute aus, die sich, wenn es notwendig sein sollte, für ihren Geldgeber totschlagen lassen. Es sind fast ausnahmslos gewaltige Gesellen, denen nur etwas mehr Bewegung not täte. Es scheint nicht, daß sie viel langsamen Schritt üben, denn der Fettansatz ist bei den Erde emporschreiten und in die Erde niedertreten sollte, was vordem auf ihm gelastet hatte. Die Katakomben, die wir sahen, stehen unter der Obhut von Trappistenmönchen, zu deren Ordensgelübden bekanntlich das der Schweigsamkeit gehört. Demnach war der Frate, der uns herumführte, kein Trappist, denn er sprach sehr viel und geläufig, und man hatte die Wahl, ihn italienisch, französisch oder deutsch sprechen zu hören. Wir entschieden uns natürlich für Deutsch und waren erstaunt, unsre Sprache mit deutlichem niederdeutschen Klänge zu vernehmen, als ob es ein als Mönch verkleideter Matrose von unserer meisten beträchtlich. - Es war uns angenehm, daß unsere Ausfahrt aus Rom uns noch einmal direkt an der Peterskirche vorbeiführte. Dieser Bau repräsentiert die Ecclesia triumphans wirklich imposant, doch wird man der gewaltigen Raumverhältnisse ganz nur im Innern gewahr. Da aber ist der Eindruck überwältigend, und nicht etwa bloß wegen der ungeheuren Maße, sondern vornehmlich infolge der wunderbaren Maßabwägung. Alles drückt aufs vollkommenste Erhabenheit aus, alles geht aufs Ganze. Es mag wunderbare Einzelheiten darin geben, aber ich wüßte nicht, wer Neigung dafür empfinden sollte, sich hier mit ihnen zu beschäftigen; man sieht nur und empfindet ein intensives Raumwohlgefühl. - Wir mußten an Sankt Peter vorüber, weil wir noch den Katakomben des heiligen Calixtus einen Besuch abstatten wollten, und wir wollten diese gesehen haben, weil uns dies der passenste Abschluß unsres kurzen römischen Aufenthaltes zu sein schien: ein Blick in die versteckten Grabkammern des frühen Christentums, das bald aus der Wasserkante wäre, der hier sprach. Es war aber der Mönch ein Holländer, und mir scheint, das ist nun Kuriosität genug: ein katholischer Holländer, der als Mönch die Fremden in den römischen Katakomben herumführt. Er tat dies ohne jede Feierlichkeit, vielmehr mit einem Anfluge von niederdeutschem Humor.

Sein Hauptbestreben war, meine Frau gruseln zu machen, und er schien es für sehr wichtig zu halten, ihr vor Augen zu führen, daß auch von uns einmal nichts weiter übrig sein werde als ein bißchen Asche. »Hier liegen vornehme Leute begraben - auch bloß Asche. Wollen Sie vielleicht mit in den Gang hier kommen?

Kommen Sie nur! So werden Sie auch einmal aussehen. Asche! Asche! Weiter bleibt nichts übrig!« Und dazu lachte er sehr vergnüglich. »Es riecht ein bißchen schlecht hier unten; aber es sind ja die Katakomben und kein Parfümerieladen. Dort hinten riecht es noch schlechter. Wollen Sie mit dort hinter kommen? Kommen Sie nur! Dies steht uns allen bevor. « Eigentlich paßt diese Art von Kommentar ganz gut in diese Maulwurfsgänge des Todes, in diese unterirdische Stadt der Verwesung, wo die Straßen nicht bloß neben, sondern auch übereinander hin laufen und wo rechts und links nichts zu sehen ist als Grabkammer an Grabkammer. Das etruskische Familiengrab hinter Perugia war weihevoller, muß ich sagen, und auch vornehmer, und der antike Genius des Todes mit der umgekehrten Fackel ist ein schöneres Symbol für das Ende alles Lebendigen als die Symbole, die man hier zu sehen bekommt, obgleich sie alle die Unsterblichkeit der Seele betonen. In diesem Sinne wird die Geschichte des Jonas symbolisch aufgefaßt und dargestellt, der ins Meer geworfen, von einem Fisch verschluckt und wieder ausgespien wurde. Die Art der Darstellung ist ganz antik, aber unbeholfen. Diesen Künstlern, wenn man sie so nennen darf, kam es offenbar mehr auf den Glauben als auf die Schönheit an.

Christus, als guter Hirte dargestellt, erscheint ohne Bart, wie immer in den frühesten Zeiten (z. B. auf den ältesten Mosaiken). - Im ganzen ist so ein Besuch bei den Toten nicht gerade eine lustige Sache, wenn man auch, wie wir, einen schnurrigen Mönch zum Führer und ein Gemüt hat, das sich nicht leicht bange machen

läßt. Man begrüßt das Licht des Tages, die reine Luft der Oberwelt doch mit Vergnügen und freut sich, daß man von dem großen Fische noch nicht verschlungen und daß es nicht der Leichenwagen mit dem Zeichen des Kreuzes ist, der auf einen wartet, sondern der Laufwagen mit dem Fabrikzeichen des Adlers. Ehe wir ihn bestiegen, ließen wir uns von den Mönchen noch ein Paket selbstfabrizierter Schokolade verkaufen, und wir haben im Laufe des Tages gefunden, daß diese römische Trappistenschokolade zu den besten gehört, die man essen kann. Wie denn überhaupt alles vorzüglich ist, was die Mönche an Eß- und Trinkbarem hervorbringen - man denke an die berühmten Kartäuserschnäpse! (Wie tut es mir leid, fällt mir eben ein, daß ich mir in der Certosa bei Florenz keine Schildkrötensuppe habe servieren lassen können, weil just an dem Tage unsres Besuches die Pforte geschlossen war. Eine real turtle soup, die nichts kostet als ein »Vergelt's Gott« - das ist doch wohl ein vornehmes Almosen und ein gutes Argument für den Ultramontanismus!) - Wir fuhren nun eine Weile immer dicht an der römischen Stadtmauer entlang, links die zerbröckelnde, aber aus allen Ritzen Pflanzenwuchs treibende Mauer, rechts einen Wassergraben mit geradezu ungeheuer hohem Schilf. Dann an einer ganz herrlichen Lorbeerallee vorüber. Der Lorbeerbaum ist der wundervollste Schattenspender von der Welt; auch nicht ein Kringelchen Sonne kommt durch dieses dichte, dunkle, glänzende Blattwerk, das aber doch Luft genug durchläßt.

Nun durch die Campagna, deren grandiose Öde gleich hinter der Stadt beginnt. Ein paar Reste der schönen alten Aquädukte ragen auf; da und dort lädt eine Osteria zum Verweilen ein (doch möchte ich persönlich solcher Einladung nicht gerade gerne folgen); manchmal ein schöner großer Baum, Eiche oder Pinie, sonst alles weite Leere mit Viehherden und den unglaublich primitiven Hütten aus schwarz verwittertem Schilf. Aber vor uns zeigt sich die schöne Linie des Gebirgs von Frascati mit vielen Ortschaften und Luftsitzen - fast zu nahe für uns, die wir lieber noch ein paar Stunden länger den Genuß der Laufwagenfahrt im frischen Windzuge hätten nach diesen Tagen der brütenden Schwüle in Rom. Indessen, schon sind wir da. Es ist gerade Feierabend, und die Leute ziehen von der Arbeit in der heißen Niederung hinauf in die kühle Stadt. Die Straße ist herrlich: von schönen großen Akazien eingefaßt und zwischen Gärten. Ein unbeschreiblicher Abendfrieden, und die ganze Campagna wie in einem Meer von Gold. ab wir nicht Rom in der Abendsonne liegen sehen können, vielleicht die steinerne Papstkrone der Peterskuppel allein herausleuchtend als letzten Gruß? Nein, von dem Geflimmer des Abendgoldes ist alles überwogt und verwischt: Michelangelos erhabene Kuppel sowohl wie die dürftigen Schilfhütten der Campagnahirten.

So habe ich Ihnen von Rom also wirklich nichts gegeben als das Bekenntnis, von ihm bis zur Wortelosigkeit ergriffen zu sein. Ein Schelm, der mehr sagt, als er selber klar empfindet. Ich würde mir erbärmlich, ein Meiner, dreister Lügner, vorkommen, wollte ich große Worte einer Bewunderung übereinandertürmen, die viel größer ist, als daß ich unter ihrem fast drückenden Banne Worte dafür fände. Ich weiß nur eines : Ich werde wieder einmal nach Rom fahren, und dann auf ein Jahr. Dann werde ich aber klüglich mit der christlichen Kunst anfangen und über Michelangelo hinweg mich erst spät an die Antike wagen.

VON PERUGIA BIS TERNI

Rom, den 14. Juni 1902

Nun haben wir in unserem Adlerwagen die Schönheit einer sommerlichen Reise durch Italien genossen, ohne die Hitze eines italienischen Sommers zu spüren. Das ist unter den vielen Vorteilen des Laufwagenreisens nicht der letzte. Das Land liegt in unbeschreiblicher Schöne im Sommersegen unter einem wolkenlosen Himmel; die Zikaden rühren die Flügelgeigen zum Lobe des großen Pan; man sieht und hört: Sommer, Sommer, Sommer - aber die Kräfte des Motors tragen einen so geschwind dahin, daß man unausgesetzt von frischem Wind befächelt wird. Freilich muß man auch, wie wir, Hüte von der Größe eines Sonnenschirmes aufhaben, damit die allzuliebe Sonne uns ihre brünstigen Küsse nicht direkt auf die Haut geben kann. Wir haben uns in Siena damit versehen, wo die Strohhüte bekanntlich ihre größte Ausdehnung in Europa erreichen.

An welchem Tage wir von Perugia aufgebrochen sind, weiß ich nicht mehr; ich weiß nur, wie alle anderen Tage war auch er wunderschön, wolkenlos und klar. Wir machten bis Foligno zweimal halt. Einmal beim Grabe der Volumnier und dann beim heiligen Tode Schönheit zu verleihen. (Daß sie, lange vor Ibsen, auch die allerhöchste Kunst: in Schönheit zu sterben, recht oft bewährt haben, sei nebenbei bemerkt.) Die Herren und Damen aus der Familie der Volumnier haben sich, das heißt ihre Asche, so begraben lassen: Sie ließen einen Tuffsteinhügel zu Kammern aushöhlen, die um eine Art Vorhalle herumliegen. In dieser Vorhalle grüßt das Bild des Sonnengottes, eingerahmt von Delphinen, die Majestät des Todes, der als schöner Genius mit umgekehrter Fackel (übrigens en miniature, von der Decke herabhängend) dargestellt ist. Im Hauptraum, der am Ende der Halle liegt, ruht, umgeben von den Seinen, der Vater der Familie.

Es sind sehr einfache, kastenartige Sarkophage; auf dem Deckel ist der, dessen Asche darunter liegt, dargestellt, wie beim Mahle liegend, in der Toga, eine Kette um den Hals, eine Schale in der Hand - aber keine Speiseschale; es ist der Teller mit dem Obolus.

Nur eine weibliche Gestalt hat nichts im Teller; aber dieses Nichts ist eine Auszeichnung: Die Dargestellte ist eine Priesterin, die, wie der witzige Custode bemerkte, gratis über den Hades gefahren wurde. Im übrigen: Charon mit der Trinkgeldhand - auch ein Symbol. Indessen war mir sonst nicht blasphemisch zumute. Der Ort hat Weihe. - In Deutschland kenne ich nur einen Ort, wo die Toten so schön zum Leben

reden: im Schloßpark zu Tegel, dem Begräbnisorte der Humboldts, wo auf einer schönen Säule die liebliche »Hoffnung« Canovas steht, das Gewand mit der einen Hand zum Tanze geschürzt, während die andere eine Blume hält. Die Humboldts waren, obgleich der eine ein Staatsminister war, recht mäßige Christen. Ich fürchte, sie würden, lebten sie heute, bei Hofe nicht so wohlgelitten sein wie zu ihrer Zeit, die wir die der Biedermeier nennen - spotten unserer selbst und wissen nicht wie.

Von den Volumniern zum heiligen Franz von Assisi die Welt ist ein Kaleidoskop, oder, mit Frank Wedekind zu reden, »das Leben ist eine Rutschbahn« - auch das Leben der Völker. Goethe, der in der Sicherheit seines genialen Instinktes nur auf die Antike in Italien ausging und dessen ganz unmoderne Größe immer darin beruhte, daß er sich in dem, was seine Seele gerade verlangte, nicht beirren ließ, hat in Assisi nichts sehen wollen und nichts gesehen als die schöne Front des Tempels der Minerva. »Die ungeheuren Substruktionen der babylonisch übereinandergetürmten Kirchen, wo der heilige Franziskus ruht, ließ ich links, mit Abneigung« Quod licet Jovi, non licet bovi. Ein arm unsicherer Pilger in der Welt der Fragen wie ich mußte auch an den Pforten des heiligen Franz anklopfen, bedürftig der Wegweisung und hoffend, sie möchte ihm hier werden, so oder so. Daß ich es ohne Umschweife rundheraus sage: Franziskus hat mich im Stiche gelassen, und ich konnte mich auch hier nur an ein paar schönen Eindrücken alter Freskenfarbenklänge erbauen, ohne jede tiefere Rührung und durchaus unempfänglich für das »Wunderbare« dieser mönchischen Art. Ja, ich mußte über manche dieser Wunder lächeln, die in der oberen Kirche wie in einem riesigen Bilderbuche abgebildet sind (wie man glaubt, von Giotto). Und ist es nicht wirklich eine Spur komisch, daß man es unter die Wunder dieses Mönches rechnet, weil er einmal im Traume den Thron gesehen hat, der ihm im Himmel aufbewahrt werde ? Wir würden heute wohl nur sagen, daß er schwülstig und etwas unbescheiden geträumt habe, wenn er im Schlafe Gottvater und Gott-Sohn auf Sesseln sitzen sah und daneben ein leeres Fauteuil, auf das der liebe Gott mit der Geste hinweist: Bitte, Platz zu nehmen.

Franziskus ist überhaupt ein wunderlicher Heiliger gewesen. Meine Frau hat sich ein kleines anonymes Buch gekauft, das sich »I fioretti di San Francesco« nennt und, nach dem alten Italienisch zu schließen, in dem es geschrieben, bald nach den Lebzeiten des Heiligen verfaßt worden sein mag. Darin finden sich Geschichten, über die sich ein Ketzer einigermaßen wundern muß, weil sie ihm nicht eigentlich heilig vorkommen. Auf alle Fälle hat Francesco auch in seiner heiligen Zeit, als der Sturm seiner wollüstigen Jugend längst hinter ihm lag, recht viel Menschliches - Allzumenschliches an sich gehabt, vornehmlich ein ungebärdiges Herz, und wunderbar ist es nur, daß Gott selber auch Kleinlichkeiten des Heiligen für wichtig genug fand, sich persönlich

darüber zu äußern. So hatte sich Franziskus einmal darüber geärgert, daß Frater Bernardo, der in der Einsamkeit des Waldes selig verzückt vor Gott im Gebete lag, ihm nicht antworten wollte. Er rief ihn, in steigendem Arger, ein-, zwei-, dreimal an, und als Bernhard immer nur weiter betete und durchaus nicht reagierte, freute er sich nicht etwa des frommen Sinnes seines Genossen, sondern wandte sich direkt an Gott mit der, wie mir scheint, höchst unpassenden Frage, uurum denn dieser Bernhard nicht antworten wollte. Es ist ein vollkommener Beweis für die Langmütigkeit Gottes, daß er auf diese Frage wirklich und persönlich antwortete, und bis auf die verweisende Anrede »O povero amicciulo« nicht einmal scharf. Er sagte ihm nur, was sich ein Heiliger eigentlich hätte selber sagen sollen, daß es für einen frommen Mann wichtiger ist, mit Gott als mit einem Kollegen zu reden. Jetzt freilich geriet Franz außer sich vor Scham und Reue - aber ist das ein Wunder?

Allerdings nahm seine Reue eine ungewöhnliche Form an. Er ging zu Bernhard, der mittlerweile mit Beten fertig geworden war, zurück und sprach zu ihm : »Ich befehle dir« (der Ketzer wundert sich hier schon wieder über das Befehlen) »beim heiligen Gehorsam« (was ist das für eine verruchte Logik? fragt sich der Ketzer), »daß du, meinen Trotz zu strafen und ihn wegzutreiben aus meinem Herzen, mir, der ich mich jetzt rücklings auf den Boden werfen werde, mit dem einen Fuße auf die Gurgel und mit dem anderen auf den Mund tretest und, dreimal hin und wider tretend, zu meiner Schande und Schmach sagest wie folgt: Da liege, du Bauer, Sohn des Pietro Bernardoni; woher in aller Welt nimmst du deinen Dünkel, der du doch eine so niederträchtige Kreatur bist?!« Bernhard hat, um des heiligen Gehorsams willen, also getan (indem er sich bemühte, möglichst gelinde und, so hoffen wir, nach Ablegung der hölzernen Sandalen zu treten), und Franz mag nach dieser Massage etwas wie Genugtuung verspürt haben, aber der Ketzer kann nicht umhin zu finden, daß das Ganze doch eigentlich eine skurrile Anekdote ist, die für den Heiligen von Assisi nicht besonders einnimmt. Er hat

auch, nach dem Bilde des Cimabue, nicht sehr einnehmend ausgesehen und ist auf den landläufigen Bildern, die ihn darstellen, wie er die Wundmale empfing, arg versüßlicht. In Wahrheit muß er ein Mensch mit sehr wildem Gemüte gewesen sein, der sich gewaltsam bändigte und durch eine immense Inbrunst des Willens Kräfte aus sich erweckte, die wir heute als Beweis mediumistischer Veranlagung betrachten, während sie seinerzeit als Wunderkräfte erschienen sind. Ein Gewaltiger ist er auf alle Fälle gewesen, und er hat in der Tat den Lateran gestützt (in welcher Pose er dem Papst im Traume erschien) durch die Gründung seines Ordens, der sich wie ein Heer über die Christenheit verbreitete. Doch ich muß Ihnen noch eine Geschichte aus den »Blumen des heiligen Franz« erzählen, eine schönere.

- In der Nähe von Assisi war auch das Kloster der heiligen Clara, die gleich dem heiligen Franz einer vornehmen Familie von Assisi entstammte und sehr gegen den Willen der Ihren den Schleier genommen hatte, erfaßt von der Inbrunst, es Francesco nachzutun. Er war ihr leuchtendes Vorbild, ihm galt die Glut ihrer Seelenliebe. Und so ließ sie ihn denn immer und

immer wieder bitten, er möge ihr doch einmal das Glück einer Unterhaltung über göttliche Dinge gewähren. Er aber, unwirsch und längst kein Freund der Frauen mehr, die, wie er nun meinte, seine Jugend vergiftet hatten, wollte sich nicht dazu herbeilassen, bis ihm wiederum der himmlische Vater selber klarmachte, daß es nicht nur unhöflich, sondern auch unheilig sei, so frommen Wünschen taub zu sein. Er nahm also die heiligsten seiner Genossen mit sich und ging zur heiligen Clara. Und sie ließen sich, Mönche und Nonnen, an einem Tische nieder, der im Walde stand, miteinander zu speisen. Aber weder Franz noch Clara rührten die Speisen an, denn sie erkannten ihre Seelen, sahen sich in die Augen und sprachen von Gott und allen Dingen der göttlichen Tiefe und Klarheit. Da ward es im Walde stille, und eine Röte baute sich über dem Walde auf gleich sanften Flammen - es war der Wald umzirkt von Glut. »Seht doch«, riefen die Bauern im Felde, »der Wald der heiligen Clara brennt; laßt uns löschen!« Und sie liefen von Pflug und Egge und kamen herbei. Aber es war kein Brand, der Bäume versehrt; das merkten sie wohl; und merkten auch, daß nur die Heiligkeit der beiden sichtbarlich glühend den Wald umzirkte, daß sie alleine wären mit sich und ihrem Verstande Gottes.

So etwas ist sehr schön. Es gibt auch sonst noch viel Schönes und Wunderbares in der Zyklopischen Festung des Franziskus-Klosters, und dennoch, hat man sie hinter sich mit ihren übereinandergetürmten Kirchen, wo über und unter der Erde in Form und Farbe immer wieder das eine Wort murmelt oder dröhnt: Sünde, so wirkt der Anblick des kleinen Minervatempels wie eine holde Beruhigung, wie der erste Blick in den morgendlichen Tag, wenn man nach fieberhaft verworrenen Träumen erwacht. Das strebt im schönsten Gleichmaß ruhig auf - ein paar Säulen und ein schlichter Giebel, nichts weiter: gesundes, schönes Lebensgefühl, erhaben ins Erhabene gewandt. - Bei einem Kupferschmied, der das Stück von einem Bauern an Zahlungs Statt erhalten haben wollte, kauften wir eine kleine Tonplatte von anscheinend sehr alter Flachreliefarbeit, die den heiligen Franziskus darstellt, wie er Fischen und Vögeln predigt. Ich habe meine Freude an dem sehr gut komponierten Dinge und hoffe, daß ich es gut nach Hause bringen und meinen Freunden zeigen kann. Es soll mich außerdem immer daran ermahnen, daß es gut ist, seinem ungebärdigen Herzen Mäßigung aufzuerlegen, damit man nicht einmal in die Lage komme, einem Freund zu sagen: Bitte, tritt mir auf Gurgel und Mund.[]

Erklärungen:

beim Grube der Volumnier   Etwa fünf Kilometer vor Pasta Constanzo befindet sich das Sepolero dei                                       Volumni, eins der besterhaltenen etruskischen Gräber aus dem 3.                                                      Jahrhundert v.u. Z.

Charon                                               Gestalt aus der griechischen Mythologie: Fährmann, der die Toten für                                           einen Obolus, den man ihnen unter die Zunge legt, über den Hades in die                                       Unterwelt bringt.

»das Leben ist. . . «                Bierbaum zitiert hier die Abschiedsworte des Marquis von Keith,                                                 Hauptfigur des gleichnamigen Schauspiels von Wedekind (V Aufzug, letzte                                       Szene).

Quod licet Jovi . . .                (lat. Sprichwort) Was dem Jupiter erlaubt ist, steht dem Ochsen nicht zu.

»I fioretti di San Francesco« Titel einer im 14. Jahrhundert in Umbrien entstandenen und bis heute                                            populären Legenden- und Anekdotensammlung zum Leben und Wirken des                                               heiligen Franz von Assisi (deutsch unter dem Titel »Der Blütenkranz des                                           heiligen Fmnziskus von Assisi«, 1905).

O povem amicciulo               (ital.) O armes Freundchen.

Tempel des Clitumnus                      Nahe der Quelle des Flusses Clitumnus (heute : Clitunno) befand sich im                                          Altertum eine Verehrungsstätte des gleichnamigen römischen Gottes.

Professor Franz Stuck                       Maler, Grafiker und Bildhauer (1865-1928; 1905 geadelt). Mitbegründer                                             der »Münchner Secession«, Lehrer von Kandinsky und Klee, bedeutendster                                     Vertreter des Münchener Jugendstils. Mit Bierbaum seit 1891 befreundet,                                        Zusammenarbeit für die Kunstzeitschriften »Pan« und »Die Insel«. -                                                           Bierbaums Künstlermonographie »Stuck«, ursprünglich für den Verlag                                       Albert & Co., München (1893), geschrieben, erfuhr, überarbeitet, erweitert                                                und in unterschiedlicher Ausstattung, bis Mitte der zwanziger Jahre                                                  zahlreiche Auflagen.

Hyperboräer                           Sagenhaftes Volk, das nach Vorstellung der Griechen in ewiger                                                            Glückseligkeit lebte (von Boreas = Nordwind abgeleitet).

Palazzo Barberini                  Einer der bedeutendsten römischen Barockpaläste.

Bersaglieri                             Militärische Spezialeinheit, die 1836 im sardinischen Heer aufgestellt                                          wurde; kennzeichnend die Kopfbedeckung: Filzhut mit Federbusch.

Die arme Elferia                                Gemeint ist Helene von Montenegro, seit 1896 vermählt mit dem Sohn                                             König Umbertos I., dem späteren König Viktor Emmanuel III. von Italien.

die blonde Margherita                       Margherita von Genua, aus dem Hause Savoyen, heiratete 1866 ihren                                      Cousin, der1878 bis 1900 als König Umberto I. regierte und durch ein                                              Attentat starb. Ihr Schicksal machte sie im Volke populär.

Wasserfälle le marmore                    Gemeint sind die Cascata delle Marmore, die der östlich von Terni

                                               fließende Velino bildet.

Noch Seume erzählt                       Anspielung auf Johann Gottfried Seumes »Spaziergang nach Symkus im                                             Jahre1802« (1805 erschienen). Vgl. dort die Berichte über die                                                      Wanderungen von Triest nach Venedig, von Spoleto nach Terni, das                                                 Abenteuer in Itri u. a. »bedenkliche« Situationen

In Roma simo                         (ital.) In Rom sind wir, und in Rom bleiben wir

depossediert                           entmachtet

Kardinal Rampolla                Mariane Rampolla, Marchese del Tindaro (1843 -1913), seit 1837 Kardinal                                               und Staatssekretär. Vertrat die Politik der Normalisierung der Beziehungen                                         zwischen dem Apostolischen Stuhl und den Regierungen Frankreichs und                                              Italiens. Seine Gegner verhinderten 1903 seine Papstwahl.

Ecclesiä triumphans              (lat.) Die triumphierende (weil sieghafte) Kirche.

Certosa                                               (ital.) Kartause: Kloster der Kartäuser. Der Kartäuserorden wurde als                                        katholischer Eremitenorden 1084 in der Grande Charteuse bei Grenoble                                          durch Bruno von Köln gegründet und 1176 durch Papst Alexander III.                                               bestätigt.

real turtle soup                                  (engl.) echte Schildkrötensuppe.

Ultramontanismus                 (lat.) ultra montes: jenseits der Berge (d.i. der Alpen). Ursprünglich als                                           Begriffwertneutral. Im 18. Jahrhundert gebräuchlich für diejenige Richtung

                                               im Katholizismus, die im Gegensatz zum Gallikanismus das Primat des                                         Papstes innerhalb der Kirche vertrat. Mit der Wiedererstarkung des                                                           Papsttums im 19. Jahrhundert führte der Ultramontanismus zur Spaltung                                     des Katholizismus. Er wurde zum Schlagwort im sogenannten Kulturkampf                                             und zog in die Begriffswelt der Asthetik ein.


Loeösung der Hausaufgabe vom 12. Februar 1996

Musteranalyse und Korrekturbemerkungen


In dem Textauszug von Johann Gottfried Seume aus "Spaziergang nach Syrakus" kritisiert Seume den Artikel über die Vergebung der Sünden. (Z.31-33)

Durch diesen Kritikpunkt äußert Seume wieder einmal, wie sehr er die kirchliche Organisation (Vatikan etc.) ablehnt.

(Z.33/34)

Bevor Seume seine Argumentation beginnt, stellt er klar, daß jeder Mensch, egel wieviel Gutes oder Böses er in seinem Leben getan hat, das gleiche Ende nehmen wird: er muß sterben. (Z.35)

Weiterhin zeigt Seume zwei über-geordnete Kritikpunkte auf, in denen er erklärt, warum er die Vergebung der Sünden ablehnt.

Erstens, weil durch die Vergebung der Sünden der Mensch geradezu daran gehindert wird, "alleine gehen zu lernen".(Z. 48) In dieser Aussage stecken zwei weitere Gesichtspunkte. Denn Seume kritisiert einerseits die Vormachtstellung, die die Kirche einnimmt.(Z.48 "Gängelbänder Empirik")

Er kritisiert die Kirche als übergeordnetes Machtinstrument, welches in sich selbst in Intrigen und Machtkämpfen verwickelt ist, gleichzeitig aber über die Leute urteilt, wenn deren Meinungen nicht der Kirchenlehre entsprechen.

Andererseits bedeutet die Aussage ("alleine gehen zu lernen" ) , daß der Mensch quasi daran gehindert wird zu

Es handelt sich um einen Glaubensgrundsatz der katholischen Kirche, Seume bezeichnet ihn hier eher verächtlcih als Artikel.

Sehr guter stringenter Einstiegder die Gedankenführung gleichzeitig gliedert!

Es ist gut, bereits am Anfang diesen Zusammenhang deutlich zu machen, aber es müßte genauer auf Textstellen bzw. Aussagen verwiesen werden, um die These zu belegen. Außerdem muß dann auch darauf verwiesen werden, daß dies keinesfalls die einzige Begründung Seumes ist.

Auch diese These wäre in einer sehr guten Anlayse zu hinterfrgaen, denn streng genommen bricht Seume hier wieder mit der katholischen Lehre, die doch den Gerechten die Auferstehung verheißt.

Untergliederung des Gedankens! Wichtig, um methodische und gedankliche Transparenz zu erzeugen!

These

Das "zweitens" geht verloren! Fehler in der Gliederung, weil der Gedanke nicht zuende geführt wird, sondern bereits der erste Teil ausführlich erklärt werden soll, bevor der zweite Teil erwähnt wird. Das geht nur bei sehr kurzen Erklärungen. Sonst muß man die Gliederung vorweg stellen und die Erklärung nachreichen.

weitere Untergliederung dient ebenso der Transparenz!

Inhaltliche Füllung der Thesen

Es müßte verdeutlicht werden, daß dieser Widerspruch parallel zu setzen ist, mit dem, den  Seume in der Vergebung der Sünden sieht!

Dieser Gedanke müßte weiter erklärt werden, damit klar wird, daß hier die Entwicklung des Gewissens gemeint ist.

lernen, was er richtig bzw. falsch gemacht hat. Das Gewissen wird sozusagen außer Kraft gesetzt.

Seume ist der Meinung, daß Dinge, die man falsch gemacht hat, durch die Vernunft begriffen und gelöst werden müssen. (Z.39-41) Erst wenn man begriffen hat, was falsch war, und es eingesehen hat, sollte man sich selbst verzeihen bzw. sollte jemandem verziehen werden.

Den zweiten Kritikpunkt an der Vergebung der Sünden sieht Seume darin, daß schlechte Menschen geradezu ermutigt werden, weiterhin schlecht zu sein, da ihre Sünden sowieso vergeben werden. (Z.41-42)

Anstatt daß ihre Sünden vergeben werden, sollen sie lieber daran verzweifeln und bestraft werden. (Z.45-47)

Nach Seumes Ansicht ist in Ländern , in denen der Artikel der Vergebung der Sünden praktiziert wird, kein ehrlicher Mann mehr sicher. (Z.48-50) Seume spielt mit dieser Aussage auf Italien an, da durch den Einfluß des Vatikans und des Papstes Italien mehr als andere Länder von der Kirche beeinflußt wird.

Außerdem hat Seume selbst seine Erfahrung mit Räubern gemacht und diese noch nicht ganz vergessen.

Seume beschuldigt also die Kirche, indirekt für die hohe Kriminalität in Italien verantwortlich zu sein.

Wegen der genannten Aspekte lehnt Seume eine Vergebung der Sünden ab.

In der vollständigen Analyse sollte versucht werden, diese Aussage noch zu verallgemeinern, d.h. sie hinsichtlich ihres Gehaltes einzuordnen., d.h. hier, zu sagen dasß es sich um eine philosophische (ethisch moralische) Dimension der Begründung handelt

Diese Aussage  ist sachlich nicht korrekt, denn Seume sieht, daß die Vernunft die Schwachheiten der Natur durch Stärke leiten und vermindern soll.

Es ist wichtig, mit dem Text präzise umzugehen

Die analytische Distanz geht verloren, weil sich der Schreiber miteinbezieht!

Untergliederung

Die Beziehung nach oben muß eigentlich deutlicher werden

Auch dieser Aspekt könnte weiter hinterfragt werden. Seume begründet doch hier psychologisch und schließt dann soziologisch, wenn  er davon spricht, daß die Verzweifung der Bösewichter eine Wohltat für die Welt sei.

Keine analytische Haltung, weil unklar bleibt, ob hier die Gedanken der Schreiberin wiedergegeben werden, oder ob es sich um eine Paraphrase der Gedanken Seumes handelt.

Die Distanz muß verdeutlicht werden.

Es fehlt der Schluß, daß er darin einen Nachteil sieht!

Dieser Einschub unterbricht den Gedanken. Seumes Erfahrungen müßten an anderer Stelle erwähnt werden. Dies wäre z.B. in einem abschließenden Fazit möglich.

Zusammenfassung:

Dieses Fazit sagt aber nichts aus, richtiger wäre hier ein Resümee der Ausssagen.

Dies könnte etwa so aussehen:  Seume begründet also seine Ablehnung der Vergebung von Sünden gesellschaftlich, psychologisch und philosophisch begründet, sie aber wohl auch von seiner generellen Ablehnung der Amtskirche und nicht zuletzt seinen noch frischen Erfahrungen als Opfer von Straßenräubern herruht.

"Die kleine Reise" - Der Spaziergang

Karl Philipp Moritz

                                                                       (aus Anton Reiser 1786)

Und nun eilte er gerade zum Tore hinaus - es war ein trüber neblichter Himmel - und ging auf ein kleines Wäldchen zu, das nicht weit von Hannover liegt. - Er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele, sich über alles das hinwegzusetzen, was ihn darnieder drückte - denn wie klein war der Umfang, der alle das Gewirre umschloß, in welches seine Besorgnisse und Bekümmernisse verflochten waren, und vor ihm lag die große Welt.

Aber dann kehrte wieder das wehmütige Gefühl zurück: wo sollte er nun in dieser großen öden Welt festen Fuß fassen, da er sich aus allen Verhältnissen herausgedrängt sähe? - Da wo auf einem kleinen Fleck der Erde die menschlichen Schicksale zusammenlaufen, war es nichts, gar nichts! - ()

Und wenn er nun so einsam dastand, so gab ihm der Gedanke, daß er dem Gedränge nun so ruhig zusehen konnte, ohne sich selbst hineinzumischen, schon einigen Ersatz für die Entbehrung desjenigen, was er nun nicht zu sehen bekam - allein fühlte er sich edler und ausgezeichneter als unter jenem Gewimmel verloren. - Sein Stolz, der sich emporarbeitete, siegte über den Verdruß, den er zuerst empfand - daß er an den Haufen sich nicht anschließen konnte, drängte ihn in sich selbst zurück und veredelte und erhob seine Gedanken und Empfindungen.

Dies war nun auch der Fall bei dem einsamen Spaziergange an dem trüben und regnigten Nachmittage, wo er den hämischen Blicken seiner versammelten Mitschüler und der gänzlichen Vernachlässigung und dem unerträglichen Nichtbemerktwerden, das ihm bevorstand, entfloh, indem er aus dem Tore von Hannover dem einsamen Walde zueilte.

Dieser einsame Spaziergang entwickelte auf einmal mehr Empfindungen in seiner Seele und trug mehr zur eigentlichen Bildung seines Geistes bei - als alle Schulstunden, die er je gehabt hatte, zusammengenommen.

Dieser einsame Spaziergang war es, welcher Reisers Selbstgefühl erhöhte, seinen Gesichtskreis erweiterte und ihm eine anschauliche Vorstellung von seinem eignen wahren, isolierten Dasein gab; das bei ihm auf eine Zeitlang an keine Verhältnisse mehr geknüpft war, sondern in sich und für sich selbst bestand.

Indem er einen Blick auf das Ganze des menschlichen Lebens warf, lernte er zuerst das Große im Leben von dessen Detail unterscheiden.

Alles, was ihn gekränkt hatte, schien ihm klein, unbedeutend und nicht der Mühe des Nachdenkens wert.

Aber nun stiegen andre Zweifel, andre Besorgnisse in seiner Seele auf - die er schon lange bei sich genährt hatte - über den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Ursprung und Zweck, Anfang und Ende seines Daseins über das Woher und Wohin bei seiner Pilgrimschaft durchs Leben - die ihm so schwer gemacht wurde, ohne daß er wußte, warum? - Und was nun endlich aus dem allen kommen sollte.

Dies erregte in ihm tiefe Melancholie. So wie er mühsam über die dürre I leide vor dem Walde im gelben Sande fort wanderte, umzog sich der Himmel immer trüber, indes ein feiner Staubregen seine Kleider durchnetzte als er in den Wald kam, schnitt er sich einen Dornstock und wanderte weiter fort - da kam er an ein Dorf und machte sich eben allerlei süße Vorstellungen von dem stillen Frieden, der in diesen ländlichen Hütten herrschte, als er sich in einem der Häuser ein paar Leute, die wahrscheinlich Mann und Frau waren, zanken und ein Kind schreien hörte.

Also ist überall Unmut und Mißvergnügen und Unzufriedenheit, wo Menschen sind, dachte er und setzte seinen Stab weiter fort. - Die einsamste Wüste wurde ihm wünschenswert - und da ihn endlich auch in dieser die tödliche Langeweile quälte, so blieb das Grab sein letzter Wunsch - und weil er nun nicht einsah, warum er sich die Jahre seines Lebens hindurch in der Welt von allen Seiten hatte müssen drücken, stoßen und wegdrängen lassen, so zweifelte er endlich an einer vernünftigen Ursach seines Daseins - sein Dasein schien ihm ein Werk des schrecklichen blinden Ohngefährs.

Es wurde früher wie gewöhnlich Abend, weil der Himmel trübe war und es stärker anfing zu regnen - und da er zu Hause wieder anlangte, war es schon völlig dunkel - er setzte sich bei seiner Lampe nieder und schrieb an Philipp Reisern:

Vom Regen durchnetzt und von Kälte erstarrt kehr ich nun zu dir zurück, und wo nicht zu dir - zum Tode - denn seit diesem Nachmittage ist mir die Last des Lebens, wovon ich keinen Zwecke sehe, unerträglich. - Deine Freundschaft ist die Stütze, an der ich mich noch festhalte, wenn ich nicht unaufhaltsam in dem überwiegenden Wunsche der Vernichtung meines Wesens versinken will.

Und nun erwachte auf einmal wieder der Gedanke, sich den Beifall seines Freundes durch den Ausdruck seiner Empfindungen zu erwerben. - Dies war gleichsam die neue Stütze, woran sich seine Lebenslust wieder festhielt

- und da den Nachmittag alle seine Empfindungen so äußerst stark und lebhaft gewesen waren, so wurde es ihm nicht schwer, sie wieder zurückzurufen. -

Er hub also an:

Dir, Freund, will ich mein Leiden klagen,

O könnten dir es Worte sagen:

Ich weiß, du fühltest meinen Schmerz -

Mich kränkt nicht hoffnungslose Liebe,

Nicht kränkten unerfüllte Triebe

Nach Ehr und Gold mein Herz. -

()

Mein Pfad geht über dürre Heide,

Hier flieht mich höhnend jede Freude

Und läßt nur Ekel mir zurück.

Ich wandre - doch wohin ich reise?

Woher? - das sage mir der Weise,

Der mehr als ich mich selber kennt -

Mein Dasein - das Sich kaum entschwinget

Dem Augenblick, der es verschlinget,

Und bang nach seinem Ziele rennt;

Wem soll ich dieses Dasein danken?

Wer setzt ihm diese engen Sehranken?

Aus welchem Chaos stiegs empor?

In weiche greuelvolle Nächte

Sinkts - wenn des Schicksals ehrne Rechte

Mir winket zu des Todes Tor? -

Dies Gedicht floß gleichsam aus seiner Seele. - Selbst der Reim und das Versmaß machte ihm nur wenige Schwierigkeit, und er schrieb es in weniger als einer Stunde nieder. - Nachher fing er bald an, Gedichte zu machen, bloß um Gedichte zu machen, und dies gelang ihm nie so gut. -

Aber der Frühling und Sommer des Jahres 1775 verfloß ihm nun ganz poetisch. - Die angenehmen Shakespearenächte, Welche er im Winter mit Philipp Reisern zugebracht hatte, wurden nun durch noch angenehmere Morgenspaziergänge verdrängt. -

Nicht weit von Hannover, wo der Fluß einen künstlichen Wasserfall bildet, ist ein kleines Gehölz, welches man nicht leicht irgendwo angenehmer und einladender finden kann. -

Hierher wurden Wallfahrten noch vor Sonnenaufgang angestellt - die beiden Wanderer nahmen sich ihr Frühstück mit, und wenn sie nun im Walde angelangt waren, so beraubten sie eine Menge Baumstämme ihres Mooses und bereiteten sich einen weichen Sitz, worauf sie sich lagerten und, wenn sie ihr Frühstück verzehrt hatten, sich einander wechselsweise vorlasen. - Hierzu wurden besonders (Ewald von, Anm. d. Hrsg.) Kleists Gedichte ausgewählt, die sie bei dieser Gelegenheit beinahe auswendig lernten.

Wenn sie dann am andern Tage wieder hinkamen, so suchten sie im ganzen Wäldchen erst ihren gestrigen Platz wieder und fanden sich nun hier wie zu Lause in der großen freien Natur, welches ihnen eine ganz besondere herzerhebende Empfindung war. - Alles in diesem großen Umkreise um sie her gehörte ihren Augen, ihren Ohren und ihrem Gefühl - das junge Grün der Bäume, der Gesang der Vögel und der kühle Morgenduft.

Wenn sie dann wieder heimkehrten, so ging Philipp Reiser in seine Werkstatt und machte Klaviere, indes Anton Reiser die Schule besuchte, wo nun größtenteils schon eine ganz andere Generation seiner Mitschüler war, so daß er auch hier mit leichterm Herzen hingehen konnte. -

In manchen Stunden suchte dann Anton Reiser auch seine geliebte Einsamkeit wieder, ob er nun gleich einen Freund hatte - und wenn irgendein schöner Nachmittag war, so hatte er sich auf einer Wiese vor Hannover längst dem Flusse ein Plätzchen ausgesucht, wo ein kleiner klarer Bach über Kiesel rollte, der sich zuletzt in den vorbeigehenden Fluß ergoß. - Dies Plätzchen war ihm nun, weil er es immer wieder besuchte, auch

gleichsam eine Heimat in der großen ihn umgebenden Natur geworden; und er fühlte sich auch wie zu Hause, wenn er hier saß, und war doch durch keine Wände und Mauern eingeschränkt, sondern hatte den freien ungehemmten Genuß von allem, was ihn umgab. - Dies Platzehen besuchte er nie, ohne seinen Horaz oder Virgil in der Tasche zu haben. - Hier las er Blandusiens Quell, und wie die eilende Flut

                                               Obliquo laborat trepidare rivo.

Von hier sahe er die Sonne untergehen und betrachtete die sich verlängernden Schatten der Bäume. - An diesem Bache verträumte er manche glückliche Stunde seines Lebens. - Und hier besuchte ihn zuweilen auch die Muse, oder vielmehr, er suchte sie. - Denn er bemühte sich jetzt, ein großes Gedicht zustande zu bringen, und weil er diesmal bloß dichten wollte, um zu dichten, so gelang es ihm nicht wie vorher; der Wunsch, ein Gedicht zu machen, war diesmal eher bei ihm da als der Gegenstand, den er besingen wollte, woraus gemeiniglich nicht viel Gutes zu folgen pflegt. - ()

Dieser Sommer war also für Anton Reiser ein recht poetischer Sommer. - Seine Lektüre mit dem Eindruck, den die schöne Natur damals auf ihn machte, zusammengenommen, tat eine wunderbare Wirkung auf seine Seele; alles erschien ihm in einem romantischen bezaubernden Lichte, wohin er seinen Fuß trat.

Aber ohngeachtet seines genauen Umganges mit Reisern liebte er dennoch vorzüglich die einsamen Spaziergänge. - Nun war vor dem neuen Tore in Hannover der Gang auf der Wiese längst dem Flusse nach dem Wasserfall zu besonders einladend für seine romantischen Ideen.

Die feierliche Stille, welche in der Mittagsstunde auf dieser Wiese herrschte; die einzelnen hie und da zerstreuten hohen Eichbäume, welche mitten im Sonnenschein, so wie sie einsam standen, ihren Schatten auf das Grüne der Wiese hinwarfen - ein kleines Gebüsch, in welchem man versteckt das Rauschen des Wasserfalls in der Nähe hörte - am jenseitigen Ufer des Flusses der angenehme Wald, in weichem er mit Reisern des Morgens in der Frühe spazieren gegangen war - in der Ferne weidende Herden; und die Stadt mit ihren vier Türmen und dem umgebenden, mit Bäumen bepflanzten Walle, wie ein Bild in einem optischen Kasten. - Dies zusammengenommen versetzte ihn allemal in jene wunderbare Empfindung, die man hat, sooft es einem lebhaft wird, daß man in diesem Augenblicke nun gerade an diesem Orte und an keinem andern ist, daß dies nun unsere wirkliche Welt ist, an die wir so oft als an eine bloß idealische Sache denken. - ()

Zu diesem allen kam nun noch, daß gerade in diesem Jahr die Leiden des jungen Werthers erschienen waren, welche nun zum Teil in alle seine damaligen Ideen und Empfindungen von Einsamkeit, Naturgenuß, patriarchalischer Lebensart, daß das Leben ein Traum sei usw., eingriffen.

Er bekam sie im Anfang des Sommers durch Philipp Reisern in die Hände, und von der Zeit an blieben sie seine beständige Lektüre und kamen nicht aus seiner Tasche. - Alle die Empfindungen, die er an dem trüben Nachmittage auf seinem einsamen Spaziergange gehabt hatte, und welche das Gedicht an Philipp Reisern veranlaßten, wurden dadurch Wieder lebhaft in seiner Seele. - Er fand hier seine Idee vom Nahen und Fernen wieder, die er in seinem Aufsatz über die Liebe zum Romanhaften bringen wollte - seine Betrachtungen über Leben und Dasein fand er hier fortgesetzt - ,Wer kann sagen, das ist, da alles mit Wetterschnelle vorbeiflieht?< - Das war eben der Gedanke, der ihm Schon so lange seine eigne Existenz wie Täuschung, Traum und Blendwerk vorgemalt hatte. - ()

Fast alle Tage ging er nun bei heiterm Wetter mit seinem Werther in der Tasche den Spaziergang auf der Wiese längst dem Flusse, w o die einzelnen Bäume standen, nach dem kleinen Gebüsch hin, wo er sich wie zu Hause fand und sich unter ein grünendes Gesträuch setzte, das über ihm eine Art von Laube bildete - weil er nun denselben Platz immer Wieder besuchte, so wurde er ihm fast so lieb wie das Platzehen am Bache - und er lebte auf die Weise bei heiterm Wetter mehr in der offenen Natur als zu Hause, indem er zuweilen fast den ganzen Tag so zubrachte, daß er unter dem grünen Gesträuch den Werther und nachher am Bache den Virgil oder Horaz las. ()

Seine Spaziergänge wurden ihm nun immer interessanter; er ging mit Ideen, die er aus der Lektüre gesammelt hatte, hinaus und kehrte mit neuen Ideen, die er aus Betrachtungen der Natur geschöpft hatte, wieder herein. - Auch machte er wieder einige Versuche in der Dichtkunst, die sich aber immer um allgemeine Begriffe herumdrehten und sich wieder zu seiner Spekulation hinneigten, die doch immer seine Lieblingsbeschäftigung war. So ging er einmal auf der Wiese, wo die hin und her zerstreuten Bäume standen, und seine Ideen stiegen auf eine Art von Stufenleiter bis zu dem Begriff des Unendlichen empor. - Dadurch verwandelte sich seine

Spekulation in eine Art von poetischer Begeisterung, wozu sieh denn die Begierde, den Beifall seines Freundes zu erhalten, gesellte. - ()

Der Spaziergang in der Menge

Rene Descartes

                                                                       (aus einem Brief an Guez de Balzac 1631)

In dieser großen Stadt, in der ich mich befinde, da es in ihr außer mir keinen Menschen gibt, der nicht Handel triebe, jeder derart auf seinen Nutzen bedacht, daß ich mein ganzes Leben hier bleiben könnte, ohne je von jemandem aufgesucht zu werden. Ich gehe jeden Tag mitten im Wirrwarr einer großen Bevölkerung mit ebenso viel Freiheit und Ruhe spazieren, wie Sie es in Ihren Alleen tun würden, und betrachte die Menschen, die ich dabei sehe, nicht anders als die Bäume, auf die man in Ihren Wäldern trifft, oder die Tiere, die dort grasen. Selbst das Geräusch ihres Gewerbes unterbricht meine Träumereien nicht mehr, als es das irgendeines Baches tun würde. Wenn ich zuweilen Überlegungen über ihre Tätigkeit anstelle, ziehe ich daraus dasselbe Vergnügen wie Sie bei dem Anblick von Bauern, die Ihre Felder bebauen; denn ich sehe, daß ihre Arbeit dazu dient, die Stätte meines Wohnsitzes zu verschönern und zu bewirken, daß mir dort nichts fehlt. Wenn es Vergnügen bereitet, die Früchte in Ihren Obstgärten wachsen zu sehen und bis zu den Augen im Überfluß zu stehen, so glauben Sie mir, daß es wohl ebenso viel bedeutet, Schiffe hier ankommen zu sehen, die uns reichlich verschaffen, was Indien hervorbringt und was es an Seltenem in Europa gibt. Welchen anderen Ort in der übrigen Welt könnte man wählen, wo alle Bequemlichkeiten des Lebens und alle Merkwürdigkeiten, die man Sich zu wünschen vermöchte, so leicht zu finden sind wie an diesem hier?

Georg Christoph Lichtenberg

                                                                       (aus einem Brief an Ernst Gottfried Baldinger 1775)

Stellen Sie sich eine Strase vor etwa so breit als die Weender, aber, wenn ich alles zusammen nehme, wohl auf 6mal so lang. Auf beyden Seiten hohe Häuser mit Fenstern von Spiegel Glas. Die untern Etagen bestehen aus Boutiquen und scheinen gantz von Glas zu seyn; viele tausende von Lichtern erleuchten da Silberläden, Kupferstichläden, Bücherläden, Uhren, Glas, Zinn, Gemählde, Frauenzimmer-Putz und Unputz, Gold, Edelgesteine, Stahl-Arbeit, Caffeezimmer und Lottery Offices ohne Ende. Die Straße läßt, wie zu einem Jubelfeste illuminirt, die Apothecker und Materialisten stellen Gläßer, worin sieh Dietrichs Cammer Husar baden kante, mit bunten Spiritibus aus und überziehen gantze Quadratruthen mit purpurrothem gelbem, grünspangrünem und Himmelblauem Lieht. Die Zuckerbäcker blenden mit ihren Kronleuchtern die Augen, und kützeln mit ihren Aufsätzen die Nasen, für weiter keine Mühe und Kosten, als daß man beyde nach ihren Häusern kehrt; da hängen Festons von spanischen Trauben, mit Ananas abwechselnd, um Pyramiden von Aepfeln und Orangen, dazwischen schlupfen bewachende und, was den Teufel gar los macht, offt nicht bewachte weißarmigte Nymphen mit seidenen Hutehen und seidenen Schlenderchen. Sie werden von ihren Herrn den Pasteten und Torten weißlich zugesellt, um auch den gesättigten Magen lüstern zu machen und dem armen Geldbeutel seinen zweytlezten Schilling zu rauben, denn hungriche und reiche zu reitzen, wären die Pasteten mit ihrer Atmosphäre allein hinreichend. Dem ungewöhnten Auge scheint dieses alles ein Zauber; desto mehr Vorsieht ist nöthig, Alles gehörig zu betrachten; denn kaum stehen Sie still, Bums! läuft ein Packträger wider Sie an und rufft by Your leave wenn Sie schon auf der Erde liegen. In der Mitte der Strase rollt Chaise hinter Chaise, Wagen hinter Wagen und Karrn hinter Karrn. Durch dieses Getöße, und das Sumsen und Geräusch von tausenden von Zungen und Füßen, hören Sie das Geläute von Kirchthürmen, die Glocken der Postbedienten, die Orgeln, Geigen, Leyern und Tambourinen englischer Savoyarden, und das Heulen derer, die an den Ecken der Gasse unter freyem Himmel kaltes und warmes feil haben. Dann sehen Sie ein Lustfeuer von Hobelspänen Etagen hoch auflodern in einem Kreis von jubilirenden Betteljungen, Matrosen und Spitzbuben. Auf einmal rufft einer dem man sein Schnupftuch genommen: stop thief und alles rennt und drückt und drängt sich, viele, nicht um den Dieb zu haschen, sondern selbst vielleicht eine Uhr oder einen Geldbeutel zu erwischen. Ehe Sie es sich versehen, nimmt Sie ein schönes, niedlich angekleidetes Mädchen bey der Hand: come, My Lord, come along, let us drink a Glass together, or I'll go with You if You please; dann passirt ein Unglück 40 Schritte vor Ihnen; God bless me, rufen Einige, poor creature ein Anderer; da stockt's und alle Taschen müssen gewahrt werden, alles scheint Antheil an dem Unglück des Elenden zu nehmen, auf einmal lachen alle wieder, weil einer sich aus Versehen in die Gosse gelegt hat; look there, damn me, sagt ein

Dritter und dann geht der Zug weiter. Zwischen durch hören Sie vielleicht einmal ein Geschrey von hunderten auf einmal, als wenn ein Feuer auskäme, oder ein Haus einfiele oder ein Patriot zum Fenster herausguckte. In

Göttingen geht man hin und sieht wenigstens von 40 Schritten her an, was es giebt; hier ist man (hauptsächlich des Nachts und in diesem Theil der Stadt [the City]) froh, wenn man mit heiler Haut in einem Neben Gäßgen

den Sturm auswarten kan. Wo es breiter wird, da läuft alles, niemand sieht aus, als wenn er spatzieren gienge oder observierte, sondern alles scheint zu einem sterbenden gerufen. Das ist Cheapside und Fleetstreet an einem December Abend.

Johann Wolfgang von Goethe

                                                                       aus Italienische Reise ((1816/17)

Neapel, zum 17. März

Hier wissen die Menschen gar nichts voneinander, sie merken kaum, daß sie nebeneinander hin und her laufen; sie rennen den ganzen Tag in einem Paradiese hin und wider, ohne sich viel umzusehen, und wenn der benachbarte Höllenschlund zu toben anfängt, hilft man sieh mit dem Blute des heiligen Januarius, wie sich die übrige Welt gegen Tod und Teufel auch wohl mit - Blute hilft oder helfen möchte.

Zwischen einer so unzählbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen, ist gar merkwürdig und heilsam. Wie alles durcheinander strömt und doch jeder einzelne Weg und Ziel findet. In so großer Gesellschaft und Bewegung fühl' ich mich erst recht still und einsam; je mehr die Straßen toben, desto ruhiger werd' ich.

Wilhelm von Humboldt

                                                                       (aus einem Brief an Caroline von Beulwitz 1789)

Was soll ich in dem schmutzigen Paris, in dem ungeheuren Gewimmel von Menschen? Ich war nur jetzt zwei Tage hier, und beinahe ekelt es mich schon an. von einer andern Seite hab ieh doch aber eine angenehme Empfindung. Bei dem unaufhörlichen Gewirre, bei der unbeschreiblichen Menge von Menschen verschwindet das eigene Individuum so ganz, kein Mensch bekümmert sich um einen, keiner nimmt Rücksicht auf einen, j a, man wird selbst so in dem Strom fortgerissen, daß man auch sich selbst nur wie ein Tropfen gegen den Ozean erscheint. Das hab ich gern.

Karl Philipp Moritz

                                               St. James-Park                     (aus Reisen eines Deutschen in England 1784)

Dieser Park ist weiter nichts als ein halber Zirkel von einer Allee von Bäumen, der einen großen grünen Rasenplatz einschließt, in dessen Mitte ein sumpflichter Teich befindlich ist.

Auf dem grünen Rasen weiden Kühe, deren Milch man hier, so frisch, wie sie gemolken wird, verkauft. In den Alleen sind Bänke zum Ausruhen. Wenn man durch die Horse-Guards oder Königliche Wache zu Pferde, welche mit verschiednen Durchgängen versehen ist, in den Park kommt, so ist zur rechten Seite, St. James Palace, oder die Königliche Residenz, wie bekannt, eines der unansehnlichsten Gebäude in London. Ganz unten am Ende ist der Palast der Königin, zwar schön und modern, aber doch sehr einem Privatgebäude ähnlich. Übrigens gibt es allenthalben um St. James-Park sehr prächtige Gebäude, die diesen Platz um ein Großes verschönern. Auch ist vor dem halben Zirkel, der dureh die Alleen gebildet wird, noch ein großer Platz, wo die Parade gestellt wird.

Wie wenig aber dieser so berühmte Park mit unserm Berliner Tiergarten zu vergleichen sei, darf ich nicht erst sagen. Und doch macht man sich eine so hohe Idee von dem St. James-Park und andern öffentlichen Plätzen in London: das macht, weil sie mehr als die unsern in Romanen und Büchern figuriert haben. Beinahe sind die Londner Plätze und Straßen weltbekannter, als die meisten unsrer Städte.

Was aber freilich den St. James-Park einigermaßen wieder erhebt, ist eine erstaunliche Menge von Menschen, die gegen Abend bei schönem Wetter darin spazieren geht. So voll von Menschen sind bei uns die besten Spaziergänge niemals, auch in den schönsten Sommertagen nicht, als hier beständig im dicksten Gedränge auf und niedergehen. Das Vergnügen, mich in ein solches Gedränge fast lauter wohlgekleideter und schöngebildeter Personen zu mischen, habe ich heute Abend zum erstenmal genossen.

Ehe ich in den Park ging, machte ich mit meinem Jacky noch einen andern Spaziergang, der mich nur sehr wenige Schritte kostete, und doch außerordentlich reizend war. ich ging nämlich die kleine Straße, wo ich wohne, nach der Themse zu hinunter, und stieg, beinahe am Ende derselben, zur linken Seite noch einige Stufen hinab, die mich auf eine angenehme mit Bäumen besetzte Terrasse am Ufer der Themse führten.

Von hier aus hatte ich den schönsten Anblick, den man sich nur denken kann. vor mir lag die Themse in ihrer Krümmung mit den prächtigen Schwibbögen ihrer Brücken; Westminster mit seiner ehrwürdigen Abtei zur

rechten, und London mit der Paulskirche zur linken Seite, bog sich mit den Ufern der Themse vorwärts, und

am jenseitigen Ufer lag Southwark, das jetzt auch mit zu London gerechnet wird. Hier konnte ich also beinahe die ganze Stadt, von der Seite wo sie der Themse zugewandt ist, mit einem Blick übersehen. Nicht weit von

hier in dieser reizenden Gegend der Stadt hatte auch der berühmte Garrick seine Wohnung. Diesen Spaziergang werde ich aus meiner Wohnung gewiß sehr oft besuchen.

Heinrich von Kleist

                                                                       (aus einem Brief an Karoline von Schlieben 1801)

Wenn ich das Fenster öffne, so sehe ich nichts, als die blasse, matte, fade Stadt, mit ihren hohen, grauen Schieferdächern und ihren ungestalteten Schornsteinen, ein wenig von den Spitzen der Tuilerieen, und lauter Menschen, die man vergißt, wenn sie um die Ecke sind. Noch kenne ich wenige von ihnen, ich liebe noch keinen, und weiß nicht, ob ich einen lieben werde. Denn in den Hauptstädten sind die Menschen zu gewitzigt, um offen, zu zierlich, um wahr zu sein. Schauspieler sind sie, die einen der wechselseitig betrügen, und dabei tun, als ob sie es nicht merkten. Man geht kalt an einander vorüber; man windet sich in den Straßen durch einen Haufen von Menschen, denen nichts gleichgültiger ist, als ihresgleichen; ehe man eine Erscheinung gefaßt hat, ist sie von zehn andern verdrängt; dabei knüpft man sich an keinen, keiner knüpft sich an uns; man grüßt einander höflich, aber das Herz ist hier so unbrauchbar, wie eine Lunge unter der luftleeren Campane, und wenn ihm einmal ein Gefühl entschlüpft, so verhallt es, wie ein Flötenton im Orkan.

Eduard Devrient

                                                                                   (aus Briefe aus Paris 1840)

Hier wo niemand sieh um seinen Nachbar bekümmert, ja ihn kaum kennt, wo Alles kalt und fremd und nur auf sich bedacht an einander hinrennt. ()

Hier, wo das ungeheuere Leben alle Individuen verschlingt, wo Einer an dem Anderen sich verzehrt, und die Gesellschaft eine bedeutende Persönlichkeit nach der anderen verbraucht und Keinem Friede und Freude dadurch wird, hier kann man lernen, weise sein. Hier fühlt man es: unser eigenstes, persönlich ewiges Leben gedeiht nur in dem stillen Kreise derer, die unserer Seele ganz und ewig angehören.

Charles Baudelaire

                                               Die Menge                 (aus Der Spleen von Paris 1861/62)

Nicht jedem ist es gegeben, ein Bad in der Menge zu nehmen: Die Menge zu genießen ist eine Kunst; und nur der kann sich auf Kosten des. Menschengeschlechts ein üppig volles Maß von Lebenskraft verschaffen, den eine Fee in der Wiege mit dem Hange zur Verstellung und zur Maskerade, mit dem Haß gegen die Häuslichkeit und mit der Leidenschaft für die Reise begabt hat.

Menge, Einsamkeit: zu gleichen, sich ergänzenden Begriffen macht sie der schaffende, fruchtbare Dichter. Wer seine Einsamkeit nicht zu beleben weiß, der versteht es auch nicht, in einem geschäftigen Gedränge für sich zu sein.

Der Dichter genießt ein unvergleichliches Vorrecht; nach seinem Belieben kann er für sich oder mit anderen sein. Gleich einer umherirrenden Seele, die einen Körper sucht, schlüpft er in die Person eines jeden hinein. Ihm allein steht alles offen; und wenn manche Plätze ihm versagt zu sein scheinen, so kommt das nur, weil es in seinen Augen nicht der Mühe verlohnt, sie aufzusuchen.

l)er einsame, versunkene Wanderer schlürft einen eigenartigen Rausch in dieser Weltgemeinde. Wer sich leicht der Menge vermählt, der kennt wohl die fieberhaften Genüsse, ewig verborgen dem Egoisten, der so verschlossen ist wie ein Koffer, und dem Faulen, der sich wie ein Molluske in sich zurückzieht. Alle Beschäftigungen, alle Freuden, die sich ihm bieten, und alles Elend nicht minder: er nimmt das hin, als wenn's ihn selbst beträfe.

Und was die Menschen Liebe nennen, ist klein, ist winzig und schwach im Vergleich zu dieser unbeschreiblichen Orgie, dieser heilige Prostitution der Seele, die sich in Hochherzigkeit und Mitleid ganz hingibt dem, der sich ihr unvermutet zeigt, dem Unbekannten, der vorüberstreift.

Es ist bisweilen gut, die Glücklichen dieser Welt zu lehren - und wäre es auch nur, um für einen Augenblick ihren dummen Hochmut zu beugen-, daß es ein höheres, ein größeres, weit feineres, genußvollendeteres Glück

gibt, als sie es kennen. Die Begründer von Kolonien, die Volksgeistlichen, die Missionare, die ans Ende der Welt verbannt sind, die wissen ohne Zweifel von diesem geheimnisvollen Rausch; und im Schoße der großen

Familie, die ihre eigene Kraft sich schuf, müssen sie bisweilen derer lachen, von denen sie um ihres so bewegten Geschickes und ihres so keuschen Lebens willen bejammert werden.