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Von der Europäisierung der Erde zur Europäisierung Europas




Von der Europäisierung der Erde zur Europäisierung Europas

Europa als einstiger Mittelpunkt der Welt
Schulatlanten zeigen Europa als Mittelpunkt einer Halbkugel der größten Landmasse, deren Zentrum ungefähr im Südwesten Frankreichs, im Raum der Loire, zu suchen ist. Aus dieser Lage ergeben sich funktionelle Zusammenhänge, wie sie dem Weltbild n der Europäisierung der Erde entsprechen: einerseits über das Mittelmeer hinweg nach Nord-afrika, andererseits m Vorderen Orient in den asiatischen Kontinent hinein und schließlich über den Atlantischen Ozean hinweg nach Nordamerika.

Die europäische Kartographie diente seit der Neuzeit dazu, den n den Europäern entdeckten Globus mitsamt seinen Kontinenten und Ozeanen für Seefahrer und Kaufleute sowie in weiterer Konsequenz für Politiker und Bildungsbürger überschaubar zu machen. Globen standen in den Kontoren der Kaufleute, in den Eingangshallen zu Fürstenresidenzen und in den Aulen n Universitäten. Das 19. Jahrhundert war durch das Bestreben gekennzeichnet, die letzten weißen Flecken auf den Karten der fernen Kontinente zu tilgen. Kartographie, Entdeckertum und Kolonialismus haben somit zuerst das politische und geographische Bild der Erde entstehen lassen.
Wenn der Papst seinen Ostersegen "Urbi et orbi spendet, so artikuliert er damit den Herrschaftsanspruch Roms über die Welt. In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass bereits drei Wochen nach der Rückkehr n Kolumbus nach Europa der Papst AlexanderVI. in der berühmten Bulle "Intercetera m Mai 1493 den Spaniern und Portugiesen die Herrschaftsrechte über die neu entdeckten Welten westlich Europas zugesprochen hat. Ein Jahr später wurde im Vertrag n Tordesillas die Neue Welt aufgeteilt. Zur Zeit Karls V. kreuzten auf den Weltmeeren die spanischen Fregatten unter der kaiserlichen Devise "plus ultra, "dem markantesten Europäerwort der Neuzeit (Sloterdijk 2002, S. 8). Eindrucksll wird das Selbstbewusstsein Europas sichtbar in Allegorien der (vier) Erdteile, wie sie die Barockmalerei liebte und in denen Europa die geistliche und politische Hegemonie über die übrigen Kontinente zugewiesen wurde (Poeschel 1985; Abb. 1.14).



Im Aufklärungszeitalter erreichte Europas Selbstbewusstsein seinen Höhepunkt. Europa versteht sich als "Träger oder Förderer der menschlichen Entwicklung, die auf eine europäische Weltkultur hinführen wird, als Vormacht, die "nicht nur das politische Übergewicht, sondern auch die geistige und wirtschaftliche Herrschaft über den Erdkreis besitzt, als "die große Werkstätte und zugleich der große Handelsmarkt der Weltwirtschaft (Philippson 1906, S.3).
Peter Sloterdijk schreibt in seinem ideenreichen Buch "Falls Europa erwacht (2002, S.1): "Von Kolumbus bis Hitler war es eine gemeineuropäische Überzeugung, dass dieses zerklüftete Kap der euroasiatischen Landmasse den geopolitischen und ideenmäßigen Brennpunkt des Erdballs darstellt. (Selbst) der Ausdruck .Welt' trug bis zum Jahr I9k5 eine europäische Färbung Leute n Welt waren ganz einfach die europäischen Eliten.

Die Europäisierung der Erde

Das Ausgreifen Europas ist ein anerkannter Topos der englischsprachigen Geschichtsschreibung. Eine umfassende, auf zehn Bände berechnete Darstellung unter dem Gesamttitel "Europe and the world in the age of expansion begann 1974 zu erscheinen und ist nahezu abgeschlossen. Soweit unter Europäisierung der Erde die koloniale und territoriale Kontrolle sowie die Herrschaftsausübung europäischer Mächte verstanden werden konnte, ist das Zeitalter der westlichen Dominanz, dessen Beginn Panikkar mit der Landung Vasco da Qamas in Indien, 1498, ansetzt, in den drei Jahrzehnten zwischen 1947 und 1977 zu Ende gegangen. Vielfältige Einwirkungen demographischer, sprachlicher, wirtschaftlicher, institutioneller, wissenschaftlicher und technologischer Art sind geblieben (Stourzh 2002),
Entscheidend für die Europäisierung der Erde war die Auswanderung europäischer Bevölkerung in die Neue Welt. Die Auswanderung aus Europa zwischen 1815 und 1914 wurde zur größten Bevölkerungsumsiedlung in der Geschichte. Ab 1871 verließen 34 Mio. Europäer den Kontinent, 25 Mio. siedelten sich dauerhaft außerhalb Europas an (Armengoad 1971, S. 170-173). So entstanden neue Siedlungen, mit überwiegend aus Europa stammenden Bevölkerungen.
Einige Zahlen zum Ausmaß der Auswanderung aus Großbritannien zeigen den Anstieg: Im 17. Jahrhundert betrug sie erst eine Viertelmillion Menschen, im 18.Jahrhundertl,5Mio., im 19.Jahrhundert bis herauf zum Ersten Weltkrieg waren es rund 25 Mio., welche nicht nur das britische Weltreich aufbauen halfen, sondern ganz wesentlich zur Europäisierung der Erde beitrugen.
Die extreme Periode der Auswanderung fiel in Großbritannien mit der so genannten "ersten Scherenphase der Bevölkerungsbewegung in Europa zusammen, das heißt der Abnahme der Sterbeziffern bei gleichzeitigem Anstieg der Geburtenziffern. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen aus den in starker Industrialisierung begriffenen Räumen die Auswanderungszahlen ab. Nur agrare Randgebiete wie Irland und Schottland stellten weiterhin eine beachtliche Zahl von Auswanderern. Katastrophale Ausmaße erreichte die Entvölkerung Irlands. Nach der Hungersnot der 1840er Jahre wanderten zwischen 1845 und 1855 etwa 1.840.000 Iren nach Übersee aus.
Zeitlich verschoben vollzog sich der Auswan-derungsprozess in Deutschland. Dabei bestanden Unterschiede zwischen dem Altsiedelraum und den Kolonisationsgebieten. In den Gebieten der Binnenkolonisation Preußens und Österreich-Ungarns erreichten die Geburtenziffern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit über vier Prozent höhere Werte als in Großbritannien. Die Freisetzung der Bevölkerungsmassen setzte jedoch später ein: in Österreich mit der Verbesserung der Lage der erbuntertänigen Bauern unter Maria Theresia und Joseph II. im späten 18. Jahrhundert, in Preußen mit den Stein'schen Reformen 1806. Ebenso, wie sich das Öffnen der Schere der Bevölkerungsentwicklung in Deutschland gegenüber Großbritannien um ein halbes Jahrhundert verzögerte, traf dies für die Auswanderung zu. Die ersten Auswanderungswellen begannen im frühen 19. Jahrhundert im südwestdeutschen Raum und erreichten ihren Höhepunkt in den 1870er Jahren, als ganze Auswanderungszüge von Köln und Leipzig nach dem großen Auswandererhafen Bremen organisiert wurden. Allerdings fehlte Deutschland damals noch der Besitz von Kolonien. Als das Deutsche Reich dann zu Kolonien kam, war der Hauptstrom der Auswanderung durch den Ausbau der Exportindustrien in der späten Gründerzeit bereits abgeebbt. Die Ströme der Binnenwanderung im Zuge einer großen Ost-West-Bewegung traten an die Stelle der Auswanderung.
Eine Sonderstellung, verglichen mit Großbritannien und dem Deutschen Reich, nahm Frankreich ein. Bereits im 14. Jahrhundert war es mit rund 18 Millionen Menschen das weitaus am dichtesten besiedelte Land Europas, mit einer Bevölkerungszahl, die an die Gesamtsumme von Italien und dem Deutschen Reich heranreichte. Das Ventil einer Binnenkolonisation fehlte. Bereits früh setzte in Frankreich die Geburtenbeschränkung ein. Es galt schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Wort: "Der französische Bauer hat nur ein Kind. Frankreich hat sich daher im 19. Jahrhundert auch nicht an der europäischen Massenauswanderung beteiligt.

Vor dem Ersten Weltkrieg erreichte die europäische Herrschaft über überseeische Territorien den Höhepunkt (Abb.1.15). Das britische Empire um-schloss 1912 ca. 30 Mio. qkm mit einer Bevölkerung von 376 Mio. Einwohnern (Mommsen 1991, S. 93). Frankreich besaß Kolonien im Umfang von fast 8 Mio. qkm mit einer Bevölkerung von 48,5Mio., das Deutsche Reich 2,9 Mio. qkm mit ca. 11 Mio. Einwohnern, die Niederlande hatten 2 Mio. qkm mit ca. 38 Mio. Einwohnern. Beachtlich waren die portugiesischen Besitzungen in Afrika. Spanien hatte dagegen seinen älteren Kolonialbesitz verloren bzw. zum Teil an die USA abtreten müssen.
Vor dem Hintergrund dieses europäischen Imperialismus war Europa selbst jedoch von inneren Gegensätzen und widerstreitenden Kräften aufgebrochen worden. Der revolutionäre Liberalismus, der Nationalismus und die soziale Revolution zerstörten das Werk des Wiener Kongresses von 1815, waren jedoch unfähig, gemeinsam eine neue europäische Ordnung zu schaffen. Die Ergebnisse der beiden Weltkriege bedeuteten die Stunde Null für die europazentrierte Weltpolitik.

Die Entkolonialisierung und das Erbe der Europäisierung der Welt

Mit Lenins Proklamation im Oktober 1917 und mit Wilsons 14 Punkten im Januar 1918, die sich auch an die Kolonialvölker richteten, wurde dem europäischen Imperialismus von den neuen Flügelmächten Europas der Kampf angesagt. Aus demokratischer Perspektive ließ sich die Kolonialherrschaft nur mehr legitimieren, wenn sie den betreffenden Kolonien den Weg zur Selbstregierung bahnte. Mit Hilfe des so genannten Mandatssystems des Völkerbundes erfolgte die Aufteilung des deutschen Kolonialbesitzes zwischen den Siegermächten.
Zwar bezeichnete Mommsen die Zwischenkriegszeit als eine Art "Altweibersommer des europäischen Imperialismus (1991, S.96), und es bestand noch die ideologische Basis des klassischen Imperialismus von der Überlegenheit des weißen Mannes über die nichtweiße Bevölkerung. Allerdings war sie nicht mehr wirklich tragfähig.
Der Zweite Weltkrieg beendete die Rolle Europas als Vormacht in der Welt endgültig. Die Vereinigten Staaten drängten auf eine möglichst rasche Verselbständigung der bisherigen Kolonien, der Pro-zess der Entkolonialisierung setzte ein.
Der Algerienkrieg beendete die Vierte Republik in Frankreich. Es überstürzten sich die Entwicklungen. Innerhalb eines Jahrzehnts wurden die meisten früheren Kolonien in Asien und Afrika unabhängig, wobei in Afrika zum Teil ein bis heute währendes, blutiges Chaos entstanden ist. Die Rolle der Ordnungsmacht ging von Großbritannien an die USA über.
Das Ende des Kolonialzeitalters bedeutete jedoch keineswegs ein Kappen aller funktionellen Verflechtungen mit den ehemaligen Kolonien. Diese traditionellen Verbindungen wirken vielmehr auf zwei Ebenen bis heute nach: Erstens sind europäische Sprachen, das Französische, das Englische, das Portugiesische und das Spanische, als Bildungs- und Handelssprachen in weiten Teilen der Erde, insbesondere in Afrika, erhalten geblieben; und zweitens lässt sich in den Regulierungen der Städte im Städtebau, in der Gesetzgebung und vor allem in den Export- und Importquoten der einstigen Kolonien eine Verknüpfung mit den ehemaligen Kolonialstaaten feststellen.

Die Rückwirkung der Europäisierung der Erde auf Europa

Es wurde darauf hingewiesen, dass der europäische Kontinent Jahrhunderte hindurch andere Erdteile beeinflusst, ihnen politische Formen aufgeprägt, sie in ein wirtschaftliches Kraftfeld eingespannt sowie Kapital und Menschen exportiert hat. Gerade Letzteres ist von wesentlicher Bedeutung, war die europäische Auswanderung doch ein Ventil in der europäischen Sozialgeschichte im Prozess der Früh- und Hochindustrialisierung, nicht nur für die agrarische Überschussbevölkerung, sondern auch für die Arbeitslosenheere. Der konjunkturzyklisch in Krisenzeiten überflüssig gewordenen "industriellen Reservearmee boten die Neusiedlungsländer eine zusätzliche Chance.
Über den mit der Auswanderung einhergehenden Aussiebungsprozess mobiler und flexibler Elemente ist viel diskutiert worden. Nicht übersehen sollte man die ausgeprägten sozialhistorischen Verschiebungen im Zeitraum der Europäisierung der Erde. Die Aussiebung umfasste nämlich ganz verschiedene Glieder der europäischen Sozialstruktur: vom Sträflingsexport der frühen Kolonialzeit über die Abwanderung breiter kleinbäuerlicher Schichten, aus denen zum Gutteil die Pioniergestalten der amerikanischen Frontier hervorgingen, über die Tagelöhnerheere Südeuropas bis zum "Auszug des Geistes als Konsequenz der politischen Verfolgungen des Dritten Reiches und in der Nachkriegszeit die Abwanderung vor allem britischer Jungakademiker. Gerade die jüngeren Bewegungen hatten zweifellos Auswirkungen auf das Verhältnis zwischen Europa und Nordamerika. Die Auswanderer haben in ihrer neuen Heimat als Katalysatoren der geistigen und technischen Entwicklung gedient und zivilisatorische Fortschritte erzielt, welche heute als Technologievorsprung von Amerika in speziellen Sektoren noch immer nach Europa zurückschlagen, welches überdies, zumindest gebietsweise, vom American Way of Life erfasst wurde.

Neben der Auswanderung ist die Bedeutung des Exports von Kapital von nicht zu unterschätzender Bedeutung, da damit die Entkolonialisierung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein großes Verlustgeschäft für die betreffenden europäischen Staaten geworden ist.

Als Beispiel sei Frankreich genannt, welches über ein Jahrhundert hinweg die Agrarwirtschaft im Mutterland zu Gunsten der Entwicklung in den Kolonien vernachlässigt hat und damit als Erbschaft der Entkolonialisierung eine geradezu katastrophale Rückständigkeit der Landwirtschaft in den 1960er Jahren aufwies. Verglichen mit dem ökologischen Potential des Staates hat Frankreich nicht die Entwicklung der Anrainerstaaten Schweiz und Deutschland mitgemacht, welche im Zeitalter der Industrialisierung auch die Agrarwirtschaft weiterentwickelt haben. Erst mit der Entkolonialisierung hat sich die Agrarpolitik Frankreichs mit Notwendigkeit auf das eigene Land konzentriert, unterstützt durch Rückwanderer, vor allem aus Nordafrika, welche in der Anlage von Intensivkulturen, besonders Weingärten und Obstplantagen, erhebliche Initiative entfalteten.
Auch das französische Städtewesen musste für die Kolonialpolitik bezahlen. Vor allem in der Zwischenkriegszeit kamen die städtebaulichen Investitionen nahezu ausschließlich den Kolonien zugute, während die Städte in Frankreich selbst gleichsam in Erstarrung verfielen. Dementsprechend brachte die Entkolonialisierung einen neuen Aufwind in der französischen Städtepolitik. Seit den 1960er Jahren hat Frankreich mit beispielhaftem Tempo nicht nur die Sanierung der Innenstädte in Angriff genommen, sondern auch in großzügigerweise den Bau von Satellitenstädten durchgeführt.
Am härtesten von der Entkolonialisierung wurde zweifellos Großbritannien betroffen, wobei sich dieser Prozess in zwei Etappen, zunächst nach dem Ersten und sodann im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg, abgespielt hat. Das Wirtschaftskonzept des Empire, mit dem Export von Textilgeweben und Kohle, geriet bereits mit dem Ersten Weltkrieg in eine schwere Krise, welche den Verfall von Tex-til- und Kohlerevieren zur Folge hatte. Die Krise des Sozialsystems war jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg noch viel stärker, als mit der Heerschar von aus den Kolonien zurückkehrenden Offizieren und Verwaltungsbeamten eine nicht vorhersehbare neue Form der Arbeitslosigkeit entstanden ist. Der Beitritt zur EWG bedeutete wirtschaftspolitisch für Großbritannien einen Schlussstrich unter das Zeitalter britischer Kolonialherrschaft.

Vom Experiment der Teilung zur Europäisierung Europas

Das 20. Jahrhundert war politisch ereignisreich, es war das Zeitalter von zwei Weltkriegen, es war die Ära der Entkolonialisierung; seine zweite Hälfte sah das politische Experiment der Teilung Europas und ebenso dessen Ende.
Sloterdijk beschreibt eindrucksvoll die Aspekte des europäischen Vakuums 1945 -1989, wonach der "Wettlauf der russischen und der amerikanisch-westalliierten Armeen nach Berlin im Frühjahr 1945 das Schicksal Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts antizipiert hat. Die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg war durch die Politik des Cordon Sanitaire der Sowjetunion bestimmt. Europäisierung konnte nicht mehr Eigenständigkeit ganz Europas bedeuten, sondern nur den Zusammenschluss Westeuropas mit Hilfe der USA gegen die Sowjetunion. Es entstand somit eine freiwillige Anlehnung Westeuropas an die USA und eine unfreiwillige Unterwerfung Osteuropas unter die UdSSR, wobei sich Abstriche hinsichtlich der territorialen Ausdehnung ergaben.
Sloterdijk schreibt: "Der Ausfall von kO Millionen Toten hat die ,Atmosphäre in Schwingungen' versetzt, eine mystische Emission, die an den Lebenden zehrte wie eine grenzenlose Schuld (2002, S. 17). Als Kennzeichen der Ideologien nach dem Absturz Europas aus der Mitte der politischen Welt nennt er eine abstrakte Abendlandfrömmigkeit ebenso wie den Wachstumsoptimismus und die radikalen Postulate der akademischen Jugend bis zum neuen Absurdismus der No-Future-No-Past-Generation und der Erlebnis-, Spaß- und Simulationskultur und fügt hinzu, dass man sich im 21. Jahrhundert wundern werde, wie gierig Nordamerika diese postmodernen Werte aus dem europäischen Protektorat importiert habe (S.23). Sloterdijk spricht von den Toten des Zweiten Weltkriegs, er spricht aber nicht von den Konsequenzen der politischen Teilung Europas, den Umbrüchen auf der politischen Landkarte, der Verschiebung von Staaten wie Polen um 200 km von Ost nach West, den Millionen von Vertriebenen und Heimatlosen. Das 20. Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert von zwei Weltkriegen, sondern auch das Zeitalter der Vertreibungen gewesen.
Mit der Stunde Null für Europa begann 1945 der Aufstieg der europäischen Idee. Die alten nationalen Gegensätze wurden überlagert vom Ost-West-Konflikt. Die ehemaligen Kolonialmächte in Westeuropa wurden auf ihre eigene Existenz zurückgeworfen. Millionen von Flüchtlingen kamen aus den kommunistischen Staaten in den Westen. Schließlich bildete der Eiserne Vorhang kO Jahre lang eine unübersteigbare Ostgrenze. Die im Westen gelegenen Staaten Europas haben sehr rasch begriffen, dass sie sich politisch und wirtschaftlich nur behaupten können, wenn sie sich in unterschiedlicher Konstellation zu Verträgen zusammenfinden.
Judt schreibt in "Große Illusion Europa (1996, S. 57): "Der Gründungsmythos des modernen Europa besteht darin, dass die europäische Gemeinschaft Kern einer weitreichenden paneuropäischen Perspektive ist. Ohne diesen Mythos wären die einzelnen Maßnahmen, denen sich dieses Europa verdankt, der Marshallplan, die Montanunion, die OECD, die gemeinsame Agrarpolitik und dg/., selbst der Europäische Gerichtshof, nichts weiter als praktische Lösungen für spezifische Probleme geblieben. So gesehen schufen sie die notwendigen Voraussetzungen für den Aufbau Europas.

Europäisierung ist inzwischen ein viel gebrauchtes Schlagwort, mit dem die wechselseitige Durchdringung europäischer Staaten und Gesellschaften auf einen Nenner gebracht und die Frage nach einer zunehmenden Angleichung der europäischen Systeme aufgeworfen wird. In wissenschaftlichen Abhandlungen kommt es allerdings zu einer Einschränkung der Fragestellung in Hinblick auf die Prozesse der Vergemeinschaftung in der EU und die Effekte ihrer Politik. Europäisierung wird damit als EU-Europäisierung verstanden. Gleichzeitig gilt: Was die EU ist, ist sie durch Verträge.














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