Um mich nach dieser ersten
Begriffsklrung der Kernfrage - die nach den Gemeinsamkeiten von
Sozialismus und Liberalismus - anzunehmen, werde ich darauffolgend mit Mill,
Bernstein und den Fabianern die gesellschaftlichen Entwrfe von
Intellektuellen beschreiben, fr die Sozialismus und Liberalismus keine
unberwindbaren Gegenstze darstellten. Im Gegenteil: Wie wir
sehen werden, begriffen sich z.B. die Fabianer mit ihren sozialistischem
Gedankengut als die 'echten' Liberalen.
Unter Einbeziehung dieser
Vorstellungen von Gesellschaft und Staat schliet sich eine Diskussion
der Begriffe Liberalismus und Sozialismus an. Es wird auf differierende Strmungen
innerhalb der jeweiligen Theorie hingewiesen und es werden berlegungen
zur Vereinbarkeit dieser politischen Traditionen angestellt.
Die Konklusion schlielich
bercksichtigt darberhinaus einige wichtige Details, in denen
Unterschiede bestehen.
A. Holmes Anatomie
des Antiliberalismus
1. De Maistre
Holmes datiert die Entstehung
des Antiliberalismus als einer Denkrichtung auf das 18.Jahrhundert.(Holmes,
1995, S.35) Sein Augenmerk richtet er zunchst auf den franzsischen
Diplomaten und Gegner der franzsischen Revolution Maistre: 'Kein
zweiter der frhen Theoretiker fhrte soviele wegberteitende antiliberale
Ideen ein wie er.'(S.36)
De Maistre war der
Auffassung, da Religion die Grundlage der Gesellschaft ist und Vernunft
diese nur zerstren kann.(Siehe S.43) Der Zweifel an Gott fhrt
zu Ha auf die politischen Autoritten.(S.36) Wenn aber die Regierung
kritisiert wird droht ihr Zusammenbruch.(Siehe S.40)
Die Gesellschaftlichkeit ist
ein Gebot Gottes(S.42);
der Zweifel jedoch bringt die Atomisierung der Gesellschaft mit sich.(Siehe
S.44)
Der Mensch ist irrational,
kurzsichtig und willensschwach und kann ohne Lenkung von oben nicht leben (de
Maistre weist einer gottgleichen Autoritt diese Aufgabe zu). Die
Liberalen dagegen gehen von einem falschen Menschenbild aus: sie unterschtzen
das Bse im Menschen.(Siehe S.50)
Verfhrerische Dogmen
und trstende Lgen sind unverzichtbar. Ziel ist eine tiefe Ehrfurcht
der Menschen, denn: 'Soziale Stabilitt erfordert [] einen
bedingungslosen Glauben an die Unabnderlichkeit der Gesetze und der
politischen Verhltnisse.'(S.51)
Wissenschaft ist zusammen mit
der Philosophie unvereinbar mit der traditionellen Moral und daher
verantwortlich fr den revolutionren Terror.(Siehe S.53) Der
Mensch ist auf Mythen angewiesen, Skeptisismus hingegen ist eine starke
Bedrohung der Gesellschaft(Vgl. S.54/55; lt. Holmes ist diese Vorstellung seit
Maistre ein Allgemeinplatz der Antiliberalen geworden. S.55)
Die individuelle Vernunft mu
sich in der nationalen Vernunft verlieren. Gesellschaftlicher Zusammenhalt
kann nur durch ueren Zwang gewhrleistet werden.(Vgl.
S.56 u.58)
2. Carl Schmitt
Der Zusammenbruch des
Kaiserreiches 1918 und das an seine Stelle tretende schwache liberale
Regierungssystem knnen nach Holmes als Hauptanschlsse und
Antriebsfedern von Schmitt`s Antiliberalismus gelten.(Siehe S.75)
Liberalismus wird von Schmitt
mit Passivitt und Entscheidungsschwche gleichgesetzt. Der
Liberalismus ist feige und bermig kompromibereit.(Vgl.
S.86 u. 89)
Die Liberalen haben den Staat
geschwcht um das Privateigentum zu schtzen. Damit ist die einzige
Macht gelhmt, die der sozialistischen Gefahr zu begegnen imstande wre.
Auf der 'Flucht vor der Politik' mangegle es den Menschen an Mut zum
Blutvergieen.(Siehe ebd.)
Schmitt ist gegen
Verhandlungen und fr harte politische Entscheidungen (z.B. die Bestimmung
von Freund und Feind). Autoritre Befehle entlasten den Menschen
emotional und lassen keinen Raum fr moralischen Skeptizismus.(Siehe
S.92)
'Demokratie'
definiert Schmitt als psychologische Identifikation von Regierenden und Regierten,
die nicht auf Wahlen
und Parteienkonkurrenz angewiesen ist.(Vgl. S.94f.) Ein wahrhaft demokratisches
Volk folgt dem Verhalten, das ihm ein charismatischer Herrscher vorgibt.(Siehe
S.96)
3. Leo Strauss
Wie de Maistre so weist auch
Leo Strauss der Religion zum Funktionieren einer Gesellschaft eine wichtige
Aufgabe zu. Sie sorgt fr eine heilsame Unterwerfung unter die herrschende
Schicht und hemmt Sehnschte und Bedrfnisse, die bei freier
Entfaltung ber ein Ma hinauswachsen wrden, das die
Gsellschaft noch befriedigen knnte.(Siehe S.119) Es mu Mythen
geben, um Wahrheiten wie die, da es nach dem Tod kein Leben gibt, dem
gemeinen Menschen nicht zugnglich zu machen. Die Entdeckung der Natur
bleibt das Werk von Philosophen. Wren aber ihre ('wahren')
Einstellungen Allgemeingut, wrden sich die Menschen so benehmen, als wre
alles erlaubt. Es wrde zu einer 'massenhaften Enthemmung'
kommen.(Vgl. S.120-123) Die Philosophen knnen zwei gesellschaftliche
Funktionen ausben: 1. Sie knnen zur Beruhigung oder Betubung
des Volkes beitragen (z.B. mittels Verteidigung der Mythen und der Religion).
2. Sie sollen dadurch, da sie Inhaber hoher politischer mter
sachdienlich beraten, eine heimliche Knigsherrschaft ausben.(Siehe
S.135)
Der Liberalismus ist deshalb
verkommen, weil er unbercksichtigt lt, da das
Wesen der Natur die Ungleichheit ist. Die Kluft zwischen hher Stehenden
und niedriger Stehenden ist der einzige moralische Kompa. Der liberale
Ha auf die Aristokratie hat die Menschen fehlgeleitet(Siehe S.131)
Den Menschen sieht Strauss
nicht einsichtig genug, die moderne Wissenschaft nutzbringend
einzusetzen.(Vgl. S.133) Sie lst die religise Bedrfnisbefriedigung
auf.
4. Alasdair MacIntyre
Die Geschichte der westlichen
Zivilisation ist die eines Verfalls. Soziale Beziehungen sind durch
Individualismus ausgedrrt, die Menschen sind heute wurzellos. Ein
idyllischer Konsens in allen moralischen Fragen wurde durch einen endlosen
Disput ersetzt.
Die Hauptpfeiler der
liberalen Ideologie sind Streitigkeiten und Zweifel. Moralische Fragen
unterliegen endlosen Anfechtungen. Der moralische Pluralismus der liberalen
Welt droht uns alle zu berrollen.(Siehe S.167f.) Die Menschen wissen
nicht (mehr), wie sie leben sollen.(Siehe S.162f.)
In liberalen Gesellschaften fehlen Glubigkeit, Unterwerfung und unverrckbare
Grenzen. Autoritt kann den Menschen hingegen 'die Gewiheit
geben, die das Fehlen einer Wahl hervorbringt.'(S.170)
Die wissenschaftliche
Revolution und die Aufklrung sind kontraproduktiv. Beide greifen den
Glauben an. Moral aber ist immer auf das Sakrale angewiesen.(Vgl. S.172ff.)
Eine gute Tradition frdert
ein Gefhl der Gewiheit, bestrkt die soziale Solidaritt
und verleiht dem Leben Einheit. (Naheliegenderweise kann ein nach umfassenden
Kosmopolitsmus strebender Liberalismus diese Ergebnisse lt. MacIntyre nie
zeitigen - Vgl. S.201.) Die griechische Polis dient dem Liberalismuskritiker
als Modell, den Menschen von heute zu zchtigen. Die Brger haben
gemeinsame Auffassungen und ein gemeinsames Ziel. Die Stadt verbindet die
Anstrengungen der einzelnen zu einem harmonischen Ganzen.(Vgl. S.201f.)
5. Christopher Lasch
Zu den rgerlichsten Zgen
der progressiven Gesellschaft gehren Lasch zufolge die Miachtung
von Autoritt, eine Ethik des Genusses, tolerantes Denken, Irreligiositt,
der Verfall der traditionellen Gemeinschaften und ein allgemeiner
Sittenverfall.(Siehe S.222)
Auch Lasch ist gegenber
der Naturwissenschaft kritisch eingestellt. Sie weckt die Erwartung, da
die Technik evtl. alle Einschrnkungen der menschlichen Freiheit auf-
heben knnte.
Als natrliches Ergebnis der wissenschaftlichen Revolution bezeichnet
Lasch die Vernichtung des Regionalismus, mithin der Gruppenloyalitt.(Vgl.
S.236) Die Enthemmung der menschlichen Sehnschte und Bedrfnisse
befreite die Menschheit aus einem jahrhundertealten Muster.(Siehe S.226f.)
Die vom Sozialstaat verteilte
Sozialhilfe zeigt, da Meschen als Verbraucher, nicht aber als
'Praktizierende von Tugenden' angesehen werden. Eine ideale
Gesellschaft ist eine, die sich aus kleinen Produzenten zusammensetzt und eine
effektive Kontrolle auf lokaler Ebene ermglicht.(Vgl. S.237ff.)
6. Robert Unger
Wie man Antiliberalist sein
kann und doch ganz anderer Meinung als seine Kritikerkollegen lt
sich an Unger ablesen. Der Liberalismus verstellt uns seiner Meinung nach die Mglichkeit,
ganzheitliche Persnlichkeiten zu sein. Der liberale Mensch ist zu
unterwrfig.(Siehe S.258) Nichts ist schlimmer als der Status Quo.
Gefragt ist ein Niederreien von Hierachien, ein 'context
smashing', eine vollstndige Vernderung der Gesellschaft.
Menschen in liberalen
Gesellschaften sind gesichtslose Vertreter von vorbestimmten Rollen. 'Wir
reden und handeln, als ob Institutionen naturgegeben, notwendig und heilig wren.'(S.284)
Wenn wir erst erkennen, da alles Politik ist, werden wir von
Marionetten zu den Architekten des sozialen Umfelds.(Siehe ebd.) Die
Gewaltenteilung vereitelt eingreifende Reformen und Verfassungen schreiben
zuviel fest.(Siehe S.285 u. 288) Einige Ideen des Liberalismus, die sich dem
persnlichen Schutz der Freiheit und dem der Privatsphre
widmen, sind indes nicht abzulehnen.(Vgl. S.271f.)
Als Gemeinsamkeiten aller
Antiliberalen sieht Holmes die Verdammung moderner Gesellschaften und das
Verachten des hedonistischen Materialismus an. Antiliberalisten halten dem
Liberalismus Sinnverlust und geistige Verarmung vor und schreiben der Wissenschaft
eine Vergttlichung des Menschen zu (sie ist berdies ungeeignet,
Mastbe fr moralisches Handeln zu entwickeln). Die
Emanzipation vom christlichen Erbe geben sie die Schuld fr die bel
in liberalen Gesellschaften.(Vgl. S.445)
B. Holmes Anatomie des
Liberalismus
Der Auflistung der
antiliberalen Denker stellt Holmes sein Verstndnis vom Liberalismus
entgegen. Dabei wirft er den Antiliberalisten einerseits vor, ein falsches Bild
vom Liberalismus zu haben und wenig Sensibilitt fr die Umstnde
seiner Entstehung aufzubringen. Andererseits kritisiert er ihre vollkommene
Ausblendung der Gefahren, die der Kommunitarismus in sich brgt. Holmes
sieht in ihm die Funktion eines Betubungsmittels; da kollektive
Handlungen auch monstrs sein knnen wird nicht beleuchtet. Der
Umgang mit Nonkonformisten stellt hier ein Problem (ggf. der Diskriminierung)
dar.
Demgegenber wird der
Individualismus zwangsweise als antisozial eingestuft. Tatschlich
bringt er aber eine hhere Sensibilitt gegenber anderen
Menschen als Individuen mit sich.(Siehe S. 312)
1. Atomisierung der
Gesellschaft und Ignorieren des Allgemeinwohls?
Den Kritikern des
Liberalismus kommt derselbe vor wie eine Aufforderung nach Atomisierung der
Gesellschaft und der Verwerfung der Allgemeinwohls. Das Allgemeine wrde
dem Privaten geopfert. Den liberalen Kern zeichnet demgegenber Holmes
zufolge aus: a) Die Gesellschaft kann auch auf Grundlage skularer
Normen zusammengehalten werden. b) Die Formulierung des moralischen Prinzips
der Gleichheit vor dem Gesetz als Ziel staatlicher Verfatheit. c) ffentlicher
Widerspruch und Meinungsvielfalt sind kreative Krfte.(Siehe S.326f.)
Dem Vorwurf der Atomisierung setzt er entgegen, da liberale Ideen wie
Toleranz, Meinungsfreiheit, Parlamentarismus und Marktwirtschaft ohne ein
enggeknpftes Netz sozialer Beziehungen gar nicht denkbar ist.(Vgl.
S.333)
Antiliberalisten verkennen
den historischen Kontext der Entstehung des Liberalismus. Es ging darum, den
Machtmibrauch seitens des steuereintreibenden Staates und der Kirche
als Wahrheitsmonopolisten entgegenzutreten. Fr Liberale ist der Mensch
von Natur aus frei und es kann keine grausame Unterordnung von Individuen unter
die Zwecke einer Gemeinschaft geben. Holmes stellt spter klar, da
das Gegenteil von Eigeninteresse nicht Gemeinnutz heit. Mit dem Begriff
des Eigeninteresses versuchten die Liberalen, selbstverleugnenden Gehorsam,
Bevormundung und Staatsverherrlichung zu berwinden.(Siehe S.436f.)
Locke 'betonte die Unabhngigkeit, die dem einzelnen von Natur aus
zukommt nicht, um die Gesellschaft zu `atomosieren`, sondern um die aus
unerdenklichen Zeiten stammenden persnlichen Abhngigkeitsbeziehungen
auszuhhlen.'(S.336) Der Liberalismus fordert das selbstndige
Denken und leugnet, 'da andere unsere Interessen definieren knnen.'(S.342)
Trotz der Betonung der
Individualitt widersprechen Liberale nicht dem Aufbau des
Gemeinschaftlebens. Zum Allgemeinwohl zhlt fr sie die
Gerechtigkeit, die Selbstbestimmung und die Frchte einer friedlichen
Koexistenz.(Siehe S.346)
2. Privatssphre vor ffentlicher
Verpflichtung?
Mit den liberalen Rechten der
Vertragsfreiheit, Vereins- und Verbandsfreiheit, Rede- und Pressefreiheit
werden viele Formen gesellschaftlicher Beziehungen erst mglich gemacht.
Die persnlichen Rechte dienen der Entfaltung der Talente (es ist
Aufgabe des Staates, diese zu frdern) und nicht der Schaffung von
Egoismen; eines dem einzelnen vorbehaltenden Raumes.(Vgl. S.387f.) Auch
Liberale kennen Tugenden (Vernnftigkeit, Toleranz, Ablehnung
kriegerischer Tugenden) und Pflichten (Kindererziehung, Loyalitt gegenber
den Gesetzen), soda gesellschaftliche Pflichten und politische Freiheit
durchaus miteinander vereinbar sind.(Vgl. S.391f.)
Dem Vorwurf der konomisierung
des geistigen Lebens und der Entfesselung des wirtschaftlichen Egoismusses hlt
Holmes die historische Erfahrung entgegen, nach der das beste Mittel gegen die
Probleme des Mangels ein reguliertes Privateigentum und der Handel ist.(Vgl.
S.370)
Dennoch ist eine
Gleichsetzung von Liberalismus mit einem 'Extrem-Individualismus'
falsch. Holmes verneint, da Freiheit bedeute, alle erdenklichen Bedrfnisse
zu erfllen. Es gibt einen Primat der moralischen Normen ber
subjektive Neigungen. 'Die Liberalen vertraten keinen zgellosen
Selbstgenu.'(S.400)
Obwohl dem Staat seitens der
Liberalen immer Zweifel entgegengebracht werden (ihm also quasi systemimmanent
immer zuzutrauen sein mu, seine Macht zu mibrauchen und daher
auf Kontrollmechanismen Wert zu legen ist)
schreiben sie ihm auf der anderen Seite wichtige Aufgaben zu. Er ist fr
die Infrastruktur und das Bildungswesen, fr Armenfrsorge und
den Justizapparat zustndig. Der liberal orientierte Staat setzt vor
allem ein einheitliches Rechtssystem und eine einzige Norm der Gerechtigkeit
durch.(Vgl. S.351)
Da der Liberalismus
in den Augen seiner Kritiker die allgemeinen Ziele, die die Menschen verfolgen
sollten, niedriger hngt, hat damit zu tun, da er sich vorrangig
der Voraussetzungen der Verfolgung der Ziele (d.h. Frieden, Gerechtigkeit,
Wohlfahrt etc.) verschrieben hat.
Individuen und Untergruppen knnen sich dann um die
'erhabenen' Ziele kmmern.(Vgl. S.378; siehe hier auch
Anmerkung 8)
Auch der Vorwurf moralischen
Skeptizismusses geht ins Leere. Das Recht eines jeden, seine moralische
Wahrheit zu suchen korrespondiert mit einer Selbstdisziplinierung aufgrund des
Respektes vor dem anderen. Auch die Organisation der Machtkontrolle mittels
Gewaltenteilung ist letztlich moralisch, da sie darauf abstellt, mavolle
und gerechte Gesetze hervorzubringen.(Vgl. S.411) Der Staat schafft berdies
mit dem Rechtssystem eine einheitliche gesellschaftliche Norm. Alle Liberalen
ordnen das Eigeninteresse einer verbindenen und einklagbaren Norm der
Gerechtigkeit unter. Daher sind Liberale keine radikalen Subjektivisten.(Vgl.
S.407f. und S.410) Das Verbot, sich selbst von den Gesetzen auszunehmen ist das
zentrale Gebot liberaler Theorie. 'Der Ausschlu von ererbten Herrschaftsmonopolen
ist zugleich eine Besttigung der Chancengleichheit:'(S.411) Fr
den liberal Denkenden ist wichtig, da der Stand, in dem man
hineingeboren wird, nicht der Schlssel zum Leben ist.(Vgl. S.340)
3. Diskussion
Holmes versteht den
Liberalismus als Produkt von Lsungsvorschlgen auf konkrete
geschichtliche Probleme (Brgerkrieg, berwindung der Monarchie).
Die Strkung des Individuums ist als Abwehrstrategie gegen einen willkrlich
handelnden Staat zu begreifen. Dieser wiederum hat sich nicht mehr
einzumischen als unbedingt erforderlich (zu schnell wrde er sonst in
die Schutzbereiche der persnlichen Rechte eingreifen). Der Staat hat
ganz im Gegenteil dafr zu sorgen, da diese persnlichen
Rechte gewhrleistet sind (einklagbare Norm der Gerechtigkeit). Er ist
dafr verantwortlich, da die Spielregeln fr das
friedliche Zusammenleben eingehalten werden. Der Gesellschaft selbst wird aufgetragen,
sich um die politischen Ziele zu kmmern. Der Liberalismus stellt
gewissermaen nur den Rahmen dar, den Pinsel fr das zu
zeichnende Bild liegt in der Hand des Volkes (bzw. seiner Reprsentanten).
Auch knnen und sollen an diesem Bild immer wieder nderungen
vorgenommen werden. Der Liberalismus schlgt lediglich die (aus seiner Sicht) optimale Verfatheit
zur Erreichung politischer Ziele vor, nicht diese selbst. Genau hier greift nun
der Antliberalismus an. Er beklagt die Ziellosigkeit liberaler Gesellschaften
und ihr Unvermgen, dem einzelnen darin einzuweisen, was 'Gutes
Leben' heit. Der Liberalismus hinterlt
nichtzuletzt aufgrund seines Zweifels gegenber der Religion eine Orientierungslosigkeit
und ein moralisches Loch. Der Entwurzelung der Menschen folgt kein Umtopfen
sondern der alleinige Hinweis darauf, da jeder fr sich die
Wahrheit finden mu.
Es stellt sich daher die
Frage, wieviel Lenkung der Mensch (durch wen) zu erfahren hat. Besonders
interessant sind hier die Einstellungen von de Maistre und Strauss, die sich
bewut fr Mythen z.B. der Religion (Strauss) oder Lgen
und Dogmen (de Maistre) aussprechen, um soziale Stabilitt zu gewhrleisten
und eine 'massenhafte Enthemmung'(Strauss) zu verhindern.(S.o.)
Wie sehr ist der Mensch in
der Lage, auf sich selbst gestellt vernnftig und 'sinnerfllt'
zu leben? Braucht er ein von auen vorgegebenes Ziel?
Die liberale Antwort auf die
Frage ist mittelbar: Da die Lenkung von auen in der Regel immer frher
oder spter zu Mibrauch von Macht fhrt und die Rechte
des einzelnen entweder historisch noch gar nicht entwickelt waren oder eben mit
Fen getreten werden, bedarf es der Strkung der
Einzelperson gegenber dem Staat. Mit anderen Worten: Der Liberalismus
sagt nicht, da der Mensch keine Orientierung brauche, er hlt
aufgrund der Erfahrungen Kirche und Staat fr nur sehr bedingt geeignet,
die Funktion des Orientierungsgebenden einzunehmen. Er strkt im Gegenzug
lieber die Rechte des einzelnen, um ihn gegenber Angriffen von auen
zu immunisieren. Darberhinaus hat der Liberalismus die Erfahrung
umgesetzt, da 'die eine Wahrheit' immer gefhrlich
ist. Sie sagen daher (und fordern jeden entsprechend dazu auf, kritisch zu
sein), da keiner sagen kann, im Besitz der Wahrheit zu sein. Im Grunde
ist der Liberalismus um das Wohl der Menschen besorgt und schliet
daraus Schlsse, die jedem zu diesem Wohl verhelfen sollen.
Fhrt nun die Strkung
der persnlichen Rechte und die Ausrichtung der Staatsorganisation auf
das Individuum zu einer Atomisierung der Gesellschaft? Der Vorwurf der Antiliberalen
lautet, da mit der Grndung eines liberalen Staates der
Zusammenhalt der Gemeinschaft veschwindet. Es gibt kein gemeinsames Ziel mehr,
der 'idyllische Konsens' wird durch einen 'endlosen Disput'
ersetzt.(Alasdair MacIntyre; s.o.) Hier hat Holmes sicherlich recht, wenn er
den Antiliberalen vorwirft, die Vergangenheit zur Sttzung ihrer Thesen
gnadenlos schnzureden. Denn der Liberalismus ist wie gesagt auch die
Reaktion auf - wie ich meine - schlechtere, rechtlosere Zeiten. Andererseits
sind Ziele, auf die gemeinschaftlich eingeschworen wird, hufig als
'besser-nicht-zu-verfolgen' einzustufen. Auch das ist wiederum ein
Grund, warum Liberale die Tugend der Vernunft hoch einschtzen. Ein
jeder mu selbstndig berdenken, was fr ein Ziel
ihn da angeboten wird; ein kollektiv-bedingungsloses Folgen kann zwar
Gemeinschaftssinn stiften, aber in der Konsequenz auch zutiefst unmenschlich
sein.
Das Hervorheben der Gemeinschaft auf Kosten des Individuums brgt daher
immer die Gefahr in sich, da Vernunft auf der Strecke bleibt. Es sieht
daher ganz so aus, als sei ein Verlust an Gemeinschaftsgefhl (wie er
den Kommunitaristen vorschwebt) auch ein wenig der Preis fr einen
weniger unvernnftigen Umgang unter den Menschen insgesamt.
Andererseits bleibt es
durchaus schwammig, inwieweit der Liberalismus das Allgemeinwohl zu frdern
gedenkt. Zwar listet Holmes als eine der Voraussetzungen fr die Verfolgung
politischer Ziele die Wohlfahrt auf. Gerechtigkeit und Selbstbestimmung sieht
der Liberalismus als Beitrag zum Allgemeinwohl an. Nur ist das natrlich
ein eher schmaler Begriff von Allgemeinwohl, und Holmes gibt auch zu, da
der Wert eines Individuums nicht daran gemessen wird, ob er etwas zum
allgemeinen Wohl beitrgt. Auch die angegebenen Tugenden und
gesellschaftlichen Pflichten umfassen nichts, was wesentlich ber das
eigene Wohl (und im Falle der Kindererziehung) das der Familie hinausgeht. Wenn
aber keine moralische Verpflichtung besteht, z.B. ehrenamtlich 'Gutes zu
tun' und dem Staat aufgegeben wird, sich auf den Kern seiner Aufgaben zu
beschrnken, so kann hier leicht eine Lcke entstehen.
Wenn Liberalismus von der
Idee her nicht 'Extrem-Individualismus' bedeutet, so mu man
doch fragen, ob er ihn nicht erst ermglicht. Holmes weist an mehrern
Stellen seines Buches darauf hin, da man den Liberalismus als
politische Theorie und die liberalen Gesellschaften im Konkreten bei der
Diskussion auseinanderhalten mu. So kann man durchaus die einzelnen
westlichen Gesellschaften fr ihren Umgang mit dem Liberalismus kritisieren
(Hedonismus etc.). Nur ist das der Fall, kann man wiederum fragen, ob der
Mensch geeignet ist, mit ihm umzugehen, seine Freiheit vernnftig zu
gebrauchen. Gibt es einen Automatismus, der dem Menschen gegebene Freiheit
immer zu Zgellosigkeit verleitet? Die Alternative wre aber, zu
bevormunden. Die einzige Mglichkeit scheint daher weiterhin zu sein
z.B. mittels Aufklrung und 'Appellen an die Vernunft', 'das
Beste aus der Freiheit zu machen'. Eine Zwischenlsung erscheint
schwer vorstellbar: Entweder ich vertraue in die Vernunft des einzelnen bzw.
darauf, da sich diese irgendwann durchsetzen kann, oder ich bergebe
die moralische Lenkung einer ueren Instanz (die im brigen
'wissen' mte, was denn der rechte Weg ist), mit dem beraus
hohen Risiko, da diese ihre Macht mibraucht. (Liberale wrden
vermutlich sagen, da sie allein deswegen ihre Macht mibraucht,
da sie zur Begrndung derselben den Anspruch haben mu, im Besitz
der Wahrheit zu sein, diesem Anspruch aber niemand gerecht werden kann.)
C. Denken zwischen
Liberalismus und Sozialismus
1. John Stuart Mill (1806-1873)
Mill gehrt zu den
sogenannten philosophic radicals. Sie stehen fr die Ausweitung
der Reprsentation auf alle Schichten des Volkes und wenden sich der
sozialen Frage zu, da der Liberalismus 'nicht mehr guten Gewissens
annehmen' kann, 'da Ausbeutung und Elend der Arbeiterschaft
durch die Krfte des Marktes, der sie bewirkt, auch wieder zum
Verschwinden gebracht werden[].'(Ghler/Klein, 1993, S.447)
Mill setzt sich fr
freie Meinungsuerung und einen konsequenten Minderheitenschutz
ein, da niemand sicher sein kann, da er in Besitz der Wahrheit ist,
auch die Mehrheit nicht. Obwohl er sich zum Individualismus bekennt, sieht er
das Individuum doch verpflichtet, die Interessen anderer nicht zu verletzen
sowie der Gesellschaft seinen Anteil zur Aufrechterhaltung des allgemeinen
Selbstschutzes zu leisten. Die Individuen mssen sich ansonsten frei
entfalten knnen, da in dem Mae der Entfaltung seiner
Individualitt jeder Mensch wertvoller fr sich selbst wird und
es darum vermag, wertvoller fr andere zu sein.(Siehe ebd. S.453) Nur
durch Individualitt kann es in der Gesellschaft Fortschritt geben. Der
Staat mu als Grundbedingung seiner eigenen Existenz und Fortentwicklung
die Ausbildung von Individualitt ermglichen und befrdern.(Ebd.
S.454)
John Stuart Mill ist
Utilitarist; modifiziert aber in manchen Punkten den 'Ur-Utilitaristen'
Bentham. Nach dieser Schule sind Handlungen (insbesondere des Staates) ntzlich,
wenn ihr Ergebnis das Glck der Menschen ist.
Im Unterschied zu Bentham fhrt Mill eine qualitative Gewichtung des
Eigeninteresses des Individuums ein, wonach die geistigen den krperlichen
Freuden berlegen sind. Wurde das allgemeine Wohl bei Bentham noch durch
das Aufsummieren der Einzelinteressen erreicht, hngt es bei Mill
nunmehr 'von der durchgngigen Einsicht der Individuen ab, da
die Belange anderer oder allgemeine Belange fr sie selbst Opfer
bedeuten knnen [].'(Ebd. S.457)
Diese Akzentverschiebung des
Ntzlichkeitsprinzips hin zu sozialen Tugenden verlangt, da
Gesetze und gesellschaftliche Verhltnisse die Interessen jedes
einzelnen soweit wie mglich mit dem Interesse des Ganzen in bereinstimmung
bringen. Erziehung und ffentliche Meinung mssen ihren Einflu
darauf verwenden, in jedem die unauflsliche Verknpfung zwischen
dem eigenen Glck und dem Wohl des Ganzen herzustellen
('Verinnerlichung des Gemeinsinns'). Fr jeden Brger
mu ein unmittelbares Motiv zur Frderung des allgemeinen Wohls
einer der 'gewohnheitsmigen Handlungsantriebe'
werden.(Ebd. S.458)
Der Utilitarismus begrndet
in der Deutung Mills soziale Gerechtigkeit. Es verlangt, 'da die
Gesellschaft jeden gleich gut behandeln soll, der sich um sie im gleichen Mae
verdient gemacht hat.'(Mill, zitiert in: Ebd. S.469) Jeder hat den
gleichen Anspruch auf Glck und die Mittel zu seiner Erreichung. Eigenum
kann daher nicht unantastbar sein. Privatbesitz steht dann zur Disposition,
wenn es der allgemeinen Wohlfahrt der Gesellschaft und der sozialen
Gerechtigkeit widerspricht.
Landeigentum und der
Grundbesitz sind dabei weniger legitimiert 'besitzt zu werden', da
sie nicht unmittelbar ein Produkt des Produzenten sind.
2. Eduard Bernstein (1850-1932)
Eduard Bernstein ist deshalb
fr unseren Zweck interessant, da er die beiden Grotheorien, um
die es hier geht, explizit zusammenbringt: Sozialismus hlt er fr
organisierten Liberalismus. Ausgangspunkt dabei ist das Ziel nach gleicher
Freiheit fr alle Menschen, welche nur erreicht werden kann, wenn sie
durch Organisation in Wirtschaft und Gesellschaft gesichert ist. Individuelle
Freiheit ist das unberbietbare Ziel des Sozialismus. Dieses ist nicht
mit Laisser-faire zu erreichen, sondern mittels bewuter Organisation,
gemeinschaftlicher Entscheidung und mit sozialer Verantwortung.(Vgl. Meyer,
1991a, S.213 und Meyer, 1991b, S.56f.) Dabei geht es Bernstein nicht darum, die
gesamte Wirtschaft zu verstaatlichen. Ziel ist ihm die Selbstbestimmung der
Arbeiter.(Vgl. Meyer, 1991a, S.210) Es bedarf der gleichberechtigten Teilhabe
an allen Entscheidungen. Sie stellt eine Voraussetzung fr eine
Freiheit aller da. Fr Bernstein ist Demokratie der hchstmgliche
Grad von Freiheit fr alle; er sieht in der Demokratisierung eine Form
der Verwirklichung des Sozialismus.(Siehe Kleger, 1994, S.113) Bernstein steht
fr eine soziale Emanzipation der Arbeiterschaft ein.(Ebd. S.114) Die
Arbeiter brauchen eine 'Schule der Selbsterfahrung' (zu Erlangen
durch parittische Mitbestimmung in den wirtschaftlichen und sozialen Bereichen
sowie selbstorganisierten Genossenschaftswesen), um die dem Kapital entrissenen
Hoheitsrechte auch wirklich ausben zu knnen.(Vgl. Meyer, 1991a,
S.214)
Kennzeichend fr
Bernstein ist, da er nicht mehr wie Marx davon ausgeht, da der
Kapitalismus zusammenbricht und an seiner statt der Sozialismus sofort zur
Entfaltung kommt. Nachzuweisen war dagegen eine wachsende Marktkontrolle und
ein wachsendes Einkommen der Arbeiter, was mithin die Verelendungstheorie
negierte.
Er erkannte, da eine Revolution ungeeigenet ist, politische Demokratie
zu installieren.(Vgl. Meyer, 1991a, S.209f.) 'An die Stelle dieser
Zuspitzungen, Automatismen und Vereinfachungen tritt die Leitidee eines
gradualistischen Reformprozesses'(Kleger, 1994, S.118). Dabei stellt der
Sozialdemokrat auf die Lernfhigkeit der Menschen ab. Im Gegensatz zu
Engels und Marx ist bei ihm nicht der Weg wissenschaftlich 'fundiert'
und begrndet vorgegeben. Es geht nicht um Umsturz, sondern um
schrittweise reflektierte Transformation. Dabei sind Menschenrechtsgarantie und
Pluralismus 'zugleich Ziel des Sozialismus und unabdingbarer Rahmen fr
den Fortgang der gesellschaftlichen Reform.'(Meyer, 1991b, S.58)
3. Fabianer
Bernstein wurde von seiner
Zeit in England durch den Fabianismus geprgt. Die Fabian Society wurde
1884 in London von einer linkssozialistischen Intellektuellengruppe gegrndet.(Siehe
Meyer, 1986, S.169) Den Mitgliedern der Gesellschaft ging es darum, die individualistische
Gesellschaft des Kapitalismus schrittweise 'durch gesellschaftlich verantwortliche
Formen der Verfgung ber Grund und Boden und die
Produktionsmittel' umzugestalten.(Ebd.) Dabei sollte die
gesellschaftliche Kontrolle ber Boden und Produktionsmittel vorrangig
durch die Kommunen ausgebt werden. Es geht darum, die evtl.
folgenschwere individuelle Willkr durch gesellschaftliche Kontrolle und
soziale Verantwortung zu ersetzen.
Wie Bernstein spter
waren die Fabianer der berzeugung, da diese Transformation der
Gesellschaft nur als Reformproze im Rahmen der Demokratie mglich
ist.(Siehe ebd.) Sie teilten die Grundlagen mit dem Liberalismus (Prinzipien
der gleichberechtigten, individuellen Freiheit und praktische
Chancengleichheit) und waren der berzeugung, da sozialistische
Konsequenzen aus seinen Prinzipien zu ziehen sind
(und versuchten erfolglos, die damaligen Liberalen davon zu berzeugen).
Fr die Fabianer war der Sozialismus lediglich ein Individualismus, der
vernnftiger organisiert wird.(Vgl. ebd.)
D. Zu den Begriffen von
Liberalismus und Sozialismus
(und ihrer Verwendung im allgemeinen Sprachgebrauch)
Die Darstellung einiger
'Grenzgnger' zeigt, da die Fronten nicht so verhrtet
sind wie oft angenommen wird. Das Problem liegt jedoch darin, da nur
ganz bestimmte Formen der beiden Theoriekomplexe sich miteinander vertragen.
Gerade bei Begriffen wie Gleichheit und Gerechtigkeit aber beruhen sie auf
gleichen Prinzipien.
1. Der Begriff des
Liberalismus
Der Liberalismus lt
sich unterteilen in philosophischen, konomischen, politischen und
sozialen Liberalismus. Der philosophische stellt auf die Autonomie der Person
ab, der konomische macht die Idee des Spiels der freien Krfte
zum Ausgangspunkt seiner berlegungen. Der politische Liberalismus
verstand sich als Bewegung zur Erstellung einer Verfassung und der soziale
Liberalismus wiederum 'anerkennt, da Freiheit gesellschaftlich
erfllte Freiheit sein mu, wenn sie nicht zum Privileg einiger
weniger verkmmern soll.'(Verheugen, 1986, S.401; zur Einteilung
der Liberalimen: ebd.) Sicherlich ist eine Aufteilung in dieser Weise immer ein
wenig grobschlchtig. Doch zeigt sie, da Liberalismus nicht
gleich Liberalismus ist und das die Blickwinkel, aus denen heraus die jeweiligen
vorrangigen Ziele formuliert werden, sehr verschieden sind.
Wenngleich dem Liberalismus
der Makel der Ideologie der Besitzenden anhaftet, so zeigt sich doch hier, da
aus der Wertschtzung des einzelnen genausogut ein Eintreten fr
Menschen der unteren Schichten ableitbar ist. Eine sich fr
Chancengleichheit und Gerechtigkeit einsetzende liberale Politik wirkt auf eine
Demokratisierung der Gesellschaft hin.
Mills Idee der
'Verinnerlichung des Gemeinwohls' und seine starke Ausrichtung auf
das Ziel der sozialen Gerechtigkeit wohnt der Versuch inne, die Freiheit des
einzelnen und die Erreichung des Allgemeinwohls im gleichen Mae
zu verwirklichen.(S.o.) Hier nimmt er den Brger strker in die
Pflicht als z.B. Holmes und es zeigt sich, da hinter dem Begriff des
Liberalismus sehr verschiedene Ansatzpunkte und gesellschaftliche Ordnungsvorstellungen
Platz finden knnen.
Dennoch mu
konstatiert werden, da heute vielerorts der Liberalismus mit dem konomischen
Liberalismus gleichgesetzt wird. Heute scheint den Vertretern liberaler
Parteien lediglich die Bedingungen des Unternehmers (angebotsorientierte
Politik) und die Besitzstnde der Wohlhabenderen am Herzen zu liegen.
Der Kampf um Freiheit hat sich auf die Schlagworte Deregulierung und
Steuersenkung reduziert. Tragischerweise ist aus der universalistischen
Theorie in der heutigen Parteienpraxis das genaue Gegenteil, nmlich dem
Entsprechen lobbiistischer Interessen, geworden. Das Eintreten gegen
Privilegien ist dem Eintreten fr dieselben gewichen.
Die Arbeit hat nicht das
Ziel, liberale Parteien zu kritisieren. Im Sinne eines Erklrungsversuches
fr das heutige Bild der Menschen vom Liberalismus erscheint mir die
politische Praxis dieser Parteien aber einen bedeutenden Beitrag zu liefern.
Wer aber diesem reduktionistischem Bild nachhngt, der wird schwerlich
Gemeinsamkeiten mit dem Sozialismus ausmachen knnen.
2. Der Begriff des
Sozialismus
Dieser Begriff hat durch
seine 'realexistierende' Variante einen Stempel aufgedrckt
bekommen. Eine Rehabilitierung erscheint heute schwer vorstellbar. Heute wirkt
die Vorstellung des Sozialismus auf uns als einem Ergebnis wissenschaftlich
beschreibarer historischer Ablufe naiv - und fatal, da diese
Anschauung ermglicht, Menschen fr ein 'objektives' hheres
Ziel zu instrumentalisieren.
Hier greifen auch Holmes Bedenken gegenber teleologischen
Gesellschaften, die das Ziel der Gruppe ber die Freiheiten des einzelnen
stellt. Da in dieser Spielart des Sozialismus das gesellschaftliche Ziel quasi
vorherbestimmt ist, kann man hier eindeutig sagen, da er sich in
keiner Weise mit dem Liberalismus vertrgt, ist doch das Ziel hier
gerade offen und fhrt der Weg zur Lsung von Problemen
idealerweise ber ffentliche Debatten.
Es stellt sich die Frage, wie
sehr eine Zuordnug von Dogmatismus und Radikaltitt zum Sozialismus -
auch als Abgrenzung zum Wort 'sozialdemokratisch' - sinnvoll ist.
Sollte er auf die revolutionre Vorstellung begrenzt werden und sollte
die geschichtlich weniger folgenschwere libertre Einstellung zugunsten
totalitrer Elemente wie Staatsplanung und -lenkung hinten angestellt
werden? Alle diese Fragen betreffen den Weg zum Ziel, nicht das Ziel selbst.
Wir mssen daher beachten, da bei allen bestehenden sehr
unterschiedlichen praktischen Umsetzungsoptionen die Ideen des
Sozialismus nicht aus dem Auge verloren werden.
So gibt denn auch eine andere
Form des Sozialismus, die in der Vorstellung seiner Umsetzung sehr viel mehr
mit dem Liberalismus gemeinsam hat, ein differenzierteres Bild wieder. Diese
Form rechtfertigt sich nicht (mehr) an hand einer wissenschaftlichen Herleitung,
sondern zieht - in der Nachfolge Kants - eine ethische Begrndung heran.
Dieser sogenannte 'Ethische Sozialismus' soll auf dem
'Bewutsein von der gleichen und gemeinsamen Wrde aller
Menschen' basieren.(Lange; zitiert nach Klein, 1986, S.161; zur Aufwertung
des Menschen als Selbstzweck siehe auch Anmerkung 17) Dieses Prinzip ist
deckungsgleich mit liberalen ethischen Aussagen.
Versteht man wie Bernstein
das Ziel des Sozialismus in der schrittweisen Herausbildung grtmglicher
individueller Freiheit mittels umfassender Demokratisierung, so wird deutlich,
da hier klassische liberale Gedanken (Pluralismus, Meinungsstreit,
rechtliche Gleichbehandlung; Freiheit des Einzelnen; Skepsis gegenber
Privilegien etc.) bequem Platz finden, ohne Widersprche zu
produzieren. Sie knnen gar in dieser sozialistischen Variante zu einem
Mastab der Bewertung gesellschaftlicher und staatlicher Ordnung
werden: Lt der Ist-Zustand Meinungsfreiheit und persnliche
Autonomie zu?
Man warf dem Liberalismus
jener Zeit jedoch bereits vor, die Gltigkeit liberaler Prinzipien auf
einen bestimmten privilegierten Teil der Gesellschaft zu beschrnken.(Vgl.
ebd.) Schumacher bringt aber die Arbeiterfrage wieder mit den Ideen des
Liberalismus in Verbindung, wenn er sagt: 'In den menschlichen Rechten der
Freiheit, der Gleichheit, der Brderlichkeit, der Menschlichkeit sind auch alle Klassenrechte
und
Klassenforderungen der Arbeiterschaft enthalten.'(Nach ebd.) Und wenn noch
im Godesberger Programm explizit festgehalten wird, da der
demokratische Sozialismus keine letzten Wahrheiten verknden will, so
veranschaulicht das, da ein solches Verstndnis von Sozialismus
wesentliche Elemente des Liberalismus in sich trgt; teilweise sogar fr
sich proklamieren kann, aufgrund der Reduktion der Liberalen auf die Interessen
des Brgertums die wirklichen Trger liberalen Gedankengutes zu
sein. So verstanden ja auch die Fabianer ihre Vision einer Gesellschaftsordnung
als logische Konsequenz liberaler Grundpositionen.(S.o.)
Konklusion
1. Ungleichheit der Inhalte
von Liberalismus und Sozialismus
Dieser Abschnitt soll
verdeutlichen, worin ob der beschriebenen Gemeinsamkeiten die unterschiedlichen
Ansatzpunkte der beiden politischen Theorien bestehen.
So verbindet sich der
Liberalismus historisch primr mit der rechtlichen Besserstellung des Brgertums
gegenber dem Staat, wobei quasi als 'Nebenprodukt' der
ethischen Begrndung mit dem von Natur aus mit Grundrechten
ausgestatteten Menschen ein bemerkenswertes, universelles Postulat entstand.
Der Sozialismus dagegen ist
eng mit der Arbeiterfrage verknpft. Er beruft sich, um die Situation
der Arbeiter zu verbessern, ebenfalls auf individuelle Rechte und
darauf, da der Mensch nicht als bloes Mittel eines anderen
(hier: Kapitalisten) mibraucht werden darf. Man kann heute fragen, ob
eine Verwendung des Begriffs Sozialismus auerhalb einer
Klassenkampfproblematik berhaupt denkbar ist und ob er insoweit auf
heutige Zeit noch sinnvoll anwendbar ist.(Vgl. hierzu auch van Oertzen, 1986,
S.566)
Die Liberalen waren vom
Machtmibrauch des Staates und der Kleriker, die Sozialisten von dem
der Kapitalisten angetrieben worden, Gegenkonzepte zu entwickeln. Letztere
traten fr die Vergesellschaftung des Eigentums an Produktionsmitteln
ein und entwickelten eine Kapitalismuskritik, wie sie Liberale in aller
Regel nicht teilen. Sie waren im
Gegenteil davon berzeugt, da das Privateigentum an
Produktionsmitteln zu einer effektiven Bedrfnisbefriedigung einen
wichtigen Teil beitrgt und den Wohlstand mittelbar insgesamt vermehrt.
Der Begriff der Gleichheit
spielt in beiden Theorien eine wichtige Rolle. Der Liberalismus besetzt ihn
aber vornehmlich mit der Gleichheit vor dem Recht und der Gleichheit der
Chancen z.B. hinsichtlich des Zugangs zur Bildung.(Siehe auch Anmerkung 12) Sozialisten
dagegen legen den Schwerpunkt eher auf eine materielle Gleichheit der Menschen
und sehen umgekehrt in einer akuten ungleichen Verteilung von Wohlstand eine
Verletzung sozialer Gerechtigkeit und das Indiz fr eine Ausbeutung von
hierachisch hher Stehenden gegenber einer hart arbeitenden
Unterschicht.
Liberale wollen dem Menschen persnliche
Autonomie geben. Sie wollen ihm Verantwortung fr den eigenen
Werdegang rckbertragen. So ist es beispielsweise die Verpflichtung
des Arbeitslosen, selbst aktiv zu werden, um eine neue Arbeitsstelle zu finden.
Sozialisten neigen tendenziell dazu, diesen Verantwortungsbereich staatlichen
Gremien zu berlassen.
Dennoch bilden auch im Sozialismus die Erfahrung von aus Selbstverwaltung
heraus resultierender Verantwortung im Sinne einer Emanzipation der
Arbeiterschaft einen wesentlichen Bestandteil.
Whrend die Liberalen
immer wieder auf die 'Grundeinheit' Individuum zurckgreifen
und lediglich sein Recht betonen, sich Vereinen und Gesellschaften anzuschlieen,
operiert der Sozialist von vorneherein bevorzugt mit dem Begriff der Solidaritt
und versucht mittels einer Einschwrung der Arbeiterschaft auf die
gemeinsamen Ziele, ihre Rechte zu erkmpfen.(Vgl. auch: Verheugen, 1986,
S.402)
Insgesamt bringt der
Sozialismus dem Staatsapparat wesentlich weniger Skepsis entgegen als der
Liberalismus, zu seinen Kernproblemen doch zhlt, Staatsaufgaben klar definiert
zu begrenzen und Staatsaufbau derart zu gestalten, das Machtmibrauch
weitestgehend unmglich gemacht wird.
2. bei gleichzeitiger
Vereinbarkeit der politischen Theorien
Man darf nun aber nicht von
den aufgelisteten unterschiedlichen Akzentsetzungen auf eine generelle
Unvereinbarkeit schlieen. Zumeist handelt es sich um verschiedene
Schwerpunkte, nicht aber um sich widersprechende Inhalte. Lediglich die
Vorstellungen darber, wer denn im Besitz der Produktionsmittel zu sein
hat, scheint mir unvereinbar. Gleich ist hingegen beiden eine Wertschtzung
des Menschen und eine daraus ableitbare Forderung nach Demokratisierung der
Gesellschaft.
Mit den Begriffen Sozialismus
und Liberalismus sind jeweils zwei groe, traditionsreiche und komlexe
politische Theorien angesprochen. Da sie uns heute als so unvereinbar
und genuin verfeindet erscheinen liegt auch daran, da diese Begriffe
nicht zuletzt wegen historischen Mibrauchs auf nur eine Lesart begrenzt
werden. Sie werden teilweise falsch angewendet, vergleicht man die heutige
Vorstellungen darber mit jenen, die sich ursprnglich mit ihnen
verbunden haben.
Tatschlich kann man
z.B. die Bundesrepublik Deutschland (sowie die meisten westlichen
Industrienationen) als Ergebnis einer Verbindung von Liberalismus und
Sozialismus ansehen. So kann ohne Schwierigkeit die auf eine Verfassung
beruhene Rechtsstaatlichkeit neben innerbetrieblicher Demokratie stehen, die
grundstzliche Gewhrleistung des Eigentums (Art.14 Abs.1 GG)
widerspricht nicht einem progressiven Einkommenssteuersatz und eine
marktwirtschaftliche Ausrichtung der Wirtschaft bedarf anerkanntermaen
der sozialen Korrektur durch den Staat.
Liberalismus und Sozialismus
stehen also zu Unrecht nebeneinander. Der Streit hat sich nach dem Kalten Krieg
auch nicht zuungunsten des Sozialismus schlechthin entschieden, da westlich
der Elbe - freilich ohne das es die meisten so genannt htten -
sozialistisches Gedankengut (gerade auch im Sinne einer gesellschaftlichen
Demokratisierung) durchaus Einflu auf die Entwicklung genommen hat und
ein integraler Bestandteil geworden ist.
Im Laufe der Zeit sind
wichtige Elemente aus beiden Denkrichtungen eine Verbindung eingegangen, die
heute kaum mehr losgelst voneinander zu denken sind und zusammen unser westliches Verstndnis von einem
modernen Staatsaufbau strukturieren. Vor diesem Hintergrund erscheint eine
Aufteilung in miteinander unvertrgliche liberale oder sozialistische
Einstellungen berholt. Es knnte nur heute sinnvoll sein, die
Begriffe neu mit Leben zu fllen. Was heit es in einem
sozialmarktwirtschaftlichen Rechtsstaat, liberal/sozalistisch zu sein?
Verzeichnis
der verwendeten Literatur
- Fetscher 1994: Fetscher, Iring: 'Von einer
evolutionistischen zur ethischen Begrndung des Sozialismus', in: Ethischer Sozialismus. Zur politischen
Philosophie des Neukantianismus.
Hrsg.: Holzhey, Helmut. Frankfurt am Main 1994;
- Holmes 1995: Holmes, Stephen: 'Die Anatomie des
Antiliberalismus'. Hamburg 1995;
- Holzhey 1994: Holzhey, Helmut:
'Neukantianismus und Sozialismus', in: Ethischer Sozialismus. Zur politischen
Philosophie des Neukantianismus. Hrsg.: ders. Frankfurt am Main 1994;
- Kleger 1994: Kleger, Heinz: 'Die
Versprechen des evolutionren Sozialismus. Oder: Warum noch einmal Bernstein
lesen?', in: Ethischer Sozialismus.
Zur politischen Philosophie
des Neukantianismus. Hrsg.: Holzhey, Helmut. Frankfurt am Main 1994;
- Klein 1986: Klein, Armin: [Stichwort]
'Ethischer Sozialismus', in: Lexikon des Sozialismus. Hrsg.: Klr, Karl-Heinz; Meyer,
Thomas; Mller, Susanne u.a. Kln 1986;
- Meyer 1986: Meyer,
Thomas:[Stichwort] 'Fabian Society', in: Lexikon des Sozialismus. Hrsg.: Klr,
Karl-Heinz; Meyer, Thomas; Mller, Susanne u.a. Kln 1986;
- Meyer 1991a: Meyer, Thomas: 'Eduard Bernstein',
in: Klassiker des Sozialismus. Hrsg.:
Euchner, Walter. Mnchen 1991;
- Meyer 1991b: Meyer, Thomas: 'Was bleibt vom
Sozialismus?' Hamburg 1991;
- Van der Linden `94: Van der Linden, Harry: 'Cohens
sozialistische Rekonstruktion der Ethik Kants,
in: Ethischer Sozialismus. Zur politischen Philosophie des Neukantianismus. Hrsg.: Holzhey, Helmut. Frankfurt am Main
1994;
- Verheugen 1986: Verheugen, Gnther: [Stichwort]
'Liberalismus', in: Lexikon des Sozialismus.
Hrsg.: Klr, Karl-Heinz; Meyer, Thomas; Mller, Susanne u.a. Kln
1986;
- von Oertzen 1986: von Oertzen, Peter: [Stichwort]
'Sozialismus', in: Lexikon des Sozialismus.
Hrsg.: Klr, Karl-Heinz; Meyer, Thomas; Mller, Susanne u.a. Kln
1986.