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Titelblatt - Der Anwalt der Kinder


'Titelblatt'

 

'Der Anwalt der Kinder'

JEAN JACQUES ROUSSEAU

 

Eine Seminararbeit über den Philosophen

J. J. Rousseau und die Zeit der Aufklärung

mit einem Bezug zur heutigen Pädagogik

 

 

 

Vorwort: 2

Einleitung: 3

1. Geschichte. 6

1.1 Die Wurzeln der Aufklärung. 6

1.2. Die Ideen der Aufklärung im 18. Jahrhundert. 7

2. Jean Jacques Rousseau - Anwalt der Kinder 8

2.1. Lebenslauf - Biografie. 8

2.2. Emilie, ou de l'éducation - Ein Gedankenexperiment 10

2.4. Grafik der Entwicklungsstufen und der Erzieherischen Aufgaben in Emilie. 12

3. Jean Jacques Rousseau und seine Bedeutung für mich als zukünftigen Pädagogen! Oder: Der Mensch ist von Natur aus gut 12

3.1. 'Zurück zur Natur' oder 'Der Weg ist das Ziel' 13

3.2. 'Das Kind als Kind' 14

3.3. Differenzierung bzw. kindgerechte Förderung. 15

3.4. Selbsttätigkeit und eigene Erfahrung. 15

3.5. Gott ist überall (aber erst ab der 3. Entwicklungsstufe!) 16

Schlussworte. 17

Literaturverzeichnis: 18

Bildnachweis: 19

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort:

Egal ob man ein Geschichtsbuch der Hauptschule, ein Fachwissenschaftsbuch über die Geschichte der Soziologie oder ein psychologisches Nachschlagewerk zur Hand nimmt, überall liest man etwas über die Verdienste großer Philosophen aus der Zeit der Aufklärung. Ganz zu schweigen natürlich jene Bücher und Facharbeiten, die von der Geschichte der Pädagogik handeln. John Locke gilt als der Erfinder positiver Pädagogik, Jean Jacques Rousseau als sozialer Revolutionär, Charles de Montesquieu als Wegbereiter der Gewaltenteilung und schließlich Immanuel Kant als der ansehnlichste Philosoph schlechthin.

Oder anders ausgedrückt: 'Der Mensch ist ein Vernunft- bzw. ein Verstandwesen. Der Gebrauch der Vernunft und des Verstandes ist bisher jedoch durch Tradition und Glauben eingeschränkt worden. Jetzt, in der 'Aufklärung', soll der Verstand durch Aufklären, d.h. durch Selbstdenken, von seinen Fesseln befreit werden. Die Verstandesbildung () vollzieht sich im Unterricht, daher sind die Lehrer und die Geistlichen die Träger der Aufklärung, und der Kerngedanke dieser Epoche, nämlich Verstandesbildung mit dem Ziel der sittlichen Bildung zu betreiben, ist durch ihr Wirken seitdem mit Schule und Unterricht eng verbunden. Aus diesem Grund wird die Aufklärung immer lebendig bleiben.' (DIETRICH 19752, 20)

Daher liegt es sehr nahe, diese Zeit (die Aufklärung im 18. Jahrhundert) und einen großen Mann dieser Zeit (Jean Jacques Rousseau 1712 - 1778) im Rahmen meiner Seminararbeit im Fach 'Unterrichtliche Handlungskompetenzen - die Geschichte der Pädagogik' zu würdigen.

 

Wenn es nun üblich ist, in einem Vorwort eine Danksagung auszusprechen, so danke ich René Descartes und seinem Spruch: 'Cogito ergo sum!' ('Ich denke, also bin ich!') als einen Wegbereiter für die aufklärerischen Tendenzen, den Vernunftgedanken und den daraus folgernden positiven Auswirkungen auf die heutige Pädagogik.

 

Einleitung:

'Aus der Geschichte für heute lernen!', so lautet jenes Schlagwort, welches Schülerinnen und Schüler auf die Fragen 'Warum muss ich das lernen?' und 'Für was brauche ich das?' von den Lehrpersonen zu hören bekommen.

Als Christoph Kolumbus 1492 Amerika entdeckte, so war das die unmittelbare Folge von den Erfindungen die vor seiner Zeit entstanden sind. Ohne der Erfindung des Kompasses und der Entdeckung des heliozentrischen Weltsystems (= Kopernisches Weltsystem) durch Nikolaus Kopernikus (1473 - 1543) wäre die Zeit noch lange nicht für eine Weltumsegelung reif gewesen. Wir folgern also: schon Kolumbus hat aus der Geschichte gelernt und sie für sich nützen können.

Ein weiteres Beispiel ist die Erkenntnis von Theophrascus Paracelsus (1493 - 1541), dass eine Krankheit ein natürlicher Vorgang ist, den man mit natürlichen Mitteln heilen kann; was für die weitere Entwicklung bis hin zur heutigen modernen Medizin von größter Bedeutung war und ist.

 

Wie man leicht erkennen kann, schreibe ich hier von Errungenschaften aus dem Beginn der Neuzeit, welche auch als Zeit des Humanismus und der Renaissance bekannt ist (ca. 1500 n.Chr.). Ein Kind dieser Zeit ist auch der im Vorwort gewürdigte René Descartes (1596 - 1650) mit seinen Ideen von der Bedeutung des Individuums und vom Gebrauch des menschlichen Verstandes. Er war somit Wegbereiter für die Zeit der Aufklärung (Europa im 18. Jahrhundert) und Vordenker für unzählige Philosophen bis ins 21. Jahrhundert.

 

Welche Erfindungen haben aber die Aufklärer (= die Philosophen der Aufklärung) gemacht, welche wir Pädagogen heute noch verwenden? Welchen Einfluss hat vor allem Jean Jacques Rousseau auf die Pädagogik im 21. Jahrhundert im Allgemeinen, bzw. auf mich als zukünftigen Pädagogen im Speziellen?

Das sind genau die Fragen, dich ich im Folgenden zu erörtern und zu beantworten versuche!

 

Ich bin mir bewusst, dass es gerade in pädagogischen Fragen kritische Bemerkungen geben wird, und nicht alles Gold ist, was glänzt, sowie die Zeiten, die sich ändern. Doch Philosophen sind erstens keine Erfinder, ihr Beruf ist es, zu denken. Gedanken über Strömungen und gesellschaftliche Verhältnisse der Zeit aufzustellen. Aber bedenken wir: Christoph Kolumbus glaubte dank den Erfindungen des späten Mittelalters, dass es ihm gelänge, Indien westwärts zu erreichen und er starb im Glauben, dies Erreicht zu haben. (Hat aber durch seine Entdeckung die Neuzeit eingeleitet.) Wir wissen es heute besser; er hat nur Amerika (wieder-) entdeckt. Und trotzdem zweifelt niemand über die bedeutsame Erfindung des Kompasses und an der außerordentlichen Ausfindung des heliozentrischen Weltbildes.

Zweitens behaupten die Philosophen nur, dass ihre Gedanken als bestmögliche Lösungsvorschläge dieser Zeit angesehen werden sollen, vielleicht noch als brauchbare Regeln für das Menschsein.

Nie wird ein ernstzunehmender Philosoph behaupten können, die allgültige und unleugsame Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben.

 

In einem pädagogischen Wörterbuch habe ich kürzlich folgendes gelesen:

'Natur wird allgemein als gut, Kultur wird als fragwürdig und schlecht angesehen; statt Autorität wird in der Erziehung Freiheit favorisiert; Erziehung erfolgt durch Erfahrung, () dem Kind wird ein eigener, besonderer Wert zugesprochen; das Lernen erfolgt nicht in den Büchern, sondern durch Erfahrung und Selbsttätigkeit; wichtig sind die Bedürfnisse des Zöglings, denen Raum zur freien Entfaltung gegeben werden muss; als eigentliche Erziehungsmacht wird die den Menschen umgebende Natur und deren Gesetzlichkeit angesehen (); der Erzieher ist vor allem Begleiter und Kamerad, der alles fernhält, was den Einfluss und Gang der Natur stören könnte; Strafe ist unangebracht, der Zögling soll lediglich zu spüren bekommen, was natür-licherweise aus seinem Tun folgt (). Als globales Erziehungsziel und Bildungsideal erscheint der einfache, ursprüngliche, von Natur aus unverbildete Mensch. Die Auf-gaben der Erziehung erschöpfen sich deshalb in der Erhaltung des Natürlichen.' (Keller/Novak 19938, 306)

 

Dies sind nicht Gedanken eines modernen Erziehungswissenschaftlers des 21. Jahrhunderts, oder die wiedergegebenen Ideen von Célestine Freinet, einer Maria Montessori oder Rebecca Wild, sondern das, was unter den pädagogischen Ideen von Jean Jacques Rousseau zu lesen ist.

 

Jean Jacques Rousseau beeinflusste die gesamte Pädagogik der Aufklärung. Seine Einflüsse sind später u.a. bei Johann Wolfgang von Goethe, Johann Gottlieb Fichte, Johann Gottfried Herder und Johann Gottlieb Pestalozzi auszumachen. Auch die Stufen- bzw. Phasenlehren der Entwicklung und Erziehung finden hier einen frühen Vertreter, der bis heute in der Entwicklungspsychologie Nachahmer findet. (zB. Jean Piaget) Politisch aufklärerisch wirkte vor allem der von Rousseau vertretene Freiheits- und Gleichheitsgedanke. Er war neben Charles de Montesquieu (1689 - 1755) ein Vorbereiter der französischen Revolution und ein Wegbereiter Francois-Marie Voltaires (1694 - 1778).

 

Ich werde wie folgt einen Funken Wahrheit dieser Zeit für die Gegenwart zu bewahren versuchen:

Zunächst beleuchte ich die Wurzeln der Aufklärung bis hin zu den gesellschaftlich-politisch-kulturellen Hintergrund im Europa des 18. Jahrhunderts, um dann allgemein über die Aufklärung und ihrer Bedeutung für damals und heute zu referieren. Der zweite Punkt beschäftigt sich dann eingehend mit dem Leben Jean Jacques Rousseaus und seinem pädagogischem Hauptwerk. Der letzte Punkt ist die differenzierte Herausarbeitung der Bedeutung Rousseaus für mich als zukünftigen Pädagogen des 21. Jahrhunderts.

 

 

1. Geschichte

1.1 Die Wurzeln der Aufklärung

Aufgeklärtes Denken wie wir es heute verstehen gab es bereits bei den griechischen Philosophen in der Antike. Durch den Niedergang Konstantinopels (Byzanz, heute Istanbul) 1453 n.Chr. und der Flucht der Griechen vor den Osmanen gelangten die antiken, 'heidnischen Ideen' in das vom katholischen Jenseitsglauben beherrschte Italien, Frankreich und Spanien. (Ende des Mittelalters) Es entstand der sog. 'Humanismus', also jene geistige Einstellung, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und für ein angenehmes Leben im Diesseits zu sorgen hat. Ein bedeutender Humanist ist beispielsweise Erasmus von Rotterdam (1466 - 1536) und seine Toleranzidee. Auch die Kunst spiegelt diese Wiedergeburt der Antike (=Renaissance).

Später kommt noch ein Fortschritt in den Naturwissenschaften hinzu. Viele technische Neuerungen bzw. Erfindungen prägten diese Zeit des intellektuellen Umbruchs, zB. die Erfindung des Buchdrucks, des Kompasses oder die grafische Darstellung der Erde auf Landkarten und dem Globus. Entdeckungen und Er-oberungen (Amerika, West- und Ostafrika) wälzten dann auch die Wirtschaft zu dieser Zeit um.

Die Entstehung der Haltung des Rationalismus gilt als Vorreiter für die Aufklärung. 'Rationalismus: erkenntnistheoretische Richtung, die allein das rationale Denken als Erkenntnisquelle zuläßt.' (Duden 19892,1216)

Der Buchdruck begünstigte vor allem die Verbreitung reformatorischen Glaubensgutes. Martin Luther in Deutschland, Jean Calvin und Ulrich Zwingli von der Schweiz aus über Frankreich (Hugenotten), den Niederlanden bis nach Amerika und die Hutterer in Tirol begehrten sich gegen die römisch-katholische Kirche auf. (Zeit der Reformation, Beginn des 16. Jahrhunderts.) Die Kirche Roms antwortete mit Gewalt und Motivation, neue Orden wurden gegründet, darunter die Jesuiten, die eine Vorreiterrolle in der städtischen höheren Bildung spielten. (Zeit der Gegenreformation, ab ca. 1550). Die konfessionellen Gegensätze im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation spitzten sich zu und endeten im qualvollen, grausigen Vernichtungskrieg, dem 30jährigen Krieg (1618 - 1648). Vom Vorbild Frankreich aus, setzte sich in ganz Europa eine neue Regierungsform, der Absolutismus, durch. (König regiert unumschränkt, ist allein Gott verantwortlich.) Der berühmteste absolute König ist wohl Ludwig XIV. von Frankreich, der Sonnenkönig. Staatskirche und Söldnerheer unterstützen den Herrscher.

Die Kunst (Architektur, Malerei und Plastiken) des Absolutismus nennt man das Barock.

Ende des 17. Jahrhunderts setzte sich die damals modernste Regierungsform Europas, die parlamentarische bzw. konstitutionelle Monarchie, in England durch.

 

1.2. Die Ideen der Aufklärung im 18. Jahrhundert.

John Locke (1632 - 1704) begründet den englischen Empirismus, lernt die Vorzüge der parlamentarischen Monarchie mit den 'Bill of Rights' kennen und verbreitet sie unter seinen Philosophenkollegen am Festland.

Die Aufklärung, die jetzt einsetzt, wirkt sich im Strafrecht ebenso aus wie in neuen Staatstheorien (aufgeklärter Absolutismus unter Kaiser Joseph II. von Habsburg) und in der Beeinflussung von Gesellschaft und Pädagogik.

 

Worüber wurde nun im 18. Jahrhundert heftig diskutiert?

Die Leitzsätze stellte Immanuel Kant (1724 - 1804) auf:

1. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!

2. Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeingültigen Gesetzgebung gelten könne! (Kategorischer Imperativ)

 

Neben dem Gebrauch des Verstandes war der Vernunftgedanke besonders bedeut-sam. 'Vernunft, etymologisch von 'vernehmen', in der Bedeutung von 'erfassen': geistiges Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, etw. zu überschauen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten.' (DUDEN 19892, 1655)

 

Die Aufklärung, von Rationalismus und Fortschrittglauben bestimmte europäische Geistesströmung, wandte sich gegen Vorurteile und Autoritätsgedanken sowie gegen den Aberglauben (religiöse Toleranz). Das Geistesgut der Aufklärer war ebenso Wegbereiter der Unabhängigkeitserklärung Amerikas am 4. Juli 1776 mit der Erklärung der Menschenrechte, wie der der Französischen Revolution (ab 1789).

Grundzüge sozialen Denkens und Entwicklung neuer pädagogischer Ansätze gelten als weitere 'Erfindungen' der Aufklärer. Diese neuen pädagogischen Ansätze beeinflussten die Philanthropen Johann Bernhard Basedow, Christian Gotthilf Salzmann bzw. Ernst Christian Trapp ebenso wie die Pädagogik des Neuhumanismus (Johann Gottfried Herder, Willhelm von Humboldt) bis hin zur Reformpädagogik von Friedrich Nietzsche über John Dewey bis zu Maria Montessori. (vgl. DIETRICH 19752, 9f.) 'Das Gleiche gilt zu Beginn unseres Jahrhunderts generell durch die 'Pädagogik vom Kinde aus', sowie in den Bemühungen um 'entdeckendes Lernen' und um eine schülerorientierte Pädagogik!' ' (REBLE 19647, 142)

Das größte Verdienst der Aufklärer für die Pädagogik ist ihr Glaube an die unbegrenzte Möglichkeit der Erziehung, also ihr Erziehungsoptimismus!

2. Jean Jacques Rousseau - Anwalt der Kinder

2.1. Lebenslauf - Biografie

(nach KNOOP/SCHWAB 1981, 43ff.)

Jean Jacques Rousseau wurde am 28. Juni 1712 in Genf (Schweiz) geboren. Bereits der Tag seiner Geburt war für Rousseau in doppelter Hinsicht bedeutsam: er eröffnete sein Leben und beendigte das seiner Mutter.

Sein Leben verlief zeitlich parallel zu den der anderen führenden Philosophen, obwohl sich Rousseau zeitweise zB. von Voltaire abwendet, werden beide, zusammen mit Locke, Montesquieu und Kant, als führende Denker der Aufklärung bezeichnet.

Höhepunkt seines Lebens ist das Jahr 1762, der nunmehr Fünfzigjährige bringt den 'Contrat Social', seine gesellschaftspolitische Grundlagenschrift, als auch 'Emilie, ou de l'éducation', sein pädagogisches Hauptwerk, heraus. Wegen drohender Verhaftung flieht Rousseau zunächst in die Schweiz, dann nach Preußen und England, kehrt aber später wieder nach Frankreich zurück.

Kurz vor der Legitimation seiner Heirat 1768 mit Thérèse Levasseur verbannte er die gemeinsamen Kinder in ein Waisenhaus. Was damals zwar nichts ungewöhnliches war, an ihm aber heute (zurecht?) kritisiert wird.

Rousseau war trotz seines beachtlichen Erfolgs des 'Emilie' weniger Pädagoge, sondern mehr Sozialrevolutionär. Rousseau fehlinterpretierend wird auch häufig angenommen, er habe die einprägsame Formel 'Zurück zur Natur' wörtlich erschaffen, wenngleich sie durchaus von ihm stammen könnte.

Im Gegensatz zur im 16. bis 18. Jahrhundert vorherrschenden Tendenz entscheidet sich Rousseau für eine Orientierung am Kind und einer Berücksichtigung der Lernbedürfnisse der jeweiligen Entwicklungsstufe.

Für die Pädagogik von heute sind folgende Formulierungen und Fragestellungen ebenso bedeutsam wie für Rousseau damals: 'Führen oder wachsen lassen?' -- Erziehen in Selbst- oder Fremdbestimmung?' -- 'Kind- oder Stofforientierung im Unterricht?'

Für die gegenwärtige Pädagogik bleibt bedeutsam, dass Rousseau die Lehrer und Erzieher auffordert, sich an den Lernbedürfnissen der Schüler zu orientieren. Auf-fallend ist diese Umsetzung in der neuen Theorie der Gestaltpädagogik: 'Bildungspolitiker und vor allem Bildungstheoretiker setzen sich vehement dafür ein, in die Schulen und in die Erziehung insgesamt wieder Herz und Verstand, Freude und Werte, Gefühle und Anstrengung zu bringen. Gestaltpädagogik () könnte Wege der Verwirklichung dieser Forderung aufzeigen. Gestaltpädagogik zielt auf Selbstverantwortung und kritisiert die bekannten Mängel der öffentlichen Schule. Vorteil der Gestaltpädagogik: die Bedürfnisse der Schüler und Lehrer sind genauso berücksichtigt.' (KELLER/NOVAK 19938, 167)

Jean Jacques Rousseau starb am 2. Juli 1778 in Ermenonville in der Nähe von Paris, elf Jahre vor dem folgenreichsten Ereignis der neueren Geschichte, der Sturm auf die Bastille und dem damit verbundenen Beginn der französischen Revolution. Seine Gedanken sind aktuell wie eh und je. Auch die Kinder im 21. Jahrhundert brauchen 'Entdecker' und darüber hinaus vor allem 'Anwälte'.

 

2.2. Emilie, ou de l'éducation - Ein Gedankenexperiment

'Rousseau gilt als Vertreter des pädagogischen Naturalismus. Seine pädagogischen Vorstellungen gründen alle in der Auffassung: 'Alles ist gut wie es aus den Händen des Schöpfers der Dinge hervorgeht. Alles entartet unter den Händen des Menschen.' Im 'Emilie', einer Art utopischem Erziehungsroman, werden verschiedene Grund-gedanken pädagogischer Art angesprochen.' (KELLER/NOVAK, 19938, 305). Der Erziehungsroman ist neben dem 'Contrat Social' Rousseaus Hauptwerk, erschienen 1762. Er will in seinem Roman einen Mustererzieher und einen Musterzögling vorführen. Seine Intention dieses Werk zu schreiben, war weniger seine pädagogische Absicht, sondern vielmehr der Grund einer Sozialrevolution: Er wollte einen besseren Menschen erziehen als er ihn in der realen Welt (des absolutistischen Frankreich) vorfand.

Text Box:   Abb. 2:
 

Sein Werk, die Emilie, ist gegliedert in 5 Büchern, die gleichzeitig die verschiedenen Entwicklungsstufen eines Mannes darstellt. Somit ist Rousseau auch ein Visionär für die Entwicklungspsychologie im 20. Jahrhundert.

 

Emilie, oder über die Erziehung:

(nach Reble 19647, 144 ff.)

 

EMILE - 1. BUCH:

Mit großer Ausführlichkeit behandelt Rousseau im ersten Buch die Kleinkindpflege. Für ihn ist es dabei von besonderer Wichtigkeit, dass man den Sinnen Nahrung gibt und das Kind seine Kräfte ungestört gebrauchen lässt. Man soll das Kind vor Eigensinn, Bosheit und Zorn bewahren. Die 'wahren Eltern' sind immer für ihr Kind da und geben ihm/ihr sehr viel Freiraum zum Entdecken!

 

EMILIE - 2. BUCH:

Das zweite Buch behandelt die Zeit vom Sprechenlernen bis zum 12. Lebensjahr. Wichtigste Aufgabe des Erziehenden ist es, das Kind nicht zu verfrühen, Erziehung soll wahrhaft kindgemäß geschehen! Aller planmäßige Unterricht, alle Literatur, Wissenschaft und Kunst werden für diese Zeit radikal abgewiesen.

 

EMILE - 3. BUCH:

Erst im dritten Buch und der darin dargestellten Stufe, also zwischen dem 12 und 15. Jahre, setzt das eigentlich Lernen ein. Jetzt soll sich das Denken entfalten. (Anm.: Denken als Leitbegriff der Aufklärung!) Auch seine Freude am Lernen wird jetzt gefördert. Die Kenntnisse und Fertigkeiten erarbeitet er sich selbst. (Anm.: Montessori-Prinzip?) In grenzenlosem Vertrauen zur Selbstentfaltung des Lebens wacht sein Erzieher gewissenhaft darüber, dass Emil alles selbst erfindet, entdeckt und konstruiert, selbst wenn viel Zeit dazu nötig ist und sein Zögling manchen Umweg geht, denn Emil kommt zu all seinen Fragen nur durch praktische Bedürfnisse. Die Orientierung in der engeren Heimat verhilft ihm ebenso zu erdkundlicher wie zu mathematischer und zeichnerischer Betätigung. (Anm.: Rebecca-Wild-Prinzip) Auch auf das Erlernen eines praktischen Handwerks wird genau geachtet.

 

EMILE - 4. BUCH:

Erst im vierten Buch, das die Zeit vom 15. Jahr bis zur Heirat schildert, wird Emil ein fühlendes und liebendes Wesen. Die 4. Phase der Entwicklung (Pubertät) und der Erziehung sieht Rousseau als eine zweite Geburt. Sein Grundsatz ist auch hier, möglichst ungestört die Natur selbst walten zu lassen.

Weil im Zusammenhang mit der Geschlechtsreifung Gefühl, Mitgefühl und Liebe erwachen, muss der Erzieher in dieser Zeit Emil für seine Mitmenschen aufschließen. (Anm.: Soziologieunterricht!) Emil soll in jedem Mitmenschen wirklich den Menschen sehen und sich selbst in erster Linie als Mensch fühlen (Anm.: Gedanke der Humanität). In dieser Reifezeit lernt er die große Welt, das Großstadtleben, Theater und die Musik kennen und wird besonders in die Literatur eingeführt.

 

EMILE - 5. BUCH:

Im fünften Buch äußert sich Rousseau über Mädchenerziehung; denn die Aufgabe von Emils Erzieher erstreckt sich bis in die Gattenwahl und die Ehe hinein.

Die Frau scheint nur dazu bestimmt, dem Manne zu gefallen, und im übrigen 'zum Gehorsam geboren'. Fügsamkeit des Geistes, Sanftmut und Armut sind also ihre Haupttugenden! Nähen und sticken ist für sie wichtiger als das Lesen- und Schreibenlernen. Sie hat später als Hausfrau zurückgezogen zu leben. (Anm.: Die Frage, die sich hier stellt, ist die: Beschreibt hier Rousseau nur das bürgerliche Ideal der Frau im 18. Jahrhundert, oder hat das 5. Buch quasi eine Vorbildwirkung für die Unterdrückung der Frau auch im 19. Jahrhundert?)

 

2.4. Grafik der Entwicklungsstufen und der Erzieherischen Aufgaben in Emilie

(nach DIETRICH 19752, 36)

Emile

Entwicklungs-psychologische Einteilung

Bevorzugte

Funktion

Charakter-istikum der Entwicklungs-stufe

Erzieherische Aufgabe

1. Buch

1. Jahr

Säuglings- und Kleinkindalter

Ausbildung der Sinne; Sinneswesen

Wachstum der Kräfte

körperliche und Sinnes-Übungen

2. Buch

2 - 12. Jahr

Kindes- und Knabenalter

w.o. plus

handelndes Wesen

w.o.

w.o

3. Buch

12. - 15. Jahr

Knaben- und Jünglingsalter

denkendes

und urteilendes Wesen

überschüssige körperliche Kraft

Kenntniserwerb. Üben des Denkens und Urteilens. Erlernen eines Handwerks

4. Buch

15. Jahr bis Heirat

Jünglings- und Mannesalter

fühlendes und liebendes Wesen

Erwachen der Leidenschaften

Entwicklung des Gefühls, Studium des Menschen. () wecken des Mitgefühls, Freundschaft und Liebe, () Einführung in Literatur und fremde Sprachen

5. Buch

Mannesalter

 

 

Reisen in fremde Länder, Verlöbnis, Heirat (der Erzieher hat somit seine Aufgabe erfüllt)

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3. Jean Jacques Rousseau und seine Bedeutung für mich als zukünftigen Pädagogen!
Oder: Der Mensch ist von Natur aus gut

Ich bin jetzt im II. Semester meiner Ausbildung zum Hauptschullehrer an der Pädagogischen Akademie der Diözese Innsbruck in Stams. Mein Erstfach ist Deutsch, mein Zweitfach Geschichte und Sozialkunde und als Zusatzfach habe ich katholische Religion gewählt.

Ich bin noch lange kein Pädagoge: Damit habe ich mit Jean Jacques Rousseau schon etwas gemein, denn 'Rousseau war, im ursprünglichen Sinnes des Wortes, niemals Pädagoge' (DIETRICH 19752, 30) Genau darum hindert es mich nicht, ihn anhand meiner geringen Erfahrung zu bewerten, vielleicht sogar kritisch zu beurteilen.

Ich bin auch noch lange kein Lehrer. Ich habe gerade mal 20 Stunden hospitiert und 8 Stunden selber unterrichtet, trotzdem will ich einen Vergleich von Rousseaus Aussagen in 18. Jahrhundert zu den Praktiken im 21. Jahrhundert ziehen.

Die Zitate oder Aussagen habe ich aus Fachwissenschaftsbüchern mit den Themata Soziologie, Pädagogik und/oder Geschichte aus der Bücherei Stams entlehnt.

 

3.1. 'Zurück zur Natur' oder 'Der Weg ist das Ziel'

Die Idee der Natur bei Rousseau ist revolutionär, wobei bei ihm mit Natur das Lebensunmittelbare, Wurzelstarke , Einfach-Wahre, Ungekünstelte gemeint ist. Zurück zur Natur wäre ein passendes Schlagwort. Natürliche Erziehung heißt Entfaltung der Anlage des Menschen, denn der Mensch ist von Natur aus gut. (vgl. REBLE 19647, 142 f.)

Ich erinnere mich hier sofort an den Reformpädagogen Célestine Freinet und seinem Schlagwort: Kinder sollen den Lernstoff be-greifen! Erst wenn ein Kind eine Karotte in der Hand hält, weiß es wirklich was eine Karotte ist. Ich erinnere mich aber auch an die Reformpädagogik der Rebecca Wild, entstanden und ausgereift im Urwald von Ecuador.

Wenn die städtischen Kinder ernsthaft glauben, dass eine Kuh violett-weiß gefleckt ist, dann wird es entgültig Zeit, hinaus in die weite Natur zu gehen um zuerst das Elementare zu lernen.

Hier haben wir aber zwei Streitpunkte:

1. Ist es wirklich elementar für ein Kind (Rousseau würde 'elementar für die Menschheit' sagen), ob es weiß, mit welchen Farben eine Kuh gefleckt ist und dass sie zwar die Milch für die Schokolade gibt, selber aber nur Wasser trinkt (also Wasser trinken und Milch .). Oder ist es für ein Kind ist im angelaufenen 21. Jahrhundert Grundlegend, dass es weiß wie viele Bits ein Byte hat. (Wobei das Byte eine Erfindung ist, es hat keine Bedeutung als dass es 8 Bits sind.)

2. Für Rousseau ist nicht der Weg das Wichtigste, sondern das Ziel. Und da die Menschheit = Gesellschaft verdorben ist, muss das Kind in die Natur hinaus um nicht auch von dieser Verdorbenheit angesteckt zu werden. Der Erzieher 'soll der jungen Pflanze eigentlich nur Raum und Licht schaffen und störende Einflüsse verhindern. Den Menschen erziehen heißt im Grunde also nur: dafür zu sorgen, dass die Natur sich voll auswirken kann und nicht durch menschliche Meinungen und Launen beeinträchtigt und verdorben wird.' (Reble 19647, 143 f.)

Die Natur ist gut, die Gesellschaft ist schlecht. Natürlich meinte er damit die Gesellschaft des Ancien Regime vor der Revolution. Der Mensch wäre an sich von Natur aus gut. Dies zu bewahren ist die eigentliche Direktive des Erziehers. (Heute noch?!?)

Wenn man im Rechtschreibprogramm von Microsoft Word im Wort Natur einmal mit der rechten Maustaste klickt, erscheinen zunächst einige Synonyme für das Wort Natur und dann die entsprechenden Akronyme 'Kultur' und 'Zivilisation' - und genau diese Abkehr von der Kultur und der Zivilisation fordert er in seinem Erziehungsroman!

 

3.2. 'Das Kind als Kind'

'Erst Rousseau entdeckt wirklich das Kind als Kind: () 'Jedes Alter, jeder Zustand des Lebens hat eine Vollkommenheit, die nur ihm entspricht, eine Art Reife, die nur ihm eigentümlich ist.' ' (REBLE 19647, 143)

Die Bedeutung Rousseaus als 'Erfinder' der Entwicklungspsychologie brauche ich hier nicht näher zu betonen. Vielmehr erinnere ich mich einfach an die Aussagen meiner drei Fachdidaktiker, die immer wieder betonen, dass man KINDGERECHT unterrichten muss. Und just in meiner zweiten Deutschstunde passiert es, dass ich so hochgestochene Merksätze an die Tafel schreibe, dass kein Kind ein Wort verstand. Die Merksätze und meine Arbeit waren also gänzlich umsonst. Man soll die Entwicklung des einzelnen Kindes wirklich berücksichtigen und dabei auch zwischen den Schülern und Schülerinnen differenzieren. Wobei vielleicht kindgerechter Unterricht in der Volksschule wichtiger als im zunehmenden Alter ist. Wenn jedes Kind eine Reife hat, die ihm eigentümlich ist, so kann man nicht erwarten, dass bis zu Weihnachten die ganze erste Klasse Volksschule das Alphabet wirklich beherrscht. Die Frage ist auch, erfassen alle Kinder schon in der zweiten Klasse Hauptschule den abstrakten Begriff für Raum und Zeit und sind sie daher fähig, die Welt der Geschichte komplex aufzunehmen.

Als Erziehungsberechtigter muss ich mich auch fragen, kann ich das Kind wirklich nicht Kind sein lassen, oder muss mein Sprössling mit hartem Drill und dem Verlust seiner Kindheit schon mit 4 Jahren dem Genius Mozart nahe kommen! Muss mein Sohn wirklich mit allen Mitteln ein zweiter Hermann Meier werden?

Die Kinder in Japan sind schon lange keine Kinder mehr, mit zunehmenden Alter dankt es ihnen aber nur - ihr persönlicher Psychiater!

 

3.3. Differenzierung bzw. kindgerechte Förderung

'Wer als Erzieher immer nur darauf wartet, dass ein von der Theorie angekündigtes Reifestadium sich auch wirklich einstellt, versäumt möglicherweise eine für die Förderung des Kindes entscheidende wichtige Intervention. Gerade sonst benachteiligte Kinder sind auf eine solche Hilfe besonders angewiesen.' (KNOOP/SCHWAB 1981, 54)

Da setzt man den zukünftige Lehrerinnen und Lehrern die neuesten Lehrpläne vor und weist auf die tolle Neuerung der Differenzierung hin, und hat ganz vergessen, dass Jean Jacques Rousseau dies schon vor fast 250 Jahren gefordert hat. Dass die Pädagogen der Moderne unter dem Begriff 'sonst benachteiligte Kinder' nicht nur die kognitiv Schwachen sondern auch geistig behinderte Menschen auffassen und diese im Rahmen der Integration differenziert betreuen ist wohl auch jedem klar. (Nein! Nicht??! Dann wiederhole ich mich halt: Ein von der Theorie aufgestelltes Reifestadium - auch das von Jean Piaget- stellt sich höchst selten dann ein, wann es dem/der bequemen Lehrer/-in beliebt ist. Um eine optimale Förderung zu erzielen ist Differenzierung wichtig!)

 

3.4. Selbsttätigkeit und eigene Erfahrung

Die Förderung der Selbsttätigkeit bzw. die Förderung nach dem Erleben eigener Erfahrungen misst Jean Jacques große Bedeutung zu. Das Entscheidende soll durch die eigenen Erfahrung des Menschen geschehen (in der sog. Robinsonwelt, also abgeschnitten von der Zivilisation). In Emilies Zimmer gibt es zB. keine Verbotstafeln. Wenn er aber eine Fensterscheibe einschlägt, soll er ruhig dem Zugwind ausgesetzt sein und eventuell einen Schnupfen bekommen - quasi als natürliche Strafe, das Kind wächst vor allem in der 2. Entwicklungsstufe an seinen eigenen Erfahrungen. (vgl. Reble 19647, 144 f.) Jedes Elternteil eines Kleinkindes in der Trotzphase weiß, wie mühselig es ist, ihrem kleinen Kind tausendmal am Tag zu sagen, es soll die Herdplatte nicht berühren, denn sie ist heiß; es soll die Suppe zuerst abkühlen und dann essen, denn sie ist zu heiß; usw. . aber das Kind glaubt einem nicht, man bekommt es nur mit einem kleinen Tatsch auf die Hand zur Räson! (?)

Was passiert, wenn ich dem Kind erlaube, einmal die brennende Kerze mit einem Finger zu berühren? Maximal eine kleine Brandblase die binnen zwei Tagen verheilt ist, oder? Aber das Kind hat aus eigener Erfahrung gelernt, was es bedeutet, wenn etwas heiß ist. Das nächste mal wird das Kind in seiner natürlichen Wissbegier von selbst Fragen 'Ist das heiß?'

Natürlich werde ich meine Kinder nicht in einer Robinsonwelt, alleine auf einer Insel, aufwachsen lassen, auch werde ich niemals dem 'Laissez faire Stil' zugeneigt sein. Aber bei einer Abwägung aller möglichen Bedenken, darf und muss das Kind bestimmte Erfahrungen von alleine sammeln, es muss die 'natürliche Strafe von den Dingen her' (HÖRBURGER 1967, 71) kennen lernen.

Auch im Unterricht an der Hauptschule ist zu bemerken, dass die Schülerinnen und Schüler zwar für das selber Erlernen länger brauchen, doch diese Dinge besser behalten können als etwas im Frontalunterricht Vorgesetztes.

 

3.5. Gott ist überall (aber erst ab der 3. Entwicklungsstufe!)

Aufständisch, zumindest für die Kirche, sind seine Gedanken über religiöse Erziehung und den ersten Erfahrungen mit Gott. (Was ihm u.a. auch eine Verfolgung durch die Kirche eingetragen hat. Rousseau ist ja bekanntlich nach der Veröffentlichung seiner Hauptwerke aus Frankreich geflohen!)

Die zwei Hauptaussagen lauten:

1. Sein Emilie soll lieber gar keine Vorstellung von Gott haben als eine phantastische, unwürdige.

2. Für Rousseau ist Gott allein draußen in der freien Natur.

 

Mit der zweiten Aussage sind dann von Rousseau Töne angeschlagen, die dann in der Sturm und Drang Bewegung () als rauschender Akkord aufklingen werden.

(vgl. Reble 19647, 146 f.)

Als Beispiel des angesprochenen Gottfindens in der Natur, des Pantheismus, ein Auszug aus dem Sturm und Drang Werk schlechthin: Die Leiden des Jungen Werther von Johann Wolfgang von Goethe:

() Wenn das liebe Tal um mich dampft und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen, die unzähligen, unergründlichen Gestalten der Würmchen, der Mücken näher an meinem Herzen fühle und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Allliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; () wenn's dann um meine Augen dämmert und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten - dann sehne ich mich oft und denke: Ach könntest du das wieder ausdrücken, könntest du dem Papiere das einhauchen, was so voll, so warm in dir lebt, dass es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes! () Aber ich gehe darüber zugrunde, ich erliege unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.

Goethe o.J., 6f.

 

Die Erziehung zu und von Religion ist ein zu strittiges Thema, um hier genauer Stellung zu beziehen, aber es beweist trotzdem, Jean Jacques Rousseau ist in allen Linien ein Vordenker, fast Visionär, gewesen.

 

Schlussworte

Rousseaus Grundthesen weisen weit über die bis dahin vertretenen pädagogischen Auffassungen hinaus. Erst durch ihn wurde der Blick für die Eigenart des Kindes frei. Der Erzieher soll als Anwalt des Kindes verstanden werden. Ansonsten lernt das Kind aus seiner eigenen Erfahrung und Wissbegierde. In der freien Natur wird es darin entsprechend motiviert.

Interessant ist auch die These, dass das Kind nach dem Fallen das eigenständige Aufstehen lernen muss.

Rousseau hat die Unterrichtsgrundsätze der Selbsttätigkeit, Anschauung, Bodenständigkeit und die Bedeutung des Handwerkes, nicht in allem zu ersten mal, aber als wegweisend festgelegt.

Niemand zuvor konnte die Notwendigkeit dieser Grundsätze so überzeugend darstellen wie er!

Wenn ich nach dieser Arbeit nur einen Grundsatz von ihm behalte, dann diesen:

Der Mensch ist von Natur aus gut. Ich soll in jedem Menschen nur das gute sehen und mit meiner Erziehung soll ich das Kind zu dem führen was es ist - ein MENSCH.

 

Rebecca Wild begründete zusammen mit ihrem Mann Mauricio 1977 in Ecuador ihr reformpädagogisches Konzept. Sie hat zwar Montessori-Pädagogik studiert, aber wenn man ihr Programm durchliest, stechen einem die Gemeinsamkeiten mit Rousseau sofort ins Auge:

'Schule muss die Lebensprozesse des einzelnen Kindes respektieren, und die inneren Vorgänge beim Kind oder Jugendlichen sollten immer Vorrang vor äußeren Eingriffen in der Lebenswelt genießen. Denn Kinder und Jugendliche müssen nicht belehrt werden, sondern brauchen nur eine Umgebung, die ihren Wachstumsprozessen entsprechen, sodass sie von innen geleitet und im Austausch mit ihrer nächsten Umgebung sich zu dem entwickeln, was ihrer wahren menschlichen Natur entspricht.' (WILD 2001, 2)

Literaturverzeichnis:

 

Theo DIETRICH (19752): Geschichte der Pädagogik in Beispielen aus Erziehung, Schule und Unterricht; 18. - 20. Jahrhundert; Bad Heilbrunn/Obb. (Verlag Julius Klinkhardt) Seiten 9 - 36

 

Duden ( 19892): Deutsches Universalwörterbuch,. vom Wissenschaftlichen Rat und der Dudenredaktion unter der Leitung von Günther Drosdowski [hrsg. u. bearb.]; Mannheim - Leipzig - Wien - Zürich (Dudenverlag) Seiten 1216 - 1655

 

Franz Hörburger (1967): Geschichte der Erziehung und des Unterrichts; Wien; (Österreichischer Bundesverlag) Seite 71

 

Josef A. Keller/Felix Novak (19938): Kleines Pädagogisches Wörterbuch; Grundbegriffe - Praxisorientierungen - Reformideen; Freiburg im Breisgau (Verlag Herder) Seiten167 - 305

 

Karl Knoop/Martin Schwab (1981): Einführung in die Geschichte der Pädagogik; Pädagogen-Porträts aus vier Jahrhunderten; UTB 1100; Heidelberg; (Verlag Quelle & Meyer) Seiten 43 - 54

 

Albert Reble (19647): Geschichte der Pädagogik; aus der Reihe: Erziehungswissenschaftliche Bücherei, Reihe II Geschichte der Bildung; Stuttgart (Ernst Klett Verlag) Seiten 142 - 147

 

Rebecca Wild (2001): Lebensqualität für Kinder und andere Menschen; Erziehung und der Respekt für das innere Wachstum von Kindern und Jugendlichen; Beltz Taschenbuch 85; Weinheim und Basel; (Beltz Verlag,) Seite 2

 











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