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Die große Flucht

Es begann an der Weichsel - Das Ende an der Elbe

Jürgen Thorwald

I Vorbemerkungen zum Buch

Bibliographische Angaben

Autor                                      : Thorwald, Jürgen

Titel                                       : "Die große Flucht  -  Es begann an der Weichsel -

                                                  Das Ende an der Elbe"

Verlag                                    : Kaiser Verlag GmbH, Klagenfurt

Erstausgabe                     : 1951

Vorliegende Fassung      : 2002         

 

 

II Inhaltsangabe

          2.1 Formaler Aufbau des Buches

Das Buch ist in 2 Bände, "Es begann an der Weichsel" und "Das Ende an der Elbe", unterteilt.

Der erste Band umfasst 239 Seiten und ist in 5 Kapitel gegliedert, die den Rückzug der deutschen Truppen und die Flucht der Zivilbevölkerung im            2. Weltkrieg von der Weichsel an die Oder schildern. Die Kapitel sind chronologisch und geographisch geordnet: Ziegenberg, Es begann an der Weichsel, Sturm über Ostpreußen, Flucht über die Ostsee, Zwischen Weichsel und Oder.

Der zweite Band umfasst 259 Seiten und behandelt den Rückzug von der Oder an die Elbe. Er ist in 4 Kapitel unterteilt: Heinrici oder die letzte Hoffnung an der Oder, Die Schlacht um Berlin, Die Insel der Unseligen oder Sturm über Prag, Die Verlorenen von Kurland.

Außerdem findet man noch ein Nachwort und ein Quellen- und Personenverzeichnis.

2.2 Intention und Umsetzung

Die Intention Thorwalds dieses Buch zu schreiben war eine Aufsatzreihe in der Stuttgarter Wochenzeitung "Christ und Welt" (später "Deutsche Zeitung"). In der Aufsatzreihe versuchte man die Geschichte des damaligen Ostdeutschlands im Frühjahr 1945, welche bisher weitgehend unbehandelt war, skizzenhaft darzustellen (das Buch stützt sich auf das der Aufsatzsammlung zugrunde liegende Quellenmaterial). Es sollte eine Anregung sein, sich mit der Thematik dieser Zeit, nicht nur auf dem wissenschaftlichen Sektor, sondern gerade in der Öffentlichkeit, näher zu befassen und sich mit den begangenen Verbrechen auseinanderzusetzen.

Die Umsetzung ist meiner Meinung nach gelungen. Thorwald hat es geschafft die Geschehnisse objektiv darzustellen und in die, bis dahin unbehandelte Thematik der Flucht aus Ostdeutschland vorzustoßen. Auch sein Ziel durch dieses Buch einen Anreiz  zu schaffen diese Thematik näher zu behandeln ist gelungen. Bis heute erscheinen noch neue Bücher zu diesem Thema (z.B.: 2001 "Die Große Flucht - Das Schicksal der Vertriebenen" (von Guido Knopp)). Durch seine stets objektiven Schilderungen und die tatsachengetreu betrachteten Ereignisse hat er außerdem erreicht ein Standartwerk zu dieser Thematik zu verfassen, dass nun schon seit über 50 Jahren (Erstausgabe war 1951) weiterhin auf dem Markt erhältlich ist.

         

2.3 Thesen des Buches und ihre Entfaltung

Thorwalds Buch "Die große Flucht" ist, wie auch in der Intention beschrieben, ein Vorstoß in, bis zum damaligen Zeitpunkt, weitestgehend unbekannte geschichtliche Ereignisse. Das Buch, dass, wie im Nachwort erwähnt, ein Bericht ist, schildert die Ereignisse so, wie sie vorgefallen sind. Thorwald stellt deshalb in seinem Buch auch keine Thesen auf, er schildert nur Tatsachen und entzieht sich weitestgehend ihrer Bewertung.

Nur selten meldet sich der Autor zu Wort (dies aber auch nur äußerst knapp und ohne argumentative Erläuterungen).

Er schreibt, dass die westlichen Alliierten Fehler im Umgang mit den Russen gemacht  hätten (".und die ebenso tragisch wie verhängnisvolle Verstrickung der westlichen Alliierten in Irrtümer und Illusionen."). Dies erwähnt er, als er die Misshandlungen der Deutschen durch die Prager Bevölkerung am  05.01.1945 beschreibt. Am 8. Mai rückte eine Patrouille der Amerikaner in Prag ein um sicherzugehen, dass die Deutschen Prag doch nicht wieder in ihre Kontrolle brachten. Aber anstatt den Misshandlungen der Prager Bevölkerung Einhalt zu gebieten, zogen sie wieder ab.

Thorwald meint mit "Irrtümer und Illusion", erstens dass die westlichen Alliierten einen Fehler begannen hätten, indem sie die Russen soweit vorrücken ließen. Wären die Amerikaner und die Briten nicht an der Elbgrenze und der Grenze der Tschechoslowakei stehen geblieben, hätten sie einen großen Teil der Zivilbevölkerung vor den Misshandlungen der Russen retten können.

Zweitens meint er, dass sie einen weiteren Irrtum begangen hätten, indem sie die Angebote, der sich im Rückzug nach Westen befindlichen deutschen Armeen, ihnen gegenüber zu kapitulieren und in ihre Gefangenschaft überzugehen, abgelehnt haben (dies gilt nur für die Armeen der Heeresgruppe Schörner). Die Amerikaner behaupteten, dass die Behandlung in der russischen Gefangenschaft genauso gut sei, wie die ihre und die Russen sich ebenfalls an das geltende Völkerrecht halten würden ("Wir achten die Russen als faire Armee. Sie werden auch in russischer Gefangenschaft nach den Grundsätzen des Völkerrechtes behandelt und bald ihre Heimat wieder sehen."). Dies aber entsprach nicht der Wahrheit, denn die in Russland gefangenen Deutschen wurden, zum größten Teil, nicht so behandelt wie es ihnen nach Völkerrecht zugestanden hätte. Somit hätten die Amerikaner vielen deutschen Soldaten eine russische Gefangenschaft ersparen können.

Ein weiteres Mal äußert sich Thorwald zu Schörner, der, wie er meint, seine Armeen und besonders die Deutschen in der Tschechoslowakei, wegen seiner plötzlichen Flucht, im Stich gelassen hatte ("Schörner hatte nicht nur seine Soldaten im Stich gelassen. Er hatte auch alle jene Deutsche im Stich gelassen, welche am 6., 7. und 8. Mai in Prag und im ganzen tschechischen und sudetendeutschen Gebiet noch darauf hofften, seine nach Westen gehenden Armeen würde sie schützen oder befeien und ihnen ebenfalls den Weg nach  Bayern oder ins amerikanisch besetzte Gebiet öffnen.").

Als die deutschen Armeen den Rückzug antraten und die Tschechen über die Deutschen herfielen, stand das deutsche Heer praktisch führerlos da. Schörner hatte durch seine überstürzte Flucht den Kontakt zu seinen Truppen verloren und auch keine Möglichkeit hinterlassen, dass sein Stabschef die Truppe weiterhin hätte führen können. Somit wurde der Rückzug in solcher Geschwindigkeit vollzogen, in dem die deutschen Soldaten keine organisierten Aktionen mehr unternehmen konnten, die deutsche Zivilbevölkerung vor der Wut der Tschechen zu schützen. Er sagt, dass Schörner, allein durch sein Auftreten ("die Wirksamkeit seiner Person") - er war für seine Skrupellosigkeit und seine Brutalität gegen seine eigenen Soldaten bekannt -  schon dafür hätte sorgen können, dass die Soldaten die deutsche Zivilbevölkerung, zumindest teilweise, aus der Tschechoslowakei hätten retten können.

Durch seine Flucht aber entzog er sich dieser Verantwortung und beließ die Deutschen ihrem Schicksal.

Ein letztes Mal äußert sich Thorwald in Zusammenhang zu den zahlreichen Misshandlungen der Tschechen an den Deutschen.

Er entkräftet das Argument, dass das der Deutschen gerechte Strafe war für das, was sie den Juden angetan haben, in dem er schreibt, dass die Tschechen kein Recht hätten sich für die Juden zu rächen ("Aber die Tschechen waren nicht berufen, das Schicksal der Juden an den Deutschen zu rächen, während sie nur ihrem Hass, ihrer eigenen Rache, ihrem eigenen Chauvinismus die Zügel schießen ließen.").  Er schreibt weiter, dass die Okkupation der Tschechei von den Deutschen und das Ausmaß der Geschehnisse, die im Prager Aufstand ihren Anfang nahmen, in keinem Verhältnis zueinander standen ("Im gleichen Atemzug aber muss sie (die Geschichte) feststellen, dass es zwischen dem Ausmaß der ersteren (Okkupation der Tschechoslowakei) und dem Ausmaß der Geschehnisse, die mit dem Prager Aufstand ihren Anfang nahmen, kein gerechtes Verhältnis und keinen Vergleich mehr gab.").

Ich möchte aber klarstellen, dass diese keine Thesen sind mit denen sich das Buch in zentraler Weise auseinandersetzt. Diese, meist nur kurze Gedanken, die Thorwald in seinem Buch äußert, sind auch nur am Rande vermerkt. Deshalb geht Thorwald diesen Thesenansätzen nicht weiter nach, und um seine eigentliche Aufgabe, die Beschreibung der Flucht und des Rückzugs nicht aus den Augen zu verlieren.

III Kritik

          3.1 Adressatenkreis

Der Adressatenkreis dieses Buch ist, da es in dem Zusammenhang einer Aufsatzreihe einer Wochenzeitung entstanden ist, sehr groß. Es richtet sich an jeden, vom Experten, da es in Vakuum der bisherigen Geschichte vorstieß, bis zum "normalen Volk", das sich mit den Geschehnissen dieser Zeit befassen    will.

Man braucht keine besonderen Vorkenntnisse der Geschichte, um dem Buch folgen zu können und die dort beschriebenen Geschehnisse in das gesamtgeschichtliche Umfeld dieser Zeit einordnen zu können. Wie auch in der Intention vermerkt, war es ein Versuch die breite Öffentlichkeit auf das Schicksal der damaligen Ostdeutschen hinzuweisen und das Gedenken an die verschwiegenen Opfer im damaligen Ostdeutschland zu wahren. Somit ist das Buch in die populärwissenschaftliche Sparte einzuordnen.

          3.2 Lesbarkeit und didaktische Hilfen

Das Buch lässt sich einfach und flüssig lesen. Dem Adressatenkreis  entsprechend ist die Sprache dieses Buches einfach und verständlich. Thorwald verzichtet auf geschichtlichen Fachjargon oder grammatikalische Besonderheiten. Die einigen wenigen Fremdwörter die auftauchen behindern das Lesen in keinem Maße und lassen sich oft aus dem Zusammenhang erschließen.

Didaktische Hilfen sind, bis auf ein sehr nützliches Personenregister, in dem der Name mit der begleiteten Funktion steht,  nicht vorhanden und auch nicht nötig.

Thorwald verzichtet auf störende Anmerkungen und Indices, die wegen einer einfachen Sprache auch überflüssig wären.

         

3.3 Inhaltliche Stellungnahme

Ich beurteile das Buch als sehr gelungen. Die Geschichte der Flucht der Deutschen ist tief bewegend und erschütternd.

Die zahlreichen Zeugenberichte, machen das Buch sehr authentisch. Thorwald zieht fast zu jedem Thema einen Zeugenbericht heran, die seine Ausführungen unterstützen. Immer wieder übernimmt er ganze Tagebucheinträge von Betroffenen, was einem das Geschehene noch näher vor Auge rückt und das ganze Ausmaß der Tragödie erfassen lässt. Oftmals fühlt man sich durch die Zeugenberichte mitten in die Geschehnisse hineinversetzt und findet sich in einem Gefühl der Hilflosigkeit wieder.  Die unbeschreiblichen Berichte, besonders in Form von persönlichen Notizen oder Tagebucheinträgen, der Misshandlungen benötigen ein hohes Maß an Selbstbeherrschung um nicht eine Wut auf die Russen und Tschechen zu entwickeln, welche diese Misshandlungen, Vergewaltigungen, Morde und Plünderungen verübten.

Thorwald zieht nicht nur zum Thema der Flucht und der Misshandlung Zeugenaussagen hinzu. Er beschreibt auch die Wirren in der Reichskanzlei anhand einiger Berichte von Personen, die die Reichskanzlei das erste Mal betreten.

Zusätzlich schildert er zum Beispiel eine Diskussion von einem Vater mit seinem Sohn und einem Professor mit seinem ehemaligen Schüler, der als Frontsoldat dient. Solche, meist mit der Thematik der Flucht direkt nicht im Zusammenhang stehenden, Dialoge lassen dem Leser auch einen Einblick in die damaligen Ansichten von normalen Menschen zu den Geschehnissen ihrer Zeit und wie sie von der Propaganda manipuliert wurden.

Durch das ausgewogene Verhältnis zwischen zivilen Fluchtgeschichten und Heeresbewegungen schafft  es Thorwald nicht nur die Flucht der Zivilisten angemessen zu beschreiben, sondern ebenso die Atmosphäre der Reichskanzlei, die Persönlichkeiten der deutschen Generalität und die Sturheit der Parteifunktionäre, Gauleiter oder Fanatiker. Wenn man bedenkt, dass durch die Vorschläge der, noch objektiven, von der Reichskanzlei unbeeinflussten Generäle die Zivilbevölkerung, durch frühzeitige Evakuierungen, gerettet werden können, steht man der Tatsache gegenüber, dass Hitler nicht "nur" das Leben von 6.000.000 Juden zerstörte sondern sogar seinem eigenen Volk die Möglichkeit raubte, sich den Misshandlungen zu entziehen. Thorwald schafft es, auch in diesem Punkt, dem Leser sehr tiefe Einblicke in die Ereignisse zu verschaffen.

Einen Kritikpunkt möchte ich aber noch anmerken. Und zwar der fehlende Überblick der Front  durch weitgehend unbekannte geographische Bezeichnungen. Durch die zahlreichen Städtenamen entlang der Frontverläufe, die mir zumindest weitgehend unbekannt  waren, verliert man einen Überblick über die Stellungen der Deutschen bzw. der Russen. Sich somit klarzumachen wie weit die Russen noch von bestimmten Städten oder Stadtteilen entfernt waren, lässt sich leider auch nicht durch einen Atlas in Erfahrung bringen, denn viele Städte waren im Atlas nicht zu finden. Ich glaube das liegt daran, dass dieses Buch zwischen 1949 und 1951 geschrieben wurde und der Bevölkerung, gerade weil die Geschehnisse nur 5 Jahre zurücklagen, diese Namen noch geläufig waren. Es wäre aber besonders deswegen sehr hilfreich gewesen, wenn von dem Verlag nachträglich einige Karten mit den entsprechenden Bezeichnungen hinzugefügt worden wären.

Insgesamt aber ist "Die Große Flucht" ein sehr gutes Buch, das die Geschichte der Vertreibung und der Flucht von mehreren Seiten aus beleuchtet. Auch wenn ich mir gewünscht hätte, einige Schilderungen von russischer Seite in dem Buch vorzufinden, kann man sagen, dass es Thorwald gelungen ist diese Thematik objektiv und angemessen zu betrachten.

Das Buch ist, meiner Meinung nach, ein sehr wichtiger Anfang gewesen das Geschehen zu verarbeiten und es nicht zu verdrängen. Noch heute steht dieses Buch,  nicht nur als Standartwerk zu dieser Thematik, sondern auch als Mahnmal des "Nichtvergessens" da. Ich kann jedem, der sich mit der Thematik auseinander setzen will, das Buch nur sehr empfehlen und hoffen, dass weiterhin über das Geschehene diskutiert und geredet wird, um zu verhindern, dass die Opfer jemals vergessen werden.