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Heinrich Leopold Wagner - Die Kindermorderin

Heinrich Leopold Wagner

Die Kindermörderin

(1776) Ein Trauerspiel in 6 Aufzügen


Der Autor

Heinrich Leopold Wagner ( 19.2.1747 Straßburg - 4.3.1779 Frankfurt a. Main)



1779 lernte er als Student in Frankfurt Goethe kennen, der ihn später in seinem Schaffen stark beeinflusste. Am wirksamsten waren seine den gesellschaftlichen Mißständen damaliger Zeiten entnommenen Bühnenstücke: "Die Reue nach der Tat" (1775), "Die Kindermörderin" (1776)


Das Stück

Die Kindermörderin. Das Trauerspiel "Die Kindermörderin" wurde von Wagner 1776 geschrieben und erschien zunächst anonym. Es prangerte darin die damaligen gesellschaftlichen Zustände ungewohnt direkt an. Für spätere Aufführungen wurde das Stück mehrfach umgeschrieben (1777 K.G. Lessing, 1779 Wagner selbst) und entschärft. Von Goethe wurde es als ein Plagiat der Gretchen Szene in seinem Urfaust bezeichnet.

Schauplatz der Handlung ist Straßburg, das Geschehen zieht sich über neun Monate.


Der Inhalt

Die Hauptperson des Trauerspiels "Die Kindermörderin" ist das achtzehnjährige Evchen, Tochter des Metzgers Martin Humbrecht und dessen Frau.

Zu Beginn besucht Evchen mit ihrer Mutter einen Ball. Von dort werden die beiden vom Leutnant von Gröningseck in ein fragwürdiges Gasthaus verschleppt. Er macht die Mutter betrunken und betäubt sie schließlich, indem er ihr ein Schlafpulver verabreicht, und vergeht sich hierauf an Evchen, muß ihr aber später das Versprechen geben, sie in fünf Monaten zur Frau zu nehmen. Frau Humbrecht bemerkt von alledem nichts.

Später ahnt niemand was sich in dieser Nacht tatsächlich zugetragen hat, denn Evchen bewahrt dieses Geheimnis für sich und wagt es aus Angst vor ihrem Vater nicht, sich jemandem anzuvertrauen. Als der dann auch noch von der Schwangerschaft der unverheirateten Magd erfährt und diese daraufhin mitsamt ihrer alten Mutter auf die Straße setzt, verschließt sich Evchen vollends.

V Hasenpoth, ein Kompagnon v Gröningecks, wittert den Braten, worauf v Gröningeck alles gesteht und ihm auch seine Absicht kund tut, Evchen zur Frau zu nehmen. Als er sich dann auch noch etwas zu anteilig bei seinem Freund den Magister, ein Vetter Humbrechts, nach Evchens Befinden erkundigt, schöpft auch dieser einen ersten wagen Verdacht.

Unterdessen versinkt Evchen immer tiefer in ihre Melancholie, was ihren Vater sehr böse macht, ihre Mutter jedoch traurig stimmt. Da gelingt es v Gröningseck wiederum, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Er beteuert, das Versprechen, das er in dieser einen verhängnisvollen Nacht gegeben hatte, einhalten zu wollen, bittet aber gleichzeitig um weitere zwei Monate Aufschub. Er gibt an, nach Hause reisen zu wollen, um seinen Hof zu verkaufen.

Doch, wie es scheint, steht v Gröningeck nicht zu seinem Wort. Als Evchen einen höhnischen Brief von diesem erhält, sieht sie keinen Ausweg mehr und läuft von zu Hause weg. Während noch niemand ihre Abwesenheit bemerkt hat, nimmt sich der Magister ein Herz und breitet seinen Verdacht vor Evchens Eltern aus, unterstützt durch einen weiteren Brief v Gröningecks. Doch als man Evchen zu der Sache befragen will, bemerkt man ihre Abwesenheit; der Verdacht erhärtet sich, Humbrecht ist außer sich vor Zorn. Das alles ist zuviel für Frau Humbrecht, sie stirbt an gebrochenen Herzen.

Evchen bringt ihr Kind bei einer Frau Marthan zur Welt, ist jedoch nicht in der Lage, es zu ernähren. Als Marthan fragt, wo sie denn zuvor gearbeitet hätte, gibt Evchen an, die Magd ihres Vaters gewesen zu sein. Da erzählt ihr Marthan vom Tod ihrer Mutter und dass man eine Wasserleiche gefunden hätte, die nun für Evchen gehalten wird. Als Evchen auch noch von der ausgesetzten Belohnung erfährt, gibt sie ihre wahre Identität preis und schickt Martzhan, damit sie ihrem Vater von ihrem Aufenthaltsort berichte und die Belohnung kassiere. Der Kummer lastet nun schwer auf ihr und als Marthan gegangen ist, tötet sie aus Verzweiflung ihr Kind. So ist es schon zu spät als ihr Vater, der Magister und sogar v Gröningeck angestürmt kommen. Es stellt sich heraus das die Briefe v Hasenpoths Werk waren und v Gröningeck nach wie vor zu seinem Wort steht. Doch nun kann er seinem Evchen auch nicht mehr helfen.

Die Interpretaion

Das Drama "Die Kindermörderin" ist ohne Zweifel ein scharfer Angriff an damalige gesellschaftliche Strukturen und Werte. So wundert es auch nicht weiter, dass das Stück in seiner Urform zu damaligen Zeiten nicht aufgeführt wurde, sondern nur in seinen abgeschwächten, entschärften Nachfassungen und Umarbeitungen.

Das Werk wurde, wie schon erwähnt, anfangs nie in seiner Urfassung gegeben. Zunächst anonym erschienen, wurde es von Karl Lessing zu einer bühnentauglichen Fassung umgeschrieben. Diesem Vorhaben fielen der erste Akt, die Verführung, und das dramatische Ende zum Opfer. In einer weiteren Nachbearbeitung, diesmal von Wagner selbst, verhält es sich nicht anders. Das dramatische Ende wandelt sich zu einem seichten ,Happy End' mit reuiger und vergebender Einsicht der Eltern, beide leben sie noch und der Verheiratung v. Gröningecks mit Evchen. Sogar das Kind überlebt die Handlung, weswegen der Titel nun auch ,Evchen Humbrecht oder Ihr Mütter merkts euch!' lautet.

Wagner, der sich selbst als konsequenten Naturalisten bezeichnete, wird seine Linie jedoch schon in der Urfassung untreu. Der Leutnant der junge unschuldige Mädchen in fragwürdige Lokale verschleppt um sie dort zu verführen, scheint an einer groben Persöhnlichkeitsstörung zu leiden, wenn er ihnen im Nachhinein die Ehe verspricht. Abgesehen hiervon ist die Botschaft des Stücks ziemlich deutlich: Junges Mädchen verliebt sich in Mann anderen Standes, wagt aber nicht aus der Umarmung ihres konservativen Vaters auszubrechen. Die Schwangerschaft verschärft die Lage noch zusätzlich, schließlich ist so eine voreheliche Empfängnis nicht ganz nach Vaters Moralvorstellungen. Die obligatorische Eskalation der Situation zu einem Säuglingsmord rundet die Sache nur noch ab. Das kommt halt davon! Ja, nämlich von zu sturen Moralvorstellung, die Wagner als Aufklärer natürlich aufweichen wollte.

Heute ist der Inhalt nur mehr wenig bis überhaupt nicht skandalträchtig. Bei den heutigen Wertvorstellungen unserer Gesellschaft dürfte es schwer fallen mit diesem Stück überhaupt noch jemanden zum Nachdenken zu bewegen.

Ansonsten ließt sich der Text durch ungewohnte Grammatik und Schreibweise etwas schwierig, kann aber stellenweise durchaus fesseln.

Die Textstelle: Sechster Akt, 3/4

Evchen. Es wird ja schon dunkel - (Frau Marthan vollends ab.) - mir vor den Augen! war mirs schon. - Fast war mir bang, ich brächte sie mir nicht vom Hals. - Ja! was wollt ich doch? - warum schickt ich sie aus. - Mein armes bischen Verstand hat, glaub ich, vollends den Herzstoß bekommen! - (das Kind schreyt wieder.) Singst du? singst? singst unseren Schwanengesang? - singe, Gröningseckchen! sing! - Gröningseck! so hieß dein Vater; (nimmts vomBett wieder auf und liebkosts.) - Ein böser Vater! der dir und mir nichts seyn will, gar nichts! und mirs doch so oft schwur, uns alles zu seyn! - ha! im Bordel so gar es schwur! - (zum Kind) Schreyst? schreyst immer? laß mich schreyn, ich bin die Hure, die Muttermörderin; du bist noch nichts! - ein kleiner Bastert, sonst gar nichts; - (mit verbißener Wuth.) - sollst auch nie werden, was ich bin, nie ausstehen, was ich ausstehen muß - (nimmt eine Stecknadel, und drückt sie dem Kind in Schlaf, das Kind schreyt ärger, es gleichsam zu überschreyn singt sie erst sehr laut, hernach immer schwächer.)

Eya Pupeya!

Schlaf Kindlein! Schlaf wohl!

Schlaf ewig wohl!

Ha ha ha, ha ha! (wiegts auf dem Arm.)

Dein Vater war ein Bösewicht,

Hat deine Mutter zur Hure gemacht;

Eya Pupeya!

Schlaf Kindlein! Schlaf wohl!

Ha ha ha, ha ha!

Schläfst du, mein Liebchen, schläfst? - wie sanft! bald beneid ich dich Bastert, so schlafen Engel nur! - Was mein Liedchen nicht konnte - säng mich doch auch jemand in Schlaf so! Ha! ein Blutstropfen! den muß ich wegküssen, - noch einer! - auch den! (küßt das Kind an dem verwundeten Schlaf.) - Was ist das? - süß! sehr süß! Aber hinten nach bitter - ha, jetzt merk ichs - Blut meines eigenen Kinds! - und das trink ich? - (wirfts Kind aufs Bettt) Da schlaf, Gröningseck! schlaf! schlaf ewig! - bald wird ich auch schlafen - schwerlich so sanft als du eingeschlafen, aber wenns einmal geschehen ist, ists gleichviel. - (Man hört jemand.) Gott! wer kommt? (sie deckt das Kind zu, setzt sich daneben, und fällt, da sie ihren Vater kommen sieht, mit dem Gesicht aufs Kopfküßen.)

Humbrecht. Wo? wo ist sie, meine Tochter? - meine Tochter, meine einige Tochter? (erblickt sie auf dem Bett.) Ha! bist du da, Hure, bist da? - Hier Alte! dein Geld! (wirft einen Sack hin, Fr. Marthan hebt ihn auf und thut ihn beyseite.) - Hängst den Kopf wieder? hasts nicht Ursach, Evchen, ´s ist dir alles verziehn, alles! - (schüttelt sie.) Komm! sag ich, komm! Wir wollen Nachball halten - - ja, da möchte man sich ja kreutzigen und segnen über so ein Aas: wenn der Vater zankt, so laufts davon, gibt er gute Worte, so ists taub. - (schüttelt sie noch heftiger.) Willst reden? oder ich schlag die das Hirn ein! -



Die Quellen

H.L.Wagner: Die Kindermörderin. Reclam: Ditzingen 1997

Kindlers neues Literaturlexikon. Kindler







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