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Gedanken zum Tagebuch der Anne Frank


Gedanken zum Tagebuch der Anne Frank


Als ich erfuhr, daß ich "Das Tagebuch der Anne Frank" lesen sollte, erfüllte mich dies mit Freude. Einerseits, weil mich das Thema und die damaligen Geschehnisse durchaus interessieren, andererseits, weil ich vor langer Zeit schon eine Fernsehserie mit dem Titel "Anne Frank" mit viel Aufmerksamkeit verfolgt habe.

Außerdem glaubte ich, daß ein Tagebuch eines 13-jährigen Mädchens durchaus interessant und einfach zu lesen sei.

Kaum begonnen zu lesen, wurde ich schon eines Besseren belehrt. Das Buch ähnelt vom Sprachgebrauch her eher einem Roman als einem Tagebuch. Außerdem hatte ich mir erwartet, daß mein Wissen über den Holocaust durch dieses Buch erweitert werden würde.



Man bekommt das Thema Zweiter Weltkrieg und Judenverfolgung ja in seiner Schullaufbahn mehrfach präsentiert. Ich mußte jedoch feststellen, daß Anne Frank in ihrem Tagebuch hauptsächlich Privatstreitereien und zwischenmenschliche Konflikte behandelt.

Ich muß also sagen, daß ich betreffend die Judenverfolgung und die Zustände zu der damaligen Zeit kaum ausreichend Informationen aus dem Buch herausholen konnte. Interessant für mich waren wohl die Berichte über die "Außenwelt", die Meldungen aus dem Radio über den aktuellen Kriegsstand und die Schilderungen der Bombardierungen und der Konzentrationslager. Diese wenigen Passagen gaben mir Aufschluß darüber, in welch heikler Situation sich die Juden damals befanden.

Ich kann aber auch nicht behaupten, das Tagebuch der Anne Frank hätte mich nicht reicher an Gedanken und Überlegungen gemacht. Denn ich habe gelernt, wie es ist, wenn viele Menschen auf engem Raum miteinander über längere Zeit leben müssen. Ich konnte mir regelrecht bildhaft vorstellen, wie diese Menschen in Konflikt miteinander geraten sind und wie die Auseinandersetzungen wohl abgelaufen sind. Ich habe versucht, mich selbst in die Situation der Anne Frank zu versetzen, um ihre Gedanken besser verstehen zu können. Ich muß zugeben, es fiel mir extrem schwer. Allerdings habe ich erkannt, daß wohl ein jeder Mensch in der Situation der völligen Isolation Probleme mit Mitmenschen haben würde, egal wie gut man befreundet ist.

Auf den eigentlichen Inhalt des Tagebuches möchte ich nicht näher eingehen, da dieser meiner Ansicht nach in wenigen Sätzchen zu beschreiben wäre.

Vielmehr hat mich das Werk als Gesamtes zum Nachdenken angeregt, ohne den Inhalt im Detail zu berücksichtigen.

Was mich aber etwas traurig gestimmt hat war die Tatsache, daß Anne Frank in ihrer einsamen Abgeschiedenheit plötzlich immer wieder an ihre alten Freundinnen denken muß, ohne irgendeinen Anhaltspunkt über deren Situation. Sie weiß nicht, ob sie je eine von ihnen wieder zu Gesicht bekommen wird, ob sie je wieder eine wunderschöne gemeinsame Zeit durchleben wird, mit ihren Freunden und Freundinnen von früher.

Es hat mich dann innerlich wirklich positiv berührt, daß Anne dann in Peter eine wirkliche Bezugsperson entdeckt hat. Peter bringt wieder Leben in Annes Geist, er läßt die Monotonie des Seins in den Fluten von Annes Gefühlen versinken - wenn ich das so sagen darf.

Ich persönlich würde es wohl kaum verkraften, wenn ich aus meinem geordneten Leben herausgerissen würde und nicht wüßte, ob ich meine Freunde und mein vertrautes Umfeld je wieder sehen könnte. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird mir erst die wahre Tragödie der Anne Frank klar. Es war wohl nicht so sehr der Tod oder die lauernde Gefahr, die diesen Menschen zu schaffen machte - vielleicht war es schlicht und ergreifend die Ungewißheit, die die junge Anne vom Hinterhaus fast in den geistigen Ruin getrieben hat. Aber das ist nur meine persönliche Interpretation der Dinge. Vielleicht betrachte ich die Notizen der Anne Frank zu einseitig und subjektiv, mag sein.

Jedenfalls betrachte ich die Tatsache, daß Anne letztendlich auch Schwierigkeiten mit der eigenen Familie hatte, als ein weiteres Indiz dafür, daß das junge Fräulein die Vergangenheit vermißt hat, daß sie sich danach sehnte, die Dinge wieder so wie vor dem Krieg zu erleben. Doch auch ihre Familie hatte sich verändert, sie befand sich in der selben Situation wie Anne selbst. Deshalb glaube ich, daß sich Anne - wenn auch unbewußt - in ihre eigene Vergangenheit verliebt hat. Meiner Meinung nach gibt es auch in der Gegenwart solche Erscheinungen, wenn auch nicht derart intensiv. Wer kennt nicht jene Urlaubsromanzen, die nach kurzer Zeit dazu verdammt sind, zu flüchtigen Brieffreundschaften oder zu wehmütigen Erinnerungen zu zerschmelzen? So manch einer lebt noch lange danach in seinen Erinnerungen an die ach so wundervolle Zeit, die wahrscheinlich nie wieder kommen wird. Meiner Ansicht nach ist auch das eine Art von Eingesperrtsein in der eigenen Gefühlswelt, was Anne Frank in der extremsten Ausführung erlebt hat.

Das Lesen des Tagebuches hat mich natürlich auch dazu inspiriert, über Minderheiten im allgemeinen nachzudenken. Dabei ist mir aufgefallen, daß das Schicksal der Juden in der Öffentlichkeit wohlbekannt und vielbearbeitet ist. Oft kommt es einem so vor, als ob die Juden das einzige Volk sind, dem Unrecht widerfahren ist. Der Grund dafür ist mir schleierhaft. Vielleicht ist es der Fall, weil soviel Material über den Holocaust vorhanden ist, weil es unzählige Dokumentationen im Fernsehen und massenhaft Lektüre (meiner Ansicht nach) zu diesem Thema gibt. Außerdem ist es erst fünfzig Jahre her. Viele unserer Großeltern sind noch Zeitzeugen des Massakers an den Juden.

Wer aber spricht heute noch von der gewaltigen Ungerechtigkeit, die den Indianern in Nord - und Südamerika durch die europäischen Kolonisten widerfahren ist? Wer spricht noch von den blutigen Kämpfen bei denen die amerikanischen Ureinwohner regelrecht abgeschlachtet wurden?

Wie den Juden im 20. Jahrhundert ist den Indianern oder besser gesagt "Native Americans" ihr Hab und Gut weggenommen worden, sie wurden ihres Heimatlandes enteignet, man nahm ihnen die Lebensgrundlage, sprich die Büffel. Die Juden wurden in Konzentrations - und Vernichtungslager gesteckt. Meiner Ansicht nach waren und sind die Reservationen, in denen die Indianer ihr armseliges Leben fristen müssen, nichts anderes als eine - wenn auch abgeschwächte - Form dieser Lager in der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Doch Anne Frank ließ meine Gedanken nicht nur zu den Indianern schweifen.

Als ich las, welche Unterdrückung und Niedertracht die Juden damals ertragen mußten, fielen mir auch die schwarzen Sklaven ein, die auf den Plantagen der amerikanischen Südstaaten arbeiten mußten. Für mich persönlich gibt es auch hier wieder eine Parallele zu Juden und Indianern.

Mir würden noch viele Beispiele betreffend die Unterdrückung von Minderheiten einfallen, doch ich glaube, daß die Gedankenführung, zu der Anne Frank mich bewegt hat, auch mit wenigen Exempeln zum Ausdruck kommt.

Was mir bezüglich des Inhaltes des Tagebuches der Anne Frank noch aufgefallen ist, ist die Tatsache, daß eigentlich kaum von der Person des Adolf Hitler gesprochen wird. Es hat mich schon ein wenig gewundert, weil ich der Meinung bin, daß er als Hauptinstanz des Holocaust das Thema vieler Gespräche des Hinterhauses hätte sein müssen. Allerdings kann ich die genauen Tatsachen nicht wiedergeben, da ja der Inhalt der sicher zahlreichen Gespräche im Hinterhaus nur selten zum Ausdruck gebracht wird, außer es handelt sich um Streitgespräche.

Ich hätte jedenfalls gern mehr über die Person Adolf Hitler erfahren, da ich diesbezüglich kaum oder nur oberflächlich informiert bin. Mich würde interessieren, was einen Menschen dazu bewegen kann, ein ganzes Volk zu hassen und ausrotten zu wollen. Dazu fand ich auch im Buch keinerlei Hinweise, was ich mir allerdings auch nicht erwartet habe.

Auch möchte ich noch anführen, daß mich die vielen Namen, die Anne Frank im Laufe ihres Tagebuches verwendet, schon ein wenig verwirrt haben. Nachdem Anne jedem Hinterhausbewohner eine Art Spitznamen oder Zweitnamen gibt, fällt es oft besonders schwer, die einzelnen Personen zu unterscheiden. Dabei ist die Gefahr natürlich groß, die Identität der Individuen einfach zu ignorieren, sprich gar nicht mehr zu hinterfragen, wer jetzt was gesagt oder gemacht hat. Mich persönlich hat es jedenfalls nicht gerade enthusiastisch gestimmt, als ich jede dritte Seite wieder nachschauen mußte, wer eigentlich mit "Miep" oder mit "Bep" gemeint ist.

Abschließend kann ich behaupten, daß ich davon profitiert habe, Anne Frank gelesen zu haben. Insofern, als ich glaube, meinen Horizont etwas erweitert zu haben. Allerdings hätte ich mir mehr sachliche Informationen zum Thema Holocaust und Zweiter Weltkrieg gewünscht. So habe ich mehr über die Gefühlswelt eines jungen Mädchens erfahren, was mir allerdings wiederum geholfen hat, die Probleme zu verstehen, die eine Situation wie die der Anne Frank im Bezug auf sozialer und zwischenmenschlicher Ebene mit sich bringen kann. Dies ist sicherlich ein Argument, das mir im täglichen Leben auch eine Hilfestellung sein kann, da ich jetzt zumindest theoretisch auf menschliche Extremsituationen vorbereitet bin.






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