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Nach der Lekture von Faust I



Nach der Lektüre von Faust I

Torsten G. Greimel

Bei Fausts Einschätzung der Wissenschaft ist notwendigerweise vorauszuschicken, welche Ziele dieser doch nicht mehr junge Mann verfolgt und was ihn zutiefst bewegt. Als Doktor hat er bereits jahrelang seine Schüler, wie er sagt, an der Nase herumgeführt, was heißen mag, daß die Wissenschaft, die er lehrt, oder zumindest, wie er sie lehrt, im Prinzip aus hohlen Phrasen besteht und niemals zu den hochgesteckten, hehren Zielen, die Faust vorschweben, führen kann. Das ist Dr. Faust durchaus bewußt; er schert sich nicht im geringsten um den eigentlichen Fortschritt seiner Schüler und legt dadurch einen gewissen Egoismus an den Tag. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er verzweifelt einsieht, daß er 'so klug als wie zuvor' ist, müht er sich ab, mit dem Betreiben seiner Wissenschaft die absolute Erkenntnis zu erlangen, zu erfahren, 'was die Welt im Innersten zusammenhält'.


Schließlich sieht er ein, daß die Wissenschaft im engeren Sinn, ihm nicht zu diesem Ziel verhelfen kann. Nach Versuchen mit Magie und Geistesbeschwörungen, bei denen ihm schmerzlich bewußt wird, wie wenig gottgleich er ist, wie wenig erhaben er über den anderen Menschen steht, bleibt für ihn, will er sein Ziel nicht aufgeben, nur noch der Teufelspakt als mögliche Lösung.

Generell kann man sagen, daß Faust auf keinen Fall eine Art 'Scheinwissenschaft', eine Wissenschaft, die erdverbunden bei den klar umreißbaren Möglichkeiten des Menschen zum Stocken kommt, betreiben möchte. Im Gegenteil, er möchte den gesamten Kosmos, die Schöpfung schlechthin, transzendieren und versinkt, wenn er es sich in seinem fanatischen streben nach Gottgleichheit überhaupt erlaubt zu versinken, 'vor der Quinquillion in den Staub'.

Weniger strebt Faust nach Ruhm, Geld und Annerkennung, als danach, vom Baum der Erkenntnis essen zu dürfen, was ihm als Mensch nicht durch die Wissenschaft und letztlich auch nicht durch den Teufelspakt gewährt wird.

Interessant erscheint auch die Diskrepanz zwischen seine hehren Zielen und der Einstellung zur Wissenschaft einerseits und seinem Verhältnis zur Liebe, zur anderen Seele in seiner Brust, andererseits: Ich meine, daß Faust als Kopfmensch, einsehend, daß eine Verbindung mit dem naiven Gretchen notwendigerweise scheitern muß, letztlich den ersteren den Vorzug gibt.

Völlig anders geartet ist Wagners Einstellung zur Wissenschaft. Für ihn als Utilitaristen muß sie, wie möglichst alles in seinem Leben, Gewinn bringen. Allein daß er bei einem derart hochgebildeten Menschen wie Faust lebt und ihm auf die Finger schauen kann, sieht er entzückt als Gewinn an.

Sehr wohl strebt er nach Ruhm und Geld und erhofft sich über die Wissenschaft, dieser beider habhaft zu werden. Es ist ihm mit seinem Streben lange nicht so ernst wie Faust, aus dessen Blickwinkel Wagner als eine Person erscheint, die die Wissenschaft quasi zweckentfremdet, um einzig und allein völlig faßbare und reale Ziele verwirklichen zu können.

Durch diese Einstellung und diese Voraussetzungen ist es ihm prinzipiell gänzlich unmöglich, auch nur davon zu träumen, eines Tages zu erfahren, was die 'Welt im Innersten zusammenhält'.




Selbstverständlich ist Wagner eine jener Personen, die Faust so leicht an der Nase herumführen kann; einerseits, weil sie ihm, Faust, absolut hörig sind und in ihm ein zu erreichendes Ziel sehen, andererseits, weil sie von echter Wissenschaft nicht die geringste Ahnung haben. Darüber hinaus 'leiden' beispielsweise sowohl Wagner als auch ein Schüler Fausts an notorischer Selbstüberschätzung. Am liebsten würden die beiden gleich alles, was es wert ist, gewußt zu werden, studieren, was vielleicht gerade noch vom großem Fleiß aber auf wenig Kompetenz schließen läßt.

Mephisto als ewiger Verneiner, Kritiker, Zyniker und ironischer 'Anstachler' des Menschengeschlechts sieht in den wissenschaftlichen Bemühungen desselben nur die ewig sinnlosen Qualen, Erkenntnis zu erlangen. Er sieht die Menschen wie Ameisen vor den Füßen des Herren krabbeln und streitet vehement ab, daß erstens die Schöpfung perfekt sei und daß zweitens je ein Mensch unter diesen widrigen Umständen sein Glück finden könne.

Also macht er sich, ausgestattet mit einer riesigen Portion schwarzen Humors, unter dem Vorwand, den armen Menschen helfen zu wollen, auf, um diese anzustacheln, sich mit ihnen zu verbünden, ihnen Versprechungen um unfaßbare Einblicke in das Wissen der Natur zu machen und am sie (hoffentlich) für sich zu gewinnen. Gewissermaßen macht Mephisto sich das empirische Streben des Menschen, seine Wissenschaft und vorallem die Tatsache, daß es unmöglich ist, mit Hilfe dieser Wissenschaft die Welt komplett zu durchschauen, für seinen Pakt zunutze.

Völlig ungeeignete Schüler allerdings nimmt er, meist ohne, daß diese es bemerken, auf den Arm, macht sich lustig über die und ihre Wissenschaft, und verwirrt sie, nicht ganz ohne sich zu amüsieren, komplett.

Es liegt Mephisto also nicht wirklich viel an der Wissenschaft, viel mehr schon eher daran, die mit dem Herren abgeschlossene Wette für sich entscheiden zu können.










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