Eugippius
“Vita Sancti
Severini”

Das Leben des heiligen
Severin
Spezialgebiet in
Latein
Biographie des Eugippius:
Eugippius entstammte wahrscheinlich einer
römischen Familie und wurde nicht vor 465 geboren. Mit 15 Jahren lebte er
vermutlich in Neapel. Nachdem Severin gestorben war trat er in die Mönchsgemeinschaft
von Mautern (Favianis) ein. Da er Severin nicht mehr persönlich kennen lernte,
besorgt er sich sein Wissen von älteren Ordensbrüdern. Als er 488 mit der
Klostergemeinschaft nach Italien übersiedelte, wurde er Abt in dem
neugegründeten Kloster in Castrum Lucullanum bei Neapel. Aus seinen Schriften
ist zu erkennen, dass er nicht vor 533 starb.
Er zählte zu seiner Zeit zu den wichtigsten und bedeutendsten
Persönlichkeiten seiner Zeit, was jedoch nicht nur seiner theologischen Bildung
zuzuschreiben war.
Neben der Vita Sancti Severini verfasste er die Excerpta Ex
Operibus Sancti Augustini, die Auszüge aus den Werken des heiligen
Augustinus beinhaltet. Darüber hinaus hinterließ er seinen Mönchen eine Regula,
eine Mönchsregel.
Biographie des Severin:
Severins
Herkunft, seine Jugend, seine Ausbildung sein ganzes Leben bis zur Ankunft in
Noricum werden von Eugippius ausgeklammert. Nur im Brief an Paschasius wird
kurz darüber berichtet.
Wegen
diesen Informationsmängeln wurden immer wieder exotische Theorien betreffend
Severins früheres Leben aufgestellt. Es existiert zum Beispiel die These,
Severin sei bis zu Attilas Tod an dessen Hof als notarius tätig gewesen und
habe 453 fliehen müssen und sei deshalb nur zufällig nach Noricum gekommen.
“Unser Vaterland ist der Himmel und nach dem Himmel wollen wir
trachten!”
Eine
glaubwürdigere These stellte der Severinforscher Friedrich Lotters auf. Severin
(der Gestrenge) stammte aus einer vornehmen Familie Italiens oder sogar Roms
und hatte wahrscheinlich enge Verbindungen zu den weströmischen Kaisern. Er war
Inhaber des Ehrentitel „inlustrissimus vir“ eine Bezeichnung für Beamte der
höchsten Reichs- und Hofämter. Nach dem Ende des Hunnenreiches 454 wurde er mit
militärischen und zivilen Vollmachten in die Provinzen des Ostalpen-
/Donau-Raumes entsandt. 457 rekrutierte er als magister militum im Auftrag des
Kaisers Maiorianus in Pannonien ein Heer für einen Feldzug des Kaisers in
Gallien. Es gibt auch die Vermutung, dass Severin 461
der Ehrentitel „consul“ verliehen wurde. Nach dem der Hinrichtung des Kaisers
im selben Jahr, war seine Sicherheit gefährdet und floh in die oberägyptische
Wüste. Dort lernte er in einer Eremitenkolonie die asketische Lebensweise
kennen, wovon er so beeindruckt war, dass er eine conversio (= Hinwendung eines
schon getauften Christen zu monastisch-asketischer Lebensweise) erlebte.
Schlussendlich entschied er sich trotz seiner Sehnsucht nach der vita
contemplativa (dem Klosterleben) für die vita activa. 476 kehrte er auf
„göttliches Geheiß“ (ep. Eug. 10) nach Noricum zurück. Hier wirkte er bis ins
Jahre 476 in amtlicher Funktion. Nach diesem Jahr basierte seine Machtbefugnis
sicher nicht mehr auf einem amtlichen Auftrag, sondern aus eigener Initiative
und Berufung. Denn in Noricum wie auch in anderen Provinzen traten kirchliche
Organe an die Stelle der weltlichen Amter. Seine besonderen Fähigkeiten als
Politiker und Verwaltungsfachmann und vor allem sein vorzügliches Geschick im
Umgang mit den Germanenführern, besonders dem König der Rugier, kamen ihm
zugute.
Vita Sancti Severini 19
Severin
wurde geistliches Oberhaupt und weltlicher Führer der Bevölkerung von
Ufer-Noricum, die immer wieder unter Germaneneinfällen, Räuberbanden und
materieller Not litt. Er sammelte Mitbrüder um sich und gründete mehrere
Mönchsniederlassungen, war selbst jedoch nie Abt, Priester oder Mönch. Diese
Klöster, in erster Linie wiederum Favianis, das dem rugischen Herrschersitz
gegenüber gegründet wurde, waren sowohl geistliche Zentren für seelsorgerische
Tätigkeiten als auch ein funktionsfähiger Apparat, um seine Tätigkeiten in
bezug auf Verteidigung, Verwaltung, Versorgung und sozialer Absicherung der
Provinzbevölkerung ausführen zu können. Die Klöster waren Verwaltungszentren,
Aufbewahrungsorte für Nahrung und Kleidung, Hospitäler und seine Fratres waren
in mancher diplomatischen Mission unterwegs und sammelten Informationen, damit
Severin daraufhin Anordnungen treffen, Entscheidungen fällen und feindliche
Angriffe vorhersehen konnte. Die Versorgung mit Nahrung und Kleidung der
Bevölkerung lag ihm wohl besonders am Herzen. Dabei spielte die Abgabe des
Zehnten eine große Rolle, die er einführte. Besondere Aufmerksamkeit schenkte
er auch den von den Germanen Verschleppten, von denen er auch häufig welche
freikaufte. Bei Angriffen von Feinden organisierte er oft die
Verteidigungsmaßnahmen und als die Bedrohung für die Provinzbevölkerung immer
schlimmer wurde ordnete er die Evakuierung von Westen nach Osten ein.
Vita Sancti Severini 42
Vita Sancti Severini 43
Das
endgültige Ende der römischen Herrschaft im Noricum erlebte Severin nicht mehr.
Als Odoaker 488 die Romanen gewaltsam nach Italien umsiedelte, nahmen die
Mönche Severins Leichnam mit, so wie er es zuvor befohlen hatte. Er wurde in
Castrum Lucullanum beigesetzt. Im Jahre 902 wurde sein Leichnam nach Neapel
gebracht. Seit 1807 ruht er in Frattamaggiore nördlich von Neapel.
Aufbau der Vita Sancti Severini:
Die Vita Sancti Severini ist die einzige Quelle, aus der wir
etwas über den heiligen Severin erfahren. Sie entstand ungefähr im Jahre 511,
beinahe 3 Jahre nach Severins Tod.
Die
Entstehungsgeschichte des Commemoratorium (genaue Bezeichnung der Vita),
der Erinnerungs- oder Gedenkschrift, wird im Briefwechsel zwischen Eugippius
und dem römischen Diakon Paschasius dargestellt.
Eugippi
epistola ad Paschasium
Eugippius schickte Paschasius das Kommemoratorium mit der Bitte, aus
der “einfachen“ Materialsammlung eine kunstvoll aufgebaute, stilistisch
ausgefeilte Schrift auszuarbeiten. Diese Bitte ist eine bescheidene Form der
Widmung, die Paschasius höflich mit der Begründung ablehnt, er könne der
Schrift nichts mehr hinzufügen. Er habe Severins Leben der Wahrheit
entsprechend, leicht und gut verständlich beschrieben. So können wir auch heute
noch die Vita Sancti Severini in ihrer ursprünglichen Form, so wie sie
Eugippius konzipiert und sprachlich gestaltet hat, lesen. Sie ist in gutem
Latein und in gehobener Sprache verfasst.
Das Commemoratorium beginnt mit einer Kapitelübersicht (Capitula) der
46 Abschnitte.
Capitula
Zu Beginn könnte man meinen, dass die 46 Kapitel des Comemmoratoriums
uneinheitlich im Bezug auf Umfang und Inhalt aneinandergereiht sind, obwohl der
Aufbau gut überlegt war. Eugippius selbst hatte nämlich nicht die Absicht, mit
seinem Werk objektive Geschichtsschreibung auf der Grundlage von Fakten zu
betreiben, sondern seine einzige Absicht war es eine Heiligenvita im Dienste
der Theologie zu schreiben. Sein Ziel war es nicht den Lebenslauf des Severin
und dessen Charaktereigenschaften möglichst exakt wiederzugeben, sondern einige
markante Erlebnisse aus seinem Leben, wie zum Beispiel, denkwürdige Worte und
(Wunder-)Taten. Eugippius versuchte die virtus des Severin besonders zu
betonen. Er ordnete seinen Stoff zeitlich und nach verschiedenen
Gesichtspunkten der einzelnen Orte. Er wollte letztlich das Wirken Gottes durch
einen Heiligen, von allen verehrten Menschen darstellen. Deshalb bediente er
sich auch ganz bewusst des Stilmittels liturgischer und biblischer Überhöhung,
Aufbau der
Schrift nach den Ordnungsprinzipien, Virtus – Zeit – Ort:
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Kapitel 1 – 4
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Severins
erstes Auftreten in Noricum; Prophezeiungs-wunder.
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Kapitel 5 – 10
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Severins
erster Besuch in Favianis/Mautern; sein Ansehen bei den Germanen, besonders
bei den Rugiern; weitere Wundertätigkeiten und Gefangenenbefreiung.
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Kapitel 11 – 26
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Severins
Reisen, hauptsächlich in die Kastelle an der oberen Donau; mehrere
verschiedene Wundertätigkeiten; Zehnt und Armenfürsorge.
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Kapitel 27 – 31
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Evakuierung
der Romanen von Westen nach Osten; weitere Wundertätigkeiten.
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Kapitel 32 – 42
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Beschreibung
der letzten Lebensjahre des Severin in Mautern; weitere Wunder;
Todesahnungen, Vermächtnisse, Mahnungen.
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Kapitel 43
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Severins
Tod
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Kapitel 44 – 46
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Ereignisse
nach Severins Tod; weitere Wunderberichte.
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Chronologische
Einordnung der Kapitel:
Kapitel 1 – 4
|
~467
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Kapitel 5 – 20
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469/470 – 476
|
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Kapitel 20 – 32
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476 – ~ 480
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Kapitel 40 – 43
|
480 – 482
|
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Kapitel 40
|
488
|
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Kapitel 46
|
492 – 496
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Die Besonderheiten der Sprache in der V.S.S.:
An dem Werk erkennt man gut die Besonderheiten der Sprache, die die
Autoren in der spätlateinischen Periode (200 bis 500) praktizierten. Besonders
bemerkbar ist dies bei der Zusammensetzung der Verben und der Verwendung von
Wörtern die im klassischen Latein noch nicht bekannt waren oder beziehungsweise
mit einer anderen Bedeutung verwendet wurden. Dabei handelt es sich
hauptsächlich um Begriffe aus dem christlich-kirchlichen Bereich griechischen
Ursprungs (zum Beispiel: Baptisterium, Presbyter). Außerdem wird der AcI häufig
durch quod- und quia-Konstruktionen ersetzt. Die Zeitenfolge wird nicht mehr so
streng beachtet, da sehr häufig das PPA verwendet wird. Finalsätze werden durch
Infinitivkonstruktionen ersetzt. Längerer Periodenbau wird von Eugippius
normalerweise vermieden.
Die Kapitel 4,1-5; 8; 30; 31; 43,2-7 sind besonders kunstvoll und
stilistisch ausgebaut. Neben gebräuchlichen Figuren und Gesängen verwendet
Eugippius besonders häufig das Hyperbaton (Abweichung der Wortstellung).
Die Vorgeschichte zur V.V.S.:
15 v. Chr., unter Kaiser Augustus, wurde die Grenze des Römischen
Reiches nach Norden ,,vorverlegt' und Noricum dem Imperium einverleibt.
Dies führte dazu, dass im Norden die Germanen und im Süden die romanisierten
Teile nebeneinander leben mussten und Auseinandersetzungen, vor allem mit dem
Germanenstaat (im heutigen Sudetenraum) unter König Marbod (Markomannenkönig),
unabwendbar wurden. Längs der Donau kamen Germanen unter römische Kontrolle, indem
man sie mit Verträgen zu Bundesgenossen und Vasallen machte, und schließlich
wurde unter Kaiser Claudius (41 - 54 n. Chr.) Noricum römische Provinz.
Durch den dichten Waldgürtel und die Alpen wurden zahlreiche Kastelle wie
Carnuntum errichtet, an der norischen Donau begnügte man sich mit kleineren
Stützpunkten. Mit den Römern kam der Wohlstand und ein reger Städtebau (z. B.
Virunum/Zollfeld, Teurnia, Aguntum, Flavia Solva). Da den Markomannen das
Ansiedeln auf Reichsboden verwehrt wurde, kam es ab 166 n. Chr. immer wieder zu
Markomanneneinfällen. Die Situation verschlimmerte sich durch Pest, Missernten
und den Abzug vieler Garnisonen, die für einen Krieg im Osten benötigt wurden.
Erst mit dem Friedensschluss unter Kaiser Commodus wurde der ursprüngliche Grenzverlauf
wiederhergestellt und die Germanen wurden zu Gebietsabtritten und
Tributzahlungen verpflichtet. Das Lebensniveau von früher wurde nie wieder
erreicht und Rom war schwer angeschlagen. Das 3. Jahrhundert war geprägt von
nationalen Kräften, die immer stärker wurden, Wirtschaftskrisen, neuen Feinden
im Norden, Bürgerkriegen und Auseinandersetzungen unter den Soldatenkaisern.
270 n. Chr. ging Rätien für immer verloren, in Noricum wurde es zum Alltag, mit
kriegerischen Problemen konfrontiert zu werden, die Errichtung von Stadtmauern
war die Folge. Die Römer wurden immer mehr in die Defensive gedrängt. Im 4.
Jahrhundert. kam es unter Kaiser Diokletian zu Verwaltungsreformen, und Noricum
wurde in Ufer- (Noricum ripense) und Binnennoricum (Noricum
mediterraneum) eingeteilt. Nach und nach gingen die wichtigsten Lager und
Kastelle verloren, immer öfter kam es zu feindlichen Einfällen. Durch die
Kämpfe im Westen und Osten war die Donaugrenze nur wenig geschützt, somit
konnten Vandalen und andere Germanen 401 n. Chr. einbrechen und Lauriacum und
Flavia Solva zerstören. Ein großes Problem war in dieser Zeit, dass die auf
römischen Boden errichteten germanischen Staaten sehr veränderlich, sprich
keine festen Grenzen hatten.
Der historische Hintergrund und die
Zusammen-hänge der V.S.S.:
Eugippius wollte keineswegs einen geschichtlichen Text schreiben,
deswegen teilte er einzelne Fakten nur in der Absicht mit die virtutes
(Tüchtigkeit) noch mehr hervorheben zu können. Nichtsdestotrotz lassen sich die
zahlreichen Bemerkungen zu politischen Ereignissen und Zuständen, zur
militärischen Lage, zur kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen Verhältnissen
wie zu einem Puzzle zusammenfügen.
Das Werk Eugippius zeigt ein mosaikartiges Abbild des Alpen - Donau -
Raumes während der Völkerwanderungen. Es ist anzunehmen, dass diese
Beschreibungen auch auf andere Teile des Römischen Reiches umzulegen sind. Man
sieht, dass die Romanen sich in militärischen Belangen oft selbst überlassen
waren und Hilfe von Leuten wie Severin benötigten.
Oft wirkten sich fehlende Gelder, um den Sold der Soldaten zu gewährleisten,
auf eine mangelnde Sicherheit aus, Überfälle waren die Folge (Kapitel 20: Die
Ausbezahlung des letzten Soldes). Das Lebensniveau sank langsam, aber
stetig und die Versorgung mit Nahrungsmittel war nicht immer möglich .
Im 28.Kapitel schildert Eugippius, wie Severin in einer Kirche von
Lauriacum/Lorch, wahrscheinlich in der heutigen St. Laurenz - Kirche, das
sogenannte Ölwunder wirkte. (Aus dieser Formulierung „einer Kirche“ hat
man geschlossen, dass es dort mehrere Kirchen gegeben habe. Tatsächlich wurden
zwei archäologisch ausgegraben.)
Vita Sancti Severini 28
Um dieses Wunder verstehen zu können, muss man zum einen über die
Notlage der Bevölkerung zu dieser Zeit Bescheid wissen, die unter dem Druck der
Alemannen auf Severins Rat aus Rätien (Künzing und Passau) donauabwärts nach
Lauriacum geflohen war. Diese Stadt mit ihrem ummauerten Lager und den
befestigten Toren diente damals als eine Art Auffanglager, ehe sich die Romanen
noch weiter östlich nach Favianis zurückdrängen lassen mussten. Die
wirtschaftliche Versorgung war damals mangelhaft und die Handelsbeziehungen in
Richtung Süden (Italien) ließen sich nur unter den schwierigsten Bedingungen
aufrechterhalten. Dem Organisationstalent Severin schien dies jedoch gelungen
zu sein, wie die von Eugippius beschriebene Verteilung von nahrhaftem Olivenöl
unter die Bewohner Lauriacums zeigt. Diese Tat kam für die Zeitgenossen
Severins einem Wunder gleich.
Zum
anderen ist die Beschreibung dieses Ereignisses ein typisches Beispiel von
Heiligengeschichtsschreibung (Hagiographie), insbesonders jedoch dafür, wie
Eugippius und seine Hintermänner für die mündliche Überlieferung den verehrten
Severin zum mit Wunderkraft ausgestatteten Heiligen hochstilisierten. Diese
Szene vergleicht er mit einer Segensspendung aber vor allem mit dem
alttestamentlichen Ölwunder des Propheten Elisäus bei der Witwe von Sarepta und
dem neutestamentlichen Weinwunder Christi in Kana. Auch Severin bewirkte
angeblich eine wunderbare Ölvermehrung, die jedoch plötzlich endete, als einer
der Zuschauer das magische Schweigen der Anwesenden brach, indem er lautstark
seiner Verwunderung Ausdruck verlieh. Mit diesem Darstellungs-element des
magischen Bannes begründete der Autor die Tatsache, dass die an sich schon
bewundernswerte Ölbeschaffung trotz verantwortungsbewusster Rationierung eben
doch nicht für den Bedarf aller Bürger ausgereicht hat.
Man erfährt in der Vita auch, dass zahlreiche Nahrungsmittel von Rätien
aus über den Inn nach Noricum verschifft wurden (Kapitel 3, 3). Durch die
Wirren der Völkerwanderung waren die Lebensmittellieferungen aus Italien nicht
mehr gewährleistet (28, 2). Auch Kleidung war teilweise nur noch schwer zu bekommen
(Bärenwunder Kapitel 29, 1).
Die Glaubwürdigkeit der Vita ist anzunehmen, obwohl Eugippius eben kein
Historiker im eigentlichen Sinne war. Einerseits war er zwar den arianischen
Rugiern als Berater freundlich gesinnt, andererseits meldete er Germaneneinfälle
beim Klerus.
1.) Der wichtigste Aspekt, der sich durch die gesamte Vita wie ein roter
Faden zieht, ist Noricum und der Alpen - Donau - Raum selbst, und zwar zur Zeit
des Wirkens des Heiligen Severins zwischen 453 - dem ersten Auftreten des Heiligen
in Asturis - und 482 - der Räumung Ufernoricums. Der Name Noricums selbst
stammt vom norischen Königreich Regnum Noricum, das gegen Ende
des 2. Jahrhunderts vor Christus von sesshaften Kelten unter Führung der
Noricer gebildet worden war. Eine wichtige Rolle im Handel spielte die im Süden
liegende Stadt Aquilea. Formal bestand mit ihren ,,Nachbarn', den Römern,
eine Bundesgenossenschaft, was aber einem Protektorat näher kam.
Die Probleme und die Untergangsstimmung der norischen Bevölkerung zu
diesem Zeitpunkt, nach dem Tode Attilas 453 n. Chr., kommen im Comemmoratorium
zum Ausdruck. Doch in dieser Zeit des allgemeinen Umbruches und des drohenden
Endes Noricums (und somit in der Folge Westroms) taucht Severin auf. In einer
Zeit, in der die Bevölkerung unter starkem germanischen Druck steht - aufgrund
der zahlreichen Übergriffe, der Plünderungen (Kapitel 24) , Tributforderungen,
der Verschleppung von Menschen (Kapitel 4, 2 – 5, 8, 3 - 6) und schließlich der
Besetzung des gesamten Bereiches an der Donau - und es keine staatlichen
römischen Reichsfunktionäre oder Beamten mehr gibt, wird es für die Bischöfe
und presbyteri zur Aufgabe, sich an die verschreckte Bevölkerung zu
wenden. Gelegentlich finden sich Soldaten, die aber sind jämmerliche Gestalten,
die schon seit Jahren keinen Sold mehr gesehen haben und den Mut zum
energischen Handeln längst verloren haben. Da tritt nun Severin als wahrer
Retter in der Not auf, rät, hilft und wirkt Wunder, fordert zum Fasten, Opfern
und Beten auf, organisiert überregionale Hilfsaktionen bei Naturkatastrophen
(z. B. das Abwenden einer Heu-schreckenplage in Cucullis; Vita - Kapitel
12) und vermag wichtige Ereignisse vorauszusagen (Kapitel 7; 17; 21). Noch dazu
hat er einen großen Einfluss auf die Germanen, die Rugier (Kapitel 5; 8; 31)
jenseits der Donau und die Alemannen (Kapitel 27) im Westen. Durch sein
sicheres Auftreten, sein umfassendes Wissen und sein diplomatisches Geschick
erwirbt er sich sowohl bei der romanischen, als auch bei der germanischen
Bevölkerung großen Respekt und Achtung. Bald wird er als gleichwertiger
Verhandlungspartner akzeptiert, obwohl keine Macht hinter ihm steht, außer der
eigenen Ausstrahlung und der Überzeugungskraft seiner überragenden
Persönlichkeit. Er hat ein gutes Gespür für historische Zusammenhänge, plant
voraus und kann sich noch dazu auf ein gutes Nachrichtensystem verlassen,
wodurch er Aktionen der Germanen voraussehen und seine Mitbürger rechtzeitig
warnen kann.
Dennoch konnte Severin den endgültigen Verfall Noricums nicht mehr verhindern:
Langsam, aber doch, kam es zum völligen Eindringen der Germanen, da die Gelder
für Sold und Befestigungen schon lange fehlten. Wie sehr die Donaustädte unter
den Germaneneinfällen litten, zeigt sich in einer Großzahl der Kapitel der Vita
(z.B. Vita - Kapitel 4,1). Die Kultur verwilderte immer mehr, das „Straßennetz“
verfiel, die Bevölkerung verarmte immer mehr, und es endete damit, dass nach
Severins Tod am 8. Januar 482 n. Chr. (Kapitel 43, 9) Odoaker die Räumung
Ufernoricums anordnete, der die Aufgabe Binnennoricums 610 n. Chr. bei der
Schlacht von Aguntum folgte.
2.) Der zweite wichtige Aspekt, der sich dem Leser der Vita des Eugippius
erschließt, ist das damalige Christentum in Noricum. In Zeiten, in denen solche
Krisen vorherrschten, wurden Diesseitsreligionen immer unbedeutender, der
Einfluss von orientalischen Religionen (durch orientalische Kaufleute
verbreitet) nahmen, (bei den Soldaten vor allem der Mithras- und der Jupiter
Dolichenus- Kult) in Noricum zu. Hierbei kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen
zwischen Christentum und Mithraskult, da beide Religionen sich sehr ähnelten.
Ein anderes Problem war die Intoleranz der Römer gegenüber den Christen, obwohl
bereits im 3. Jahrhundert eine stattliche Anzahl an Christen in Noricum lebte.
Durch das Mailänder Toleranzedikt und des Ediktes von Kaiser Konstantin begann
eine vermehrte Missionstätigkeit, die im 4. Jahrhundert, abgesehen von kleinen
heidnischen Opferdiensten (z. B. in Cucullum; Kapitel 11), abgeschlossen
war. Nach diesem ,,Sieg' über das Heidentum, kamen aber immer mehr
christliche Sekten auf, mit denen sich auch Severin zum Teil
,,herumplagen' musste. Die Gattin des Rugierkönigs Feletheus (mit dem
Severin in Verhandlungen stand), genannt Giso, wird von Eugippius sehr negativ
beschrieben, da sie Arianerin war (Kapitel 8). Der Arianismus, die größte
christliche Sekte, führte das Christentum beinahe zur Spaltung. Dieser Glauben
alexandrinischer Herkunft besagt, dass Christus ein Geschöpf Gottes, aber nicht
Gott selbst sein kann, was in krassem Gegensatz zur Heiligen Dreifaltigkeit
steht. Durch die Bischofsweihe Wulfilas durch einen Arianer, traten fast alle
Germanen auf arianische Seite. Erst als sich Chlodwig zum Katholiken taufen
lässt, verschwindet der große Einfluss des Arianismus in Noricum.
3.) Die Vita gewährt schlussendlich auch einen guten Einblick in die
damalige Hierarchie des Klerus: Man sah eine Trennung zwischen Priestern und
Laien vor. Nach intensiverer Beschäftigung mit dem Comemmoratoriums sind
folgende Abstufungen ersichtlich: Ostiarier (Türhüter) - Lektor (Vorleser)
- Exorcist (Teufelsbanner) - Akoluth (Begleiter zum Altar) - Subdiakon - Diakon
und schließlich Presbyter. Damals stellte das Amt eines Bischofs (noch) keinen
Weihegrad dar, Mönchsgemeinschaften bestanden zumeist aus Laien, wobei ein
Presbyter oder ein Abt den Vorstand innehatte. Wichtig war zu dieser Zeit auch
noch die Einteilung in die basilica (Klosterkirche) und in die ecclesia
(Gemeindekirche).
Alles in allem kann man sagen, dass Eugippius mit seiner Vita Sancti
Severini den Untergang des Römischen Reiches und den Übergang der Antike
zum Mittelalter mit all seinen Begleiterscheinungen und Problemen für die
damalige Bevölkerung aufzeigt. Gleichzeitig zeigt uns Severin, wie wichtig es
ist, nicht nur damals, sondern umso mehr in der heutigen Zeit, sich für die
Menschenrechte, die Unterdrückten und Armen einzusetzen, wobei die Grundhaltung
bei politischen Entscheidungen und wirtschaftlichen Auseinandersetzungen die
des Verhandelns, der Verständigung, der Gewaltlosigkeit und der
Versöhnungsbereitschaft ist.
Zeittafel:
|
15 vor Christus
|
Unterwerfung des Alpenvorlandes durch die Römer
|
|
Ab 90 nach
Christus
|
Errichtung des Obergermanischen und Rätischen Limes
|
|
Um 150 – um 310
|
Erste germanische Völkerwanderung
|
|
179
|
Gründung von Castra Regina
|
|
212
|
Die freien Bewohner des ganzen Imperium Romanum erhalten das
Bürgerrecht.
|
|
Mitte 3.
Jahrhundert
|
Krise des römischen Reiches; Germaneneinfälle
|
|
293
|
Reichsreform des Kaisers Diokletian: Doppelprinzipat
|
|
330
|
Konstantinopel wird Reichshauptstadt
|
|
Um 360
|
Übersetzung der Bibel ins Gotische
|
|
375
|
Beginn der germanischen Völkerwanderung
|
|
391
|
Das Christentum wird zur Staatsreligion erhoben
|
|
395
|
Teilung des Reiches in Ost- und Westhälfte
|
|
410
|
Plünderung Roms durch die Westgoten
|
|
453
|
Tod Attilas
|
|
455
|
Plünderung Roms durch die Wandalen
|
|
476
|
Odoaker stürzt Romulus Augustulus, Ende des Weströmischen Reiches
|
|
482
|
8. Jänner: Tod Severins
|
|
488
|
Umsiedlung der Romanen aus Noricum nach Italien
|
Parallelen zu anderen Legenden:
Besonders häufig liest man von
Offenbarungen, Vorahnungen und Wunderheilungen des Heiligen. Die meisten der
Vorrausagungen beziehen sich auf politische Ereignisse. Man erfährt von
Wunderheilungen, die nach dem Vorbild des Jesus von Nazareth gestaltet sind.
Darüber hinaus liest man auch von Vermehrungswundern, die eben an die Hochzeit
zu Kana beziehungsweise an die Speisung der Vierzigtausend erinnern. Ebenfalls
verwendete er das Symbol der Heuschreckenplage, die schon im alten Testament
vorkommt.
Vita Sancti Severini 12
In anderen Wundern wie
bei der Totenerweckung und den Kerzenwundern, finden sich auch Parallelen mit
anderen Heiligen-Viten. Eugippius berichtet also nicht nur von Wundertaten des
Severin, sondern er greift Themen auf, die ein fester Bestandteil in solchen
Legenden sind. Er lässt den historischen Kern zurücktreten. Viel wichtiger ist
ihm die Ausgestaltung des Geschehens nach dem Vorbild der Bibel und der
Hagiographie.